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Ein unwahrscheinliches Versteck

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Ceryni Sonea
17.08.2014
17.08.2014
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5.324
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Hallo und herzlich willkommen zu meinem Beitrag zum Wettbewerb Aufs Dach gestiegen organisiert von Witness. Vorgabe war, eine Kurzgeschichte mit mindestens 500 Wörtern zu schreiben, die sich weitgehend auf dem Dach abspielt. Was, warum und wie war ganz der Kreativität der Teilnehmer überlassen.
An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Witness für diesen tollen Wettbewerb! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, dafür zu schreiben.
Ich wünsche der Jury viel Spaß beim Lesen und Bewerten!

Die Geschichte spielt ca. 6 Jahre vor „The Magicians’ Guild“.


                                                                                                           



She looked around. “We’re on the High Road, aren’t we? Those rope and wood brigdes – the handholds.” She smiled as Cery nodded. “That brings back memories.”

- Kapitel 11, The Magicians’ Guild -



„Schneller!“, keuchte Cery. „Sonst haben sie uns gleich geschnappt!“

Einen Fluch unterdrückend beschleunigte Sonea ihre Schritte. Die Sohlen ihrer Schuhe waren durchgelaufen und sie konnte dadurch selbst den kleinsten Stein unter ihren Füßen spüren. Irgendwo hinter sich hörte sie die beiden Stadtwachen, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, als sie die Geldbörse vom Gürtel des Kaufmannes geschnitten hatte.

„Auf dem Markt ist so viel los, da kriegt man erst mit, dass man beklaut wurde, wenn’s zu spät ist“, hatte ihr Freund erklärt, als sie sich durch das Gewimmel der Märkte jenseits des Westviertels geschlichen hatten, auf der Suche nach jemandem, der harmlos genug aussah, um an ihm Cerys Taschendiebstricks zu üben.

Obwohl Sonea nicht ganz von seinen Worten überzeugt gewesen war, hatte sie sich von ihrem Freund zu dieser Aktion überreden lassen. Sie bewunderte Cery für seine Fingerfertigkeit und sie brannte darauf zu erfahren, wie es ihm immer wieder gelang, reichen Bürgern ihr Geld zu stehlen, ohne dass sie etwas davon merkten oder die Stadtwache ihn erwischte. Als sie ihn danach gefragt hatte, hätte sie sich jedoch nie träumen lassen, dass er vorschlagen würde, es selbst einmal zu versuchen.

„So lernt man am besten“, hatte er gesagt. „Du wirst sehen, es ist ganz leicht.“

Sonea war nicht sicher gewesen, ob sie das lernen wollte. Ihre Tante sagte immer wieder, dass Stehlen falsch war, selbst wenn man von denen stahl, die mehr besaßen, als sie in einem Leben ausgeben konnten. Aber Jonna missbilligte auch, wenn sie mit Cery die Hüttenviertel unsicher machte. „Er hat das Blut seines Vaters“, pflegte sie zu sagen. „Ich will nicht, dass du dich mit Dieben herumtreibst.“

In einem Anflug von Trotz und Rebellion setzte Sonea sich jedoch mit regelmäßiger Häufigkeit über das Verbot ihrer Tante hinweg und schlich sich beinahe jeden Tag davon, um sich Cery und seinen Freunden anzuschließen. Denn für sie beinhalteten diese heimlichen Ausflüge vor allem Spaß und Abenteuer.

Jetzt sah es indes so aus, als würde dies jäh enden.

„Was ist los mit dir?“, rief ihr Freund ungeduldig von vorne. „Schläfst du beim Laufen ein?“

„Ich kann nicht schneller!“, protestierte Sonea. „Das Geld …“ Die Münzen in dem kleinen, aber prall gefüllten Lederbeutel klirrten bei jedem ihrer Schritte so laut, dass man sie über die gesamten Märkte hinweg hören musste, und sie war sicher, jeder sah sofort an ihrer schäbigen Kleidung, dass sie ihn gar nicht besitzen durfte.

Cery hielt einen Augenblick inne und wandte sich ihr mit einem ungläubigen Blick zu. „Dann schmeiß das Scheißding weg.“

„Aber …“, begann Sonea. Im Gegensatz zu ihrer Tante sah sie einen gewissen Sinn im Stehlen. Den Menschen innerhalb der Stadtmauern würde es nicht weh tun, um das Geld erleichtert zu werden, mit dem sie Delikatessen für ein Abendessen einkauften. Dabei gaben sie Summen aus, von denen eine Familie in den Hüttenvierteln einen Monat satt werden konnte. Sonea fand, Jonna und Ranel brauchten dieses Geld dringender, als dieser dumme Kaufmann. Und deswegen hatte sie sich auch überhaupt darauf eingelassen, diese zweifelhafte Kunst zu lernen.

