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A sad and painful lovestory.

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Castiel Kim Leigh Rosalia Viola
09.08.2014
09.08.2014
3
7.712
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09.08.2014 7.194
 
Bitterkalter Herbst, die Blätter fingen an zu fallen. Genauso wie alles andere, doch die unscheinbare Maske hielt vor allem Stand. Bis zu dem jenen Tag der kommen würde an dem ich wusste, sie würde danach endlich zersprungen durch den Wind hinfort getrieben werden. So fühlte es sich zumindest für mich an.

Trottend ging ich durch die Straßen, betrachtete unendlich viele Häuser mit ihren verschiedenen und leuchtenden Halloween-Dekorationen. Die meisten Gebäude, verblasst aussehend. Nur selten sah man eines mit einer knalligen Farbe herausstechen. Die ewig langen Zäune, die neben den Fußgängerwegen entlang liefen, in den verschiedensten Farben und Formen.
Summend sah ich hoch, manche Bäume von Nachbarn waren inzwischen schon sehr hoch gewachsen, ragten in den Himmel majestätisch auf. Ein einziges Mal im Jahr bewundere ich ihre Farben. In den verschiedensten Farben. Gelb erinnerte mich immer an meinen Vater. Er liebte diese Farbe und dennoch wusste ich bis heute nicht warum. Eigentlich fand ich sie mehr als einfach nur schrecklich. Doch es war die einzige gute Erinnerung an ihn, die ich noch hatte. Orange zählte zu meinen Lieblingsfarben, vor allem wenn Schwarz dabei war.  Und Rot … so stark, für manche signalisierte es die lebensbedrohliche Gefahr, für andere die wahre Liebe. Letzteres war damals für mich Unsinn gewesen, ich dachte dabei immer nur an diese Liebesschnulzen, die die meisten Menschen an den Tag brachten. Liebesfilme, bei denen ich mich die meiste Zeit erbrechen hätte können. Und doch änderte sich mein Denken mit der Zeit auf die Schnelle um. Plötzlich liebte ich rot über alles, dabei war es mir egal ob es für Liebe oder Tod stand. Das Wichtigste war für mich er … Er, der sich die ganzen Jahre verändert hatte. Er, der mich genauso unbewusst veränderte.

Kurz schnaufend vor der Haustüre, klingelte ich und wartete bis die Tür aufging. Währenddessen wehten meine schwarzen Haare im Wind, dabei sah man meinen leicht bläulichen Schimmer in den Haaren.
„Da bist du ja endlich. Und ich dachte schon du hättest dich verlaufen.“, fing der Rothaarige an, trat zur Seite.
„Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht los wie du es willst.“, meinte ich grinsend und der andere verdrehte nur die Augen.
„Spinnerin.“

Gemeinsam betraten wir das Wohnzimmer, wie immer leer. Seine Eltern waren richtige Workaholics, waren nie Zuhause. Seitdem sie zu dritt umgezogen waren, ließen sie Castiel immer daheim. Ich wusste es, ohne dass er mir etwas davon genauer erzählte. Denn ich kannte selbst das einsame Gefühl. Ein Gefühl der Trauer und die Sehnsucht um die Eltern. Einer Liebe hinterhertrauend, die man nie bekommen würde. So sehr man sich auch anstrengen würde, egal ob Kind oder erwachsen. Genau deswegen verstanden wir uns auch wieder, trotz all den Jahren.

