Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The book of Aristea -The Assassin of Rome Part 1

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
08.08.2014
04.10.2014
7
24.698
2
Alle Kapitel
29 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.08.2014 3.514
 
Als wir endlich zurück waren, stand meine Mutter schon ungeduldig in der Tür.

„Wo wart ihr denn?“, fragte sie wütend.

„Wir wurden aufgehalten.“, warf Aelia schnell ein.

„Habt Ihr den Wein mitgebracht?“

Ich hielt die Krüge hoch.

„Aristea, geht in Euer Zimmer. Ich komme sofort nach. Wir haben noch einiges an Vorbereitungen für Euren großen Abend zu treffen.“

Schweigend ging ich an ihr vorbei, gerade als ich in mein Zimmer gehen wollte, hörte ich die Stimme meines Vaters und eines anderen Mannes.

„Er wurde mit einem gezielten Stich ins Herz getötet...“

„Das ist schon das vierte Opfer, Liberio...“, flüsterte mein Vater.

„Der Mörder hat es vor allem auf die Männer des Senats und ihre Lakaien abgesehen... wir sind machtlos. Er legt eine ungeheure Intelligenz an den Tag. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Der Kaiser ist wütend und beunruhigt. Livia selbst hat sich der Sache angenommen. Man vermutet einen Verrat in den eigenen Reihen. Mittlerweile traut sich kein Mann, der dem Kaiser nahe steht, ohne Begleitung von Soldaten in die Stadt. Alle leben in Angst, dass es sie als nächstes trifft. Der Kaiser lässt alle wichtigen Männer von heute an schwer bewachen, mein Freund. Deshalb sind ich und meine Soldaten hier.“

„Wenn Livia mir den Oberbefehlshaber ihrer gesamten Truppen zur Sicherheit zur Seite stellt, so nehme ich an. Ihr denkt also, auch mein Leben ist in Gefahr?“

„Ja. Der Kaiser geht kein Risiko mehr ein. Wenn Euch, dem Leiter seiner Gladiatorenschule etwas geschieht, dann ist es schwer das Volk zu halten, ohne Eure Kämpfe. Deshalb habt Ihr einen hohen Stellenwert für Augustus.“

„Ich verstehe. Zenturio, richtet dem Kaiser und Livia bitte meinen Dank aus!“

„Seid heute Abend bei Senator Narcissus besonders wachsam, ich habe dort viele Soldaten als Gäste eingeschleust, nur falls etwas passieren sollte. Livia wird ebenfalls dort sein und das ganze Ereignis überwachen.“

Ich konnte mich gerade noch hinter dem Vorhang verstecken, als Liberio an mir vorbeiging. Der Zenturio war ein grausamer Mann, der ebenfalls einen Ruf genoss, der ihm Respekt einbrachte. Er führte jeden Befehl Livias ohne zu zögern und mit seiner eigenen kranken Art aus. Er war ein unmenschlicher Sadist, der die Armen quälte und auf bestialische Weise umbrachte. Mein Vater folgte ihm auf der Stelle.

„Flavia!!!“, rief er laut. Den Rest bekam ich nicht mit. In meinem Zimmer angekommen, überlegte ich fieberhaft. Ich wusste nicht, ob ich erschreckt sein sollte über die Nachrichten. Aus irgendeinem Grunde spürte ich ein seltsames Gefühl der Aufregung. Und es gelang mir, mich auf den Abend zu freuen. Mit einer Mischung aus Spannung und Furcht erwartete ich den Beginn des Festes. Doch nicht nur das, dort bot sich mir endlich die Gelegenheit die Frau zu sehen, die ganz Rom in Schrecken versetzte.

Wie würde sie sein?

Wie sah sie aus?

War sie wirklich so grausam?

„Hallo Schwesterherz!!!“, mit einem schrillen Schrei fuhr ich hoch und blickte mit großen Augen in Pheroas Gesicht. Er hielt sich den Bauch vor Lachen, als er mich so sah.

