Second Chance

GeschichteRomanze / P18 Slash
Robin Sir Guy of Gisborne
15.08.2014
20.09.2014
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Vorwort: Ich habe mich versucht nach Möglichkeit an den chronologischen Ablauf der Serie zu halten, aber bei Marian habe ich zugegeben ein bisschen gemogelt und sie ein paar Jahre älter gemacht. Ich wollte sie nämlich unbedingt in die Geschichte mehr mit einbinden. Am liebsten würde ich sie ja mit Isabella verkuppeln, aber ich weiß nicht, ob zwei Slash-Pairings nicht zu viel für diese FF wären.



Second Chance

Kapitel 1:

Robin fühlte sich wie gelähmt. Geräusche nahm er nur noch gedämpft war, denn sein eigener Puls pochte so laut in seinen Ohren, das er fast alles andere übertönte. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an Marian, deren lebloser Körper schwer in seinen Armen lag. Das war alles nur ein böser Traum. Das musste ein Traum sein! Robin merkte nicht einmal wie Tränen seine Wangen hinab liefen. Immer wieder entrang sich ein Schluchzen seiner trockenen Kehle. Alles erschien so unwirklich. Er würde Guy of Gisborne töten! Ganz langsam und qualvoll. Er würde diesen Mistkerl leiden lassen! Wäre er nur etwas eher hier gewesen, dann hätte er Marian vielleicht noch retten können. Verfluchter Gisborne, verfluchter Vaisey, verfluchter König Richard und sein verfluchter Heiliger Krieg!

Wenn er die Chance hätte sein Leben noch einmal zu leben, dann würde er alles anders machen. Wenn er nur die Zeit zurückdrehen könnte, zu dem Punkt, wo alles anfing schief zu gehen. Wenn er die Vergangenheit ändern könnte. Robin überkam plötzlich ein dumpfes Gefühl und alles verschwamm vor seinen Augen.

Als er seine Lieder wieder öffnete, blickte er zweifelsfrei an seine Schlafzimmerdecke in Locksley Manor. Wie kam er hierher? Erschrocken fuhr er aus dem Bett hoch. War das alles nur ein Traum gewesen? Hoffnung schimmerte in ihm auf. Bitte lass es nur ein Alptraum gewesen sein, flehte er gedanklich. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war, aber in seinem Gedächtnis schien eine große Lücke zu klaffen. Irgendwie jagte ihm das Angst ein. Er sah sich in seinem alten Zimmer um. Alles erschien so ungewohnt groß. Als seine Füße den kalten Boden berührten merkte er, dass er ein Nachthemd trug. Er hatte seit seiner Kindheit kein Nachthemd mehr getragen. Was sollte das alles? Was hatte das zu bedeuten? Vorsichtig schritt er auf die Tür zu und schlich aus dem Zimmer. Auf leisen Sohlen ging er die Treppe hinunter, als er unten angelangte war, sah er seinen Vater am Kamin sitzen. SEINEN VATER?

„Na auch schon wach? Was ist los? Du siehst ja aus wie ein Kaninchen vor der Schlange.“

War das ein Traum? Aber alles fühlte sich so real an. War er womöglich tot? Hatte Marians Dahinscheiden ihm wortwörtlich das Herz gebrochen? Wie sonst konnte er sich die Anwesenheit seines Vaters erklären, der doch schon vor Jahren in den Flammen ums Leben kam? Er war um keinen Tag gealtert.

„Robin, ist alles in Ordnung mit dir?“

„Wo bin ich?“

Das Lächeln schwand von Malcolms Gesicht. Besorgt erhob er sich aus dem Sessel und schritt auf seinen Sohn zu. War sein Vater schon immer so groß gewesen?

„Du bist zu Hause. Geht es dir gut mein Junge?“

„Aber ich war doch noch gerade im Heiligen Land, an der Seite von König Richard und ich hielt Marians Leichnam im Arm. Gisborne hatte sie ermordet“, mit weit aufgerissenen Augen starrte er seinen Vater an, als wäre er ein Geist, was er in gewisser Weise schließlich auch war.

„Sir Roger of Gisborne?“

„Nein, nicht Roger, sondern sein Sohn Guy!“, irgendwie hörte sich seine eigene Stimme so ungewohnt hoch an. War er vielleicht heiser? Aber müsste dann seine Stimme nicht eigentlich tiefer, anstatt höher klingen?

Malcolm ging vor seinem Sohn in die Knie und nahm dessen Gesicht in seine großen, breiten Hände. „Du hast nur geträumt mein Junge. Wieso sollte Guy der kleinen Marian irgendetwas zuleide tun wollen?“ Seine Lippen umspielte ein nachsichtiges Lächeln, das zum Ausdruck brachte wie grotesk er die ganze Geschichte fand.

Wenn sein Vater nur ein Trugbild war, wie kam es dann, dass Robin die warmen, schwieligen Hände auf seinen Wangen spüren konnte? Außerdem fühlte er sich kein bisschen benebelt, sondern hellwach. Er nahm den Wind wahr, der durch die Fensterritzen pfiff, roch das Feuer im Kamin und fühlte das raue Holz unter seinen Fußsohlen. Nein, dass war kein Traum.

Urplötzlich schloss er seinen Vater in die Arme, der damit offensichtlich nicht gerechnet hatte, denn er wäre beinahe nach hinten übergekippt.

„Robin, ist alles in Ordnung mit dir?“
„Bin ich tot?“, nuschelte dieser in die Umarmung hinein. Er hatte seinen Vater so sehr vermisst. Er war genauso, wie Robin ihn in Erinnerung hatte. Dieser packte ihn überrascht an den Schultern und schob ihn einige Meter von sich fort, um ihn besser in Augenschein nehmen zu können.

„Tot? Was um Gottes Willen ist nur los mit dir? Nein, du bist nicht tot. Hast du irgendetwas gegessen von dem ich wissen sollte? Vogelbeeren, oder Pilze? Gewisse Pilzsorten können derlei Wahnvorstellungen hervorrufen“, redete sein Vater besorgt auf ihn ein und befühlte seine Stirn, um festzustellen, ob er Fieber hatte. „Hm..., deine Temperatur scheint normal zu sein. Vielleicht sollte ich Matilda kommen lassen.“

„Welches Jahr haben wir?“, fragte Robin plötzlich unverhohlen.

Sein Vater sah ihn daraufhin so an, als hätte sein Sohn den Verstand verloren.
„1172“, antwortete er gedehnt langsam.

Das bedeutete er war zwanzig Jahre in die Vergangenheit zurückgereist. Immerhin erklärte das, weshalb seine ganze Umgebung auf einmal wie das Haus eines Riesen auf ihn wirkte und warum seine Stimme so ungewohnt hoch klang: Er war wieder ein Kind! Aber, wie war so etwas überhaupt möglich? Hatte Gott seine Gebete erhört? War das die zweite Chance, welche er sich gewünscht hatte? Zwar ängstigte ihn die Vorstellung, dass sein bisheriges Leben sich einfach so in Luft aufgelöst hatte, aber bei Weitem nicht so sehr wie die frische Erinnerung an Marians Tod. Wenn dies Gottes Geschenk an ihn war, dann nahm er es dankend an.

Damit jedoch Malcolm nicht auf die Idee kam er hätte tatsächlich den Verstand verloren, oder würde auf Grund einer Krankheit phantasieren, lenkte er schnell ein: „Keine Sorge Vater, du hast wohl Recht. Es war nur ein Traum.“

Sein Vater musterte ihn immer noch misstrauisch. „Bist du sicher?“

„Ganz sicher! Ich gehe eben Marian besuchen. Bin gleich wieder da.“ Er musste sich einfach mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es ihr gut ging, doch sein Vater hielt ihn plötzlich am Kragen seines Hemdes zurück. „Du solltest dir erst Mal etwas Ordentliches anziehen und frühstücken.“

Stimmt! In all der Aufregung hatte Robin ganz vergessen, dass er noch sein Nachthemd trug. Schnell eilte er die Treppen hinauf und zog sich seine Kleidung an, die auf einem Stuhl für ihn bereit lag. Es war irgendwie merkwürdig wieder in seinen Kinderschuhen zu stecken und dieses alte Hemd zu tragen, welches bis nach oben hin zugeschnürt war. Den Umhang ließ er wo er war und eilte die Treppen hinab, zur Tür hinaus. Sein Vater rief ihm noch nach, dass er erst etwas essen solle, aber Robin ignorierte seine Worte und rannte einfach weiter. Sein einziger Gedanke war: Hoffentlich geht es Marian gut!

Schließlich erreichte er Knighton Hall. Das Anwesen sah genau so aus, wie Robin es in Erinnerung hatte, bevor es Guy nach seiner gescheiterten Vermählung in Brandt gesteckt hatte. Aufgeregt hämmerte Robin an die Tür, bis Marians Vater diese öffnete und ihn verdrießlich musterte.

„Was soll der Aufstand? Ich habe dein Klopfen schon beim ersten Mal vernommen. Ist irgendetwas geschehen?“ Edward lebte! Es tat gut den alten Kauz wieder zu sehen, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt genau genommen noch gar nicht so alt aussah. Wenn Marians Vater wieder unter den Lebenden weilte, dann war gewiss auch seine Tochter wohlauf.

„Ist Marian zu Hause?“, fragte Robin schlichtweg heraus, als auch schon ein kleiner braungelockter Kopf hinter Edward zum Vorschein kam. „Sag Robin, dass ich ihn nicht sehen will. Er hat vorgestern meiner Puppe einen Pfeil in den Kopf geschossen“, beschwerte sich Marian, woraufhin sie beleidigt den Mund verzog und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Möchtest du ihm das nicht selber sagen?“, meinte ihr Vater sichtlich amüsiert über diese kindliche Plänkelei. Marian schüttelte vehement den Kopf und funkelte Robin mit ihren zu Schlitzen verengten Augen bitterböse an.

„Es war meine Lieblingspuppe Anna.“

„Aber dein Freund ist sicherlich hier um sich dafür zu entschuldigen. Nicht wahr Robin? Das ist doch der Grund weshalb du hier in aller Frühe an die Tür hämmerst, als wäre das königliche Regiment hinter dir her, oder?“

„Äh..., genau. Das mit deiner Puppe tut mir leid“, meinte Robin mit gespielter Reue, wobei er sich nur mit aller Mühe ein Grinsen verkneifen konnte. Zum einen weil er so erleichtert darüber war das es Marian gut ging, zum anderen weil er sich noch zu gut an diesen Jugendstreich erinnern konnte. Marian hatte ihm dies noch Jahre später vorgeworfen.

„Sind wir noch Freund?“

„Nein, sind wir nicht!“, sagte diese verschnupft, machte auf dem Absatz kehrt und lief auf ihr Zimmer, wobei sie laut die Tür hinter sich zuknallte.

„Keine Sorge Robin, sie wird sich schon wieder einkriegen“, meinte Edward mit einem verschwörerischen Augenzwinkern. Plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck ernster. „Wie geht es eigentlich Bruder Swain? Mir ist eben erst zu Ohren gekommen, dass dieser Rabensohn von einem Gisborne den armen Mann fast umgebracht hätte und es dann auch noch dir in die Schuhe schieben wollte! Außerdem soll Sir Roger of Gisborne angeblich nach Locksley zurückgekehrt sein.“

Robin sah Edward mit großen Augen an. Sein Gehirn brauchte erst einmal eine Weile um das Gesagte zu verarbeiten, aber dann wusste er wovon Marians Vater sprach. Gestern war der Tag gewesen, an dem sie die Heimkehr der Männer aus dem Heiligen Land gefeiert hatten. Er und Guy hätten gemeinsam das Feuerrad am Himmel mit flammenden Pfeilen entzünden sollen, als Zeichen dafür, dass die dunklen Tage nun vorüber waren. Stattdessen wäre es fast zu Swains Verhängnis geworden. Bruder Swain, Malcolm und noch ein anderer Mann waren gerade dabei gewesen das Rad an einem dafür vorgesehenen Holzgerüst anzubringen, während die beiden Jungen darunter standen und auf ihren großen Auftritt warteten. Sein Vater hatte ihm eigentlich verboten seinen Bogen zu verwenden, weil Robin noch zu jung war, aber dieser hatte vor seinem Rivalen damit prahlen wollen. Er hatte den etwas älteren Jungen verspottet, auf Grund seiner Unzulänglichkeit als Schütze und seine eigene Kunstfertigkeit hervorgehoben. Übermütig wie er war, hatte er Guy beweisen wollen, dass er sehr wohl schon im Stande war den Bogen seines Vaters zu spannen. Eigentlich wollte er nur die Lampe treffen, welche am Gerüst hing. Guy hatte noch versucht ihn von seinem Plan abzuhalten, aber Robin hatte nicht auf ihn hören wollen. Er war so dumm gewesen. Anstatt der Lampe hatte er das Feuerrad getroffen, welches sofort in Flammen aufging. Es stürzte auf Swain hinab und dieser konnte nur Dank Ghislaines Heilkunst gerettet werden.

Da niemand den Vorfall beobachtet hatte, machten die Dorfbewohner ganz einfach den jungen Gisbornesprössling für das Unglück verantwortlich und Robin pflichtete ihnen aus Angst vor den Folgen sogar noch bei. Sie hätten Guy damals beinahe wegen Mordes gehängt, wenn in diesem Moment nicht der tot geglaubte Roger of Gisborne heimgekehrt wäre. Er rettete seinem Sohn zwar das Leben, offenbarte dabei aber auch gleichzeitig, dass er an Lepra erkrankt war. Als Longthorn nämlich behauptete, dass er gar nicht Sir Roger sein könne, weil dieser im Krieg gefallen sei und Guys Vater einen Dolch durch die Hand bohrte, verzog dieser keine Miene. Er spürte den Schmerz einfach nicht mehr. Ein offensichtliches Anzeichen für Aussatz. Noch am heutigen Tag würde man ihn in eine Leprakolonie verbannen. Robin wurde kreidebleich. Im Endeffekt war das alles seine Schuld gewesen. Mal abgesehen von seinem Vater hatte er niemals irgendjemandem die wahre Geschichte erzählt. Die Bewohner Locksleys glaubten schließlich noch zwanzig Jahre später, dass Guy of Gisborne in jener Nacht das Rad entzündet hätte. Eigentlich wäre Robin heute morgen mit seinem Vater zum Grab seiner Mutter gegangen und hätte ihm gebeichtet, was gestern Abend wirklich vorgefallen war, aber stattdessen war er Hals über Kopf nach Knighton Hall aufgebrochen.

Auf der einen Seite verdiente Guy die Abneigung, welche ihm die Bewohner Locksleys nun entgegenbrachten, aber auf der anderen Seite war Robin niemand, der andere für seine Fehler büßen ließ. Er würde mit diesem Verbrecher später selber abrechnen. „Es war nicht Gisbornes Schuld, sondern meine“, gestand Robin. „Ich habe den Pfeil abgeschossen, der das Rad in Brand setzte. Gisborne hat sogar noch versucht mich aufzuhalten.“

Eine lange Zeit schwieg Edward und sah ihn streng an, aber dann meinte er: „Aber das war doch mit Sicherheit keine Absicht.“

„Nein, natürlich nicht. Aber dennoch war es meine Schuld. Ich wollte Gisborne beweisen, dass ich sehr wohl schon alt genug bin, um mit dem Bogen meines Vaters umzugehen und dabei habe ich aus Versehen das Rad in Brandt gesteckt. Gisborne wäre beinahe dafür gehängt worden und ich war zu feige um meinen Fehler einzugestehen“, Robin senkte den Blick. Er konnte Edward nicht in die Augen sehen. Der Mann hatte ihn immer wie einen Sohn behandelt, aber jetzt befürchtete Robin sein Ansehen bei Marians Vater für immer verloren zu haben. Dennoch bereute er seine Entscheidung nicht, endlich die Wahrheit gesagt zu haben.

„Ganz recht Robin. Das war feige und dumm von dir! Aber es ist ein Zeichen von Mut und Größe, dass du deine Fehler einsiehst und nun offen dazu stehst.“ Robin spürte plötzlich Edwards Hand auf seinem Kopf, als dieser aufmunternd meinte: „Kopf hoch mein Junge. Es ist ja noch Mal alles gut gegangen. Außerdem lernt man aus seinen Fehlern.“

Er nahm wieder seine Hand von Robins Haupt, woraufhin dieser irritiert zu ihm aufsah. Das war es schon? Das war alles? Guy wollte man gleich hängen sehen, während er für ein und dasselbe Verbrechen nur leicht getadelt wurde? Malcolm hatte damals auch relativ gelassen reagiert. Aber Robin war davon ausgegangen, dass es daran lag, dass er nun einmal sein Vater war. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass viel mehr dahinter steckte. Ursprünglich hätte sein Vater Locksley erben sollen, aber aus Dankbarkeit hatte der König es Sir Roger vermacht. Die Bauern, welche der Familie Locksley schon seit Jahren treu gedient hatten, vermochten es nicht ihre neuen Landesherren anzuerkennen. Insbesondere deswegen nicht, weil Sir Roger eine Französin geheiratet hatte. Damit waren ihre Kinder in den Augen der hier ansässigen Familien, auch keine richtigen Engländer, sondern halb ausländisches Gesindel. Erst jetzt wurde Robin wirklich bewusst, wie verletzend es für Guy gewesen sein musste, wenn Robin ihn als Kind mit seiner Herkunft geärgert hatte. Aber Mitleid konnte er für diesen skrupellosen Schlächter deshalb keines aufbringen. Wenn dies hier tatsächlich eine zweite Chance war, die Gott ihm gewährt hatte und nicht nur ein sehr lebhafter Tagtraum, dann würde er dieses Mal alles daran setzen Marian zu retten. Er würde Guy of Gisborne töten! Nicht nur das, er würde auch Locksley vor der Tyrannei des Sheriffs und seinen Vater vor den Flammentod bewahren. Wenn er dafür noch einmal seine Kindheit durchleben musste, so sei es!

„Weiß dein Vater eigentlich, dass du hier bist?“, fragte Edward.

„Ich sagte ihm, ich würde nach Marian sehen, aber jetzt gehe ich besser Mal wieder nach Hause. Danke Edward.“

„Grüß deinen Vater von mir.“

„Das werde ich“, mit diesen Worten drehte sich Robin um und trat den Heimweg an. Er ging nun wesentlich gemächlicher und hatte Zeit über alles nachzudenken. Er konnte noch immer nicht recht fassen, dass er hier war, aber ein Traum war das mit Sicherheit auch nicht. Dieses benebelnde Gefühl fehlte, welches mit Träumen einhergeht. Er sah alles so klar und deutlich. Spürte alles viel zu intensiv, als dass es nur seiner Vorstellung entsprungen sein könnte.

„Guten Morgen Robin. So früh schon unterwegs?“, vernahm er auf einmal eine sanfte Frauenstimme mit einem hörbar französischen Akzent.

Überrascht drehte er sich um und sah sich Ghislaine gegenüber. Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache. Er  hatte ganz vergessen wie schön sie war und erinnerte sich daran, wie er sie als kleiner Junge angehimmelt hatte. Natürlich war es keine richtige Liebe gewesen, eher eine kindliche Vernarrtheit. Als die Nachricht in Locksley eintraf, dass ihr Mann gefallen sei, hatte Robin sich vorgenommen Ghislaine irgendwann zur Frau zu nehmen. Heute wusste Robin natürlich wie albern alleine schon die Vorstellung war. Immerhin war sie alt genug, um seine Mutter zu sein und hätte niemals eingewilligt. Aber ein kleiner Junge macht sich über derlei Dinge noch keine Gedanken. Für ihn stand damals fest, dass er Ghislaine irgendwann heiraten würde und so hatte es ihn verständlicher Weise furchtbar verärgert, als Guy behauptet hatte, dass seine Mutter und Robins Vater eine Affäre hätten. Robin hatte ihn sofort der Lüge bezichtigt und selbst jetzt wollte er es noch nicht wirklich glauben, denn immerhin hatte ihm seine Dienerschaft seit jeher versichert, dass sein Vater immer nur eine Frau geliebt hätte und bei dieser handelte es sich um Robins Mutter. Aber könnte man es Malcolm verübeln, wenn er nach all den Jahren der Trauer, bei Ghislaine schwach geworden wäre?

„Redest du nicht mehr mit mir?“, fragte sie auf einmal sichtlich besorgt, weil Robin immer noch nicht geantwortet hatte. Sie musste wahrscheinlich gerade an den Vorfall von gestern Abend denken.

„Verzeihung. Guten Morgen, Lady Ghislaine. Mir schwirrt im Moment nur viel im Kopf herum. Wie geht es Ihren Kindern und Ihrem Mann?“, fragte er ohne groß nachzudenken und merkte sofort, dass er sich in mehr als nur einer Hinsicht einen Fauxpas geleistet hatte. Erstens sprach so kein Kind und zweitens war es wohl etwas taktlos sie nach ihrem leprakranken Mann zu fragen.

Zuerst zuckte so etwas wie Schmerz über Ghislaines Gesicht, aber dann schenkte sie ihm ein gewinnendes Lächeln. Sie dachte wohl er wollte sich ihr gegenüber besonders erwachsen verhalten und spielte das Spiel mit: „Mein Mann ist wohl glücklich endlich wieder daheim zu sein und auch meine Kinder freuen sich, dass ihr Vater wieder zu Hause ist. Ich war eben bei Matilda, um ein paar Heilkräuter zu besorgen. Mein Mann ist ein wenig erkältet.“

Ein wenig erkältet, war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts.

„Dann wünsche ich ihm gute Besserung. Ich muss langsam auch wieder Heim“, mit diesem Worten wollte er sich schon umdrehen und gehen, aber Ghislaine hielt ihn zurück: „Robin, warte kurz!“

Überrascht drehte er sich wieder um.

„Ich wollte mit dir noch über etwas reden.“

Reumütig nickte Robin. Heute war wohl der Tag seiner Beichte. Erst Edward, jetzt Ghislaine und seinem Vater musste er auch noch die Wahrheit sagen.

