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Oneshot Sammlung: Dexter

KurzgeschichteDrama, Thriller / P16 / Gen
Deborah Dexter Harry Rudy / Brian
15.08.2014
08.07.2015
6
4.388
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15.08.2014 841
 
„Wir sind gleich.“ „Nein sind wir nicht!“
Mit diesen Worten beendete ich das Leben meines Bruders. Brian ist tot, Rudy Cooper ist tot. Und ich hocke hier, halte noch das Messer in der Hand und versuche verzweifelt mein Gesicht in der Klinge zu spiegeln. Aber es geht nicht. Blut versperrt mir die Sicht. Blut versperrte mir immer die Sicht. Blut pflasterte meine Wege. Blut war allgegenwärtig. Blut hält den Menschen am Leben. Aber nur, weil der Körper es braucht. Ich brauche es aber auch aus einem anderen Grund. Obwohl ich persönlich nicht danach verlange. Mein düsterer Begleiter verlangt danach. Tief hockt er in meinen Gedanken und sticht immer wieder zu. Sagt mir „hey Dex, ich will töten. Ich will Blut. Ich will Satisfaktion.“ Ich gebe nach. Ich bin gierig. Ich suche, ich finde, ich töte. Doch was ist das? Eine Mauer tut sich auf. Doch sie versperrt mir nicht den Weg. Sie bedrängt mich nur. Schränkt mich ein. Harry hält seine Hand schützend vor meine Ziele. Gibt ihnen einen „Gut“ und „Böse“ Stempel. Ich habe mich immer danach gerichtet. Brian ist tot. Von der Seite Harrys war ich richtig vorgegangen. Hatte einen Massenmörder aus dem Verkehr gezogen. Doch warum fühle ich auf einmal so etwas Seltsames? Dabei fühle ich eigentlich nie etwas. Das wirft Fragen auf. Wie kann ich Selbstjustiz anwenden und dennoch selber nicht urteilen? Gehe ich meinen eigenen Weg? Oder gehe ich Harrys Weg? Sei es mein Weg, so habe ich gewollt meinen leiblichen Bruder getötet. Einen Bruder der wie ich im Blut meiner Mutter geboren war. Eine Person, die mich kannte, verstand und mir ähnlich war. Nicht so wie Harry, der mich einen Kodex lehrte und nie wissen konnte wie ich mich wirklich fühlte. „Was fühlst du gerade, Dexter?“ „Nichts, gar nichts.“
Nichts beschreibt gut, was ich fühle. Aber gleichzeitig war es falsch. Vielleicht konnte ich nur nicht emotional fühlen. Aber was war dann dieses Gefühl gerade? Nie wurde ich dadurch erschüttert, dass eines meiner Familienmitglieder gestorben war. Das lag wohl auch daran, dass ich seit dem Tod meiner Mutter kein leibliches Familienmitglied verloren hatte. Brian war der Erste. Und Brian war der Erste, der durch meine Hand starb. Brian war der Erste, der mich vielleicht verstand. Aber er wollte Debra töten. Und er dachte, dass ich auch ihren Tod wollte. Aber das wollte ich nicht. Ich liebte Debra. Aber auch das konnte ich nicht. Ich konnte doch nicht lieben. Was war nur mit mir los?
Ich lehnte noch immer an der Wand und starrte auf Brians Körper. Seine Augen waren geschlossen und sein Mund zeigte einen Ausdruck der Erlösung. Als würde er nur schlafen und einen wunderschönen Traum haben. Von der Folie um den nackten Brian tropfte Blut. Ebenso von seinen eng angewinkelten Armen. Die Tropfen liefen den ganzen Arm von der Brust, bis zu den Fingerspitzen runter. Wie ein Fluss aus Blut. Er war vollkommen nackt. So tat ich es immer. Ich zog meine „Beruhigungsmittel“ immer aus. Ich war nicht gläubig, aber sie sollten aus dem Leben treten, wie sie geschaffen wurden. Zudem war es einfacher, als sie später aus den nassen, blutigen Fetzen zu wickeln. Die Kleidung war auch nicht biologisch abbaubar, wie die Müllsäcke in denen meine Opfer nachher endeten.
An Brians Wange lief ebenfalls Blut entlang. Ich blickte neben mich. Auf dem Boden hatte ich den Objektträger gelegt. Ein Teil meines Rituals. Betäuben, in mit Folie ausgekleideten Raum bringen, auf einen Tisch mit Folie festmachen, aufwecken und dann ein schöner Schnitt mit dem Skalpell in die Wange. Eine Pipette befördert dann das austretende Blut auf einen Objektträger. Das Ende der Reise für jedes meiner Opfer, war hinter meiner Klimaanlage. Das kleine braune Kästchen indem schon mehr als 25 Objektträger ruhten. Doch Brian sollte das nicht. Meine Gier war nicht gestillt durch seinen Tod. Ich hob den Träger auf und zerbrach ihn in der Mitte. „Verdammt,“ nuschelte ich halblaute in meinen blutenden Daumen. Was für eine bildhafte Metapher. Ich hatte mich geschnitten und Brians und mein Blut waren zusammengelaufen.
Noch lange starrte ich auf Brian. Hoffte ich, dass er sich wieder bewegen würde? Meine Gedanken schweiften weiter ab und ich merkte nicht, wie das Blut meines Bruders meine Hose tränkte. Doch bemerkte ich schließlich die Kälte die es mit sich brachte und sprang auf. Mit der Hand wischte ich mir übers Gesäß. Meine Finger waren Burgunderfarben. In Blut geboren. In seinem Blut neugeboren?
Ich ging zum Tisch und beendete mein Ritual. Immer mit Harrys Hand auf der Schulter und seiner Stimme im Nacken die immer wieder predigte: „Er ist nicht deine Familie. Du hast das Richtige getan. Er ist nicht wie du. Er wusste nicht wie du bist. Ich aber weiß wie du bist. Ich hab dich geschaffen. Ich habe dich davor gerettet, so zu werden wie er.“
Mit jedem Müllsack der im Meer versank, wurde seine Stimme lauter. Ich startete den Motor des Bootes und seine Stimme verstummte. Mein düsterer Begleiter war zufrieden. Aber war ich es? Harry schwieg. Der düstere Begleiter schwieg. Ich konnte reden. Aber ich tat es nicht.
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