Wände verändern das Leben

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
19.08.2014
19.08.2014
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Wände verändern das Leben


Disclaimer:  Als ich zuletzt nachgesehen habe, war ich nicht mit den Gebrüdern Grimm verwandt, damit hat sich wohl die Frage danach, ob mir etwas gehört, gegessen….

Rating: P16slash

Erklärung zum Rating:  Das Rating liegt nicht wegen sexueller Handlungen auf P16.

Kurzbeschreibung: Der Frosch, der zum König wurde, nachdem er gegen die Wand geschmissen wurde… doch nach dieser Begegnung mit der Wand, war der König eingeschränkt.

Ein besonderes Dankeschön an:   Forbidden to fly, die mit einem ganz gemeinen Hasen, oder sollte ich Frosch sagen?, nach mir geworfen hat.
Ebenso an Nairalin, die hier Fehler gejagt hat.

Sonstiges:
1) Ich gestehe, dass der Text am Anfang nur eine Nacherzählung beinhaltet, die aber mehr aus der Sicht des Frosches ist. Doch wollte mir nicht einfallen, wie ich anderenfalls einen runden Einstieg hätte schaffen können.
2) Auch wenn es eigentlich nicht meine Art ist, hier ein paar Warnungen. Dieser Text enthält, Körperverletzung mit bleibenden Schäden, vorsätzliche Lüge, wer damit Probleme hat, dem lege ich wärmstens ans Herz, sich hier abzuwenden.
3) Fretsche = Frosch, das Wort ist alt und nicht mehr gebräuchlich, steht aber im Original des Froschkönigs drinnen, weswegen ich es übernehmen musste.
4) Bestandteil des Projekts http://forum.fanfiktion.de/t/11900/1


