Josephine Klick - Allein unter Cops (2. Staffel)

GeschichteKrimi, Romanze / P16
Fritz Munro Josephine Klick
25.08.2014
10.09.2015
40
155.144
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25.08.2014 3.525
 
Kapitel 1


Clemens hatte alle Fensterscheiben abgeklebt und sein Funkgerät rausgesucht, nachdem Fritz mit ihm über das Megafon Kontakt aufnahm. Mich beruhigte die Stimme von Fritz. Sie waren hier und würden mich retten.

Solche Situationen kannte ich nicht. Bisher war ich noch aus jeder Lage selbst rausgekommen, aber diese Sache hier schien ohne fremde Hilfe aussichtslos zu sein.

„Hallo? Haaallo...“, sprach Clemens ins Funkgerät. Er musste auf der Sequenz des Polizeifunks senden, denn kurz darauf antwortete ihm Alex.
„Herr Bremer, hier ist Alexander Mahler. Ich bin von der Kripo.“
„Hallo Alexander, bist du einer von den Bullen, die mich gestern festgenommen haben?“
„Korrekt“, bestätigte Alex kurz.
„Das hier ist eure Kollegin.“ Es war keine Frage von Clemens - mehr eine Feststellung.
„Ja, lassen Sie sie gehen“, antworte Alex betont ruhig, auch wenn ich die Anspannung in seiner Stimme nur zu deutlich hören konnte. Geiselnahmen waren für alle Beteiligten immer ein heikles Thema. Zu wenige davon nahmen ein gutes Ende.

„Wollt ihr sie wiederhaben? Die ist hübsch, ne...? So blaue Augen und alles...“ Warum versucht Clemens die Männer zu provozieren?
„Sie lassen Sie jetzt sofort gehen, ist das klar?“ Alexanders Stimme klang energischer und bestimmter als zuvor.
Ob die Verstärkung schon da war? Was war ihr Plan? Würden sie schießen, obwohl alle Scheiben abgedeckt waren? Dieses Risiko gingen sie gewiss nicht ein.

„Gefällt sie euch auch so gut wie mir? Seid ihr scharf auf eure Kollegin? Seid ihr geil auf sie?“ Alex antwortete nicht. Es erregte Clemens zusehends mit meinem Partner über mich zu sprechen – mit ihm zu spielen.

„Hallo? Hallo Alexander? Sind Sie geil auf Ihre Kollegin?“
Keine Antwort. Was sollte er auch zu einer kranken Person wie Clemens sagen?
„Ja oder nein?“, hakte Clemens weiter nach. „Wir sind Männer, da gibt es nur ja oder nein.“
Er wartete einen kurzen Augenblick, aber noch immer erwiderte Alex nichts. „Alexander haben Sie schon mal masturbiert und haben dabei an Ihre Kollegin gedacht?“

Mir wurde schlecht bei seinen Worten. Mein Magen drehte sich und ich musste mich für einen Moment von ihm abwenden. Als mein Blick erneut seinen traf, erkannte ich das Glitzern in seinen Augen. Er war in seinem Element.

„Sagen Sie die Wahrheit und dann lasse ich sie frei...“ Mein Atem stockte nur für einen Augenblick. Wie naiv von mir nach all der polizeilichen Erfahrung zu glauben er würde es ernst meinen. Er spielte mit uns. „Wenn Sie lügen...“ warnte er.
„Sie lassen sie jetzt sofort gehen, ist das klar?“, forderte Alex.
„Falsche Antwort, Mensch“, brüllte Clemens aufgebracht in das Gerät und ich zuckte zusammen. „Zum Thema jetzt...“

„Nein, ich bin nicht geil auf meine Kollegin.“ Alex klang wieder ruhig und gesammelt. Clemens wandte sich an mich.
„Stimmt das?“, fragte er enttäuscht.
Ich nickte und wisperte ein leises `Ja´.

„Den Anderen“, forderte Clemens. „Kann ich den Anderen mal sprechen...? Hallo... Hallo? Haaallooo...“ Ein Moment verging.
„Ja, hier ist Fritz“, hörte ich Fritz übers Funkgerät sagen. Er klang atemlos und hitzig.
„Hallo Fritz.“ Clemens klang erfreut. „Sind Sie geil auf Ihre Kollegin?“
Mein Atem stockte, als ich auf die Antwort wartete. Es verging gefühlt eine Ewigkeit bis ich Fritz hörte, der offensichtlich um Beherrschung kämpfte.

