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{MMFF} Shadow Falls Camp - the next generation

MitmachgeschichteFantasy / P16 / Gen
15.08.2014
10.05.2020
19
42.323
3
Alle Kapitel
59 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.09.2019 3.669
 
Halloooo, meine lieben Shadow Falls Camper! ^-^

Hier bin ich wieder mit einem neuen Kapitel, ich hoffe, es gefällt euch! :-)
... Irgendwie werden die Kapitel in letzter Zeit immer so lang für meine Verhältnisse :D

Bedanken möchte ich mich bei lunitaflavour, Nebelstern und Lyzian für
die ganz, ganz, ganz, ganz lieben Reviews! ♥

Und jetzt viel Spaß mit Mira's Kapitel! :)

Eure -sunshinex- :**


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"Könnt ihr nicht doch noch ein bisschen bleiben? Es gibt noch so vieles, das ich euch fragen möchte! Ihr solltet diejenigen sein, die mir alles über meine Herkunft und das Dasein als Gestaltwandler beibringen, nicht irgendwelche wildfremden Menschen in einem Sommercamp!", versuchte ich meine Eltern zu überreden, mich noch nicht wieder alleine in Shadow Falls zurückzulassen, einem Ort, der sich nach drei Tagen bereits gleichermaßen vertraut und doch extrem fremd anfühlte.
Ich stand mit ihnen vor dem eisernen Tor des Shadow Falls Camps, das in diesem Fall bald als Ausgang fungieren würde. Ich hatte mich vor zwei Stunden noch so gefreut, dass es zu dem Zeitpunkt einen Eingang dargestellt hatte. Es fiel mir heute besonders schwer, meine Eltern wieder gehen lassen zu müssen.
"Du schaffst das schon, mein Schatz. Du hast doch auch schon Freunde gefunden, von ihnen wird dir bestimmt jemand alles erklären können, was du wissen musst", erwiderte meine Mum nur ausweichend und legte mir aufmunternd einen Arm um die Schultern.
Auch Dad fügte hinzu: "Ganz genau. Die Leute hier können dir alles viel besser beibringen, als wir es je gekonnt hätten. Deshalb haben wir dir auch nichts von der übernatürlichen Welt erzählt. Wir wussten einfach nicht, wie."
Wut staute sich mit einem Mal in mir auf, doch obwohl ich versuchte, sie ruhig wegzuatmen, gelang es mir nicht. "Abgesehen davon, dass es einfach absolut nicht pädagogisch wertvoll ist, seinem Kind erst mit 16 bis 18 Jahren zu erzählen, dass es gar nicht menschlich, sondern übernatürlich ist, kann ich es gerade wirklich nicht glauben! Ich kann nicht glauben, dass ihr euch so einfach aus der Affäre ziehen wollt! Warum dann überhaupt Kinder in die Welt setzen?!"
"Mira, bitte …"
"Nein, kein 'Mira, bitte'! Ich meine, in der Pubertät hat man doch eh schon alle Hände voll damit zu tun, irgendwie herauszufinden, wer man überhaupt ist, beziehungsweise wo man seinen Platz im Leben hat!", schrie ich laut und musste kurz Luft holen, nur, um dann ebenso laut weiterzumachen: "Mit Glück ist man dann am Ende der Pubertät einigermaßen bei einem Ergebnis angelangt und dann kommen die Eltern und machen vom einen auf den anderen Moment diese wertvoll erarbeitete Sicht auf sich selbst kaputt, indem sie ihrem Kind erzählen, dass es all die Jahre lang gar nicht das war, was es dachte zu sein. Kein Wunder, dass das Kind da eine riesige Identitätskrise bekommt!"
"Mira, Liebling, wir wussten nicht -", setzte mein Vater an, allerdings ließ ich ihn gar nicht erst ausreden, ich hatte mich viel zu sehr in Rage hochgeschaukelt. "Und das einzige, was ihr tut, ist, mich auf Abstand zu halten, abzuschieben und das andere Leute klären zu lassen! Ja, um Gottes Willen, dass ihr euch bloß nicht mit eurer überforderten Tochter auseinandersetzen müsst!"