„Es geht um gestern Abend, oder? Ihr Sohn hat Ihnen mit Sicherheit gesagt das ich es war der den Pfeil abgeschossen hat. Das er meinetwegen beinahe hingerichtet worden wäre. Er hat Recht. Es war meine Schuld.“ Robin hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Ghislaine entschlossen in die Augen. Er würde zu seinen Fehlern stehen, aber sein Mitgefühl für den Gisbornespross blieb begrenzt.

„Robin es ist mir einerlei wer von euch beiden den Pfeil abgeschossen hat. Ich weiß, dass die ganze Geschichte nur ein furchtbarer Unfall war, der Gott sei es gedankt, noch einmal glimpflich ausgegangen ist“, Ghislaines französischer Akzent war teilweise so stark ausgeprägt, dass es Robin schwer fiel sie zu verstehen. „Was mir viel mehr Sorgen bereitet hat, ist die Reaktion der Leute und daran trage alleine ich die Schuld. Guy hat keine Freund. Er ist in die Gemeinde..., wie sagt man? Nicht richtig intégrée?“

„Integriert?“

„Ja genau. Er ist nicht integriert. Das ist meine Schuld. Ich als seine Mutter hätte mehr darauf achten müssen, dass er Freunde findet. Deswegen wollte ich dich sprechen Robin. Ich weiß Guy kann gelegentlich sehr ernst und schwierig sein, aber er ist ein guter Junge. Ich weiß auch, dass er dich bewundert, selbst wenn er das niemals offen zugeben würde und er würde sich mit Sicherheit freuen, wenn er mal mit dir und den anderen Jungen spielen dürfte.“

Hatte er gerade richtig gehört? Ghislaine wollte das Robin sich mit Guy anfreundete? Da konnte sie lange warten. Er würde diesen Mistkerl zur Strecke bringen. Nur so konnte er sicher sein, dass sich das ganze Drama mit Marian nicht noch einmal wiederholte.

„Würdest du das für mich tun?“, fragte sie Robin hoffnungsvoll und dieser wusste nicht was er antworten sollte. Er wollte Ghislaine nur ungern vor den Kopf stoßen. Wie konnte solch eine liebreizende Frau, nur ein solches Ungeheuer zu Welt bringen?

Glücklicher Weise wurde Robin vor einer Antwort bewahrt, denn just in diesem Moment erklang hinter ihm eine vertraute Stimme, die er schon seit Ewigkeiten nicht mehr vernommen hatte. Denn wie alle Jungen war auch dieser irgendwann einmal in den Stimmenbruch gekommen.  

„Mutter? Vater fragt schon wo du bleibst.“

„Guy, wie schön das du gerade kommst. Robin und ich haben eben über dich gesprochen. Vielleicht kommt er uns heute Nachmittag besuchen. Ihr könntet dieses neue Brettspiel ausprobieren, was dein Vater von seiner Reise mitgebracht hat.“ Flehend sah sie Robin in die Augen.

Dieser spürte wieder diese unbändige Wut in sich aufsteigen. Er drehte sich um und sah sich... einem Kind gegenüber? Denn etwas anderes war Guy zu jener Zeit nicht gewesen. Selbst wenn er damals größer als Robin war und auch ein paar Jahre älter, so war er trotz allem immer noch grün hinter den Ohren. Diese Erkenntnis nahm Robin irgendwie den Wind aus den Segeln. Er konnte doch schlecht ein Kind töten! Sein größtes Verbrechen war vielleicht, dass er mal einen Apfel aus Nachbars Garten gestohlen hatte. Dieser Junge hatte noch keines der schlimmen Vergehen begangen, für die Robin seinen Widersacher so sehr verabscheute. Nichtsdestotrotz würde aus ihm einmal dieser Mann werden und alleine bei dem Gedanken mit Guy einen gemütlichen Nachmittag zu verbringen, drehte sich ihm der Magen um.

Der dunkelhaarige Junge beäugte ihn misstrauisch, wie um sicherzugehen, dass das Ganze nicht ein übler Streich war, denn Robin und er waren nie Freunde gewesen. In seiner Kindheit hatte sich Robin häufig einen Spaß daraus gemacht, den älteren Jungen zu schikanieren und selbst als erwachsener Mann hatte er sich noch gerne ab und an auf Gisbornes Kosten amüsiert.

„Du willst uns besuchen kommen? Wieso? Um dein schlechtes Gewissen zu beruhigen? Wenn du erwartest, dass ich dir deswegen den Vorfall von gestern Abend verzeihe, dann kannst du lange warten.“

„Guy! Was soll das? Entschuldige dich sofort bei Robin für dein Verhalten“, schallt ihn seine Mutter.

„Ich mich entschuldigen? Sie hätten mich seinetwegen beinahe aufgehängt, wenn Vater nicht gewesen wäre!“

„Verhält sich so ein Edelmann?“, wies seine Mutter ihn streng zurecht. Robin hatte Ghislaine noch nie wütend erlebt. Guy vermochte es nicht dem anklagenden Blick seiner Mutter stand zu halten und senkte den Kopf. Widerwillig brachte er ein gemurmeltes „Entschuldigung Robin“, hervor, wobei seine ganze Körperhaltung, als auch seine Stimme verriet, dass er es keineswegs ernst meinte, sondern nur seine Mutter beschwichtigen wollte.

„Ich glaube es ist keine gute Idee, wenn ich heute vorbeikomme. Ich muss jetzt wirklich nach Hause. Trotzdem vielen Dank für die Einladung Lady Ghislaine.“ Mit einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete sich Robin und eilte schnellen Schrittes nach Locksley. Auf dem Heimweg versuchte er verzweifelt Ghislaines enttäuschten und traurigen Blick aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Er hatte sie wirklich nicht verletzen wollen, aber keine zehn Pferde brachte ihn dazu sich mit Guy zu versöhnen. Bisher hatte der Junge vielleicht noch nichts verbrochen, aber sollte er auch nur irgendwann Hand an einen von Robins Bauern legen, dann konnte er sich sicher sein diese zu verlieren. Dieses Mal würde Robin in Locksley bleiben und das Schlimmste abwenden. Koste es was es wolle!

Beim Mittagessen erkundigte sich sein Vater über sein Befinden. Er war anscheinend noch immer etwas besorgt, wegen seines absonderlichen Verhaltens am frühen Morgen. „Ich war heute am Grab deiner Mutter. Eigentlich wollte ich dich mit dorthin nehmen, aber du bist ja heute Morgen regelrecht aus dem Haus gestürzt, als wäre ein Rudel hungriger Wölfe hinter dir her.“

„Ich musste mich versichern, dass es wirklich nur ein Traum war. Außerdem wollte ich mich noch bei Marian entschuldigen, weil ich ihre Lieblingspuppe bei einer meiner Schießübungen als Ziel verwendet habe.“

„Davon hast du mir noch gar nichts erzählt. Eigentlich sollte ich als Strafe deinen Bogen konfiszieren, aber es ist sehr löblich, dass du deine Schuld erkannt und dich dafür entschuldigt hast.“ Sein Vater warf ihm zwar einen strengen Blick zu, doch das leichte Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass ihn die Geschichte selbst amüsierte.

„Wo wir gerade bei dem Thema Schuld sind...“, wie sollte er es seinem Vater schonend beibringen?

„Ja?“, fragte dieser erwartungsvoll.

Reumütig senkte Robin seinen Kopf und starrte auf seinen Teller hinab, als wäre dieser etwas ganz Besonderes. Er hatte dieses Gespräch doch schon einmal geführt und er wusste, dass sein Vater ihm diesen Fehltritt vergeben würde? Warum hatte er also auf einmal solche Hemmungen den Mund aufzumachen? Er war immerhin in Wahrheit ein erwachsener Mann und kein kleines Kind mehr, auch wenn man ihm dies äußerlich im Moment nicht ansah. Entschlossen hob er den Kopf und sagte mit fester Stimme: „Vater, ich habe den Pfeil abgeschossen, weil ich angeben wollte. Mit deinem Bogen.“

Sein Vater brauchte offenbar einen Moment um zu verstehen, dass sie nicht länger von Marians Puppe sprachen, sondern von gestern Abend. Als Malcolm begriff, zog er hörbar die Luft ein. „Robin, eines Tages wirst du Lord of Locksley sein. Herr über meine Ländereien. Doch vorher musst du lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn du etwas falsch gemacht hast. Du bist vielleicht der beste Schütze Englands. Aber du darfst nicht tatenlos zusehen und etwas Schreckliches geschehen lassen, nur weil du dich nicht traust das Richtige zu tun. Verstehst du das?“ Es waren dieselben Worte, die Malcolm auch damals zu seinem Sohn am Grab seiner Mutter gesprochen hatte. Die Worte, die Robin zu dem Mann gemacht hatten, der er heute war.

„Ja“, sagte Robin und meinte es auch aus tiefstem Herzen. Dankbar blickte er seinem Vater in die Augen, der ihn einst mit diesen Worten auf den richtigen Weg geführt hatte.

Es fiel ihm schwer in dieser Nacht Schlaf zu finden. Alles erschien ihm so surreal. Er konnte immer noch nicht Recht glauben, dass er wieder ein kleiner Junge war und in seinem eigenem Bett lag, während sein Vater nur wenige Zimmer von ihm entfernt schlief. Wobei, schlief er tatsächlich? Denn auf einmal vernahm Robin Geräusche aus der Halle. Leise Schritte und das beinahe lautlose Öffnen und Schließen der Eingangstür. Wo wollte sein Vater mitten in der Nacht noch hin? Für einen kurzen Moment dachte sich Robin, dass es ihn nichts anginge und er lieber schlafen sollte, doch dann übermannte ihn die Neugier. Schnell schlüpfte er in seine Kleidung. Als er wenig später aus dem Haus trat, konnte er noch gerade sehen, wie sein Vater zu Pferd im Wald verschwand. Schnell rannte Robin in den Stall und erblickte unter den Pferden auch seinen alten Wallach Bayard, der schon vor Jahren verstorben war. Andächtig streichelte er ihm über die graue Mähne. Das Ganze war einfach unfassbar. Aber ihm blieb keine Zeit um sich großartig Gedanken darüber zu machen, denn schließlich wollte er seinen Vater noch einholen. Eilig sattelte er das Tier und folgte ihm in den Sherwood Forest. Die vielen Jahre, welche er im Wald gelebt hatte zahlten sich nun aus, denn er war ein begnadeter Spurenleser geworden und recht schnell hatte er Malcolm eingeholt. Damit dieser ihn nicht bemerkte, hielt er stets einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Mitten im Wald zügelte Malcolm plötzlich sein Pferd, um abzusteigen. Robin tat es ihm in einigen Metern Entfernung gleich und band seinen Apfelschimmel an einem Ast fest, versteckt hinter einem Brombeerstrauch. Es war kalt und nebelig. Auf leisen Sohlen schlich Robin näher heran und was er dort sah konnte er kaum glauben: Ghislaine und sein Vater in enger Umarmung. Gisborne hatte also Recht gehabt. Um nicht bemerkt zu werden, verbarg er sich hinter einem Baumstamm und belauschte das Gespräch.

„Wir sollten das nicht tun“, hauchte Robins Vater seiner Geliebten entgegen.

„Malcolm“, wisperte diese in einem ebenso andächtigen Tonfall. Ihre Hände krallten sich in Malcolms Umhang fest, während ihre Augen auf seine Lippen gerichtet waren.

„Ich habe getan, was ich für richtig hielt. Ich habe versucht deine Nähe zu meiden. Und du kannst dir nicht vorstellen wie schwer das war“, sagte Robins Vater kopfschüttelnd.

„Natürlich, dass weiß ich doch. Aber du verstehst das ich mich um Roger kümmern muss?“

„Ich verstehe mehr als du denkst. Ich weiß wie krank er ist“, versicherte er ihr mit einem leichten Kopfnicken.

Verwunderung spiegelte sich plötzlich auf Ghislaines Gesichtszügen wieder: „Woher?“

„Am Abend seiner Rückkehr, als Longthorns Dolch seine Hand durchbohrt hat, hat er keinen Ton von sich gegeben.“

„Hm“, Ghislaine nickte verstehend und zog scharf die Luft ein. Robin war sich nicht sicher, aber er meinte Tränenspuren auf ihren Wangen erkennen zu können.

„Er hat mir erzählt, er hat sich im Heiligen Land angesteckt. Er wollte unbedingt die Heimat wieder sehen und seine letzten Tage bei seiner Familie verbringen. Er machte sich alleine auf den Heimweg. Er verließ die Soldaten. Niemand durfte davon wissen.“

„Aber es wird ans Licht kommen! Die Leute reden über seinen Verband und das er nie das Haus verlässt.“

„Er ist ein kranker Mann!“, begehrte Ghislaine auf.

„Ja, er hat Lepra!“, entgegnete Malcolm eindringlich. „Wenn das herauskommt, dann werdet ihr alle verbannt werden.“

Verzweifelt brach Ghislaine in Tränen aus und Robin musste wiederum mit ansehen, wie sein Vater die Frau eines anderen Mannes in seine Arme schloss.

„Er hätte dich nicht in diese Lage bringen dürfen Ghislaine.“

„Da ist noch etwas Anderes.“

Widerstrebend lösten sie sich von einander und sahen sich tief in die Augen. Malcolm atmete schwer. Plötzlich fielen ihre beiden Blicke auf Ghislaines Bauch, den sie vielsagend streichelte. Andächtig legte Malcolm seine Hand auf die ihre und auf einmal wurde Robin alles klar: Ghislaine war schwanger! Von seinem Vater! Diese Erkenntnis traf Robin wie ein Schlag.

„Verstehst du nun? Ich muss fortgehen“, sagte Ghislaine nachdem sie einige Schritte zurückgetreten war, um Abstand zwischen sich und ihrem Geliebten zu bringen. „Roger wird natürlich wissen, dass dieses Kind nicht von ihm ist.“

Robin konnte es nicht fassen!

„Dann offenbare ich meine Gefühle für dich und wir werden eine Familie“, drang Malcolm auf sie ein und überbrückte die Distanz zwischen ihnen.

„Ich bin mit einem anderen verheiratet.“

„Wenn sein Zustand bekannt wird, wird er aus dem Dorf verbannt werden. Er wird seinen Titel verlieren, seine Ländereien. Du wirst mittellos sein. Ghislaine, hör mir zu: Wenn er zum Aussätzigen erklärt wird, wirst du vor die Wahl gestellt werden. Du kannst dich selbst zur Witwe erklären.“

„Aber das wäre eine Lüge. Ein Lüge vor Gott“, entgegnete sie verständnislos, wie man derlei überhaupt von ihr verlangen konnte.

„Aber vor dem Gesetz wärst du dann wieder frei.“

„Aber man wird sehen, dass ich schwanger bin. Die Leute werden wissen was los ist. Und Roger ist erst seit Kurzem wieder daheim.“

„Dann bringst du unser Kind im Verborgenen zur Welt und ich sorge dafür, dass es weggebracht wird.“

„Nein“, flehte Ghislaine verzweifelt, aber sofort beschwichtigte Malcolm sie. „Nein, nein, nein. Nur für kurze Zeit. Wenn du dich von der Geburt erholt haben wirst, wirst du eine Pilgerfahrt machen und mit dem Kind zurückkommen. Wir behaupten es sei ein Findelkind. Und dann werden wir eine Familie.“

Zustimmend nickte Ghislaine, auch wenn es ihr sichtlich schwer fiel. Robin wusste nicht was er von all dem halten sollte, aber er hatte genug gesehen und gehört. Verdrossen kehrte er nach Locksley Manor zurück. Sein Leben lang hatte er die Geschichten der Leute geglaubt, dass es für seinen Vater immer nur seine Mutter gegeben hätte. Das er ihr sogar noch nach dem Tod treu geblieben sei, aber in Wahrheit hatte er die Frau eines anderen Mannes geschwängert. Bedeutete dies, dass Robin einen Bruder, oder eine Schwester hatte? Oder war dieses Kind ebenfalls in den Flammen ums Leben gekommen?

Am nächsten Morgen traf sich sein Vater in aller Frühe mit Swain und Longthorn. Er meinte sie hätten etwas Wichtiges zu erledigen und das er bald wieder zu Hause wäre. Robin wusste was nun geschehen würde. Immerhin hatte er das Ganze schon einmal durchlebt. Sie würden Roger of Gisborne zum Aussätzigen erklären und aus Locksley verbannen. Jetzt, wo er die Wahrheit kannte, sah er die ganze Geschichte mit vollkommen anderen Augen. Als Kind war er der festen Überzeugung gewesen, dass Malcolm sich tatsächlich nur wegen der Ansteckungsgefahr gesorgt hatte und ihm deswegen keine andere Wahl geblieben war, aber nun war sich Robin über die Motive seines Vaters nicht mehr so sicher. Hatte er vielleicht einfach seinen Kontrahenten aus dem Weg räumen wollen, um mit Ghislaine eine Familie zu gründen?  

Robin saß immer noch am Frühstückstisch, aber er bekam keinen Bissen herunter. Sollte er einschreiten? War es gerecht Roger in eine Leprakolonie zu verbannen, nach all dem was er im Heiligen Land durchgemacht hatte? Robin kannte selbst nur zu gut die Schrecken des Krieges und konnte verstehen das Gisbornes Vater wenigstens den Rest seines Lebens bei seiner Familie verbringen wollte, aber was war wenn sie sich wirklich infizierten? Was wenn eine Lepraepidemie in Locksley ausbrach? Als er das Läuten der Glocke vernahm, die um Rogers Hals hing, wusste er, dass es so weit war. Er verließ das Haus und schloss sich der Dorfgemeinde an, die in einer Art Trauerzug dem Leprakranken folgte. Man hatte sogar der Symbolik halber ein Grab ausgehoben, in das der Verstoßene steigen musste. Robins Blick wanderte zu Ghislaine. Sie weinte. Bereute sie es, dass sie Malcolms Ersuchen nachgegeben hatte? An ihrer Seite gingen Guy und seine Schwester Isabella. Was war aus ihr eigentlich geworden? Robin hatte sie seit ihrer Verbannung nicht mehr gesehen. Er hatte fast schon vergessen, dass Guy überhaupt eine Schwester hatte. Das Mädchen war immer so stumm und zurückhaltend gewesen. Auch jetzt konnte man aus ihrem Gesichtsausdruck nicht wirklich irgendwelche Emotionen ablesen, aber vielleicht war sie auch einfach noch zu jung, um die Tragweite dieses Ereignisses zu begreifen.

Robin wusste noch wie grotesk er selber diesen Trauerzug als Kind empfunden hatte, denn immerhin war Gisborne noch gar nicht tot. Auch jetzt konnte er dem Ganzen nichts abgewinnen. Er fand es eher erniedrigend. Wie konnte man einem Menschen, der ohnehin schon alles außer seinem Leben verloren hatte, auch noch dieses aberkennen? Warum schickte man ihn nicht einfach fort?

„Wollt ihr denn keine Gnade walten lassen? Ihr verdankt mir Euer Leben!“, begehrte Ghislaine plötzlich auf.

„Es tut mir Leid. Das ist Gottes Wille“, entgegnete Bruder Swain, woraufhin Robin nur mit einem verächtlichen Schnauben den Kopf schüttelte. Das Ganze war wohl kaum Gottes Wille und wenn doch, dann war er ein furchtbarer Sadist.

Roger warf noch einen letzten leidvollen Blick auf die Dorfgemeinde, bevor er resignierend ins Erdloch stieg.

Im selben Singsang, wie er sonst seine Predigten vortrug, verkündete Swain nun das Urteil: „Roger of Gisborne, ihr seid an Lepra erkrankt...“

„Mutter, bitte!“, vernahm Robin auf einmal Guys flehende Stimme.

„Ihr werdet verbannt aus unserer Gesellschaft und für Aussätzig erklärt“, setzte Swain unbeirrt seine Rede fort.

„NEIN, das darfst du nicht zulassen!“, fuhr Guy verzweifelt seine Mutter an, die bitterlich weinte, aber zu große Sorge um das Wohlergehen ihrer Kinder hatte, um einzuschreiten.

„Guy, benimm dich wie ein Mann, nicht wie ein Kind. Ich will mich deiner nicht schämen müssen“, versuchte Roger seinen Sohn mit eindringlicher Stimme zur Räson zu bringen.

Betroffen senkte Guy den Kopf. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und seine Fingernägel bohrten sich so feste in seine Handflächen das seine Fingerkuppen weiß hervortraten.

„Vom heutigen Tag an geltet Ihr als unrein. Habt Ihr verstanden?“

„Ja“, erwiderte Roger und versuchte trotz allem Würde zu bewahren. Irgendwie bewunderte Robin ihn in diesem Moment für seine Courage. Als Kind war es Robin nicht so bewusst gewesen, aber Roger of Gisborne war durch und durch ein Ehrenmann, selbst wenn die Rückkehr zu seiner Familie vielleicht nicht die weiseste Entscheidung gewesen war.

„Als seine Ehefrau dürft ihr mit ihm gehen. Oder ihr wählt den Stand einer Witwe und werdet somit von dieser Bürde befreit“, richtete Swain nun seine Worte an Ghislaine, wobei er ihr noch nicht einmal in die Augen sah.

„Von dieser Bürde befreit? Er ist mein Mann!“

„Ghislaine, du solltest den Kindern ein Vorbild sein“, versuchte Roger sanft auf seine Frau einzureden. Diese schüttelte mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck den Kopf. Ihre Lippen stellten nur noch eine schmale Linie dar.

„Bitte erklärt Euch“, drängte Swain sie zu einer Entscheidung.

Roger nickte seiner Frau sogar noch bestärkend zu, auch wenn es ihm ganz offensichtlich das Herz brach.

„Ja“, hauchte Ghislaine kaum vernehmbar. „Von heute an bin ich Witwe.“

„So sei es“, verkündete Swain. Dieser Mistkerl, dachte sich Robin. Wie konnte man nur so kalt sein und das obwohl er ohne Ghislaines Einschreiten selbst schon unter der Erde läge.