„Hey … Hey! Bist du taub oder was?!“, hörte ich plötzlich und bekam einen leichten Schlag an den Hinterkopf. Grummelnd rieb ich mir den Kopf und sah den Rotschopf leicht verwirrt an.
„Wie lang willst du noch hier so rumstehen?“, meinte er und ging Richtung Küche. Stumm sah ich ihm nach, folgte ihm dann aber hinterher.
„Was willst du zu trinken?“
Kurz überlegte ich.
„'Nen Kaffee.“, entgegnete ich und stellte mich neben ihm. Er holte sofort zwei Tassen raus, machte die Kaffeemaschine an. Danach warteten wir ein wenig. Anders als vorher umgab uns plötzlich eine überaus unangenehme Stille. Langsam aber sicher drehte sich gerade mein Magen quälend um.
„Ehm ...“
Eigentlich wollte ich zum Sprechen ansetzen … doch mir fiel nichts ein und starrte verkrampft in eine andere Richtung.
„Was denn?“
Seine Stimme war so ruhig … Vorsichtig sah ich wieder zu ihm und bemerkte, dass er mich ernst ansah. Wieso wurde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte?
„Irgendwie … ehm, weißt du ...“, fing ich an, doch mir wollte kein vernünftiger Satz einfallen.
„Stolper nicht zu viel über deine Wörter.“
War wohl nur eine Einbildung. Denn er grinste wieder wie vorher auch, nahm danach dann seine heiße Tasse und steuerte in Richtung sein Zimmer. Ich folgte ihm, nahm ebenfalls davor noch die andere Tasse in die Hand und versuchte, über dem Weg bis dorthin nicht zu stolpern. Denn so sehr wie ich vorher schon in Gedanken versunken war, konnte das sehr leicht passieren. Vorsichtig trottete ich ihm die Treppe in den ersten Stock hinterher. Das harte Holz knarrte nur wenig, schließlich war es fast ein neues Haus. Für meinen Geschmack schon viel zu groß. Wenn ich hier alleine leben müsste, würde ich mich irgendwann verloren vorkommen. In seinem eigenen Raum angekommen, stellten wir sie an seinen Schreibtisch und machten uns auf seinem Bett nieder.  Sanft musste ich lächeln, als wir wieder hier saßen. Früher hätten wir wohl nie damit gerechnet, uns so zu ändern. Und dennoch ging unsere Änderung fast in dieselbe Richtung. Ob das wohl Schicksal war? Nein, nicht wirklich. Womöglich nur ein verdammt dummer Zufall.
„Sag mal ...Wann meinst du werden wir fertig mit dem Referat? Ist ja schon am Dienstag. Und ich will nicht unbedingt mit dir ohne Geschriebenem vorne stehen.“, fing ich sofort an und er seufzte nur genervt. Ich sah ihn an.
„Die Schule ist mir eigentlich so ziemlich egal“, sagte er und strich sich dabei mit der Hand durch die Haare, „Aber weil du's bist, helf' ich dir mit. Außerdem solltest du dir nicht so 'n Kopf machen, wir haben ja schließlich noch heute und morgen.“
Richtig, heute war ja Sonntag … Schlagartig stand er auf und schaltete seinen Laptop an. Stöhnend streckte er seinen Rücken durch, nahm danach das Gerät mit auf das Bett und pflanzte sich neben mir hin.
„Also … Was will der Idiot alles wissen?“
Dieses Mal verdrehte ich die Augen, kicherte danach aber sofort leise.
„Was denn? Der hat doch nur lauter Sonderwünsche.“
„Ich weiß … komm, fangen wir an!“, meinte ich schließlich und wir suchten im Internet nach Informationen. Unser Thema war die Europäische Union. Das Thema passte uns allen nicht, aber der Lehrer wollte dass jeder darüber etwas hält. Wir konnten uns dafür bei den Spasten aus unserer Klasse bedanken, die ihm immer wieder ins Wort gefallen waren, Müll und letztendlich auch Papierkügelchen herum geschmissen hatten.
Den ganzen Nachmittag beschäftigten wir uns damit das alles aufzuschreiben. Denn einmal sollten wir einen ganzen Text zusammenschreiben und danach noch einen Zweiten mit Stichpunkten. Ich schrieb den Text, Castiel dafür die Stichpunkte. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit bekamen wir es fertig und er packte das Zeug schon im voraus in seinen schwarzen Schulrucksack ein. Danach schlug er vor, dass wir uns noch einen Film ansehen konnten auf seinem Laptop und ich stimmte zu.  An unseren Tassen nippend, sahen wir uns The Grudge 3 an. Mit der Zeit wurde ich müder, schlief sogar fast ein. Meine Augen waren schon fast geschlossen, bis mir der höfliche Junge von nebenan in die Seite piekste und ich aufschreckte.
„Was? Was ist passiert?!“, rief ich aus Verwunderung, er lachte darauf nur los.
„Der Film ist zu Ende“
„Oh ...“
Ich sah zum Monitor. Tatsächlich.
„Und außerdem hab ich keine Lust drauf, dass du mir hier wegpennst!“
„Stimmt ...“, meinte ich und sah ihn mit einem Auge reibend an, „Aber ich kann nichts dafür … Dein Bett ist schuld!“
„Ach und wieso?“
Grinsend piekste er mich wieder.
„Keine Ahnung. Liegt wohl an der weichen Matratze“, schwärmte ich vor mich hin und streichelte neben mir den schwarzen Bettüberzug.
„Pff. Wenn du hier schlafen willst, dann nicht in meinem Bett! Besucher gehen da gefälligst runter ins Wohnzimmer zum Sofa und pennen dort.“
Mit hochgezogener Augenbraue starrte ich ihn an.
„Und wenn ich trotzdem eingeschlafen wär?“, fragte ich.
„Keine Sorge. Ich hätte dich runtergeschubst.“, grinste er mich fies an und ich schnaubte.
„Du bist immer so gemein zu mir!“, rief ich empörend aus, setzte mich auf und schlug ihm sein Kissen gegen den Kopf.
Grummelnd riss er es mir aus der Hand, setzte sich ebenfalls auf und drückte es mir dieses Mal ins Gesicht. Ich verlor das Gleichgewicht und landete mit meinem Rücken wieder auf der Matratze. Na, wenigstens eine sanfte Landung … Aber gefallen lassen konnte ich mir das trotzdem nicht! Fluchend drückte ich seine Hände und das Kissen weg und versuchte es wieder gegen ihn zu werfen, doch er hielt plötzlich meine Handgelenke fest während das Kissen längst neben uns lag. Erst jetzt bemerkte ich, dass er über mich gebeugt war und errötete leicht. Castiel grinste immer noch wie vorher und kam sich jetzt wohl mir ziemlich überlegen vor.
„Na, was machst du jetzt? Nicht nur flach wie 'n Brett, sondern auch noch zu schwach um sich vernünftig zu wehren“, zog er über mich her und sah sofort weg. Irgendwie war mir die jetzige Situation total unangenehm. Plötzlich spürte ich, wie der Druck an meinen Handgelenken nachließ. Ich dachte zunächst, dass er wieder von mir runtergehen würde … doch zu früh erleichtert aufgeseufzt. Stattdessen stützte er sich plötzlich mit beiden Ellenbogen neben meinem Kopf ab und verringerte den Abstand zwischen unseren Körpern. Ich spürte schon seinen Atem leicht an meinem Hals vorbeistreifen.
„Castiel ...“, sagte ich leise, traute mich aber nicht ihn anzusehen. Alles von früher kam gerade wieder in mir hoch. Die ganze Bewunderung, das wohle Gefühl in seiner Nähe, sogar die anderen Gefühle die ich zuerst nie wahrnahm. Aber ich wusste mit der Zeit, sie waren da. Sie waren schon immer da, nur verdrängte ich sie immer bis zu diesen Tagen.
„Was denn? Ist das dir zu nah?“, sprach er plötzlich mit einer unglaublich dunklen Stimme, die jedoch komplett anziehend auf mich wirkte. Ich hoffte nur, er hörte meinen schnelleren Herzschlag nicht.
„J-Ja … Kannst du bitte runtergehen...?“, fragte ich ihn völlig verlegen und hoffte ebenfalls, dass er meiner Frage nachgehen und wieder aufstehen würde.
„Du siehst mich ja noch nicht mal an ...“
Schluckend versuchte ich ihm in die Augen zu sehen. Ich wollte eigentlich nicht, dass er dachte ich würde ihn lieben. Aber ich tat mich trotzdem verdammt nochmals schwer, ihn ansehen zu müssen wenn sein Gesicht direkt vor meinem war!
„Tu ich doch! Also … geh bitte runter ...“, meinte ich mit einer etwas zittrigen Stimme.
„Wieso sollte ich?“, hauchte er grinsend, ich stockte nur.
„Mir macht es Spaß, dich so durcheinander zu sehen!“
Vorsichtig legte er seine Stirn gegen meine, ich glaubte schon fast meine Wangen würden aufkochen. Leise schnappte ich nach Luft, ich drohte schon zu ersticken in dieser komischen Wallung, die über mich kam. Sein Körper war so warm … Vorsichtig legte ich meine Hände an seine Brust. Eigentlich sollte ich ihn wegdrücken und anfauchen. Sollte ihm irgendetwas nachwerfen und fragen, was er sich darauf einbildete. Ich sollte …
„Hat es deine Sprache so stark verschlagen? Schade.“
Ich sollte ihn …
„Naja, dann eben nicht.“
Ich sollte ihn vergessen.