„Schmeiß es weg!“

Eine Grimasse schneidend ließ Sonea den Geldbeutel zu Boden fallen. Die Münzen machten ein lautes, metallisches Geräusch und Sonea fragte sich flüchtig, wie viel Gold dort wohl drin war. In den zehn Jahren ihres Lebens hatte sie erst einmal eine Goldmünze zu Gesicht bekommen. Damals hatte sie noch in einem der riesigen, imposanten Häuser im Inneren Ring gelebt, wo ihre Eltern für eine reiche Familie gearbeitet hatten. Aber dann war ihr Vater des Diebstahls beschuldigt worden und sie waren in die Hüttenviertel vor der Stadt gezogen. Ihre Mutter war kurz darauf an einer Krankheit gestorben und ihr Vater hatte sie bei ihrer Tante abgegeben und die Stadt verlassen.

Und seitdem schlug Sonea sich in den Hüttenvierteln durch.

Sie betrachtete das Geld, unschlüssig, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Cery verdrehte die Augen und kam auf sie zu. Er hob den kleinen Lederbeutel auf, griff nach ihrer Hand und zerrte sie weiter.

„Da sind sie! Haltet sie!“

Sonea zuckte zusammen. Zwischen den vielen Menschen, die sich zwischen den Marktständen drängten, erhaschte sie einen Blick auf die Uniformen der Stadtwachen. Sie glaubte zu sehen, dass sie ihre Kebin gezogen hatten. Die plötzliche Panik war überwältigend.

„Cery, sie haben uns gleich geschnappt!“

Cery fuhr herum. Seine Augen weiteten sich, dann grinste er. „Komm. Ich hab’ ne Idee!“

Sich seinen Weg durch die Menge boxend hielt Cery auf eine Lücke zwischen zwei Ständen zu. Die Menschen protestierten und bedachten ihn mit Schimpfwörtern. Einige versuchten ihn und Sonea festzuhalten, als sie erkannten, dass sie die beiden Diebe waren, doch irgendwie gelang es ihnen, sich ihren Griffen wieder zu entwinden.

Dann endlich ließ das Gedränge nach und sie fanden sich in einer Straße am Rande der Hüttenviertel wieder. Erleichtert, die Märkte hinter sich gelassen zu haben, hielt Sonea schnaufend inne.

Wir haben es geschafft, wollte sie sagen, doch als sie sich umdrehte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Die Stadtwachen zwängten sich gerade durch die Lücke zwischen den beiden Ständen. „Dort vorne!“, hörte Sonea einen von ihnen rufen.

„Los, weiter!“

Sie begannen zu rennen. An einer Kreuzung zog Cery sie in eine schmalere Straße, sie rannten mehrere Dutzend Schritte und bogen schließlich in eine weitere Straße. Im Laufen schleuderte Cery den Geldbeutel von sich. Mit einem dumpfen Knall gefolgt vom Klirren der Münzen prallte er gegen eine Hauswand.

„Nicht!“, protestierte Sonea, während sie ohnmächtig zusah, wie der Geldbeutel auf einem Stapel zerborstener Kisten zum Liegen kam.

„Manchmal ist es besser, seine Beute loszulassen“, sagte Cery, während er sie in die nächste Gasse zog.

„Aber …“

„Glaub’ mir, es ist besser so.“

Sonea fand, sie hätten das Geld auch einfach verstecken und später holen können. Etwas, das in den Hüttenvierteln auf der Straße lag, blieb nicht lange dort, sofern es sich nicht um Unrat handelte. Ganz besonders nicht eine prall gefüllte Geldbörse. Jetzt würde ihre Familie weiter hungern müssen.

Sie rannten weiter. Der Weg, den Cery wählte, sorgte nicht nur dafür, dass die Stadtwachen ihre Spur verloren. Auch Sonea wusste bald nicht mehr, wo sie war.

Als ihren Lungen wie Feuer brannten, kamen sie endlich zwischen zwei Häusern zum Stehen.

Entsetzt sah Sonea sich um. Zu drei Seiten waren Hauswände, ein paar Ravi stoben das Weite suchend aus einem stinkenden Haufen Unrat und verschwanden in einem winzigen Loch unter einem der Häuser. Nichts, um sich zu verstecken.

„Soll das deine Idee sein?“, entfuhr es ihr. Neben Panik verspürte sie inzwischen auch Verärgerung. „Wir müssen weiter! Sie werden uns hier finden!“

Ihr Freund grinste und deutete auf etwas über ihren Köpfen. Unterhalb des niedrigen Daches entdeckte Sonea etwas, das wie ein Griff aussah.

„Wir klettern da hoch.“ Cery ging in die Hocke. „Los, auf meine Schultern!“

Soneas Blick glitt nach oben zu dem Dach. „Ich soll da hoch?“, entfuhr es ihr.

„Jetzt mach schon“, drängte er.

Wissend, dass ihr kaum eine Wahl blieb, wenn sie den Stadtwachen entkommen wollte, gehorchte Sonea. Kaum, dass sie auf Cerys Schultern geklettert war, stand dieser auf. Von der Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht ruderte Sonea mit den Armen und bekam schließlich den Griff zu fassen. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, zog sie sich daran nach oben. Als sie über die Dachkante spähte, erblickte sie weitere Griffe, die in großen Abständen auf dem Dach befestigt waren.

„Kletter, weiter!“, rief Cery von unten.

Mühsam zog Sonea sich über die Dachkante und legte sich auf die von der Sonne aufgeheizten Ziegel. Ein dumpfes Geräusch gefolgt von einem Ächzen sagte ihr, dass Cery gerade dabei war, hinter ihr das Dach zu erklimmen.