Robins Blick wanderte zu Malcolm. Er sah zwar ernst, aber kein bisschen reumütig aus, so als wäre er sich sicher die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Für einen kurzen Moment überlegte er seinem Vater am Abend noch zur Rechenschaft zu ziehen, aber sofort verwarf er diesen Gedanken wieder. Wer war er, um über anderleuts Liebesleben urteilen zu dürfen? Obwohl er Marian liebte, hatte er in den Jahren wo er fort war unzähligen anderen Frauen den Hof gemacht und nicht nur das: Manches Mal war es sogar zum Geschlechtsakt gekommen. Wer wusste schon, ob er nicht selbst ein uneheliches Kind gezeugt hatte? Bei diesem Gedanken packte ihn Reue. Vielleicht war er in seinem Leben tatsächlich zu unbesonnen gewesen. Immerhin liebte sein Vater Ghislaine und hatte vor für ihre und seine Kinder zu sorgen. Das war mehr, als Robin von sich selbst behaupten konnte. Außerdem bestand tatsächlich eine Ansteckungsgefahr seitens Rogers. Wem würde es also nützen, wenn er seinem Vater ins Gewissen redete?

„Roger of Gisborne, ich befehle Euch Kirchen fern zu bleiben, Marktplätzen und jeglicher Menschenansammlung. Ich verbiete auch aus Gefäßen zu essen, die nicht die Euren sind. Ich verbiete Euch, Euch Kindern zu nähren, oder sie zu berühren. Und nun verlasst unser Dorf“, sprach Swain mit erhobenem Arm, wie zum Gebet.

Ghislaine weinte bitterlich, während ihre Kinder erstarrt zusahen, wie ihr Vater versuchte aus dem Grab zu klettern, um sich zu entfernen. Aber auf Grund seiner Erkrankung schaffte er es nicht sich aus dem Erdloch herauszuhieven. Malcolm kam ihm immerhin zur Hilfe und reichte ihm einen Arm. „Danke. Kümmert Euch um sie und um meine Kinder.“

„Vater!“, Guy wollte Roger nacheilen, aber Malcolm hielt ihn zurück. Der Gisbornesprössling versuchte sich zwar aus seinem Griff zu befreien, aber es gelang ihm nicht. „LASST MICH LOS!“ Energisch stieß Malcolm den Jungen zurück.
„Das ist Eure Schuld“, zischte Guy ihn an. Damals hatte Robin diese Anschuldigung nicht nachvollziehen können, aber anscheinend wusste der Junge von dem Verhältnis zwischen seiner Mutter und Robins Vater. „Das werde ich Euch niemals verzeihen!“ Er warf Malcolm einen hasserfüllten Blick zu, bevor er an ihm vorbei stürmte. Robin sah ihm nach und zum ersten Mal regte sich in ihm so etwas wie Mitgefühl für Guy. Aber wirklich nur ein kleiner Funke, der sofort wieder erlosch. Immerhin handelte es sich um den Mann, der Marian töten würde. Die Erkenntnis, dass sie wohlmöglich einen gemeinsamen Bruder hatten, oder das ihm in seiner Kindheit viel Unrecht widerfahren war, machte seine Verbrechen nicht ungeschehen.

Eine Versöhnung mit dem Gisbornespross kam für Robin nicht in Frage! Doch der verheerende Tag des Brandes, sollte seine Einstellung ändern. Robin wusste, dass er es gewesen war, der die Dorfbewohner alarmiert hatte, dass Roger of Gisborne wieder zurück war. Der damit nicht nur den Tod von Guys Vater, sondern auch seines eigenen unbeabsichtigt in die Wege geleitet hatte. Doch dieses Mal wusste er es besser. Heute würde niemand sterben! Er würde einfach den Mund halten und somit dem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Zumindest glaubte er das.

Er war seinem Vater den ganzen Mittag schon nicht von der Seite gewichen, entschlossen für seine Sicherheit zu sorgen. Malcolm war über den Wunsch seines Sohnes, ihn bei seinen geschäftlichen Besorgungen zu begleiten, mehr als verwirrt.

„Immerhin werde ich irgendwann auch erwachsen sein. Da muss ich doch wissen, was dann meine Aufgaben sind“, versuchte sich Robin zu rechtfertigen.

„Das mag schon stimmen mein Sohn, aber ich glaube das ein Morgen bei Sir Edward dich wohl eher ermüden wird.“

„Ich mag Sir Edward.“

„Das wird kein gemütliches Gespräch bei Brot und Wein. Es geht um geschäftliche Angelegenheiten.“

„Ich werde euch nicht stören. Versprochen.“

„Na wenn dir so viel daran liegt“, gab sein Vater lächelnd nach und zerzauste ihm mit der Hand das Haar.

„Ah, guten Morgen Swain. Wohin des Weges?“, grüßte Malcolm den Geistlichen, der ihnen entgegen kam. „Nur auf dem Heimweg. Ich habe im Wald einen Altar aufgebaut.“

Robin wurde zunehmend nervöser. Es musste um diese Tageszeit ungefähr gewesen sein, dass sich Roger ins Dorf schlich. Es wäre das Beste so schnell wie möglich Locksley zu verlassen. In Knighton wäre sein Vater wenigstens sicher.

„Ich kann ihn Euch gerne zeigen.“

„Das geht nicht. Mein Vater und ich wollen gerade Sir Edward besuchen“, ging Robin dazwischen.

„Ich kann sehr gut für mich selber sprechen und ein kurzer Abstecher wird mit Sicherheit nicht schaden. Ich würde gerne den Altar sehen, den Sie aufgestellt haben.“

„Dann folgen Sie mir“, meinte Swain mit einem zufriedenen Lächeln und schritt genau in die Richtung, wo das Anwesen der Gisbornes stand. „Aber Vater, Sir Edward erwartet doch unseren Besuch.“

„Er wird sich mit Sicherheit noch ein wenig gedulden können.“

„Können wir uns den Altar nicht morgen ansehen?“

„Robin, was ist denn nur heute los mit dir? Den ganzen Morgen versuchst du mich schon zu überreden nach Knighton aufzubrechen. Geht es hierbei vielleicht nicht um dein Interesse an meinen Geschäftsangelegenheiten, sondern viel mehr um Marian?“

„Um Marian?“

„Du kannst mir nichts vormachen Robin. Ich war auch einmal jung. Aber du musst mich nicht als Vorwand benutzen, um das Mädchen zu besuchen. Sie würde sich gewiss über deinen Besuch freuen.“

„Sie will mich nicht mehr sehen, seit der Geschichte mit ihrer Puppe.“

Sein Vater konnte sich daraufhin ein Schmunzeln nicht verkneifen, doch sofort wisch dieses aus seinem Gesicht, als sie sich dem Gisborne-Anwesen nährten.

„Weshalb sind alle Vorhänge zugezogen? Am helllichten Tag.“

„Das ist wirklich eigenartig“, pflichtete Swain ihm bei. Die beiden Männer warfen sich vielsagende Blicke zu. Indessen lief Robin ein kalter Schauer über den Rücken.

„Womöglich, weil einer der Familienangehörigen Kopfschmerzen hat“, versuchte Robin einzuschreiten.

„Ich befürchte da steckt mehr dahinter. Robin geh bitte nach Hause.“

„Aber Vater, was soll denn schon sein. Dürfen die Leute nicht mehr ihre Vorhänge schließen?“

„Nicht, wenn sie auf diese Weise einen Leprakranken verstecken wollen.“

„Sie meinen Sir Roger ist wieder zurück?“, fragte Swain besorgt.

„Es ist nur eine Vermutung. Wir wollen hoffen das ich mich irre.“ Mit diesen Worten nährte sich Malcolm dem alten Fachwerkhaus mit festem Schritt. Robin eilte ihm nach.

„Wo ist er!“, verlangte Malcolm zu erfahren, als er ohne anzuklopfen ins Haus der Familie Gisborne stürmte. Guy und Isabella saßen am offenen Kamin. Überall standen Kerzen im Raum verteilt, um Licht zu spenden, da die Vorhänge zugezogen waren.

Überrascht erhob sich der Junge von seinem Platz, während seine Schwester, die gerade eine Apfelscheibe verspeisen wollte, wie erstarrt in ihrer Bewegung inne hielt. Guy zog einen brennenden Holzscheit aus dem Feuer und versuchte mit diesem den Eindringling aus dem Haus zu vertreiben.

„Hör damit auf Guy!“, fuhr Robin ihn an.

„Robin, habe ich dir nicht gesagt, dass du nach Hause gehen sollst?“, wies sein Vater ihn zurecht, der gar nicht gemerkt hatte, dass sein Sohn ihm gefolgt war.

„Das werde ich nicht!“

„Doch das wirst du und zwar sofort!“ Sein Vater wandte sich wieder Guy zu. „Und du, geh mir aus dem Weg Junge!“

„Nein. Nicht nachdem, was Ihr meinem Vater angetan habt!“, plötzlich holte Guy mit der Fackel aus und hätte Malcolm auch erwischt, wenn dieser nicht schneller gewesen wäre. Er packte den Jungen am Arm  und stieß ihn von sich, woraufhin die Fackel auf dem Esstisch landete und einen Becher voll Wein umkippte. Im nächsten Moment stand das Mobiliar auch schon in Flammen.

Alle drei starrten für einen Moment entsetzt auf das Feuer, welches sich rasend schnell ausbreitete und im nächsten Augenblick schon an den Holzpfeilern leckte.

„Schnell, raus. Raus hier! Nimm deine Schwester und Robin mit!“

Guy nahm Isabella an die Hand und griff nun auch nach Robin, der sich zwar wehrte aber auf Grund des Größenunterschiedes gegen Guy keine Chance hatte. Er zerrte beide aus dem brennenden Haus. „Lass mich los, mein Vater ist noch da drin.“

„Bist du lebensmüde?“, blaffte Guy ihn an.

„Ich habe gesagt du sollst mich loslassen“, doch Guy hielt ihn nur noch fester umklammert.

Um das Gisborne Anwesen hatte sich bereits die gesamte Dorfgemeinde versammelt. Hatte Swain sie alarmiert? Auch der alte Sheriff Longthorn war unter ihnen und seinem Vorbild folgend, steckten sie plötzlich mit Fackeln das Haus in Brandt. Robin war sich so sicher gewesen, dass wenn er niemanden darauf aufmerksam machte, Rogers Aufenthalt hier geheim blieb, aber er hatte seine eigene Rolle in diesem Unglück überschätzt.

Keine andere Alternative sehend, biss er dem anderen Jungen mit aller Kraft in die Hand, woraufhin dieser aufschrie und ihn los ließ. Diesen Moment machte sich Robin zu Nutze und rannte zurück ins brennende Haus. Er würde nicht zulassen, dass sich alles wiederholte. Weshalb wurde er sonst hierher zurückgeschickt, wenn nicht um dieses Unheil abzuwenden?

Sein Vater musste schon hinauf gelaufen sein, denn es war keine Spur mehr von ihm zu sehen. Hastig erklomm Robin die Treppen und hielt sich schützend sein Hemd vor Nase und Mund, um den Qualm zu entgehen. Sein Herz raste. Er spürte förmlich das Blut durch seine Adern pulsieren, während ihm Schweiß über die Schläfen lief, der nicht nur von der Hitze herrührte.

Als er die Tür zum Schlafgemach aufriss, wollte er kaum seinen Augen trauen. Sein Vater und Roger lieferten sich einen Zweikampf, während das Haus in Flammen stand. Die einzige Person die offensichtlich noch bei Verstand war, war Ghislaine, die versuchte die beiden Streithähne auseinander zu bringen. Keiner der Drei hatte bisher Robins Anwesenheit bemerkt.

Roger ging zu Boden und Malcolm sah entschlossen aus ihm mit seinem Schwert den Gnadenstoß zu versetzen, als Ghislaine ihm am Arm ergriff und versuchte davon abzuhalten.

„Bitte, das ist doch keine Lösung“, sprach sie flehend auf Malcolm ein.

„Nein“, brachte Roger außer Atem hervor, aber Malcolm zeigte keinerlei Erbarmen. „Es reicht“, schrie Gishlaine und versuchte ihn von ihrem Mann fortzuzerren, aber Malcolm stieß sie mit dem Ellebogen von sich. Man hörte nur noch einen Schrei und einen dumpfen Aufprall.

Robin der noch immer fassungslos im Türrahmen stand, musste mit ansehen, wie Ghislaine rücklings niederfiel und hart mit dem Hinterkopf auf die Holzdielen aufschlug. Sie rührte sich nicht mehr. Malcolm ließ sein Schwert fallen und eilte an Ghislaines Seite. Er kniete sich neben sie. Seine Hände tasteten nach ihrem Puls. Auch Rogers Blick galt nur Ghislaine, als wäre Robin Luft. Er erhob sich vom Boden und nährte sich seiner Frau.

„Sie ist tot“, brachte Malcolm mit erstickter Stimme hervor und sah schuldbewusst zu seinem Rivalen auf. Er hatte Ghislaine getötet. Nicht mit Absicht, aber dennoch war es seine Schuld. Sein Schmerz spiegelte sich auch auf Rogers Gesicht wieder. Dieser hob seine Schwertklinge und legte sie Malcolm an die Kehle.

„NEIN!“, fuhr Robin dazwischen. Erschrocken lies Roger sein Schwert wieder sinken, als er des Junges ansichtig wurde. Auch Malcolms Kopf schnellte herum. Wie ein Karpfen der nach Luft schnappte öffnete und schloss er wieder den Mund, ohne einen Laut von sich zu geben. Seine Augen waren geweitet. Seine Gedanken konnte man ihm regelrecht vom Gesicht ablesen. Wie lange stand Robin da schon? Wie viel hatte er mit angesehen?

„Geht. Bringt Euren Sohn in Sicherheit“, sagte Roger mit einer abgehackten Kopfbewegung Richtung Tür. „Meinen Kindern geht es ohne mich besser. Ich möchte meine letzten Augenblicke mit meiner... mit meiner Frau verbringen.“ Malcolm erhob sich, während Roger sich neben dem Leichnam Ghislaines niederließ und ihren leblosen Körper in seine Arme schloss. Bei diesem Anblick lief Robin ein kalter Schauer über den Rücken. Bilder strömten auf ihn ein. Marian, die leblos in seinen Armen liegt, Guy der ihr sein Schwert in die Brust rammt und Robins eigene Hilflosigkeit in jenem Moment. Sein Vater stand von Schuld zerfressen daneben und sah verzweifelt auf seine Geliebte hinab. „Allein. Bitte!“, drängte Roger ihn, als er merkte das Malcolm noch immer keine Anstalten machte zu verschwinden.

Roger küsste weinend seiner Frau die Stirn und wiegte sie in seinen Armen, als Malcolm sich von ihm abwandte und Robin am Arm ergriff. „Aber wir können ihn doch nicht einfach hier zurücklassen“, begehrte Robin auf. Sein Vater hatte Ghislaine getötet und nun wollte er Roger einfach den Flammen überlassen?

„Ich bin ohnehin dem Tod geweiht Junge. Es ist besser so. Geh bitte mit deinem Vater“, flehte Roger, aber nur widerwillig ließ sich Robin zur Tür zerren und als Malcolm diese öffnete, schossen ihnen unerwartet Flammen entgegen. Schützend warf er sich auf seinen Sohn.

„ROBIN!“

„Durchs Fenster! Nehmt das Fenster!“, Roger bettete seine Frau wieder auf dem Boden und sprang auf, um Malcolm auf die Beine zu helfen. Mit einem Ruck zog er auch Robin wieder auf die Füße, der unter seinem Vater begraben lag. Schnell öffnete Roger die Fensterläden zu beiden Seiten und wies ihnen mit einer Handbewegung an, über das Dach der Scheune zu flüchten, die sich nur wenige Meter unter dem Fenstersims befand. Malcolm warf seinen Sohn über die Brüstung und folgte ihm nach. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Roger schloss hinter ihnen die beiden Holzläden wieder, damit sich das Inferno nicht auf die Nachbardächer ausbreiten konnte und kehrte an die Seite seiner Frau zurück, um ihr in den Tod nachzufolgen.

Robin hustete schwer. Er fühlte ein unsägliches Kratzen im Hals und seine brennenden Augen tränten. Malcolm sackte einfach neben ihm zusammen, wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte. „Vater? VATER!“, er rüttelte an seinem Ärmel, aber keine Regung. Immerhin atmete er noch. Da er sich aus Reflex umgehend schützend auf Robin geworfen hatte, als die Flammen durch die Tür brachen, hatte er nur ein paar Brandblasen im Gesicht davongetragen, dafür sah aber sein Rücken um so schlimmer aus. Er roch nach verschmortem Fleisch. Dank der schnellen Reaktion Malcolms, war sein Sohn glücklicher Weise verschont geblieben. Aber der beißende Schmerz und der Rauch in den Lungen, mussten ihm das Bewusstsein geraubt haben. „Vater, komm zu dir!“ Ebenso schnell wie die Flammen das Haus befallen hatten, ließen sie auch langsam nach, aber der Qualm verpestete immer noch die Luft und irgendwie musste sie vom Scheunendach herunterkommen. Für Robin würde diese kein Problem darstellen herunterzuklettern, aber sein Vater war noch immer nicht wieder zu sich gekommen.

„Hilfe! Kann uns bitte jemand helfen!“, niemand hörte ihn. Dann blieb wohl nur eine Möglichkeit: Er verpasste Malcolm eine schallende Ohrfeige. Diese schien immerhin Wirkung zu zeigen, denn Malcolms Augenlider flatterten leicht und mit schmerzverzerrtem Gesicht, sowie einem Stöhnen, kehrte er in die Welt der Lebenden zurück.

„Robin?“, brachte er mit krächzender Stimme hervor. „Robin geht es dir gut?“

„Ja, mir geht es gut“, versicherte er Malcolm, immer noch hustend. Seine Stimme hörte sich nicht viel besser an, als die seines Vaters. „Aber wir müssen hier vom Dach runter. Kannst du aufstehen?“ Malcolm nickte nur stumm. Es kostete ihn sichtlich Mühe. Er stützte sich auf den Schultern seines Sohnes ab und mit Robins Hilfe schaffte er es sogar an der Außenfassade der Scheune herabzusteigen. Glücklicher Weise befand sich in unmittelbarer Nähe eine Wassertonne. Robin holte eilig einen Eimer aus der Scheune und füllte ihn mit dem kühlen Nass. Er selbst nahm einen großen Schluck, um diesen widerwärtigen Aschegeschmack in seinem Mund wieder loszuwerden. Dann half er seinem Vater dabei auch einen Schluck zu nehmen und kühlte seine Brandverletzungen. „Wir müssen zu Matilda, damit sie deine Wunden versorgen kann.“ Malcolm nickte nur stumm. Er vermochte es nicht seinem Sohn in die Augen zu sehen. Die Schande über das was er getan hatte war zu groß. Am liebsten wäre er einfach davongelaufen. Es dauerte eine Zeit, bis er es schaffte sich aufzuraffen. Als Robin ihn rußgeschwärzt, um die Scheune herum auf die offene Straße führte, hatte sich das Feuer längst wieder gelegt und einige Leute suchten in dem Anwesen nach Überlebenden. Sie wussten ja nicht, dass Robin und Malcolm durchs Fenster geflohen waren.

„Wir haben die Ruinen von Gisborne Manor durchsucht. Von euren Eltern findet sich keine Spur mehr“, meinte Sheriff Longthorn an Guy und Isabella gewandt. Niemand sah wie sich Robin und sein Vater ihnen nährten.

„Du hast sie umgebracht! Ihr alle hier habt sie ermordet“, warf Guy der umstehenden Menge vor, die anstatt das Feuer zu löschen, es noch zusätzlich mit brennenden Fackeln angefacht hatte, um den Aussätzigen auszuräuchern.

„DU HAST DEN BRANNT VERURSACHT JUNGE! Am besten geht ihr dahin zurück, wo ihr her gekommen seid. Vielleicht hat die Kunde von der Schande eures Vaters ja Frankreich noch nicht erreicht“, brachte Longthorn gehässig hervor. Keiner der Dorfbewohner machte auch nur Anstalten sich für Guy und seine Schwester einzusetzen. Hand in Hand, wollten die beiden Waisen das Dorf schon verlassen, als plötzlich Malcolms Stimme erklang: „Guy, Isabella, wartet!“ Er hustete immer noch schwer und litt sichtlich unter seinen Brandverletzungen am Rücken.

„Eure Lordschaft, Ihr lebt? Wie ist das möglich?“

„Euch habe ich das sicherlich nicht zu verdanken, Longthorn.“ Er bedachte ihn mit einem durchbohrenden Blick.

Überrascht wandten die Geschwister Gisborne sich um und kamen auf Malcolm zu. Robin schenkten sie dabei keinerlei Beachtung. „Mein Vater und meine Mutter, konnten sie auch entkommen?“, fragte Guy voller Hoffnung, dass nun doch alles ein gutes Ende nehmen würde.

Malcolm schüttelte schweigend den Kopf.

„Nein! Das ist nicht gerecht! Wieso habt Ihr überlebt und meine Eltern nicht? ES IST EURE SCHULD“, wütend ging Guy auf Malcolm los, der auf Grund seiner Verletzungen Schwierigkeiten hatte den Jungen abzuwähren.

„Lass meinen Vater in Ruhe“, blaffte ihn Robin an, packte Guy von hinten am Kragen und warf ihn zu Boden. Da Robin seinem Rivalen noch körperlich weit unterlegen war, grenzte es fast an ein Wunder, dass er dies fertig gebracht hatte. Entweder das, oder es lag einfach daran das der größere Junge nicht damit gerechnet hatte.

Dieser rappelte sich beschämt wieder vom Boden auf. Den Blick gesenkt. „Komm Isabella, wir gehen.“

„Nein, ihr geht nirgendwo hin“, sagte Malcolm bestimmt. „So weit ich weiß habt ihr keine Verwandtschaft mehr. Wie wollt ihr euch beide durchschlagen? Denk auch an deine Schwester Guy. Deine Mutter würde das nicht wollen.“

„Haltet den Mund! Was wisst Ihr schon? Sollen wir etwa hier bleiben? In dieser abgebrannten Ruine?“, schrie Guy ihn an. Die Menge drum herum schüttelten den Kopf, auf Grund solch einer Respektlosigkeit gegenüber dem Earl von Huntington. Robin kam bei diesem Anblick die Galle hoch. Dieses selbstgerechte Pack. Gerade haben sie noch das Haus in Brandt gesteckt, in dem auch er und sein Vater waren und nun spielten sie sich als die großen Moralapostel auf. Robin liebte eigentlich die Menschen hier, aber in diesem Moment konnte er kurzzeitig Guys Groll verstehen. Wie sollte man Menschen Barmherzigkeit entgegenbringe, die einem selbst in solch einem furchtbaren Moment nicht einen Funken Mitleid entgegen gebracht hatten? Robin wusste, dass dies eigentlich der Moment gewesen war, in dem er sich als Heer von Locksley behauptet hatte. Sein Vater war Tod, Guy war fort und so blieb nur noch er mit einem Anspruch auf die Länderrein. Natürlich hatte Longthorn versucht ihm diese streitig zu machen, aber Robin hatte ihn vertrieben und die Dorfbewohner hatten wie eine schützende Mauer hinter ihm gestanden. Wie kam es das sie ihm ihre helfende Hand geboten hatten, während sie Guy, als auch seine Schwester, wie räudige Hunde davonjagen wollten. Sie waren doch nur Kinder.

