Rip Tide

SongficDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
19.08.2014
03.01.2017
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https://m.youtube.com/watch?v=fiCGXOuVq2o
Soundtrack "Mysterious Skin" - Loitering






Luftzug





Ende Mai.


Das Wetter an diesem trüben Mittwochnachmittag ist typisch Ostsee: durchwachsen, kühl und unberechenbar. Ich bezweifle, daß der Segelkurs wie geplant stattfinden kann, aber die Kinderbande aus meinem Jugendclub will davon nichts hören.

Als wir endlich an der S-Bahnstation "Rostock Marienehe" ankommen, stürzen die sechs Kinder wie von der Leine gelassen aus dem Zug. Zora rast mit einem "Chrissi wartet bestimmt schon auf uns!" die lange Treppe hinunter zum Ausgang. Emil und Lillja hinterher. Der Kampf um die besten Plätze im Kleinbus des Segelvereins hat begonnen.

Der kleine Milo, ist mit seinen acht Jahren der Jüngste der Crew, Zora mit ihren elf Jahren die Älteste. Zusammen mit mir trottet er die Stufen hinunter und ich ahne, daß die Angst vor dem allein im Boot sitzen ihn wieder eingeholt hat.

Ich zähle durch. Zwei fehlen. Oben am Treppenabsatz erscheint Christian in einer Hand ein geöffnetes Buch, mit der anderen tastet er sich langsam am Geländer hinunter. Ich seufze. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, spreche ich ihn an und netterweise klappt er das Buch zu und erhöht seine Geschwindigkeit um eine halbe Stufe pro Sekunde. Als er an mir vorbei geschlichen ist, merke ich wie meine Geduld sinkt und ich scheuche die beiden Jungs vor zum Van, der bestimmt schon seit einer Viertelstunde auf uns wartet.

"Guuuuuustaaaaaav!", brülle ich in Zora-Laustärke die Treppe zum Bahnsteig rauf. Süßigkeiten-Automat ist mein heißer Tip. Wenn diese Firma uns nicht hätte, wären die wahrscheinlich schon bankrott. Wenn ich da jetzt wegen dem nochmal rauf muss … Ich stecke Daumen und Zeigefinger in den Mund und lasse einen fiesen, durchdringenden Pfeifton erklingen. Zehn Sekunden später taucht tatsächlich Gustavs blonder Haarschopf auf, natürlich nicht im geringsten schuldbewusst aussehend. Verwöhntes Mittelstandskind, stöhne ich innerlich.

„Los! Runter!“, pflaume ich ihn an und hoffe, daß er das seinen Eltern nicht eins zu eins weiter erzählt. Wie ein kleiner Blitz huscht er an mir vorbei und zischt davon. Ich will ihm gerade folgen, als sich ein großer Schatten in meinen Weg schiebt. Da ist es wieder. Dieses Gefühl von: "Gleich knallt's!"

Andersein eröffnet jeden Tag aufs Neue das Potential auf Probleme, leider auch hier in der so schönen Hansestadt. "Rostock, der goldene Käfig Mecklenburgs!", hatte mir gestern ein Typ in der Antifa-Kneipe mit einem sarkastischen Lächeln erklärt. Dem Schrank Mann, der sich vor mir aufbaut, ist das egal. Er starrt mich roh-dumpf an. Seinen konsequenten Alkoholgenuss scheint in Gesicht und Hirn graviert zu sein. Über einer knolligen roten Nase, stieren mich trübe Augen an. Er wirkt nicht sehr zufrieden, mit dem, was er vor sich sieht – mich!

Genau solche Blicke haben in der Vergangenheit meistens Ärger bedeutet. Der Typ öffnet den Mund, überlegt aber noch welche Beleidigung für mich "angemessen" ist, kann sich nicht entscheiden und wird durch mein irritierendes Aussehen, immer röter im Gesicht. "Hör' auf zu glotzen! Das geht dich nichts an, was mit mir ist.", brülle ich ihn an. In Gedanken.

Er öffnet den Mund, zweifellos um mir mitzuteilen, was ich den für'n Freak sei und was sie "früher" mit so jemandem gemacht hätten. Auch wenn ich bezweifle, dass er wirklich versteht, was mit mir los ist, ich werde es ihm kaum erklären. In dem Moment brüllt Zora vom S-Bahn-Ausgang: "Häääääh? Wer ist das denn? Du bist aber nicht Chrissi!“ Und dann noch einige Dezibel lauter. „Wo ist Chrissi? HEY, ohne Chrissi gehe ich nicht auf dieses blöde Boot!“

Ich trete einen Schritt zur Seite und gehe langsam - laaangsaaam - an dem Typen vorbei, fühle seinen Blick immer noch auf mir, atme aber mit jedem Meter, den ich zwischen uns bringe, wieder leichter. Als ich um die Ecke biege, steht da der blaue Van des Segelclubs. Die meisten Kinder sind schon eingestiegen, nur Zora hüpft wild schreiend auf und ab und Gustav starrt verwirrt einen jungen Mann an, der am Segelclub-Bus lehnt.