„Amüsierst Ihr Euch gut?!“, zischte ich. Mit einem Satz sprang ich auf ihn zu und riss ihn um. Wir balgten eine ganze Weile, bis er mich in den Schwitzkasten bekam und ich aufgeben musste.

„Das ist also deine Schwester?“, sprach eine warme, freundliche Stimme. Mit puterrotem Gesicht starrte ich die junge Frau an, die in der Tür stand. Sie hatte helle, große, braune Augen und lange dunkle Haare. Ihr Lächeln strahlte eine solche Wärme aus, sodass sie mir sofort sympathisch war.

„Darf ich vorstellen? Das ist Amelia.“

Liebevoll reichte er ihr die Hand, zärtlich griffen ihre Finger ineinander.

„Amelia. Das ist meine Schwester, Aristea.“

Lächelnd nahm sie meine Hand in ihre.

„Schön Euch endlich kennenzulernen.“

Ich war völlig durcheinander...

„Ich glaube, Ihr habt Erklärungsbedarf, Pheroas.“, sprach sie amüsiert, als sie in mein verdattertes Gesicht blickte, „... ich werde unten bei Eurer Mutter warten.“

„Ich wusste nicht, dass Ihr eine Frau habt, lieber Bruder...“, brabbelte ich, als Amelia uns alleine ließ.

„Wir sind frisch verliebt, ich habe mein Herz an sie verloren.“

„Wann? Ich meine, ich hätte es doch mitbekommen als deine Schwester.“

„Nun Aristea, wenn Ihr am Abend schlaft, könnt Ihr es nicht mitbekommen.“, lachte er schelmisch.

„Wie lange geht das denn schon?“, fragte ich etwas beleidigt.

„Erst ein paar Wochen...“

„Und Ihr habt mir nichts erzählt?“, meine Faust traf auf seinen Oberarm.

„Ich tue es doch jetzt. Ich wusste nicht, wie Ihr reagiert. Sie ist meine erste Freundin, ich dachte, Ihr wärt vielleicht eifersüchtig.“

„Ach Unsinn, Pheroas. Ich bin Eure Schwester und froh, wenn Ihr glücklich seid. Sie macht einen sehr netten Eindruck.“

„Ihr werdet euch noch besser kennenlernen, Vater ist begeistert von ihr.“, lachte er erleichtert.

„Und Mutter?“

„Nun, sie stehen gerade zusammen und tratschen.“

„So ist das also, verstehe...“, ich riss gespielt die Augen auf und lachte ebenfalls.

„Kommt her!“, er zog mich in seine Arme, „...ich bin froh, dass Ihr sie nett findet.“

„Weiß sie was Ihr tut?“

„Ja, sie hat mich von der Gladiatorenschule abgeholt.“

„Pheroas? Seid Ihr sicher, das Gladiatoren auszubilden und sie in den Tod zu schicken, dass ist, was Ihr wollt?“

„Ich habe heute viel gesehen und mit dem Kämpfen angefangen. Remus ist ein sehr harter, aber guter Ausbilder. Ich habe schon nach einem Tag Gefallen daran gefunden, ein Schwert zu führen. Es ist mir eine Ehre, die Männer ausbilden zu dürfen, wenn ich soweit bin.“

„Aber diese Männer sterben...“

„Ja, ich weiß. Doch Aristea, sie alle kommen freiwillig zu uns. Niemand wird gezwungen zu sterben. Es klingt grausam, doch sie alle sind erwachsen.“

„Ich hasse das so sehr. Ich kann nicht verstehen, dass man das Kämpfen erlernt, um zum Wohle des Volkes zu sterben.“

„Ihr seid eben eine Frau, das Kämpfen liegt Euch nicht, außer Livia vielleicht. Frauen sollten sich an den schönen Dingen des Lebens erfreuen, nicht am Glanze eines Schwertes. Für einen Mann kann es unendlichen Ruhm bedeuten. Wenn sie siegreich sind, dann sind sie vom Volk und den Frauen geliebt und sie verdienen mehr als andere Männer.“

„Wollt Ihr etwa damit sagen, das Frauen nicht kämpfen können?!“, ich hielt ihm meine Faust provokativ unter die Nase.

