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The book of Aristea -The Assassin of Rome Part 1

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
08.08.2014
04.10.2014
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08.08.2014 4.309
 
Ein Klopfen ließ mich hochschrecken.

„Aristea, seid Ihr wach?“, rief Pheroas.

Schlagartig saß ich senkrecht im Bett, die Nacht noch in den Knochen.

Und was das für eine Nacht gewesen war...

Ich bekam meinen ersten Kuss und Liebesdienst von einer Straßenhure und ich hatte zum ersten Mal getötet. Gar nicht mal schlecht. Ich hatte mir das Töten bei Leibe schlimmer vorgestellt, nächtelang wachgelegen und mich gefragt, wie es wohl sein würde, ob ich es überhaupt konnte. Doch meine Klinge in den Leib dieses Unholds zu versenken, war mehr als nur befreiend gewesen.

„Aristea?!“

„Ja, kommt nur herein.“

Als ich ihn ansah, war ich auf das Übelste gefasst.

„Wie war die cena libera?“, fragte ich interessiert.

„Oh Aristea, Ihr hatte Recht, geliebte Schwester. Sie wollte mich verführen.“, er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und weinte leise.

„............“

„Doch ich war standhaft...“, zitterte er.

„Pheroas...“, meine Arme legten sich um ihn, „...ich glaube Euch . Doch, auch wenn Ihr es jetzt nicht hören wollt, ich hatte Euch gewarnt.“

„Was hätte ich denn tun sollen?“, schluchzte er leise.

„Ihr habt das Richtige getan, als Ihr der Bestie nicht nachgegeben habt.“

„Aber zu welchem Preis? Aristea... sie war so wütend, niemals hätte ein Mann sie abgelehnt. Sie schwor mir Rache.“

Ein bitterer Geschmack legte sich auf meine Zunge.

„Doch das ist noch nicht alles. Liberio, der Befehlshaber der kaiserlichen Garde, wurde ermordet! Gerade als ich mich ihrer entzog, fiel sein Leib vom Dach, genau auf den Tisch neben dem ich stand! In seinem Herzen steckte ein Dolch, als Livia ihn sah, hat sie die Fassung vollkommen verloren. Ihr Blick war so voller Hass. Aristea, ich habe noch nie solch kalte Augen gesehen. Die Sklaven schrien vor Entsetzen und verursachten eine Massenpanik! Hunderte Menschen wurden totgetreten, überall lagen die Leichen von Frauen und Männern, die Soldaten konnten nichts tun!“

"Pheroas, was sagt Ihr da?!", ich tat entsetzt.

„Selbst jetzt räumen Vater und alle anderen die Körper weg, die Arena ist besudelt von Blut und Innereien. Die Männer sind vollkommen verängstigt! Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in ganz Rom! Der Kaiser hat die Spiele abgesagt, das gab noch nie in den letzten zweihundert Jahren!!! Die Menschen haben Angst, die Straßen Roms sind heute wie leer gefegt!“, sprach er fast panisch und wischte sich den Speichel vom Mund.

„Das ist ja furchtbar!“

„Die Kunde geht herum, dass es jener Mörder war, der angeblich von Livia getötet wurde. Sie sprechen ehrfürchtig vom Schatten Roms!“

Der Name gefiel mir auf Anhieb.

„Augustus hat in jedem Winkel der Stadt, sämtliche Soldaten des Reiches zum Schutz der Bürger Aufstellung nehmen lassen. Sie haben unzählige Verdächtige festgenommen und verhören sie in der Basilica Julia! Wir werden hier schwer bewacht, das ganze Haus wimmelt vor Soldaten! Also passt auf Euch auf, Aristea. Geht nirgendwo alleine hin... bitte versprecht es mir.“

„Ich werde nirgendwo alleine hingehen...“

„Danke, liebe Schwester.“, er gab mir einen Kuss auf die Wange.

„Warte! Wo wollt Ihr jetzt hin?“

„Trotz der schrecklichen Kunde, gibt es etwas Erfreuliches! Amelia hat in der Nacht unser Kind geboren! Ich bin jetzt stolzer Vater eines Sohnes!“, rief er euphorisch.