Mit einem Mal zog mich meine Mum komplett in ihre Arme und drückte mich an sich, so fest, als würde sie mich nie wieder im Leben loslassen wollen. Sie drückte mir einen Kuss auf den Scheitel und flüsterte in meine Haare: "Das war doch gar niemals unsere Absicht, Mäuschen … Wir wollten einfach nichts falsch machen, du bist doch unser Ein und Alles … Darum wollten wir es den Profis überlassen, dich an die Sache ranzuführen …"
So sehr, wie ich ihre Nähe genoss, ich war noch zu sauer, um mich komplett beruhigen zu lassen. "Ja, aber jetzt wirkt es so, als wäre es etwas komplett Schreckliches, ein Gestaltwandler zu sein und kein Mensch, dass es so sehr verwerflich ist, dass man es geheim halten muss und ihr da nicht mal selbst mit mir drüber reden könnt. Über manche Sachen möchte man aber nur mit seinen Eltern reden, genau das ist doch der Grund, weswegen der Besuchertag so früh vorverlegt wurde! Damit wir möglichst schnell mit unseren Eltern über alles sprechen können! Ich brauche euch! Ich brauche gerade meine Mum und meinen Dad …" Eine Träne kullerte meine Wange runter.
Sie ließen mich absichtlich allein, in einer komplett neuen Welt, einer Welt voller Gefahren, Artenhass und mit dem Druck, niemals etwas über diese Welt an Menschen geraten zu lassen. Das war im Moment einfach zu viel für mich, um ohne ihre Hilfe damit klarzukommen.
"Wie hättet ihr euch denn gefühlt, wenn euch damals keiner an die Hand genommen hätte und euch alles erklärt hätte?", flüsterte ich leise.
Nun kam auch Dad dazu und schloss Mum und mich ebenfalls in seine Arme. Einen Augenblick lang sagte keiner etwas, bis Dad antwortete: "Deiner Mum hat damals niemand geholfen. Das war in ihrer Familie einfach Gang und gebe, die Kinder ins kalte Wasser zu schubsen. Und ich als Mensch musste so etwas nie durchmachen. Wir haben also leider nie gelernt, wie man jemanden auf so einen Lebenswandel vorbereitet. Deswegen dachten wir, es wäre das beste, einer anderen Person diese Aufgabe für dich zu übergeben."
"Und als wir von Shadow Falls gehört haben, ein Camp, in dem jeder dabei ist, sich selbst zu finden und alle füreinander da sind, war uns klar, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist", ergänzte Mum.
"Aber ich wollte nicht, dass ihr die Aufgabe weitergebt. Ich wollte alles von euch erfahren." Ich schniefte.
"Hey, auch Eltern machen nicht immer alles richtig. Ganz besonders wir nicht. Aber du bist doch immer noch unsere coole Mira. Wir haben uns gedacht, du schaffst es locker mit der Situation umzugehen, weil du so ein fröhlicher, offener Mensch bist, der viel zu neugierig ist, um sich lange von seiner Angst einengen zu lassen." Dad strich mir vorsichtig über den Rücken und ich spürte, dass er trotzdem grinste.
"Bin ich ja eigentlich auch!", rief ich, "Die letzten drei Tage waren auch richtig spannend und die meisten hier sind wirklich super lieb, besonders Noelie, Gen, Andy und Yara. Aber wenn ich nachts allein in meinem Bett liege und darüber nachdenke, was jetzt alles mit dem Wissen einhergeht, dass es Übernatürliche gibt, dann wächst mir das alles ein bisschen über den Kopf."
"Über deinen süßen kleinen Kopf, oh nein, wie können wir das nur wieder gut machen?!", schmunzelte Dad theatralisch, während er sich von Mum und mir löste. Daraufhin knuffte ich ihn in die Seite. "Du blöder alter Mann."
"Wow, hey! Jetzt wird mal hier nicht frech, junge Dame!", tadelte Dad grinsend, ehe er wieder ernst wurde. "Wir sind trotz allem für dich da, okay? Wir hoffen, dass du unsere Beweggründe etwas nachvollziehen kannst, es tut uns wirklich schrecklich leid. Wir werden versuchen, dir alle Fragen zu beantworten, die du hast, du kannst uns immer anrufen und Mails schreiben und wir sind beim nächsten Besuchertag in drei Wochen auch auf jeden Fall wieder mit dabei. Und wenn du möchtest, können wir auch mit den Campleitern und deinen Freunden reden und sie fragen, ob sie dir noch etwas mehr beistehen können."