Weiterhin stumm beobachtete ich ihn, wie er plötzlich aufstand, sogar aus dem Zimmer kurz ging. Wie benebelt lag ich noch genauso da und starrte dann an die Decke. Castiel … Wieso tatest du mir nur so was an? Du wolltest wohl, dass ich selbst nach all den Jahren wieder wegen dir leide, oder?
Kurz schloss ich die Augen, ließ eine Träne an meiner Schläfe hinabrinnen. Danach wischte ich sie mir weg, setzte meine imaginäre Maske wieder auf. Nur mit einem Lächeln konnte man sich einigermaßen gut schützen, so gut man noch konnte. Und selbst, wenn es ein Falsches war. Die Hauptsache wahr für mich nur, dass niemand merken würde, wie ich so langsam zerbreche. Stück für Stück, für jeden Tag mehr. Irgendwann würde der letzte Tag damit enden, wenn die letzte Scherbe in den schwarzen, verdreckten Fluss fiel.
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Doch dass mein Ende so bald kommen würde, dachte ich nicht. Das letzte Stück meiner Maske fiel, als ich ihn mit ihr zusammenstehen sah. Und sein Kleidungsstil … er war plötzlich so anders. So … normal. Was war da los? Wieso hörte ich seine Stimmen nicht? Wieso war plötzlich alles um mich herum so stumm geworden? Das Einzige was ich hörte, war das dumpfe Geräusch meines noch schlagenden Herzens.
Schweigend starrte ich ihn an. So lange, bis er wohl meinen verletzten Blick spürte und mich mit geweiteten Augen ansah. Doch bevor noch irgendetwas passieren konnte, drehte ich mich schlagartig um und lief los. Ich rannte, mit geballter Faust die sich gegen meine Herzgegend drückte. Mein ganzer Körper bebte, meine Knie drohten einzusacken. Schnaufend lief ich aus der Schule und über den Hof. Immer weiter lief ich von der Schule weg, rannte alle möglichen Straßen ab, als würde mich etwas verfolgen.
„Wieso … Wieso sie? Und nicht ich?“, schluchzte ich unterdrückt durch meiner schweren Atmung. Irgendwann blieb ich stehen, senkte meinen Kopf zu Boden. Tropfen vernetzten sich über die Wangen, erreichten letztendlich den Boden.
„Wieso ...“
Heulend schlug ich mir beide Hände ins Gesicht und sackte zusammen. Immer und immer wieder versuchte ich es abzuschalten. Immer wieder ignorierte ich die Situation zwischen uns damals bei ihm Zuhause. Doch stattdessen schlichen sich die Gedanken in meinen Kopf, wie es wäre, wenn wir zusammen wären. Immer wieder träumte ich davon von ihm nicht nur freundschaftlich beschützt zu werden. Ich wollte spüren, dass ich geliebt werde. Wollte spüren, dass ich gebraucht werde. All das, was ich sonst von keiner anderen Person mehr haben wollte. Nicht mal mehr von meiner Mutter. Nur er hätte mich glücklich machen können, allein er … Doch nun war alles zu spät und bereute alles. Alles was mit ihm zu tun hatte.
Plötzlich fühlte ich eine Hand an meiner Schulter. Mit aufgerissenen Augen sah ich zu Boden. War er wirklich gekommen? Nein …
Nein, das würde er nie. Niemals.
Unsicher drehte ich mich zur Hälfte um und sah plötzlich in ein sehr dunkelfarbiges Augenpaar.
„Was machst du denn hier auf der Straße?“, fragte er mich.
„Ich ...“,
Was hätte ich schon sagen sollen? Ich war aus der Schule rausgerannt und heul mich hier gerade aus wegen einem Jungen? Als er wieder anfing zu sprechen, vernahm ich leicht den Duft von Lakritze … oder echtem Leder.
„Komm mit, die Leute gucken schon.“
Stumm nickend ließ ich mich von Leigh hochziehen und er nahm mich mit zu seiner Arbeitsstelle. Im Laden ließ er mich erst mal auf einen Stuhl setzen. Ich betrachtete die ganzen Kleidungen, sie waren alle in ihrem eigenen Stil eine wahre Pracht. Wenn es um Kleidung ging, hatte der schwarzhaarige Modedesigner immer die besten Ideen und strahlte nur so von Kreativität.

Während er seine ersten Kunden bediente, starrte ich in die Leere, rief die Bilder nochmals in meinem Gedächtnis auf, die ich sehen musste. Castiel … erzählte mir einmal von seiner Ex. Damals beschrieb er sie mir und ich konnte ihm sogar ausquetschen, sie würde derzeit in einer Band inzwischen singen. Das Aussehen von ihr kannte ich also bereits, als ich danach nach einen der Alben im Internet suchte. Kurz bevor die Tränen wieder hoch kamen, schüttelte ich nur den Kopf und versuchte es zu verdrängen. Plötzlich hörte ich seine Stimme wieder neben mir.
„Was ist denn passiert?“
Als ich ihn ansah, merkte ich, dass er sich zu mir hinuntergekniet hatte. Seufzend drehte ich meinen Kopf in die andere Richtung.
„Ist egal. Ist nur eine Sache, an der ich selbst schuld bin.“
Er nickte nur darauf, wusste wohl nicht wie er darauf reagieren sollte. Leigh stand auf, bekam wohl gerade eine SMS von jemanden. Nach kurzer Zeit sah er mich wieder an.
„Rosalia fragt nach dir …“
Ich stand auf und trat zur Tür. Kurz blieb ich noch stehen, drehte mich zu ihm um mit ernster Miene.
„Du kannst ihr sagen, dass ich krank bin und deswegen wieder nach Hause gegangen bin.“
Danach lächelte ich ihn an.
„Achja und danke. Das auf der Straße war wirklich ziemlich peinlich ...“
Als ich mich nur am Kopf kratzte, nickte der Schwarzhaarige einfach nur.
„Wie du meinst. Es ist deine Entscheidung.“
Lächelnd ging ich wieder hinaus an die frische Luft.

Leigh schrieb seiner Freundin, was Ahri ihm gesagt hatte, fügte aber noch etwas hinzu. Danach wendete er sich wieder ab, kümmerte sich um seine Entwürfe und die ganzen Stoffrollen, die gestern neu geliefert wurden und trug sie in einen anderen Raum zu den anderen.