Wände verändern das Leben


In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König. Dieser hatte in seinem Leben viel Pech gehabt und war mit einem bösen Fluch belegt worden. So saß er nicht mehr auf seinem Throne, sondern in einem tiefen Brunnen, der unter einer Linde in einem dunklen Wald lag. Nun war dieser Brunnen nicht in seinem Reiche, sondern in dem eines anderen großen Königs. Dieser hatte drei schöne Töchter, aber das wusste der Frosch nicht. Er hatte nur die Jüngste gesehen, die oft am Brunnen saß und mit einer goldenen Kugel spielte, wenn die Tage heiß waren.
Nun trug es sich einmal zu, dass der Königstochter die goldene Kugel in den Brunnen fiel. Der Frosch, der in den Tiefen des Brunnens tauchte, um über sein Leid nachzudenken, bekam einen Schrecken, als er die Kugel sah. Da wollte er wieder in seinem leidvollen Gedanken versinken, als ihn die vergossenen Tränen der Königstochter davon abhielten. Ihr Klagen wurde immer lauter und so schwamm der Frosch an die Wasseroberfläche, er wollte erfragen, was die Königstochter so zum Jammern brachte. Er beneidete sie, war sie doch noch immer ein Mensch, wohingegen er nun ein schleimiger Frosch war. Doch war er nicht frei von Mitgefühl und Sorge.
Die Königstochter blickte sich um, erschrocken war sie, weil sie nicht wusste, wer gesprochen hatte. Dann aber sah sie den Frosch, dessen Kopf das Wasser durchbrochen hatte und der sie fragte. „Was klagest du so, Königskind, dass man dein Jammern unter dem Wasser hört?“
„Mir ist mein schönes, goldenes Spielkügelchen in den Brunnen gefallen“, sagte die Königstochter und sah den Frosch leiderfüllt an. Nun war der Frosch zwar nicht herzlos, aber auch nicht so gütig, dass er einfach hinabstieg, um ihr die Kugel zu holen. „Sei still und weine nicht“, sagte er, „ich kann wohl Abhilfe schaffen. Was aber gibst du mir, wenn ich dir dein Spielkügelchen bringe?“
„Was immer du willst, lieber Frosch, meinen Schmuck, meine Kleider, mein Gold und selbst meine goldene Krone“, antwortete sie. Doch nichts davon wollte der Frosch haben. „Mir liegt nichts an deinen Kleidern, oder deinem Reichtum, Königskind. Ich bringe dir deine Kugel, wenn du mich bei Tisch von deinem goldenen Tellerchen essen lässt und in der Nacht, da will ich auf einem Kissen in deinem Bettchen schlafen.“
Die Bedingungen erschienen der Königstochter seltsam und viel, doch willigte sie ein, versprach es sogar. Denn sie war nicht nur schön, sondern auch gerissen und dachte bei sich, dass sie es dem einfältigen Frosche nun versprechen würde, aber einfach gehen würde, nachdem er ihr ihr goldenes Kügelchen gebracht hatte. Dann würde er weiterhin an seinem angestammten Platze im Brunnen sitzen, denn kein Frosch konnte eine feine Gesellschaft für einen Menschen sein. Der Frosch, der nichts von alledem ahnte, denn er hatte ein gutes Herz und war nicht voller Arglist, stieg in den Brunnen hinab und kam bald darauf mit der goldenen Kugel herauf. Diese lag ihm schwer in den schwachen Gliedern und er sehnte sich nach seinem alten Körper, ein starker Mann war er gewesen. Er dachte schon daran, wie schön es doch wäre, nicht länger im kalten Wasser zu sitzen und alleine zu sein, sondern wieder Gesellschaft anderer zu haben, die der Sprache mächtig waren. Denn da er kein Frosch, sondern ein verfluchter König war, konnte er nicht mit den anderen Tieren sprechen, nur mit den Menschen.
Als die Königstochter nun sah, dass der Frosch ihre Kugel hielt, riss sie diese an sich und drehte sich dann um, damit sie zurück zum Palaste laufen konnte. Der Frosch, der dies sah, dachte, dass sie ihr Versprechen nur vergessen hatte, in ihrem Glücke darüber, die Kugel wieder in ihren Händchen zu halten. „Warte, so warte doch, Königstochter, schönes Kind!“, rief er ihr nach. Sie sah aber nicht zu ihm zurück, sondern lief stattdessen schneller.
Schon am Abend hatte die Königstochter den Frosch vergessen, auch am nächsten Tage dachte sie nicht an ihn.
Dem armen Frosche ging es anders, er dachte daran, was sie ihm versprochen hatte und war traurig darüber, dass sie ihm das Worte gebrochen hatte. Zudem wusste der Frosch wohl, in welcher Richtung der Palast lag und machte sich auf den langen und beschwerlichen Weg. Der Prinzessin war er nicht weit gewesen, aber ihre Schritte waren länger, als die platschenden Sprünge des Frosches. So war es bereits Abend, als der Frosch die Treppen des Palastes erklomm. Er mochte das Geräusch, dass jeder seiner Hopser auf dem marmornen Boden machte, nicht. Es war ein ekliges platsch, plitsch, platsch, aber er verschloss seine Ohren dagegen und als er bei dem großen Saale angekommen war, in dem der andere König, mit all seinen Hofleuten saß, um zu speisen, da hob er ein Froschhändchen und klopfte. Dazu sprach er, so laut er konnte: „Königskind jüngstes, kommt, macht mir die Türe auf!“
Die jüngste Königstochter stand nun auf, sie war neugierig geworden und ging zur Türe hin. Als sie aber aufmachte und den Frosch erblickte, da war sie entsetzt und wandte sich ab. Ehe sie aber die Türe hinter sich schließen konnte, sah der alte König sie streng an und sprach: „Wer ist da, mein Kind und was fürchtest du? Habe ich einen Riesen oder den Teufel vor meiner Türe?“
„Ach, nein“, antwortete sie, „es ist nur ein Frosch, der mir meine Kugel wiedergegeben hat, nun aber will er von meinem Tellerchen essen und in meinem Bettchen schlafen.“ Sie hoffte, der alte König möge eine Wache schicken die den Frosch entfernte. Doch das tat er nicht, er verlangte zu wissen, was der Frosch wollte und schweren Herzens sagte sie es ihm. Denn der alte König war ein gerechter Mann, dem das gegebene Worte wichtig war. So hatte er auch versucht, seine Töchter zu erziehen. Daher sprach er: „Was du versprochen hast, das musst du halten, geh nun und mach ihm auf!“
Der Frosch hatte vor der Türe jedes Wort gehört und war froh. Auch wurde die Tür geöffnet und die Königstochter nahm ihn auf ihre Hand. Ihr schauderte, nun, da sie den Frosch berühren musste, der ihr aus der Nähe noch hässlicher und abstoßender schien. Doch nahm sie ihn mit und setzte ihn neben ihr goldenes Tellerchen. Wo der Frosch mit dem Essen begann, denn dieser war, dadurch, dass er kein Frosch war, nicht geübt darin, sich Speis‘ und Trank zu beschaffen. So hatte der Hunger schon lange an ihm genagt. Ihm entging nicht, dass die Königstochter selbst nur noch wenige Bissen anrührte und fragte nach. „Königstochter? Fehlt dir etwas, schönes Kind?“ Doch sagte sie nichts.
Nachdem die Gesellschaft sich auflöste, erinnerte der alte König seine Jüngste noch einmal daran, dass sie ihre Worte nicht brechen durfte. Der Frosch sah dem alten König nach und hatte großen Respekt vor dem alten Manne, der ehrlich und aufrichtig war. Die Königstochter nahm den Frosch mit spitzen Fingern und war erfüllt von Ekel, doch trug sie ihn zu ihrem Zimmer, wo sie ihn in eine Ecke setzte. Sie selbst legte sich auf ihr Bettchen und weinte dort. Dem Frosch aber war ganz elendig, er kroch auf das Bett zu und erinnerte das Königskind daran, dass er ihn ihrem Bettchen schlafen dürfe. Da er in seiner leidenden Form nicht auf dem Boden liegen wollte.
Nun kam es aber, dass die Königstochter den Frosch in ihrem Ärger packte und mit aller Kraft, die sie hatte, gegen die Wand warf. Von der Wand herab viel aber kein Frosch, sondern der König, der verflucht worden war. Da sprang das Königskind auf und eilte zu ihm hin, denn als Manne fand sie ihn nicht abstoßend. Der König aber regte sich nicht und lag nur da, wie er von der Wand herabgefallen war, auch als sie ihn schüttelte nicht. So lief sie los, um Hilfe zu erbitten und ihr Vater, schickte seinen besten Heiler. Dieser untersuchte den König lange und mit grimmiger Miene, doch wusste er keinen Rat. Als es lange Nacht ward, da erwachte der König, zur dunkelsten Stunde. Er sah die jüngste Königstochter, die nun an seinem Krankenlager saß, nicht an, genug hatte er als Frosche von ihrem Herzen gesehen. Auch plagten Schmerzen den Körper des Königs, doch zeitgleich spürte er Teile nicht. Groß wäre seine Freude, hatte der König gedacht, wenn er nur wieder ein Manne wäre, doch bitter war der Preis.