„Komm“, sagte er, kaum dass er neben ihr war. Er erhob sich und begann behände über das Dach zu laufen. Sonea beeilte sich, es ihm gleichzutun. Mit ihren durchgelaufenen Schuhen rutschte sie allenthalben ab und nutzte die Griffe, wann immer diese in Reichweite waren. Als sie die andere Seite erreicht hatten, sprangen sie über einen schmalen Spalt auf das benachbarte Dach. Zu Soneas Überraschung waren auch hier überall Haltegriffe. Während sie sich an diesen über das Dach hangelten, fragte sie sich flüchtig, woher Cery davon gewusst hatte. Ihr Freund steckte voller Geheimnisse. Sie wusste nur, dass sein Vater für einen Dieb gearbeitet hatte, bis er diesen gesquimpt und dafür mit dem Leben bezahlt hatte. Aber das hier?

Als Cery die Dachkante erreichte, blieb er wie angewurzelt stehen. Sonea fluchte leise, weil sie ihn fast umgeworfen hätte.

„Was?“, zischte sie.

„Sieh mal.“ Cery deutete nach unten.

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Unter ihr erblickte sie die beiden Stadtwachen – und den Mann, dessen Geldbörse sie gestohlen hatte.

„Cery“, wisperte sie. „Wir müssen hier weg.“

Ihr Freund wandte sich ihr zu, ein durchtriebenes Funkeln in seinen Augen. Dann zog er sie mit sich nach unten, bis sie auf einem der Haltegriffe zum Sitzen kam, während er selbst sich neben ihr auf den Ziegeln ausstreckte. Obwohl ihr Sitz höchst unbequem war, saß die Furcht noch immer so tief in Soneas Gliedern, dass sie das gebogene Metall unter ihrem Hinterteil kaum spürte.

„Sie sind irgendwo hier gewesen“, hörte Sonea die eine Stadtwache sagen. „Wir waren dicht hinter ihnen. Sie können nicht weit gekommen sein.“

Neben ihr unterdrückte Cery ein Kichern.

„Oh Cery“, hauchte Sonea. „Das ist gefährlich. Wir können hier nicht bleiben.“

„Keine Sorge. Sie werden uns nicht sehen, weil sie nicht nach oben gucken werden.“

„Sie sind Stadtwachen, aber sie sind nicht blöd“, wandte Sonea ein.

„Ah, sie wissen nix von der Hohen Straße.“

Sonea starrte ihn entsetzt an. „Wir sind auf der Hohen Straße?“, entfuhr es ihr. „Die zweite Straße der Diebe?“

„Ssch!“, Cery legte einen Finger auf ihre Lippen. Er senkte seine Stimme. „Ja, das ist die Hohe Straße.“

Und als Sonea sich umsah, begriff sie es auch. Überall auf den umliegenden Dächern entdeckte sie Haltegriffe und hin und wieder schmale Brücken aus Holz oder Seil, über die man von Dach zu Dach gelangen konnte – Vorrichtungen, die es den Dieben und denen, die für sie arbeiteten, erleichterten, sich ungesehen zu bewegen. Von unten war die Hohe Straße von den Blicken der Passanten verborgen und selbst von hier oben sah man sie erst, wenn man wusste, wonach man suchen musste.

„Aber dann dürfen wir gar nicht hier sein“, flüsterte sie. „Wenn die Diebe uns erwischen, sind wir dran!“ Sie unterdrückte ein Stöhnen. „Jonna wird mich umbringen!“

„Sie muss es nicht erfahren.“

„Sie wird wissen, dass ich mich wieder mit dir rumgetrieben habe. Jonna riecht sowas.“

Eine Weile betrachteten sie das Geschehen in der Gasse unter ihnen schweigend. Allmählich beruhigte Sonea sich wieder ein wenig und sie begann sich einigermaßen sicher zu fühlen. Sie vertraute darauf, dass ihr Freund wusste, was er tat. Inzwischen hatten die Stadtwachen begonnen, die Häuser zu durchsuchen, offenkundig in dem Glauben, sie und Cery würden sich irgendwo dort drin verstecken. Der Kaufmann, den Sonea bestohlen hatte, blieb derweil unschlüssig auf der Straße stehen, als fürchte er, man hätte ihn in einen Hinterhalt gelockt, aus dem jeden Augenblick mehrere kräftige Männer auftauchten, um ihn zusammenzuschlagen oder niederzustechen.

Vielleicht sind die Stadtwachen doch dumm, wenn sie denken, wir wären in einem dieser Häuser, überlegte Sonea. Sie selbst hätte sich kein dümmeres Versteck vorstellen können.

Eine Bewegung unter ihr ließ sie aufblicken. Gerade hatten die Stadtwachen ein weiteres Haus durchsucht. „Nichts“, verkündete der Mann. „Und bei dir?“

„Auch nicht. Aber sie können nicht weit gekommen sein. Hier sind überall Sackgassen.“

Sie bewegten sich die Gasse hinab, als sie mit ihrer Suche fortfuhren. Der Kaufmann folgte ihnen furchtsam. Sonea atmete auf und erstarrte, als Cery sich erhob und in die Richtung deutete, in welche die Stadtwachen verschwunden waren.

