Vaith und ich

KurzgeschichteAllgemein / P12
21.08.2014
21.08.2014
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Mein Beitrag zu dem Projekt Mein OC und ich

Ich wollte erst mit Finley reden, aber das... Nein, das habe ich dann doch lieber gelassen, aus Gründen, haha. x'D Stattdessen ist meine Wahl dann auf Vaith gefallen, der mir wohl auch einiges zu sagen hätte, wenn er könnte.

Falls Vaith euch interessiert, findet ihr seine Originalstory hier: Burning the Skies.
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Er stolziert durch mein Zimmer, als wäre es sein eigenes. Er bleibt vor den Regalen stehen, inspiziert meine Fotos, blättert mit desinteressiertem Gesicht in meinen Büchern. Länger liegt sein Blick auf Finleys Stundenplan, der ausgedruckt neben dem Computer hängt, und an den Bildern an der Wand, die sie beide zeigen.
„Du denkst immer über uns nach, oder?“
Ich habe aufgehört, mich zu fragen, wie er in mein Zimmer gekommen ist. Er sollte nicht hier sein. Er sollte nicht einmal existieren - zumindest nicht außerhalb der Bilder an meiner Wand und der Worte in meinem Kopf. Er sollte eine reale Person sein, deren Schuhe über den Parkettboden klackern, als er zum Bett hinüber geht und sich mit überschlagenen Beinen darauf nieder lässt.
Er ist so elegant und schön, dass mein Herz sich zusammen zieht.
„Seit über vier Jahren“, bestätige ich. „Es fällt mir schwer, damit aufzuhören.“
Er macht ein zustimmendes Geräusch, aber sein Blick wirkt, als wäre ihm das eigentlich ziemlich egal. Er könnte eine Menge Leute damit täuschen, aber ich kenne ihn zu gut. Ich habe diesen Blick erschaffen, habe diesen Hochmut und diese Eleganz in seine Persönlichkeit gelegt und ihn zu dem gemacht, was er ist.
Er ist mein Charakter. Ich habe die Geschichte geschrieben, deren Hauptcharakter er ist.
Deshalb ist es so unfassbar, dass er jetzt hier ist. Andererseits sollte es mich nicht überraschen, denn Vaith hat schon ganz andere, eigentlich unmögliche Dinge getan. Das hier, dass er in mein Zimmer spaziert und sich auf mein Bett setzt, ist jedoch in gewisser Weise der Gipfel seiner Unmöglichkeiten.
„Möchtest du Kaffee?“, frage ich ihn, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. „Schwarz, ohne Zucker?“
„Nein.“
Grandios. Ich habe keine Ahnung, über was ich mit ihm reden soll und er sagt auch nichts, obwohl er hierher gekommen ist und obwohl er sicherlich auch seine Gründe dafür hat. Er tut nichts ohne Grund.
Wahrscheinlich will er mir Vorwürfe machen. Für all die Dinge, die ich Finley angetan habe und die sie beide erleiden mussten.
„Es tut mir leid“, sage ich deshalb. „Alles, was euch passiert ist, tut mir aufrichtig leid.“
Er sieht mich einen Augenblick lang stumm an. „Ich wollte dir Vorwürfe machen“, sagt er dann. „Aber ich musste Finley versprechen, es nicht zu tun.“
„Finley weiß, dass du hier bist?“
„Er existiert in deinem Kopf“, antwortet Vaith und zieht spöttisch die rechte Augenbraue hoch. „Wie könnte er es nicht wissen?“
Nun... Punkt für ihn. Was mich auch nicht überraschen sollte, denn ich kenne seine Schlagfertigkeit. Trotzdem weiß ich nicht, was ich darauf noch erwidern soll, denn gegen ihn komme ich ohnehin nicht an. Der einzige, der mit ihm mithalten kann ist Finley, und mit dem ist Vaith ohnehin meistens nachsichtig.
„Wenn ich es ihm nicht versprochen hätte“, greift er seine ursprüngliche Aussage wieder auf, „dann hätte ich dir einiges zu sagen.“
Das glaube ich ihm sofort. Vaith ist kein schlechter Kerl, aber er ist unglaublich gut darin, anderen die Schuld zu geben. Und gäbe er sie mir, hätte er nicht einmal Unrecht.