Ich musste plötzlich laut loslachen und wischte mir eine letzte Träne aus dem Augenwinkel. "Alles gut, Dad. Danke euch. Ich bin zwar immer noch etwas sauer, aber ich hab euch dennoch lieb. Und jetzt zischt schnell ab, bevor ich es mir nochmal wieder anders überlege!"
Da drückte auch Mum mich noch ein letztes Mal fest an sich, bis sie mich endlich losließ. "Danke, Schatz. Wir lieben dich auch. Über alles. Vergiss das bitte nicht. Wir sehen uns in drei Wochen!"
"Mach keinen Mist bis dahin!", rief auch Dad noch und schon waren die beiden durch das eiserne Tor hindurchgetreten und hatten mich wieder einmal allein zurückgelassen. Doch dieses Mal konnte ich etwas besser damit umgehen – hoffte ich zumindest.

Eigentlich ging es mir bis dato ganz gut. Ich hatte einfach alle meine Zweifel und Ängste verdrängt, so getan, als würde ich mit der neuen Situation bestens klarkommen, ich hatte mein Lächeln aufgesetzt und versucht, so aufgeschlossen wie möglich allem gegenüberzustehen.
Mit voller Absicht und Willenskraft hatte ich tagsüber nicht mal einen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass ich in einem Sommercamp voller potenzieller Mörder war, besonders, weil der Großteil der Campbewohner wirklich super süß und lieb war, sodass es nicht fair gewesen wäre, sie direkt so zu verurteilen. Sie gaben sich größte Mühe und die meiste Zeit hatte ich auch richtig viel Spaß mit ihnen, nichts an ihnen schien bedrohlich. Aber sobald ich dann abends im Bett meines Zimmers lag, konnte ich nicht anders, als die Tage Revue passieren zu lassen und zu bemerken, wie suspekt und theoretisch gefährlich der Aufenthalt im Camp doch war. Verdammt, im Zimmer links von mir schlief eine Fee, die mit einem Fingerschnippen das ganze Gelände niederbrennen könnte, und rechts von mir schlief ein Vampir. Ein richtiger Vampir! Und obwohl ich Noelie und Gen bereits richtig ins Herz geschlossen hatte, versteckte sich in der hintersten Ecke meines Gehirns immer noch eine (eventuell irrationale) Angst, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich weinte viel, aber stumm, in der Hoffnung, dass Gen mich nicht hören würde.
Bevor ich dann am nächsten Morgen mein schützendes Zimmer verlassen hatte, hatte ich jeden Zweifel und fiesen Gedanken in mein Innerstes verbannt und so getan, als seien die kleinen halben Nervenzusammenbrüche niemals passiert. Also hatte ich mein Lächeln wieder aufgesetzt. Ganz nach dem Motto 'Fake it until you make it'.
Anscheinend sogar mit Erfolg, denn die einzige, die vermutlich gemerkt hatte, dass etwas nicht hundertprozentig stimmte, war Noelie. Immerhin konnte sie Gedanken lesen und Gefühle spüren. Sie hätte wirklich ein Brett vorm Kopf haben müssen, wenn sie das nicht bemerkt hätte. Aber sie hatte mich nicht darauf angesprochen, wofür ich ihr irgendwie sehr dankbar war. Ich hätte eh nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen. Es dachten ja alle, es würde mir gut gehen. Tagsüber dachte ich das schließlich auch von mir selbst, ich dachte, ich wäre okay. Jedoch hatte der Besuch meiner Eltern mir noch einmal vor Augen geführt, dass ich tatsächlich alles Andere als okay mit meinem neuen Leben als Übernatürliche war.
"Hey, du da! Gestaltwandler! Könntest du dich eine muskulösere Version von dir selbst verwandeln und mir helfen, den Koffer zu tragen? Der ist wirklich schwer!"
Mein Kopf zuckte blitzschnell in die Richtung, aus der Stimme kam, aber ich brauchte einen Moment, um zuzuordnen, wem sie gehörte.
Mitten im eisernen Tor von Shadow Falls stand ein Mädchen, ich schätzte sie auf unser Alter. Sie hatte wunderschöne dunkle Haut und irgendetwas an ihrem Aussehen, an ihrer Ausstrahlung, erinnerte mich an eine Indianerin, quasi an die Tochter eines Häuptlings. Ihre Gesichtszüge wirkten elegant, auch wenn sie im Moment eher genervt schien.