„Ihr werdet mit zu uns kommen. Wir haben noch ein Zimmer im Bedienstetentrakt frei. Da könnte deine Schwester schlafen und du könntest dir ein Zimmer mit Robin teilen. Es ist groß genug, da kriegen wir sicherlich noch ein zweites Bett unter“, versuchte Malcolm nach Luft ringend auf ihn einzureden. Es kostete ihn alle Mühe, um nicht in sich zusammenzuklappen. Er brauchte dringend medizinische Versorgung.

„Ich hasse Sie! Sie sind an allem Schuld! Ich werde gewiss nicht Ihre Almosen annehmen“, keifte Guy ihn an. Robin konnte Tränen in seinen Augen schimmern sehen. „Komm Isabella!“ Er packte seine Schwester am Handgelenk und wollte sie hinter sich herzerren, aber diese befreite sich aus seinem Griff. „Du tust mir weh Guy. Ich will hier bleiben“, brachte sie mit zitternden Lippen hervor.

„Dann bleib doch hier! Mach doch was du willst! Ich brauche dich nicht! Ich komme auch alleine zu Recht.“

„Nein, dass kommst du nicht. Du bist noch nicht einmal erwachsen Guy. Du hast kein Geld, kein Essen und niemanden der dir hilft. Sei kein Dummkopf. Hasse mich von mir aus. Du hast allen Grund dazu. Aber denk auch an deine Schwester, sie braucht dich jetzt mehr als irgendjemand sonst und denk auch an deine eigene Zukunft.“

„Meine Zukunft? Sie meinen im Schatten Ihres Sohnes?“

„Nein, Locksley gehört rechtmäßig dir. Es war der Wille deiner Mutter, dass du es erben wirst und ich werde dem gewiss nicht im Wege stehen. So viel bin ich deinen Eltern schuldig. Kommst du nun?“

Robin wollte seinen Ohren nicht trauen. Guy sollte der Herr von Locksley werden? Diesen schien das Argument zu überzeugen, denn er und seine Schwester folgten nun seinem Vater, während sich die Menschenmenge langsam auflöste.

„Robin könntest du mir einen Gefallen tun und Matilda holen? Ich bräuchte ihre Hilfe. Natürlich nur, wenn du dich selber gut fühlst. Ansonsten schicke ich natürlich jemand anderen.“

„Es geht schon“, brachte Robin steif hervor und machte sich auf den Weg. Er konnte das einfach nicht glauben! Wie konnte sein Vater ihn einfach so übergehen. Natürlich war Guy eigentlich der rechtmäßige Erbe, denn immerhin hatte Locksley seiner Familie gehört, aber dennoch traf diese Neuigkeit Robin wie ein Schlag ins Gesicht. Die letzten Jahre hatte er mit Guy um die Rechte an Locksley gekämpft und nun war es sein eigener Vater, der ihm jegliche Hoffnung nahm, jemals wieder der Herr dieser Ländereien zu werden. Was wenn Guy sich irgendwann entschloss sie einfach vor die Tür zu setzten? Zwar war Locksley Manor ihr zu Hause, aber als Herr dieses Gutes, hatte Guy Narrenfreiheit.

„Bisher ist noch nichts vertraglich festgelegt“, redete Robin sich selbst gut zu. Er würde keine weitere Schreckensherrschaft unter Guy of Gisborne zulassen. Das war sein zu Hause, das waren die Menschen die er liebte und auch wenn es schäbig war dies zu erwähnen, aber in dem Moment wo der geächtete Roger nach Locksley zurückgekehrt war, hatten er und seine Familie jeglichen Anspruch auf dieses Land verloren.

Als Robin mit Matilda im Schlepptau in Locksley Manor eintraf, herrschte dort bereits reges Treiben. Malcolm lag in seinem Bett. Er hatte sich seines Hemdes entledigt und seine Brandwunden am Rücken, boten einen unschönen Anblick dar.

„Malcolm, Malcolm, du machst Sachen“, begrüßte sie ihn.

„Danke, dass du so schnell kommen konntest Matilda. Ich würde ja aufstehen, aber…“

„Bleib bloß liegen“, unterbrach sie ihn mitten im Satz. „Robin, bring mit bitte eine Schüssel Wasser.“ Sofort eilte dieser zur Tür hinaus und kehrte kurz darauf mit dem gewünschten Gegenstand zurück.

„Ist es sehr schlimm?“, fragte er besorgt.

„Es sieht schlimmer aus, als es eigentlich ist“, beruhigte Matilda ihn. „Er kann morgen wahrscheinlich schon wieder aufstehen.“

Es wurde spät, aber Robin blieb die ganze Zeit über an der Seite seines Vaters, bis der Diener Thornton irgendwann ins Zimmer trat und meinte, dass die Dienerschaft in Robins Zimmer bereits ein zweites Bett aufgestellt habe.  

„Du solltest schlafen gehen“, meinte Malcolm.

„Aber ich würde gerne, bei dir bleiben, nur zu Sicherheit.“

„Matilda hier passt gut auf mich auf“, versuchte er seinen Sohn mit einem erzwungen Lächeln zu beruhigen. Er bemühte sich ganz offensichtlich darum, seine Schmerzen zu überspielen.

„Nun geh schon Robin. Dein Vater könnte auch etwas Ruhe gebrauchen und die findet er gewiss nicht, wenn du wie eine aufgeregte Glucke um in herumläufst“, foppte die Heilerin ihn. Also folgte Robin dem Diener hinaus.

„Glücklicher Weise hatten wir auf dem Dachboden noch das Bett meines Sohnes stehen. Da wo er jetzt ist, wird er es ohnehin nicht mehr gebrauchen können. Meine Frau kümmert sich im Moment um die kleine Isabella. Armes Ding“, sagte Thornton zu ihm. Er sah so niedergeschlagen aus. Der Verlust seines Sohnes hatte ihn tief erschüttert. Dieser war nämlich vor einem Jahr im Heiligen Land gefallen, wie so viele andere auch. Es würde dauern, bis er einigermaßen darüber hinweg kam.

Er öffnete Robin die Tür zu seinem Schlafgemach und schloss sie hinter ihm auch wieder. Guy hatte einfach ohne zu fragen Robins Bett am Fenster in Beschlag genommen, weshalb diesem nichts anderes übrig blieb, als das neue Bett in der Nische zu beziehen. Er würdigte Robin noch nicht einmal seiner Aufmerksamkeit, sondern starrte einfach bewegungslos zum Fenster hinaus.

Es war schon tief in der Nacht, als Robin von einem mehr, oder weniger unterdrückten Schluchzen geweckt wurde. Er lauschte in die Dunkelheit hinein. Da, schon wieder. Er drehte sich um und konnte im Schein des Mondes nur leichte Konturen ausmachen, aber es bestand kein Zweifel: Guy weinte! Seine Schultern zitterten, während sich seiner Kehle immer wieder ein leises Wimmern entrang. Alles in Robins Innerem zog sich zusammen. Er wollte kein Mitleid mit ihm haben, immerhin hatte dieser Mistkerl Marian auf dem Gewissen, aber auf der anderen Seite war dieser Guy noch unschuldig. Er hatte noch niemanden ermordet und außerdem war er nur ein Kind, das sowohl seine Eltern, als auch sein Zuhause verloren hatte. Widerstrebend erhob sich Robin aus seinem Bett und schlich auf leisen Sohlen zu Guy hinüber.

„Hey, alles in Ordnung?“ Gut zugegeben, dass war eine ziemlich dumme Frage, aber Robin wusste nicht, was er sonst sagen sollte.

„Geh weg“, brachte Guy mit Tränen erstickter Stimme hervor. Seine Worte wurden von dem Kissen, in dem er sein Gesicht vergraben hatte, etwas gedämpft.

Nichtsdestotrotz setzte sich Robin einfach auf die Bettkante und strich Guy vorsichtig durchs Haar. Dieser fuhr hoch und schlug rüde seine Hand weg. „Ich sagte du sollst gehen. Ich hasse dich!“

„Du hast geweint.“

„Habe ich nicht“, behauptete Guy, obwohl man im Schein des Mondes erkennen konnte, dass ihm immer noch Tränen aus den Augen quollen und seine Wangen benetzten.

„Das muss dir nicht peinlich sein. Als meine Mutter starb habe ich nächtelang nur geheult.“

„Ich bin aber nicht so ein verweichlichtes Muttersöhnchen wie du und ich habe nicht geweint! Jetzt HAU ENDLICH AB!“ Mit diesen Worten ließ sich Guy mit dem Rücken zu Robin gewandt wieder in die Kissen fallen und zog sich die Decke über den Kopf um seine Scham zu verstecken. Doch Robin blieb wo er war und legte die Hand auf die Stelle, an der er Guys Schulter vermutete. Er spürte ein leichtes Zittern unter seiner Hand und vernahm immer wieder hicksende Laute.

Robin wusste nicht wie lange er dort gesessen hatte und versuchte hatte seinem Erzfeind Trost zu spenden, so grotesk das auch klang, doch gegen Morgengrauen mussten Robin irgendwann die Augen zugefallen sein. Als er erwachte nahm er erst einmal einen angenehmen süßlich-herben Geruch wahr. Er spürte wie sich ein warmer Körper an den seinen presste und seidenweiches Haar über seine Wange strich. Noch vollkommen schlaftrunken und desorientiert öffnete er zufrieden die Augen. Er war nicht schlecht überrascht, als er den jungen Guy neben sich liegen sah. Mit einem erschrockenen Laut fiel er regelrecht aus dem Bett, rappelte sich wieder auf die Beine und sah zu dem Gisbornenachkommen hinüber, der immer noch tief und fest schlief. Seine Haare waren ungewohnt zerzaust und seine Augen vom Weinen, sowie dem wenigen Schlaf leicht geschwollen. Er sah so jung und arglos aus. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Womöglich steckte doch noch etwas Gutes in Guy, wenn man ihm nur half auf den rechten Weg zu finden.

„Na gut, ich werde dir eine Chance geben, aber solltest du auch nur einer Menschenseele ein Leid zufügen, dann setze ich mein ursprüngliches Vorhaben in die Tat um und bringe dich um“, wisperte Robin bedrohlich. Indessen schlief Guy nichts ahnend weiter. Die Sonne stand bereits am Zenit, als er aufstand und die Treppe in die Eingangshalle hinabstieg. Robin, Malcolm und Isabella saßen gemeinsam schon beim Mittagessen. Sein Vater zuckte auf Grund seiner Verbrennungen am Rücken, fast bei jeder Bewegung etwas zusammen, aber Matilda hatte Robin versichert, dass sie nicht lebensgefährlich seien. Im Endeffekt hatte er großes Glück gehabt, denn da er sich sofort schützend auf Robin geworfen hatte, wurde er von den Flammen größtenteils nur gestreift. Es würden vielleicht einige Brandnarben an seinem Rücken zurückbleiben, aber es waren weniger seine Verletzungen, als vielmehr der Rauch gewesen, welcher ihm das Bewusstsein genommen hatte.

Isabella hatte noch kein einziges Wort gesagt seitdem sie bei ihnen war, aber als sie ihres Bruders ansichtig wurde meinte sie: „Guy, komm! Setzt dich neben mich.“ Dieser kam dem Wunsch seiner kleinen Schwester nach, machte aber keinerlei Anstalten sich etwas von dem Essen zu nehmen, welches auf dem Tisch stand. Gleichzeitig mied er entschieden Robins und Malcolms Blicke.

„Guy hast du keinen Hunger? Iss doch etwas Junge“, forderte Malcolm ihn auf. Unweigerlich griff Guy nach einer Hähnchenkeule. Robin hatte schon geglaubt es wäre ihm einfach zuwider mit ihnen zu speisen, aber es lag wohl eher daran, dass Guy sich nicht sicher war, ob es ihm gestattet war. Er war ein Fremder in diesem Haus.

„Ich habe Thornton beauftragt einen Schneider heute hierher zu bringen. Ihr beide braucht ja etwas zum Anziehen. Leider dürften meine Sachen dir zu groß sein und Robins zu klein. Von Isabella ganz zu schweigen. Da ich selber keine Tochter habe...“

„Ich habe gesagt wir brauchen keine Almosen!“, schnitt Guy ihm wütend das Wort ab.

„Nein, aber ihr braucht Kleider zum Wechseln. Ich würde gerne dafür aufkommen, aber wenn du etwas dagegen hast, dann kannst du mir auch einfach das Geld irgendwann zurückzahlen“, versuchte Malcolm ihn zu beschwichtigen.

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir ein paar Kleider schenken“, meinte seine Schwester plötzlich, woraufhin Guy ihr einen vernichtenden Blick zuwarf. „Isabella, dass geht nicht“, zischte er ihr zu.

„Warum nicht? Nur weil du zu stolz bist Geschenke anzunehmen, muss deine Schwester doch nicht darunter leiden“, meinte Robin und zwinkerte Isabella verschwörerisch zu, deren Mundwinkel daraufhin leicht nach oben zuckten. Der Locksleynachkomme sah dies als kleinen Erfolg an, denn bisher hatte er das Mädchen immer nur mit dieser furchtbar ernsten Mine gesehen.  

„Ich bin nicht zu stolz! Ich möchte nur niemandem etwas schuldig sein!“, widersprach Guy und sah von seinem Teller auf. Als sich ihre Blicke, jedoch trafen senkte er den Kopf sofort wieder. Anscheinend schämte er sich für die vergangene Nacht.

„Sir, der Schneider ist da“, verkündete Malcolms Diener mit einer leichten Verbeugung.

„Gut, gut. Er kann drüben in meinem Arbeitszimmer Isabellas und Guys Maße nehmen.“

Folgsam erhoben sich die Geschwister vom Tisch und folgten Thornton ins Arbeitszimmer. Zurück blieben nur Robin und sein Vater.

„Ich hoffe es stört dich nicht, dass die beiden nun hier wohnen. Aber sie haben keinen anderen Ort wo sie hin können.“

„Nein, es stört mich nicht, aber Vater, du solltest Gisborne vielleicht die Wahrheit sagen.“

„Wie?“, fragte Malcolm überrascht und verschüttete beinahe seinen Wein.

„Er denkt, dass er für den Tod seiner Eltern verantwortlich ist und hast du mir nicht gesagt: Du darfst nicht tatenlos zusehen und etwas Schreckliches geschehen lassen, nur weil du dich nicht traust das Richtige zu tun?“

„Robin, würde es hierbei nur um mich gehen, dann würde ich Guy sofort die Wahrheit sagen und mich höchstpersönlich dem Sheriff ausliefern. Aber es geht mir vor allem um Eurer Wohlergehen. Guys Familie hat ihre Rechte an Locksley verwirkt, als sie einen Aussätzigen bei sich versteckten und ich würde meine Rechte verlieren, wenn man mir einen Mord nachweisen könnte. Darauf wartet Longthorn nur. Er will sich schon seit Jahren Locksley unter den Nagel reißen und er wird nicht davor zurückschrecken uns alle vor die Tür zu setzen. Was Guy betrifft, so würde er sich sofort auf und davon machen, wenn er wüsste das ich seine Mutter... das ich Ghislaine... das ich Schuld trage...“, sein Vater vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Er hat doch niemanden. Wer soll sich in der Fremde um ihn kümmern? Bitte Robin, versprich mir, dass du ihnen nichts verrätst. Ich kann verstehen, dass du dich nun meiner schämst und das du dir wahrscheinlich wünschst einen anderen, ehrenwerteren Vater zu haben, aber bitte denk auch an Guys und Isabellas Wohl.“

„Es war nicht deine Absicht ihr etwas zu Leide zu tun. Es war ein Unfall. Ich habe gesehen was geschehen ist. Auch wenn ich es nicht gutheißen kann, so bist du doch immer noch mein Vater“, sagte Robin. Er konnte es nicht ertragen ihn so niedergeschlagen zu sehen, auch wenn er sich nicht sicher war, ob es die richtige Entscheidung war, Guy die Wahrheit zu verschweigen. „Ich würde keinen anderen Vater wollen“, versuchte er ihn aufzumuntern und bereute, dass er überhaupt darauf zu sprechen gekommen war. Gestern hätte er Malcolm fast ein zweites Mal verloren. Der Schrecken saß noch tief in seinen Gliedern.

„Versprichst du mir es für dich zu behalten?“

„Ja... Ja, ich verspreche es“, sagte Robin, wenn auch nur ungern. Doch eine Frage quälte ihn noch. Er wusste nicht ob es der richtige Moment war sie zu stellen, aber wenn nicht jetzt, wann dann?

„Was ist mit dem Kind geschehen? Ist es ebenfalls in dem Feuer ums Leben gekommen?“, horchte er im mitfühlenden nach.

Sein Vater erbleichte. „Von welchem Kind sprichst du?“, fragte er mit einem aufgesetzten Lächeln.

„Guys Mutter war doch schwanger, oder vielleicht auch nicht mehr. Man konnte es ihr ohnehin nur schwerlich ansehen“, meinte Robin mit ernstem Gesichtsausdruck. Es stimmte. Ihre fülligen Kleider hatten ihren Zustand gut verborgen.

Malcolm schluckte schwer. „Woher weißt du davon?“

„Ich habe euch gesehen. Damals im Wald.“

„Du bist mir gefolgt?“, fragte sein Vater im tadelnden Tonfall.

„Natürlich bin ich dir gefolgt. Es war schon sehr verdächtig, dass du bei Nacht und Nebel einfach davon geritten bist. Außerdem hattest du es mir nicht verboten. Also, kam das Kind schon eher zur Welt?“ - Oder ist es auch in den Flammen umgekommen?-, fügte er gedanklich hinzu.

Sein Vater musterte ihn ernst. Man sah ihm deutlich an das er die letzte Nacht wohl nicht viel geschlafen hatte. „Er lebt.“

„Er lebt? Also ist es ein Junge?“

„Ja.“ Robin konnte seinen Ohren kaum trauen. Er hatte einen kleinen Bruder!

„Und wo ist er?“, fragte er verständnislos?

„Wir haben ihn heimlich in die Obhut anderer Leute gegeben, aber nur vorübergehend. Wir wollten ihn später zurückholen. Robin, du bist noch ein Kind, daher weiß ich nicht ob du schon den Ernst der Lage verstehst, aber davon darf niemals ein Wort nach außen dringen! Haben wir uns verstanden?“

„Keine Sorge, von mir erfährt mit Sicherheit niemand etwas. Aber was für Leute und wann willst du ihn zu uns holen?“

„Ich werde übermorgen eine Pilgerreise antreten und mit Archer zurückkehren“, erklärte sein Vater ihm.

„Aber du bist noch verletzt“, wandte Robin ein.

„Ich habe zwar einige Brandwunden, aber es macht wohl kaum einen Unterschied ob ich sie hier auskuriere, oder unterwegs. Matilda, hat mir einen Trank gegeben, der die Schmerzen lindert und eine Salbe gegen die Verbrennungen. Robin, eines ist noch wichtig: Niemand darf jemals erfahren, dass er mein leiblicher Sohn ist. Offiziell ist er nur ein Findelkind. Ich kann verstehen, wenn dir diese Geheimnistuerei zuwider ist. Glaub mir Robin, ich hätte dich gerne da herausgehalten, aber zumal du die Wahrheit nun schon kennst, lässt es sich wohl nicht mehr ändern. Versprich mir noch eines, solange ich fort bin, hör bitte auf Guy. Einer muss ja meine Stellung übernehmen.“

Robin wollte schon zum Widerspruch ansetzten, aber Malcolm hielt mahnend eine Hand in die Höhe und schnitt ihm das Wort ab: „Ich weiß, dass du davon wahrscheinlich nicht begeistert bist, aber es ist ja auch nicht für lange Zeit. Ich bitte dich darum, dass du in der Zwischenzeit keinen Unsinn anstellst. Guy ist schon älter als du und daher hoffentlich ein wenig vernünftiger.“

Guy, vernünftig? Er wollte ohne einen Groschen in der Tasche mit seiner Schwester nach Frankreich aufbrechen! Vernünftig konnte man das nicht gerade nennen. Aber Robin wusste, dass es nichts bringen würde mit seinem Vater darüber zu diskutieren. Malcolms Entscheidung stand fest.

Am Abend fanden sie sich wieder alle am Esstisch ein. Zu Robins Überraschung nahm Isabella dieses mal neben ihm Platz, anstatt neben ihren Bruder, der seiner Schwester daraufhin einen solch anklagenden Blick zuwarf, als hätte sie gerade Hochverrat begannen.

„Ich bekomme vier neue Kleider. Dein Vater hat den Schneider schon bezahlt. Eines sogar aus purpurfarbener Seide“, sagte Isabella stolz. Guy schüttelte daraufhin nur schweigend den Kopf.

„Und die anderen drei?“, fragte Robin aufmunternd, der erfreut darüber war, dass sich das sonst so zurückhaltende Mädchen ihm gegenüber öffnete. Auch Malcolm lächelte zufrieden, über Isabellas offensichtliche Begeisterung. Nur Guy schien das Ganze verdrießlich zu stimmen.

„Eines aus blauer Wolle, ein Weiteres in weiß mit Brokat besetzt und das dritte soll aus grünen Leinen angefertigt werden“, erzählte das dunkelhaarige Mädchen begeistert.

Plötzlich erhob sich Guy vom Tisch „Unsere Eltern sind gestern erst gestorben und du denkst nur an deine blöden Kleider!“, fuhr er sie an.