Als nun eine Woche vergangen war, so lag der König noch immer darnieder. Erheben konnte er sich nicht, denn die Beine vermochte er nicht zu bewegen. Der König sprach nicht zu der Königstochter, die ihn an die Wand geworfen hatte. Mit ihrem Vater und auch ihren Schwestern sprach er wohl und gerne, nicht aber mit ihr.
Dann aber kam ein Fremder in das Reiche des alten Königs, er bat darum, das man ihn zu dem verletzen König vorlassen würde. Lange sprach er vor, ehe seiner Bitte stattgegeben wurde. Man brachte den Fremden an das Bette des Verletzten und als er ihn sah, so weinte der Fremde. Bittere Tränen vergoss er, ob des Anblickes. Der König, der nun schlafend daniedergelegen hatte, erwachte und sah, wer neben seinem Bette stand, es war sein treuster Diener, Heinrich geheißen. „Mein König, groß ist meine Freude, dich wieder als Manne zu sehen. Doch größer, ist meine Trauer, Herr, denn man sagte mir, dass du nicht zu gehen vermagst“, sprach Heinrich unter Tränen. Sein König aber lächelte und sagte: „Erst dachte ich, wie du es tust, Heinrich, doch nicht mehr. Keine Fretsche bin ich mehr. Nicht länger bin ich verflucht. Du hast wohl Recht, nicht länger gehe ich frei umher, doch bin ich lieber unfrei als Manne, denn frei als Frosch. Ich vermag ihr, die sie das getan hat, nicht zu verzeihen, doch werde ich mit dem leben, was ich nun habe.“
„Wer war es, der dir das angetan hat?“, fragte Heinrich, den Blick starr auf den König im Bette gerichtet. „Des alten Königs jüngstes Kind“, sagte der König, noch immer ward es ihm ein wunder Punkt. Abgefunden hatte er sich, doch vergeben konnte er nicht, so groß sein Herz auch war. Da ballte Heinrich die Hände zu Fäusten und rief: „Nicht dich hätte der Fluch treffen dürfen, Herr, den ich liebe! Dein Herz ist rein, doch die Königstochter, die das getan hat, sie soll eine Kröte sein! Ach, hätten meine Worte doch Macht.“
Doch der König seufzte nur und meinte: "Wir sollten unsere Heimkehr planen und dann dem alten König verkünden. Nicht länger will ich hier verweilen." Nun aber war Heinrich bedrückt, doch nicht ohne Hoffnung und er sprach: „Herr, immer will ich auf dich achten, dir helfen und deine Beine will ich sein!“ Groß war Heinrichs Liebe zu seinem König, so groß, dass er drei eiserne Bande um sein Herz hatte legen lassen. Damit es ihm nicht vor Schmerz und Traurigkeit zersprang, froh war er nun über diese Bänder, sie würden ihm helfen, für seinen König da zu sein.
„Du hast meinen Dank. Und sei so gut und richte einen Wagen, sofern du es vermagst“, sagte dieser und hob eine Hand. Heinrich ergriff des Königs Hand und küsste sie ehrfürchtig, ehe er sich zum Gehen wandte, deckte er seinen Herren erneut zu, damit der König nicht frösteln konnte. Obwohl gebunden, war Heinrich das Herze schwer, kaum dass er seinen König nicht mehr sehen konnte. Da waren so viele Fragen, was würde nur aus seinem armen König werden? Warum hatte er nur nicht die Macht, die nötig war, um seinen König zu heilen? Mehr verlangte er nicht, wenn sein Herr davon gehen konnte, dann würde er selbst die Königstochter, die das angerichtet hatte, ungestraft lassen.
Unterdes lag der junge König weiter in seinem Bett und er hatte die Augen geschlossen, noch immer lag eine bleierne Müdigkeit auf ihm. Er vermochte nicht zu sagen, woher sie kam, doch seit er in seinem Körper aufgewacht war, hatte ihn diese Müdigkeit noch nicht einmal frei gegeben. Ihm blieb die Hoffnung, dass es bald verfliegen würde und in der Zwischenzeit konnte er sich immerhin ausruhen. Wenig anderes blieb ihm übrig, er war fern seines eigenen Reiches und er war ohnehin an sein Bett gefesselt. Der Schlummer, in den er fiel, war tief und traumlos, so tief sogar, dass er nicht merkte, wie sein Heinrich wieder an sein Bett trat.
„Mein Herr?“, hauchte dieser widerwillig. Wo er in seinem König zuvor den stärksten aller Männer gesehen hatte, so erschien er ihm nun zerbrechlich und es kam ihm nicht richtig vor, seine Ruhe zu stören.
„Heinrich…“, murmelte der junge König, den die vertraute Stimme geweckt hatte. Es war eine angenehme Art, geweckt zu werden, wie er bemerkte, denn anders als des alten Königs jüngste Tochter, verband er keine schlechte Erinnerung mit seinem Diener. „Ja, mein Herr, dein Heinrich ist hier, du hattest gesagt, dass du mit dem alten König sprechen möchtest und dieser wartet vor der Türe. Er kam sofort, als ich ihm sagte, dass du noch etwas mit ihm besprechen wolltest. Nur tut es mir leid, dass ich dich wecken musste, aber ich dachte nicht, dass du wieder schläfst, immerhin war es nicht lange her, dass ich zuletzt bei dir war und da bist du ja aufgewacht.“ All diese Worte sprudelten nur so aus Heinrich hervor, doch dabei war seine Stimme leise und angenehm, was seinem König die Gelegenheit gab, langsam wirklich zu sich zu kommen.