„Jetzt hör mir mal zu du perverses Schwein, wenn du ihr was antust, dann bringe ich dich um. Ich bringe dich um, hast du mich verstanden?“ Fritz brüllte die letzten Worte über das Funkgerät. Ich konnte das Echo draußen hören.

Clemens lachte laut auf, bevor er sich zu mir drehte und mich erneut mit diesem wahnsinnigen Blick ansah. „Das werte ich jetzt mal als ein ganz, ganz klares `Ja´“, sprach er in den Funker. „Der steht auf dich“, flüsterte er mir halblaut vom Funk abgewandte zu.
Ich sollte nicht weiter darüber nachdenken. Immerhin kam es von einem Verrückten, aber im Moment klammerte ich mich an alles was mich beruhigte und wärmte.

„Hier spricht Manfred Klick“, hörte ich plötzlich die Stimme von meinem Vater. Was um Himmels wissen machte er hier? Er war wirklich der letzte Mensch, den ich im Moment hier haben wollte. „Lassen Sie meine Tochter frei. Sie können bekommen was Sie wollen, aber lassen Sie meine Tochter frei.“ Er klang flehend und meine Brust zog sich bei seinen Worten zusammen.
„Familientreffen...“, flüsterte Clemens ganz aufgeregt.

„Josephine.... Geht´s dir gut?“, hörte ich erneut die besorgte Stimme meines Vaters. Clemens drückte mir den Funksprecher in die Hand.
„Ja, es geht mir gut“, antwortete ich knapp. Was sollte ich auch sonst auf diese Frage antworten?
„Wirklich?“ Ich stöhnte innerlich. Das konnte er doch nicht ernst meinen.
„Nein, man“, brüllte ich halb wütend, halb verzweifelt. „Ich sitze hier neben einem Frauenmörder, angekettet und er fuchtelt die ganze Zeit mit seinem Messer rum. Natürlich geht es mir nicht gut.“ Meine Stimme zitterte. Ich wollte jetzt nicht mit ihm reden - nicht jetzt, nicht so.

„Ich will dir doch nur sagen, Josephine,  dass ich dich liebe.“ Seine Stimme brach und mir tat die Schroffheit meiner Worte beinahe leid.
„Ja, das ist lieb“, erwiderte ich schwach.
„Familienprobleme?“, fragte Clemens neugierig. Dieser Typ widerte mich an. Was ergötzte er sich so am Leid anderer?

Wieder erklang die Stimme von meinem Vater. „Wir wollen doch alle, dass du zurückkommst.“
Musste er wirklich so einen Moment wählen um über dieses verhasste Thema zu sprechen? Darüber hätten sie früher nachdenken können - vielleicht bevor mir das Herz aus der Brust gerissen wurde und ich Bielefeld verlassen musste...

„Papa, dafür ist es jetzt gerade ein bisschen spät. A! Weil ich gleich tot bin. Und B! Wäre ich sowieso nicht zurückgekommen.“
Mein Vater wandte sich wieder an Clemens. „Herr Bremer, nehmen Sie doch mich als Geisel. Sie können doch bekommen was Sie wollen, freies Geleit! Sie können Geld bekommen! Aber bitte, bitte lassen Sie meine Tochter frei.“

Die Selbstzufriedenheit stand Clemens ins Gesicht geschrieben. „Was ist denn da zwischen euch vorgefallen?“, fragte er aufgeregt.
Sein Benehmen widerte mich so an, dass ich für einen Moment meine Angst vergaß. Ich musste wohl noch die Funktaste gedrückt halten, denn ich hörte mein eigenes Echo, als ich ihn anbrüllte. „Man, das geht Sie einen Scheißdreck an!“

Ich atmete schwer und versuchte mich wieder einigermaßen zu beruhigen.
„Josephine...“, drang die Stimme von Fritz ganz ruhig und sanft durch meine Gedanken. „Hörst du mich?“ Er wirkte fokussiert, wie ich es von ihm bei allen Einsätzen kannte.

„Erzähle uns die Geschichte“, forderte er mich auf.
„Fritz, bitte hör auf!“ Warum tat er das? Ich wollte nicht darüber sprechen. Seit Berlin mein neues Zuhause war, mied ich darüber zu reden oder auch nur darüber nachzudenken. Konnte man mich nicht einfach mit der Vergangenheit abschließen lassen?

Fritz bat mich erneut darum. „Erzähle uns die Geschichte von Anfang an, okay?“ Seiner Bitte klang ein fordernder Unterton nach. War es Teil eines Plans? Aber gerade Fritz war die letzte Person, der ich diesen Teil meiner Vergangenheit erzählen wollte.

