Die Lügen von Gestern

von Wortweber
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
10.08.2014
21.09.2014
7
24103
1
Alle
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
Anmerkungen:
Wer ist Xanatos? Qui-Gons erster, von den Jedi abgefallener Padawan, der in einigen Bänden der Jedi-Padawan Reihe vorkommt. Deren Kenntnisse sind nicht vonnöten, aber natürlich ergänzend hilfreich.
Ich ignoriere völlig absichtlich die Informationen die man aus der Comicadaption über Xanatos‘ Schicksal bekommt. Xanatos war nicht erst 16, als er die Jedi verließ, er stand kurz vor der Prüfung. Hallo, selbst Anakin war mit 19 noch Padawan. In dieser Geschichte ist Xanatos Anfang 20. Und er hat niemals braunes Haar gehabt und wird es auch nie! Ende Gelände.
Darüber hinaus ist Xanatos natürlich die Charakterschöpfung von Jude Watson, alle anderen sind meins :)
Ein paar Infos zur Entstehung der Geschichte, gibt's nach dem Epilog.
Warnung: Die Kapitellänge entspricht tatsächlichen Buchkapiteln :)

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Kapitel 1 - Wiedergutmachung
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Das Teesaw In.
Ein Ort, an dem Träume wahr werden.
Für einige waren es Albträume.
Und dennoch schlug sein verfaultes Herz im Rhythmus der Musik. Leben pulsierte, Schatten und flackernd buntes Licht wechselten sich ab, tauchten alles in eine klecksig verlaufende Szenerie. Gläserne Blicke von Glitzerstimabhängigen und Betrunkenen standen im Kontrast zu wachen Diebesaugen, deren Besitzer ihre Chancen ausloteten bei einem falschen Griff von einem schießwütigen Söldner weggepustet zu werden. Kreischen und Gejohle mischten sich mit den eher dezenten Jizz-Wail Tönen der Band. Eine Twi’Lek, deren Hautfarbe im grellen Farbenspiel ständig zu wechseln schien, bewegte sich anmutig im Takt der Klänge.
Und jemand bestellte kichernd ein corellianisches Ale.
Ein unspektakulärer, beinahe friedvoller Abend für das Teesaw In.

Das fand auch die unauffällige Frau, die gerade ihr Ale bekam und das Glas erst wieder absetzte, als es bereits zur Hälfte geleert war. Sie musste einigermaßen klar im Kopf bleiben, aufpassen, auf der Hut sein... Aber zugleich hatte sie sich ein wenig Spaß verdient. Läge auf ihrer Schulter nicht die Pranke eines gehörnten Zabraks, hätte sie sich zufrieden selbst darauf geschlagen.
Ein Zabrak? Hand auf ihrer Schulter?
Umständlich legte sie ihren Kopf zur Seite und beäugte den Fremden skeptisch. Sah sie aus wie eine billige Nutte? Sie hoffte doch nicht. Wenn schon, dann bitte wie eine sündhaft teure. Aber im Moment hatte sie es finanziell gar nicht nötig darüber nachzudenken.
Und das tat sie nicht, als sie sich zur Seite duckte, den überraschten Zabrak stehen ließ und in der Menge abtauchte.
Verdammt! Ihr Ale! Sie hatte es stehen lassen. Nichts zu machen. Sie warf dem Barkeeper, dessen Augen ihren Abgang sicherlich genau verfolgt hatten, einige Wupiupi zu und schob sich weiter. Enorm stolz stellte sie fest, dass sie noch immer einwandfrei geradeaus gehen konnte und nur drei, viermal jemanden anrempelte. Davon waren zwei Möchtegern-Diebe, die sie zur Seite schubste und ein weiterer Kerl fiel ihr mit einer recht tödlich wirkenden Brandwunde in der Brust vor die Füße.
„Tschuldigung“, murmelte sie noch, als sie mit ihrem Stiefelabsatz hängen blieb und in die Arme eines Kellners taumelte. Er war Nummer vier.
Offenbar begann sich ihr Gehirn langsam zu vernebeln und das, obwohl sie doch überhaupt kein Gewürz zu sich genommen hatte. Nicht mal in der harmlosesten Variante.
