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{MMFF} Shadow Falls Camp - the next generation

MitmachgeschichteFantasy / P16 / Gen
15.08.2014
10.05.2020
19
42.323
3
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59 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
05.09.2018 3.666
 
Hey ihr Lieben! :)

Ich hoffe, euch geht's gut ^-^
Weiter geht's mit einem Kapitel aus Wren's Sicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kapitel das mit Abstand längste ist, was ich bis jetzt geschrieben habe :D

Ein riesengroßes Dankeschön geht an Luna Blue99, loveinthemoonlight und KataraLe für die supersüßen lieben Reviews! ♥

Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß beim Lesen! ^-^
Eure -sunshinex- :**



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Kurz nachdem Andrea unsere Hütte verlassen hatte, bekam ich einen Anruf von meinem Vater. Er, Mum und meine kleine Schwester Zoe warteten nun im Speisesaal und es wäre doch sehr freundlich von mir, wenn ich zu ihnen kommen könnte.
Also machte ich mich auf den Weg zur Cafeteria, was dieses Mal extrem lange dauerte, da ich ja am Besuchertag nicht meine übernatürliche Schnelligkeit benutzen durfte. Aber das kannte ich bereits vom letzten Jahr.
Ich freute mich, Zoe wiederzusehen. Auch wenn sie mit ihren 14 Jahren gerade in einer sehr nervigen Phase steckte, war sie mir trotzdem extrem wichtig. Ich freute mich natürlich auch, Mum wiederzusehen. Dad’s Besuch war ich eher neutral gestimmt. Ich freute mich zwar nicht sonderlich, ihn zu sehen, aber ich würde auch nicht wollen, dass er tot ist.
Kurzerhand öffnete ich die Cafeteria-Tür und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Schnell hatte ich meine Familie in der hintersten Ecke der Cafeteria ausgemacht und sobald Zoe bemerkte, dass ich auf sie zukam, erhellte sich ihr Gesicht. "Wren!", rief sie fröhlich und winkte. Im nächsten Moment wollte sie aufstehen und auf mich zurennen, aber ich sah genau, wie Dad sie zurückhielt, was Zoe und ich gleichermaßen missbilligend quittierten.
"Hey Zwerg", begrüßte ich sie schließlich lächelnd und zog sie in meine Arme. Über ihre Schulter hinweg meinte ich "Hi Mum, alles klar?", und auch sie verlangte eine Umarmung, die ich augenrollend, aber grinsend, erwiderte. Lediglich Dad blieb auf seinem Stuhl sitzen, denn er nickte mir bloß einmal kurz zu. Ich nickte aus Respekt zurück, wandte mich dann aber sofort wieder Zoe und meiner Mutter zu.
"Seid ihr gut hergekommen?" fragte ich an Mum gerichtet.
Glücklich lächelte sie. "Ja, es gab keine allzu großen Staus. Zoe war den ganzen Morgen so aufgeregt, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte zu reden."
Ich lachte. Ja, das klang nach meiner kleinen Schwester.
"Die Sommerferien sind immer so langweilig ohne dich", beschwerte Zoe sich daraufhin auch prompt, "ich fand’s besser, als du noch nicht jedes Jahr nach Shadow Falls gefahren bist."
"Warte noch zwei Jahre, dann erlebst du hier auch deine besten Sommer", versuchte ich sie aufzumuntern und strubbelte ihr durch die Haare.
Ehe ich mich versah, hatte Zoe meine Hand weggeschlagen und versuchte kichernd mich zu kitzeln. Dabei hatte sie allerdings vergessen, dass ich um einiges größer und stärker als sie war, also hatte ich sie schnell wieder in meiner Gewalt und übte eine Kitzelattacke auf sie aus, die sie so laut zum Kichern brachte, dass sich die ganzen anderen Besucher in der Cafeteria zu uns umdrehten.
Abrupt zog mein Vater Zoe deswegen von mir weg. "Reißt euch doch mal zusammen! Die Leute gucken schon komisch!"
"Ja, sie gucken, weil Zoe und ich Spaß haben. Das Wort existiert in deinem Sprachgebrauch nicht, ich weiß." Starr schaute ich meinem Vater in seine Augen, während diese sich zu Schlitzen verengten.
Wäre Mum nicht dazwischengegangen, wäre unser Blickduell definitiv in eine körperliche Auseinandersetzung ausgeartet. Wie so oft.