„Oh, Pheroas!!!“, ich sprang ihm um den Hals.

„Zieht Euch etwas an und kommt nach unten. Alle sind da und bestaunen meinen prächtigen Sohn!“

„Wer sind alle?"

„Vater, Mutter, ja sogar der alte Remus ist mit Marcos und Mulawi hier, ebenso Aelia!“

Ich versteifte mich.

„Ist alles in Ordnung?“

„Ja sicher... entschuldigt. Ich werde sofort bei Euch sein.“

Als ich die Stufen runterkam, hörte ich meinen Vater begeistert rufen.

„Ist er nicht einzigartig, so klein und schon so kräftig!“

„Verigilanus, mein geliebter Mann, er ist doch erst wenige Stunden alt!“, lachte meine Mutter.

„Aristea, schön Euch zu sehen...“, sprach Amelia leise.

„Wie lange steht Ihr schon dort?“, fragte meine Mutter erstaunt.

„Nicht lange...“

„Kommt her und seht Euch meinen Enkel an, Tochter!“, winkte mein Vater mich zu sich. Ich schenkte Aelia keine Aufmerksamkeit und trat nahe an das Bett heran.

In Amelias Armen lag das schönste Kind dieser Erde...

Der Kleine beobachtete mit seinen wachen, blauen Augen aufmerksam das bunte Treiben um sich herum. Nie wieder in meinem Leben sah ich eine Seele von solcher Reinheit. Obwohl noch winzig an Wuchs, war er meinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten. Es war, als würde er selbst zum zweiten Male das Licht der Welt erblicken.

„Woll Ihr ihn mal halten?“, sie reichte mir liebevoll das kleine Bündel. Ich war wie verzaubert von dem niedlichen Gesicht, der weichen Haut und den hellen Augen. So vorsichtig, als trüge ich die Büchse der Pandora, hielt ich das Kind in meinem Arm.

„Er ist schöner als die Sonne...“, hauchte ich von Freude überwältigt.

„Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, mein Kind, er steht Euch sehr gut!“ nickte meine Mutter, als alle mich belächelten. Nur Aelia lachte nicht.

„Wie habt Ihr ihn genannt?“, fragte ich meinen Bruder.

„Nun wir dachten, Ihr würdet das gerne übernehmen.“, sprach er mit feuchtem Gesicht.

„Es ist mir eine Ehre. Pheroas, ich möchte, dass er Euren Namen trägt.“

„Das dachten wir uns schon.“, warf mein Vater gütig ein.

„Also kleiner Pheroas, willkommen auf Jupiters schöner Erde!“, lachte ich, bevor ich ihn zurück in Amelias Arme legte.

„Frau geh und koche ein Festmahl zu Ehren der Mutter, sie soll bei Kräften bleiben und meinen Enkel stärken!“

Zusammen mit Flavia verließ ich das Zimmer. Aelia folgte uns.

„Hat Pheroas Euch berichtet, was sich auf dem Fest der Gladiatoren ereignet hat?“, fragte meine Mutter, als sie in der culina herum werkelte.

„Eine furchtbare Tragödie!“, ich goss mir etwas Wein ein.

„Mir tun die Menschen leid, die nun unschuldig sterben werden. Am Abend findet auf dem Marsfeld eine öffentliche Massenhinrichtung statt!“

„Was sagst Ihr da!?“

„Livia will dem Volk so die Stärke des Kaisers demonstrieren.“

„Wie kann sie es wagen!“, zischte ich laut und drückte mit meiner Hand so fest zu, dass das Trinkgefäß knirschend zerbrach und sich die rote Flüssigkeit auf dem Boden verteilte.

„Aristea!!“, rief meine Mutter bleich.

„Vergebt mir Mutter, doch ich halte nichts von derartigen Machtdemonstrationen! Ans Kreuz genagelte Bürger dieser Stadt zu verurteilen ist nicht gerecht...“, ich griff nach einem Tuch und befreite meine Hand von den Scherben.

„Sie werden nicht nur ans Kreuz genagelt!“, hallte Aelias Stimme durch den Raum, „...Sie werden bei lebendigem Leibe verbrannt!“

Schwankend lehnte ich an der Tischkante.

