Die Darcys auf Pemberley Teil IV

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Georgiana Darcy Mr. Gardiner Mrs. Gardiner
19.08.2014
08.09.2014
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Am nächsten Morgen wachte Elizabeth vor Fitzwilliam auf. Sie wartete geduldig, bis er die Augen öffnete und begrüßte ihn mit dem Extra-Kuss.
„Elfchen, was ist?”
„Das wird das erste Jahr, in dem wir nur für uns und unsere kleine Familie da sind und uns nicht mit Aufmerksamkeit auf andere ablenken können. Und weißt Du was? – Wir schaffen das.”
„Und ob! Dieses Jahr wird noch schöner werden als die bisherigen Jahre”, bestätigte Fitzwilliam glücklich. „Elfchen, hast Du an unserem ersten gemeinsamen Morgen gewusst, dass ich schwindelte, um noch einen Extra-Kuss zu bekommen?”
„Fitzwilliam, musst Du immer so peinliche Sachen fragen?”
'Himmel hilf, was ist daran nun peinlich?' „Elfchen, ich bitte Dich!”
„Ich merkte es nicht gleich. Erst als ich schon dabei war, kam es mir so vor als ob ich das schon einmal getan hätte. Ich war mir nicht wirklich sicher. Das war ich erst bei Deiner Antwort an unserem zweiten Abend.”
„Was hättest Du gemacht, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte?”
„Ich weiß es nicht. Ich wollte Dich unbedingt küssen, aber das geht doch nicht einfach nur so, ich meine, so ganz ohne Grund. Das macht eine Dame doch nicht! Als Gutsherrin schickt sich das erst recht nicht. Zur Not hätte ich Dich wahrscheinlich einfach gefragt, ob Du einen Grund weißt. Du weißt doch immer Rat.”
„Elfchen, wann immer Du mich küssen willst, hast Du drei gute Gründe. Erstens willst Du es. Der Grund ist der wichtigste, den es geben kann. Zweitens bin ich über jeden Extra-Kuss von Dir so überglücklich, dass ich nicht genug davon bekommen kann und werde nie auf einer Begründung bestehen. Und drittens küssen Elfen wirklich auch einfach nur so. Sie fragen nicht nach Gründen. Nur Damen gönnen sich diesen Luxus nicht. In meinem Bett bist Du keine Gutsherrin, sondern ein Elfchen – oder, wenn es gar nicht anders geht, auch mal aus Versehen eine Dame.”
Die Reaktion darauf kam mündlich, aber wortlos. Einen Grund schob sie einige atemlose Ewigkeiten später nach: „Damit das Jahr auch ganz bestimmt gut anfängt!”

Viel später saßen sie im Salon und sahen die Post durch.
Die Gardiners fragten an, ob sie sich zu Weihnachten einladen dürften. Sie würden gerne auch einmal eine Gegeneinladung aussprechen, würden die aber lieber auf den Sommer verschieben, damit die Reise für die Kleinen weniger anstrengend war. Im Winter waren die Straßen so unsicher und es war so kalt in einer Kutsche. Selbstverständlich wurde sofort eine Einladung zur Weihnachtsfeier geschrieben.
Anne schrieb:

Liebe Fitzwilliam, Elizabeth, George und Jane,
Ich hoffe, es geht Euch allen so gut wie mir jetzt. Jedenfalls so gut wie mir, wenn mir mein liebender Gatte endlich glaubt, dass ich ganz bestimmt nicht von ihm vom Frühstücksraum in den Salon getragen werden muss. Das würde er nämlich am liebsten machen, weil ich mich doch unbedingt schonen muss.
Wir werden im neuen Jahr zu dritt sein. Daher seine übergroße Fürsorge. Aber mal ehrlich: ich werde allmählich dieser Fürsorge überdrüssig. Die Fürsorge, die ich in Rosings erfahren durfte, reicht für drei Leben – mindestens. Anfangs hat er mich ja auch ganz normal behandelt. Er ist erst so, seit er weiß, dass er Vater wird. Wenn er so weitermacht, werde ich drohen, ihm beim nächsten Kind erst Bescheid zu sagen, wenn es in der Wiege liegt. Ich weiß nur noch nicht, wie ich das bewerkstelligen soll.