„Nein...“, lachte er laut und hob entschuldigend die Arme, „...doch ich finde, sie sollten es den Männern überlassen.“

„Das ist Eure Meinung!“, antwortete ich schnippisch.

„Auch für Euch wird es Zeit eine Frau zu werden. Ich habe von Vater gehört, was er vorhat.“

„Er will mich verheiraten...“, würgte ich sauer hervor.

„Das klingt nicht so, als würdet Ihr das auch wollen...“, er blickte mich ernst an.

„Pheroas... ich weiß nicht wie es Euch sagen soll, doch ich fühle, dass dies nicht richtig ist. Ich bin noch nicht bereit dazu. Ich möchte mein Leben nicht so verbringen.“

„Was möchtet Ihr dann?“

„Ich... weiß es nicht. Ich will meine Freiheit, mein Leben selbst bestimmen. Mir aussuchen wen ich liebe...“

„Vielleicht ist es die Angst vor etwas Neuem, ich meine, Ihr seid sehr schön. Die Männer sind verrückt nach Euch.“

„Widerlich, allein der Gedanke mich einem Mann hinzugeben...“, doch ich brach den Satz sofort ab, als ich Pheroas seltsamen Blick sah

"Ihr müsst erst lernen, wie es ist zu lieben. Ein Mann bringt viel Gutes. Er ist stark, kann Euch ernähren und beschützen.“

„Aber was ist, wenn ich all das nicht will? Wenn ich mich selbst beschützen möchte? Mich in die Abhängigkeit der Ehe zu begeben, erscheint mir, als würde man mich in Ketten legen.“

„Lasst es auf Euch zukommen, Schwesterchen. Gebt dem Senator eine Möglichkeit Euer Vertrauen zu gewinnen. Ablehnen könnt Ihr immer noch.“

„Vielleicht habt Ihr Recht...“, erwiderte ich müde.


(xxx)

Der Abend brach schneller herein als ich erwartet hatte. Stundenlang zerrten meine Mutter und Aelia an mir herum. Ich trug eine dunkelrote, ärmellose Tunika, die mein Dekolleté sehr hervorhob. Sie war geschmückt mit goldenen Stickereien, meine Mutter band mein langes Haar zu einer komplizierten Frisur zusammen und verzierte den langen, geflochtenen Zopf ebenfalls mit einem hauchdünnen, goldenen Band. Aelia brachte mir den dazu passenden Kopfschmuck, sowie einen goldenen Gürtel und Armreife.

"Tochter! Ihr seht aus wie eine Göttin!“, lobte mein Vater eifrig.

„Der Senator wird Augen machen!“, rief meine Mutter entzückt.

„Wunderschön!“, rief mein Bruder von Weitem.

„Achtet darauf, dass Eure Haare so bleiben und tut nichts dummes mehr!“, mahnte mich meine Mutter, als sie das Zimmer verließ, um sich ebenfalls zurecht zu machen. Nur Aelia blieb bei mir. Unbewusst griff ich nach dem Armreif der Diana und drehte ihn geistesabwesend in meinen Händen.

"Ihr fühlt das es nicht richtig ist, oder?“, durchbrach Aelias Stimme meine Gedanken.

„Ich denke, ich bin zu etwas anderem bestimmt, etwas was ich nicht erklären kann. Aelia, ich will irgendwie mehr...“

„Ich weiß. Niemand kann sagen was die Zukunft bringt.“

„Außer der Haruspex.“, kicherte ich.