"Wird’s noch?", fragte sie und tippte wartend mit dem Fuß auf den Boden.
Ich konnte verstehen, wieso sie anscheinend so große Probleme mit ihrem Koffer hatte. Sie war echt, echt klein. Also wirklich winzig irgendwie. Es würde mich wundern, wenn sie größer als anderthalb Meter war.
"Ich … ähm …", machte ich überfordert und sie zog nur eine Augenbraue hoch. "Noch nicht ganz wieder in der Realität angekommen?" Sie grinste.
"Was?" Irritiert blickte ich sie an.
Wow, sehr geistreich, Mira, große Klasse.
"Du hast vorhin bestimmt mindestens fünf Minuten lang einfach gedankenverloren auf den Parkplatz gestarrt, bevor ich dich angesprochen habe. Geht’s dir gut?" Sie grinste immer noch, wobei ich nicht ganz zuordnen konnte, ob es freundlich war oder ob sie sich über mich lustig machte.
Leider war ich immer noch nicht ganz dazu in der Lage, ihr zu antworten.
Das Mädchen seufzte. "Hör zu, ich würde dich wirklich gerne weiter starren lassen, aber du bist hier gerade die einzige Person weit und breit und ich habe immense Probleme mit meinem Koffer. Und da dein Gehirnmuster sagt, dass du ein Gestaltwandler bist, würde ich dir sogar einen Keks schenken, wenn du mir helfen könntest."
"Tut mir leid", brachte ich dann endlich etwas Gescheites über die Lippen, "ich würde dir super gerne helfen, aber ich kann nicht. Ich bin noch neu auf dem Gebiet. Wenn du möchtest, kann ich deinen Koffer aber auch so tragen. Mein Name ist übrigens Mira."
Schnell lächelte ich sie freundlich an. Bloß keine Feinde machen, wenn man noch nicht wusste, mit wem oder was man es zu tun hatte.
"Das wär top, danke dir. Ich bin Toyah." Sie lächelte zurück, als ich ihr den Koffer abnahm und anfing loszulaufen.
"Toyah ist ein wunderschöner Name. Wo kommt der her? Und wo möchtest du überhaupt hin?", versuchte ich nach einigen Minuten stillen Nebeneinander-Herlaufens etwas Smalltalk zu führen.
Seit dem Gespräch mit meinen Eltern fiel es mir plötzlich verdammt schwer, meine unbeschwerte Art aufrechtzuerhalten. Meine Angst war jetzt präsenter als je zuvor. Und allem Anschein nach war das auch mehr als offensichtlich, weil Toyah antwortete: "Bist du immer so angespannt?", ohne auf eine meiner Fragen einzugehen. Also lief ich erst einmal geradeaus weiter.
"Was meinst du?", gab ich mich unwissend.
Sie grinste wieder. "Ach, komm. Das kann jeder Fisch spüren. Ich habe doch nicht vor, dir wehzutun oder so."
Ha! Das behauptete sie jetzt.
"Entschuldigung, ich … hab einfach noch ein paar Dinge mit mir selbst und meinem neuen Leben zu klären. Ich wollte das nicht an dir auslassen, tut mir wirklich leid."
Um Toyah nicht in die Augen schauen zu müssen, tat ich so, als würde mein Arm schwach werden und ich müsse den Koffer mit der anderen Hand tragen.
Da hielt sie mich am Arm fest, sodass ich stehenbleiben musste. Sie suchte auffordernd meinen Blick.  "Es wird eventuell dauern, bis du das alles mit dir geklärt hast. Man erfährt ja auch nicht oft im Leben riesige Geheimnisse, die die ganze Weltsicht betreffen, deswegen hetz dich bitte nicht und nimm dir alle Zeit, die du brauchst, das ist voll in Ordnung. Ich werde Holiday da nachher mal drauf ansprechen, wenn du möchtest."
"… Danke!", flüsterte ich verwundert.
Toyah drückte kurz lächelnd meinen Arm und schob mich dann weiter in die Richtung, in die sie laufen wollte, ehe sie erwiderte: "Kein Ding. Es gibt jedes Jahr ein paar harte Fälle, die etwas größere Anpassungsschwierigkeiten haben. Den meisten hilft es wirklich, wenn sie noch einmal ein längeres Gespräch mit Holiday führen und endlich lernen, was genau es bedeutet, seiner Art anzugehören. Das nimmt viel Angst und Unwohlsein."