Sie löste sich wortlos von dem Phindaner, der sich bei zweimaligem Hinsehen als hässlicher Mensch herausstellte und bahnte sich weiter ihren Weg zum Ausgang. Frische Luft würde ihrem dezent milchig verhangenen Blick gut tun.
Das was man auf Nar Shadda eben unter frisch erwarten konnte. Nicht sauber, aber immerhin verätzte man sich nicht die Lungen. Noch nicht.

Kälte war das erste was sie spürte. Ihre Haut prickelte angenehm und ihre harzig zähen Gedanken klärten sich auf. Auch auf die Gefahr hin etwas Giftiges in die Lungen zu bekommen, atmete sie tief ein und schlug den Kragen ihrer Jacke nach oben.
Die Falten glatt zu streifen, schaffte sie nicht mehr. Aus dem Nichts traf eine heftige Druckwelle ihre Brust und schleuderte sie zurück. Es war wohl ihr Rücken der knackte, als sie gegen die Hauswand knallte. Röchelnd sackte sie zu Boden.
Lustige Sternchen hüpften vor ihren Augen auf und nieder und riefen „fang uns doch“... Können Sterne reden?
Eine Hand schloss sich um ihren Hals. Wo waren ihre verdammten, sonst so flinken Hände? Ach ja richtig, die hielt sie noch gegen ihren Brustkorb gepresst um ihre Lungen dabei zu unterstützen, Sauerstoff aufzunehmen.
Jetzt packte sie mit beiden Händen nach dem Arm, der mit hoher Wahrscheinlichkeit an dem zur Kralle geballten Gliedmaß hing, das ihre Kehle zudrückte.
Ihre Fingernägel bohrten sich in Stoff. Weichen Stoff, den sie nur fühlen, nicht sehen konnte, als gewänne die Nacht selbst an Materie.
Doch das war nur ein flüchtiger Eindruck. Ihre Augen flimmerten, das war der Grund. Jetzt konnte sie erkennen, dass jemand vor ihr kniete. Eine Person, ein Geschöpf, ein Wesen unbekannter Art, vollkommen in einen schwarzen Umhang gehüllt, der alle neugierigen Blicke abprallen ließ.
Und während sie noch versuchte die Gestalt näher auszumachen, begann die Schwärze des Umhanges auch sie einzufangen.
Ihr Angreifer ließ los.
Mit einem ziemlich erbärmlich klingenden Quietschen fiel sie zurück und rang nach Luft.
Natürlich gab ihr neuer Freund ihr keine Chance zu Atem zu kommen. Wahrscheinlich ahnte er, dass sein minderbemitteltes, erbsengroßes Hirn in verbaler Kriegsführung nicht mit ihr mithalten konnte und wenn sie erst an ihren Blaster kam...

„Welch wunderschöner Abend, nicht wahr?“
Schmeichelnd und einnehmend klang die seidige Stimme, wie das Schnurren einer Katze. Einer ziemlich großen Katze.
Na hervorragend, nicht einfach ein Killer, kein Kopfgeldjäger oder einer der Wachhunde ihrer Schuldner. Nein ein Irrer! Mit allem anderen konnte sie umgehen. Erschießen, treten, becircen, beklauen oder abhauen. Aber das Etwas vor ihr starrte sie unter dieser dunklen Kapuze aus verborgenen Augen an, die schon jetzt auf ihrer Haut brannten.
Sie schwieg. Nicht, weil es ihr an schlagfertigen Antworten mangelte, für solche Fälle hatte sie immer ein Standardarsenal zu Verfügung, vielmehr fürchtete sie, außer einem heiseren Krächzen nichts hervorbringen zu können.
„Was hältst du von einer kleinen, privaten Unterredung Jezco? Nur du und ich und eine hübsche, dunkle Seitengasse.“
„Klingt toll“, ließ sich die Angesprochene vernehmen und stellte frustriert fest, dass ihre Stimme mehr mit dem knarzenden Genosianisch gemein hatte, als mit provokanter Schlagfertigkeit.
„Ah, du kannst also doch reden. Erfreulich.“
Gerade hoffte sie, dass es nur besser werden könnte, da riss der spöttische Fremde sie vom Boden hoch. Die Kraft die er dazu aufwenden musste und offenbar auch konnte, war enorm. Hilflos paddelte Jezco mit den Füßen in der Luft, bevor er sie erneut fallen ließ und sobald sie den Boden berührte, nach vorn stieß.