Hochgewachsen, blond - Zora hat definitiv recht - nicht Chrissi ist. Ich mustere den Unbekannten in der typischen Segelkluft: Latzhose und dicht schliessender Anorak mit Kapuze. Allerdings nicht im rot-dunkelblau des "Warnow-Segelhafen e.V.", sondern in hellgrau. Erst mit den letzten Schritten erkenne ich, dass der Typ viel jünger ist, als ich angenommen hatte. Vielleicht so Anfang zwanzig. Seine große Gestalt lässt ihn älter wirken. Mit ruhigem und leicht belustigtem Interesse verfolgt er das Theater vor ihm.

Zora mit ihrem Organ, das den drei Hoolgruppen von Hansa Rostock Konkurrenz macht, dominiert das Geschehen hervorragend. Eigentlich finde ich das bei Mädchen nicht verkehrt, aber … manchmal geht es mir dann doch – wie auch den anderen - gediegen auf den Geist. Gerade hätte ich sie am liebsten im Jugendclub zurück gelassen.

Zielstrebig ignoriere ich die Göre und gehe auf den blonden Typ zu. „Hey, ich bin Jules!“ Ich lasse meine Stimme besonders tief klingen und stelle meinen Körper bewusst um auf das Programm: Blickkontakt, fester Händedruck. Bei Männern achte ich noch mehr darauf und habe inzwischen den Bogen besser raus. Händeschütteln war vor ein paar Jahren zu einem Minenfeld mutiert, bis ich dann vor zwei Jahren begriffen habe, daß es nicht nur um den wohldosierten Druck geht, sondern auch um den dazugehörigen Blick. Direkt, aber nicht zu intensiv. Seitdem ist mein Gegenüber seltener von mir irritiert.

Außerdem sieht der junge Mann wirklich nett aus, wie er mich so offen und immer noch deutlich amüsiert, ansieht. Trotzdem bereitet mir jeder neue Kontakt massives Herzklopfen, zumindest schiebe ich das Gehämmer in meiner Brust darauf.  Wieder ein neuer Mensch, der versuchen wird mein „Geheimnis“ zu enttarnen. Ich seufze innerlich, aber da schliessen sich seine Finger lange und angenehm fest um meine und aus seinen Augen strahlt mir ein warmes Grau entgegen.

„Hi Jules! Entschuldige, daß wir euch nicht vorgewarnt haben. Ich bin Leo, der Neuzugang vom Segelverein im Stadthafen. Ich werde hier die nächsten Monate für euren Jugendclub als Segellehrer übernehmen. Chrissi hat spontan ein Angebot bekommen, daß er nicht ausschlagen konnte. Karibik.“ Er grinst, als sich ein „Das ist doch Scheiße.“ von Zora zwischen uns schiebt.

Um das Kind mit einem warnenden Blick zu bedenken, muss ich diesen von Leo abwenden. "Karibik.", grollt das Mädchen noch einmal und schon geht das Genöhle weiter. Zum Glück sitzen die anderen Kinder schon ruhig im Bus. "Ich will Chrissi. Ohne Chrissi fahr ich nicht mit." - "Rein mit dir, Zora, oder du bist das nächste Mal ernsthaft nicht mehr dabei." - „Mann, Jules, voll die Drohung. Du bist echt sowas von gar kein Pädagoge."

Schlagartig bin ich für sie total unspannend, denn etwas anderes zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. "Hey, wieso sitzen den die Jungs vorne. Das ist mein Platz."  Aha, der kleine Milo und Emil haben es gewagt den Thron der unangefochtenen Königin, sprich Beifahrersitz, zu erklimmen. Ich werte das, als die Revolution gegen die Herrschaft Zoras und versuche meine Genugtuung nicht zu deutlich zu zeigen.

„Zora, du musst nicht dabei sein. Ich kann jetzt deine Mutter anrufen und sie bitten dich abzuholen.“ - "Als ob die interessier‘n würde, was ich mache. ... Mann, okay, dann fahr‘ ich halt mit dem da mit. Aber ich sitze vorne. Jules, sag ihm das.“, keift es charmant an meinem Ohr. Vielleicht klappt es mit der Ignorier-Nummer. Mit einem übertrieben geduldigen Lächeln, zu dem mir nur noch der Heiligenschein fehlt, weise ich auf den hinteren Einstieg, ernte aber nur ein trotziges Fußaufstampfen. Mit einem Augenrollen, daß Zora nicht besser könnte, sehe ich zu Leo, dessen Lächeln sich zu einem echten Lachen verwandelt.

