Niemals vergessen

von baronesse
DrabbleFamilie, Schmerz/Trost / P12
Edmure Tully Roslin Frey
16.08.2014
16.08.2014
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I.
Und wer seid Ihr, rief der stolze Lord ...

  Die ersten tiefen, tragenden Töne des Liedes erklangen. Der Barde, noch jung und mit mehr Flaum als Bart auf den Wangen, hatte konzentriert das Gesicht verzogen, während er den Lords und Ladies "Der Regen von Castamere" vortrug.

  Roslin schauderte leicht und zog das Schultertuch enger. Es war viele Jahre her, dass sie das Lied zuletzt gehört hatte, dennoch hatte sie keinen Ton und kein Wort vergessen. Man spielte es nicht, wenn die Lady von Riverrun anwesend war, das hatte sie jedem ausdrücklich verboten. Doch jetzt war es ihr Sohn, der sich dieses Lied gewünscht hatte und Roslin konnte es ihm schlecht verweigern, da sie ihm nie erklärt hatte, woran dieses Lied sie erinnerte. Sie sprach nie von jener Nacht, in der sie Hosters Vater geheiratet hatte. Die Nacht war im ganzen Land als Rote Hochzeit bekannt, weil ihre Familie sämtliche Verwandte und Gäste ihres Bräutigams getötet hatte. Wie sagte man so etwas seinem Sohn (falls der es sich nicht längst zusammengereimt hatte)?

  Höflich klatschte sie, wie der Rest der Anwesenden. Aber in Gedanken reiste sie zurück, mehr als zwanzig Jahre in die Vergangenheit, zu der schönsten und zugleich schrecklichsten Nacht ihres Lebens.






II.
  Walder Frey war gewiss kein guter Vater. Roslin drängte sich scheu in die Schatten. Sie wusste nicht, was sie hier sollte, unter ihren Brüdern und Onkeln, die mit Lord Walder beratschlagten, was sie wegen des Verrats von Robb Stark machen sollten.

  "Er muss zahlen", forderte Walder. Alle nickten.

  Walders Blick fiel auf Roslin. "Komm her, Kind." Er strich ihr die Haare nach hinten, taxierte schamlos ihren Busen.

  "Niemand wird uns unsere Rache geben. Niemand wird uns als gleichberechtigt ansehen oder aufhören zu lachen. Wenn er davon kommt, werden alle Familien in Westeros denken, sie könnten ihr Wort einem Frey gegenüber einfach brechen. Willst du das, Kind?"

  Roslin schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, was das hier wurde und warum ihre Verwandten sie alle musterten.

  "Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es. Eh?" Lord Walder gackerte und gab ihr einen Klaps auf den Hintern. "Du wirst Hoster Tullys Sohn heiraten, den nächsten Lord von Riverrun."

  "Und unsere Rache?", rief Lothar, einer ihrer Halbbrüder.

  Lord Walder grinste und teilte seinen Plan mit. Roslin erbleichte, aber niemand achtete auf das stille Mädchen an der Wand. Sie war nur die Braut. Sie hatte nichts zu sagen bei den Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit.






III.
  Der Wein floss in Strömen, die Musiker auf dem Balkon über der Tür fiedelten vergnügt und in der dunklen, dreckigen Halle kam zum ersten Mal, seit Roslin sich erinnern konnte, Feststimmung auf. Es war ihre Hochzeitsfeier.

  Im Gegensatz zu ihren vielen Halbschwestern und -nichten war ihr Bräutigam ein Lord. Sie würde einmal die Lady von Riverrun sein. Das hieß, wenn ihre Familie sie eroberte, nachdem, was heute Abend - nein, daran durfte sie nicht denken.

  Sie zwang die Übelkeit in ihrem Magen nieder und lächelte schüchtern den Mann neben ihr an.

  Edmure wusste von nichts und strahlte sie an. Ganz so, als sei dieses Fest es wirklich wert, dass man feierte.