Geduckt kletterten sie über die Dachziegel, balancierten über einen schmalen Steg zum nächsten und zogen sich an weiteren Griffen vorwärts, bis sie schließlich bäuchlings von einem anderen, flacheren Dach in eine andere Gasse spähten.

Von oben hätte Sonea die Gasse fast nicht erkannt, doch als Cery weiter zur Dachkante robbte und auf einen Stapel zersplitterter Holzkisten am Hintereingang einer Bäckerei direkt unter ihnen deutete, wusste sie wieder, wo sie waren. Sie blinzelte überrascht. Auf dem Boden war ihr der Weg irgendwie weiter vorgekommen.

„Vielleicht haben sie das Geld gestohlen, um Brot zu kaufen“, schlug der Kaufmann vor.

„Warum nicht gleich auch das Brot stehlen?“, fragte eine der Wachen.

Der Mann hob hilflos die Schultern.

Zu Soneas Erheiterung begann eine Stadtwache mit ihrem Kebin in den Kisten herumzustochern, während die andere die Tür zur Bäckerei aufstieß. Sie presste eine Hand auf den Mund, um nicht laut aufzulachen. Cery drückte ihren Arm warnend. Leise und vorsichtig zogen sie sich ein Stück weiter nach oben zurück.

„Was ist denn das?“, rief die Stadtwache, die draußen geblieben war. Sonea hörte Schritte und dann kam der Mann in Sicht. „He, Tullin! Sieh dir das an!“

Unter ihnen polterte die andere Stadtwache aus der Bäckerei, gefolgt von einem lauthals schimpfenden Bäcker, der erklärte, dass er keine Diebe in seiner Bäckerei versteckte. „Schert euch davon!“, rief er in der Mitte der Gasse stehenbleibend und die beiden Stadtwachen mit in die Hüften gestemmten Armen wutentbrannt betrachtend. „Bei mir gibt’s nix zu holen!“

Den Mann ignorierend wandte Tullin sich an seinen Gefährten. „Hast du sie gefunden?“

„Nein, aber etwas, das fast so gut ist.“ Die Stadtwache stieß ihren Kebin in eine Richtung, die Sonea aus ihrer Perspektive nicht sehen konnte, weil es genau unter ihnen war. Sein Partner trat näher, einen neugierigen Ausdruck in seinen Augen.

Plötzlich gab der Kaufmann einen Laut der Überraschung von sich und seine Augen weiteten sich. „Das ist mein Geldbeutel!“, rief er.

Das Geld! Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte völlig vergessen, dass Cery es dorthin geworfen hatte. Sie wagte es kaum, zu atmen. Gleich würden die Stadtwachen sie entdecken.

Unter ihr kam die Stadtwache wieder in Sicht, den Geldbeutel des Kaufmannes am Haken seines Kebins baumelnd. „Seid Ihr dessen sicher?“

„Ja!“ Erleichtert nahm der Mann den Geldbeutel entgegen und öffnete ihn. Sonea beobachtete, wie er eifrig die Münzen zu zählen begann.

„Ist er vollständig?“

„Sieht ganz so aus.“

„Aber wenn der Geldbeutel hier liegt, können die beiden Diebe nicht weit sein“, überlegte die Stadtwache. „Wahrscheinlich haben sie ihn auf der Flucht verloren.“

„Dafür lag er zu nah an der Hauswand.“ Tullin wandte sich zu dem Bäcker. „Wo versteckst du die Diebe?“, fuhr er ihn an.

Der Bäcker erstarrte. „Ich verstecke keine Diebe!“, beteuerte er. „Ehrlich nicht.“

Tullin packte den Mann am Kragen seines Kittels. „Und wieso liegt der Geldbeutel dann vor deiner Bäckerei?“

„Ich weiß nicht, wie er dort hingekommen ist!“

Die Stadtwache hob drohend ihren Kebin.

„Nein!“, rief der Bäcker und hob schützend die Arme. „Bitte nicht!“

Sie werden ihn bestrafen, weil sie denken, dass er uns versteckt, erkannte Sonea entsetzt. Und das nur, weil Cery den Geldbeutel ausgerechnet gegen die Rückseite seiner Bäckerei geworfen hatte. Sie fand, ihr Freund hätte das Geld besser woanders weggeworfen, wenn er wollte, dass die Stadtwachen das Geld fanden und die Suche beendeten.

„Halt!“

Auf die Stimme des Kaufmanns hielten die beiden Stadtwachen inne. „Ja?“, fragte Tullins Kamerad gedehnt.

„Wenn der Bäcker die Diebe verstecken würde, hätten sie das Geld dann nicht mitgenommen?“, wunderte sich der Kaufmann. „Wieso sollten sie es ausgerechnet vor seinem Haus ablegen?“

Die Stadtwache hob die Schultern. „Um den Verdacht auf wen anderes zu schieben?“

„Sie sind so unglaublich blöde“, flüsterte Cery hingerissen.

Er und Sonea tauschten einen Blick und ihr Freund zwinkerte ihr zu.

