Die Darcys auf Pemberley Teil IV

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Georgiana Darcy Mr. Gardiner Mrs. Gardiner
19.08.2014
08.09.2014
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19.08.2014 2.207
 
Sie schliefen beide wirklich noch eine halbe Stunde und wachten glücklich auf, sich ihrer Liebe wieder absolut sicher, als die Kinder vor der Tür riefen und Einlass forderten.
Mrs. Annesley kam hinzu, erschrocken, dass ihr die beiden Racker 'ausgekniffen' waren. George hatte sich, wie er es ja nun schon lange konnte, aus seinem Bettchen davon gemacht, aber es war unbegreiflich, wie Jane es geschafft hatte. Noch unbegreiflicher war es allen, wie still das vor sich gegangen war. – Und vor allem, wie sie durch die geschlossene Tür gekommen waren, denn George konnte die Tür nur mit Getöse öffnen, wenn er sich dagegen warf, während er sich am Griff festklammerte.
Wenn nicht für den nächsten Tag Besuch angekündigt gewesen wäre, hätte Mr. Darcy vorgeschlagen, sich auf die Lauer zu legen, wer aus der Dienerschaft sich zum Komplizen der beiden gemacht hatte. Eine andere Lösung des Rätsels war ihm nicht vorstellbar. Aber so ein Verhalten war bei Besuch im Haus unangebracht.
So zog man zu fünft in den großen Salon um. Der war inzwischen zum allgemeinen Aufenthaltsort geworden, mit einer großen Spielecke und einer Lese- und Nähecke. Auch ein Flügel stand dort. Für Besucher blieb der zweite Salon in gewohnter Ordnung. Elizabeth holte den Armenkorb hervor und machte sich an eine der weniger beliebten Arbeiten: Knopfschlaufen nähen. Jedes Hemd, jede Bluse, jedes Kittelchen bekam einen Knopf am Hals zum Schließen. Die Knöpfe waren einfach und selbst gefertigt. Aber die Empfänger dieser Gaben waren immer so erfreut, wenn sie Kleidung 'wie die hohen Herrschaften' tragen konnten. Normalerweise wurde ihre Kleidung mit Bändern verschlossen. Das wurden sie jetzt auch noch, es war nur der eine Knopf am Halsausschnitt. Fitzwilliam zog fragend eine Augenbraue hoch.
Elizabeth wartete die Frage gar nicht erst ab: „Seht mal, es ist für die Leute doch schon schwer genug, auf milde Gaben angewiesen zu sein. Da habe ich mir gedacht, ich mache aus der milden Gabe ein kleines Geschenk. Ein einziger Knopf wertet die Gabe einer ganzen Ausstattung auf.”
Fitzwilliam fragte nur: „Gutsherrin, lernt man so etwas in Longbourn House?”
Sie lachte hell auf: „Sicher nicht unter der jetzigen Herrin. Die war immer nur für eigenen Putz und den ihrer Töchter zuständig. Ich weiß nicht, wer die Armen von Longbourn versorgt. Wir hatten uns nie Gedanken darum gemacht. Wir arbeiteten an den Nachmittagen, an denen wir uns nicht auf einen Ball oder auf eine Dinner-Einladung vorbereiteten, für den Armenkorb, aber ich weiß nicht, wer die Kleidung dann verteilte. Vielleicht sorgte Vater dafür, aber ich bezweifle das. Ich weiß nicht einmal, ob wir viele Arme hatten. Ich denke, es gibt einige Tagelöhner, aber ich weiß wirklich nicht, wie die leben, wahrscheinlich auch nicht besser als hier.”
„Da sie keine umsichtige Herrin haben, leben sie ganz sicher nicht so gut wie hier. Ich bin stolz, so eine gute Gattin für mich und Gutsherrin für Pemberley gefunden zu haben.”
Mrs. Annesley und Mrs. Reynolds, die zufällig gerade hereinkam, um den Kleinen ihre Milch zu bringen, nickten beifällig. Eine bessere Gattin hätte er wahrhaftig nicht finden können, auch wenn sie die Traditionen der Darcys etwas durcheinander brachte. Spielzeug im Salon! – Aber dafür war nun im Haus die Fröhlichkeit der Kinder zu hören. Die Herrschaften zogen sich am helllichten Tag in ein gemeinsames Zimmer zurück! – Aber sie füllten die Räume mit Liebe statt mit Kälte.