Leicht zitternd ging ich durch die Kälte, auf dem Weg nach Hause. Nächstes Mal sollte ich mich wohl etwas wärmer anziehen, schließlich rückte der Winter immer näher. Zuhause angekommen, fragte mich meine Mutter genervt, wieso ich wieder da war. Ich zog meine falsche Show durch und erzählte ihr von Schwindel und Übelkeit.
„Na, wehe du bist mir schwanger. Dann gibt’s Stress, Fräulein!“
Das war der letzte Satz, den ich noch heute von ihr hörte. Danach meldete sie mich wohl am Telefon in der Schule krank an und fuhr danach in die Arbeit. Müde schleppte ich mich ins Bett zurück, in dem meine schwarz-weiße Katze namens Lunna schlafend lag. Vorsichtig legte ich mich neben sie und streichelte sie sanft. Leise hörte ich ein Schnurren ihrerseits und lächelte leicht. Ich drückte mich an sie und ließ meine Tränen erneut laufen. Nie wieder würde ich so einen Fehler begehen und Liebe so an mich heran lassen. Niemals, das stand ab heute fest. Egal wie weh es auch tat, aber ich wollte ihn und auch keinen anderen jemals wieder an mich heranlassen. Ab morgen würde ich meine kalte Schulter zeigen und mir die neue Maske aufsetzen. Eine Neue, die eiskalt war und keine Gefühle mehr preisgab.

Dachte ich zumindest.


Am Nachmittag irgendwann, klingelte es plötzlich an der Haustür. Verwundert rieb ich mir die Augen und öffnete sie.
„Oh, Rosa? Was machst du denn hier?“
Besorgt sah sie mich mit ihren goldenen Augen an.
„Was ist passiert? Leigh hat mir geschrieben, es gab anscheinend Stress bei dir. Da dachte ich, dass ich mal bei dir vorbeiseh'.“
Sie war eigentlich eine sehr gute Ansprechperson. Vor allem behielt sie es wenigstens für sich und ich fühlte mich auch gut aufgenommen von ihr.
Gemeinsam saßen wir im Bett, sie mit Lunna auf dem Schoß. Eine Weile blieb es zwischen uns ruhig. Doch bald hatten wir unsere Worte wieder gefunden.
„Ich hab Castiel gefragt, wo du bist. Er sagte mir nur gelangweilt und schulterzuckend, dass du rausgerannt wärst.“
„Wird wohl so gewesen sein ..“, gab ich klein bei, zog meine Beine an meinen Körper heran und umschlang sie mi meinen Armen.
„Sag mal, was ist zwischen euch los? Und wer ist dieses merkwürdige Mädchen, das bei ihm mit dastand?“
Ich biss mir auf die Lippen.
„Ist … wohl seine Ex.“
„Ist? Sah eher nach einem 'was' aus …“, meinte sie bedrückt, doch ich lächelte nur traurig.
„Naja … Wenn er denkt, er wird glücklich mit ihr … Ich kann ihm das wohl kaum verbieten.“
Auch wenn ich es liebend gern getan hätte, es hätte ja doch nichts geändert.
Den restlichen Abend verbrachten wir mit Fernsehen, bis meine Mutter wieder kam und wieder etwas zum Herummeckern fand. Rosalia ging inzwischen wieder, um nicht noch mehr Ärger zu machen.
„Was soll das?! Sagte ich nicht, du sollst keinen Besuch reinlassen, ohne mir davor Bescheid zu geben?!“
Die Schultern zuckend ging ich ihr aus dem Weg, nahm meinen Zimmerschlüssel und sperrte mich ein. Schlaff ließ ich mich auf mein Bett fallen und deckte mich zu.
„Ich war noch nicht fertig, Fräulein! Na warte bis morgen ab!“, hörte ich als Letztes die fauchende Stimme und ein hinterhältiges Mosern, das immer leiser wurde und schließlich verstummte. Müde schloss ich die Augen und schlief auch recht schnell ein.
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Die Tage änderten sich. Und ich änderte mich mit ihnen auch. Der Rothaarige und ich gingen uns immer mehr aus dem Weg. Das Einzige, das ich noch wahrnahm, war das hinterhältige Grinsen von Debrah. Ich hätte sie hassen können … Doch stattdessen war ich ihr dankbar. Dankbar dafür, dass sie mir zeigte, wie Castiel wirklich war. Wie schnell er mich wieder vergessen konnte, wenn er eine andere hatte. Aber das war mir inzwischen egal. Konnte ich sogar mit der Zeit vergessen, die Gefühle schienen wohl auch langsam zu verschwinden. Kein Drang mehr, ihn küssen zu wollen, keinen Drang mehr danach geliebt zu werden. Nichts. Bis zu jenem Tag, an dem mich Lysander plötzlich darauf ansprach. Mir verschlug es ehrlich gesagt zuerst die Sprache, doch das was er mir sagte, war mehr als nur unberuhigend.

„Zwischen euch soll nun alles kaputt sein? Das glaube ich nicht.“
„Ist aber so … Ich kann nichts dafür, wenn ich so schnell zu ersetzen bin!“
„Bist du aber nicht! Was meinst du wie unglücklich Castiel plötzlich wirkt? Auch wenn er mir sagte, er liebe sie. Ich weiß, dass sie ihn wieder nur ausnutzen wird. Und genau das müssen wir verhindern.“
„Bitte? Was kann ich dafür wenn er so dumm ist und sich von einer ollen Schlampe das Gehirn ordentlich durchwaschen lässt?“, schnauzte ich den Weißhaarigen an. So langsam machte mich das Thema Castiel total aggressiv. Ich fing sogar an ihn die ganzen Tage zu hassen! Und jetzt kam ausgerechnet sein bester Freund daher und erzählte mir etwas anderes! Wo waren wir hier denn bitte?!
„Ich bitte dich nur darum. Entscheiden kannst immer noch du, was du machst.“
Er kam ein paar Schritte näher zu mir.
„Aber ich glaube sowieso, dass er nur in seiner alten Vergangenheit herumschwelgt. Er wollte schon damals mit ihr abschließen …“
Und stellte sich neben mich, lehnte sich an den Tisch hinter uns.
„Und ich glaube, er würde sogar anfangen sie abzuschließen wenn er wüsste, dass es jemand Besseres gibt. Jemand, der auch seine Liebe teilt … und das nicht gerade wenig.“
Schlagartig kam die alte Röte in meinem Gesicht hoch. Wieso … wieso sagte Lysander mir so etwas? Spielte er etwa gerade auf meine Gefühle gegenüber den Rothaarigen an?
„Aber was kann man schon dagegen machen?! Ich glaube kaum, dass er sich nur wegen mir von ihr trennen würde. Im Gegenteil! Er wirft mich lieber gleich ganz weg! Da ist es auch egal, ob wir uns nun schon jahrelang kennen oder nicht. Nicht mal einen einzigen Funken von Freundschaft spüre ich mehr von seiner Seite aus. Nur pure Ignoranz!“, schnaubte ich genervt.
„Aber -“
„Nichts aber! Wenn ich Castiel schon so scheiß egal bin, dann möchte ich ihn nie wieder sehen! Soll er sich doch aus meinem Leben endgültig verpissen!“, schrie ich ihn an und floh gerade zur Klassenzimmertür und schwang sie wieder auf. Stockend blieb ich stehen. Alles was ich sah, war ein geschocktes Gesicht. Schluckend senkte ich meinen Kopf und ging an ihm vorbei. Ja, es war entschieden. Vor allem jetzt. Nachdem er das hörte, würde er mich erst recht vergessen. Und ich musste es nun auch.