Mir wird wohl nie einleuchten, was meine Mutter an meinem Vater fand. Er war ein sturer Griesgram, dem seine Abstammung viel zu wichtig war. Okay, er war jetzt nicht hässlich, sofern man das von seinem Vater behaupten konnte, mit seinen schwarzen Haaren, den braunen Augen und seinen breiten Schultern, die er an mich vererbt hatte. Auf den ersten Blick war er das totale Gegenteil von meiner doch recht zierlich wirkenden Mum.
Da richtete Dad seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. "Sohn, wir haben etwas mit dir zu besprechen."
"Zoe, magst du deinem Vater und mir vielleicht einen Kaffee von der Theke dort drüben holen? Danke, mein Schatz", bat meine Mum deshalb meine Schwester, der sehr wohl klar war, dass meine Eltern sie bei Folgendem nicht dabeihaben wollten.
Murrend willigte sie jedoch ein und ließ meine Eltern und mich allein am Tisch zurück. Wahrscheinich hoffte sie, dank ihrer Werwolf-Ohren unser Gespräch belauschen zu können.
"Was gibt’s?", fragte ich unschuldig, obwohl ich eine Ahnung hatte, worauf sie hinauswollten.
Lange schwiegen meine Eltern sich nur an, bis Mum mich auf einmal betont freundlich anguckte. "Gibt es denn derzeit ein Mädchen, mit dem du dich sehr gut verstehst?"
Ich wusste es. Jetzt ging das schon wieder los.
"Mum, das ist meine Sache. Du weißt, dass ich nicht mit dir über sowas rede. Und erst recht nicht mit Dad", antwortete ich. Sie erkannten, dass ich leicht genervt war, und Mum legte ihre Hand auf meine. "Natürlich, Schatz, aber du bist mittlerweile schon 18. Die Ältesten machen uns langsam Druck."
"Was? Weil ich mit 18 noch nicht verheiratet bin und drei Kinder habe?! Das ist mir doch egal, ich habe andere Prioritäten!" Wenn die mir jetzt mit Zwangsehe kommen, raste ich aus.
"Nicht in so einem Ton, Junge!", schaltete mein Vater sich ein. "Deine Mutter und ich sind zu dem Ergebnis gekommen, dass du zwei Monate Zeit hast, um eine feste Freundin zu finden und sie dir zu versprechen. Solltest du das bis dahin nicht getan haben, sehen wir uns gezwungen, dir eine Partnerin auszusuchen."
"Seid ihr eigentlich bescheuert?!", rief ich wütend.
Mum verstärkte den Druck auf meine Hand. "Wir verstehen deine Frustration, aber es ist das beste so. Dein Vater hat auch bereits mit dem Vater einer gewissen Evelyn geredet. Ihr geht es ähnlich und er hat schon sein Einverständnis zu einer möglichen Heirat zwischen euch beiden gegeben."
War das deren scheiß Ernst?! Als ob ich Evelyn heiraten würde! Niemals in meinem Leben!
"Sorry, ich kann mir euer Gelaber nicht mehr geben. Sagt Zoe, dass ich sie liebhabe, ich hau ab." Mit diesen Worten stürmte ich aus der Cafeteria.
Ablenkung, ich brauchte Ablenkung. Sonst würde ich noch das gesamte Camp abfackeln.
Es dauerte nicht lange, bis ich Geneviève sah, die sich soeben von ihren Eltern verabschiedet hatte.
"Hey, Gen!", rief ich ihr von Weitem zu und joggte in ihre Richtung. "Deine Schnürsenkel sind offen."
Genau wie erhofft, bückte die Vampirin sich nach vorne.
Mehr als offensichtlich ließ ich meinen Blick nach unten schweifen und für einen Moment dort verweilen. "Gen, in dieser Hose sieht dein Arsch wirklich ganz besonders sexy aus." Meine Lippen verformten sich zu einem fetten Grinsen.
Schnell erhob Geneviève sich wieder und drehte sich schwungvoll zu mir um. In ihren Augen brannte kalte Wut, ihre Lippen hatte sie zu einem Schlitz gezogen. "Starr mir noch einmal auf den Arsch, Wren, und das wird das Letzte gewesen sein, was du in deinem Leben getan haben wirst."