Im selben Moment erinnerte ich mich an gestern als Fritz, Alex und ich vorm Einsatz im Auto saßen. Nachdem ich mich aus Nervosität heraus über die Sorgen der beiden lustig machte, hatte sich Fritz zu mir umgedreht und mich ernst angesehen.
„Nichts jaja, verdammt!“, fluchte er. Er atmete tief durch und sagte mit ernster Stimme: „Josephine, du machst nie was ich dir sage. Nie! Aber dieses Mal machst du es! Bitte!“

Ich war auf seine Bitte gestern Abend nicht eingegangen, aber heute würde ich ihm nichts abschlagen. So schwer es mir auch fiel, aber wir waren ein Team. Ich konnte mich auf ihn verlassen. Egal was er damit bezwecken wollte, ich musste darauf vertrauen.

„Gut, Fritz. Ich erzähle sie dir“, begann ich mit zitternder Stimme. „Ich erzähle sie euch allen da draußen. Und auch dir noch einmal, Papa.“ Ich atmete kurz durch um die nötige Kraft zu tanken. „Vor einem halben Jahr bin ich zu einem Einsatz gerufen worden. Ich war auf der Wache. Es war ein schöner Tag. Ich war glücklich, sollte am nächsten Tag heiraten. Dann kam der Anruf: Ein Freigänger ist nicht zurück in die Haftanstalt gekommen. Er wurde in einer Wirtschaft gesehen. Ich kannte den Wirt. Man kennt sich ja ...“

Ich erzählte, wie ich ins Wirtshaus kam und nach dem Freigänger fragte. Der Wirt wirkte nervös, behauptete aber nicht zu wissen, wo der Häftling sei. Er blickte verstohlen zu einer Tür. Auch wenn er versuchte mich aufzuhalten, ging ich ins Zimmer und fand nicht nur meine Kollegen sondern auch meinen Vater und meinen Verlobten feiern.

Der Mann, den ich einen Tag später heiraten wollte, hatte sich über eine Nutte gebeugt und ihr die Muschi geleckt. Wie konnte ich so jemanden heiraten? Wie konnte ich diesen Kollegen jemals wieder in die Augen blicken? Wie konnte ich meinem Vater jemals wieder vertrauen?

„Was habt ihr denn erwartet?“, fragte ich meinen Vater verletzt. „Dass ich einfach so weitermache?“ Die Geschichte noch einmal zu durchleben wühlte mich innerlich auf und mir traten Tränen in die Augen.

Clemens klebte während der ganzen Geschichte regelrecht an meinen Lippen und hoffte jetzt wohl noch weitere Details zu erfahren. Dass sich langsam auf der Motorhaube geräuschlos ein Schatten aufbaute, registrierte er nicht. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, bereitete mich aber auf das Eingreifen meiner Kollegen vor. Nicht einmal einen genauen Umriss konnte ich erkennen, aber wer außer Fritz würde so eine Aktion starten?

Dann ganz plötzlich ging alles rasend schnell. Ich hörte einen Schuss, das Klirren von zerbrochenem Glas und den Aufschrei von Clemens. Der Schuss hatte wohl nur harmlos seinen Kopf gestreift. Er reagierte schnell, schmiss das Auto an, lies den Motor aufheulen und fuhr rückwärts. Meine Hände waren zwar angekettet, aber ich versuchte mit meinem Fuß ihn am Weiterfahren zu hindern. Jedoch erreichte ich  nur das Lenkrad und verdrehte es. Clemens verlor die Kontrolle über den Wagen und wir knallten gegen hartes Metall. Als das Eisen sich verbog und mir klar wurde, dass es nur die Brüstung der Brücke sein konnte, erwartete ich jeden Moment in die Tiefe zu stürzen. Aber der Wagen kam zum Stehen.

Im nächsten Moment riss Fritz die Tür von Clemens auf und zerrte ihn aus dem Wagen. Ich sah das Glühen und den Zorn in seinen Augen.
„Ihr bleibt zurück!“, rief Alex im Hintergrund. Durch die offene Autotür erkannte ich, wie Fritz ausholte und Clemens mit der Faust eine verpasste. Dieser ging sofort zu Boden. Alex hielt Fritz auf, der Clemens ein weiteres Mal schlagen wollte. „Fritz ist gut!“, brüllte Alex ihn an und beugte sich über Clemens.