"So, Zora heißt du, ja? Kannst du bitte einsteigen, Zora, ich  würde jetzt gerne losfahren.", teilt ihr Leo ruhig mit. "Bei Chrissi durfte ich IMMER vorne sitzen.", faucht Zora ihn an. "Tja, bei mir werdet ihr euch abwechseln. Heute sind Emil und ...“ – „Milo.“, stellt sich der Kleine vor. „Und Milo dran. Du hast ja anscheinend schon ganz oft vorne gesessen." Ich halte die Luft an vor lauter Anspannung, was jetzt passiert.

Das Raubtier faucht und grollt und tötet mich mit seinem Blick, weil ich ihre Alphamädchen-Rechte nicht verteidigt habe, aber es flackert auch Unsicherheit in ihm angesichts von Leos Ruhe und schließlich setzt sie sich in Bewegung. "Ooooooooookay. Mann, seid ihr alle doof!"

Hocherhobenen Hauptes steigt Zora endlich hinten ein und ich lasse mich mit einem abgrundtiefen Seufzer auf die mittlere Bank fallen. Leo zwinkert mir zu und zieht seinen Segelanorak aus. Darunter kommt ein anthrazitfarbenes T-Shirt zum Vorschein. Unerwartet beugt er sich an mir vorbei in den Innenraum und hängt die Jacke über den Fahrersitz. Von seinem Rücken schlägt mir ein intensiver Duft nach Schweiß, Outdoor-Kleidung und frischem Deo voll ins Gesicht und überrascht ziehe ich die Luft ein, aber da ist er schon wieder rausgeschlüpft und schiebt mit einem Ruck die Tür zu.

Noch leicht paralysiert bekomme ich mit, wie er sich vorne ans Steuer des Kleinbusses setzt und den Motor anlässt. Alle scheinen den neuen Segellehrer nicht doof zu finden, denn ein paar Momente später, sehe ich wie Milo anfängt sich mit ihm zu unterhalten. Allerdings bekomme ich von meinem Sitz nur ein paar Fetzen mit. Milo erzählt Leo davon wie er als junger Mann alle Weltmeere mit dem Schiff befahren wird. Seine Gedanken und Sprache sind viel zu alt für den kleinen Achtjährigen mit dem schwarzen Lockenkopf, aber Leo scheint nicht überrascht und hört ihm aufmerksam zu.

Irgendwie sorgt der enge Raum im Wagen für eine gemütliche Vertrautheit miteinander und die besten Gespräche mit den Kindern habe ich in den fünf bis acht Minuten, die es dauert vom S-Bahnhof zum kleinen Hafen an der Warnow zu kutschieren.

Ein kühler Luftzug weht durch den Spalt des Fahrerfenster und stellt Leos blonde Haare hoch. Unwillig fährt er mit der Hand über sie und zwingt sie zurück. Mein Blick wandert von dort hinunter zu seinem Nacken. Ein langer Hals zwischen schlank und muskulös, blonde Härchen heben sich gegen seinen Nacken ab, der wahrscheinlich durch die Arbeit draußen auf der Warnow und der Ostsee schon sehr braun ist.  Ich möchte meine Hand dorthin legen, spüren, ob die Haut sich so warm und glatt ist wie sie aussieht und seine Haarstoppel meine Handflächen streicheln lassen.

Ich mag dieses oben lang und von der Sonne ausgebleicht. An anderen könnte das affektiert aussehen, aber bei Leo unterstreicht das den Outdoor-Charakter, der aus jeder Goretexfaser strahlt. Es sieht aus wie ein Weizenfeld im Juli, wenn der Wind durch die Ähren streift und Wellen wirft in das Meer aus goldenen Halmen. Darunter kurz rasierte goldene Stoppel. Wie sich die wohl anfühlen? Sie sehen dick und borstig aus, aber vielleicht …

Es ist müssig darüber nach zu sinnieren, da ich es wohl nie erfahren werde. Trotzdem kann ich mich seinem Anblick einfach nicht entziehen. Ein Kribbeln von Sommer und Verliebtsein schiebt sich ohne Vorwarnung bis unter meine Haut. Es fühlt sich fast unangenehm an, so lange hatte ich dieses flaue Ziehen im Bauch schon nicht mehr.

„Birken.“, denke ich in das sich ausbreitende Zittern in mir, das wohl Sehnsucht ist, und sehe schnell zum Fenster hinaus.