Bisher waren ihr keine Waffen aufgefallen, zumindest hielt er keine in seinen Händen, was bedeutete, dass er entweder sehr überzeugt von sich war oder einfach nur dumm. Andererseits, bis jetzt hatte er sie tatsächlich auch nicht gebraucht. Scham und Wut über die eigene Unfähigkeit und Hilflosigkeit brandeten in ihr auf. So lief das Spiel nicht.

Unsanft schob er sie in eine Seitenstraße, die tatsächlich dunkel und verlassen war. Doch selbst das wäre kaum nötig gewesen. Er hätte sie auf offener Straße ausrauben und erschießen können, ohne, dass auch nur jemand daran gedacht hätte um Hilfe zu rufen. Nicht mal sie selbst.
Nein, kein Hilferufen, handeln.
Abrupt blieb sie stehen, fuhr herum und riss ihren Blaster in der gleichen Bewegung aus dem Halfter. Noch bevor sie ihn richtig erhoben hatte, drückte sie den Abzug. Da wurde die Waffe ruckartig nach oben gezogen und entglitt ihrem Griff. Der Schuss zuckte gefährlich nah an ihr selbst vorbei, doch Jezcos Augen hafteten auf dem Blaster, der frei in der Luft schwebte und sich wie ein gehorsames Schoßtier in die offene Handfläche ihres Feindes senkte.
„Nett. Unterhaltsam. Aber viel zu langsam.“
Er besaß die Frechheit sie nicht einmal anzusehen, die Öffnung seiner weiten Kapuze deutete nach unten auf die Waffe in seiner Hand.
Jezco war zu verblüfft um viel Energie für Wut über die offene Arroganz des Verhüllten aufzuwenden. Er nervte sie. Die dummen Sprüche, die Überheblichkeit, die Lässigkeit seiner sparsamen Bewegungen. Alles ließ sie klein, unbedeutend und schwach erscheinen. Keine Chancen für Adeka Jezco.
Mal ganz außen vor gelassen die Tatsache, dass er sie gleich umbringen würde.
Eigentlich war der Tod vermutlich nicht das schlimmste Schicksal, das in dieser Galaxie drohte, aber schade war es schon, jetzt wo ihr das Glück gewunken hatte. Hatte, richtig. Jetzt streckte es ihr frech die Zunge heraus.
Doch so schnell gab sie nicht auf. Als ob ein einziger Blaster als Bewaffnung in dieser Gegend ausreiche. Als ob sie noch am Leben wäre, wenn sie sich von jedem Großmaul in schwarzer Kleidung einschüchtern ließe. Sollte er sich seiner Überlegenheit sicher sein. Sie wartete nur darauf, dass er ihren Blaster heben und auf sie zielen würde.
Stattdessen warf er ihn achtlos beiseite. Der Aufprall schmerzte Jezco beinahe mehr als ihr Rücken und nur schwerlich unterdrückte sie den Impuls loszuspringen und ihren metallenen Begleiter zu bergen.

„Was willst du eigentlich? Für einen Kopfgeldjäger legst du eine Spur zu viel Wert auf diesen theatralischen Stil.“ Rebellisch reckte sie das Kinn vor.
Der Mann, nach dem was sie von der Statur erkennen konnte war er offenbar humanoid, hob den Kopf. Sein Gesicht blieb weiterhin verborgen. Höchstwahrscheinlich zu hässlich, selbst für diese Welt. Und bei einer Huttenregierung wollte das was heißen.
Wäre das einen Kommentar wert?
„Danke“, gab das Phantomwesen nasal von sich und ging übergangslos auf sie zu.
Sofort setzte sich Jezco rückwärts in Bewegung. Von der nahenden Konfrontation überrumpelt begann sie hastig nach ihrer Splitterpistole zu tasten, die verborgen an ihrem Gürtel saß.
„Das war eigentlich kein Kompliment. Stil führt gewöhnlich zu einem schnellen Tod.“
„In unserem Fall hat er bisher deinen verhindert.“
Ooookay. Das stimmte, aber ein Grund jetzt dankend auf die Knie zu fallen war es nicht. Nein, wirklich nicht.