„Ach, Aristea!“, sie verdrehte die Augen. „...Nur die Zeit kann sagen was geschieht. Wer weiß, vielleicht kommt alles anders als Ihr denkt.“


(xxx)

Die Abendsonne tauchte die Straßen Roms in ein warmes, helles Licht. Die Menge an Menschen wurde immer dichter, es schien, als würde sich jeder Händler auf den Weg nach Hause machen. Als wir endlich an der vornehmen Villa des Senators im zweiten Stadtbezirk Coelomontium ankamen, war ich geblendet von all dem Reichtum.

Mehrere Sklaven begleiteten uns mit gesenkten Köpfen in eine riesige Eingangshalle. Sie reichten uns Eiswasser zur Erfrischung der Hände. Als ich damit fertig war, eilte ein Sklavenjunge herbei, senkte sein Haupt und bot mir sein Haar dar. Als ich meine Hände in seinen Locken getrocknet hatte, bemerkte ich den ganzen Prunk um mich herum. Der Boden war mit beigefarbenem Marmor ausgelegt. Die riesigen Säulen, die das Dach stützten, erstrahlten in hellem Weiß. Roter Samt hing in schweren Vorhängen von einigen Teilen der Wände hinab und verliehen der Schönheit des Ganzen den letzten Schliff.

Die Gäste trugen die feinsten Stoffe. Ich sah Frauen mit herrlichen Gewändern, eine jede Tunika war prachtvoller als die andere. Die Frisuren waren ausgefallen, einige schön, andere gewagt. Schmuck in jeder erdenklichen Weise funkelte an ihren Armen, am Hals oder an den Beinen. Auch die Männer waren in die teuersten Stoffe gehüllt, einige trugen einen Kopfschmuck, andere hatten das Haar zu prächtigen Locken gedreht.

An den Säulen standen ganze Heerscharen von Sklaven. Ein jeder hatte einen prachtvollen Fächer, gefertigt aus den Federn des Pfaus, in der Hand und sorgte für frische Luft. Alexandrinische Gefangene trugen Tabletts mit goldenen Bechern darauf durch die Massen und boten diese zusammen mit Früchten dar. In rot gekleidete Sklaven bliesen die Tabiä, ihr oboenhafter Klang erfüllte den Raum und schuf eine magische Atmosphäre.

Doch meine anfängliche Begeisterung wich einer bitteren Wut...

Als einem der Männer versehentlich ein paar Trauben vom Tablett fielen, griff ein magerer Junge danach. Ohne zu überlegen, von Hunger getrieben, steckte er sich das Obst in den Mund. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, spuckte er die Früchte sofort wieder aus und verneigte sich tief.

Ich kann nicht sagen wie unendlich leid mir dieses Kind tat...

Erst ab diesem Augenblick, bekam ich ein Gefühl für die Armut. Fast alle Diener schienen unnatürlich dünn, ihre Haut schien rissig und trocken, egal in welche Augen ich blickte, ich sah nur Hunger und Leid. Ohne das ich es wollte, hallten Aelias Worte durch meine Gedanken:

Habt Ihr je Menschen gesehen die Hunger leiden? Sie brechen einfach auf den Straßen zusammen und niemand kümmert sich um sie, hunderte Menschen sterben. Doch interessiert es jemanden? Nein! Augustus ignoriert die Vorfälle, er hält das Volk mit Spielen bei Laune, veranstaltet teure Orgien um seine Stadträte und den Senat bei Laune zu halten...“

Bis heute habe ich die Trauer, die ich dort verspürte, niemals vergessen. Im Inneren betete ich zu Diana. Wie sehr wünschte ich mir diesen Leuten helfen zu können, doch als Frau schien mir das bis zu diesem Zeitpunkt unmöglich.

Wie schnell die Göttin meine Gebete erhören sollte, hätte ich mir nie erträumen lassen...

Die Gestalt, welche sich mir näherte, nahm ich gar nicht wahr...

„Aristea!“, meine Mutter zwickte mir in den Arm.

„Mir scheint, dass Eure liebreizende Tochter von der Schönheit meines Hauses geblendet ist.“

Erst da bemerkte ich den ganz in Seide gekleideten Mann...