Von Tag zu Tag jedoch verschlimmerte es sich. Aber wieso? Wieso konnte ich ihn plötzlich nicht mehr einfach so vergessen? Vorher ging es doch immer hin auch.  Seufzend lehnte ich mich gegen eisiges Metall, das als Zaun diente. Vor mir lag eine kleine Treppe, ein kleiner Weg zu einem Weiher, der schon zur Hälfte eingefroren war. Meinen Regenschirm hatte ich Zuhause vergessen, hatte keine Mütze auf und ausgerechnet heute fing es kräftig an zu schneien. Vorsichtig tapste ich die Treppe hinunter und ging bis zum Wasser. Kurz davor blieb ich stehen, betrachtete Enten, die herumschwammen und ab und zu wieder mit dem Kopf abtauchten. Ein Leichtes und Trauriges Lächelte umspielte meine Lippen, als ich sie beobachtete.
Plötzlich hörte ich langsame Schritte hinter mir. Danach schoss an mir etwas Großes vorbei und sprang in den Weiher, das Eis brach ein und ein durchnässter, zitternder Hund kam wieder heraus.
„Man, Demon! Was du auch immer anstellst ...“, grummelte eine mir zu bekannte Stimme hinter mir und mein Lächeln erstarb. Mit senkendem Kopf bewegte ich mich nicht.
„Was machst du hier?“, fragte ich mit ernstem Ton.
„Ich … habe dich gesucht.“
Kurze Stille.
„Ist sie dabei?“
In mir zog sich gerade mein Herz auf qualvollster Weise zusammen.
„Nein.“
Langsam hob ich meinen Kopf, doch drehte mich nicht um.
„Warum kommst du auf die bescheuerte Idee, mich zu suchen?“
Nervös biss ich mir auf die Unterlippe, fürchtete mich ein wenig vor seinen Gründen.
„Weil ich mit dir unbedingt reden muss.“, hörte ich plötzlich direkt hinter mir, als würde er nur wenige Zentimeter von mir entfernt stehen. Scharf zog ich die Luft ein und drehte mich um, schrie ihn an.
„Achja?! Über was denn bitteschön? Ich bin dir doch sowieso scheiß egal! Kannst dich ruhig wieder zu deiner anderen Ische verpissen, sie ist sowieso besser für dich anscheinend geeignet!“, platzte es aus mir wutentbrannt aus und er starrte mich nur leicht geschockt an. Anscheinend wusste er nicht, wie er auf meine Worte reagieren sollte. Nachdem er mich nur stumm ansah, drehte ich ihm wieder den Rücken zu, versuchte die Situation in den Griff zu bekommen. So leicht würdest du mir nicht wieder den Kopf verdrehen. Schließlich warst du der Einzige, der mir immer wehtat.
„Bitte, hör mir zu ...“
„Tzz...“, zischte ich und verschränkte die Arme.
„Du musst mich danach ja nicht wieder mögen, aber ich will, dass du die Wahrheit weißt.“
„Na dann … Ich bin gespannt auf deine Erklärung.“
Eine kurze Stille herrschte wieder zwischen uns, genauso wie die anderen Male auch immer. Doch dieses Mal war sie die am meisten Erdrückende, die ich je spürte.
„Weißt du noch, als ich von ihr erzählte?“
Ich nickte.
„Ich erzählte dir ja, sie spielt in einer Band. Aber letztens ist der Gitarrist ausgetreten … und sie hat einen Neuen gesucht.“
Stimmt, er spielte ja Gitarre. Das war aber noch längst kein Grund, mich zu ignorieren.
„Und weiter?“, drängelte ich. Ich wollte ihn so schnell wie möglich wieder abschütteln.
„Ich dachte eine Zeit lang, sie wäre vielleicht doch die richtige Person. Deswegen habe ich es nochmals mit ihr versucht …“
„Achja? Und deswegen ignorierst und vergisst du mich einfach mal und schiebst mich ab wie Stück Dreck? Weißt du eigentlich, wie scheiße man sich da fühlt? Anscheinend ja nicht, sonst hättest du es nicht so gemacht!“
„Ja ich weiß. Ich weiß selbst, dass es ein großer Fehler war. Aber … aber ich musste es so machen. Sonst hätte ich nie dabei endlich etwas herausgefunden … Ich-“
„Nein, Castiel! Ich hab' es satt!“
Ich drehte mich um.
„Ich hab es so satt, dass du mich immer abschiebst! Und dann tust du danach so als wäre es nicht so groß schmerzhaft gewesen! Damals warst du genauso! Und wirst dich wahrscheinlich auch nicht ändern.“
Stumm starrten wir uns an, während er mich geschockt und doch ein wenig traurig ansah. Sein Mund öffnete sich, schloss sich danach aber wieder und der Rothaarige senkte plötzlich seinen Kopf.
„Wenn das nun alles war, geh ich.“, waren meine letzten Worte, ehe ich ihn im Schnee stehen ließ. Die dritte Fußspur war das nun schon, die sich über meine erste legte. Hinter mir hörte ich noch ein lautes Jaulen. Demon schien wohl die Sache zwischen uns genauso nicht zu gefallen. Aber ich würde nun endgültig damit abschließen. Ohne 'wenn' und 'aber'.