„Der alte König, sagst du? Danke, dass du dich auch darum gekümmert hast, aber lass ihn ein. Immerhin ist es sein Schloss, in dem wir hier sind und ich bin nur sein Gast.“ Mit dem Handrücken rieb er sich den hartnäckigen Schlaf aus dem Gesicht und hob seinen Kopf etwas. Die wenigen Versuche, die der junge König bislang unternommen hatte, um sich aufzusetzen, waren an stechenden Schmerzen gescheitert, weswegen er nun ausharrte.
Nur Augenblicke später hörte der junge König schwere Schritte, die den Raum betraten und dann sah er den alten König, der in Würde ergraut war.
„Dein Diener sagte, dass du mit mir sprechen wolltest und das ist gut, denn auch ich habe das Bedürfnis mit dir zu reden, mein junger Freund“, begann der alte König und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. So ragte er nicht ganz so weit über den Liegenden auf.
„Ich wollte dir für deine Gastfreundschaft danken“, sagte der junge König und meinte es ernst. „Und dafür, dass dir ein Versprechen jedem Lebewesen gleich wichtig ist, sei er nun ein hochgeborener Mensch oder ein einfacher Frosch. Froh war ich, als ich deine Worte gehört habe und große Achtung habe ich vor dir.“
Da war aber das Gesicht des alten Königs betrübt, denn er musste daran denken, wie schlecht sich sein jüngstes Kind verhalten hatte. Nicht nur ihr Wort hatte sie brechen wollen, noch schlimmer war, dass sie ein wehrloses Wesen gegen die Wand geworfen hatte und was für ein Schaden daraus entwachsen war. Der junge König vor ihm, sollte groß und aufrecht sein, umhergehen, wie es sich für junge Männer gehörte, doch all das war ihm geraubt worden. Durch seine Tochter, von der sie sagten, sie wäre das schönste Kind, dass es je gegeben hatte, doch für den alten König war sie das nicht. Denn nicht alle Schönheit war eine des Körpers und in ihrer Seele, war sein Kind hässlicher, als jedes Getier. So sehr der alte König es bedauerte, bei ihr war es ihm nicht geglückt, ihr die richtigen Werte zu vermitteln, anders als bei ihren Schwestern.
„Ich bedaure sehr, was mein Kind mit dir getan hat und wollte erfragen, ob es etwas gibt, das du haben willst, als Versuch der Widergutmachung. Ich weiß, dass es nichts gibt, was dir geben kann, was du verloren hast. Doch wenn es etwas gibt, was du begehrst, werde ich es dir mit Freuden geben.“ Die Worte des alten Königs waren leise gesprochen, aber ehrlich gemeint und das erkannte der Jüngere.
„Es gibt nichts, was ich von dir begehre, König… was mir auf der Seele brennt, wirst du mir trotz deiner Worte nicht geben können. Denn ich denke nicht, dass du deine Jüngste mit mir ziehen lässt. Nicht wohl ist mir dabei, sie frei von Strafe zu wissen, wo sie weiteren Schaden anrichten kann.“
Lange schwieg der alte König und betrachtete den Jüngeren. „Ich verstehe deine Bedenken“, sprach er schließlich „Recht geben muss ich dir, es gibt Taten, die nicht ohne Strafe bleiben dürfen. Mir mag nicht gefallen, dass eines meiner Kinder eine solche begangen hat. Doch werde ich sie nicht vor deinem Urteil schützen. Welche Strafe du vergeben willst, soll sie ereilen…“ Bei diesen Worten hatte der alte König Tränen in den Augen, denn trotz aller Verfehlungen seiner Jüngsten, liebte er sie, wie nur ein Vater sein Kind lieben konnte.
„Dann wird sie eine Strafe von sieben mal sieben Jahren erhalten, danach aber soll sie frei sein. So will ich es verfügen.“ Es war eine lange Zeit, aber weniger, als für versuchten Königsmord üblich war. Etwas, was dem alten König zu verdanken war, denn ihn schätzte der Jüngere so sehr, dass er nicht zu hart sein konnte. Außerdem glaubte der junge König daran, dass Menschen sich bessern konnten und dazu musste man ihnen eine Gelegenheit geben.
„Wann wirst du aufbrechen?“, fragte der alte König leise. „Mein Heinrich richtet bereits einen Wagen für mich und ich denke, mit dem neuen Tage, werden wir gehen…“, der Jüngere verstummte. Er selbst würde dieses Reich zwar verlassen, aber er würde nicht aus eigener Kraft gehen und dieses Eingeständnis schmerzte in seiner Seele.
Nicht mehr lange redeten die beiden miteinander, ehe der alte König aufstand und sich verabschiedete. „König, mein alter Freund, sage deiner Tochter nicht, weswegen sie mit mir kommen soll. Eine ruhige Fahrt wird sonst nicht möglich sein.“
„Der grausamste Teil ihrer Strafe wird das sein, denn in deiner menschlichen Gestalt, scheint sie dich zu begehren, junger Freund. Doch werde ich mich deinem Wunsche beugen.“
„Dafür danke ich dir“, sagte der junge König noch, während er dem Alten mit seinen Augen folgte. In dem Moment, in dem die Tür geschlossen wurde, ließ der junge König auch seine Augen zufallen.

Mit dem kommenden Morgen, kam Heinrich, der seinen König behutsam weckte und ihm dabei half, sich zu waschen. „Mein Herr, ich habe auch ein Frühstück für dich dabei, mit all den Dingen, die du wirklich gerne isst“, verkündete Heinrich und hielt seinem König das Tablett so hin, dass er auch an alles herankam, ohne seine Haltung im Bett groß verändern zu müssen. Als der Diener sah, wie sein König aß, da krachte es und tat noch einen Schlag. Die Freude über dieses kleine Zeichen der Besserung, war so groß, dass die eisernen Bande, um Heinrichs Herz begannen, sich zu lösen. Der König bekam einen Schrecken und dachte, dass etwas zerbrechen würde.
„Heinrich, was ist es, was hier bricht?“, fragte er voller Sorge.
„Nichts bricht, mein Herr, es sind die Eisenbande um mein Herz, die sich lösen“, antwortete Heinrich leise, doch sagte er nicht, weswegen diese Bande um sein Herz lagen. Er wollte seinen König damit nicht belasten, genug eigene Last hatte er zu tragen. Der junge König sagte nichts dazu, blieb aber aufmerksam und ließ sich berichten, wie der Wagen ausgestattet war. Es war seine große Kutsche, mit den acht weißen Pferden davor, doch die Sitze waren entfernt worden, dafür war alles gefüllt mit weichen Matratzen und Kissen, damit die Unebenheiten des Weges keinen weiteren Schaden anrichten könnten. Das war Heinrichs größte Sorge, dass die Reise seinem Herren Schmerzen bereiten würde.
„Wo wird des Königs Tochter sein?“, fragte der junge König noch nach. „Auf dem Kutschbock ist noch Platz“, erwiderte Heinrich. Aber seinem König kam ein anderer Gedanke.
„Lassen wir sie hinten auf dem Trittbrett stehen, mehr hat sie nicht verdient und dich will ich, während der Fahrt, an meiner Seite wissen“, entschied er dann und Heinrich gefiel diese Vorstellung.