„Livia geht unglaublich brutal vor.“

„Mutter, entschuldigt mich bitte, ich fühle mich auf einmal nicht sehr gut...“

„Mein Kind... was habt Ihr denn?“, sie legte mir voller Sorge die Hand auf die Stirn.

„Mir ist nur etwas schwindlig, ich werde mich zurückziehen.“, immer noch wankend ging ich zur Treppe.

„Aristea, wartet!“

„Verschwinde...“, knurrte ich böse.

„Ich muss mit Euch reden, bitte!“, bettelte Aelia.

„Ich will jetzt aber nicht reden!“

„Bitte hört mir nur einen Moment zu!“, sie ergriff meine Hand, doch ich riss mich los.

„Es ist besser, wenn Ihr jetzt geht und kommt nie wieder!“

„Aristea... was redet Ihr da?“, fragte sie mit erstickter Stimme.

„Ich will Euch nicht mehr sehen, unsere Freundschaft ist beendet!“

„Aber warum? Ist es wegen neulich?"

„Es ist besser so, glaubt mir.“

„Damit werde ich mich nicht zufrieden geben. Ich will eine Erklärung warum meine beste Freundin mich verstößt, ich habe das Recht dazu nach all den Jahren, findet Ihr nicht?!“

„Oh doch, das werdet Ihr. Und nein, Ihr habt keine Rechte.“

„Warum?“, rief sie den Tränen nahe.

„Ihr würdet es nicht verstehen...“

„Aber...“, sie machte einen Schritt auf mich zu.

„Wachen!!!“, sogleich waren drei bewaffnete Männer bei mir, „...geleitet diese Frau nach draußen, sie darf dieses Haus nicht mehr betreten, habt ihr verstanden!“

„Sehr wohl!“


(xxx)

Es war schwer für mich sie gehen zu lassen...

Doch ich sah keinen anderen Ausweg. Aelia war die Einzige, die wusste wozu ich fähig war, sie kannte mich in- und auswendig und ich war mir sicher, dass sie ahnte, wer hinter dem Mord steckte. Es war zu riskant sie weiter um mich zu haben, fürchtete ich doch um ihr Leben, sollte es Livia je gelingen mir auf die Schliche zu kommen. Mit dieser Tat hoffte ich, sie lange genug zu beschäftigen, damit sie Pheroas vergaß.

Doch Fortuna kann grausam und launisch sein...

Ist sie dir an einem Tag gewogen, so stürzt sie dich am Nächsten ins Unglück.

Wie dumm ich doch war, sie zu unterschätzen... doch ich will nicht vorgreifen.

Mein nächstes Ziel war Remus, doch ich wusste nicht, wo er lebte, geschweige denn, wie ich zu ihm kommen sollte. Trotz der guten Bewachung wäre es ein Leichtes gewesen, heimlich zu verschwinden, doch wohin? Rom war groß und in der Schule nach Remus zu suchen wäre reiner Selbstmord gewesen, dort wimmelte es von Soldaten. Marcos und Mulawi kamen alle drei Tage, immer abends, mit einem Wagen und brachten uns Lebensmittel. Mein Bruder blieb ebenfalls bei uns um sich um Frau und Kind zu kümmern. Nur mein Vater ging auf Befehl des Augustus wieder in die Gladiatorenschule. Die Menschen Roms waren mir schon immer ein Rätsel, so schnell sie etwas sie ängstigte, umso eher schienen sie dies zu vergessen. Keiner sprach mehr über den Schatten, wie ich hörte, gelang es Livia mit den Hinrichtungen, das wankelmütige Volk zu besänftigen.

„Wie geht es in der Schule voran?“, hörte ich meinen Bruder neugierig fragen.

„Sehr gut, Herr.“, sprach Mulawi als sie die Nahrungsmittel hereinbrachte.

Natürlich, die Sklaven!

Das ich darauf nicht eher gekommen war....