„Vielleicht haben sie das“, überlegte Tullins Partner. „Aber vielleicht haben sie auch ...“ Er sah nach oben. Rasch pressten Sonea und Cery sich gegen die Ziegel. Plötzlich schlug ihr das Herz wieder bis zum Hals und die Panik kehrte zurück. „Könnten sie über die Dächer geflüchtet sein?“

„Zu gefährlich“, hörte Sonea Tullin sagen. „Das waren Kinder. Allerdings …“ Schritte erklangen. „Was ist das?“

„Verdammter Gorinmist!“, fluchte Cery. „Los, weg hier! Aber leise.“

Vorsichtig krochen er und Sonea das Dach hinauf. Fürchtend, die Stadtwachen könnten sie dabei sehen, wagte Sonea es nicht, zurückzublicken. Plötzlich löste sich unter ihrem Fuß ein Ziegel und rutschte das Dach hinab. Sie hörte, wie er polternd auf den Boden der Gasse stürzte.

„Da!“, rief eine der Stadtwachen. „Sie sind auf dem Dach!“

Sonea erstarrte. Fast hätte sie den Halt verloren und wäre abgestürzt.

„Beeil dich!“, drängte Cery. „Nimm meine Hand!“

Nach seiner Hand greifend ließ Sonea sich von ihm auf den Giebel helfen. Ihre Hände schmerzten von der Anstrengung des Kletterns und ihre Beine waren weich, doch Cery zog sie unerbittlich weiter. Unter sich glaubte sie, zu hören, wie die Stadtwachen die Verfolgung erneut aufnahmen.

„Wir müssen auf die andere Straßenseite!“ Cery deutete nach links. „Dann müssten sie erstmal um den Häuserblock.“

Entsetzt sah Sonea sich um. Weit und breit waren die Dächer der anderen Seite zu weit entfernt, um darüber zu springen und sie sah auch keine Vorrichtung, die es ihnen ermöglicht hätte, dorthin zu gelangen. Von Furcht erfüllt folgte sie ihrem Freund zum nächsten Dach und dann zum übernächsten. Dann wäre sie fast in Cery hineingerannt, als dieser abrupt stehenblieb.

„Verdammter Gorinmist“, flüsterte er. „Hier kommen wir nicht weiter.“

Sonea spähte über seine Schulter. Die sich vor ihnen ausbreitende Gasse war so breit, dass es unmöglich war, auf das nächste Dach zu gelangen. „Aber die Hohe Straße …“, begann sie.

„ … hat hin und wieder auch ’ne Sackgasse.“

Rufe unter ihnen wurden lauter und dann bogen die Stadtwachen um eine Ecke. „Da sind sie!“

Cery wirbelte herum und riss Sonea mit sich. Fast hätte sie dabei das Gleichgewicht verloren und wäre vom Dach gestürzt. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich an einem Haltegriff festzuhalten und hinter Cery her zu hasten.

„Was jetzt, Cery?“, keuchte sie.

„Ich glaub’, ich hab’ ne Idee.“

Sonea verdrehte die Augen. Allmählich hatte sie genug von seinen Ideen.

„Können wir denn nicht einfach irgendwo wieder runter klettern?“

„Damit sie uns kriegen?“

„Nein! Aber …“

„Man kommt nur bei manchen Häusern runter.“

„Dann such ein Haus, wo wir wieder runter können!“, verlangte sie. „Ohne, dass die Stadtwache uns schnappt!“

„Was meinst du, was ich vorhabe?“

Ohne auf ihre Umgebung zu achten, folgte sie Cery von einem Hausdach zum nächsten. Trotz des schwierigeren Weges waren sie den Stadtwachen, die in ihren Rüstungen schwerfällig und träge waren, ein Stück voraus, doch sie brauchte nur einen Blick über die Schulter zu werfen, um zu wissen, dass der Abstand zu ihnen unaufhaltsam kleiner wurde. Als sie sicher war, sie hatten längst die Bäckerei passiert, rannten sie über eine Brücke aus Holz und Seil zu einem höhergelegenen Hausdach, von wo Cery sie zu einer schmalen Holzplanke zerrte, die zu einem Haus auf der anderen Straßenseite führte.

Entsetzt hielt sie inne.

„Das kann ich nicht.“

Cery, der bereits auf die schmale Brücke gestiegen war, wandte sich ihr zu. Mit einem Mal war sein Blick ernst geworden, was ihn irgendwie älter wirken ließ. „Doch“, sagte er. „Du kannst.“

Zögernd blickte Sonea auf den Abgrund, der sich vor ihr auftat. Es waren nur zwei Stockwerke, doch es waren zwei Stockwerke zu viel. Es gab nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Als sie den Kopf wandte, sah sie, dass die Stadtwachen nur noch ein Haus entfernt waren.

„Es ist nicht viel anders, als wenn du auf der Straße gehst“, sagte Cery aufmunternd.

„Also ich finde, das ist was ganz anderes!“

Ihr Freund streckte eine Hand nach ihr aus. „Ich halt’ dich fest.“

Unter ihnen kamen die beiden Stadtwachen zum Stehen. „Kommt da runter, ihr dreckigen, kleinen Diebe oder wir holen euch!“, rief Tullin.