Kurz darauf kamen die Wachen des jungen Königs, die ihn auf eine Trage legten, damit er zur Kusche gebracht werden konnte. Still war der König dabei, aber auch sehr blass und Heinrich war, als würde er mit seinem König mitleiden.
Als der König nun behutsam in der Kutsche gebettet war, mit Heinrich an seiner Seite sitzend, da wischte der Diener seinem Herrn den Schweiß von der Stirne. „Mein Herr, du hast es hinter dir. Gibt es etwas Gutes, dass ich dir tun kann?“ Da ergriff der König Heinrichs Hand.
„Im Moment brauche ich nichts, mein Heinrich“, sagte er leise und sah durch die offene Tür der Kutsche hinaus. Eine seiner Wachen war gekommen und verbeugte sich tief.
„Mein König, alles ist bereit. Das Mädchen steht hinten auf dem Trittbrett und ist angebunden, damit sie weder fallen noch fliehen kann. Die Pferde sind vorgespannt und alle Männer versammelt. Einzig deine Erlaubnis fehlt und wir können aufbrechen.“ Die Wache, ein alter und grimmiger Mann, die schon unter dem Vater des Königs gedient hatte, wartete ab. Keinen Schritt würden sie ohne die Erlaubnis des jungen Königs machen, denn sie dienten ihm gerne und voller Hingabe.
„Dann sagt dem Kutscher, dass er den Pferden die Zügel geben soll“, meinte der König und erneut verbeugte sich die Wache vor ihm, ehe sie die Tür der Kutsche schloss.