Ich versiegelte meine Tür, schnappte mir den Armreif und wagte mich aufs Dach, leichtfüßig stieg ich unerkannt an der Mauer herab und verharrte dort bewegungslos. Die Wachen hatte ich all abendlich beobachtet, ich kannte den Weg, den sie ums Haus liefen und wusste genau, wann die Luft rein war. Geschmeidig wie eine Katze huschte ich durch die Finsternis, verließ den Besitz meiner Eltern und zog mich behände auf das nächste Dach. Geräuschlos überquerte ich dies und sprang in eine enge Nische zwischen den Häusern. Schon hörte ich die Räder des Wagens, welche auf den Steinen der Straße laut klapperten. Neben mir öffnete sich die Tür und ein beleibter Mann trat heraus. Mehr Glück konnte ich nicht haben. Ich schlich hinter ihn und versetzte ihm einen solchen Schubs, dass er regelrecht auf das Pflaster flog. Gerade noch rechtzeitig bremste Marcos das Pferd, schimpfend stand der fette Kerl da und keifte wie ein altes Waschweib. Die Aufregung nutzte ich um mich gekonnt unter den Wagen zu begeben, klemmte meine Arme und Beine unter die Speichen und fuhr einer ungewissen Zukunft entgegen.

(xxx)


Es zerrte wahrlich an meinen Kräften mich unter dem Gefährt zu halten, ständig ruckelte der Wagen. Einmal hätte ich fast losgelassen. Er stoppte gerade als ich meinen Gedankengang beendet hatte.

„Ist daheim alles in Ordnung?“, hörte ich auf einmal meinen Vater.

„Ja Herr, es geht allen gut.“

Es ist verrückt, ich war genau an dem Ort gelandet, den ich tunlichst meiden wollte...

„Ich werde Remus Bescheid sagen, dass Ihr da seid.“

Kurz danach vernahm ich den schlurfenden Gang des Alten.

„Nach Hause...“, flüsterte er müde als mein Transportmittel weiterfuhr. Eine ganze Weile fuhren sie stumm durch die Stadt, ich hatte keine Ahnung wo wir waren oder wie lange wir noch fahren würden.

„Herr, sie hat sich immer noch nicht gezeigt...“, hörte ich eine befremdliche Stimme.

„Marcos, ich befürchte, dass sie es nicht geschafft hat. Sie hat sich immer gemeldet, doch dieses Mal nicht. Eine Woche ist vergangen und wir haben kein Lebenszeichen. Verigilanus erzählte mir, Livia hätte den Gesuchten mit ihrem Dolch getroffen... ich bin voller Sorge, kann keinen Schlaf finden und bin unaufmerksam.“

„Doch ihr Dolch steckte im Herzen des Liberio. Ihr dürft nicht aufgeben, sie wird kommen.“, flüsterte Mulawi.

Moment...

Marcos?

Der Mann, der nicht sprechen konnte?

Jener Sklave, der mich stets ohne ein einziges Wort begleitet hatte, sprach in fließendem Latein?

„Warum hat sie sich gestern nicht gezeigt?“, fragte er wieder.

„Weil sie es nicht war, mein treuer Freund! Ich kenne meine Tochter Glaphyra. Das war nicht ihre Handschrift. Jemand anderes hat den Zenturio getötet. Derjenige war schlau, die cena libera zu verwüsten und ihn direkt auf den Tisch der Livia fallen zu lassen, das ist nicht nur mutig, sondern eine Meisterleistung.“

Ab diesem Moment begann ich, all die abstrusen Zusammenhänge zu verstehen...

Die Frau im Tiber war die Tochter des alten Remus! Der Mörder Roms wurde von diesem Mann ausgebildet, der sich im Schutz der Gladiatorenschule verbarg, unsichtbar vor den Augen des Augustus. Keiner hatte je in Betracht gezogen dort nach ihm zu suchen. Die Schule des Kaisers zu verdächtigen war undenkbar. Wusste doch ein jeder, wie ergeben mein Vater ihm und Livia war. Der alte Fuchs war schlau, Marcos und Mulawi seine helfenden Hände.

Doch warum taten sie das?

Wieso brachte Glaphyra, Senatoren, Sklavenhändler und Soldaten um? Eine Frage, die ich sehr bald stellen würde...