Wir werden es so machen wie Ihr mit Jane. Taufe wird entweder direkt an Ostern oder am Sonntag darauf sein. Vorausgesetzt, Junior weiß, wann Ostern ist und richtet sich nicht auf einen späteren Termin ein. Ihr kommt doch hoffentlich alle?
Die zukünftigen Großeltern sind ganz aus dem Häuschen. Besonders meine Mutter, wird sie doch zum ersten Mal Großmutter. Inzwischen ist George der Meinung, wir hätten wohl lieber doch ein Haus in Derbyshire erbitten sollen, aber nun ist es zu spät. Nun, ich hoffe einfach auf einen Sohn, da ist meine Mutter nicht ganz so besorgt wie bei einer Tochter, glaube ich. Fragt mich nicht nach der Logik. George möchte wohl auch lieber einen Sohn. Das wäre wohl auch aus meiner Warte das Beste, nicht nur wegen Mutter, sondern weil wir dann sicher sein können, dass Rosings in der Familie bleibt. Als De Bourgh ging es auch an Töchter, als Fitzwilliam wohl nur an Söhne. Das will George noch vom Obersten Gericht klären lassen.
Nein, das ist alles Unfug. Ich will einfach nur ein gesundes Kind haben, egal ob Junge oder Mädchen.
Übrigens: Mr. Fitzwilliam hat mir zum ursprünglich vorgesehenen Hochzeitstermin gesagt, dass wir uns doch wie früher mit den Vornamen anreden sollten. Natürlich lassen wir das 'Cousin' und 'Cousine' weg. Das 'Mrs. Fitzwilliam' fand er anfangs so schön, weil er so stolz war, mich zur Gemahlin zu haben. Ich bin gern auf seinen Vorschlag im Oktober eingegangen. Ich finde das so schön persönlich und ein mir bekanntes Ehepaar hat mir gezeigt, wie vertraut man dadurch wird. (Ihr habt Euch wirklich bemüht, der Etikette Genüge zu tun, habt es aber nicht immer geschafft!) Das Einvernehmen möchte ich in meiner Ehe auch haben. Habt Ihr noch weitere Vorschläge?
Falls Ihr zu Weihnachten nach London kommt, sagt uns bitte Bescheid. Wir können dann das Haus der Schwiegereltern bekommen; falls sie doch nicht nach Derbyshire zurückgehen, können wir da auf alle Fälle Hausgäste sein.
Wisst Ihr, was das schönste an meinem neuen Leben ist, natürlich außer der Liebe meines Gatten? Mrs. Jenkinson ist auf Rosings geblieben. Mutter wollte uns erst überreden, sie aufzunehmen, aber George meinte, er könne mir alleine Gesellschaft leisten. Es ginge nicht nur um Gesellschaft, jemand müsse auch meine Ruhezeiten am Tage überwachen. Auch das hat er aufopfernd übernommen. Aber ich habe den Verdacht, wir haben das anfangs anders ausgeführt als Mutter sich das vorgestellt hat. Nun allerdings achtet George wirklich darauf. Schließlich muss ich mich doch schonen, wie er mir jedes Mal liebevoll erklärt. Ich weiß nicht, ob es dringend notwendig ist. Was meint Ihr?
Ich habe inzwischen sogar wieder ein eigenes Reitpferd. Na ja, jetzt darf ich erst einmal nicht mehr reiten. Erst im April oder Mai wieder. Vor zwölf Jahren musste ich das Reiten aufgeben, damit ich meiner Gesundheit nicht schade, jetzt gebe ich es kurzfristig auf, um der nächsten Generation nicht zu schaden. (George sieht mir gerade über die Schulter und meint, es gehe ihm ebenfalls um meine Gesundheit, die zur Zeit bei einem Sturz in höchster Gefahr wäre, während er Reiten ansonsten für sehr gesund halte.)
Alles Liebe, mit besonderem Küsschen an Jane,
Eure Anne und George Fitzwilliam
P.S.: Ich hatte dieses Jahr nur eine kleine Erkältung im Februar, die war nach zwei Wochen schon wieder weg. Sonst war ich immer ganz gesund. Das muss auch so sein. Meine Kinder sollen ja nicht immer um eine kranke Mama herumschleichen.


„Nun, dann können wir ja Onkel und Tante Gardiner sagen, dass wir so um Ostern herum in London sein werden. Von da aus geht es dann weiter nach – ja wohin denn? Hat sie ihre Anschrift wenigstens außen  vermerkt? – Nein, da müssen wir wohl die zukünftigen Großeltern fragen, wo das junge Glück denn nun wohnt. Unsere kleine Anne muss sehr glücklich sein, dass sie an solche Sachen nicht denkt”, meinte Fitzwilliam amüsiert.