Fritz ließ die beiden zurück und rannte zur mir ums Auto. Wenige Sekunden später riss er die Tür auf. Für einen Augenblick sah er mich einfach nur atemlos an, als wenn er sichergehen wollte, dass ich es auch wirklich war. Als er mich dann endlich anlächelte konnte ich die Erleichterung in seinem Blick sehen.

Das Auto schwankte, aber ich war so überglücklich Fritz zu sehen, dass ich dem keine weitere Beachtung schenkte. Die Sanftheit mit der Fritz mich ansah blendete für einen kleinen Augenblick alles andere aus.

„Hey“, sagte er beruhigend.
„Hey.“
„Es wird alles gut“, versprach er mir. „Kannst du rauskommen?
„Das ist hier mit so einem Vorhängeschloss gesichert.“ Ich zeigte ihm die Kette, die mich mit einem Schloss gefangen hielt.
„Wo ist der Schlüssel? Hat er ihn?“
„Weiß ich nicht... Ich weiß es nicht“, flüsterte ich. Fritz fluchte leise und blickte übers Auto zu Alex.
„Alex“, rief er gehetzt. „Alex, der Schlüssel. Der Schlüssel vom Vorhängeschloss.“
„Wo ist der Schlüssel?“, schrie Alex Clemens an. Der gab jedoch keine Antwort. Fritz sah mich wieder an.

„Wir benutzen einen Schneidbrenner. Wir holen dich hier raus.“ Ich schüttelte den Kopf. Dafür hatten wir keine Zeit. Mir war wieder bewusst geworden wie viel Querlage das Auto bereits hatte und wie sehr es schwankte. Merkte er das nicht?
„Komm, das dauert doch alles viel zu lang. Schieß doch einfach“, forderte ich ihn auf.
„Nein, das gibt ´nen Querschläger“, sagte er abwehrend. Wie konnte sich Fritz über solche Dinge Gedanken machen? Tot oder angeschossen, ich würde liebend gerne die zweite Variante wählen.

„Ich habe ihn“, hörte ich Alex rufen.
Fritz sah mich an. „Höre mir zu. Wir holen dich hier raus, okay?“ Ich wollte nicht, dass er geht, aber er ließ mir keine Zeit es ihm zu sagen. Ich konnte nur hoffen, dass er Recht behielt. Die Tür ging zu und ich blieb allein zurück. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber meine Nerven lagen blank.
Mir ging es durch Mark und Bein, als ich im nächsten Moment das Biegen von Eisen hörte, das dem Gewicht des Wagens nachgab. Ich spürte, wie sich das Auto immer weiter nach hinten neigte.

Es war ein schreckliches Gefühl zu fallen ohne Halt, ohne Sicherheit, eingesperrt und angekettet in einem Wagen. Ich schrie laut auf, verstummte aber, als der Wagen auf der Wasseroberfläche aufschlug. Der Aufprall ging mir durch alle Glieder. Ich versuchte verzweifelt, mich von den Ketten zu lösen.

Wir holen dich hier raus, hallten die Worte von Fritz in meinem Kopf. Als sich das Auto schnell mit Wasser füllte und ich immer tiefer sank, fragte ich mich, wie er das anstellen wollte. Er meinte es ernst, das wusste ich. Aber was sollte er tun?

Wie tief war die Spree, wenn es sich überhaupt um die Spree handelte? Ich kannte nicht einmal den Ort an dem ich sterben würde.

Das Auto sank immer tiefer. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern und der Wagen würde von eiskaltem Wasser durchflutet sein. Die Panik ergriff mich und ich zerrte immer wieder an meinen Ketten, versuchte verzweifelt sie zu lösen, aber es hatte einfach keinen Sinn. Ich konnte mich nicht befreien.

Mir lief das Wasser übers Kinn und ich holte noch einmal tief Luft. Ich kann mich danach nicht mehr an viel erinnern. Der Sauerstoff ging mir langsam aus und mir wurden schwindelig. Ich kämpfte gegen die Bewusstlosigkeit, wehrte mich gegen die Bilder, die durch meinen Kopf gingen, gegen die Erinnerungen, gegen die Gesichter. Ich wollte mich nicht von dieser Welt verabschieden. Es gab noch so viel mehr für mich. So viele neue Gesicht, die ich nicht zum letzten Mal gesehen haben wollte.