„Dein Mitgefühl ist rührend, ich würde mich geschmeichelt fühlen und dir meine Dankbarkeit auch gerne demonstrieren. Interessiert?“
Ohne innezuhalten, stieß der Fremde ein Lachen aus. Kurz und rau.
Amüsierte ihn das Ganze? Hey, Jezco, dich würde es auch amüsieren, wenn du er wärst.  
In dem Moment fanden ihre Finger die Verps. Sie blieb stehen, zögerte keine Sekunde und lief los. Einige schnelle Schritte nach vorn, während der sie ihre Waffe anlegte und nach vorn sprang. Ganz nach der Philosophie Angriff ist die beste Verteidigung, allerdings mit dem beruhigenden Gedanken, dass hinter diesem Spinner eine freie Fluchtbahn lag.
Diesmal schoss sie direkt nach vorn.
Einmal. Zweimal. Dreimal. Sie zählte nicht mehr.
Ohne das geringste Geräusch schossen die Projektile vorwärts. Kaum eine Rüstung hielt dem stand, schon gar nicht aus dieser geringen Entfernung. Der Umhang samt Inhalt war Mus.
Ein greller Lichtblitz unterbrach Jezcos Triumphgedanken. Sie sah verwischtes Rot. Ein glühender Fleck aus Hitze, der ihr Gesicht streifte, als sie sich zur Seite warf.
Wieder schlug sie auf den Boden. Die Waffe noch erhoben, rollte sie sich ab und kam auf dem Rücken liegend zum Stillstand.
Warum war ihr Gegner nicht zu Boden gegangen, er hätte stürzen, sich krümmen müssen, er hätte...
Über ihr tauchte der Schatten auf. Die Kapuze war etwas zurückgerutscht und der summende Strahl der blutroten Lichtklinge seiner Waffe erhellte die finstere Gasse zwischen ihnen.
Erst ominöse Druckwellen, dann fliegende Waffen, und jetzt... sie traute sich kaum den Gedanken zu beenden.
Ein Lichtschwert.
Und ein bleiches Gesicht. Ein menschliches Gesicht, ruhig und gelassen, die verborgen liegenden Augen das einzig Lebendige. Und Jezco fühlte, dass sie sich nicht mit ihrer Unterwerfung begnügen würden, nein nicht einmal mit ihrem Tod. Sie wollten etwas anderes, etwas, von dem sie nicht erahnen konnte was es war. Doch sie war sich sicher, es würde ihr nicht gefallen. Ganz und gar nicht.
„An Dank bin ich nicht interessiert, Akeda Jezco, nur an Wiedergutmachung.“
Er sagte es hörbar zufrieden. Scharf, bedrohlich und als hätte ihr Angriff nie stattgefunden. Die rote Lichtquelle verschwand surrend und Dunkelheit legte sich über die beiden Gestalten.
Ein weiteres Wort, das irgendwie nicht zu der Horrorszenerie passen wollte, drängte sich Jezco auf.
Jedi.

Nichts ergab mehr einen Sinn.
Ein paar Bausteine bröckelten an Jezcos Vorstellung der galaxisweiten Zusammenhänge. Fiese Jedi, die in dunklen Gassen friedfertige Passanten überfielen und Wiedergutmachung forderten, obwohl man sie noch nie getroffen hatte? Das mochte für Geisteskrankheit sprechen, war aber nicht halb so unmöglich wie die Tatsache, dass dieser Typ ihren Vornamen kannte. Sie war Jezco, fertig, aus. Niemand nannte sie Akeda, selbst die wenigen die den Namen kannten nicht.
Langsam steckte sie ihre Verps zurück an den Gürtel und stand auf, darauf bedacht keinerlei hastige Bewegungen zu machen. Scheinbar an der Situation unbeteiligt, klopfte sie sich Schmutzklumpen von Hose und Stiefeln.
„Ich wüsste nicht, dass ich mir bei den Jedi etwas zuschulden habe kommen lassen.“
Ein kurzes Zischen erklang und ließ Jezco überrascht aufblicken. War das aus seiner Kehle gekommen?