IV.
"Der Regen von Castamere" hatte eingesetzt, langsam und melancholisch. Ein Lied, das häufig gespielt wurde.

  Als die Männer sie hinaustrugen, ihr das Kleid achtlos vom Leib rissen und johlten, fühlte Roslin, wie alles in ihr zu Stein wurde. Würde sie jemals diese Bilder vergessen? Die Gesichter ihrer Gäste; der König des Nordens, seine Mutter (jetzt ihre Schwägerin), die ahnungslos und froh an den Tischen saßen und Wein und Speisen genossen, ohne zu wissen, dass dies ihre letzte Mahlzeit war? Für die ihr Abgang nichts anderes als der Beginn des Bettens war?

  "Nein", wollte Roslin schreien und der Farce ein Ende bereiten, aber man trug sie von ihrer eigenen Hochzeitsfeier, hinauf in die Schlafgemächer. Sie hatte heute eine andere Rolle zu spielen. Sie musste die Ehe mit Edmure vollziehen und schwanger werden, damit Riverrun einen Erben bekam, der einmal an Edmures Stelle treten konnte und die Freys ihn loswerden konnten.

  Nichts leichter als das, wenn man nicht vergessen konnte, dass zwei Stockwerke tiefer ein Massaker stattfinden würde.

  Die Rache ihrer Familie an der Familie ihres neuen Mannes, dessen Neffe den Fehler gemacht hatte, keine Frey zu heiraten. Roslin wusste nicht, wie sie der unschuldigen Freude begegnen sollte. Sie schloss die Augen.






V.
Sie hatte es Hoster nie erzählt.

  Er war der Sohn, den sie in jener Nacht empfangen hatte, der Sohn, der das Schicksal ihres Mannes besiegelt hatte. Wie hätte sie einem Knaben sagen sollen, dass sein Vater nicht nach einem Unfall an Wundbrand gestorben war, sondern von ihren Verwandten ermordet worden war, als sie ihn nicht mehr als Lord von Riverrun brauchten, sobald es einen Erben gegeben hatte?

  Er hätte niemals vergessen können, dass er am Tode seines Vaters Schuld war. Es war eine Last, die kein Kind tragen sollte. Es reichte, dass Roslin selbst niemals vergessen konnte.

  Wehmütig sah Roslin zu ihrem Sohn, der gerade einen Toast auf seine junge und hübsche Braut aussprach. Sie war aus dem Haus Mallister, die Tochter eines guten Freunds ihres Mannes. Edmure hätte die Verbindung befürwortet. Allerdings hatte er alles befürwortet, was Roslin gefiel. Er hatte sie geliebt, vom Tag ihrer Hochzeit an.
Und sie hatte ihm den Tod gebracht. Sie und ihr Sohn, der mittlerweile alt genug war, um selbst zu heiraten.

  Wenigstens würde es diesmal kein Massaker geben. Keine Rote Hochzeit, nur eine friedliche Feier zu Ehren einer glücklichen Verbindung. Darauf würde Roslin sehr genau achten. Diesmal hatte sie alles selbst geplant.




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So, das war der letzte Beitrag im Drabbleturnier!
Es war anstrengend, nervenaufreibend und sehr, sehr lehrreich. Ich werde nie wieder denken: Drabbles sind eben Geschichten, die einfach nur exakt 100 Wörter haben. Oh nein, ich bin jetzt völlig eingeweiht und abgebrüht. Und hab das Finale vermutlich trotzdem vermasselt ^^
Vorgaben waren diesmal, mindestens 3 Drabbles zu schreiben, die unter dem Motto "Vergessen" stehen. (Da hätten wir dann schon mal dran vorbei geschrieben, weil es genau ums nicht vergessen geht)
Form war frei auszusuchen, bei mir ist es (ungefähr drei Dutzend mal mit dem bluedoc-Zähler überprüft) 200 - 200 - 111 - 200 - 200. Das Schnappsdrabble in der Mitte bei der Feier fand ich ganz passend.
Außerdem  musste vorkommen:
- In einem Drabble muss »Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es.« gesagt werden.
- In einem Drabble muss ein Lied im Hintergrund spielen, das einen Charakter an etwas erinnert
- In einem Drabble muss eine Feier stattfinden
In allen Drabbles muss ein weiblicher und ein männlicher Charakter auftauchen – und zwar tatsächlich körperlich, eine bloße Erinnerung oder ein Traum genügt also nicht.
Tricky, aber vielen Dank allen, die mich und meine Drabblegehversuche bis hierhin begleitet haben und sich dies hier durchgelesen haben :)
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