Lang war nun der Weg, den sie fahren mussten und Heinrich blieb ohne ein Wort der Klage bei seinem König. Gequält sah dieser aus, wenn er wachte, doch im Schlaf, da war sein Gesicht entspannt und frei von Leid. Dennoch musste sein Diener ihn immer wieder wecken, damit der König etwas trank. Bei einer dieser Gelegenheiten begab es sich nun, dass sie lautes Wehklagen von hinter der Kutsche hörten. Es war die Königstochter, der ihr Los schon jetzt bitter erschien, dabei dachte sie noch, dass der junge König sie heiraten würde, wären sie nur erst wieder in seinem Reich. Der alte König hatte sein Wort gehalten und seinem Kind nicht gesagt, was es erwartete. Nun lachte Heinrich leise. „Man sagte mir, nicht länger wäre sie ein Kind und doch jammert und denkt sie wie eines. Vorhin habe ich gehört, was sie sagte, sie denkt, du würdest mit ihr den Bund eingehen, sobald wir nur angekommen sind. Grausam ist sie und dumm noch dazu. Da fragt man sich, ob die Frau des alten Königs ihm wirklich treu und ergeben war, oder ob dieses Kind von einem anderen ist.“
Der junge König sah ihn lange an. „Pass bitte auf, dass dein Mundwerk dich nicht noch deinen Kragen kostet, mein Heinrich. Doch wenn sie das wirklich glaubt, dann und da hast du recht, ist sie dumm. Warum sollte ich sie an meiner Seite wollen? Kalt, so wie sie ist?“ Was der König aber nicht sagte war, dass es wohl eine andere Person gab, die er gerne für immer an seiner Seite hätte.
Nur kurze Zeit später, war der junge König wieder eingeschlafen und Heinrich richtete die Decken neu über seinem Herrn, strich das braune Haar von seiner Stirn.
Als sie nun den Palast erreichten, da war die Freude des Volkes groß, nicht länger waren sie verloren, sondern hatten ihren König wieder, der sich ihre Anliegen anhören würde. Die Zeit ohne ihren König hatte ihnen eine unbekannte Unsicherheit gebracht. Was war, wenn nun ein anderer König ihr Land erobern wollte? Denn das Heer war zwar da gewesen, hätte aber nicht gewusst, was es machen solle. Die Freude wurde nur wenig gemindert, als sie sahen, dass man ihren König trug und er nicht länger selbst ging. Da wurden einige Stimmen laut, die wissen wollten, was denn geschehen wäre und der König bat die alte Wache, eine Zusammenfassung für sein Volk zu geben. Als dies geschehen war, da richteten sich viele böse Blicke gegen die Königstochter. Doch ehe man etwas nach ihr werfen konnte, was einige der Anwesenden nur zu gerne getan hätten, sprach der König. „Erhebt nicht die Hand gegen sie, tun wir das, sind wir nicht besser als sie und gerne bin ich stolz auf mein Volk, dass es Richtig und Falsch zu unterscheiden vermag. Ihre Strafe soll sieben mal sieben Jahre andauern, so lange wird sie im Kerker sein, danach aber steht ihr frei zu gehen, wohin sie wünscht“, erklärte er und es wurde still auf dem Platz. Groß war der Schreck der Königstochter, als sie dies hörte und in den Kerker geführt wurde. Bitter waren ihre Tränen, doch die Wachen vor der Kerkertür hatten ihre Ohren dagegen verschlossen.
Wochen vergingen und dem König ging es etwas besser, die Schmerzen vergingen und er konnte sich wieder aufsetzen. Doch spürte er seine Beine nicht, noch konnte er sie bewegen, so sehr er sich auch bemühte. Kein Heiler konnte da Abhilfe schaffen und so blieb ihm nichts übrig, außer es hinzunehmen. Was er auch tat, dabei versuchte er keine Bitterkeit an sein Herz zu lassen. Zwar war er noch immer sehr oft sehr müde, aber er lernte damit zu leben. Was blieb ihm auch anderes übrig? Sein Alltag war anders geworden als früher, er war viel mehr auf andere angewiesen, abhängig davon, dass Diener am Morgen zu ihm kamen und ihm schon bei den selbstverständlichsten Dingen halfen. Schon die Verwendung eines Nachttopfs war schwer, wenn er alleine war. Seine Gemächer waren umgeräumt worden, mehr Sitzmöbel waren nun da, doch gelang es ihm nicht wirklich, von einem zum anderen zu kommen. Nicht alleine. Nachdem man ihm dann geholfen hatte sich zu richten, ihm Wasser und Kleidung gebracht hatte, half man ihm in einen Stuhl, an dem Stangen befestigt waren, so dass man ihn tragen konnte. So trugen sie ihn in  den Speisesaal, wo er noch immer gemeinsam mit seinem Hofvolk aß.
Wann immer er von einem Ort an den anderen musste, war da der Stuhl mit den Stangen und Männer, die ihn trugen. Es war ein Trauerspiel, doch ertrug er es. Was dem König auch aufgefallen war, dass Heinrich immer in Rufweite blieb, gleich wie früh oder spät es am Tage oder in der Nacht war. So kam es, dass der König eines Tages auf seinem Throne saß und eben der letzte Bittsteller gegangen war. Sein Blick ging voller Sehnsucht aus dem Fenster und er wünschte sich, dass er noch reiten könnte. So wie er es früher gerne getan hatte, denn das Wetter war schön und keine dringliche Aufgabe rief nach ihm. Als er nun seufzte, hörte er leise und vertraute Schritte neben sich, denn Heinrich war gekommen, als hätte sein König nach ihm gerufen.
„Mein Herr, gibt es etwas, dass ich für dich tun kann?“, fragte der Diener und sah seinen König voller Hoffnung an.
„Gerne würde ich über die grünen Wiesen reiten, von denen ich weiß, dass sie vor den Toren liegen, doch wie sollte das möglich sein?“ Da schwieg Heinrich eine Weile, dann aber sprach er nachdenklich. „So wie du es früher getan hast, so geht es nicht, da hast du Recht, mein Herr. Aber einen Gedanken habe ich. Kein schwerer Mann bist du und ich bin es ebenso nicht, Herr. Ein Pferd, das einen Ritter in Rüstung tragen kann, trägt uns beide auch. Ich habe dir versprochen, dass ich deine Beine für dich sein werde und das bin ich, Herr. Erlaube mir, mich hinter dich zu setzten, dann werde ich dich halten und nichts kann geschehen.“
Der König war überrascht von den Worten seines Dieners und doch voller Hoffnung, er wollte es wagen. Als man ihm vor den Stall getragen hatte und ihm auf das Pferd half, beschlichen ihn aber die Zweifel. Er packte die Mähne und die Zügel des Tieres mit festem Griff, damit er sitzen blieb, während Heinrich hinter ihm aufsaß. Einen Sattel konnten sie nicht verwenden, denn keine zwei Mann hätten in ihn gepasst. So war da nur eine Decke mit Griffen vorne und hinten. Seine Wachen wollten soeben ihre Pferde erklimmen, als der König das Wort ergriff. „Gute Wachen, bleibet hier, die Gärten und die Wiese dahinter werde ich nicht verlassen.“ Die Wachen verstanden wohl, dass ihrem König nichts zustoßen konnte und setzten sich auf die Stange, an der man sonst die Pferde anband. So würden sie warten, bis ihr Herr zurückkam.