„Guy, was soll das. Setzt dich sofort wieder hin und entschuldige dich bei deiner Schwester“, wies ihn Malcolm zurecht.

„Sie haben mir überhaupt nichts vorzuschreiben! Sie sind nicht mein Vater! Und es stimmt doch was ich sage! Keinen von euch scheint es zu kümmern das sie tot sind, aber mich schon!“, brüllte Guy außer sich, vor Wut und Trauer. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, woraufhin das ganze Geschirr klapperte, wand sich um und verschwand die Treppe hinauf in Robins Zimmer.

Stille erfüllte auf einmal sie Halle. Isabellas Lippen bebten und dicke Kullertränen perlten ihr über die Wangen. Sie hatte ihren Blick gesenkt und ihre Hände in ihrem Kleid vergraben.

„Hör nicht auf ihn“, sagte Robin ihr. „Er ist einfach nur traurig, dass ist alles.“

Isabella sagte nichts. Beschämt starrte sie auf ihre Hände.

„Du musst dir wirklich keine Vorwürfe machen Isabella. Jeder geht mit Trauer anders um. Manche ziehen sich in sich selbst zurück, andere suchen menschliche Nähe und weinen, wieder andere versuchen sich irgendwie von ihrem Kummer abzulenken. Jeder Mensch geht anders mit Verlusten um. Es ist keineswegs verwerflich an die schönen Dinge im Leben zu denken, um der Trauer nicht anheim zu fallen. Es ist eher ein Zeichen von Stärke und nichts wofür man sich schämen bräuchte“, versuchte Malcolm sie wieder aufzumuntern. Isabella nickte nur stumm. Sie wischte sich mit ihrem Ärmel, die feuchten Wangen trocken. Richtig überzeugt schien sie noch nicht zu sein, aber immerhin hatte sie aufgehört zu weinen.

Als Robin an diesem Abend auf sein Zimmer kam, lag Guy bereits im Bett und drehte ihm demonstrativ den Rücken zu. Die Stille war erdrückend. Robin konnte Guys Wut und Trauer nachvollziehen. Nicht das er es gut heizte, wie er sich Isabella gegenüber verhalten hatte, aber er konnte es nachvollziehen. Auf Guy mussten sie alle einen furchtbar kaltherzigen Eindruck machen, als hätten sie die Schrecken des gestrigen Tages bereits überwunden. Aber Robin merkte wie ausgewechselt sein Vater auf einmal war, als wäre alle Freude aus seinem Leben verschwunden. Auch wenn er sich um seinetwillen darum bemühte stark zu sein. Auch der Hüter des Sherwood Forests, versuchte nach Möglichkeit die furchtbaren Erinnerungen aus seinem Gedächtnis zu streichen. Er wollte sich nicht daran erinnern, wie Ghislaine auf dem Boden aufschlug, oder die Flammen das ganze Anwesen und somit auch Roger bei lebendigem Leibe verschlangen. Nein, er wollte diese Bilder nicht in seinem Kopf haben. Er wollte nicht darüber reden, aber vielleicht brauchte Guy genau das. Jemanden bei dem er sich aussprechen konnte.

„Es tut mir Leid Guy. Das alles. Das mit deinen Eltern und wie ich mich dir gegenüber verhalten habe. Besonders in Bezug auf Swain. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, ich bin für dich da.“ Es war das erste Mal, seit einer gefühlten Ewigkeit, das Robin seinen ehemaligen Rivalen, beim Vornamen nannte. Aber unter den gegeben Umständen, wäre es einfach absurd gewesen ihn weiterhin mit Gisborne anzusprechen.

Guy gab keine Antwort, aber an seinem Atem konnte Robin hören, dass er noch wach war. Na gut, wenn er sich nicht helfen lassen wollte, selber Schuld. Immerhin hatte Robin es ihm angeboten. Mehr konnte man nun wirklich nicht von ihm verlangen. Robin war schon in einen Dämmerzustand verfallen, als er plötzlich von Guys Stimme wieder aufgeschreckt wurde.

„Robin, bist du noch wach?“

„Ja“, brachte dieser schlaftrunken hervor.

Eine kurze Stille folgte, die Guy jedoch nach einigem Zögern durchbrach: „Ich kann nicht schlafen. Darf ich... darf ich vielleicht bei dir mit im Bett schlafen?“ Man konnte die Verlegenheit deutlich aus seiner Stimme heraushören.

Diese Frage überraschte Robin. Nach außen hin gab sich Guy schon so erwachsen, aber im Endeffekt war er doch noch ein gerade mal vierzehn Jahre alter Junge, der nach Geborgenheit und Schutz suchte. Die Vorstellung mit Guy ein Bett zu teilen, war irgendwie merkwürdig, aber schließlich wäre das nicht das erste Mal. Immerhin war er heute Morgen auch schon in Guys Bett aufgewacht, wenn auch unbeabsichtigt.

Guy schien Robins Schweigen jedoch zu missinterpretieren: „Entschuldige, dass war kindisch. Ich..., vergiss es einfach.“

„Nein, ist schon gut. Du kannst ruhig bei mir schlafen, wenn du willst“, meinte Robin und hob einladend die Decke hoch. Er vernahm ein Rascheln und sah wie sich eine Gestalt in der Dunkelheit auf ihn zu bewegte. Im nächsten Moment schlüpfte auch schon Guy unter seine Decke. Es war irgendwie merkwürdig. Nicht etwa, weil sie beide Jungen waren, denn im Kamp der Outlaws konnte es im Winter recht kalt werden, weswegen sich Robin schon häufiger mit Much eine Liege geteilt hatte, sondern weil er Guy vor wenigen Tagen noch umbringen wollte. Wo waren sein Zorn und der Wunsch nach Vergeltung geblieben? Wahrscheinlich in dem Moment verschwunden wo Robin bewusst wurde, dass Marian noch lebte, der Gisbornespross noch ein Kind war und er dessen Anschlag auf den König möglicher Weise verhindern konnte, wenn er ihn zum Positiven hin beeinflusste.

Guy versuchte so wenig Platz wie möglich in Anspruch zu nehmen und jeden Körperkontakt zu vermeiden, aber er hatte seine Rechnung nicht mit Robin gemacht, der sich im Schlaf über das ganze Bett verteilt hatte und am nächsten Morgen zur Hälfte auf Guy lag. Er hat einen Arm und ein Bein um Guy geschlungen, während sein Kopf auf dessen Brust ruhte. Die Lippen waren leicht geöffnet und es lief ihm Sabber aus seinem Mundwinkel. Angewidert befreite sich Guy aus Robins Umklammerung und wischte sich mit dem Arm dessen Speichel von seiner Brust. Griesgrämig sah er auf den immer noch seelenruhig schlafenden Robin hinab, bevor er aufstand und sich einkleidete. Er war gerade dabei seinen Umhang umzulegen, als Robin erwachte.

„Guten Morgen“, nuschelte er kaum hörbar.

„Du sabberst im Schlaf.“

„Hm...?“, brachte er lediglich schlaftrunken hervor.

„Ich habe gesagt du sabberst im Schlaf“, wiederholte Guy seine Worte, während er den Verschluss seines Umhanges zumachte.

„So ein Unsinn“, protestierte Robin entrüstet. Er sabberte doch nicht im Schlaf.

„Es ist die Wahrheit und außerdem hättest du mich fast zerquetscht.“

„Wenn du ein Problem damit hast, dann schlaf doch nächstes Mal in deinem eigenen Bett!“

„Das ist ausnahmsweise mal eine gute Idee“, höhnte Guy. „Ich gehe runter frühstücken. Kommst du mit?“

„Ja, ja, ich ziehe mir nur eben noch etwas an.“ Undankbarer Mistkerl, dachte sich Robin, als er sich aus dem Bett quälte und in seine Sachen schlüpfte.

Bei dem Frühstück offenbarte Robins Vater Guy und Isabella seine Reisepläne und das er schon morgen aufbrechen würde.

„Jetzt? Zu diesem Zeitpunkt?“, fragte Guy verständnislos.

„Guy, du bist nicht der einzige, dem der Tod deiner Eltern nahe geht. Eine Pilgerreise wird mir helfen, mit mir selbst und Gott wieder ins Reine zu kommen.“

„Ins Reine zu kommen? Ich bezweifle das Gott jemandem so leicht vergibt der gegen das zehnte Gebot verstoßen hat. Von mir aus können Sie auch gleich ganz weg bleiben“, brachte Guy gehässig hervor. Robin hob nachdenklich den Blick. Sollte das eine Andeutung auf Malcolms und Ghislaines Liebschaft sein?

„Ich verlange nicht von dir mir jemals zu verzeihen Guy, da ich mir selber nicht verzeihen kann. Aber bitte kümmre dich während ich fort bin um Isabella und Robin. Du bist solange der Herr im Haus. Keine Sorge, wenn irgendetwas sein sollte kannst du dich an Thornton wenden. Er kümmert sich während ich fort bin auch um die Verwaltungsangelegenheiten.“

„Wieso ich?“, Guy sah überrascht von Malcolm hinüber zu Robin, der bei diesen Worten den Blick wieder gesenkt hatte und verdrossen seinen Haferbrei löffelte.

„Weil du der Ältere von euch beiden bist. Kann ich mich darauf verlassen das du nicht nur auf deine Schwester, sondern auch auf Robin Acht gibst?“

„Ich kann auf mich selber aufpassen, Vater“, nörgelte Robin. Immerhin war er in Wahrheit ein erwachsener Mann. Er brauchte mit Sicherheit niemanden der auf ihn aufpasste. Erst Recht nicht einen Jungen, der noch grün hinter den Ohren war.

„Ich werde dafür Sorge tragen das ihm nichts passiert, aber das mache ich nicht für Euch, sondern für ihn“, überging Guy einfach Robins Einwand.

„Das reicht mir schon“, meinte Malcolm mit einem schwachen Lächeln. Nach dem Frühstück machte sich Robins Vater auf den Weg zum Notar. Er verbrachte beinahe den ganzen Tag dort. Es ging gewiss um Guys Einsetzung, als seinen Erben. Robin wusste nicht was er davon halten sollte. Gewiss, seinen Vater quälten Gewissensbisse gegenüber Ghislaine, sowie ihrer Familie und eigentlich sollte Locksley ursprünglich Guy zufallen, aber trotzdem fühlte sich Robin benachteiligt. Diese Nacht schlief Guy nicht in seinem Bett. Auch er ahnte anscheinend was vor sich ging und spürte Robins Groll. Im Endeffekt lagen beide fast die ganze Nacht über wach und waren demnach auch am nächsten Morgen recht verschlafen, als Malcolm aufbrechen wollte. „Ich habe gestern mit dem Notar gesprochen Guy. Es ist noch nicht sicher, aber womöglich kannst du deine Rechte an Locksley behalten. Es gibt lediglich noch ein paar formelle Schwierigkeiten, aber ich denke das diese nicht zu schwer ins Gewicht fallen werden.“ Robin wusste genau, was mit formellen Schwierigkeiten gemeint war. Schließlich dürfte es den Notar sehr verwundert haben, dass Malcolm anstatt seines leiblichen Sohnes, lieber Guy als Erben einsetzen wollte. Ein Kind aus einer entehrten Familie. Eine Familie, die einen Aussätzigen bei sich versteckt hielt und damit jeden Anspruch auf Locksley verloren hatte. Guy nickte nur stumm, als wäre es eine Selbstverständlichkeit das sich Malcolm so sehr für ihn einsetzte.

Es ist eine Selbstverständlichkeit, schallt sich Robin innerlich selber und versuchte dieses schreckliche Gefühl der Missgunst zu unterdrücken. Immerhin hatte nicht nur Guys Familie ein Delikt begannen, sondern auch sein Vater, nur das in seinem Falle niemand davon wusste. Wenn Malcolm also dafür sorgte, dass Guy seine Rechte an Locksley zurückerhielt, dann war dies nur legitim und Robin musste eben in den sauren Apfel beißen.

Malcolm war erst einen halben Tag lang fort, als diese Nachricht auch schon den alten Vogt Longthorn erreichte. Sofort witterte dieser seine Chance, diese französische Brut ein für alle mal los zu werden. Malcolm plante doch tatsächlich diesen Gisbornebengel als seinen Erben einzusetzen. Nicht schlimm genug, dass der Knabe französischer Herkunft war, nein sein Vater war auch noch ein ehrloser Schurke, der trotz seines Aussatzes nach Locksley zurückgekehrt war. So jemanden würde er niemals als Herren dulden!
Sofort machte er sich auf den Weg nach Locksley Manor, im Gefolge zweier Söldner. Wie einst Hannibal vor den Toren Roms, baute sich nun Longthorn vor dem Anwesen der Familie Locksley auf und brüllte aus Leibeskräften: „Komm raus Guy of Gisborne und stell dich dem Gesetz. Du hast auf diesen Ländereien nichts mehr zu suchen!“

Robin machte gerade im Freien Schießübungen mit seinem Bogen, als er Longhorns Ruf vernahm. Er blickte den Hügel hinunter zum Dorf und sah wie Guy dicht gefolgt von Isabella aus dem Haus trat. Auch einige schaulustige Bauern, Mägde und Kinder kamen heraus, oder hielten in ihrer bis dahin verrichteten Arbeit inne und beobachteten das Schauspiel.

Sofort schulterte Robin seinen Bogen, nahm seine Beine in die Hand und hechte zurück zu seinem Familienanwesen.

„Was wollt Ihr von mir Longthorn?“, fragte Guy mit fester Stimme, doch man sah ihm seine Unsicherheit und Angst sofort an, auch wenn er darum bemüht war sie zu verbergen. Seine Pupillen wanderten nervös von Longthorn, zur umstehenden Menge und wieder zurück.

„Was wollt ihr hier?“, verlangte nun auch Thornton zu wissen, der nun ebenfalls aus dem Haus kam. Auch Much war dort, zusammen mit seinem Vater dem Müller. In vier Jahren würde er in Robins Dienste treten, um seinen Vater aus seiner finanziellen Misere zu helfen. Auch Dan Scarlett war zu sehen. Natürlich noch ohne seine beiden Söhne, denn Will würde erst in zwei Jahren zur Welt kommen und sein Bruder Luke erst nach ihm. Genau genommen hatte sich mittlerweile ganz Locksley vor Robins Haus eingefunden.

„Ich bin hier um Guy of Gisborne, auf Grund seiner Verbrechen, dem Richter vorzuführen. Wegen versuchten Mordes an unserem Geistlichen Swain und der Tötung seiner eigenen Eltern! Hinzu kommt noch das Vergehen, einen Aussätzigen heimlich in Gisborne Manor versteckt zu haben, sowie Brandstiftung“, betete der Vogt seine Anklagepunkte herunter. „Männer, nehmt in fest“, befahl er den beiden Söldnern an seiner Seite.

„Ihr habt kein Recht dazu! Der Junge steht unter dem Schutz meines Herren.“

„Ich habe jedes Recht dazu! Ich bin hier der Landvogt und wo ist bitteschön Euer Herr, wenn er irgendwelche Einwände hat?“

„Er ist heute Morgen zu einer Pilgerreise aufgebrochen und er wird nicht erfreut darüber sein, wenn er erfährt, was ihr in seiner Abwesenheit vor hattet“, mahnte ihn Malcolms treuer Diener.

„Was ich vor hatte? Ihr meint wohl was ich immer noch vorhabe. Dieser Junge ist ein Verbrecher und er gehört gehängt. Hätten wir das Urteil nach seinem Mordanschlag auf Swain vollstreckt, dann wäre es nie zu diesem furchtbaren Feuer gekommen. Ich sage euch, er ist eine Ausgeburt des Teufels. Wie sonst, sollte ein junger Knabe zu solch einer Grausamkeit fähig sein“, meinte er nun an die Menge gewandt, in der Hoffnung sie auf seine Seite zu ziehen. Einige nickten stumm, viele hielten sich mit ihrer Meinung zurück, aber niemand ergriff für Guy Partei. Dieser sah schuldbewusst zu Boden und ballte seine Hände zu Fäusten. Da erklang auf einmal Robins Stimme: „Verschwindet von unserem Land Longthorn und Last Guy in Frieden!“ Die Menge teilte sich und bildete so einen Durchgang für Robin, der trotz seiner geringen Größe selbstbewusst auf den Vogt zukam.

„Master Robin, Euer Großmut in allen Ehren, aber dieser junge Mann hier ist ein Mörder“, erklärte Longthorn ihm in einem Tonfall, den man sonst nur für begriffsstutzige Kinder verwendete, was er in den Augen des Vogts sicherlich auch war.

„Wen soll er umgebracht haben?“, spottete Robin mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Na, er hätte fast Swain getötet, wollte Euch die Schuld auch noch unterschieben und ist für den Tod seiner Eltern verantwortlich.“

Erst in diesem Moment wurde Robin richtig bewusst, dass die Geschichte mit dem Feuerrad niemals wirklich aufgeklärt worden war. Er hatte lediglich seinem Vater und in diesem Leben auch noch Sir Edward, sowie Ghislaine die Wahrheit gebeichtet, aber die Dorfgemeinde hielt immer noch Guy für den Übeltäter. Und nun wurde er auch noch für den Tod seiner eigenen Eltern verantwortlich gemacht, obwohl Robins Vater daran die Schuld trug. Das war einfach nicht gerecht!

„Guy hat den Pfeil nicht abgeschossen, der das Rad in Flammen setzte und Swain fast das Leben gekostet hätte, sondern ich! Und er ist auch nicht Schuld am Tod seiner Eltern! Es war lediglich ein Unfall, an dem auch mein Vater beteiligt war. Ebenso wie Ihr Longthorn! Wart Ihr es nicht gewesen, der die Menschen dazu angestachelt hat das Haus in Brand zu stecken? Wenn ihr Guy noch einmal behelligt, dann bekommt ihr es mit mir zu tun! Und das gilt auch für jeden anderen!“

„Du warst es? Du hast den Priester beinahe ermordet und das obwohl das Feuerrad auch deinen eigenen Vater hätte treffen können?“, fragte Longthorn ehrlich überrascht und auch teilweise erfreut über diese Neuigkeit, bot sie ihm doch die Möglichkeit nicht nur Guy, sondern nun auch möglicher Weise Robin aus dem Weg zu räumen. Dann bliebe nur noch Malcolm, der zwischen ihm und seiner Herrschaft über Locksley stand. Doch sobald sein Verhältnis zu Ghislaine an die Öffentlichkeit käme, wären dessen Tage ebenfalls gezählt.

Indessen blieb Robin gelassen. Er war schon aus brenzligeren Lagen wieder herausgekommen und es war sogar eine Erleichterung endlich die Wahrheit offenbart zu haben. Gewiss fürchtete er darum die Liebe und Zuneigung seiner Bauern dadurch zu verlieren, aber immer noch besser, als sich bis an sein Lebensende Vorwürfe machen zu müssen, weil er zu feige war die Wahrheit zu sagen.

„Es war ein Unfall, den ich ehrlich bereue. Aber beinahe noch mehr bereue ich die Tatsache, dass ich zu feige war die Wahrheit zu sagen und Guy meinetwegen beinahe gehängt wurde. Ich wollte vor Guy mit dem Bogen meines Vaters prahlen und habe dabei unbeabsichtigt das Rad in Brand gesteckt.“

„Rede keinen Unsinn Junge. Es ehrt dich sehr, dass du Guy of Gisborne beschützen willst, aber dafür seine Schuld auf dich zu laden geht zu weit“, meinte Thornton ernst, der nicht glauben konnte was er da hörte.

„Es ist aber die Wahrheit!“, beharrte Robin, der jedoch erkannte das ein großer Teil der umstehenden Menge ihm nicht glauben wollte. Lediglich eine Hand voll Leute nahmen seine Version der Geschichte ernst, zeigten aber ein solches Maß an Verständnis, wie sie es Guy niemals entgegengebracht hatten. Eigentlich glich ihre Reaktion der von Sir Edward aufs Haar. Manche lächelten nur nachsichtig, andere sahen ihn sogar regelrecht stolz an, weil er sich getraut hatte seinen Fehler einzugestehen, doch niemand schalt ihn.

Sein Blick wanderte entschuldigend zu Guy. Er rechnete schon mit Wut und Verachtung, aber der dunkelhaarige Junge schaute eher ziemlich perplex drein.

Auch Longthorn entging nicht, dass die Leute hier in Robin of Locksley nur das Beste sehen wollten und er somit die Menge eher gegen sich, als gegen Robin aufbringen würde, wenn er weiter gegen ihn wetterte. Daher beschränkte er sich in seinen folgenden Worten nun wieder auf Guy: „Dein Diener hat ganz Recht. Du gehst in deinem tugendhaften Eifer einen Schritt zu weit. Jeder muss für seine Sünden selbst büßen und ich werde jetzt diesen Gisbornespross mitnehmen und ihn in Nottingham richten lassen. Er ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.“

Mit einer Handbewegung gab er den beiden Söldnern zu verstehen endlich ihrer Aufgabe nachzukommen, doch Robin zückte seinen Bogen und hielt seinen Pfeil auf Longthorn gerichtet.

„Keinen Schritt näher! Ihr lasst Guy in Frieden und verschwindet jetzt von meinem Land“, befahl Robin.

„Beachtet ihn gar nicht“, schnarrte Longthorn, langsam mit seiner Geduld am Ende. Die beiden Söldner wollten gerade auf Guy zugehen und ihn festnehmen, da schoss Robin zwei Pfeile ab. Die genau vor ihren Füßen landeten.

„Der nächste Pfeil geht nicht daneben“ drohte er.