Wir erreichten unser Ziel ein paar Minuten später. Minuten, die mir angesichts des erheblichen Schmerzes in meinen Gliedmaßen, wie Stunden vorkamen. Als die Drei im Haus verschwunden waren, fiel ich wie ein Stein zu Boden. Meine Beine waren so steif, dass ich sie nicht recht bewegen konnte, unbeholfen krabbelte ich unter dem Wagen hervor und sah mich um. Die Gegend kannte ich nicht, nichts verriet mir, wo ich mich aufhielt, doch das war mir anfänglich egal. Ich hatte eine Verpflichtung zu erfüllen, so ging ich an der Wand entlang und suchte nach einem Einstieg. Ich fand ein schmales Fenster, kletterte auf das Haus gegenüber und sprang mit Leichtigkeit darauf zu, packte den Sims und betrat das Innere des Raumes. Dort drinnen war es stockfinster, ich musste mich mit Füßen und Händen vorwärts tasten, um nicht irgendwo gegen zu stoßen und mich zu verraten. Plötzlich hörte ich Schritte, Licht drang unter dem Spalt der Tür hervor und erleuchtete das Zimmer spärlich. Ich konnte gerade noch hinter einem Vorhang verschwinden als jemand eintrat. Am Gang erkannte ich Remus. Mit ruhiger Hand nahm ich den Vorhang etwas beiseite und beobachtete ihn durch den Spalt. Er hatte einen Krug Wein in der Hand und setzte sich auf einen Stuhl. Eine ganze Weile saß er dort, trank und seufzte schwer.

„Oh meine geliebte Glaphyra, wo bist du nur? Diana, wenn du mich hören kannst, bitte schick ein Zeichen meiner Tochter... ich flehe dich an.“

Markos und Mulawi betraten den Raum.

„Herr, ihr solltet zu Bett gehen, wenn sie kommt sagen wir es Euch...“

„Sie wird nicht mehr kommen...“

„Wer ist dort? Zeigt Euch!“, rief Markos.

„Ich bin gekommen um ein Versprechen einzulösen, ich versprach es Eurer Tochter...“, als ich ins Licht trat konnte ich die Verwirrung in Remus Augen sehen.

„Ihr seid  Aristea richtig? Verigilanus Tochter.“

„Ja...“

„Was machst Ihr hier, wie  seid Ihr hier herein gekommen?“

„Das ist unwichtig, ich bin hier um Euch das hier zu geben und eine Botschaft zu überbringen.“

Ich streckte meine Hand aus und ließ den Armreif in seine fallen.

„Oh nein... bitte nein.“, fing er an zu klagen. Seine Augen ertranken an den Tränen, die er um sie weinte.

„Es tut mir sehr leid...“, sagte ich schließlich.

„Wie...“, röchelte er.

„An dem Abend, an dem sie den Sklavenhändler tötete, war ich unterwegs an der Mulvischen Brücke. Es wimmelte von Soldaten. Livia war auf der Jagd nach eurer Tochter. Als ich ans Wasser des Tibers ging um mich zu erfrischen, fand ich sie dort sterbend. Livias Dolch verwundete ihr Fleisch schwer...“

„Das kann nicht sein!!“

„Es ist wahr, sie reichte mir diesen Armreif, jenen, den ich selbst trage...“, ich zeigte ihm den Schmuck, „...Sie bat mich Euch zu sagen, dass sie Euch liebt, Remus und das sie Euch auf ewig dankbar ist für das Leben, welches Ihr ihr gabt. Sie nannte mich die Nächste... eine Tochter der Diana."

„Eure Zeit sollte nie kommen, Ihr seid nicht die Richtige!!!! Und ihre hätte noch nicht vorbei sein sollen!!!“, brüllte er vor Schmerz, „... Verflucht seiest du, Livia. Du lebst schon viel zu lange!!!!“, heulend brach er in sich zusammen.

„Was in Mars Namen meint Ihr? Was soll das alles? Für was ist meine Zeit nicht gekommen? Jeder spricht in Rätseln, mein ganzes Leben ist eine einzige Qual!“, rief ich verzweifelt.

„Aristea, beruhigt Euch!“, sprach Markos leise.

„Rede du alter Narr!“

„Was wollt Ihr denn hören?“, schniefte er.