„Das liegt vielleicht an zu viel Kaffee und zu wenigen Ruhezeiten!”
„Den Kaffee gönne ich Dir weiterhin, Du hattest ja lange genug darauf verzichten müssen. Aber die Ruhezeiten sind eine vorzügliche Idee. Die werde ich für Dich ab sofort auch einführen. Widerspruch kannst Du einlegen, wenn es Dir nach einer Woche davon schlechter geht. Aber bitte tu mir den großen Gefallen und probiere es einmal aus. Bitte!!“
„Ich probiere es aus, aber nur für Dich. Es ist Unfug, aber ich tu es Dir zuliebe. Ich brauche keineswegs mehr Ruhe. Solltest Du es aber anders gemeint haben, wäre mir ein späterer Zeitpunkt lieber, wenn ich bedenke, was das für Folgen haben kann. Jane ist mir noch ein bisschen zu jung.“
„Ich dachte ehrlich an echte Ruhezeiten, damit Du mir lange gesund bleibst.“
„Oh, schade.”
'Sagt das mein schüchternes Elfchen?' Um sie nicht zu bedrängen, zwinkerte er ihr nur liebevoll zu.
Der nächste Brief kam von Georgiana:

Liebe Fitzwilliam, Elizabeth, George und Jane,
Mir sind inzwischen so einige Dinge aufgefallen, die ich auf Pemberley vergessen habe. Ich hoffe, es ist Euch recht, wenn wir am 23. November für einige Tage kommen. Wir werden Euch bestimmt nicht unnötig im Wege sein.
Ich könnte Euch ja auch einfach eine Liste schicken, aber vielleicht fallen mir ja noch andere Dinge ein, wenn ich sie sehe. Auf alle Fälle habe ich sehr viele Notenblätter für meine Harfe vergessen. Da ich davon ausgehe, dass Elizabeth nicht Harfe lernen will und dass Jane noch viel zu klein dafür ist, würde ich die Noten gerne mitnehmen. Auch einige Noten für Klavier hätte ich gerne. Elizabeth, möchtest Du schon einmal schauen, welche Du absolut selber behalten willst?
Im Großen Haus gibt es einen Flügel, aber keine Harfe. Gut, die transportieren wir dann immer in der Kutsche hin. Aber sich dort nur an den Flügel zu setzen ist einfach praktischer. Meine Schwägerin singt lieber als dass sie spielt. Also spiele ich und sie singt dazu. Mr. und Mrs. Stanfolk finden das gut. Ich bin nur erleichtert, dass wir uns verstehen. Stellt euch vor, ich sollte zu Julias Klavierspiel singen. Sie spielt übrigens viel besser als ich singe, aber da gehört nicht viel dazu. Ihr seht, einige der Klaviernoten wären schön. Da ihr nicht wisst, was wir hier haben, kann ich keine genaueren Angaben machen.
Ich wurde auch gefragt, ob ich Gemälde von meinen Eltern hier in der Galerie mit aufhängen möchte, aber ich habe gesagt, das müsse ich meinen Bruder entscheiden lassen. Ich finde es ehrlich gesagt sehr aufmerksam von ihnen, aber ich bin mir nicht sicher …
Bis zum 23. November
Mr. und Mrs. William Stanfolk


„Ich werde nicht vorsortieren. Die Noten gehören alle Georgiana. Da soll sie alles mitnehmen, was sie möchte. Meine Lieblingsstücke kann ich sowieso auswendig und ich kann mir ja auch selber Noten kaufen. Ich kann sie nicht einmal vorsortieren, weil ich nicht weiß, nach welchem System sie die sortiert haben möchte.”
„Ich kenne mich da nicht so aus, aber kannst Du nicht nach 'mit Gesang' und 'ohne Gesang' vorsortieren?”
„Das kann ich machen, aber ich habe nur noch heute und morgen Zeit, und ich weiß nicht, wie genau Du meine Ruhezeiten überwachen willst – und wie lange die dauern sollen!”
„Wann beginnen die Ruhezeiten von George und wie lange dauern sie?”