„Dann holt uns doch!“, rief Cery. Sonea fand ihn sehr todesmutig.

„Wir müssen aufs Dach“, sagte Tullins Partner. „Siehst du einen Weg rauf?“

„Nein. Wie haben die kleinen Strolche das geschafft?“

„Komm jetzt, Sonea“, drängte Cery erneut. „Ich pass’ auf, dass dir nix passiert.“

„Aber die Wachen …“, begann sie.

„Vergiss die Mistköpfe.“

Einen tiefen Atemzug nehmend legte Sonea ihre Hand in seine und fügte sich ihrem Schicksal.

Während Tullin und sein Partner versuchten, das Dach zu erklimmen, balancierte sie furchterfüllt hinter Cery über das schmale Holzbrett. Als sie etwa die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten, sah sie, wie die beiden Stadtwachen unter ihnen auf die andere Seite der Straße liefen. Der Anblick versetzte ihr einen solchen Schock, dass sie fast gestürzt wäre.

Haben sie nichts Besseres zu tun, als zwei Kinder zu jagen?, fragte sie sich. Der Mann hatte sein Geld wieder und niemand war zu Schaden gekommen. In den Hüttenvierteln gab es weit üblere Verbrecher, als Kinder, die Geldbörsen oder Essen stahlen.

„Oh Cery“, wisperte sie. „Wir sitzen in der Falle.“

Ihr Freund lachte. „Erstmal müssen sie aufs Dach kommen“, entgegnete er unbekümmert. „Aber dafür sind sie viel zu blöde.“ Dennoch beschleunigte er seine Schritte.

Sonea betrachtete ihn zweifelnd. Dann waren sie endlich auf der anderen Seite angekommen. Tullin stand inzwischen auf den Schultern seines Partners und reckte sich nach der Dachkante über seinem Kopf. Sonea beobachtete, wie er sich mühsam daran emporzog. Ratlos glitt sein Blick über die Schindeln. „Das sind Griffe“, teilte er seinem Partner mit. „Aber die sind alle so hoch, dass man von unten nicht drankommt.“

„Damit Mistköpfe wie ihr hier nicht raufkommt!“, rief Cery lachend. Er zog Sonea von dem schmalen Holzbrett auf das Dach und half ihr zu einem der Griffe, die so hoch angebracht waren, dass sie kaum mit ihren Armen dorthin gelangen konnte. Für Tullin, der fast ein Stockwerk unter ihnen an der Dachkante hing, wäre dies vollkommen unmöglich gewesen.

„Los, weiter“, drängte Cery hinter ihr.

Die Zähne zusammenbeißend zog Sonea sich an den Griffen nach oben. Das Dach war steiler als jene, über die sie zuvor geklettert waren und es kostete sie all ihre Kraft, zum Giebel zu klettern. Verzweifelt versuchte sie mit ihren Füßen, Halt zu finden. Ein Dachziegel löste sich, gefolgt von einem vorwurfsvollen „Au!“.

Sie fuhr herum. „Cery! Hab ich dir weh getan?“

„Ja, aber mach weiter. Tullin und seinen Partner wird’s freuen.“

Sich an ihrem Griff festhaltend, trat Sonea den nächsten Ziegel los. Dieses Mal bewusst. Um sich tretend erwischte sie zwei weitere, die dem ersten Ziegel folgten. Unter sich konnte sie die beiden Stadtwachen vor Schmerz brüllen hören. Ihr entfuhr ein unwillkürliches Kichern.

„Gut gemacht“, murmelte Cery, als sie den Dachgiebel endlich erreicht hatten. „Das wird sie aufhalten.“

Keuchend ließ Sonea sich neben ihm nieder. Ihre Fingerkuppen bluteten und sie fühlte sich erschöpft und zerschunden. Wäre es nach ihr gegangen, so hätte sie sich niemals wieder bewegt.

„Ah“, machte Cery. Er deutete auf einen Steg, der ein Stück unterhalb des Giebels auf der anderen Seite zum Nachbarhaus entlangführte. „Ich wusste, dass wir richtig sind.“

Sonea stöhnte unterdrückt. „Du willst noch weiter?“

„Wenn wir nicht weitergehen, werden sie vor dem Haus warten, bis wir wieder runterkommen.“ Er sah nach unten. „Vielleicht laufen sie auch um den Block rum, weil sie denken, wir sind auf der anderen Seite wieder runtergeklettert.“

Er ließ sich über die Ziegel hinab auf den Steg gleiten. „Von hier aus wird’s besser. Versprochen.“

Sonea betrachtete ihn, wie er augenzwinkernd von dem Steg zu ihr hinauf blickte. Sie wusste selbst, sie waren noch nicht in Sicherheit. Ihre Flucht hatte ihr jedoch mehr abverlangt, als sie gedachte hatte.

Hätte ich gewusst, was passiert, hätte ich mich nie darauf eingelassen, seine Taschendieb-Tricks zu lernen!, fuhr es ihr durch den Kopf. Vor ihrem Freund hätte sie das niemals zugegeben, doch sie fürchtete sich davor, was geschah, wenn die Stadtwachen sie beide erwischten.