Meine schwarzen Haare waren schon völlig durchnässt und auf dem Rückweg nieste ich ein paar Mal. Na das auch noch, ich wurde krank. In meinem Zimmer zog ich mich sofort um. Ein dicker schwarzer langer Pullover, der mir fast bis zu den Knien ging, eine rote enge Leggins und bunte Kuschel-Socken mussten reichen. Im Bad föhnte ich meine Haare trocken, dabei bildeten sich wieder einmal hässliche Wellen. Naja, heute würde sowieso kein Besuch mehr kommen. Von Linkin Park ein Lied summend schaltete ich meinen Laptop an, las ein paar Geschichten im Internet durch um mich abzulenken. Aber das Lesen machte es nicht gerade besser. Stattdessen grübelte ich nun erst recht nach … und verfiel schon wieder in mein altes Muster. Doch egal wie oft ich auch noch hinterherweinen würde, es würde nichts ändern. Aber wie schloss ich mit ihm einfach so ab? In der Schule musste ich ihn jedes Mal sehen … und ich glaubte kaum daran, ich würde es so aushalten. In der Schule war ich sowieso schlecht … Vielleicht wechselte ich sie lieber? Schließlich hatte ich noch meinen Onkel, der noch in meiner Heimatstadt wohnte. Und ich glaubte daran, es wäre weit genug weg, um Castiel nie wieder sehen zu müssen. Entschlossen stand ich auf, suchte Papier an meinem Schreibtisch und einen Stift. Plötzlich fingen auch noch meine Hände wieder an zu zittern, doch an der Kälte im Zimmer lag das ganz und gar nicht. Bei den letzten Worten die ich aufschrieb, wären fast auf das Blatt geflogen. Rechtzeitig wurde ich aber fertig und faltete den ersten und auch letzten Brief an ihn zusammen. Kurz öffnete ich ihn aber nochmals, las ihn mir durch bis zu den letzten Zeilen.
„Ich wünsche dir noch viel Glück im Leben. Vielleicht wird das mit dir und ihr auch wieder gut und kannst auch endlich mit ihr glücklich werden ...“, murmelte ich ächzend. Dachte dabei, wie glücklich er wohl mit ihr aussehen würde. Ich hingegen war Nichts für ihn.
Schnell zog ich mir nochmals eine Jacke an und dieses Mal auch eine Mütze, nahm das Stück Papier mit und machte mich auf den Weg zu Rosalia. Welch ein Glück, dass sie nicht allzu weit weg wohnte. Bei ihr angekommen, traf ich auch Leigh und … Lysander? Als ich ins Wohnzimmer kam, sah mich Lysander etwas verwirrt an, doch seine ernste Miene veränderte sich nicht.
„Was ist denn los, Ahri? Gibt es was Neues?“
Kurz überlegte ich.
„Ich würde nur gern kurz alleine mit dir sprechen ...“
Sie nickte darauf nur und wir gingen zu zweit in ihr Schlafzimmer. Seufzend setzten wir uns auf ihr Bett. Sofort zückte ich das Zusammengefaltete heraus und drückte es ihr in den Händen.
„Ich will euch nicht unnötig so lange stören... Aber könntest du den Brief Castiel geben? Es ist sehr wichtig.“
„Aber … wieso redest du nicht einfach mit ihm?“, fragte sie besorgt.
„Weil es nicht geht … Also wir haben schon, aber ...“
Als ich mitten im Satz verstummte, fühlte sie sich wohl erst recht beunruhigt.
„Was ist passiert?“
„Ich … Wir haben uns getroffen. Aber nur zufällig … und er hat mir versucht zu erklären, wieso das alles passiert war.“, erzählte ich ihr.
„Aber das ist doch gut oder nicht?“
Sie sah mich leicht verwirrt an, ich lächelte nur leicht.
„Ich kann ihn ehrlich gesagt immer noch nicht verstehen. Ich weiß nur dass ich so wichtig für ihn nicht sein kann, wenn er für eine bestimmte Zeit lang ganz ohne mich auskommt und so tun kann als wäre ich Luft.“
Der Raum versank in Stille, ehe ich aufstand.
„Danke übrigens, Rosalia. Danke für alles.“
„Aber ich mach' das doch gern.“, sagte sie und zwinkerte mir zu.
„Ich gebe zu, Castiel ist sehr schwierig. Aber wenn ihr erst einmal genügend Abstand voneinander braucht, wäre es wohl erst mal das Beste ihm aus dem Weg zu gehen.“
Ihm aus dem Weg gehen … Ja, nur anders.
„Ja.“, entgegnete ich nur und verließ das Zimmer. Durch das Wohnzimmer durchgehend, verabschiedete ich mich von den anderen zwei Jungs und machte mich wieder auf dem Weg nach Hause. Plötzlich sah ich von außen, dass Licht in meinem Zimmer an war und klingelte sofort. Meine Mutter machte auf, sagte mir plötzlich ich hätte von Jemanden Besuch. Sofort hatte sie etwas gegen seine Haare, angeblich sollen sie wie Mädchenhaare für sie wirken, die auch noch dazu rot gefärbt waren. Castiel …