„Ich bin kein Jedi!“ Er klang zum ersten Mal gereizt. Jezcos Verwirrung stieg, aber etwas in seinem Tonfall weckte auch Neugier. Verfluchte, gefährliche Neugier.
„Das erklärt immerhin die schlechten Manieren.“
Im nächsten Moment bereute sie die Worte auch schon, denn sie sah sich mit dem Rücken an die nasse Hauswand gedrückt. Nein, eigentlich bereute sie sie trotzdem nicht. Das war es wert.
„Wo ist mein Geld?“
Ah. Den Spruch kannte sie immerhin. Aufschluss über die Identität ihres Peinigers gab er trotzdem nicht. Sie konnte sich doch nicht alle Namen merken, deren Träger sie bestahl. Der Versuch mit den Schultern zu zucken schlug fehl, Bewegungen waren nicht zu raten, ihr Gegenüber hatte ihren Kragen gepackt und presste sie, den Arm gegen ihre Brust gedrückt nach hinten.
Eine der Frage entsprechend nichtssagende Antwort war angebracht. Konnte sie hellsehen?
„Welches Geld? “  
„Oh du erinnerst dich bestimmt an einen neuen Sternkurier mit einer hübschen Ladung Aurodiumbarren und Vertex an Bord.“
Hätte er sie nicht am Kragen gehalten, wäre Jezco zusammengeklappt. Oh ja, sie erinnerte sich sehr gut. Leider zu gut. Dieses kleine Vermögen war der Anfang ihres Durchbruchs gewesen und...
„Oh, das Geld.“
Er nickte langsam.
„Verdammt schlechte Sicherheitsmaßnahmen für so eine Menge Vertex. Ich meine, das hat doch gerade dazu eingeladen und zu meiner Entschuldigung muss ich betonen, dass ich überhaupt nichts davon wusste, es war reiner Zufall. Eigentlich ging es nur um das Schiff, denn wenn ich...“
„Ich will es zurück.“ Viel zu ruhig dieser Tonfall. Jezco begann sich zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal ernstlich Sorgen zu machen. Sich hier wieder herauszuwinden, ob mit ihrer Klappe, einem Blaster oder Sex, wurde zusehends komplizierter.
„Das geht leider nicht“, erwiderte sie schnell.
Ohne weitere Worte ließ er von ihr ab.
Diesmal wahrte sie ihre Haltung und konnte es nicht lassen, ihre wirr herabhängenden Haare aus dem Gesicht zu streichen.
Der Fremde war zwei Schritte zurückgetreten und musterte sie offenbar. Vielleicht wusste sein verrücktes Hirn nicht mehr weiter. Vielleicht ging er einfach, vielleicht... lachte er auch gleich los und erklärte, dass das alles nur ein Test zu Umfragezwecken gewesen sei. Sehr wahrscheinlich. Ja.
Natürlich (!) tat er nichts dergleichen. Aber er begann auch nicht irre zu kichern um sie gleich darauf zu vierteilen. So gesehen, es hätte schlimmer kommen können.

Und es kam schlimmer.
Beinahe bedächtig zog er sich die Kapuze des Umhangs vom Kopf.
Gut, es gab weitaus hässlichere Kreaturen in dieser Galaxie und auch weitaus hässlichere Menschen, aber das Aussehen war nicht der Grund um von gleich eintretendem „Schlimmem“ auszugehen. Zumindest nicht die Gesamtheit seines Gesichtes.
Eigentlich konnte Jezco nichts dagegen sagen. Menschlich, blass, wirres schwarzes Haar, scharfe Züge. Aber das markante Gesicht täuschte nicht über den Ausdruck der Augen. Tödliche Berechnung und ein verborgenes Glitzern, das praktisch alles und nichts bedeuten konnte lagen darin.
Er musste nicht einmal andeutungsweise seine Hand in Richtung Lichtschwert bewegen, sein Gesicht sprach eine eigene Sprache. Deutlicher als Gestik und Worte.
„Ich bin wirklich ein großer Anhänger der Theatralik, aber hey, wir beide wissen, dass wenn du mich tötest, du nie an das Geld rankommst.“
Richtig? Das weißt du doch, oder? Sie sagte es, nicht, aber sie versuchte es mit eindringlichem Starren klarzumachen.