Mrs. Annesley war schon in einigen Familien gewesen, als Gast und als Gesellschaftsdame, und fast überall ging es tagtäglich so überaus steif und förmlich zu, dass sie vermutete, hinter der Fassade auch keinen persönlichen Umgang vorzufinden. Hier fand sie nicht nur Freundlichkeit, sondern Herzlichkeit vor. Nur deshalb hatte sie sich zur Position der Nanny bereit erklärt. Sie wollte hier bleiben, so lange man sie haben wollte. Hätte sie gewartet, bis die kleine Miss Darcy groß genug für eine Gouvernante war, hätte sie bei einer anderen Familie sein können – oder die Darcys hätten eine andere Gouvernante eingestellt. Welcher andere Hausherr hätte sich denn persönlich vier Tage lang an das Krankenbett seiner Gattin gesetzt? Dabei waren sie beide in Gesellschaft so förmlich wie jede andere Familie. Sie hielten auf Etikette.

„Mr. Darcy, kann man Schrauben mit einem Brieföffner festigen oder lösen?” Alle sahen erstaunt auf, weil diese Frage selbst für eine ungewöhnliche Gutsherrin ungewöhnlich war.
„Ich weiß es nicht, Mrs. Darcy, ich habe mir nie Gedanken darum gemacht. Wahrscheinlich gibt es dafür passendere Werkzeuge; ich kann mir vorstellen, dass es zum Beispiel mit einer Messerklinge einfacher ist, wenn auch gefährlicher.” In Anwesenheit anderer mochte er lieber nicht nachfragen, worum es ging. Sie hatte wieder ihren Puck-Blick.
Der Nachmittag verging in verhältnismäßiger Stille. Die beiden Kleinen konnten und sollten nicht still und gesittet spielen. Quietschen, lachen, rufen, schreien waren erlaubt, streiten nicht. Ein gewisser Streit war notwendig, damit sie ihre Positionen sichern konnten, aber die Erwachsenen achteten sehr darauf, dass es nicht zu Kämpfen wie zwischen George und Susan ausarten konnte, da Jane dann immer im Nachteil war. Bei 'normalen' Streits gewann durchaus auch einmal Jane. Wenn es ihr nicht ganz so wichtig war, gab sie nach, sonst bestand sie auf ihrem Recht. George war sogar zunehmend bereit, das zu akzeptieren.

Smith kam herein mit einer Notiz auf dem Tablett. Mr. Darcy nahm sie auf, wunderte sich offensichtlich und entschuldigte sich dann. Er ging in sein Arbeitszimmer.
Smith folgte ihm. „Herr, entschuldigt bitte die etwas ungehörige Bitte um eine Unterredung. Ich habe bemerkt, dass die Kinder sozusagen Mrs. Annesley entwischt sind. Sie müssen Hilfe gehabt haben, denn sie können sich nicht so leise davonstehlen, und Mrs. Annesley ist bei aller Güte doch auch sehr aufmerksam. Ich möchte nicht, dass die Kinder zu Schaden kommen, weil sie unbeaufsichtigt durch das Haus gehen. Die Treppen sind für die kleine Miss viel zu gefährlich.
Ich habe diejenigen der Dienerschaft, die mir vertrauenswürdig erscheinen, befragt. Ich glaube, ich weiß, wer die Komplizin war. Ich muss sie jedoch in flagranti erwischen, sonst wird sie verständlicherweise nichts zugeben. Ich erbitte darum die Erlaubnis, mich in dem betreffenden Gang aufhalten zu dürfen, wenn die Kinder ihre Ruhezeit haben.”
„Smith, die Erlaubnis gebe ich gern. Auch ich habe mir große Sorgen um die Sicherheit der Kinder gemacht. Ich zeigte sie aber nicht, weil ich Mrs. Darcy nicht beunruhigen wollte. Ich hoffe, Euer Stellvertreter ist vertrauenswürdig?”
„Das ist er ganz gewiss, und ich werde Stokes Bescheid sagen, wenn er mich vertreten muss.”