„Er hat nur noch eine Ruhezeit am Tag, von ungefähr zwei Uhr bis ungefähr drei Uhr. Das ist davon abhängig, wann er vom Spiel am Vormittag ermüdet ist. Aber er ruht so ziemlich genau eine Stunde.”
„In Anbetracht der Kürze der Zeit schlage ich doch vor, dass Du heute und morgen auch ruhst, ich auf Dich aufpasse, und wir dann heute Abend, statt zu lesen, gemeinsam die Noten sortieren!”
„Solltest Du nicht besser Pemberley verwalten, statt aufzupassen, dass Deine Gattin die Ruhezeiten einhält?”
„Elfchen, wir haben Ende November! Was habe ich denn da schon großartig zu verwalten? Fallendes Laub?”
George hatte im Salon gespielt und beim Wort 'Ruhezeit' sehr misstrauisch geguckt, ob er wohl jetzt gleich in sein Zimmer gebracht würde. Aber es geschah nichts, sodass er zufrieden mit seinem Bauernhof weiterspielte.
Der nächste Brief war von Charlotte Collins. Sie hatte sich inzwischen von der letzten Geburt erholt. Es hatte immerhin fast fünf Wochen gedauert. Das Mädchen war schwächlich aber nicht krank. Einfach noch viel zu klein. Aber sie wuchs allmählich.
Da sie nun schon über dreißig war, hatten die Hebamme und auch der Arzt von weiteren Schwangerschaften abgeraten, weil ihr die letzte Geburt schon so zugesetzt hatte, dass sie nicht nur die Hebamme, sondern auch einen Arzt benötigte.
Mr. Collins schwankte zwischen Sorge und Anspruch. Einerseits machte er sich wirklich Sorgen um seine Gattin, andererseits meinte er, eine weitere Schwangerschaft solle man doch mit Gottvertrauen in Kauf nehmen, da er ja noch keinen Sohn habe.
Charlotte war bedrückt, weil sie ihrem Gatten gerne den Wunsch nach einem Sohn erfüllen würde, aber sie auch der Gedanke schreckte, zwei so kleine Kinder als Halbwaisen zurückzulassen.
Sie schloss mit
Bitte antworte nicht hierauf. Es ist nicht gerade nett von mir, Dir so meine Sorgen auszubreiten, aber ich habe sonst niemanden, der mich versteht. Selbst meine Eltern sagen nur, sie hätten ja schließlich auch mehr als zwei Kinder.
Die einzige, die sofort auf meiner Seite war, kam und mir zumindest den Haushalt abnahm, war Deine Schwester Catherine. Lady Catherine war etwas beleidigt, dass ihre Namensvetterin die Einladungen nach Rosings ausschlug, weil sie zu meiner Pflege gekommen war und nicht, um auf Gesellschaften zu gehen. Collins traf fast der Schlag bei einer solchen Widersetzlichkeit. Aber die früher doch etwas flatterhafte Catherine (sie ist wirklich keine Kitty mehr) blieb standhaft.
Als dann Milady einmal hierher kam, und meine Schwägerin äußerst respektvoll war, aber darauf beharrte, dass mein Wohlbefinden wichtiger sei als ihr eigenes Vergnügen, schickte Milady ihr doch tatsächlich für den Rest ihres Aufenthaltes – sie ist vorgestern wieder nach Hause gefahren – täglich Kuchen oder kandierte Früchte und einmal sogar kandierte Veilchen. Meine Schwägerin muss also mit ihrer Haltung beeindruckt haben. Sie hat diese Delikatessen natürlich immer mit mir geteilt, damit ich schneller wieder zu Kräften komme. Collins war äußerst ungehalten, dass ich mich an Geschenken von Milady an andere bereichere. Aber Catherine bestand so lieb darauf, und wir können uns solche Leckereien wirklich nicht leisten, sodass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte. Seit zwei Tagen schickt Milady nun Kraftbrühe für mich und Ziegenmilch für die Mädchen. Ich vermute, sie vermisst es, ihre eigene Tochter zu umsorgen. Ist es undankbar von mir, wenn ich zugebe, dass mir die Leckereien lieber wären?
Alles Liebe,
Charlotte Collins
P.S. Gestern kam Mrs. Fitzwilliam kurz zu Besuch und sagte, sie würde den doch etwas längeren Brief für mich zur Post bringen, wenn ich ihn bis heute Mittag fertig habe, damit Collins sich nicht über das hohe Porto aufregt.