„Die Wahrheit! Ihr seid mir Antwort schuldig!!“

„Ich bin Euch gar nichts schuldig...“

„Remus!!!“

„ Schon gut, hört auf zu schreien, Aristea. Ich will es ja versuchen...“, er erhob sich wacklig. „...nun, als ich Euch zum ersten Mal, an eurem 18. Geburtstag begegnete, ahnte ich bereits, dass Ihr etwas Besonderes seid. Wie meine Tochter eine Waise, eine verlorene Seele zurückgelassen auf den Straßen der Subura. Glaubt Ihr etwa, dass mir Euer Treiben, all die Jahre in der Gladiatorenschule, verborgen geblieben ist? Die Faszination als Ihr die Waffenkammer betreten habt, wie Eure Augen glänzten als Ihr das Schwert in der Hand gehalten habt?!“

„................“

„Ja. Aristea. Ich habe von Anfang an Eure Entwicklung mit Sorge beobachtet. Ich hatte so gehofft mich zu irren, gebetet, Ihr würdet euch anders entwickeln. Als ich dann euren Armreif sah... Markos und Mulawi waren nicht umsonst an eurer Seite.“

Ich verstand gar nichts mehr...

„Ihr seid klug, furchtlos und stark, genau wie meine Tochter. Als mir Mulawi erzählte wie unglaublich schnell Ihr Euch entwickelt, mit welcher Intelligenz und Ausdauer Ihr trainiert und Euch die Waffenkunde der Gladiatoren abgeschaut habt, konnte ich das nicht mehr ignorieren. Ihr wart es, die den Liberio getötet hat, nicht wahr?“

Ich konnte nur Nicken.

„Habt ihr Euch nie gefragt, warum Ihr so seid, so anders als die Frauen Roms?“

„Woher wisst Ihr das alles?“

„Das Leben geht oft die seltsamsten Wege. Menschen werden geboren und sterben. Aber manchmal, Aristea, wählt das Schicksal eine Seele, die zu Höherem bestimmt ist. Als meine geliebte Frau Urania starb und mich mit Glaphyra alleine ließ, begann für uns eine schwere Zeit. Meine Tochter musste von Anfang an hart kämpfen um zu Überleben. Ihr hattet Glück, dass Euch Verigilanus fand und Ihr ein gutes Leben hattet. Auch meine Tochter war kriegerisch und tapfer. Eines kalten Tages begegnete ihr eine Frau. Sie war so schwach und krank, dass Glaphyra sie mit zu uns nahm und pflegte. Als sie genesen war, gab sie ihr den Armreif und sagte ihr, dass sie anders sei, eine Tochter der Diana. Von da an... war sie eine Andere. Schon immer habe ich Männer im Kampf trainiert, so wie deinen Vater, Aristea. Und so begann ich sie ebenfalls zu stärken. Rom wurde immer schlimmer, die Menschen brutaler und unzüchtiger als je zuvor. In dieser Welt, wo Frauen nur als Objekte männlicher Lust angesehen werden, kaum Rechte haben oder diese nur erhielten, wenn sie sich prostituierten, Sklaven, die von den Mächtigen getötet wurden wie Vieh und Kinder vergewaltigten, brauchte es jemanden, der den Armen half. Glaphyra tötete erst in den Reihen der Diebe und Mörder, deshalb war sie nur wenigen bekannt. Erst als selbst Senatoren anfingen, sich anstatt für das Volk dagegen zu entscheiden und hinter dem Rücken des Kaisers ihre eigenen Machtkämpfe austrugen, begannen wir uns in höheren Kreisen zu bewegen. Das Ziel war Augustus zu schwächen, die Reichen in Angst zu versetzten und Livia zu töten. Die Töchter der Diana gibt es schon ewig hier im alten Rom. Dieser spezielle, von Frauen geführte Glaube kommt von den mächtigen Amazonen Griechenlands und ist hier nur wenigen bekannt. Unerkannt töten sie seit etlichen Jahren Männer, die sich an Frauen vergehen, sie helfen dem eigenen Geschlecht in der Not, bieten Unterkünfte und Zuflucht für jede Frau, die Hilfe sucht. Doch nur meine Tochter war so einzigartig, das sie zur Mörderin der Mächtigen wurde. Doch dass gerade Ihr die Hilfe sein sollt, die neue Auserwählte...“, ich unterbrach ihn.