Jemand zerrte an meiner Schulter, zerrte mich aus dem Auto. Aber ich war zu schwach um mich zu bewegen. Durch das kalte Wasser war ich wie gelähmt. Ich versuchte meine Augen zu öffnen, aber sei verweigerten sich meinem Befehl. Wir glitten durchs Wasser und plötzlich spürte ich einen Windzug im Gesicht. Wir hatten die Wasseroberfläche durchbrochen. Jemand presste mich an sich.

„Josephine“, keuchte er atemlos.
Es war Fritz! Fritz hatte mich gerettet. Er hatte mich fest umgriffen als er meinen Oberkörper leicht schüttelte. „Josephine, atme! Atme, verflucht nochmal.“
Atmen? Er hatte Recht. Ich atmete nicht. Ich kämpfte innerlich mit dem Lähmungsgefühl. Fritz schüttelte abermals meinen Oberkörper, diesmal deutlich stärker.
„Bitte“, flehte er. „Josephine, bitte!“

Ich hustete los und obwohl sich meine Lunge endlich wieder mit Sauerstoff füllte hatte ich das Gefühl zu ersticken. Meine Arme schlugen wild um sich, als ich nach Halt suchte. Fritz zog mich enger an sich und ich spürte, wie er gleichzeitig mich gegen etwas drückte. Es konnte nur der verklinkerte Brückenpfeiler sein.

„Josephine, ganz ruhig. Atme langsam ein und aus...“ Ich versuchte mich zu beruhigen und atmete einige Male tief durch. „Gut so“, lobte er mich mit sanfter Stimme. „Hör zu Bielefeld, ich bringe dich jetzt ans Ufer. Wir haben es gleich geschafft, okay?“
Mein Atem hatte sich zunehmend normalisiert. Aber noch immer waren meiner Glieder durch die Kälte wie gelähmt. Ich bewunderte Fritz, der mit gleichmäßigen Bewegungen uns dem Ufer immer näher brachte.

Am Ufer angekommen war auch Fritz am Ende und zerrte uns mit letzter Kraft aus dem Wasser.
„Alles gut?“, fragte er selber noch ganz außer Atem. Fritz hielt meine Schultern fest, als wir uns langsam aufrichteten. Ich konnte nur langsam nicken während ich ihn dankbar ansah.

Er lächelte mir erleichtert zu. In seinem Gesicht sah ich soviel Wärme, dass ich für einen Augenblick vergaß, wie sich die Kälte durch meinen ganzen Körper zog.
„Oh Bielefeld, dass war knapp...“

Es war nicht zu glauben, was gerade passiert war. Er war mir nachgesprungen, hatte mich ans Ufer gebrachte und mir das Leben gerettet. Dieser verrückte Mann. Ich fiel in seine Arme und hielt ihn fest. Fritz erwiderte die Umarmung und drückte mich fest an sich.

Dieses Gefühl von Geborgenheit füllte meinen ganzen Körper. Ich wollte ihn nicht loslassen, aber er musste spüren wie ich zitterte. Fritz nahm etwas Abstand. Dann lehnte er seine Stirn für einen Moment an meine, bevor er sich von mir löste.

„Komm“, sagte er. „Komm, wir gehen!“
Vom Ufer gingen wir hoch zur Straße. Alex kam uns entgegen. Er blieb stehen und starrte uns für einen Moment an.
„Josephine...“, sagte er nur. Ich nickte ihm zu. Er blickte erleichtert, doch sein Lächeln verschwand als er Fritz ansah. Ich wollte schon fragen was los war, aber Fritz zog mich noch etwas enger an sich und führte mich in eine andere Richtung.

„Lass uns zum Krankenwagen gehen. Du brauchst eine warme Decke.“ Ich blickte erschöpft zu Boden und folgte ihm. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Fritz stütze mich, obwohl es ihm nicht anders gehen sollte. Woher nahm er die Kraft? Er lehnte jeden ab, der ihn ablösen wollte.
„Geht schon“, sagte er und brachte mich zum Krankenwagen. Dort bekamen wir warme Decken und wurde ärztlich versorgt.

Die Leute sprachen mit mir, stellten mir Fragen. Ich antwortete, ohne zu wissen, was ich sagte. Die Geräusche wurden zu dumpfen Lauten, die ich nicht zuordnen konnte, mein Schädel brummte und ich ballte meine Hände zu Fäusten. Eine wärmende Hand ergriff meine und vertrieb die Dunkelheit.

„Josephine“, sagte eine tiefe beruhigende Stimme. „Es ist jetzt alles gut.“ Ich blickte zu Fritz. Er lächelte mir zu. „Hörst du? Alles wird jetzt gut.“ Kraftlos lehnte ich meine Stirn an seine Schulter. Ich war ihm so dankbar.