„Bist du dir sicher? Ich nicht.“
„Nicht? Hm, schlecht, kann ich dich irgendwie überzeugen?“
Ihr Verstand raste. Suchte einen Ausweg.
„Nein.“
Blaster?
„Das Schiff kannst du wiederhaben.“
Nein, zu weit weg.
Splitterpistole?
„Das habe ich bereits.“
Sie erinnerte sich an seine Schnelligkeit und verwarf den Gedanken.
Er kam wieder auf sie zu. Gemächlich.
„Oh, vielleicht kann ich sonst etwas für dich tun.“
Sie lächelte anzüglich. Ihr Blick war wie festgenagelt.
Ein Ausweg. Ein verdammter Ausweg!
Lauf weg!
Kurz hielt er inne, legte den Kopf schief und musterte sie abschätzig. Machte er sich lustig über sie, oder überlegte er es sich wirklich? Sein Gesicht war verschlossen, die Augen tasteten ihren Körper ab. Dann ein leichtes Verziehen der Mundwinkel.
Er lächelte tatsächlich. Kalt. Seine hellen Augen schienen vor Begeisterung zu leuchten.
„Nein, ich denke nicht.“
Scheiße. Verdammter...
Verzweifelt machte sich Jezco bereit nach der Verps zu greifen. Selbst wenn es aussichtslos war. Nichts da mit aufgeben.
Ohne Vorwarnung sprang der Namenlose zurück. Kraftvoll stieß er sich ab und landete geduckt auf dem Boden. Das war alles was Jezco mitbekam, bevor ein Plasmaenergiestrahl an der Stelle vorüberzuckte, an der er vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte.
Automatisch ließ sich Jezco fallen, zog ihre Splitterpistole und beobachtete mit Schrecken, wie roter Plasmahagel in die Gasse gefeuert wurde.
Kurz warf sie einen Blick zu ihrem blassen Freund, doch der war... weg. Beinahe wäre ihr die Waffe aus der Hand gefallen.
Etwas landete mit einem lauten Schlag auf einer der Durastahlkisten, die in der Straße standen. Jezco zuckte zur Seite, legte an und versuchte gleichzeitig nicht in die Schusslinie der anderen Vollidioten zu gelangen, als ihr die Verps aus der Hand getreten wurde. Sofort packte Jezcos andere Hand zu, erwischte den weiten Stoff und riss heftig daran.
Ihr Angreifer kam ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und fiel über den Rand der Kiste. Doch kaum berührte er rücklings den Boden, warf er die Beine hoch, setzte sie auf den Boden und schwang seinen Oberkörper nach oben. Wie eine schwarze Schlange bewegte er sich, doch Jezco bekam den Griff ihrer Splitterpistole zu fassen.
Nur kurz. Ihre Fingerspitzen streiften gerade darüber, als sie nach unten gedrückt wurde.
„Verdammte... Fierfek!“
Für zwei Sekunden hörte Jezco sich auf zu wehren.
„Sehr nett. Was wird das wenn’s fertig ist?“
„Das frage ich dich. Wer sind die Typen?“
„Ich dachte, du wüsstest es!“, schrie Jezco den Spinner über ihr an, der sie gewaltsam auf den Boden drückte, dass ihre Knie langsam nachzugeben drohten. Kurzerhand riss sie den Ellbogen zurück und traf. Überrascht grinste sie in sich hinein und nutzte die Chance sich aus dem Griff zu lösen und ihre Waffe auf ihn zu richten.
„Nett. Unterhaltsam. Aber nicht gut genug“, spottete Jezco. Zuerst den hier und dann den anderen entkommen. Dummerweise mussten die mittlerweile bemerkt haben, dass ihr Kreuzfeuer nicht erwidert wurde, denn der Blasterregen verebbte. Nur eine Frage von Sekunden, bis sie die Gasse durchquert hätten und sie beide erschießen würden.
Nur wen wollten sie eigentlich erwischen?

Der Nicht-Jedi hockte ihr gegenüber auf den Füßen, wie ein zum Sprung geduckter Krak’jyas.