Elizabeth schob den Brief wortlos über den Tisch.
Als Fitzwilliam ihn gelesen hatte, meinte er: „Ich hätte nie gedacht, dass Kitty sich zu einer patenten Catherine entwickeln kann.
Bevor ich das erste Mal nach Netherfield kam, erkundigte ich mich in London nach den dort standesgemäßen Familien. Über Sir William hieß es, dass er an Geist und Vermögen unbedeutend sei. Den unbedeutenden Geist hat er jetzt wieder einmal unter Beweis gestellt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Mr. Bennet Dir so eine Antwort geben würde – falls ich mich jemals als so hohlköpfig erwiese, so viel Unverstand wie Collins zu zeigen.
Und dass Collins ein Hohlkopf ist, wissen wir auch nicht erst seit diesem Brief. Wieso braucht Collins denn überhaupt unbedingt einen Sohn?”
„Na, wegen Longbourn. Ich habe keine Ahnung, an wen Longbourn fällt, wenn auch Collins keinen Sohn hat. Diese Art Erbrecht ist unsinnig.”
„Nun, ganz so kann man das nicht sehen. In einigen Deutschen Ländern wird der Grund und Boden unter allen Söhnen gleichmäßig aufgeteilt. Wenn man zwei oder drei Generationen lang drei Söhne hat, wird das Erbteil häufig so klein, dass es keine Familie mehr ernähren kann. Dann verarmen alle Nachkommen.
In anderen Deutschen Ländern gibt es im Prinzip unser Erbrecht: Anerben, also entweder der älteste oder der jüngste Sohn in der männlichen Linie erbt, wenn es in einer Familie keinen Sohn gibt, erbt der nächste männliche Verwandte. Allerdings kann dort häufig die älteste unverheiratete Tochter erben, wenn es keinen Erben in ihrer unmittelbaren Familie gibt und ihr Zukünftiger den Besitz, meist einen Hof, übernehmen will und kann. Das macht solche Mädchen - unabhängig vom Aussehen, Charakter und Alter - sehr beliebt bei zweiten und dritten Söhnen. Häufig macht der Brautvater zur Bedingung, dass der Schwiegersohn seinen Familiennamen aufgibt. Dadurch bleibt ein altehrwürdiger Hofname erhalten. Dieses Vorgehen halte ich für eine Familie wie die Deine für sinnvoll. Jane hätte immer noch Bingley heiraten können, Du mich, aber Catherine könnte euren Besitz erben, sofern Paul die Hofführung gelernt hätte, und könnte dann für die unverheirateten Schwestern und die Mutter Sicherheit bieten, wenn Mr. Bennet stirbt.
Aber das gibt es bei uns nicht. Bei uns wird das Erbrecht nicht einmal in einem County gleich gehandhabt. Das liegt einfach an uralten Eheverträgen, die immer auf die neue Generation übertragen werden. Wer so eine Erbklausel hat, stammt meistens vom Adel oder von besonders erfolgreichen Kaufmannsfamilien ab. Der Adels-Titel geht nur an den ältesten Sohn, die anderen gehören zur Gentry, es sei denn, sie werden durch das Erbrecht wieder in Adelswürden eingesetzt. Und damit dann kein fast völlig Bürgerlicher den Adelstitel erbt, gibt es eben diese Klausel im Ehevertrag – und den Standesdünkel auch in der Gentry.”
„Ich danke für die Erläuterung. Jetzt wird mir einiges klarer. Liegt mein Unwissen an der fehlenden Gouvernante oder an der fehlenden juristischen Ausbildung?”
„Ich weiß nicht, ob Gouvernanten so etwas lehren. Ich weiß es, weil die Darcys immer sehr stolz auf ihre Abstammung waren und auch immer eng mit den adligen Verwandten, also dem Earl of Derby, in Kontakt blieben. In anderen Familien, wo der Kontakt irgendwann abbricht, geht das Wissen verloren.”
„Auch wenn ich jetzt die Zusammenhänge kenne, kann ich nicht behaupten, dass sie mir meinen lieben Cousin Collins sympathischer machen.”
„Da stimme ich Dir zu. Aber sieh mal! Mein Vortrag hat meinen Sohn und Erben so ermüdet, dass er freiwillig seine Ruhezeit nimmt. Ich werde ihn jetzt in sein Bettchen tragen. Anschließend kontrolliere ich, ob Du in Deinem bist.”
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