„Ausgewählte?“

„Die Töchter der Diana haben viele Gesichter, sie sind Huren, einfache Hausfrauen...“

„Wie können Huren der Diana unterstellt sein?!“, rief ich verletzt über seine Worte.

„Harte Zeiten verlangen harte Maßnahmen, Aristea. Rom ist nicht Griechenland. Die vielen Amazonenstämme herrschen dort und verteidigen ihr Land seit langer Zeit. Geführt von Frauen, die gegen Männer kämpfen und sie zahlreich töten, bis heute. In Rom jedoch haben die Männer die Macht, glaubt Ihr, dass die Frauen das machen, weil sie Spaß daran haben? Wie glaubt Ihr kam Glaphyra an Informationen? Frauen schliefen mit den Mächtigen des Reiches um ihr zu helfen, nur so entlockten sie ihnen die Geheimnisse Roms. Sex ist Macht, dass solltet Ihr nie vergessen. Eine geübte Frau kann einem jeden Manne das entlocken, was sie wissen will. Viele gaben ihren Körper hin als Waffe, gaben den Männern, wonach sie lechzten, nur um ihren Beitrag zu leisten und zu helfen. Etliche Frauen und Kinder in dieser grausamen Welt konnten wir retten... doch jetzt ist alles aus... mit ihrem Tod haben die Schwachen Roms keine Verteidigung mehr...“

„ Aber ich lebe, ich bin da und bereit. Bildet mich aus, Remus. Zeigt mir alles was ich wissen muss.“

„NIEMALS!!!“, schrie der Alte, so laut, dass ich einen Satz nach hinten machte.

„Eure Tochter hatte Vertrauen in mich... helft mir. Mein Bruder schwebt in Gefahr, ich weiß nun, dass ich nicht alleine bin... mein Leben hat jetzt einen Sinn... eine Bestimmung. Ihr könnt das nicht ignorieren!“

„Ihr seid nicht wie sie. Meine Tochter war beherrscht, Ihr seid voller Hass und blinder Wut Livia gegenüber. Es war ein Fehler Euch dies alles zu erzählen...“

„Es war ein Fehler?“, schrie ich erneut, „...Erst wählt man mich aus und dann stürzt man mich und mein Leben ins Chaos? Ich bin nicht mehr dieselbe, seit ich Eure Tochter traf.“

„Geht jetzt...“

„Menschen sterben, Frauen werden geschändet, ich kann Euch helfen. Verschließt nicht Eure Augen davor, Remus!“

„Es ist vorbei, Aristea. Ich habe keine Kraft mehr. Warum auch immer man Euch den Armreif gab... am Besten Ihr vergesst alles und lebt das Leben einer normalen Frau.“

„Wie könnt Ihr so etwas sagen? Was erwartet Ihr von mir? Einfach die Augen zu verschließen vor dem was ich bin? Mich einem Mann hinzugeben, so wie es die Sitte verlangt? Gehorsam sein und fügsam? Vielleicht noch Kinder in die Welt zu setzen? Seid ihr nicht mehr ganz gescheit!!!!“

„Es war der Plan, zwei Schatten zu entsenden, die Rom und vor allem dem Kaiser das Fürchten lehren sollten. Die Aufgabe war einfach zu groß, Glaphyra brauchte Hilfe, doch jemanden zu finden, deren Herz genauso fühlt, die stark und furchtlos ist, war schwer...“

„Aber ich bin da. Ich kann es schaffen!“

„Ich kann Euch nicht ausbilden, Aristea. Bitte versteht das... und nun lasst mich trauern...“

„Warum... Remus?“, ich konnte die Tränen der Enttäuschung und Wut nicht länger zurückhalten.