„Schön hierbleiben du Murglak. Heb dir deine Energie für die netten Kerle mit den Blastern auf, die gleich hier sind.“
Sein Gesicht war im Dunkeln weiterhin nur als heller Fleck, aus dem noch hellere Augen hervorstachen, zu erkennen, aber auch so konnte sie erkennen, dass er das Gesicht verzog.
„Murglak?“, fragte er eher belustig als gereizt. Schade.
„Behalte dir meinen Namen gut Akeda. Falls du hier rauskommen solltest, sehen wir uns wieder. Akeda und Xanatos.“
Dann sprang er.
Oder flog, so wirkte es auf Jezco.
Er flog ohne irgendeine federnde Vorrichtung, machte einfach einen vertikalen Satz nach oben und verschmolz mit der Schwärze des Himmels. Kein Geräusch, kein Hinweis darauf, ob er irgendwo landete, sich fest hielt, keine Zündung eines Düsenantriebs. Nichts.
„Das nächste mal etwas weniger dramatisch!“, spottete sie dem Firmament hinterher und erreichte nur, dass die ersten Tropfen eines sehr sauren Schauers auf ihr erhobenes Gesicht tröpfelten.
„Hey Jezco, so allein? Ich soll dir Grüße von Slaifon ausrichten.“
Ganz langsam wandte sie den Kopf und lächelte.
„Saretti!“, sie klang gezwungen erleichtert, obwohl sie nichts lieber getan hätte als dem Rattataki den kahlen Schädel einzuschlagen. Metaphorisch. Die Wirklichkeit hätte mehr mit einem Blaster und einer freien Schussbahn auf seinen breiten Rücken zutun gehabt.
„Ich bin wirklich froh, dass du nicht den Befehl hast mich zu töten, aber für die Grüße hättest du dir den Weg sparen können...“
Anmutig stand sie auf und warf ihre Haare galant zurück. Bei den mittlerweile strähnig nassen Zotteln und verfilzten Zöpfen ein schwieriges Unterfangen. Es gelang ihr trotzdem mit einem zusätzlichen Augenaufschlag halbwegs aufreizend zu wirken. Hoffte sie jedenfalls. Auch wenn ihr restliches Erscheinungsbild nicht gerade dazu beitrug. Vermutlich konnte sie im Augenblick nicht mal einem Pau’aner Konkurrenz machen.
„Nein, du hast mich falsch verstanden. Slaifon wollte, dass wir dich sofort töten, aber sein Vater möchte vorher noch ein paar Fragen loswerden.“
Na klar.
„Hätte ich mir denken können“, verbalisierte sie noch ihren letzten Gedanken, dann drückte Saretti grinsend ab.

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Xanatos spähte vom Dach des Teesaw In hinunter. Für einen ehemaligen Jedi war es eine Kleinigkeit, einen Großteil des Aufstieges auf das Gebäude mit einem Machtsprung zu überwinden. Den Rest war er behände hinaufgeklettert, lautlos und schnell. Er genoss es, seine Fähigkeiten ohne die Kontrolle eines anderen einsetzen zu können, das zu tun was er wollte und wann er es wollte. Keine Vorschriften, kein Beobachten, kein richtig und falsch.
Seine menschlichen Augen konnten das Dunkel nicht durchdringen, aber er spürte was dort unten vor sich ging. Und außerdem war es nicht allzu schwer zu erraten. Die dreckige Diebin würde umzingelt und niedergeschossen werden.
Ärgerlich, denn obwohl er pure Selbstsicherheit zur Schau getragen hatte, wusste er im ersten Moment nicht, wie er ohne sie an sein Geld kommen sollte. Das Schiff, das sie ihm samt dem Staatsschatz von Telos gestohlen hatte, war leicht wiederzufinden gewesen. Aber es war leer. Zumindest keine Spur von Aurodium und Vertex. Möglicherweise befand es sich bereits in den Händen zig verschiedener Individuen.

Ein Schuss leuchtete unter ihm auf und er kniff misstrauisch die Augen zusammen. Ein Betäubungsschuss? Kein Zweifel. Er prüfte es mit der Macht, ließ sie wie eine dunkle Schlange an der Hauswand hinabgleiten und das Leben auf dem nassen Boden durchdringen. Sie lebte. Er prägte sich ihre Aura ein und entschloss kurzerhand, die Bande zu verfolgen. Keine Schwierigkeit.