„Du verdammte, kleine Made“, fluchte Longthorn und wollte schon auf Robin losgehen, aber dieser zog wiederum einen Pfeil aus seinem Köcher und richtete ihn genau auf Longthorns Brust. Durch die Menge ging ein teilweise überraschtes, teilweise bewunderndes: „Oho!“

Longthorn wich einige Schritte zurück. „Mein Vater hat mich nie geschlagen und du schon gar nicht. Das ist mein Land und jeder einzelne dieser Menschen hier, Guy eingeschlossen, steht unter meinem Schutz! Solltest du noch einmal meinen Grund und Boden betreten, wirst du nicht so glimpflich davon kommen!“

Longthorn sah sich hilfesuchend in der Menge um. Doch die Bauern hatten sich nun wie eine schützende Mauer um Robin, sowie die beiden Waisenkinder versammelt und standen eindeutig auf der Seite ihres Goldknaben. Auch die beiden Söldner flüchteten bereits, da ein paar lächerliche Groschen ihnen ihr Leben anscheinend nicht wert waren. Zornig fluchend zog sich Longthorn zurück, dem Spott der Bauersleute ausgesetzt, die ihm nachriefen, dass er endlich verschwinden solle. Um ihm Beine zu machen, schoss Robin seinen Pfeil genau in einen Baumstamm vor Longthorns Nase. Dieser machte erschrocken einen Satz zurück und hastete dann eilig davon. Das Gelächter der Leute im Nacken, die Robin anerkennend auf die Schulter klopften und ihn bejubelten.

Robin drehte seinen Kopf Richtung Tür, doch Guy und seine Schwester waren anscheinend schon zurück ins Haus geflüchtet. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit und hinderte ihn daran seinen Erfolg richtig zu genießen. Die Reaktion der Bauersleute musste in Guys Augen furchtbar ungerecht sein. Ihn hätten sie beinahe gehängt und Robin feierten sie für seine Aufrichtigkeit, oder glaubten sogar, dass er Guy lediglich schützen wollte. Als sich die Menge wieder beruhigt hatte, kehrte Robin ins Haus zurück. Er sah Guy, der missmutig mit einem Feuerhaken in der Glut des Kaminofens stocherte, während seine Schwester auf einem Stuhl davor saß und mit Nadelbinden beschäftigt war.

„Was machst du da?“, fragte er sie neugierig.

„Einen Schal für dich, weil du meinen Bruder gerettet hast“, meinte Isabella stolz, erhob sich von ihrem Platz und gab Robin einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich wieder hinsetzte. Zufrieden lächelnd ging sie ihrer Handarbeit weiter nach. Indessen schnaubte Guy nur verächtlich, lies den Feuerhaken fallen und stampfte nach oben auf ihr Zimmer. Nach kurzem Zögern, folgte Robin ihm.

„Guy?“, fragte er vorsichtig, als er die Tür öffnete.

„Sie haben Recht.“

„Wie?“

„Ich bin verantwortlich für den Tod meiner Eltern“, sagte Guy mit ernster Mine und fester Stimme, als würde er vor Gericht ein Geständnis ablegen.

„Ich war es der das Haus in Flammen gesteckt hat. Nicht absichtlich, aber dennoch war es meine Schuld. Außerdem wäre mein Vater gar nicht dort gewesen, wenn ich nicht gewesen wäre.“

„Was meinst du damit?“

„Ich hatte beobachtet wie meine Mutter in den Wald ging und da folgte ich ihr. Dort sah ich sie, mit meinem Vater. Sie liebte ihn immer noch. Ich war wahnsinnig wütend. Mir hatte sie befohlen ihn zu vergessen und so zu tun als würde er gar nicht existieren. Am nächsten Tag habe ich ihn selber in der Leprakolonie aufgesucht und darum gebeten nach Hause zu kommen, aber er wollte nicht. Ich warf ihm vor, dass er uns nicht lieben würde, da er noch nicht einmal versuchte um uns zu kämpfen. Ich glaube das war der Grund, warum er nach Locksley zurückgekehrt ist. Nein, ich bin mir sogar sicher, dass das der Grund war! Du siehst also, es ist tatsächlich meine Schuld. Daher spar dir dein Mitleid für jemand anderen auf!“

„Ich habe dich nicht aus Mitleid in Schutz genommen, sondern weil ich überzeugt davon bin, dass dich keine Schuld trifft. Mag sein, dass du deinen Vater dazu bewegt hast, zu euch zurückzukehren, aber womöglich wäre er früher oder später von ganz alleine nach Hause gekommen. Was den Brand betrifft, so trägt mein Vater weit aus größere Schuld, als du. Er hätte nicht einfach in euer Haus eindringen dürfen.“

Vor allem hätte er in seiner Wut niemals Hand an Ghislaine legen dürfen, aber Robin hatte seinem Vater versprochen Guy nichts davon zu verraten.

„Warum bist du auf einmal so nett zu mir? Du warst früher nie nett zu mir.“ Guys Misstrauen war verständlich, immerhin war Robin in seiner Kindheit meist derjenige gewesen, welcher die anderen Jungen dazu angestiftet hatte, Guy zu ärgern. Da der Dunkelhaarige ein paar Jahre älter war als er selbst, hatte es Robin stets mit Stolz erfüllt ihn zu übertrumpfen. Am liebsten natürlich in Anwesenheit von Zuschauern. Trotzdem hatte Guy ihn immer wieder darum angebettelt mitspielen zu dürfen, wenn er und seine Freunde im Wald ihren Spaß hatten. Er wusste nämlich, dass die Entscheidung alleine Robin oblag. Die anderen Kinder des Dorfes sahen ihn als ihren Anführer an. Doch er hatte stets nur Beleidigungen für Guy übrig gehabt. Er hatte sich vor den anderen Kindern darüber amüsiert, was für ein schlechter Schütze Guy war, wie mädchenhaft er aussah, oder über seine französische Herkunft gelästert. Heute schämte sich Robin für dieses Verhalten. Er wusste selbst nicht genau, weshalb er sich als Kind stets Guy als Opfer auserkoren hatte. Gewiss um sich selbst und den anderen etwas zu beweisen. Um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Aber auch weil er es einfach geliebt hatte, wenn Guy um seine Anerkennung buhlte. Warum, das konnte er selbst nicht mehr so genau sagen. Er wusste auch nicht weshalb er ihn stets als mädchenhaft bezeichnet hatte, denn Guy war in jungen Jahren viel größer und muskulöser gewesen, als er selbst. Es lag wohl an der unleugbaren Ähnlichkeit, die er mit seiner Mutter hatte. Dasselbe dunkle Haar, dieselben Augenbrauen, dieselbe blasse Haut und die gleiche Nase.

Aber natürlich wagte sich Robin nicht diese Gedanken laut auszusprechen und beschränkte sich daher auf ein: „Du warst auch nicht immer die Freundlichkeit in Person, aber ich bin bereit darüber hinwegzusehen und noch einmal von vorne anzufangen. Wie steht es mit dir?“

Er kam auf Guy zu und streckte ihm abwartend seine Hand entgegen. Dieser musterte diese erst misstrauisch, bevor er sie zögerlich annahm. „In Ordnung“, sagte er immer noch etwas skeptisch.

„Großartig“, Robin löste seine Hand wieder aus Guys Griff und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Magst du Schach?“

„Ich habe nichts gegen Schach“, sagte Guy zaghaft.

„Dann komm mal mit. Mein Vater hat in seinem Arbeitszimmer ein Schachbrett stehen.“

„Hat er nichts dagegen, wenn wir in seiner Abwesenheit einfach sein Arbeitszimmer betreten?“

„Nein, wieso sollte er? Nun komm schon“, er packte Guy am Ärmel und zerrte ihn hinter sich her. Es stellte sich heraus, dass Guy ein lausiger Schachspieler war. „Ich habe das noch nicht so häufig gespielt“, versuchte der Dunkelhaarige seine Niederlage zu rechtfertigen. Robin war sich ziemlich sicher, dass selbst wenn Guy es schon hunderte Male gespielt hätte, das Ergebnis dasselbe gewesen wäre. Guy war nicht gerade der strategische Denker. Das war eher Robins Stärke. Es wäre gewiss nicht ihrer Freundschaft dienlich, wenn Guy immer nur verlieren würde. Much konnte so etwas wegstecken, aber sein ehemaliger Rivale mit Sicherheit nicht. In was könnte Guy denn gut sein? Nun ja, er war gut darin andere Leute einzuschüchtern, oder sie mit seiner arroganten Art zu provozieren, aber ansonsten fiel Robin nichts ein.

„Lass uns morgen früh zum Fluss gehen. Vielleicht treffen wir dort auf Much.“ In Robins Kindheit war dies der Ort gewesen, wo sich alle Kinder meistens zum Spielen getroffen hatten. Natürlich war er eigentlich aus dem Alter heraus, aber Guy würde es sicherlich gut tun, endlich mal nicht mehr der Außenseiter zu sein.

„Much? Was ist ein Much?“, fragte Guy verwirrt.

„Na der Sohn des Müllers.“

„Und was hätten wir davon auf einen Müllerssohn zu treffen?“, fragte Guy mit heruntergezogenen Mundwinkeln.

„Hey, er ist ein Freund von mir. Wenn du ihn erst mal besser kennst, wirst du ihn sicherlich auch mögen“, versuchte Robin ihn zu überreden.

„Das bezweifle ich. Das bezweifle ich sehr“, meinte Guy, aber am nächsten Morgen folgte er Robin dennoch hinunter zum Fluss. Auf dem Weg dorthin, begegneten sie einer Gruppe von Jungen. Unter ihnen auch Much, sowie Gregor, der Sohn des Gerbers. Er hatte sich damals ebenso wie Robin dem Kriegszug ins Heilige Land angeschlossen, sollte aber niemals dort ankommen. Schon auf dem Weg dorthin erkrankte er an der Ruhr und starb. Auch Morgan Foster war unter ihnen, der bei einer Schlacht gegen die Sarazenen sein Leben für Robins geopfert hatte. Und war das kleine Kind, welches die älteren Jungen anbettelte mit ihnen spielen zu dürfen, nicht Morgans kleiner Bruder. Auch Matthew Kent war unter ihnen, der ebenfalls im Heiligen Land fiel. Robins Gefühle waren gemischt. Auf der einen Seite freute er sich sie alle wohl auf zu sehen, aber auf der anderen Seite war das Wissen um ihren Tod auch eine erdrückende Last. Der einzige von ihnen, der in zwanzig Jahren noch am Leben wäre, war Much. Würde er sie davon abhalten können sich König Richards Glaubenskrieg anzuschließen? Wohl kaum. Robin konnte sich noch gut daran erinnern, wie Marian mit Engelszunge auf ihn eingeredet hatte doch zu bleiben und was hatte es genützt? Nichts. Er war der festen Überzeugung gewesen, dass es eine Ehre sei für den König und den Glauben zu sterben. Er hatte die blutrünstige Seite des Krieges nicht sehen wollen.

„Da ist Robin“, erklang auf einmal Muchs freudige Stimme. „Und er hat Gisborne im Schlepptau“, fügte er weniger begeistert, ja fast schon eher mitleidig hinzu. Als wäre es eine Strafe für Robin, dass er sich mit Guy abgeben musste.

„Robin? Ah, hallo Robin!“, grüßte ihn Matthew enthusiastisch.

„Wir wollen runter zum Fluss gehen und einen Staudamm bauen. Magst du nicht mitkommen?“, erkundigte sich Morgan.

„Ich will auch mitkommen“, quengelte sein Bruder.

„Du bist noch zu klein“, meinte Gregor großspurig.

„Robin, darf ich mitkommen?“, fragte der ungefähr fünf Jahre alte Junge nun hoffnungslos an ihn gewandt. Alle sahen Robin erwartungsvoll an, denn das letzte Wort in solchen Angelegenheiten hatte immer Robin gefällt. Er bestimmte wer mitspielen durfte und wer nicht.

„Warum eigentlich nicht?“

„Er wird uns gewiss die ganze Zeit nur stören. Du hast keinen kleinen Bruder Robin. Du weist nicht wie nervig das sein kann“, jammerte Morgan.

„Ach komm schon, so schlimm wird es doch nicht sein“, meinte Robin feixend und zwinkerte Morgans Bruder verschwörerisch zu, der sich freute nun doch mitspielen zu dürfen.

Schon bald würde Robin selber erfahren wie es war einen kleinen Bruder zu haben, denn immerhin war seiner schon auf dem Weg zu ihnen.

„Ist es wahr, dass diese Beulenpest jetzt bei euch wohnt?“, fragte Matthew abfällig, mit einem Kopfnicken in Guys Richtung, der sich absichtlich im Hintergrund aufhielt, um den Hänseleien der anderen Jungen zu entgehen.

„Du hast mein ganzes Mitgefühl. Ich habe gehört du musst dir sogar mit dieser hinterhältigen Schlange ein Zimmer teilen. Ich an deiner Stelle könnte da nachts nicht mehr ruhig schlafen. Der ist doch vollkommen wahnsinnig“, setzte Gregor sogar noch eins drauf.

Guy wollte schon irgendetwas erwidern, aber Robin kam ihm zuvor: „Nennt ihn nicht so! Und ja, Guy und seine Schwester wohnen jetzt bei uns. Etwas dagegen?“ Er fixierte den Sohn des Gerbers, sowie Matthew streng. Sie waren beide eigentlich gute Kerle und es war weniger ihre, sondern vielmehr Robins Schuld, dass sie ein so schlechtes Bild von Guy hatten.

Beide schauten betreten zu Boden. „Entschuldige Robin“, brachte Matthew nuschelnd hervor.

„Das sind ja ganz neue Töne. Du konntest Guy doch nie leiden. Warum nimmst du ihn auf einmal in Schutz? Hat er tatsächlich nicht den Pfeil abgeschossen, der dem Priester fast das Leben gekostet hätte?“, fragte Morgan skeptisch. Im Gegensatz zu den anderen Jungen besaß er weit aus mehr Rückgrat und Robins plötzlicher Gesinnungswechsel kam ihm suspekt vor.

„Guy ist wirklich unschuldig. Ich verstehe überhaupt nicht warum alle denken ich würde das nur sagen, um ihn zu schützen“, brachte Robin mit vor der Brust verschränkten Armen hervor. Es war als würde man gegen eine Wand sprechen.

„Also sind wir jetzt Gisbornes Freunde?“, meldete sich nun Much kleinlaut zu Wort.

„Diese Entscheidung liegt ganz bei euch, aber ich für meinen Teil würde gerne mit Guy befreundet sein. Wenn er nichts dagegen hat?“, nun wandte sich Robin zu dem älteren Jungen um, der ihn nur mit großen Augen ansah. Robin hob die Augenbrauen an und gab mit einer ausladenden Handgestik zu verstehen, dass Guy jetzt an der Reihe war etwas zu sagen. Dieser schien zu begreifen und antwortete etwas stockend: „Ich… ich habe nichts dagegen.“

„Und ihr?“, fragte nun Robin und drehte sich wieder zu den anderen um.

Erst herrschte betretendes Schweigen, doch dann meinte Much: „Robins Freunde sind auch meine Freunde.“ Matthew und Gregor nickten zustimmend. „Ach, warum eigentlich nicht?“, gab Morgan nach, während sein Bruder nur quengelnd nachbohrte: „Wann gehen wir denn jetzt endlich zum Fluss?“

Robin atmete erleichtert aus. Das lief doch besser als erwartet. Am Anfang schlichen die anderen Kinder zwar noch etwas um Guy herum, aber mit der Zeit schwand die Anspannung. Zuerst sträubte sich Guy zwar noch beim Bau des Staudamms zu helfen, oder Holzflöße auf dem kniehohen Fluss schwimmen zu lassen, da er meinte das er dafür zu alt sei, doch es kostete Robin nicht viel Überredungskunst ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Zugegeben, zu Beginn kam sich Robin selbst ein bisschen albern dabei vor, denn er war in Wahrheit schließlich ein erwachsener Mann, aber er hatte seine Freunde nicht vor den Kopf stoßen wollen und das war die beste Gelegenheit die anderen Kinder an Guy zu gewöhnen. Mit der Zeit machte es sogar irgendwie Spaß. Als Robin auf einem glatten Stein im Wasser ausrutschte und rücklings hineinfiel, lachte Guy erst einmal schadenfroh, bis Robin ihn am Fußgelenk packte und er selber im Flussbett landete. Zuerst funkelte er den vermeintlich Jüngeren nur bitterböse an, doch als Robin in dem seichten Fluss auf ihn zugeschwommen kam und ihm Wasser ins Gesicht spukte, reagierte er blitzschnell und tauchte seinen Kopf unter. Dieser kam prustend und lachend wieder hoch und schlug Guy eine Welle des kühlen Nass entgegen. Langsam begriff Guy, dass Robin ihn keineswegs schikanieren wollte, sondern sein Verhalten spielerischer Natur war. Sein linker Mundwinkel zuckte leicht nach oben, er schnappte sich Robin und tauchte ihn erneut unter. Als Robin wieder hoch kam, versuchte er seinerseits Guy zu versenken. Auch die anderen Jungen schlossen sich der Wasserschlacht an und so kehrten sie alle vollkommen durchnässt nach Hause zurück.

„Ihr macht ja alles nass! Und wo wart ihr eigentlich den ganzen Tag über gewesen? Ich war ganz alleine“, beklagte sich Isabella, als sie zur Tür herein traten.

„Na, na, na, ganz so alleine warst du ja auch wieder nicht“, meinte Miss Thornton, die das Abendessen auftrug und liebevoll dem Mädchen durchs Haar streichen wollte. Dieses schlug die Hand jedoch erbost weg. Die Dienerin quittierte dieses Verhalten nur mit einem nachsichtigen Lächeln.

„Du musst ja nicht immer und überall mit dabei sein“, meinte Guy barsch, während Robin ihr ein entschuldigendes Lächeln zuwarf. „Wir können doch alle drei morgen zusammen ausreiten gehen.“, schlug er vor.

„Und wohin?“, hackte Isabella nach.

„Wie wäre es mit Knighton Hall? Ich habe dort eine Freundin. Sie heißt Marian. Sie ist zwar ein paar Jahre jünger als du, aber ihr beiden würdet euch sicherlich gut verstehen.“

Isabella schien mit diesem Vorschlag zufrieden zu sein, auch wenn ihr Bruder leicht die Augen verdrehte. Eigentlich hätte er Robin lieber für sich gehabt, aber natürlich hätte er das niemals offen zugegeben. Als sie nachts in ihren Betten lagen, ließen die beiden Jungen den Tag noch einmal Revue passieren und amüsierten sich gemeinsam über Much, der kreischend die Flucht ergriffen hatte, als ihn ein Aal im Wasser gestreift hatte.  

„Danke für den Tag heute“, meinte Guy auf einmal unvermittelt. „Das hat Spaß gemacht. Vielleicht können wir ja so etwas öfter machen“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

„Darauf kannst du wetten“, erwiderte Robin grinsend und warf mit seinem Kopfkissen nach Guy, welches postwendend zu ihm zurückkehrte. In dieser Nacht konnte Guy zum ersten Mal wieder ohne Probleme einschlafen.

Als sie am nächsten Morgen jedoch vor Knighton Hall standen, wollte Marian Robin partout nicht sehen. „Aber Robin ist doch nur wegen dir von Locksley extra hierher geritten“, versuchte Sir Edward auf seine Tochter einzureden.

„Er hat Anna auf dem Gewissen!“

„Wer ist Anna?“, fragte Guy im Flüsterton.

„Ihre Puppe“, erklärte Robin ebenso leise.

„Er hat auch Sir Guy und seine Schwester Lady Isabella mitgebracht“, fügte Marians Vater hoffnungsvoll hinzu.

„Die dürfen hereinkommen, aber Robin muss draußen bleiben!“, erklang von oben Marins Stimme. Sobald sie Robin ansichtig geworden war, hatte sie sich auf ihr Zimmer geflüchtet.

„Ich dachte ihr wäret Freunde?“, wisperte Guy ihm verwirrt zu.

„Sind wir ja auch. Sie ist nur sauer, weil ich ihrer Lieblingspuppe einen Pfeil durch den Kopf geschossen habe“, murmelte Robin. Ursprünglich hatten er und Marian sich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder versöhnt, weil sein Vater gestorben war und das kleine Mädchen wohl Mitleid mit ihm hatte. Aber nun grollte sie ihm immer noch. Vorsichtshalber hatte Robin sein kleines Holzpferd mitgenommen, dass ihm einst Dan Scarlett geschnitzt hatte. Als Kind hatte er sehr daran gehangen, aber jetzt war er ohnehin zu alt dafür und vielleicht half es ja den Zwist zwischen ihm und Marian beizulegen.

„Ich habe ein Geschenk für Marian, als Wiedergutmachung.“ Er zog das kleine, hölzerne Pferd aus seiner Satteltasche und reichte es Edward.

„Ich werde es ihr geben. Kommt wenigstens schon mal herein“, meinte Edward mit einer einladenden Handgestik. Abwartend standen nun die Drei unten am Treppenabsatz und sahen Edward nach, der in Marians Zimmer verschwand. Wenig später kam er mit seiner Tochter an der Hand heraus, die das kleine Holzpferd an ihre Brust gedrückt hielt.

„Na gut, ich vergebe dir“, sagte Marian, als sie erhobenen Hauptes die Treppe herunterkam.

Guy wusste nicht was er hier sollte. Was interessierte ihn diese Marian? Sie war ein kleines, verzogenes Gör. Er nickte nur knapp, als er ihr vorgestellt wurde, während seine Schwester hingegen ganz begeistert von dem braungelocktem Mädchen war. Wahrscheinlich, weil sie noch nie eine Freundin hatte und nun hoffte, dass Marian die erste sein könnte.

Sir Edward zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, um den Kindern ihren Freiraum zu lassen und Robin versuchte sich in das Gespräch der beiden Mädchen zu integrieren, doch er merkte schon bald, dass er nur noch das fünfte Rad am Wagen war. Etwas verdrießlich dachte er sich, dass er besser alleine hierher gekommen wäre.

Marian holte einige Spielsachen aus ihrem Zimmer herunter. Drei Puppen, darunter auch die ramponierte Anna, Halatafl und Mühle. Guy starrte die drei Puppen entsetzt an. „Damit werde ich definitiv nicht spielen“, zischte er Robin zu. „Keine Sorge, dass erwartet ja auch keiner von dir“, flüsterte dieser zurück.

Isabella war hingegen ganz hingerissen von den Puppen. „Meine sind alle im Feuer verbrannt“, sagte sie bedrückt.

„Du kannst eine von meinen haben“, meinte Marian und gab Isabella eine der beiden Puppen, die Robin noch nicht zum Opfer gefallen waren.