Zwischen den Weiden sehe ich Reetfelder, die im frischen Wind hin und her schwankn. Wenn wir an der seltsamen Biker-Gaststätte vorbei und über die Schnellstrasse rüber sind, tauchen wir immer mit einem Satz von dem riesigen Plattenbau-Areal im Norden Rostocks in eine ganz andere Welt ab.

Gerade fahren wir über eine kleine Brücke und es wird waldiger draußen. Und auch wenn dieser eher licht ist, so leuchtet dessen Grün trotz bedeckten Himmels vollkommen magisch. Dieser Zaubereffekt kann aber auch damit zu tun haben, daß ich die ganzen Tage zuvor nur Stadt und Straßen und Häuser gesehen habe.

Am Fenster fliegen nun zartgrüne Bäume vorbei, aber ich sehe vor meinem inneren Auge wie auf einer Doppelbelichtung nur seine langen, kräftigen Finger am Steuer. Seine Hände wirken nicht jung, sondern einfach nur zuverlässig und beruhigend auf mich und … ich beginne tagzuträumen, fahre in Gedanken durch seine Haare.

Schleunigst lasse ich meinen Blick wieder zwischen die Stämme des Waldes gleiten. Ich versuche mich von der Schönheit der früh-frühlingsgrünen Bäume fesseln zu lassen. Sinnlos. Meine volle Aufmerksamkeit liegt dennoch auf dem unbekannten, jungen Mann vor mir. Irgendetwas, das ich nicht in Worte fassen kann, fasziniert mich an ihm, macht mich neugierig auf ihn.

Ich fange ein Gespräch mit Gustav an, um meine Gedanken wieder auf weniger komplizierte Pfade zu lenken. Nur leider hilft das nicht gegen die Erkenntnis, daß ich den neuen Lehrer verdammt begehrenswert finde. Das ist lange nicht mehr passiert.

Es gibt einige, wenige Augenblicke in meinem Leben, an die ich mich auf ewig erinnern werde. Alltagsereignisse, die durch eine Kleinigkeit wie ein Sommerduft getränkter Luftzug durch das geöffnete Fenster sich unvergesslich in mein Herz eingeschrieben haben. Und dieser Moment ist einer davon. Dennoch elektrisiert mich der Moment nicht, sondern stimmt mich auf traurig-schöne Art einfach melancholisch.  

Mit Gerumpel fahren wir über den Platz der Segelschule und ich muss erstmal aus meiner Schwärmerei wieder in der Realität ankommen. Die Türen knallen und Leo erklärt etwas Organisatorische, das mich nicht wirklich erreicht und vermutlich auch nur eine Gehirnhälfte von Zora, die immer noch einen Flunsch zieht.  

Ich laufe an den Booten entlang, die noch auf den Trailern ihrer Winterquartiere stehen, zur Slipanlage. Leo und der zweite Segellehrer Hannes beaufsichtigen den, mal wieder nervenaufreibend chaotischen, Aufbau der kleinen Boote. Teamwork ist für die Jugendclub-Kinder echt ein Fremdwort. Leider konnte ich ihnen bis heute, unserer zwölften Praxisstunde hier, nicht vermitteln:„Nein, ich lasse das Boot nicht unvermutet einfach los, weil ich gerade etwas anderes spannender finde.“ oder „Das Tragen eines Mastes ist nicht der Anfang eines Ritter-Tuniers.“

Ich sehe Leo über die sich gegenseitig kreativ beschimpfenden Kinder hinweg an, weiche einer Spriet aus, die mich fast aufspießt und sehe meinen tendenziell genervten Blick in Leos Miene gespiegelt. Ja, ich mag meinen Job. Und ich mag jede und jeden der Kleinen. Einzeln!

Als endlich alle Boote im Wasser sind, ziehe ich kurz Bilanz: keine Verletzten und nur geringfügige Kratzer an den Booten. Aber das Wetter hat vehement umgeschlagen. Von einem Moment auf den anderen sind dicke, dunkelgraue Wolken über der Warnow aufgezogen und obwohl es nicht regnet, ist das Wetter auf einmal ungenehm rauh und stürmisch.

Ich blicke zu Leo, der ebenfalls prüfend nach oben sieht. "Hm, das wirkt nicht so gut. Was denkst du, Hannes?“ – „Ach, die sind inzwischen schon ganz gut fortgeschritten. Zumindest wenn sie sich konzentrieren." – „Sicher?“ – „Klar. Wir können ja immer noch abbrechen, wenn es gar nicht geht.“ Leo runzelt die Stirn und zuckt mit den Schultern. „Okay, wenn du meinst."



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