Mit wehendem Umhang wirbelte er herum, eilte lautlos über das flache Dach und ließ sich auf der anderen Seite hinabgleiten. Wo andere gerutscht und gefallen wären, fand er überall in der spröden Wand sicheren Halt. Hervorstehende Steine, Reste einer Metallverankerung, mithilfe der Macht brauchte er seine Augen nicht. Er fühlte die Unebenheiten und sprang das letzte Stück. Entgegen seiner hochgewachsenen Statur landete er weich und nur ein kleines Platschen der schweren Stiefel in einer Pfütze gab Aufschluss über seine Anwesenheit.
Es war nicht nötig um die Ecke zu spähen, der Trupp von Bewaffneten war so laut wie eine Horde betrunkener Wookies. Dennoch drückte er sich gegen die Wand und wartete.
Bevor er sie jedoch sah, hörte er den vermutlichen Anführer einen Befehl brüllen.
„Ihr zwei bleibt hier. Sucht nach dem anderen. Wenn er mit ihr gesprochen hat, könnte er schon Bescheid wissen. Erledigt ihn, aber sauber.“
Xanatos lachte stumm in sich hinein. Nur zwei? Eine Beleidigung. Aber sie wussten ja nicht mit wem sie es zutun hatten. Und das war ganz gut so.
Allerdings war dieser zusätzliche Störfaktor von zwei, wenn auch unfähigen Verfolgern, lästig. Jezco hatte ihn nicht nur bestohlen, jetzt zog sie ihn sogar bei Bewusstlosigkeit in ihre kleinen Gaunereien mit hinein. Verdammt, wieder einmal war er abhängig von einer anderen Person. Er hasste es.
Jetzt passierten die Soldaten das Straßenende. Xanatos prägte sich die Uniformen ein, versuchte auf die Entfernung ein signifikantes Abzeichen zu finden, offenbar waren es private Sicherheitskräfte, aber er konnte in dem unsteten Licht der Außenbeleuchtung des Teesaw In nichts erkennen.
Egal. Darum konnte er sich später kümmern. Er dachte nicht daran Jezco aus ihren Schwierigkeiten zu helfen, vorher würde er sich sein Schiff zurückholen und für ein paar Credits einige Informationen besorgen. Das war das Gute an einem Ort wie Nar Shadda. Man konnte sich überall verstecken, aber genauso war es möglich überall einen willigen und gierigen Informanten zu bekommen. Ein wenig Nachhelfen musste man freilich, um den Echtheitswert zu bestimmen, aber Xanatos war ein Meister der Überredungskunst. Auf mehr als eine Art.
Bevor er sich um Jezco kümmerte, würde er alles daran setzen, den Schatz seines Heimatplaneten, seinen Schatz, ohne ihre Hilfe wiederzufinden.
Und da lag das Problem.
Nachdem er sich versichert hatte, dass die beiden Spürhunde, die auf ihn angesetzt worden waren, nicht mehr in der Nähe waren, verließ er schlendernd die Gasse.
Die ganze Aktion hätte er sich gespart, wenn er sich nicht zuvor schon sehr sicher gewesen wäre, dass er ohne Jezco in eine Sackgasse lief.
Nachdenklich fuhr er sich mit der behandschuhten Hand durch das feuchte schwarze Haar. Ein Glas Namana-Nektar, bevor er sich wieder in das Chaos dieser undurchsichtigen Welt und seiner Bewohner stürzte, konnte nicht schaden.
Im Teesaw In herrschte noch immer die gleiche, prickelnd entspannte Stimmung des Gratwanderns zwischen Leben und Ableben. Das unruhige Licht blendete Xanatos, als er sich zur Bar begab, ohne, dass ihn irgendwer auch nur streifte.
Knapp gab er seine Bestellung auf und ignorierte den mürrischen Blick des Barkeepers. Es dauerte einen Moment, bis er das Getränk erhielt. Genug Zeit, in der er tatenlos, ohne Aufgabe auf die er sich konzentrieren konnte, dasaß und spürte, wie die frisch verheilte Wunde auf seiner Wange wieder zu brennen begann.