All ihre Kraft sammelnd rutschte sie das Dach hinab. Cery fing sie auf und stellte sie auf dem Steg ab. Dann nahm er ihre Hand und zog sie zum nächsten Haus.

Während der nächsten Viertelstunde sprangen sie über Abgründe, rannten über Holzbrücken, zogen sich an Seilen empor und hangelten sich von Griff zu Griff. Allenthalben fürchtete Sonea, die Stadtwachen würden plötzlich unter ihnen auftauchen oder sie auf dem nächsten Dach erwarten. Die Furcht schien ihr indes Flügel zu verleihen. Obwohl sie am Ende ihrer Kräfte war und ihre Arme und Beine kaum noch spürte, flog sie nur so vorwärts, mehr reagierend als darüber nachdenkend, was sie tat. Und je weiter sie die Stadtwachen hinter sich ließen, desto mehr verwandelte sich ihre Furcht in einen Kitzel von Abenteuer.

„Wissen sie überhaupt, wie man hier rauf kommt?“, fragte Sonea, als sie an einem Seil auf das Dach eines Hauses kletterten, das ein Stockwerk höher war, als die umliegenden. Dem unangenehmen Geruch nach zu urteilen war es eine Herberge oder ein Bolhaus. Nach diesem Nachmittag konnte sie das nicht mehr so ganz glauben.

„Ein paar Stadtwachen, ja.“ Cery zog sich auf das Dach und sank schnaufend darauf zusammen. „Aber sie kennen nicht alle Stellen.“

Sonea ließ sich neben ihm nieder. Nach dieser anstrengenden Kletterpartie glaubte sie, kein Gefühl mehr in ihren Armen und Beinen zu haben. Das Hemd unter ihrem löchrigen Umhang klebte an ihrem Leib und das Herz schlug ihr noch immer bis zum Hals. „Also können sie uns immer noch kriegen“, folgerte sie.

„Sie haben zu viel Angst vor den Dieben, als dass sie auf die Idee kommen, die Hohe Straße zu betreten“, antwortete ihr Freund. „Wahrscheinlich lauern sie irgendwo, weil sie glauben, dass wir dort wieder runterkommen. Aber dann wären sie ziemliche Mistköpfe, weil wir schon längst irgendwo untergetaucht sein könnten.“ Seine Augen verloren ein Stück ihres durchtriebenen Funkelns und seine Stimme wurde ein wenig ernster, als er fortfuhr. „Heh, Sonea. Wir sind hier in Sicherheit.“

Mit einem unbekümmerten und zufriedenen Lächeln streckte er sich auf dem Dach aus. Spürend, wie die Anspannung endgültig von ihr abfiel, tat Sonea es ihm gleich. Die Strahlen der Spätsommersonne hatten die Dachziegel aufgeheizt und wärmten ihren Rücken, während eine angenehme Brise Kühlung verschaffte und ihren Schweiß trocknete.

„Wie kommt es, dass du die Hohe Straße so gut kennst?“, fragte sie.

„Mein Da war’n Dieb“, antwortete er. „Schon vergessen?“

Sonea schüttelte den Kopf. Sie wusste, ihr Freund hatte viele nützliche Tricks von seinem Vater gelernt, so wie sein Sortiment von Instrumenten geerbt, mit denen er nahezu jedes Schloss öffnen konnte. Trotzdem war sie sicher, Cery verschwieg ihr einen Teil der Wahrheit. Sie konnte nicht glauben, dass er sich nur durchschlug, indem er mit Harrins Bande herumhing.

Allmählich verebbte die Panik und sie begann, ihre Umgebung genauer wahrzunehmen. Der Ausblick war atemberaubend. Überall erblickte sie die Dächer des besseren Teils der Hüttenviertel. Von den Märkten selbst konnte sie nicht viel sehen, weil sie von Häusern verdeckt wurden, doch dahinter erblickte sie die Masten der Schiffe im Hafen. Zu ihrer Rechten entdeckte sie die Stadtmauer und das Westtor, das von den Märkten in die Stadt führte. Dahinter reihten sich die Dächer und Türme der Häuser des Westviertels aneinander, die bemessen an denen der Hüttenviertel prächtige Bauwerke waren. Aber sie waren bei weitem nicht so beeindruckend, wie die Herrenhäuser im Inneren Ring, wusste Sonea – einem Ort, zu dem der Zutritt ihr auf immer verwehrt sein würde.

Sie seufzte leicht.

„Alles in Ordnung?“

Sonea wandte den Kopf. Ihr Freund hatte den Kopf aufgestützt und betrachtete sie nachdenklich.

„Ja“, antwortete sie. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir der Stadtwache entwischt sind. Dieses Mal war’s ziemlich knapp.“

„Und wie! Nur schade, um das viele Geld!“

„Vielleicht sollten wir das nächste Mal Pachi stehlen!“

Sie lachten. Das Gefühl war so befreiend, dass Soneas Furcht sich vollends auflöste. Plötzlich bedauerte sie auch nicht mehr, ihre Beute verloren zu haben. Jonna und Ranel hätten das Geld sowieso nicht angenommen. Ihre Tante hätte gewusst, dass es gestohlen war, und Sonea kannte ihre Predigten darüber, dass es besser war, sich seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise zu verdienen, gut genug.