Trotz seiner Zweifel lenkte er das Pferd so, dass es sich der freien Wiese zuwandte und Heinrich trieb es behutsam an.  Es war eine neue Erfahrung für den König, auch weil er genau wusste, dass er nur dank Heinrich auf dem Pferderücken blieb. Doch mit jedem Schritt, dass das Tier tat, wurde die Angst des Königs geringer, er fühlte sich zunehmend sicherer mit den kräftigen Armen, die sich um ihn geschlungen hatten und die ihn hielten, wo er war.
Als sie schon einmal um den Palast geritten waren, nur im Schritt gehend, da lachte der König und atmete tief ein. Von Herzen froh war er darüber, nun hier zu sein, draußen vor den Mauern, statt in seinen Gemächern und bei einem Freund, dem er vertrauen konnte. Für Heinrich, der etwas größer und nun bedeutend stärker als sein König war, war dessen Lachen das schönste Geräusch, das er sich vorstellen konnte. Erneut krachte es laut, als ein weiteres Band über seinem Herzen brach. Wie schon zuvor erschreckte das Geräusch seinen König und Heinrich war gezwungen, ihn fester zu halten, damit er nicht stürzte. „Mein Herr, bitte sorge dich nicht, es ist nur ein Band auf meinem Herzen, das hier bricht“, beschwichtigte Heinrich, dann fiel sein Blick auf einen alten Busch. „Herr, erinnerst du dich?“, rief er dann aus. Der König folgte seinem Blick und erkannte den Busch, als kleiner Junge hatte er sich gerne darin versteckt. „Ich erinnere mich, mein Heinrich! Kinder waren wir und wann immer wir verstecken gespielt haben, bin ich dort hinein gekrochen“, lachte der König. „Niemand hat dich gefunden, außer mir, weil ich dich kannte“, sagte Heinrich leise. Schon als Kind war er beinahe immer bei seinem König gewesen, den er damals noch mit Namen angesprochen hatte. Ansonsten hatte sich aber nicht so viel geändert. Damals war Heinrich, wie auch jetzt, bei Philipp, denn so hieß der König, gewesen und hatte auf ihn aufgepasst. Schon damals hatte er es gerne getan und hätte Philipp jederzeit seinen Freund genannt. Das tat er heute nicht mehr, zum einen gehörte es sich nicht, dass ein einfacher Diener seinen König so nannte und dann war da im Geheimen noch mehr. Wenn Heinrich ehrlich mit sich war. Es war nicht nur Freundschaft und Pflicht, die ihn an seinen König band, schon lange nicht mehr. Doch hatte er sich geschworen, dass er seine Gefühle niemals in den Weg kommen lassen würden. An erster Stelle sollte und würde das Wohlergehen seines Königs stehen und nachdem Philipp jemanden brauchte, auf den er sich ganz und gar verlassen konnte, würde er genau das sein.
Heinrich entging nicht, wie sein König sich mehr und mehr gegen ihn lehnte und konnte sich denken, dass sein Herr erschöpft war. „Mein Herr, wollen wir umkehren, oder willst du ein wenig auf der Wiese ruhen? Es ist ein schöner Tag und es sieht nicht nach Regen aus“, fragte Heinrich schließlich und trieb das Pferd nicht länger an.
„Wenn wir hier bleiben, kämen wir zurück?“ war die Gegenfrage Philipps, der sich selbst nicht traute.
„Mein Herr, sicher kämen wir! Heben kann ich dich und ehe ich auf- und abgestiegen bin, kannst du dich selbst auf dem Pferd halten. Das konntest du vorhin auch. Es standen wohl mehrere Wachen um dich herum, aber sobald du auf dem Pferd saßest, hast du dich selbst gehalten. Gesehen habe ich es!“, rief Heinrich aus und wusste genau, was er sagte, er hatte Philipp schließlich nicht aus den Augen gelassen. Er hatte gesehen, wie die Hände seines Königs die Mähe gegriffen hatten und wie fest der Griff gewesen war. Auch war ihm nicht entgangen, wie es ihm gelungen war, sich aufrecht zu halten, obwohl er seine Beine nicht spürte.
„Dann lass uns hier bleiben“, entschied der König und er zog die Zügel an, damit das Tier ganz stehen blieb. Hinter ihm sprang Heinrich ab, der ihn dann behutsam vom Pferd hob. Tatsächlich hatte der Königsdiener recht gehabt, Philipp hatte sich davor selbst auf dem Pferd gehalten. Das Tier stand und so gab es keinen Grund, das Gleichgewicht zu verlieren. Heinrich trug ihn noch etwas vom Pferd weg, ehe er ihn behutsam auf das weiche Gras legte und sich selbst neben ihn setzte.
Einem Impuls folgend, hob der Diener den Kopf seines Königs noch einmal an und bettete ihn auf seinem Schoß. Das zufriedene Lächeln, dass auf dem Gesicht von Philipp lag, war der größte Lohn, des es für ihn geben konnte. Dass dieses auch nicht verblasste, als der König eingeschlafen war, machte es nur noch besser. „Schlaf unbesorgt, mein Herr, ich werde über dich wachen“, murmelte Heinrich und beobachtete seinen König eingehend.
Stunden später erwachte der König wieder und gähnte herzhaft. Heinrich hielt seinen König sanft fest und beobachtete, wie dieser seine Augen öffnete. „Hast du gut geruht, mein Herr?“, fragte der Diener leise. „Das habe ich, mein Heinrich“, murmelte der König noch verschlafen und rieb sich über die Augen. „Das freut mich zu hören, mein Herr“, sagte Heinrich und wartete ab, ob sein König sich nun aufsetzte. Doch das tat er nicht, er blieb ruhig liegen, mit dem Kopf weiterhin auf Heinrichs Schoß.
„Der Abend graut schon, du hättest mich wecken können! Deine Beine müssen dir eingeschlafen sein“, rief der König aus, nachdem er gesehen hatte, dass der Himmel sich bereits gelb-rot verfärbt hatte. Dann setzte er sich doch auf und drehte seinen Kopf so, dass er seinen Diener sehen konnte.
„Das konnte ich nicht, mein Herr, du sahst so friedlich und zufrieden aus, wer wäre ich, dich zu wecken?“, erwiderte Heinrich leise und zog seine Beine an, die stark kribbelten.
„Mein Heinrich, du bist zu gut zu mir.“
„Nein, mein Herr, das bin ich nicht, denn nur das Beste hast du verdient. Doch, verzeih meine Frage, fühlst du dich dem Rückweg gewachsen?“ Als Antwort erhielt er ein kleines Nicken und so stand Heinrich auf und holte das Pferd. Ehe er es aber wagte seinen König hochzuheben, ging er noch ein wenig umher, damit seine Beine ihn auch wirklich tragen wollten.