Als ich leise die Tür öffnete, saß er schon auf der Bettkante. Plötzlich schreckte er leicht auf, sah mich an.
„Ahri …“
„Was willst du noch?“, fragte ich.
„Mich bei dir entschuldigen.“
Er stand auf und verringerte unseren Abstand.
„Castiel … Bitte … Ich will es einfach nur noch verdrängen ...“
„Was verdrängen?“
„Das … das alles! Es verletzt mich einfach nur! DU verletzt mich!“, warf ich ihm vor, doch er schien wohl gar nicht darauf einzugehen. Stattdessen stand er auf und zerrte mich in seine Arme.
„Cas .. stiel ...“, flüsterte ich flehend.
„Hör mir doch wenigstens bis zum Ende zu ...“
„Nein … nein! Dann fängt das alles nur wieder von vorne an! Hau ab! Ich will dich nicht mehr sehen!“
Mit Tränen in den Augen schubste ich ihn weg und drehte ihm den Rücken zu, wandte mich zur Tür. Ich schluckte.
„Was soll denn das werden?! Griffel weg von meiner Tochter!“, ertönte die fauchende Stimme … von meiner Mutter? Seit wann kümmerte sie sich um mich? Ehe ich mich versah, packte sie ihn am Kragen und Haaren und schickte ihn vor die Tür. Ein lautes Knallen war im Haus zu hören, ich sank auf meine Knie. Wieso musste es so kommen? Es war vorbei … Jetzt war alles vorbei. Ich musste es nur noch meiner Mutter beibringen. Denn der Brief war schon an Rosalia gegeben. Plötzlich klingelte mein Handy, eine SMS. Ein einziger Blick und ich sah seinen Namen. Kurz überlegte ich, ob ich antworten sollte … aber ich ließ es. Kurz darauf kam aber noch eine. Zitternd las ich sie …
'Was war 'n das jetz für 'n scheiß? Schmeißt die mich einfach raus eh...'
'Antwortest du bitte? Es ist wirklich dringend dass wir reden...'
und schaltete danach mein Handy aus. Nein, ich konnte ihm nicht antworten. Es ging einfach nicht. Schluchzend krabbelte ich zu meinem Bett, lehnte mich gegen die Bettkante mit dem Rücken und starrte in die Leere.
„Sag mal, was wollte dieser Mistkerl eigentlich von dir?“, hörte ich ihre Stimme.
„Er … er wollte mit mir reden ...“
„Reden sieht in meinen Augen anders aus.“, gab sie grimmig von sich und setzte sich plötzlich zu mir mit runter auf den Boden, was mich eigentlich stark verwunderte.
„Ach Liebling ..“, meinte sie und legte einen Arm um mich, wischte meine Tränen vorsichtig weg.
„Lass dir doch nicht so auf der Nase herumtanzen. Es gibt viel bessere und hübschere Jungs. Mal ganz ehrlich, so 'n bunter Vogel ...“
„Das …. das war Castiel … von früher“, erwiderte ich zögernd.
„Castiel?“, fragte meine Mutter, überlegte wahrscheinlich gerade ob sie den Namen kannte.
„Ja … Der schwarzhaarige Junge, der damals mit seinen Eltern aus unserer Nachbarschaft wegzog. Er … hat sich nur etwas verändert.“
„Ach meine Güte … Dieser … also damals hatte ich ihn noch als kleinen Frechdachs als Erinnerung. Damals hast du alles von ihm abgeguckt mit seinen Frechheiten. Weshalb ich dich auch mal ab und zu zusammenschimpfen musste.“
Bei ihrem Kommentar musste ich leicht lächeln. Ja, damals war es eine wunderschöne Zeit. Und ehrlich gesagt hatte er sich auch nicht viel mehr verändert. Eigentlich war er immer noch dieser Junge, den ich kennenlernte und mochte.
„Aber musste er denn sich unbedingt die Haare färben? Ich finde, schwarze Haar würden ihm immer noch besser stehen.“, meckerte sie und ich musste leise kichern. Da war es wieder. Die Beziehung von früher, von ihr und mir. Doch wo war sie all die Jahre? Ich dachte, sie hasste mich mit der Zeit. Doch wieso kam sie plötzlich zu mir zurück?
Stille kehrte ein, ich sah bedrückt in die andere Richtung. Ob ich sie fragen sollte?
„Du … Mum?“, fing ich zögernd und leise an.
„Was ist denn, Schatz?“, hörte ich ihre Stimme.
Eine Weile überlegte ich, wie ich es ausdrücken sollte. Aber es war längst nicht so einfach. Alles was ich wissen wollte, war doch eigentlich nur wieso sie die ganzen Jahre so auf Abstand zu mir war.
„Ich … Ich wollte nur wissen, wieso ich dir plötzlich nicht mehr egal bin ...“, sprach ich leise aus. Plötzlich spürte ich beide Arme um mich herum, was mich etwas schockierte.
„Was redest du nur für einen Müll? Du warst mir nie egal ...“
Aber es tat gut, wieder in ihren Armen zu liegen.
„Aber … was war das dann die letzten Jahre?“
Kurze Stille.
„Ich weiß selbst nicht, wie es sich so entwickeln konnte ...“, flüsterte sie plötzlich und spürte, dass sie zitterte.
„M-Mum?“, fragte ich leise.
„Es tut mir so Leid, wie ich dich behandelt habe. Aber seit dem dein Vater weggegangen ist, war ich depressiv. Ich … hatte niemanden zum reden. Und dich wollte ich nicht damit vollreden. Du warst ja selbst so down.“
Achja … Mein Vater …
„Doch mit der Zeit wurde ich wahrscheinlich viel mehr aggressiv und habe immer etwas gesucht, womit ich alles andere um mich herum schlecht machen kann …“
Ihre Stimme wurde immer mehr zu einem Hauchen, das ich es gerade noch verstand. Stumm hielt ich mir eine Hand vor dem Mund, ließ meinen Tränen freien Lauf.
„Ich dachte, es würde mir helfen nicht mehr so negativ zu denken ...“
„Aber... all die Jahre …?“; schluchzte ich.
Ewig kam keine Antwort.
„All die Jahre hast du mich nur beschimpft, missachtet und herumgeschubst nur wegen Vater? Er hat es nicht verdient, dass du dich wegen ihm so fertig machst! Und du hast nicht das Recht mich dafür fertigzumachen!“, heulte ich, riss mich aus ihren Armen und stand auf. Fassungslos sah sie mich an, doch ich entfernte mich ein paar Schritte.
„Du bist nicht viel besser als er …“, hauchte ich.
„Du … Du bist sogar schlimmer als er! Es tut weh, die ganze Zeit heruntergemacht zu werden!“, schrie ich sie plötzlich an, „Lieber werde ich verlassen oder ignoriert, als mir die ganze Zeit anhören zu müssen, wie schlecht ich bin!“
„Ahri ...“
Ein leises Schluchzen überkam nun auch sie. Doch ich schrie sie weiterhin nur an.
„Hast du dir auch nur einmal überlegt, wie ich mich dabei fühlen könnte? Hm? NEIN! Hast du nicht!“
Ich stampfte zur Tür, drehte mich nochmals zu ihr um.
„Es ging nur um dich! Du bist so ein Egoist und denkst nur an dich! Deine Tochter war dir dabei so scheiß egal! Hauptsache du hattest immer irgendetwas um DICH besser zu machen, oder?! Nur DICH!“
Und ich verschwand, ließ sie zurück. Ich verließ sie so, wie sie mich verlassen hatte. Es war sowieso bald alles vorbei. Alles was ich nun noch wollte, war das hier alles vergessen. Auch wenn es wehtat, meine anderen Freunde bis dahin erst mal nicht mehr zu sehen. Aber vielleicht würde ich noch mit Rosalia in Kontakt bleiben, auch wenn es nur telefonisch war.
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Es waren schon Wochen vergangen, war inzwischen bei meinem Onkel eingezogen. Eigentlich bereute ich es, alles einfach so hinter mir gelassen zu haben. Aber mir blieb nichts anderes übrig … Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen … Nicht mal mehr meiner Mutter. Wenn es um Dinge ging, die mich kaputtmachen wollten, schrieb ich sie so schnell wie möglich ab. Das war ein Teil meines Selbstschutzes, den ich all die Jahre versuchte aufzubauen.