„Das muss es wohl sein, Senator Narcissus!“, lenkte meiner Mutter schnell ein.

Er wandte sich meinem Vater zu.

„Ihr habt nicht übertrieben, Verigilanus. Sie ist wahrlich wunderschön.“

„Ich danke Euch, Senator.“

Er verbeugte sich leicht vor mir, ergriff meine Hand und küsste sie zärtlich.

„Sklave, bring sofort Wein!“, rief er dem Jungen zu. Sofort eilte er los und brachte vier Becher.

„Erlaubt mir, Euch die ganze Pracht meines Anwesens zu zeigen.“

Er reichte mir seine Hand und führte mich mit sich fort. Ich war überrascht, der Senator war trotz seiner Jahre ein gutaussehender Mann, kräftig, gepflegt und mit markantem Gesicht.

„Ich hoffe, Ihr fühlt Euch wohl bei mir?“

„Euer Haus gleicht wahrlich dem Olymp.“, brachte ich leise hervor. Seine Hand streifte meine Schulter.

„Wie ich hörte ist heute Euer Geburtstag?“

„Das ist wahr.“, erwiderte ich schüchtern.

„Erlaubt Ihr mir eine einfache Frage?“

„Sicher, Herr.“

„Wie kommt es, dass ein solch schönes Geschöpf wie Ihr, noch nie die Freuden eines Mannes genossen hat, geschweige denn, verheiratet ist?“

„Nun, mein Vater hat mich wohl behütet, wenn Ihr versteht...“, antwortete ich mit trockenem Mund. Er lachte amüsiert, als er mich nach draußen führte. In der einsetzenden Dunkelheit konnte ich schemenhaft die Umrisse eines riesigen Gartens erkennen. Wie graue Schatten hoben sich die Zypressen vom dunklen Himmel ab. Narcissus gab dem Sklaven, der uns in einigem Abstand folgte, ein Zeichen. Schnell hatte der Mann die Fackeln angezündet, deren gelbliches Licht die Veranda, auf der wir standen, dämmrig erhellte.

„Wisst Ihr, Aristea, ich schätze Euren Vater sehr. Ich habe voller Spannung Eure Ankunft erwartet.“

„Ihr schmeichelt mir...“

„Nun wie könnte ich das nicht? Ihr seid eine wirklich atemberaubende Frau. Ich kann nicht leugnen, dass ich, als Euch eben sah, von Eurer Anmut überwältigt war.“

Gerade als ich antworten wollte, kam ein Mann eilig auf uns zu.

„Senator...", er verneigte sich tief, „ ...ich muss Euch dringend sprechen!“

„Hat das nicht Zeit, Valens?“

„Ich komme von Livia persönlich.“

Er atmete laut aus.

„Bitte entschuldigt mich, Aristea...“, er stellte sich mit dem Soldaten ein Stück weit entfernt. Undeutlich konnte ich das Gemurmel der beiden Männer hören. Hätte ich in diesem Moment nicht durch Zufall hoch in den Himmel gesehen, wäre mir der Schatten, der hoch über mir flink hinwegglitt, gar nicht aufgefallen. Das Ganze ging so schnell, dass ich im ersten Moment glaubte, mich geirrt zu haben.

Als ich mich umdrehte waren der Soldat und Senator verschwunden. Ich sah mich hastig um, doch außer dem Licht der Fackeln, welches mich einhüllte, erblickte ich nur die Schwärze der Nacht. Sofort spürte ich den leichten Anflug von Panik und doch auch das altbekannte Gefühl der Aufregung.

„Ihr solltet nicht alleine hier draußen sein...“

Ich wirbelte herum und versuchte die Position der Stimme auszumachen.

„Wer seid Ihr? Zeigt Euch!“, rief ich laut und versuchte meine Angst zu unterdrücken.