„Ich kann dir nicht mehr sagen, als dass es mir leid tut“, erwidere ich. „Ich hätte die Geschichte vielleicht anders erzählen können, aber dann hätte sie auch ein anderes Ende genommen.“
„Hattest du andere Ideen?“, fragt er.
„Natürlich. Ursprünglich wollte ich eine Kurzgeschichte aus euch machen; wie du eventuell bemerkt hast, hat das nicht ganz funktioniert. Im Endeffekt habe ich mehr als das zehnfache geschrieben. Das war so nie geplant, aber ich hatte euch von Anfang an unglaublich gern und habe schon nach drei Sätzen gemerkt, dass ich zu viel zu sagen habe, um nur eine Kurzgeschichte zu schreiben. Wie du siehst, hat mir nicht einmal eine komplette Geschichte gereicht; denn sonst hätte es keine Fortsetzung gegeben.“
Vaith sagt nichts, aber er streicht sich durch die Haare und seine Augen fixieren einen Punkt auf dem Regal neben mir. Ich kenne diesen Blick, als wäre es mein eigener: er denkt nach. Und er tut es so konzentriert, dass ich in diesem Moment einfach gar nichts sage und warte, denn irgendwann wird er zu einem Schluss kommen.
Und das tut er dann auch.
„Ich hätte Finley nicht aufgeben können“, sagt er ehrlich. Er spricht sonst nicht so offen über sich; aber er ist realistisch und wahrscheinlich weiß er, dass mir diese Dinge ohnehin bewusst sind. „Ohne eine Fortsetzung hätte diese Geschichte nicht funktioniert.“
„Für mich nicht“, muss ich zustimmen. „Und auch nicht für Finley - und für dich am wenigsten. Eigentlich bist du immer der Leidtragende gewesen. Es ist nur viel schwerer, das zu sehen.“
„Das ist mir auch lieber“, wirft er ein.
„Aber du hast so viele Kompliment bekommen“, fahre ich fort. „Die Leser lieben dich, einige bewundern dich sogar für deine Geduld und für all die Dinge, die du geopfert hast. Und sie freuen sich für dich.“
„Natürlich tun sie das.“
Ich frage mich, ob dieses Kompliment ein bisschen zu viel für ihn ist. Er hat es gern, umschmeichelt zu werden, aber ich glaube, es ist ihm unangenehm, wie gut meine Leser ihn zu kennen scheinen.
Er wird damit leben müssen.
„Und sie werden auch in Zukunft noch viele Gründe haben, sich für dich zu freuen, denn ich habe vor, noch ein paar Jahre mit euch zu verbringen und ein paar schöne Kurzgeschichten über eure gemeinsame Zeit zu schreiben. Ich komme ohnehin nicht von euch los, also warum die Zeit nicht nutzen?“
„Solange du Finley nicht leiden lässt“, sagt er düster.
„Eure dunklen Zeiten sind schon lange erzählt. Ihr habt es so sehr verdient, dass nur noch gute Dinge über euch erzählt werden.“
„Ich weiß.“ Er steht abrupt auf und zupft seine Weste zurecht. Sein Gesicht ist ausdruckslos, aber dann sieht er mich an und es kommt mir vor, als würden seine Mundwinkel für einen Sekundenbruchteil zucken. Es ist fast ein Lächeln.
„Du hast Finley oft sehr wehgetan“, sagt er. „Und mir auch. Aber du hast uns nicht aufgegeben und ich soll dir von Finley ausrichten, wie dankbar er dir ist. Und...“
Er führt den Satz nicht zu Ende, aber ich weiß genau was er sagen will und am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen. Ich weiß aber, dass ihm das nicht gut gefallen würde und deshalb lächle ich nur.
„Ich hätte euch nicht fallen gelassen“, erwidere ich. „Ihr seid mir zu wichtig. Ich brauche euch viel mehr, als ihr mich, aber... Das bleibt unter uns, in Ordnung?“
Sein Blick ist ernst, als er nickt. Meine Augen brennen und meine Sicht verschwimmt und ich muss ein paar mal blinzen. Im gleichen Moment fegt ein Windstoß durch das Zimmer und als meine Sicht wieder klarer wird, ist Vaith verschwunden.
Manche Dinge werden sich nie ändern.