Ich war überrascht über die Leichtigkeit, mit der Toyah mich vor sich herschob, obwohl sie so klein war. Es war keine übernatürliche Stärke, einfach normale Stärke, die ich ihr trotzdem nicht zugetraut hätte.
"Klingt, als würdest du aus Erfahrung sprechen", sagte ich und ließ es wie eine Frage in der Luft schweben.
"Ich? Nein, ich wusste schon immer, dass ich eine Meerjungfrau bin. Ist eher schwierig, durchs Leben zu kommen, ohne nass zu werden. Aber ich hatte meine Mama und meine Oma, die mich von klein auf an unterstützt haben", erklärte Toyah und zog mich nach links.
"Und woher weißt du dann von den anderen harten Fällen?" Meine Neugier war geweckt, was Toyah dazu brachte, kurz laut aufzulachen. "Na, so gefällst du mir doch schon viel besser als im eingeschüchterten Zustand. Also, Holiday und Burnett suchen manchmal sogenannte Coaches, die sich freiwillig melden und den Neuen ein bisschen beim Eingewöhnen helfen. Ich war letztes Jahr einer dieser Coaches."
Meine Augen wurden groß. "Das ist ja cool! Glaubst du, dass Holiday mir auch so einen Coach zur Verfügung stellen kann?"
"Das können wir sie in ein paar Minuten fragen, wenn du möchtest, wir sind gleich bei ihrem Büro angekommen. Ich muss mich noch anmelden, weil ich ja erst heute angereist bin. Aber ich kann gerne dein Coach sein, falls ich den Job dieses Jahr wieder übernehmen darf."
Ich strahlte. "Das wär toll!"
Irgendwie war es leichter, mit Toyah über meine Probleme zu reden. Vielleicht, weil sie unbeteiligt war und ich sie noch nicht gut kannte. Vielleicht, weil sie Erfahrungen mit Leuten wie mir hatte. Oder vielleicht, weil ich mittlerweile ein extrem schlechtes Gewissen hatte, weil ich alle meine Freunde über meine wahre Gefühlslage belogen hatte.
Wir bogen noch einmal rechts auf den Waldweg ab, der uns zum Campleiter-Büro bringen würde, als eine mir leider Gottes bekannte Person in der Ferne auftauchte und uns langsam entgegenkam. Und auch Toyah schien nicht begeisterter zu sein als ich.
In dem Moment, als Wren uns bemerkte, erhellte sich sein Blick mit einem Mal freudenstrahlend und er fing an, auf uns zuzurennen. "TOYAH!"
Toyah neben mir blieb wie angewurzelt stehen und riss ihre Augen weit auf. "Oh Gott."
"Ich hab endlich meine Lieblings-Toyah wieder!", schrie Wren und seine Stimme überschlug sich fast.
"Bitte nicht", murmelte Toyah nur genervt, da sie realisiert hatte, was ihr bevorstand und auch mich irritierte es vollkommen, Wren plötzlich dermaßen aufgedreht zu sehen, dass er sich fast schon verhielt wie ein hyperaktives Eichhörnchen auf Crack.
Innerhalb der nächsten zwei Sekunden hatte Wren uns erreicht, sich Toyah geschnappt und war nun dabei, sie immer schneller im Kreis herumzuwirbeln. "Du kommst genau zum richtigen Zeitpunkt!"
"Tötet mich", antwortete Toyah gequält, während sie ihre Augen schloss.
Wren hielt endlich an und setzte sie wieder auf dem Boden ab. "Du musst mir einen Gefallen tun. Einen großen. Bitte spiel für die nächsten acht Wochen meine feste Freundin!"
Toyah presste sich die Hand vor den Mund. "Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben."
Da schürzte Wren wie ein kleines, beleidigtes Kind seine Lippen. "Ach, komm. Ich hab ja mit jeder Reaktion gerechnet, aber defintiv nicht damit. So schlimm bin ich doch nun auch wieder nicht."
"Nein, du Idiot", meinte Toyah daraufhin augenrollend und wirkte echt so, als würde sich gleich ihr gesamter Mageninhalt auf dem Waldboden verteilen, "ich muss mich übergeben, weil du mich durch die Gegend geschleudert hast wie so ein Maniac."