Obwohl wir versorgt waren, saßen wir noch eine Weile in Decken eingehüllt aneinander gelehnt da und verarbeiteten jeder für sich die Geschehnisse.
Ich dachte an Alex und meinen Vater, die sicherlich mit uns reden wollten. Als ich mich versuchte aufzurichten, hielt mich Fritz fest.

„Fritz?“, fragte ich ihn überrascht. Ich konnte ihm ansehen, dass er noch nicht los wollte. „Alexander wartet bestimmt auf uns.“ Ich versuchte erneut aufzustehen und dieses Mal ließ er mich widerwillig los. Fritz richtete sich auf und wir gingen gemeinsam zu Alex, der auf uns zukam.
„Ist alles okay?“, fragte mich Alex.
„Ja, ist nur arschkalt“, versuchte ich zu witzeln. Alex rang sich ein gequältes Lächeln ab. Alex und Fritz wirkten angespannt und ich verstand nicht warum. Der Fall war doch geklärt, oder?

Gerade als ich nachfragen wollte kam mein Vater mit einem heißen Getränk auf mich zu. Ich schüttelte sanft den Kopf.
„Später Papa, ja?“, sagte ich ruhig. Er wusste, dass es mir gut ging. Alles Weitere konnten wir nach Dienstende klären.
„Ja, natürlich“, nickte er mir zu und blieb zurück, als meine Kollegen und ich unseren Weg fortsetzten.

„Was ist mit Clemens?“, fragte ich Alex.
„Wir haben ihn“, antwortete Alex nach kurzem Zögern knapp.
„Oh, Gott sei Dank!“, entgegnete ich erleichtert, wurde aber kurz darauf skeptisch. Warum benahmen sie sich dann so seltsam? Irgendwas war hier faul.

Robert und Heiko aus dem zweiten Revier kamen uns entgegen. Aber anstatt mich zu befragen, wie ich es erwartete, gingen sie direkt auf Fritz zu.
„In meinen Augen bist du ´n Held“, sagte Robert und entfernte Fritz seine Dienstwaffe.
„Und wir müssen dich jetzt festnehmen“, ergänzte sein Partner Heiko und zückte die Handschellen. Hatte ich das gerade richtig gehört? Festnehmen? Aber warum?

Fritz sah mich wissend an und wehrte sich nicht, als Heiko ihm die Handschellen anlegte und er zum Wagen geführt wurde. Was passiert hier gerade? Warum unternahm keiner was dagegen?

„Fritz“, rief ich ihm hinterher. Er drehte sich zu mir um und sah mich für einen kurzen Augenblick einfach nur an. Als er mir kurz zulächelte wirkte es beinahe entschuldigen. Verzweifelt und verwirrt sah ich zu Alex. „Was ist denn passiert?“

Im selben Moment erblickte ich einen Sanitäter, der auf der anderen Straßenseite jemanden mit einer weißen Plane abdeckte - überall war Blut.
In dem Moment ahnte ich Schreckliches – Clemens war tot. Was um Himmelswillen war hier passiert? Natürlich musste man nur Eins und Eins zusammenzählen. Aber warum sollte Fritz ihn töten?

Ich blickte zu ihm. Noch immer sah er mich sanft an. Er musste den Schock in meinen Augen sehen, dass ich nicht glauben konnte, was sich hier vor meinen Augen präsentierte. Mit ruhiger Stimme sagte er: „Wir sehen uns später, okay?“ Dann lächelte er mich noch einmal an, bevor die Kollegen ihn zum Wagen brachten.

Mich überfluchtete es. Alle Geräusche um mich verstummten. Ich sah nur noch Fritz, der gerade wegen mir verhaftet wurde. Bevor er einstieg, blickte er noch einmal zurück. Ich spürte eine Hand auf meinem Rücken. Aber selbst Alex konnte mir in diesem Moment weder Trost noch Halt geben. Wo brachten sie Fritz hin? Was passierte jetzt?

Das Auto setzte sich in Bewegung und ich konnte nur hinterher starren. Ich verlor den Blickkontakt und mich überfiel eine schreckliche Kälte.
„Fritz“, flüsterte ich lautlos. „Du Idiot.“ Meine Beine gaben nach und ich fiel auf den Asphalt.
„Josephine“, rief eine Stimme und hielt mich fest. Alex schüttelte meine Schultern. Um mich herum war nur noch Nebel, kalter grauer Nebel.
„Josephine.“
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