"Damit komm ich klar. Wenn ich mir einen letzten Anblick wünschen dürfte, bevor ich sterbe, wäre es definitiv dein Hintern in genau dieser Jeans", erwiderte ich belustigt, was Gen zum Fauchen brachte. Abwehrend hob ich meine Hände. "Hey, ganz ruhig. Freu dich doch, das war ein Kompliment."
"Soll ich dir jetzt auch noch danken oder was?" Die Vampirin starrte mich immer entgeisterter an.
Versteh einer die Frauenwelt heutzutage.
Weil ich wusste, wie sehr es sie provozierte, antwortete ich lediglich: "Ach, kein Ding. Immer wieder gerne."
Auch wenn Gen mich bereits letztes Jahr im Camp mehrmals abgewiesen hatte, würde ich nicht aufgeben. Irgendwann würde ich sie brechen, so wie ich bis jetzt jede vor ihr gebrochen hatte, denn früher oder später verfielen alle Mädchen meinem Charme. Ich liebte das Spiel einfach zu sehr.
Langsam kam Gen auf mich zu, bis sie direkt vor mir stand. Sie reckte ihren Kopf in den Nacken, um mir in die Augen schauen zu können. "Weißt du was, Wren? Ich bin eine ungeküsste Jungfrau, und ich habe hundertprozentig nicht vor, diesen Status an dich zu verlieren und dir mein erstes Mal zu schenken."
Ich lachte laut auf. "Heiß, Geneviève! Sehr nice. Wobei ich dich niemals für dermaßen unschuldig gehalten hätte …" Anzüglich zog ich eine Augenbraue hoch.
Daraufhin hörte ich sie einmal langsam und tief ein- und ausatmen, wobei sich ihr Brustkorb hob und senkte.
Das war mindestens ein B-Körbchen. 75B, wenn mich nicht alles täuschte.
Leider hatte ich wohl mal wieder zu offensichtlich gestarrt, da Gen’s Herzschlag sich abrupt beschleunigte, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben, ehe sie sich an mich wandte. "Wren? Kannst du mir einen Gefallen tun?"
"Für dich alles." Mein Grinsen wuchs.
"Verpiss dich."
Autsch. Vielleicht würde ich Gen doch noch etwas mehr als erwartet bearbeiten müssen.
Plötzlich traf ihr Blick wieder den meinen und ich meinte, noch etwas Anderes als Wut darin erkennen zu können, doch ich konnte beim besten Willen nicht sagen, was es war.
Als Geneviève bemerkte, dass ich sie skeptisch musterte und versuchte, sie zu durchschauen, war alles, was sie tat, den Kopf zu schütteln. "Wren, jetzt mal ernsthaft. Denkst du eigentlich, dass Andrea es toll findet, dass du dich durch das gesamte Camp vögelst?"
Aha, hier wehte der Wind also. Ich zögerte. Natürlich hatte ich Andy nicht vergessen, aber ich konnte jawohl nicht ewig und ständig auf sie warten. Wenn sie noch nicht wollte, würde ich es mir in der Zwischenzeit halt woanders besorgen.
Wie immer überspielte ich meine Gedankenwelt jedoch grinsend mit einem Schuss Humor. "Ich vögel mich ja nicht durch das gesamte Camp – nur durch das halbe."
"Und genau das ist der Grund, wieso sie sich in naher Zukunft niemals auf dich einlassen wird. Du bist ein verdammter Idiot. Von deinen Freizeitbeschäftigungen mal ganz abgesehen."
Obwohl ich alles tat, um nicht auszurasten, konnte ich nicht verhindern, dass auch meine Stimme etwas lauter wurde. "Andy und ich sind nicht mal zusammen! Weshalb sollte ich dann damit aufhören, mein Leben zu genießen?!"
Gen antwortete jedoch schon gar nicht mehr, sie hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und den Weg zu den Hütten eingeschlagen. Während sie wegging, sagte sie noch leise: "Nur zu, brich ihr schon wieder das Herz. Du wirst ja sehen, wie weit du damit kommst."
Fassungslos blickte ich ihr nach.
War das jetzt ihr verdammter Ernst?! Was meinte sie denn, dass Andy für ein Recht hatte, sauer auf mich zu sein? Solange Andy und ich nicht zusammen waren, durfte ich machen, was ich wollte, oder etwa nicht? War es plötzlich moralisch verwerflich, dass ich Spaß hatte?! Ich war doch kein Verbrecher, der ein Opfer nach dem anderen vergewaltigte! Ich hatte noch nie ein Mädchen zu etwas gezwungen. Gut, ich hatte sie vielleicht um den Finger gewickelt, aber es ging immer von ihnen selbst aus, und wenn sie ausdrücklich Stop gesagt hatten, hatte ich auch direkt aufgehört.