Die Wachen, die noch immer auf der Pferdestange saßen, waren bereits besorgt. Zu lange war ihr König schon weg. Doch war die Bitte, nicht mitzukommen gleich einem Befehl, den sie nicht brechen wollten. Als sie nun das Klippedi-klapp der Hufe hörte, waren sie erleichtert und gleichsam verwundert, als sie ihren König auch sehen konnten, denn in dessen Haaren war etwas Gras. Allerdings sah er nicht so aus, als wäre er gestürzt, was eine Beruhigung für die Wachen war. Sie sprangen auf und halfen ihrem König vom Pferd, um ihn erneut auf den Tragestuhl zu setzen.

~~*~~


Nun war genau ein Jahr und ein Tag vergangen, seit der König als Frosch gegen die Wand geflogen war. Ein Jahr, das ihm viel beigebracht hatte, was er niemals hatte wissen wollen. Er kam zurecht, auch wenn er auf Unterstützung angewiesen war, was ihm noch immer nicht behagte. Vieles, was Philipp liebte, konnte er nicht mehr machen, doch je mehr Zeit verging, desto mehr Wege fanden sie, ihm diese Dinge doch zu ermöglichen oder neuen Ersatz zu finden.
An diesem Abend, als der König nun in einem Sessel in seinem Gemach saß und in die Dunkelheit sah, dachte er über vieles nach. Unter anderem auch über Dinge, die er immer umgangen hatte.
„Heinrich?“, rief er leise und wie erwartet, hörte er gleich darauf, wie dieser eintrat. Die vertrauten Schritte kamen näher und der andere Mann blieb neben ihm stehen und setzte zu einer Verbeugung an. „Nicht doch, Heinrich. Das hast du auch nie getan als wir Kinder waren“, sagte Philipp und drehte seinen Kopf so, dass er den anderen Mann ganz ansehen konnte.
„Als Kinder wohl nicht, mein Herr, doch nicht länger sind wir das. Bist du mein König und ich dein Diener und so will ich mich verhalten“, erwiderte Heinrich ruhig und sah Philipp dabei an.
„Doch kann kaum ein König von sich sagen, jemanden wie dich an seiner Seite zu haben. Wann immer ich rufe, du bist da und manchmal… manchmal frage ich mich in der Dunkelheit der Nacht, ob es wirklich nur die Pflicht sein kann, die dich dazu bringt.“ Was Philipp nicht aussprach war, dass er sich wünschen würde, dass es wahr war. Dass es nicht nur die Pflicht war, die Heinrich an seiner Seite hielt.
Der Diener sah erschüttert aus und machte einen Schritt nach hinten, wich aus und wirkte verängstigt. Es war ein Ausdruck, den der König nicht auf Heinrichs Gesicht kannte. Leise sollten die nächsten Worte Heinrichs sein und fand dieser auch nicht den Mut, etwas anderes, als den Boden anzusehen. „Ja, mein Herr, Recht hast du, lange schon will ich gerne mehr sein, als ein Diener. Doch nicht nach Macht und Reichtum sehnt es mich, sondern nach Nähe. Nähe zu dir, mein Herr. Doch weiß ich, dass es nicht sein kann und so will ich nur dein treuer Diener sein, deine Beine, die dich tragen. Ich bin immer für dich da, weil ich den Gedanken, dass dir etwas fehlen könnte, nicht ertragen kann. Das konnte ich nie, denn vermag ich das, was ich am meisten liebe, nicht leiden zu sehen.“ Heinrich fürchtete eine Strafe, oder Schlimmeres und schloss seine Augen. Wohlwissend, dass seine Worte und sein Begehren Sünde waren, aus vielen Gründen.
Doch bei allen Reaktionen, die Heinrich sich ausgemalt hatte, war nicht die dabei, die er hervorrufen sollte. „Heinrich…“, hauchte der König, doch der andere Mann trat nicht wieder näher an ihn heran, so sah er sich gezwungen, zu ihm zu gelangen.
Philipp stemmte sich mit den Armen auf der Lehne des Sessels ab und kam so in eine beinahe aufrechte Haltung. Doch da er seine Beine nicht einmal spüren konnte, konnte er nicht auf ihnen stehen und fiel nach vorne. Da riss sich Heinrich aus seiner Starre und fing ihn auf.
Noch ein wenig erschüttert hielt Philipp sich an Heinrich fest. „Heinrich, mein Heinrich! Lass mich nicht los. Doch bitte nicht weil die Pflicht es will, sondern weil auch ich dich liebe!“, sprudelte es auf ihm heraus und einen lauten Krach tat es.
Das letzte Band, das um Heinrichs Herzen gelegen hatte, war gebrochen, ganz lebendig war es wieder und heil zum ersten Mal seit Jugendjahren. Die Furcht, der Verurteilung war noch da, doch nicht mehr so stark, denn Philipp empfand so wie er selbst! Kein größeres Glück konnte es für ihn geben. „Phillip, sorge dich nicht, das war das letzte Band, das bricht“, sagte er leise und voller Freude.  Mit behutsamen und geübten Bewegungen brachte Heinrich Philipp zum Bett, wo er ihn ablegte. Als sich nun andere Arme um ihn schlangen und ihn zu sich herunterzogen, da fiel Heinrich auf das Bett, neben Philipp. Dieser fuhr mit einer Hand in Heinrichs helle Haare und kam ihm dann auch mit dem Gesicht immer näher, um ihn einen mutigen und doch unbeholfenen Kuss zu geben, den Heinrich voller Leidenschaft erwiderte. Ohne dass er über das nachdachte, was er machte, zog er Phillip noch enger an sich heran, fuhr ihm mit einer großen und starken Hand über den Körper. Achtete aber darauf, dass er Phillip nur da berührte, wo er ihn auch spüren konnte, womit er jede Berührung an den Beinen vermied. An diesem Abend tauschten sie noch viele Küsse, ehe Phillip in Heinrichs Armen einschlief und dieser blieb einfach liegen, erst beobachtete er seinen Geliebten nur, ehe er selbst vom Schlaf übermannt wurde.

Wie nahe sich Philipp und Heinrich standen, war ein Geheimnis, dass sie vor allen Augen und Ohren zu wahren versuchten. Doch in der Heimlichkeit der Königsgemächer waren sie offen und liebten sich nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit den Körpern…

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
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