„Versteht Ihr denn immer noch nicht? Um so zu sein wie sie, ein Schatten, ein Kind der Nacht, müsst Ihr von der Bildfläche verschwinden.“

„Das nehme ich in Kauf!“

„Törichtes Kind. Ihr habt keine Ahnung, was für große Opfer Ihr bringen müsst!!!“, schrie er wieder, „...Ihr dürft niemals lieben, werdet einsam sein, immer allein. Was glaubt Ihr, was passiert, sollte Livia Euch je in ihre Finger bekommen? Habt Ihr mal an Eure Familie gedacht?“

Ich machte große Augen...

„Dachte ich es mir doch! Wenn Ihr für alle Schwachen und Armen, dieser elenden Stadt, kämpfen wollt, werdet Ihr Eure Familie nie wieder sehen können, Euren Bruder, Amelia, geschweige denn, den kleinen Pheroas aufwachsen. Eure Mutter und Euren Vater nimmer mehr in die Arme schließen können. Eine Tochter der Göttin zu sein, heißt, sich von allem zu trennen, was Ihr je geliebt habt, die Familie zu ihrem eigenen Schutz zu verlassen. Denn der Zorn des Kaisers, solltet Ihr je gefasst werden, wird mit dem Tod aller die Ihr liebt, enden...“

Bleich setzte ich mich zu ihm.

„Ich liebe Verigilanus, wie meinen eigenen Sohn, verlangt nicht von mir, ihm seine einzige Tochter zu nehmen, Eure Mutter würde an gebrochenem Herzen sterben, genauso wie Eurer Bruder. Sein Sohn wird nie wissen wie schön es ist, eine Tante zu haben... der Preis war von Anfang an zu hoch. Ich habe jahrelang versucht es zu verdrängen und gehofft, dass es nie so weit kommen würde. Trotz der Bitte Euch zu leiten, habe ich mich vor langer Zeit schon dagegen entschieden. Der Schatten Roms ist tot und wird es für immer bleiben...“

Ich stand ohne ein weiteres Wort auf...

„Geht jetzt endlich und lasst mich trauern, Marcos wird euch zurückbringen!“

„Mein Bruder wird unter ihrer Rache leiden...“

„Das wissen Vergilanus und ich längst und werden uns etwas einfallen lassen, Eurer Vater ist kein Narr, Aristea!“

„Er ist kein Narr? Er ist kein Narr?! Wer hat denn nicht reagiert, als die Bestie in die Arena kam und forderte, ihn bei der cena libera zu sehen? Ihr Beide, wie zur Salzsäule erstarrt, habt Ihr geglotzt und nichts unternommen!“, brüllte ich ihm ins Gesicht. Schwach sackte er in sich zusammen.

„Herrin, es reicht. Gönnt ihm Ruhe...“, Marcos stand auf und versuchte mich sanft zur Tür zu geleiten. Ich packte seinen Arm, drehte ihn auf seinen nackten Rücken und zwang den riesigen Mann zu Boden. Mein Fuß ruhte hart in seinem Genick, er keuchte vor Schmerz.

„Bitte tut ihm nichts!“, flehte Mulawi.

„Sollte Pheroas oder dem Kind etwas passieren, Remus, werde ich nicht nur Livia töten, sondern all jene, die es verdienen!“, sprach ich hart, „...Wenn Euch etwas an ihm liegt, so solltet Ihr Eure Entscheidung nochmals überdenken. Wollt Ihr mir schon nicht helfen, dann rettet wenigstens ihn. Er ist der Nachfolger meines Vaters und ich werde zurückkommen, solltet Ihr Euer Versprechen nicht halten! Der Schatten Roms lebt, mit oder ohne Eure Hilfe!“, ich nahm Anlauf, sprang über Marcos hinweg, stieß Mulawi zur Seite, griff nach dem Absatz des Fensters und wurde von der Schwärze der Nacht verschluckt.

(xxx)

Stundenlang lief ich über die Häuser Roms, wütend und verzweifelt. Endlich hatte ich die Antworten nach denen ich so sehnlichst gesucht hatte, all die Jahre des Wartens... für nichts. Die Worte des Alten hatten mir den Mut genommen, die zu sein, die ich war, zu leben wie ich fühlte. Hin und her gerissen zwischen meiner Bestimmung und meiner Familie.

War ich bereit sie zu verlassen?

Ich wusste es nicht...
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