War Andrea etwa immer noch sauer wegen des einen Mals letztes Jahr? Damals hatte der große Bruder eines Campmitglieds bei einem Besuchertag diversen Alkohol mit ins Camp geschmuggelt und dann hatten wir eines Abends eine Party im Wald am Lagerfeuer veranstaltet, natürlich ohne Holiday‘s und Burnett’s Wissen (weswegen wir im Nachhinein auch extrem Anschiss gekriegt haben, aber das ist eine andere Geschichte). Jedenfalls hatten wir alle gut was intus und da war dann diese eine kleine Fee, die den ganzen Abend an mir hing. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich sie definitiv abschleppen können, aber ich bin ja kein schlechter Kerl, also habe ich sie mit zurück zu ihrer Hütte genommen und dort ins Bett gebracht, damit sie ihren Rausch ausschlafen konnte. Es lief nichts, ich schwöre. Auf Andy musste es jedoch so gewirkt haben, als hätte ich es ausgenutzt, dass die Fee betrunken war, und egal, wie oft ich ihr versichert hatte, dass in der Nacht nichts vorgefallen war, sie wollte mir nie glauben und hielt es mir immer wieder vor. Da half es natürlich auch nichts, dass die Fee in ihrem alkoholisierten Zustand wohl etwas durcheinandergebracht hatte und überall rumerzählt hatte, wir hätten zusammen die geilste Nacht unseres Lebens gehabt.
Ich würde es nie im Leben einfach ausnutzen, dass ein Mädchen nicht mehr hundertprozentig weiß, was sie tut. Das könnte ich gar nicht. Wenn ich mir vorstelle, wie so etwas meiner kleinen Schwester Zoe passieren könnte …
Meine Hände ballten sich zu Fäusten, ich presste meine Kiefer aufeinander, um nicht irgendwo gegen zu schlagen. Verdammte Scheiße.
Langsam wanderten meine Gedanken weiter zu dem Gespräch zwischen meinen Eltern und mir eben. Bis jetzt hatte ich es ganz gut verdrängt, aber sie hatten mir doch tatsächlich gedroht. Gedroht, mir eine Ehepartnerin aussuchen zu müssen, wenn ich mich nicht innerhalb der nächsten zwei Monate fest an ein Mädchen binden würde. Vorzugsweise an einen weiblichen Werwolf. Ich konnte nicht glauben, dass Dad sogar bereits mit George Samura über eine potentielle Ehe zwischen mir und Evelyn gesprochen hatte. Und das nur, weil die Ältesten redeten. 18 Jahre alt und unverheiratet, oh nein, wie dramatisch. Ich hasste diesen drecks Gruppenzwang in den Rudeln. Es war mir doch verdammt nochmal sowas von scheiß egal, was die Ältesten von mir hielten! Ich würde mich ihnen definitiv nicht unterordnen. Aber ich wusste, dass Zoe es in ein paar Jahren tun müssen würde und das ging mir gewaltig gegen den Strich.
Plötzlich tickte mich jemand an meiner Schulter an. "Hey! Bist du zufällig Wren?"
Weil ich so in Gedanken versunken war, hatte ich trotz meines Werwolfgehörs nicht mitbekommen, wie ein dunkelblonder Typ hinter mir aufgetaucht war. So etwas war mir noch nie vorher passiert, ich wusste eigentlich immer genau, was in meiner Umgebung abging.
"Sorry, ich wollte dich nicht so abrupt in die Gegenwart zurückreißen." Er lächelte mich entschuldigend an.
Der ist safe 'ne Fee, da muss ich mich nicht mal bemühen, mein Augenbrauchen hochzuziehen.
"Kommt drauf an, wer wissen möchte, ob ich Wren bin", antwortete ich nur.
"Ich bin Joey, freut mich, dich kennenzulernen. Deine Mitbewohnerin Evelyn hat mich gefragt, ob ich dir was ausrichten kann." Joey holte einen Zettel aus seiner hinteren Hosentasche. "Soll ich ihren genauen Wortlaut zitieren oder möchtest du den Zettel selbst lesen?" Er grinste leicht.
Oh Gott. Das konnte ja nichts Gutes bedeuten.
"Weißt du, was auf dem Zettel steht?"