„Habt Dank für die umsichtige Handlungsweise.”
Dann ging er in den Salon zurück. Als Hausherr war er keine Rechenschaft schuldig. Aber er hätte Elizabeth zumindest andeutungsweise gesagt, was passiert war, wenn sie unter sich gewesen wären. So sah sie nicht einmal von ihrer Arbeit auf, um ihn nicht zur Auskunft zu animieren. Man hielt wirklich auf Etikette.

Abends wartete Fitzwilliam wie üblich fast ungeduldig in seinem Zimmer auf seine geliebte Elizabeth. Sie kam nicht. Stattdessen hörte er merkwürdige Geräusche an der Verbindungstür, die noch geschlossen war, wie üblich, bevor die Zofe ging. Er ging auf den Gang und durch ihren Salon ganz leise in ihr Schlafzimmer. An der Verbindungstür stand Elizabeth und mühte sich mit etwas ab. Wollte sie etwa den inzwischen schwergängigen Riegel wieder vorschieben? Er schlich sich heran und sah über ihre Schulter. Dann schlich er sich wieder in sein Zimmer, klopfte an die Verbindungstür und öffnete sie. Elizabeth stand da wie ertappt.
„Elfchen, was machst Du denn mit dem Brieföffner?”
„Ich wollte die Schrauben entfernen, den Riegel will ich nicht an meiner Tür haben. Aber es geht einfach nicht.”
„Dafür gibt es zwei Erklärungen. Entweder sind Deine Hände zu zart für eine solche Arbeit oder Du hast die Schraube falsch herum drehen wollen.”
Damit nahm er ihr den Brieföffner ab und versuchte sich selber an der ungewohnten Arbeit. Nachdem diese Arbeit geschafft war, fragte er, ob noch weitere Riegel entfernt werden sollen. Sie sah sich prüfend um. Nein, die Türen zum Gang wollte sie weiterhin verschließen können. Sie wollte nur unmissverständlich deutlich machen, dass sie nicht vorhatte, der Darcy-Tradition zu folgen.
Er war sich der Bedeutung der Geste wohl bewusst und fragte sich wieder einmal, warum er am vergangenen Tag so verbohrt gewesen war. Da auf seiner Seite natürlich kein Riegel angebracht war, konnte er die Geste nicht vervollständigen. Aber das war auch nicht nötig. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass es eine Situation geben könnte, in der er einen Riegel brauchte – er übrigens auch nicht.
„Ich wollte das schon gleich gestern Nachmittag machen, aber die Schere war zu schwach. Die habe ich dabei ruiniert.” Sie zeigte die kleine Schere für Applikationen her, die wirklich hoffnungslos verbogen war. Er nahm sie ihr lächelnd ab. „Die gebe ich zum Metalllager. Mir wird schon eine Ausrede einfallen.”
Da es jetzt noch eine Weile dauern würde, bis sie kam, legte er sich schon hin. Sie kam erstaunlich schnell, plumpste weder damen- noch elfenhaft auf sein Bett und streckte sich genüsslich. Auf seinen erstaunten Blick hin meinte sie nur: „Ich habe mich so beeilt, herzukommen, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe, einfach nur die müde Elizabeth zu sein. Die ist so unattraktiv, dass ich sie eigentlich immer vor Dir verstecken will. Aber manchmal ist sie recht dickköpfig.”
„Es tut mir ja Leid, dass Du so müde bist, aber Du musst Dich doch noch einmal aufsetzen. Du hast vergessen, die Haare zu lösen und ich möchte nicht, dass sich heute Nacht eine der Haarnadeln löst und Dir das Gesicht zerkratzt.”
Das war ein durchaus berechtigter Einwand. Sie setzte sich also wieder auf. Dann bewies Fitzwilliam ihr, dass er vielleicht nicht in der Lage war, ihre Haare aufzustecken, sie aber sehr wohl lösen konnte. Nach sorgfältiger Kontrolle, dass er auch ja keine der Nadeln übersehen hatte, überlegte er, ob er jetzt die Bürste holen sollte. Mussten die Haare auch dann gebürstet werden, wenn Elizabeth so müde war? Wieso hatte die Zofe das nicht gemacht?