"Oh. Also, das heißt, du spielst meine Freundin?" Wren hielt sie an den Schultern fest, da sie wirklich fies schwankte, und blickte sie abwartend an.
Bis Toyah dann irgendwann anfing fies zu grinsen. "Ganz sicher nicht."
"Och, komm schon! Ich werd dich auch nicht knallen!"
"Ja, aber ich werde dir gleich eine knallen, wenn du so weitermachst!"
"Dazu sag ich nicht nein." Wren’s Lippen formten sich ebenfalls zu einem fiesen Grinsen.
"Du bist so widerlich, Thornwood."
"Das hast du letztes Jahr noch ganz anders gesehen."
"Das waren drei Mal!"
"Drei Mal sind mehr als kein Mal."
"Kumpel, größter Fehler meines Lebens."
"Ha, du hast Kumpel gesagt! Also sind wir noch Freunde! Und Freunden hilft man aus!"
"Du nervst, Wren."
"Und ich werde so lange weiter nerven, bis du zustimmst."
Die beiden lieferten sich ein Duell der Worte und mein Kopf wanderte immer nur hin und her von einer Person zur nächsten.
Auf einmal riss Wren mir den Koffer aus der Hand und lief einige Schritte rückwärts.
"Hey!", riefen Toyah und ich gleichzeitig, wodurch Wren mich nur mit einem abschätzigen Blick bedachte und das erste Mal zu bemerken schien, dass ich auch da war. "Dich hat keiner gefragt, Mira."
"Sei kein Arschloch, Thornwood", nahm Toyah mich auch sofort in Schutz, was Wren aber lediglich dazu verleitete, breit weiterzugrinsen. "Wenn ich ein Arschloch sein muss, damit du meine Fake-Freundin spielst, ist es mir das wert. Also, die Bedingungen können wir gern in meinem Zimmer klären."
"Und warum sollte ich dir in deine Hütte, geschweige denn in dein Zimmer folgen?", wollte die Meerjungfrau von ihm wissen.
"Weil du vermutlich deinen Koffer wiederhaben willst. Richtig?" Wren zog eine Augenbraue hoch, drehte sich um und fing an, großen Schrittes davonzulaufen.
"THORNWOOD!", schrie Toyah deshalb wütend, "Gib mir sofort meinen scheiß Koffer wieder!"
Wren ignorierte sie stumpf und ging einfach weiter.
Also wandte Toyah sich an mich und schien vor Wut zu brodeln. "Mira, wenn ich in einer Stunde noch nicht beim Mittagessen aufgetaucht bin, dann hat Wren mich vermutlich wieder um seinen Finger gewickelt und ich hasse ihn jetzt schon dafür."
"Willst du das wirklich tun? Soll ich dich aufhalten?" Ich wusste leider nicht, was ich von der Situation halten sollte.
Toyah schüttelte wild den Kopf. "Nein, danke. Ich hab eh noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Aber danke dir. Wie gesagt, wenn ich in 60 Minuten noch nicht wieder aufgetaucht bin, fang bitte an nach mir zu suchen. Und sag Holiday, dass ich angekommen bin. Ich muss jetzt meinen Koffer wiederholen. War schön, dich kennenzulernen, Mira. Man sieht sich!"
Und weg waren sie, ihr Koffer und Wren, der sich wahrscheinlich gerade wie der absolut geilste Typ im Camp fühlte. Ich hoffte nur, dass Toyah wusste, auf was beziehungsweise wen sie sich da soeben (erneut) eingelassen hatte.
Mir graute es jetzt schon von dem Moment, wenn Andy hiervon erfahren würde. Sie würde definitiv alles Andere als begeistert sein und Wren konnte sich auf die Standpauke seines Lebens gefasst machen. Wobei, wahrscheinlich wird Andy nur mehr als angepisst auf ihn sein, aber niemandem sagen, dass es wegen Toyah ist.
Nun war ich es, die grinsend den Kopf schüttelte, ehe ich den Weg zurück zur Cafeteria einschlug, in der es bald Mittagessen geben würde.
Mein eigenes Identitätsdrama hatte ich mittlerweile wieder gekonnt in die hinterste Ecke meines Gehirns geschoben.
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