"Jep. Evelyn hat mich heute Morgen beim Besuchertag vor meiner gesamten Familie und Noelie angeschrien. Ich schätze, sie brauchte einfach jemand Neutrales, bei dem sie sich auskotzen konnte. Und wer ist da besser geeignet als eine Fee, die euch beide nicht kennt?" Joey’s Grinsen wurde etwas breiter, als würde er das Ganze als keine große Sache abtun wollen, aber irgendwie kaufte ich ihm das nicht so richtig ab.
"Okay Sherlock, wir analysieren jetzt mal nicht meine Gefühle, sondern konzentrieren uns auf dein Problem hier", sagte Joey daraufhin, immer noch leicht amüsiert, und fuchtelte mit dem Zettel vor meiner Nase rum.
Es wunderte mich, dass Evelyn vorhin in unserer Hütte nichts gegenüber mir erwidert hatte, obwohl sie davor bereits in der Cafeteria war und Joey den Zettel gegeben haben musste. Vielleicht wollte sie nur nicht vor ihrem Vater und Andy und Luca in der Hütte ausrasten. Eins musste ich ihr lassen, sie war eine verdammt gute Schauspielerin.
Schnell riss ich ihm das Stück Papier aus der Hand. "Gib schon her."
Ich brauchte einen Moment, bis ich Evelyn’s Schrift entziffern konnte, aber dann sah ich, was sie mir mitzuteilen hatte.

Hey du Matador! Was hast du mit deinem Talent eigentlich jetzt schon wieder angerichtet?! Sieh zu, dass du dir `ne Freundin auftreibst! Und glaub ja nicht, dass du jetzt irgendeinen Anspruch auf mich hast, nur weil unsere Eltern uns verheiraten wollen! Ganz bestimmt werde ich niemals deine Ehefrau sein, vergiss das ja nicht! Und wenn ich dich das nächste Mal zu sehen kriege, renn lieber weg, ich bin extrem angepisst!

Fuck.
Eine immense Wut kochte in mir auf. Verfickte Scheiße, das war doch nicht allein meine Schuld! Evelyn‘s Vater steckte in der Sache genauso drin wie meine Eltern! Alles in mir schrie, mich zu beruhigen, aber ich hatte keinen Bock mehr, mein Geduldsfaden für heute war am Ende. Ich wollte meinen Frust an jemandem auslassen, ich wollte meine Fäuste in Wände rammen, ich wollte auf irgendetwas eintreten, ich wollte jemandem ins Gesicht schlagen.
Kurzerhand nahm ich Joey und drückte ihn mit voller Wucht gegen den nächstgelegenen Baum. Ich hasste mich dafür, er war unschuldig, aber der Werwolf in mir schrie wutentbrannt und ließ sich nicht bändigen.
Joey’s Herzschlag überschlug sich fast, während das Blut durch seine Adern pumpte und er mich mit vor Angst weit aufgerissenen Augen anstarrte. Er versuchte flach zu atmen, als ich ihn bedrohlich anknurrte.
"Hey Wren, b-bitte beruhig d-dich doch", stotterte er verzweifelt, was mich nur dazu verleitete, ihn noch lauter anzuknurren.
Mein Tag heute war einfach nur übelster Bullshit und das Fass war mehr als übergelaufen.
"I-ich versteh ja, d-dass du w-wütend b-bist, aber - ", setzte Joey wieder an, allerdings presste ich nur ein "Halt’s Maul!" zwischen meinen Lippen hervor und er verstummte augenblicklich.
Kurzerhand schloss er seine Augen und hörte auch komplett auf, sich meinem festen Griff entziehen zu wollen. Er blieb ganz still und ich hielt verwirrt inne, weil sich ein konzentrierter Ausdruck auf sein Gesicht legte.
Da übermannte es mich mit einem Mal und abrupt ließ ich Joey los. Vor meinem inneren Auge tauchte Andy auf. Eine Szene von vor einem Jahr. Die Hexe blickte mich stinksauer an, ihre Hände hatte sie in ihre Hüfte gestemmt. "Und genau deswegen sind wir ab heute Feinde, Wren Thornwood. Ich kann es nicht ab, dass du durch die Gegend rennst, dich an jedes Mädchen ranmachst und ständig grundlos Leute verprügelst!"
"Das war doch nicht grundlos! Wenn so ein Arschloch wie Luca dich einfach sitzen lässt, hat er es nicht anders verdient", hörte ich mich laut erwidern.