Als sie am späten Nachmittag Knighton Hall wieder verließen, atmete Guy erleichtert aus. „Robin, lass uns das bitte nicht wiederholen.“

„Ich mag Marian. Sie hat gefragt, ob ich morgen noch einmal vorbeikommen möchte“, meinte Isabella zufrieden und verstaute ihre neue Puppe sicher in der Satteltasche.

„Findest du denn hierher, oder soll ich dich bringen?“, fragte Robin pflichtbewusst.

„Ich bin doch kein Kleinkind mehr. Natürlich finde ich hierher.“

Gemeinsam ritten sie also nach Locksley zurück und am nächsten Morgen brach Isabella alleine nach Knighton Hall auf. In den folgenden Tagen, traf man die beiden Jungen fast nur noch zu zweit an. Manchmal war Isabella bei ihnen, doch meistens war sie nun bei Marian zu Besuch. Manchmal bekam Robin auch die beiden Mädchen überredet mit ihm und Guy etwas zusammen zu unternehmen. Oder sie trafen sich mit den anderen Kindern der Ortschaft. Zugegeben, gelegentlich war Robin die Kinderspiele leid und wünschte sich in seinen alten Körper zurück, um endlich wieder einer vernünftigen Aufgabe nach gehen zu können, aber Guy blühte in der Zeit regelrecht auf. Er trat nun viel selbstbewusster gegenüber den anderen Kindern auf und besonders mit Morgan schien er sich gut zu verstehen, auch wenn er am liebsten mit Robin alleine unterwegs war. Häufig unternahmen sie lange Ausritte durch den Sherwood Forest und Robin zeigte ihm einige seiner Lieblingsplätze, wobei er die Verstrecke der Outlaws, wie die Höhle, oder ihr Camp absichtlich ausließ. Schließlich war es ungewiss, wie sich Guy entwickeln würde und von Vertrauen, konnte man seitens Robin noch nicht sprechen. Aber er gab sich Mühe dem Jungen unvoreingenommen gegenüberzutreten, auch wenn manchmal noch die alte Abneigung in ihm aufflammte. Gelegentlich uferten diese Ausritte in einem Wettreiten aus und in der Regel ging Robin als Sieger hervor, aber auch das schien Guy mittlerweile besser zu verkraften.

Es war an einem späten Freitagnachmittag, als sich Robin und Guy im Schwertkampf übten. Mit ihren Holzschwertern gingen sie aufeinander los und Robin musste feststellen, dass ihm Guy auf Grund seiner Größe, im Moment noch überlegen war. Es blieb ihm nur übrig in die Defensive zu gehen, um seine Angriffe so gut wie möglich zu parieren, was auch eine Zeit lang gut ging, bis er über eine Baumwurzel stolperte und zu Boden fiel. Seine Holzwaffe glitt ihm dabei aus der Hand und landete einige Schritte abseits, im Gebüsch. Guys Schwertspitze richtete sich nun auf Robins Brust. „Und? Gibst du auf?“, fragte er großspurig.

„Niemals!“, erwiderte Robin, lies sich zur Seite rollen, schnappte sich Guys Fußgelenk, wodurch er ihn zum Fall brachte. „Hey, dass war unfair“, beschwerte dieser sich und ließ sein Schwert fallen. Es entstand eine kleine Rangelei, bei der jeder versuchte, den anderen auf den Boden zu pressen. Schnell war diese Rauferei jedoch entschieden, denn Guy saß nun rittlings auf Robins Brust, während er seine Handgelenke zu beiden Seiten im Schraubgriff umklammert hielt.

„Und, gibst du jetzt auf?“

„Nein, niemals“, entgegnete Robin mit einem frechen Grinsen.

„Dann müssen wir wohl bis morgen hier so verharren“, meinte Guy gehässig.

„Das müssen wir dann wohl“, erwiderte Robin dickköpfig. Auf Grund der körperlichen Anstrengung, ging sein Atem schneller. Er hatte die Lippen leicht geöffnet, um besser Luft holen zu können und sah mit einem siegessicheren Lächeln zu Guy auf, überzeugt davon, dass dieser zuerst nachgeben würde.

Guy überkam indessen ein wohliger Schauer, den er sich selbst nicht erklären konnte. Lag es daran das er endlich mal in etwas besser war als Robin? Mit undurchschaubarer Mine, musterte er den Jungen, der ihm nun ausgeliefert war. Irgendwie mochte er dieses Gefühl Robin unter sich zu haben. Es fühlte sich richtig an. Ihn überkam auf einmal das Bedürfnis Robins Wange zu berühren und es wäre wohl auch dazu gekommen, wenn ihn nicht in diesem Moment jemand mit aller Gewalt von Robin heruntergerissen hätte.

„LASS ROBIN IN RUHE!“, schrie Much, der sich schützend vor Robin stellte. „Du undankbarer... undankbarer... Wicht“, brachte der rothaarige Junge stotternd hervor und merkte selber das Wicht vielleicht nicht unbedingt das geeignete Wort war, um jemanden wirklich zu beleidigen.

„Er hat dir seine Freundschaft angeboten und wie dankst du es ihm?“

„Much, nicht!“, Robin sprang auf die Beine und drängte sich an Much vorbei. Entschuldigend reichte er Guy eine Hand, um ihm aufzuhelfen. Nach kurzem Zögern nahm dieser sie missmutig an. „Guy und ich haben doch nur gespielt“, erklärte er.

Bestürzt wanderte Muchs Blick zwischen Guy und Robin hin und her. Sofort ließ er seine Fäuste wieder sinken. „Oh. OH! Das tut mir leid. Das wusste ich nicht! Ich dachte er wollte dir irgendetwas zu Leide tun“, brachte Much beschämt hervor.

„Das Denken solltest du lieber den Pferden überlassen, die haben einen größeres Kopf“, schnaubte Guy verächtlich, während er den Staub von seiner Hose schlug. Am liebsten hätte er diesem Dummkopf gezeigt was eine Harke war, aber er befürchtete, dass Robin es ihm übel nehmen würde, wenn er seinen Freund grün und blau schlug. Guy war sich nicht sicher worüber er wütender war. Darüber das dieser Müllerssohn gewagt hatte Hand an ihn zu legen, oder darüber das er seinetwegen den Genuss des Sieges nicht richtig auskosten konnte?

In dieser Nacht war es nicht Guy der sich vom Nachtmahr geplagt unruhig im Schlaf wälzte, sondern Robin. Er träumte vom Heiligen Land. Die Flüsse waren rot von Blut, die Leichen häuften sich zu Bergen. Er hörte das Wehklagen der Waisen und Witwen, die Schreie der Verwundeten und in all diesem Elend stand Marian, ihre Hände auf die Wunde an ihrem Unterleib gepresst. Mit vor Entsetzen geöffneten Mund starrte sie fassungslos auf das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll. Sie hob den Blick und sah Robin flehend an. Ihre Lippen schienen die Worte „hilf mir“, zu formen. Verzweifelt versuchte er ihr entgegenzueilen, doch je mehr er sich bemühte den Abstand zu überbrücken, desto größer wurde er. Auf einmal spürte er Arme, die ihn zurückhielten. Wütend schlug er um sich, doch eine vertraute Stimme drang an sein Ohr. „Robin? Robin, wach auf. Robin hörst du mich? Na los, komm schon, wach auf.“ Nach Luft schnappend, schreckte er aus dem Schlaf hoch. Er war schweißdurchnässt. Guy saß auf seiner Bettkante und rüttelte an seiner Schulter. Als er im fahlen Mondeslicht erkannte, dass Robin die Augen geöffnet hatte, strich er ihm behutsam ein paar feuchte Strähnen aus der Stirn und die Tränenspuren von den Wangen.

„Es war nu ein Traum“, redete der dunkelhaarige Junge beruhigend auf ihn ein.

Nein! Nein, das war es nicht. Es war viel mehr eine Erinnerung gewesen. Eine böse Erinnerung an der Guy die Schuld trug. Unwirsch schlug er seine Hand beiseite. „Entschuldigung, habe ich dich geweckt?“, fragte Robin halbherzig. Er spürte wie das Blut in seinen Adern pulsierte, als hätte er einen Dauerlauf hinter sich und in seinem Magen rumorte so ein unangenehmes Gefühl. Außerdem waren seine Augen noch feucht. Beschämt rieb er die letzten Tränen fort. „Du kannst dich ruhig wieder schlafen legen“, meinte er unwirsch.

„Wieso? Ist es dir unangenehm, dass es mal umgekehrt ist? Hast du Angst ich könnte jemandem erzählen, dass der große Robin of Locksley im Schlaf geweint hat?“

„Wenn ich Angst davor hätte, dann hätte ich dir wohl kaum erzählt, dass ich mich nach dem Tod meiner Mutter in den Schlaf geheult habe“, giftete Robin ihn an. „Macht dich das glücklich? Fühlst du dich jetzt überlegen?“

Guy schüttelte nur beschwichtigend den Kopf. „Nein, das macht mich nicht glücklich. Wieso sollte es? Wir sind doch jetzt Freunde, oder?“

„Ja“, erwiderte Robin nach kurzem Zögern. Marian lebte! Guy hatte noch niemanden getötet und würde es vielleicht auch nie, wenn Robin ihm ein guter Freund war. Wenn er ihn allerdings jetzt vor den Kopf stieß, dann lief er in Gefahr das kleine bisschen Vertrauen, welches Guy in den letzten Tagen zu ihm aufgebaut hatte, wieder zu verlieren. Daher fügte er versöhnlich hinzu: „Tut mir Leid.“

„Ist schon gut“, meinte Guy nur mit einem Schulterzucken.

„Du kannst dich wirklich wieder schlafen legen. Ich komme schon zurecht.“

„Du hast auch an meiner Seite gewacht, als meine Eltern starben. Ich werde dich jetzt nicht allein lassen“, meinte Guy schlicht.

Robin wollte schon zum Widerspruch ansetzen, doch er befürchtete, dass Guy dies in den falschen Hals bekommen könnte, daher gab er nach. Er hörte das Rascheln der Decken und spürte wie sich Guy neben ihn legte. Eigentlich sollte er mittlerweile daran gewöhnt sein, aber nach diesem Traum, der all die bösen Erinnerungen wieder in ihm wachgerufen hatte, fühlte es sich irgendwie falsch an. Robin bemühte sich wieder einzuschlafen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Sein Herzschlag hatte sich zwar wieder beruhigt, aber er befürchtete abermals von diesen furchtbaren Bildern heimgesucht zu werden, sobald er die Augen schloss.

„Du bist ja immer noch wach“, vernahm er irgendwann in der Nacht Guys Stimme.

„Du ebenfalls?“, fragte Robin irritiert. Er hatte geglaubt, dass Guy längst wieder eingeschlafen sei.

Anstatt einer Antwort, stütze sich Guy mit seinen Ellbogen vom Bett ab, drehte sich leicht zur Seite und streichelte sanft über seine Schulter. Im ersten Moment wollte er Guys Hand wieder weg schlagen, aber dann stellte er fest, dass es eigentlich ganz angenehm war. Die Finger des anderen Jungen wanderten zu seinem Nacken, den er leicht massierte. Langsam entspannte sich Robin. Guys Stimme drang auf einmal an sein Ohr. Zuerst kaum vernehmbar, doch dann immer deutlicher. Er sang etwas, aber in einer für Robin fremden Sprache.

„Was ist das für ein Lied? Ist es etwas Französisches?“, horchte er interessiert nach.

„Ja. Meine Mutter hat es Isabella und mir früher häufig zum Einschlafen vorgesungen.“

„Es ist schön“, meinte Robin und merkte, wie der Klang von Guys Stimme ihn langsam schläfrig werden lies. Er genoss das Gefühl von den schlanken Fingern, die behutsam durch sein Haar fuhren und nur nach wenigen Minuten schloss Morpheus ihn bereits in seine Arme.

Am nächsten Morgen wachte Guy wieder einmal mit einem sabbernden Robin im Arm auf, aber seltsamer Weise störte es ihn dieses Mal gar nicht. Im Gegenteil, irgendwie durchfuhr ihn sogar ein wohliger Schauer, den er sich selber nicht erklären konnte. Unterbewusst streichelte er Robin durchs Haar und saugte dessen Geruch in sich auf. Als ihm bewusst wurde, was er da tat, hielt er erschrocken in der Bewegung inne. Eilig befreite er sich aus dem Gewirr von Armen und Beinen. Er spürte eine leichte Erregung in seiner Lendengegend. Am liebsten wäre er im Boden versunken. Hektisch streifte er sich seine Kleidung über. Er wollte nur raus aus diesem Zimmer, bevor Robin wach wurde und seine Bredouille bemerkte. Ein kühles Bad im See, würde ihm jetzt sicherlich gut tun. Als Guy wieder zurückkehrte, kam Robin gerade die Treppe herunter. Dabei hatte er gehofft dieser Konfrontation entgehen zu können, nachdem was heute Morgen geschehen war.

„Guten Morgen Guy“, grüßte Robin ihn unbekümmert. Er wusste von all dem nichts, denn schließlich hatte er tief und fest geschlafen. Guy konnte ihm noch nicht einmal in die Augen sehen, so sehr schämte er sich für die in ihm aufkeimenden Gefühle.

„Sollen wir heute zusammen Bogenschießen üben? Ich könnte dir ein paar Tricks zeigen“, meinte Robin gut gelaunt.

„Heute nicht.“

„Worauf hättest du sonst Lust?“, fragte Robin und nahm sich im Vorbeigehen eine Brotstulle.

„Kannst du dich nicht einen Tag lang selber beschäftigen? Bin ich jetzt etwa deine Amme?“, schnarrte Guy.

Überrascht hob der brünettblonde Junge die Augenbrauen an. „Bist du irgendwie sauer auf mich? Ist es wegen der Sache mit Much? Ich dachte da wärest du schon drüber hinweg. Nachdem du gestern Nacht...“

„Ich bin nicht sauer auf dich. Ich würde nur einfach mal gerne meine Ruhe haben“, schnitt Guy ihm das Wort ab, der nichts von gestern Nacht hören wollte.

„Schon gut, schon gut. Es war nur ein Vorschlag“, meinte Robin beschwichtigend, der sich in seinem Stolz verletzt fühlte, auch wenn er versuchte sich dies nicht anmerken zu lassen.

In diesem Moment kam Isabella noch etwas müde, aus dem Bedienstententrakt geschlendert. Ohne ein Wort setzte sie sich an den Tisch und starrte missmutig das Essen an. „Haben wir keine Eier mehr?“

„Vielleicht will Miss Thornton heute Mittag Eierkuchen machen“, meinte Robin nur beiläufig und ging hinaus, um seinen Bogenschießübungen nachzugehen. Eine sinnvollere Aufgabe fiel ihm nicht ein, denn schließlich kümmerte sich der Diener Thornton momentan noch um alle Verwaltungsaufgaben, die Locksley betrafen.

Eine Zeit lang, leisteten ihm Morgan und sein Bruder Gesellschaft, aber gegen Mittag wurden sie von ihrer Mutter zum Essen hereingerufen. Isabella spielte hingegen im Hof mit einer streunenden Katze, bis sie irgendwann aufgeregt zu Robin gelaufen kam.

„Die kleine Katze sitzt im Baum und traut sich nicht mehr herunter!“, meinte Isabella besorgt. Sie zeigte auf das Kätzchen, welches unbeholfen einen Ausweg suchte. Es kam weder wirklich vor, noch zurück und maunzte ganz herzzerreißend.

„Und was soll ich da machen?“, fragte Robin und schoss drei Pfeile auf einmal ab, die alle genau ins Schwarze trafen.

„Kannst du sie nicht herunterholen?“, fragte Isabella hoffnungsvoll.

„Wenn sie Hunger hat, wird sie schon von alleine irgendwie herunterkommen, oder hast du schon mal ein Katzenskelett irgendwo im Baum sitzen sehen?“

„Aber was ist, wenn sie sich dabei verletzt? Bitte Robin“, flehte Isabella. Ach verdammt, er konnte einem Kind einfach nichts abschlagen. Also machte sich Robin daran die Eiche empor zu klettern. Das dumme Tier musste sich natürlich genau in die oberste Baumspitze setzen. „Ja, ja, ich bin gleich bei dir“, antwortete Robin auf das jämmerliche Maunzen.

„ROBIN, WAS MACHST DU DA? KOMM SOFORT DA RUNTER!“, erschall von unten auf einmal Guys Stimme. Er war herausgekommen, um die beiden zu holen, da der Diener bereits das Essen aufgetragen hatte und sah Robin, wie er versuchte eine der höchsten Eichen zu erklimmen.

„Ja, ja, gleich. Ich habe es fast geschafft!“

„ICH HABE GESAGT DU SOLLST HERUNTERKOMMEN!“

„Brüll doch nicht so! Ich komme ja gleich.“

„Was denkt er sich eigentlich dabei? Ist das irgendeine lächerliche Mutprobe“, fragte Guy kopfschüttelnd, an seine Schwester gewandt.

„Er versucht die kleine Katze aus dem Baum zu retten“, erklärte Isabella ihrem Bruder stolz und starrte gebannt zu ihrem Helden hinauf.

„Robin, dass ist zu gefährlich. Lass das Vieh dort oben und komm herunter.“

Doch dieser ignorierte Guy und kletterte einfach immer weiter hinauf. Beunruhigt sah der Dunkelhaarige ihm nach. Warum konnte Robin nicht einfach mal auf ihn hören?

„Ich habe sie. Ich komme jetzt runter!“

Erleichtert atmete Guy aus, als er die Hälfte des Baumes schon wieder herabgestiegen war, doch auf den letzten paar Metern brach ein knorriger Ast unter Robins Füßen ab. Die Katze landet zwar sicher auf allen vier Pfoten, aber Robin schlug sich das Knie auf, als herunterfiel.

Sofort kamen Guy und Isabella herbeigeeilt. Als er das blutige Knie sah, schickte er seine Schwester ins Haus, um eine Schüssel mit Wasser und Verbände zu holen. Augenblicklich rannte Isabella los.

„Das ist nicht nötig“, rief Robin ihr noch nach, aber sie reagierte gar nicht auf ihn. „Es ist nur ein Kratzer Guy.“

„Da kannst du von Glück reden! Warum hast du nicht auf mich gehört? Dein Vater hat mir nicht ohne Grund die Verantwortung übertragen. Du hättest dir den Hals brechen können!“, schimpfte Guy und ging neben Robin in die Hocke, um sein Knie zu inspizieren, was dieser mit einem Augenrollen hinnahm.  

„Sieh es von der positiven Seite, wenn ich mir das Genick breche, dann wird der Notar gewiss keine Probleme mehr machen und Locksley fällt ohne jedwede Konkurrenz sofort an dich“, feixte Robin.

„Robin, das ist nicht lustig. Du bist mir wichtiger als dieses blöde Locksley. Du bist das einzig Gute an diesem verdammten Ort.“

„Bin ich das?“, fragte Robin ehrlich überrascht. „Und ich dachte schon du würdest mich für eine Plage halten“, meinte er grinsend. Vor allem da ihn Guy heute Morgen noch so rüde abgewiesen hatte. Aber er sorgte sich anscheinend ehrlich um ihn. Wer hätte das gedacht?

„Eine Plage bist du auch“, pflichtete Guy ihm bei. „Aber du bist auch mein einziger Freund.“

„Du hast auch noch Isabella.“

„Die zählt nicht. Isabella ist meine Schwester. Natürlich gibt sie sich da mit mir ab. Ich bin die einzige Familie, die sie noch hat.“

„Du und Isabella, ihr gehört jetzt zu meiner Familie. Ihr seid nicht alleine und schätz die Zuneigung deiner Schwester nicht zu gering, sonst verlierst du sie noch eines Tages.“

Guy schnaubte daraufhin nur abfällig.

Nach kurzer Zeit kehrte Isabella mit den gewünschten Utensilien zurück. „Das ist wirklich nicht nötig“, stöhnte Robin, doch Guy ignorierte einfach seine Einwende und legte einen Verband um Robins Knie. Als seine Finger Robins Haut berührten, durchströmte ihn auf einmal ein leichtes Kribbeln. Um sich nichts anmerken zu lassen schimpfte er mit Robin: „Du musst zugeben, dass das ziemlich dumm von dir war, auf diesen Baum zu klettern.“

„Also ich fand dich sehr mutig“, meinte Isabella kleinlaut und küsste Robin verlegen auf die Wange. Schiere Eifersucht flammte in Guy auf. „Das war nicht mutig, dass war lebensmüde! Nun bestärk ihn nicht auch noch darin. Lass mich raten, wahrscheinlich hast du ihn sogar noch dazu angestiftet dieses Mistvieh vom Baum zu holen.“ Isabella sah daraufhin betreten zu Boden.

„Guy du übertreibst. Ich bin schon unzählige Male auf Bäume geklettert und mein Vater hat nie irgendwelche Einwende erhoben. Du kannst eine ganz schöne Glucke sein.“

Glucke? Empört rümpfte Guy die Nase. Am liebsten hätte er gekontert, dass Malcolm anscheinend auch nicht sehr an Robin hing, wenn er einfach ohne seinen Sohn auf eine Pilgerreise aufbrach und ihn aus seinem Testament streichen wollte, aber er behielt es für sich. Er war zwar beleidigt, aber nicht so sehr, dass er Robins Freundschaft dafür aufs Spiel setzen wollte. Außerdem vermutete er, dass Malcolm seinen Sohn hier gelassen hatte, da eine Pilgerreise immer gewisse Gefahren in sich barg und er wollte wahrscheinlich Guy als seinen Erben einsetzen, weil er meinte es Ghislaine schuldig zu sein. Dennoch hasste Guy diesen Mann, für das, was er seiner Familie angetan hatte. Das einzig gute, was Malcolm in seinen Augen je zustande gebracht hatte war Robin. Er konnte zwar ein kleiner undankbarer Mistkerl sein, wie in diesem Moment, aber dennoch mochte Guy ihn. Unweigerlich musste Guy an seine Morgenerektion denken und erhob sich pikiert vom Boden. „Steh schon auf. Es gibt Essen“, raunzte er ihn an, da er befürchtete man könne ihm irgendwie seine liederlichen Gedanken ansehen.