„Elizabeth, das geht mich jetzt nichts an. Ich liebe es, Dein Haar so zu berühren und so in Unordnung bringen zu dürfen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn sich Dein Haar wie ein Wasserfall über Deine Schultern ergießt. – Und ein unbeschreiblich sanftes Gefühl, wenn es dabei über meine Hände streicht. – Aber warum hat das nicht Deine Zofe gemacht?”
„Ich hatte mir nicht die Zeit genommen. Ich wollte zu Dir. Vielleicht schnürst Du mir auch das Mieder auf? – – – Danke! Und jetzt halte mich bitte, damit ich mich zuhause fühle. – Macht es Dir was aus, wenn wir gleich das Licht löschen?”
Er löschte das Licht, obwohl er bei dieser Einleitung auf einen anderen Verlauf gehofft hatte. Da sie nicht gleich sprach, schien sie wirklich sehr müde zu sein, seine kleine zarte Elizabeth.
„Fitzwilliam, bitte verrate nie jemanden, dass ich heute so unanständig war. Bit-te!”
„He, Elizabeth, das geht doch niemanden etwas an, oder? Natürlich sage ich das niemandem. Das hätte ich auch nie jemandem erzählt, wenn Du mich nicht darum gebeten hättest. Es gibt Geschenke, die verlieren ihren Zauber, wenn man zu anderen darüber spricht. Heute Nachmittag war ein solches Geschenk.”
„Ich … es … mir hat es Angst gemacht. Es war schön, irgendwie wie morgens im Morgenrock barfuß über die Wiesen durch den Tau zu laufen. Aber da war etwas in mir, das mich überrannt hat, ich hatte keine Kontrolle mehr, und ich denke, Du hast es nicht verdient, dass ich ohne Rücksicht auf Dich – Vergnügen – habe.”
„Elfchen, es hat Dir Angst gemacht, weil Du das noch nie erlebt hast. Als ich merkte, dass es Dich überrannte, wie Du es nennst, habe ich einfach meine Kontrolle aufgegeben und auch – Vergnügen – gehabt. Glaub mir, es war ein wundervolles Geschenk. Ich hoffe für Dich, dass Du noch oft so überrannt wirst. Es wird Dir gefallen, wenn Du erst einmal daran gewohnt bist, die Kontrolle zu verlieren, glaube mir. Und ich wünsche uns, dass es nicht lange dauert, bis Du daran gewohnt bist.
… Sag mal, was höre ich da, die Gutsherrin läuft im Morgenrock barfuß durch den Morgentau? Elfchen, alles was Recht ist, aber das geht nun wirklich nicht. Nicht wegen des Anstands, sondern einzig und allein wegen Deiner Gesundheit. Wieso habe ich das nie bemerkt?”
„Das war zu einer Zeit, als Du mich noch nicht im Bett zurückhalten konntest. Jane wusste davon und lenkte Mutter ab, wenn ich wieder zurückkam. Mutter wunderte sich nur, dass mein Morgenrock am Saum immer so komisch aussah. Ich konnte ihn ja schließlich nicht täglich bügeln lassen, oder? Jane hat mir zwar immer geholfen, aber sie hat mich nie verstanden. Sie probierte es auch einmal aus, und sie fand es schrecklich. Den anderen war es wichtiger, länger im Bett zu liegen.”
„Jetzt weiß ich endlich, warum Du mich fast von Anfang an an eine Elfe erinnert hast. Nur Elfen haben Vergnügen daran, den Morgentau zu spüren. Ich werde mir überlegen, wie ich meiner Elfe dieses Vergnügen wieder bereiten kann. Aber versprich mir, das nie im Winter zu tun!”
„Keine Sorge, bei Rauhreif oder gefrorenem Boden bringt es keinen Spaß. Bei Schlamm mit Patten auch nicht so richtig, weil man da so am Boden klebt und nicht versuchen kann, durch weite Schritte halbwegs zu schweben.”
Noch nie hatte ihn ein Gespräch ohne Licht so beeindruckt. Er musste seiner Elizabeth einfach ermöglichen, diese Seite auszuleben bevor sie an Regeln und Konventionen erstickte. Er hatte nur nicht die geringste Ahnung, wie er das machen konnte.
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