"Ich hasse deinen mangelnden Respekt vor jeder Art von Lebewesen! Sprich wieder mit mir, wenn du deine Aggressionsprobleme unter Kontrolle gekriegt hast. Als brutaler Schläger kannst du mir gestohlen bleiben."
Ein Ruck ging durch mich, ich sog scharf die Luft ein und atmete danach zu meiner Beruhigung laut ein und aus, immer wieder, bevor ich Joey mehr als schockiert anschaute.
"Irgendwie musste ich dich ja ruhig kriegen", meinte dieser dann, wieder entschuldigend lächelnd. "Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Ich hasse es eigentlich, die Schwachpunkte von anderen so schamlos auszunutzen."
Immer noch überfordert von meinem Kurztrip in die Vergangenheit, fuhr ich mir einmal durch die nass geschwitzten Haare. Alle negativen Gefühle waren fast wie weggeblasen. "Ist … schon okay. Du hattest ja keine andere Wahl."
Joey legte mir seine Hand auf den Arm. "Sicher? Du siehst ziemlich mitgenommen aus."
Ja, ach was. Cool war das sicherlich nicht.
"Wird schon." Ich nahm seine Hand von meinem Arm.
"Wenn du wen zum Reden brauchst, ich habe immer ein offenes Ohr. Bevor ich dich eben angesprochen habe, habe ich die ganze Zeit deine Gefühle beobachtet und ich glaube, dass du gerade ziemlich viel mit dir rumschleppst, was du nicht mit dir alleine ausmachen solltest. Deine Eltern, dann Evelyn, jetzt die Szene mit der Hexe. Es ist okay, Hilfe anzunehmen."
Allerdings wurde es mir ab da zu sentimental. "Danke Alter, aber ich bin nicht der Richtige für deine mitfühlende Feenkacke. Ich kenn dich kaum, und ich bin bis jetzt immer gut alleine klargekommen."
Joey zog eine Augenbraue hoch. "Anscheinend ja nicht."
Mahnend knurrte ich einmal kurz und sofort hob Joey abwehrend seine Hände. "Ist ja gut, tut mir leid. Bis hier hin und nicht weiter, ich hab's verstanden." Er grinste jedoch wieder.
"Jedenfalls", fuhr er fort, "wollte ich gerne noch wissen, ob du Noelie irgendwo gesehen hast. Nachdem wir uns von meiner Familie verabschiedet haben, ist sie ebenfalls gegangen und meinte, sie müsse noch irgendwas erledigen. Deswegen bin ich dich suchen gegangen. Aber ich kann Noe seitdem nicht mehr erreichen."
Erst wollte ich gerne fragen, "Wer ist Noelie?", aber dann fiel mir ein, dass das die Fee war, die komischerweise weiß-pinke Haare hatte und mit Geneviève und Mira in einer Hütte wohnte.
"Ne, sorry, die hab ich ewig nicht mehr gesehen. Versuch es doch mal in ihrer Hütte oder so. Und übrigens, danke für’s Überbringen des Zettels, tut mir echt leid, dass ich so ausgerastet bin. Das bleibt doch unter uns?", fragte ich Joey vorsichtig.
Dieser schien nicht mal lange überlegen zu müssen, denn er sagte grinsend: "Klar, kein Ding. Wir sehen uns später!"
Damit schlug er den Weg zu den Hütten ein und ließ mich allein zurück. Er hatte definitiv einen gut bei mir.
Und weil ich auch nicht wusste, was ich nun tun sollte, entschied ich mich dazu, ebenfalls zu meiner Hütte zurückzugehen, ganz egal, ob Evelyn dort auf mich wartete. Ich hatte keine Angst vor ihr, und wahrscheinlich wäre es sogar besser, wenn wir uns zusammentun und versuchen, unsere Eltern von ihren Hochzeitsplänen für uns abzubringen. Oder ich würde mich einfach in mein Bett legen und 'ne Runde pennen, weil ich nach den vorherigen Geschehnissen eigentlich absolut keinen Bock mehr auf irgendeine menschliche Interaktion hatte. Das war zu meinem besten, und hundertprozentig auch zum besten der Person, die es wagen würde, mich heute noch anzusprechen. Ganz egal, wer. Ich brauchte ab jetzt einfach meine Ruhe, denn ob ich wollte oder nicht, Joey hatte recht. Ich war emotional am Ende.
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