Der Gedanke an ihre Tante ließ sie jedoch augenblicklich wieder ernst werden.

„Aber Jonna wird mich trotzdem umbringen“, sagte sie tonlos. „Oder häuten.“

„Dann erzähl ihr doch nix. Du bist selbst schuld, wenn du’s tust.“

„Aber sie weiß, dass nix Gutes dabei rauskommt, wenn ich mit dir und Harrin und den anderen rumhänge“, sagte Sonea. „Sie wird immer ziemlich wild, sobald es um euch geht.“

„Hai! Hast du dich mal gehört?“, rief Cery. „Du klingst, als hättest du mehr Angst vor ihr als vor den Stadtwachen!“

„Du hast sie noch nie erlebt, wenn sie schimpft“, entgegnete Sonea. Sie schnaubte. „Als ob das irgendwas ändern würde!“

„Natürlich nicht.“

Sie grinsten sich an. Sonea verstand nicht, warum ihre Tante sich immer so aufregte. Bis jetzt war sie immer von ihren Streifzügen mit Cery zurückgekommen. Wo Jonna ihrem Freund nicht traute, vertraute Sonea ihm umso mehr. Er schien genau zu wissen, was er tat und sie machten nicht mehr, als sich in Häuser zu schleichen, Essen zu stehlen oder Geldbörsen zu inspizieren. Mit ihm traute Sonea sich Dinge, vor denen sie allein viel zu große Angst gehabt hätte. Sie waren nie erwischt worden, wenn auch es manchmal knapp gewesen war. So wie heute.

Aber das war meine eigene Dummheit. Nicht Cerys …

„Sie denkt, du und die anderen würdet für die Diebe arbeiten“, vertraute sie ihrem Freund an. „Und dass ihr, wenn ihr alt genug seid, die richtig schmutzigen Aufträge für sie macht.“

„Das ist das Dümmste, was ich je gehört hab!“

„Sag das nicht mir“, brummte Sonea. „Und sie denkt, ihr würdet mich da mit reinziehen.“ Sie fing Cerys Blick ein. „Ganz besonders du.“

Cery schwieg.

„Du arbeitest doch für die Diebe, richtig?“

Für einen kurzen Augenblick war Sonea überzeugt, ihn erwischt zu haben. Dann grinste er unvermittelt. „Wenn’s so wäre, würd’ ich dir das nicht sagen“, antwortete er.

Sie betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Aber du weißt, wie man mit ihnen Kontakt aufnimmt.“

„Klar“, antwortete er. „Von meinem Da.“

Die Strafe, die Jonna mir antun wird, wenn sie das herausfindet, muss erst noch erfunden werden!, fuhr es Sonea durch den Kopf.

„Sonea. Sieh mich an.“

Sie begegnete seinem Blick.

„Ich geb’ dir mein Wort, dass ich dich in nix reinziehen werde, was mit den Dieben zu tun hat. Du vertraust mir doch, oder?“

Sie nickte. „Du bist mein bester Freund, Cery.“

Er lächelte so gewinnend, dass Sonea augenblicklich warm ums Herz wurde. „Und du meine beste Freundin. Ich werd’ nicht zulassen, dass die Diebe oder irgendwer sonst dich je in die Finger kriegen. Das schwöre ich bei den Werkzeugen meines Da.“ Er hielt inne. „Reicht das, oder sollen wir das mit Blut besiegeln?“

Sie betrachtete ihn entsetzt. „Nein! Das reicht. Ich glaube dir.“

„Gut. Denn mein Messer ist ziemlich dreckig.“

Und genau deswegen war ich dagegen, dachte Sonea sich an die ständigen Lektionen ihrer Tante über Hygiene und Krankheiten erinnernd. Das war genug, um nicht scharf auf eine Begegnung mit Cerys Messer zu sein.

„Aber solltest du deinen Schwur eines Tages brechen, sorge ich dafür, dass du deines Lebens nicht mehr froh wirst“, sagte sie ihm mit dem Finger drohend.

Cery lachte und knuffte sie in den Arm. „Komm“, sagte er dann. „Gehen wir wieder runter. Die Stadtwachen sind weg.“

„Woher willst du das wissen?“

Ihr Freund zeigte nach Westen, wo die Sonne zwischen die Maste der Schiffe im Hafen gesunken war. „Schichtwechsel.“

„Warum wundert es mich nicht, dass du das weißt?“, murmelte Sonea.

Cery grinste nur. „Und jetzt auf mit dir. Wir wollen ja nicht, dass Jonna dich tatsächlich häutet.“

Sonea lächelte schief. „Sie wird auf jeden Fall sehr entflammt sein.“

„Dann werde ich ihr sagen, dass ich auf dich aufgepasst hab’.“

Cery erhob sich, doch Sonea blieb auf dem Dach sitzen.

„Du, Cery?“

Er wandte sich zu ihr um. „Ja?“

„Danke. Das war ein wirklich toller Tag.“

Cery grinste. „Wenn du willst, wiederholen wir das einmal.“

Sonea verdrehte die Augen. „Oh, bloß nicht!“



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