Wäre der Tag nicht gekommen, an dem ich Rosalia erlaubte mich in der Stadt zu besuchen, hätte mich die Vergangenheit nicht wieder eingeholt.


Gerade trank ich meinen Kaffee und saß am Laptop. Danach zog ich mich an und machte mich fertig für das Treffen mit Rosalia. Ehrlich gesagt freute ich mich schon, sie wieder zu sehen. Sie war die einzige richtige Freundin, die ich noch hatte. Alle anderen in meiner alten Schule waren nur Bekannte für mich. Sofort als ich hinausging, spürte ich kalten Wind, der meine Haare in der Luft tanzen ließ. Unser Treffpunkt war der einzige Spielplatz, den es hier gab. Doch als ich ankam, sah ich mehr Leute als nur eine Weißhaarige.

Geschockt stolperte ich ein paar Schritte nach hinten. Rosalia, wieso hattest du mich belogen? Du wusstest genau, dass ich alle anderen vergessen wollte!
„Warum? Warum bist du einfach so abgehauen, ohne uns auch nur ein Wort zu sagen?“, fragte mich Leigh. Ich schaute zu Boden, während mich meine ganzen Schuldgefühle überrollten.
„Rosa … Wieso? Ich hatte dich doch gebeten, keinen mitzubringen! Wieso brichst du einfach so mein Vertrauen?!“, schnauzte ich sie an mit zittriger Stimme.
„Glaubst du echt ich unterstütze dich als Freundin darin, dass du vor deinem Glück wegrennst?!“, kam es platt von ihr zurück und ich riss meine Augen auf. Was nannte sie hier bitteschön Glück?
„Was heißt hier Glück?!“, fuhr ich sie weiterhin an, wir traten ein paar Schritte nach vorne, bis wir uns gegenüberstanden, „Das alles war die Hölle! Es reicht ja schon dass ich nur ein Ersatz für ihn war!“
„Du warst niemals Ersatz, Ahri … Sondern sie.“
Ich schluckte. Castiel … war also auch gekommen? Ich starrte zu Leigh, Viola und Kim. Plötzlich trat der Rothaarige nach vorne, ich dachte ich seh' nicht mehr richtig.
„Auch wenn das sich jetzt total kitschig anhört …“, fing er an, „ Aber du warst und bist immer noch die Einzige für mich. Und dich kann und wird auch niemand ersetzen. Dich und deine Art kann niemand ersetzen, Ahri.“
„Und … und was war dann mit Debrah?“, fragte ich kleinlaut. Ich konnte ja die ganze Sache nicht ahnen. Es war alles wie überstürzt, ich traute mich schon gar nicht irgendetwas zu machen. Wegzurennen wäre nicht die beste Möglichkeit gewesen. Plötzlich entfernten sich die anderen von uns, wollten uns wohl alleine lassen. Ich starrte ihn nur an, konnte nicht glauben was er da sagte.
„Mittlerweile war mir klar geworden, dass ich damals nur Ersatz suchte. Weil ich mir damals schon bewusst war, dass du immer nur Freundschaft sahst. Vor allem, als wir uns wiedersahen und Debrah später wieder auftauchte ...“
Nur ein paar Zentimeter Abstand lag noch zwischen uns. Stumm sah ich ihn weiter an. War das hier gerade wirklich real? Plötzlich nahm er meine Hand. Wie automatisch überkam mich eine Hitzewelle, die durch meinen ganzen Körper fuhr. Da waren sie wieder. Die Gefühle, bei denen ich dachte, sie wären nun endgültig Geschichte. Aber stattdessen hatten sie nur gewartet. Auf ihn.
„Ich dachte, ich wäre nicht gut für dich. Deswegen war ich so dumm und habe mich nochmals auf sie eingelassen. Aber es hat nicht lang gehalten. Weil ich dabei immer nur an dich denken musste ...“
War... war das eben eine Liebeserklärung? Nein, das konnte es nicht sein! Niemals! Nicht nach all der ganzen Zeit! Er hätte so oft die Chance gehabt, mich zu fragen!
„Warum kommst du immer daher wenn man denkt, es ist sowieso zu spät?! Und verdammt nochmal, WIESO bist du nicht zu mir gekommen und hast mit mir darüber geredet?!“, fauchte ich, doch er lächelte nur traurig.
„Gerade weil du mir so wichtig bist, wollte ich das alles nicht zerstören.“
„Aber genau das hast du damit! Und außerdem, wer sagt denn dass ich dich nicht genauso mag?“
Plötzlich hob er die andere Hand und wischte mir etwas Nasses an meinen Wangen weg.
„Ich weiß, dass es meine Fehler waren. Hätte ich es dir früher gesagt, dann wäre das alles nicht so eskaliert. Aber ich wusste nicht wie ich mit dir darüber reden sollte ...“
Stumm ließ ich mich in seine Arme nehmen, vergrub mein Gesicht in seine Haare und krallte meine Hände in seinen Rücken.
„Eigentlich wollte ich mit dir darüber beim Weiher und als wir bei dir Zuhause waren, mit dir darüber reden. Ich hab' sogar versucht, dich am Handy zu erreichen … Aber da du abgeblockt hast, wusste ich nicht mehr weiter ...“
Ich schluckte leise. Hätte ich ihn damals wenigstens weitersprechen lassen, hätten wir uns das alles vielleicht wirklich ersparen können.
„Castiel … Es tut mir auch Leid … Ich hätte dich nicht so anschnauzen sollen … Aber ich wusste ebenfalls nicht weiter, vor allem als du Debrah hattest. Es tat mir so weh, dich mit ihr zu sehen … Deswegen dachte ich, es wäre besser dich ein für alle Mal zu vergessen“, entschuldigte ich mich bei ihm und spürte, wie er seine Umarmung verstärkte.
„Schon gut. Es gab einfach nur viel zu viele Missverständnisse.“, hauchte er in mein Ohr und ich zuckte leicht zusammen, als ich seinen Atem an meiner Haut spürte. Leicht drückte ich mich von ihm weg, sah ihm in die Augen. Es war also sein Ernst. Er machte keine Scherze, triezte mich oder sonst irgendwas. Gar nichts. Noch ehe ich etwas sagen konnte, schloss er langsam seine Augen und legte seine Lippen auf meine. Automatisch schloss ich sie ebenso und genoss diesen Moment der Wärme, nach der ich mich schon immer sehnte.
„Ich liebe dich, Ahri.“
„Ich liebe dich auch … Castiel.“
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