Aus einer dunklen Ecke kam die Gestalt genau auf mich zu. Sie bewegte sich geschmeidig, sicher und ohne Furcht. Als sie das Licht erreichte, stockte mir der Atem. Vor mir stand eine Frau, schöner als jede, die ich davor sah. Langes, braunes Haar umrahmte ihr herrliches Gesicht. Ihr Körper war muskulös und doch verführerisch weiblich. Ein brauner, mit Gold verzierter Brustpanzer, schützte ihren Oberkörper und gab trotzdem eine verlockende Sicht auf den Ansatz ihrer Brüste. Ihre Schulterschoner bedeckten fast komplett ihre beiden Oberarme, ihre Armreife waren aus purem Gold und mit den Initialen des Kaisers versehen. Dunkle, lederne Stiefel zierten ihre langen, starken Beine, während der goldene Griff ihres Schwertes im Licht der Flammen schimmerte. Der rote Umhang ließ keine Zweifel mehr an ihrem Status. Sie stoppte direkt vor mir und sah mich prüfend an.

Diese Augen...

Nie sah ich ein solch helles Blau...

Als hätte Neptun selbst den schönsten Farbton des Meeres genommen und ihr zum Geschenk gemacht. Doch ihr Blick war kalt, ohne Liebe, ja fast ausdruckslos. Als sie mich so ansah, erschien es mir als würde mein Herz gefrieren. Ich brauchte nicht lange um zu verstehen, wer da vor mir stand.

Sofort verneigte ich mich tief...

„Verzeiht mir. Ich habe Euch nicht gleich erkannt.“

„Euch sei vergeben. Doch nenne mir Euren Namen!“, befahl sie mit einer Stimme, die mich innerlich taumeln ließ.

„Ich bin Aristea, die Tochter des Verigilanus. Es ist mir eine Ehre.“

Ihre Hand legte sich fordernd unter mein Kinn und zwang mich, sie anzusehen. Ich versuchte in ihrem Blick zu lesen, doch er verriet mir nichts.

„Ihr könnt aufstehen...“

„Habt Dank...“, ich stand wie versteinert da. Als sie mich umrundete, konnte ich fühlen wie sie mich anstarrte, mich musterte, so als wolle sie sich mein Bild genau einprägen.

„Warum seid Ihr hier?“, fragte sie ohne Umschweife.

„Senator Narcissus lud mich und meine Eltern ein. Er ist ein Freund meines Vaters.“

„Ich bin verblüfft Euch hier zu sehen. Ich wusste zwar das Verigilanus eine Tochter hat, doch er hat sie stets vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen.“

„Ich bin hier, weil der Senator wünschte mich zu sehen.“, antwortete ich schwach. Diese Frau machte mir Angst. Genau jetzt begriff ich Aelias Worte. Livia war wirklich angsteinflößend. Nur ihr Auftreten allein, ließ mich erschaudern und ich fühlte mich ihr nicht gewachsen. Im Gegenteil, die Macht die sie ausstrahlte, diese Kraft, brachte mich nahe an den rand der Ohnmacht.

„Ich habe von Eurer Schönheit gehört, Aristea. Ihr habt meine Erwartungen weit übertroffen...“, sie blieb erneut vor mir stehen, ganz nah trat sie an mich heran. Ich wusste nicht was ich tun sollte, ein Kompliment der Kaiserin konnte seine Tücken haben. Als ich sie schließlich ansah, loderten ihre Augen wie blaues Feuer. Langsam hob sie die Hand und strich mir mit ihren Fingern über die Wangen, so als wolle sie sich das Gefühl meiner Haut genau einprägen. Mein Herz schlug so laut, das sie es ebenfalls hören musste.

„Ihr riecht sehr gut...“, flüsterte sie, als ihre Nase meine Wange berührte.

„Danke...“, krächzte ich.