Als Robin und Guy zwei Tage später, nach einem kurzen Besuch in Nottingham heimkehrten, kam ihnen Isabella aufgeregt entgegen gelaufen. „Robin! Robin, dein Vater ist wieder zu Hause und du wirst nicht glauben was er mitgebracht hat!“

Guys Gesichtszüge versteinerten. Malcolm war wieder zurück? Nun ja, eigentlich war damit zu rechnen gewesen, dass er früher oder später heimkehrte, aber Guy hätte gut und gerne auf seine Gegenwart verzichten können. Es war wesentlich einfacher, wenn er nicht da war. Dann wurde er nicht dauernd an den Tod seiner Eltern erinnert und das dieser Mistkerl seine Mutter verführt hatte.

Natürlich ahnte Robin was er bei sich hatte. Schließlich war sein Vater nur in die Welt ausgezogen, um seinen Bruder zurückzuholen. Aber er stellte sich ahnungslos und fragte gespielt gespannt nach: „Was hat er denn mitgebracht?“

„Er hat ein Waisenkind auf seiner Reise aufgelesen! Ihr müsst unbedingt gucken kommen. Es ist noch ganz klein.“ Eilig folgte ihr Robin. Er war tatsächlich sehr aufgeregt. Gleich würde er zum ersten Mal seinen Bruder sehen. Genau genommen nicht nur seinen, sondern ihren gemeinsamen Bruder, denn er war schließlich nicht nur Malcolms, sondern auch Ghislaines Kind.

Guy verzog angewidert das Gesicht. Nicht schlimm genug das Robins Vater wieder zurück war, er hatte auch noch ein Balg mitgebracht. Er sah wie Isabella und Robin gemeinsam im Haus verschwanden und haderte mit sich selbst. Eigentlich wollte er weder Malcolm noch sein kleines Mitbringsel sehen, aber würde wohl kaum darum herumkommen. Nach einigem Zögern betrat er das Haus.

„Ah, Guy“, grüßte Malcolm ihn mit einem ehrlichen Lächeln. Sie waren alle um den Kamin herum versammelt. Nicht nur Robin, Malcolm und seine Schwester, sondern auch die Dienerschaft. Malcolm saß am prasselnden Feuer, während sein Sohn neben ihm stand und ein weißes Bündel im Arm hielt. „Ich will ihn auch noch mal halten“, quengelte Isabella.

„Ja, gleich“, wimmelte Robin sie ab und sah stolz auf seinen kleinen Bruder hinab. Als sich sein Blick hob, begegnete er Guys erstarrter Mine. „Möchtest du ihn auch mal halten?“, fragte er ihn. Der dunkelhaarige Junge schüttelte nur den Kopf. „Wie soll er eigentlich heißen?“, erkundigte sich Isabella neugierig.

„Archer“, antwortete Malcolm mit einem zufriedenen Lächeln.

„So ein süßes Kind“, hauchte Miss Thornton ganz hingerissen.

„Wo soll er schlafen?“, fragte Guy missmutig. „Es sind doch keine Zimmer mehr frei.“

„Er wird vorerst bei mir im Zimmer schlafen“, erklärte Malcolm. „Auf dem Dachboden müsste noch Robins alte Wiege stehen. Könntest du sie herunter tragen Thornton?“

„Natürlich Euer Lordschaft“, sagte der Diener gewissenhaft und machte sich auf den Weg.

„Jetzt darf ich ihn aber noch mal halten“, forderte Isabella, die langsam ungeduldig wurde. Vorsichtig reichte Robin ihr den kleinen Säugling.

„Du musst den Kopf abstützen“, erinnerte Malcolm sie.

„Das weiß ich doch.“

Als die beiden Jungen nachts im Bett lagen, hallte Archers Geschrei durch ganz Locksley Manor.

„Das darf doch nicht wahr sein? Kann dieser Quälgeist nicht endlich Ruhe geben?“, stöhnte Guy. „Warum hat er ihn überhaupt hierher gebracht? Hätte er nicht irgendwo anders eine Bleibe für ihn suchen können?“

„Guy, er ist noch ein Säugling. Die schreien nun einmal, wenn ihnen irgendetwas fehlt. Ich bin mir sicher du hast als Baby bestimmt ununterbrochen gebrüllt“, neckte Robin ihn.

„Er ist eine Plage! Wenn dein Vater ihn tatsächlich behalten will, wird er uns mindestens die nächsten zwei Jahre nicht mehr schlafen lassen. Und was ist wenn er mal älter wird? Hat sich dein Vater darüber schon Gedanken gemacht? Sollen wir ihn etwa ein Leben lang durchfüttern? Wer weiß schon wer seine leiblichen Eltern waren. Womöglich irgendwelche Vagabunden, oder noch schlimmer Outlaws. Was wenn dein Vater irgendwann mal stirbt? Mit Sicherheit wird dieser Schreihals, dann auch noch irgendwelche Erbansprüche erheben.“

„Wenn mein Vater mal stirbt, wird das Erbe ohnehin an dich fallen. Dann kannst du uns ja alle vor die Tür setzen, wenn dir danach ist und jetzt hör auf dich zu beklagen. Dein Gerede ist ja noch schlimmer als Archers Geschrei“, rügte ihn Robin.

Eine Zeit lang herrschte Stille. Guy merkte, dass er bei Robin einen wunden Punkt getroffen hatte. War es weil er bereits Malcolms Tod einkalkulierte hatte? Oder weil er auf das Erbe zu sprechen gekommen war?

„Robin, von mir aus kannst du ruhig für immer hier wohnen bleiben. Ich will das du und Isabella versorgt seid, aber dieses Findelkind gehört nicht zu uns.“

Hätte Robin seinem Zimmergenossen doch einfach die Wahrheit sagen können, dann wäre dieser Archer gegenüber gewiss wohlgesinnter gestimmt gewesen. Doch er hatte seinem Vater versprochen den Mund zu halten. Die Angst, dass seine Liaison mit Ghislaine ans Tageslicht kam war durchaus ein verständlicher Grund, aber Guy schien doch ohnehin schon etwas zu ahnen. Was machte es da noch für einen Unterschied? Er nahm sich vor mit seinem Vater am nächsten Tag darüber zu reden.

Es war nicht einfach Malcolm alleine anzutreffen, doch nach dem Abendessen zog sich Isabella auf ihr Zimmer zurück, Guy nahm ein Bad und die Dienerschaft war damit beschäftigt in der Küche die Teller abzuwaschen. Robin erzählte ihm von Guys ablehnenden Verhalten gegenüber Archer und das es vielleicht angebracht wäre, ihm und Isabella die Wahrheit über dessen Herkunft zu verraten.

„Robin, wir haben bereits darüber gesprochen und die Antwort lautet nein. Vielleicht irgendwann mal, wenn die beiden älter sind, aber jetzt ist es noch zu früh. Glaubst du ernsthaft Guy wäre diesem Kind eher zugetan, wenn er wüsste, dass es aus meinem Liebesverhältnis mit seiner Mutter hervorgegangen ist? Ich denke ich kenne Guy mittlerweile gut genug, um sagen zu können, dass er ihn dafür nur noch mehr verabscheuen würde. Womöglich würde er sogar überall herumerzählen, dass es sich um meinen und Ghislaines unehelichen Sohn handelt, um sich an mir zu rächen und was dann?“

„Oder er würde ihn als seinen Bruder akzeptieren und zu niemandem ein Wort sagen. Wir wissen doch gar nicht wie er reagieren würde“, argumentierte Robin.

„Ganz recht, wir wissen es nicht und das Risiko ist mir einfach zu hoch. Ich erwarte von dir das du dich an dein Wort hältst Robin. Mach keine Dummheiten“, ermahnte ihn sein Vater. Dabei war Robin davon überzeugt, dass er im Recht war und ärgerte sich umso mehr, dass er seinem Vater jemals dieses Versprechen gegeben hatte.

Da er Guy nicht die Wahrheit sagen konnte, versuchte er stattdessen sein Mitleid zu wecken, auch wenn er befürchtete, dass es Guy dafür an Empathie mangelte und seine Bemühungen daher vergebens wären.

„Guy, er stellt keine Bedrohung für dich dar. Er hat keinerlei Erbansprüche, keinen Adelstitel, keine Absicherung, genau genommen hat er nichts!“ Robin und Guy saßen zusammen unter der alten Eiche, von der Robin noch vor wenigen Tagen die streunende Katze gerettet hatte. Es war noch früher Vormittag, aber dennoch brannte die Sonne glühend heiß am Himmel.

„Und was schert mich das?“

„Auch wenn du nicht leiblich mit ihm verwandt bist, kannst du nicht immerhin versuchen ihn wie einen Bruder zu behandeln?“

„Warum sollte ich? Und was kümmert es dich?“

„Wir sind jetzt die einzige Familie die er hat“, beharrte Robin.

„Warum wir? Warum kann sich nicht jemand anderes um die kleine Plage kümmern? Wäre eine gewöhnliche Bauernfamilie nicht passender für ihn?“

„Viele Bauernfamilien haben kaum genügend Nahrung, um ihre eigenen Kinder großzuziehen, aber mein Vater ist wohlhabend.“

„Hat er dich auf mich angesetzt? Hat dein Vater gesagt, dass du mit mir reden sollst?“, fragte Guy verstimmt.

„Er hat nichts damit zu tun. Es war meine Entscheidung, weil ich Mitleid mit Archer habe. Es würde mir wirklich viel bedeuten“, meinte Robin nachdrücklich.

Missmutig rollte Guy einen ausgerupften Grashalm zwischen seinen Fingern und sah stoisch geradeaus. „Na gut, wenn es dir so viel bedeutet, werde ich versuchen diesen Schreihals als Familienmitglied zu betrachten.“

„Danke Guy“, erwiderte Robin mit einem schiefen Grinsen und stieß den Dunkelhaarigen leicht mit der Schulter an.

„Aber ich werde ihn gewiss nicht wickeln!“

Daraufhin lachte Robin. Die Vorstellung war auch zu grotesk. „Das erwartet auch keiner von dir.“

Guy hielt Wort und behandelte Archer nun nicht mehr wie einen Aussätzigen. Als sie mittags wieder Mal alle am Tisch versammelt saßen und Isabella ihren Bruder fragte, ob er den Säugling kurz halten könne, solange sie etwas Milch aus der Küche hole, nahm er ihn sogar ohne Widerworte entgegen. Nach Anerkennung suchend, wanderte sein Blick sofort zu Robin, der zufrieden lächelte. Malcolm beobachtete das Geschehen überrascht. Ihm war nicht entgangen das Guy und sein Sohn sich wesentlich besser verstanden, seitdem er bei ihnen wohnte. Man traf die beiden fast nur noch zu zweit an. Was vor allem an Guy lag, der seinem Sohn wie ein treuer Hund überall hin folgte. Wenn Robin sagte, dass er ausreiten wolle, kam Guy ihm nach. Wenn Robin kundgab, er würde sich etwas in Nottingham umschauen, dann war der Gisborneerbe an seiner Seite. Eigentlich sollte Malcolm erleichtert sein, dass die beiden auf einmal so gut miteinander zurechtkamen, aber irgendwie machte sich ein unwohles Gefühl in seiner Magengegend breit. Die Blicke, welche Guy seinem Sohn manchmal zuwarf, schienen alles andere als platonischer Natur zu sein. –Das bilde ich mir gewiss nur ein-, versuchte er sich selbst einzureden, denn die Alternative wäre undenkbar gewesen.

Robin hatte indessen sehr bald gemerkt, dass es bei Uneinigkeiten nicht viel brachte mit Guy zu diskutieren, noch handgreiflich zu werden. Viel wirkungsvoller war es Guy zu bitten und ihm zu schmeicheln. Er heischte regelrecht, um Robins Lob, wie ein Verdurstender nach einem Glas Wasser. Wenn er sich anfänglich nur mit Archer abgab, um sich Robins Wohlwollen zu sichern, so gewann er das kleine Balg jedoch mit der Zeit wirklich lieb, selbst wenn er das niemals offen zugegeben hätte. Sein Verhältnis gegenüber Malcolm blieb allerdings angespannt, selbst nachdem dieser die Erbschaftsdebatte zu Guys Gunsten endgültig abgeschlossen hatte. Natürlich sollten Robin, Isabella und Archer finanziell abgesichert werden, womit sich Guys Prophezeiung erfüllte. Robin befürchtete schon, dass Guy sich aufregen könnte, weil Archer nun doch einen Teil des Geldes erhalten sollte, aber diesen schien das nicht länger zu stören.

Sie lebten nun fast schon zwei Jahre lang unter einem Dach zusammen. Robin hatte sich zwar im Großen und Ganzen daran gewöhnt seine Kindheit noch mal zu durchleben, aber ein Problem gab es dennoch: Er hatte seit seiner Ankunft hier, keinen Geschlechtsverkehr mehr gehabt. Im Kopf war er immer noch ein erwachsener Mann, der sich nach körperlicher Nähe sehnte, aber in den Augen der Frauen war er natürlich nur ein kleiner Junge. Die einzige Lösung war es sich selbst Abhilfe zu schaffen, aber auch das stellte sich schwieriger dar, als erwartet, denn immerhin musste er sich ein Zimmer mit Guy teilen. Beim ersten Mal, als er der Versuchung erlag, hatte er die ganze Zeit über befürchtet den Dunkelhaarigen zu wecken, aber glücklicher Weise war dies nicht der Fall gewesen. Wenn der Druck zu groß wurde, holte er sich von da an regelmäßig einen runter. Natürlich kompensierte es zwar nicht wirklich das Bedürfnis nach Sex, aber es war die einzige Alternative.

Eines Nachts wurde Guy jedoch durch ein leises Stöhnen geweckt. Er dachte schon, dass Robin wieder von Alpträumen heimgesucht würde und wollte aufstehen, um nach ihm zu sehen, aber dann merkte er, dass es vielmehr ein lustvoller Laut war. Er vernahm Robins unsteten Atem, das Rascheln von Decken und das leise Knarren des Bettgestells. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Guy an in die Decke. Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Legte Robin gerade tatsächlich an sich selber Hand an? Aber so etwas gehörte sich nicht! Es galt als unzüchtiges Verhalten. Guy wollte schon seinen Zimmergenossen zur Rechenschaft ziehen, doch die Stimme versagte ihm. Er hörte ein gedämpftes Keuchen und spürte ein warmes Gefühl in seiner Magengegend, dass sich bis in seine Lenden ausbreitete. Sein Atem wurde unstetig und er merkte wie sich der Speichel in seinem Mund sammelte. Er musste schwer schlucken. Er spürte wie die Erregung zwischen seinen Beinen zunahm und sich seine Hose spannte. Nervös drehte er den Kopf zur Seite und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, aber er konnte nur Robins Konturen ausmachen. Dies reichte jedoch schon vollkommen aus, um seine Theorie zu bestätigen. Er sah wie sich Robins Rücken bog. Wie sich seine Lenden hoben und senkten. Robins unregelmäßige Atmung die diesen Akt begleitete, ließ Guy erschauern. Er merkte wie sein eigenes Glied immer steifer wurde und erste Lusttropfen an ihm hinab liefen. Dennoch weigerte er sich vehement der Versuchung nachzugeben und sich selber Befriedigung zu verschaffen. Als sich Robin jedoch selbst ein weiteres, heiseres Stöhnen entlockte, welches Guy, durch Mark und Bein ging, schwand sein eigener Widerstand. Seine Hand wanderte in seine Hose hinein und seine Finger umfassten unsicher seinen Schaft. Er hatte so etwas noch nie gemacht. Guy biss sich auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben. Robin durfte nicht wissen, dass er wach war. Was würde er sonst von ihm denken? Doch die Vorstellung von Robin erwischt zu werden, sowie die leisen Geräusche, die von seiner Seite des Zimmers herüberdrangen, reichten vollkommen aus um Guy kommen zu lassen.

Nach dieser Nacht plagten Guy schwere Gewissensbisse. Warum war Robin nur ein Junge? Warum war er nicht als Mädchen zur Welt gekommen? Dann wäre nichts Verwerfliches an Guys Gefühle gewesen. Wenn er gewollt hätte, dann hätte er ihn später sogar einmal heiraten können. Aber Robin war ein Junge und alleine der Gedanke sollte ihn eigentlich schon abstoßen. Mit der Zeit gewöhnte sich Guy jedoch an dieses Begehren und eines Tages, als er zusammen mit Robin am See saß und sie Steine warfen, unterlag er seinen Gefühlen. Robin lachte triumphierend, als sein Stein häufiger auf der Wasseroberfläche aufschlug, als der von Guy. Doch anstatt das Guy böse wurde, küsste er ihn plötzlich auf die Wange. Überrascht starrte Robin den anderen Jungen an, woraufhin sich dieser verlegen von ihm abwandte. Auf seinen Wangen wurde eine leichte Röte sichtbar. Er verkündete, dass er schwimmen gehen wolle und entledigte sich seiner Kleidung, bis auf seine Lendenshorts.

Für einen kurzen Moment sah Robin ihm unsicher nach. Dachte sich aber dann, dass es vielleicht einfach eine französische Geste unter Freunden war, legt ebenfalls seine Sachen ab und folgt ihm ins kühle Nass.
Wirklich Problematisch wurde es erst an dem Tag, als Robin ihm bei einer Schwertübung erzählte, dass er später einmal Marian heiraten wolle. Erst da merkte Robin, wie sehr sich Guy vorher im Kampf zurückgehalten hatte, um ihn nicht zu verletzen, denn Robin vermochte es kaum noch seine Hiebe zu parieren. Sie vibrierte schmerzhaft in seinen Armen nach und nur wenige Sekunden später lag Robin im Dreck. Guys Schwert bohrte sich knapp neben Robins Ohr in den Boden. Sein Herz raste. Er hatte geglaubt, dass er auf Grund seines Wachstumsschubes langsam mit Guy mithalten könnte, aber dieser war in den beiden Jahren, die er mit dem ehemaligen Hüter des Sherwood Forests traniert hatte, wesentlich besser geworden. Während Guy früher nur gewaltsam drauflosgeschlagen hatte, so vermochte er nun ordentlich ein Schwert zu führen, weshalb Robin inständig hoffte, dass sein Plan aufging und der Dunkelhaarige nicht irgendwann in die Dienste des Sheriffs eintrat.

Drohend stand Guy über ihm. Um ihn nicht weiter zu provozieren blieb Robin am Boden liegen und fragte vorsichtig: „Warum bist du auf einmal so wütend?“ War Guy etwa auch schon als Junge in Marian verliebt gewesen? Hatte er von ihrer Existenz überhaupt gewusst? Oder war es Robins eigenes Verschulden, weil er die beiden einander vorgestellt hatte?

„Sag nicht, du willst auch Marian heiraten.“

Guy musterte Robin für einen Moment überrascht, verschränkte dann die Arme vor der Brust und fragte mit vorgeschobenem Kinn: „Und wenn es so wäre?“

Alles in Robins Innerem zog sich zusammen. „Wie lange schon?“, fragte er mit einem unguten Gefühl in der Magengegend.

„Was spielt das für eine Rolle?“

Guy hatte Recht. Eigentlich spielte es keine Rolle, aber in seiner Zukunft hatte er Marian umgebracht. Er hatte sie ermordet, obwohl er sie doch angeblich liebte. Robin kannte auch den Grund dafür. Guy hatte es nicht ertragen können, dass sie nicht ihn sondern Robin heiraten wollte. Würde sich jetzt ihr Schicksal einfach wiederholen? Aber er hatte doch vorgehabt alles zu ändern, um Marians Tod zu verhindern. Sollten diese zwei Jahre vollkommen umsonst gewesen sein? Am besten hätte er Guy sofort getötet, als er hier ankam! Doch im selben Moment, wo Robin dies dachte, bereute er es auch schon wieder. Das war nicht fair. Dieser Junge vor ihm hatte sich noch keinerlei Verbrechen zu Schulden kommen lassen. Wenn man mal davon absah, das er kürzlich dem Sohn eines Earls ein blaues Auge geschlagen hatte, weil dieser bei einem Bankett in Nottingham Castle behauptet hatte, dass Robin gar nichts mehr an ihrem Tisch verloren hätte, zumal er ohne Anspruch auf Ländereien, auch kein richtiger Adliger mehr sei. Malcolm hatte auf Grund dieses ungebührlichen Verhaltens furchtbar mit Guy geschimpft, aber Robin war ihm dankbar gewesen. Guy sah es anscheinend als seine Aufgabe an Robins Ehre vehement zu verteidigen und war ihm ein wirklicher Freund geworden. Wenn Robin manchmal nachts von Alpträumen und bösen Erinnerungen an das Heiligen Land heimgesucht wurde, sang Guy ihn wieder in den Schlaf. Anfangs war er sich etwas kindisch dabei vorgekommen, aber mittlerweile genoss er es regelrecht Guys tiefer Stimme zu lauschen und dabei dessen Finger in seinen Haaren zu spüren. Wenn Robin sich irgendwelche kleineren Verletzungen zuzog, war es stets Guy der darauf bestand seine Wunden zu versorgen. Robin war sich im Klaren darüber, dass er Guy viel bedeutete, wenn ihm auch das Ausmaß von Guys Gefühlen nicht bewusst war. Er könnte ihn auf den richtigen Weg führen. Sollte er Marians Leben und die Bindung, die er zu Guy in den letzten Jahren aufgebaut hatte, aus egoistischen Gründen einfach riskieren? Wäre es nicht besser er würde Marian aufgeben und somit ihr Leben retten? Wenn er nicht wäre, dann würde sie Guy gewiss heiraten. Sie könnten beide glücklich werden. Robin spürte ein aufkommendes Gefühl der Übelkeit bei diesem Gedanken in sich aufsteigen.

Wenn es wirklich soweit kommen sollte, dann würde er fortgehen. Er würde zwar das Ende des Heiligen Krieges und König Richards Rückkehr abwarten, aber dann würde er Locksley für immer verlassen.

„Wenn du sie wirklich liebst und mir versprichst ihr niemals, unter gar keinen Umständen irgendetwas zu Leide zu tun, dann würde ich auf sie verzichten“, diese Worte brannten wie glühende Kohlen auf seiner Zunge.

„Weshalb sollte ich ihr irgendetwas antun wollen?“

„Versprich es mir!“

„Gut, gut, ich verspreche es.“


Fortsetzung folgt
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