„Schmeckt Ihr auch so gut wie Ihr riecht?“, ohne meine Antwort abzuwarten, spürte ich ihre Lippen an meinem Hals. Ich wagte nicht mich zu bewegen, mein Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell, "... Sagt, habt Ihr je die Freuden einer Frau genossen?“

„Nein Herrin, ich habe noch nie die Freuden eines anderen Menschen genossen...“, wisperte ich ängstlich, gefangen zwischen Neugier und Vorsicht.

„Ihr seid wirklich schön, Aristea...“, ihre Zunge ersetzte ihre Lippen und hinterließ eine feuchte Spur auf meiner erhitzten Haut, „...Noch so rein und unberührt.“

"Nun... ich...", doch meine Worte verwandelten sich in ein leises Aufstöhnen. Als ihre Zunge mein Ohr erreichte, leckte sie beinahne zärtlich darüber.

"Ich könnte Euch eine solche Lust bescheren, dass Ihr mich anflehen würdet, Euch zur Frau zu machen. ", sie ließ von meinem Ohr ab und wollte sich gerade meinen Lippen widmen...

„Livia!!“, ertönte es hinter uns.

„Narcissus...“, sprach sie, bevor sie grinsend zurück wich.

„Ihr wolltet mich sprechen?

„Ja...", Narcissus stellte sich neben mich und ergriff meine Hand, was sie nur schmunzeln ließ, „...doch ich möchte Euer Glück mit dieser reizenden, jungen Frau nicht trüben. Ich bitte Euch lediglich wieder ins Haus zu gehen, es ist nicht sicher hier.“, sie lehnte sich an das Geländer. Für einen kurzen Augenblick trafen sich Narcissus und meine Blicke.

„Ich danke Euch.“, sprach er noch.

Doch als wir uns umdrehten war sie verschwunden...


(xxx)

Von da an fand ich keinen weiteren Anreiz an dem Fest. Diese Frau hatte mich vollkommen aus der Fassung gebracht. Mich berührt, ohne mich zu fragen, mit ihrer Art wehrlos gemacht und überrumpelt. Ich kam mir vor wie ein Stück Fleisch. Dumm, einfältig und zu gelähmt um mich wehren zu können. Wie die Beute eines gefährlichen Raubtieres. Aelia hatte die reine Wahrheit gesproche. Livia war eine imposante, hochgefährliche Frau.

Wer weiß wie weit sie gegangen wäre, wäre Narcissus nicht zurückgekommen...

Am Liebsten hätte ich meine Wut hinausgebrüllt...

Ein Jeder schien sich hier zu amüsieren, Tänzerinnen verzauberten die Massen und die Sklaven trugen ein riesiges Festmahl auf. Aber meine Gedanken waren woanders. Nicht nur, dass mir die Begegnung mit der mächtigsten Frau Roms in den Knochen steckte, nein, was mir wirklich das letzte bisschen Hungergefühl nahm, war der Anblick der Sklaven. Alles aß und vergnügte sich, während ich kaum einen Bissen herunter bekam. Ich aß lediglich, wenn ich bemerkte, dass der Senator mich anlächelte. Ich fühlte mich seltsam allein, ja fehl am Platze inmitten der gehobenen Gesellschaft. Ich verstand nicht wie die Menschen Essen und Trinken konnten, während ihre Leibeigenen vor Hunger fast umfielen.

Und immer wieder schoss das Bild des Schattens durch meinen Kopf...

Hatte ich ihn wirklich gesehen, oder mir nur eingebildet?

Der Abend verlief weiterhin ereignislos. Der Senator wich mir nicht mehr von der Seite. Er sprach viel über seinen Reichtum und seine Einsamkeit, doch ich hörte ihm kaum zu. Livia sah ich nicht mehr. Endlich neigte sich das Gelage dem Ende zu. Narcissus verabschiedete sich sehr höflich von mir. Ich sah wie er meinem Vater etwas in die Hand gab bevor er mir den Rücken zuwandte. Erleichtert atmete ich auf als ich endlich ich in meinem Bett lag.

Ich ahnte nicht, das mein Leben von da an nicht mehr dasselbe sein würde...
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast