Quälgeist

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Levi Ackermann / Rivaille OC (Own Character)
07.08.2014
26.03.2020
38
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Intermedium – Tag 279



„Weißt du, weswegen du heute hier bist?“

„Weil alle mir sagen, ich soll herkommen.“

„Weißt du auch, warum sie dir das sagen?“

„Nicht wirklich… Ich hab mich mit ein paar aus meiner Klasse gestritten. Sie haben einfach früher das Heulen angefangen. Deswegen bin ich jetzt die Böse.“

„Warum hast du dich denn mit ihnen gestritten?“

„Weil sie mich ärgern! Seit Jahren schon! Jetzt hab ich’s mir halt nicht mehr gefallen lassen.“

„Aber ist körperlich Werden die richtige Antwort? Du bist doch sonst nicht so. Ich weiß, dass du ein vernünftiger Mensch bist.“

„Ja? Wissen Sie, wer ich bin?“

„… Bei Konflikten sollte man sich zusammensetzen und miteinander reden. Ich weiß, dass ihr Schüler die Zwei-Minuten-Regel nicht wirklich…“

„Mit denen kann man nicht reden! Ich hab’s versucht. Am Anfang. Dann hab ich’s sein lassen. Hat ja nichts gebracht.“

„Auch wenn sie sich dir gegenüber unfair verhalten, Gewalt sollte immer der letzte Ausweg sein. Man sollte nur in absoluten Notsituationen darauf zurückgreifen. Und dann auch nur zur Selbstverteidigung.“

„Meinen Sie? Früher hab ich auch einmal so gedacht…“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Nein. Ich glaube, es gibt Menschen, die es einfach nicht anders verdient haben.“




Kapitel 38 – Die Geächteten



Levi und Motte kehrten zu den anderen zurück, da Armin und Jean von Trost zurückgekehrt waren. Sie berichteten, dass tatsächlich die ganze Aufklärungslegion gesucht und verhaftet worden war. Levi und seine Einheit sowie Hanji und Moblit waren die einzigen, die fehlten, weswegen heute Morgen Fahndungsplakate verteilt worden waren. Als Levi die recht dümmliche Zeichnung von sich betrachtete und die Nervensäge bei dessen Anblick in schallendem Gelächter ausbrach, konnte er nicht umhin, einen Anflug von Empörung zu verspüren.

„Da kommt jemand!“, verkündete Sascha plötzlich warnend, die von allen Anwesenden mit Abstand das beste Gehör besaß. „Zwei Personen.“

Wenige Momente später nahm auch Levi die Schritte zweier Personen wahr. Der Gang schien behutsam, aber fest. Als würden sie etwas suchen.


Der Plan war einfach: Armin spielte den Lockvogel, in dem er Wasser an einem nahegelegenen Bach schöpfte. Der Rest lauerte versteckt in den Bäumen, obwohl es vorgesehen war, dass nur Mikasa und Levi sich den beiden Fremden annahmen.

Sie entdeckten Armin am Bach und stellten ihn. Es handelte sich hierbei um zwei Soldaten der Militärpolizei, ein Junge mit einer furchtbaren Frisur und ein Mädchen mit einem scheinbar natürlicherweise angesäuerten Blick. Beide waren kaum älter als die Mitglieder von Levis Einheit. Er und Mikasa reichten also aus.

Gerade als sie Armin festnehmen wollten, kamen Levi und Mikasa zwischen den Bäumen hervorgeprescht. Binnen einer Sekunde hielten sie ihre Klinge an die Kehlen der beiden. „Händigt eure Waffen eurem Gegenüber aus“, befahl er mit seiner ruhigen, aber allgemeingültigen Stimme.

Armin nahm die Gewehre entgegen. „Und keinen Mucks“, setzte dieser noch bedrohlich hinzu.


Sie hatten den zwei jungen Soldaten schnell alles abgenommen. Nicht nur die Waffen, sondern auch ihre Uniform und die Ausrüstung für das 3D-Manöver waren beschlagnahmt worden. Die zwei saßen mit nichts weiter als Hemd und Hose am Bach und wurden gerade von Mikasa, Jean und Armin gefesselt. Connie und Sascha hielten Ausschau, falls noch mehr kamen.

Der Kapitän selbst saß in der Nähe des Baches auf einem Stein und dachte darüber nach, was sie jetzt am besten unternahmen. „Was hast du jetzt vor?“, fragte Motte ihn neugierig und riss ihn somit aus seinen Gedanken.

Ungerührt blickte er zu ihr auf. „Sich als Militärpolizei verkleiden, um an den Wachen vorbeizukommen. Dann herumschnüffeln und herausfinden, wohin Eren gebracht worden ist.“

Sie runzelte die Stirn. „Klingt irgendwie… lahm. Und ziemlich riskant. Und nicht besonders lohnenswert.“ Sie legte grüblerisch eine Hand ans Kinn. „Wenn ich genauer darüber nachdenke, könnte das ewig dauern. Wir fliegen wahrscheinlich auf, bevor wir ihn finden.“

Levi seufzte zustimmend. „Ich weiß, aber wir haben keine bessere Möglichkeit. Uns bleibt keine Zeit mehr. Wir müssen aufs Ganze gehen.“

„Kapitän.“ Jean kam auf sie zu und reichte Levi zwei kleine Bücher. Dort waren die Personalien der beiden Soldaten der Militärpolizei festgehalten.

„Na denn…“ Er nahm sie entgegen und erhob sich. „Stohess Distrikt, Militärpolizei“, las er vor und schritt dabei gemächlich auf die beiden Soldaten zu und um sie herum. „Soldat Marlo Freudenberg.“ Das war der Junge mit der bescheuerten Frisur. Aus dem Augenwinkel bemerkte Levi, wie er halb ängstlich, halb bewundernd zu ihm hochschielte. Er ignorierte es. „Und Soldatin Hitch Dreyse.“ Sie schien diese Situation viel gefasster zu nehmen. Die Verärgerung war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, aber immerhin hielt sie ihren Blick fest zu Boden gerichtet.

Levi kam hinter ihnen zum Halt und meinte sachlich: „Was eure Beseitigung angeht…“

Da zuckten beide heftig zusammen. Sogar das Mädchen. Die Worte hatten anscheinend etwas in ihr ausgelöst. „Wegen euch wurden über hundert Menschen in Stohess getötet!“, rutschte es ihr entgeistert raus.

„Hm?“, kam es verwundert von Levi. Woher weht denn dieser Wind auf einmal? Das war jetzt… über zwei Wochen her. Erst zwei Wochen? Levi kam es wie Äonen vor.

„Hey!“, raunte Marlo ihr mahnend zu, doch nun da Hitch schon mal angefangen hatte, schien sie nicht zu bremsen zu sein. Wie es aussah, trug sie das schon eine Weile mit sich herum. „Ihr…“, spuckte sie verächtlich, ohne jemanden direkt zu fokussieren. „Ihr denkt, ihr seid alle Helden der Gerechtigkeit, aber die Opfer und ihre Familien sind direkt in die Hölle geraten!“

„Ja, ich weiß“, gab Levi stoisch von sich.

Dafür erntete er einen hasserfüllten Blick der jungen Soldatin, woraufhin Motte ihr die Zunge, rausstreckte, obwohl sie sie nicht sehen konnte. „Ihr da!“, wandte sich Hitch an Armin, Mikasa und Jean, die vor ihr und Marlo standen. „Ihr seid von der südlichen Kadetteneinheit, ja? Wie Annie Leonhardt. Seid ihr Freunde von ihr?“

Der Name ließ sie kaum merklich reagieren. Während Mikasa keine Miene verzog, sah Levi deutlich wie ein Schatten der Betrübnis sich auf die Gesichter von Armin und Jean legte.

Hitch wartete gar keine Antwort ab und ließ auf einmal kraftlos die Schultern hängen. „Nein… Ich bezweifle, dass Annie irgendwelche Freunde gehabt hat, so, wie sie drauf war… Es war, als wäre sie ein Kind, das Angst vor anderen Menschen hat. Ich habe nie die Chance gehabt, etwas über sie zu erfahren.“ Reue mischte sich in ihre Stimme und Levi konnte nicht verhindern, dass auf einmal Abscheu in ihm aufflammte. „Und der Grund, warum sie sie immer noch nicht gefunden haben, ist…“ Mit einem Mal wandte sie sich Levi zu und er konnte förmlich sehen, wie die Wut durch ihre Adern strömte. „… weil sie von einem Riesen zu Matsch zerquetscht worden ist!“

„Nein“, erwiderte er mit seiner üblichen Unverblümtheit. „Sondern weil der versteckte Riese Annie Leonhardt selbst gewesen ist.“

Wie vom Blitz getroffen starrten Hitch und Marlo ihn an.

Er musste den Blick abwenden, als ihn eine Welle des Zorns durchzuckte. „Verdammt, es macht mich krank“, ärgerte er sich mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. „Niemand weiß irgendetwas über diese Welt… Nicht wir oder irgendjemand anderes. Außer diese Bastarde in der Hauptstadt.“

Sein Blick streifte Mottes und seine Wut flaute ab. „Wir lassen euch frei, sobald wir von hier weg sind“, meinte er zu den beiden, die offensichtlich noch weniger wussten als die meisten im Aufklärungstrupp. Den es jetzt eigentlich auch nicht mehr wirklich gab.

„Annie war…“, flüsterte Hitch entgeistert. Sie hatte die neuen Informationen wohl immer noch nicht richtig verarbeitet.

„Kapitän Levi!“, wandte Marlo sich mit lauter, fester Stimme an ihn. „Bitte lassen Sie mich Ihnen helfen! Ich denke nicht, dass das, was Sie tun, falsch ist! Wenn ich helfen kann, die Ungerechtigkeit dieser Welt auszulöschen, tue ich alles, was nötig ist!“

„Was ist denn mit dem los?“, entfuhr es Levi und Motte gleichzeitig, doch während die Nervensäge deshalb auflachen musste und aus unerklärlichen Gründen „Verhext“ plärrte, ignorierte Levi es, zumal es sonst niemand mitbekommen hatte.

„Ich flehe Sie an, Kapitän Levi!“, beteuerte Marlo.

„Vergiss es“, antwortete er gnadenlos. „Ich kann nicht sagen, wie bereit du bist, dir die Regierung zum Feind zu machen.“ Er wandte sich seiner Einheit zu. „Lasst uns gehen. Sascha, binde sie irgendwo in der Nähe fest.“ Levi schritt los in den Wald hinein. Motte, Armin und Mikasa folgten ihm.

„Verstanden“, gehorchte sich und joggte aus ihrem Versteck heraus, um dem Befehl Folge zu leisten.

Als er an Jean vorbeilief, hielt dieser ihn zurück. „Kapitän. Bitte lassen Sie mich es tun.“ Levi wandte sich ihm leicht zu, erkannte die Entschlossenheit in seinem Blick. Dann setzte er seinen Weg fort. „Tob dich aus.“

Motte schwebte neben ihm, flog allerdings rückwärts, sodass sie die beiden jungen Soldaten der Militärpolizei gut im Blick hatte. „Die sind irgendwie schräg…“, befand sie.

Musst du gerade sagen, wollte Levi entgegnen, aber sie redete schon weiter. „Und Hitch mag ich nicht.“ Kurz rümpfte sie missbilligend die Nase. „Die führt sich auf, als wüsste sie voll Bescheid über Tod und so und wir wären die Idioten, die keine Ahnung haben.“

„Jeder verarbeitet seine erste Konfrontation mit Riesen anders“, räumte Levi ein, auch wenn er in keiner Weise Hitch verteidigen wollte. Im Gegenteil, gedanklich stimmte er Motte voll und ganz zu. „Einige werden wütend, einige können nächtelang nicht schlafen und manche…“ Er schaute sie von der Seite an. „… singen.“

Sie erwiderte den Blick mit großen Augen voller Verwunderung. „Singen? Wer zur Hölle singt in so einer Situation?“ Daraufhin runzelte er bloß vielsagend die Stirn. Langsam dämmerte es ihr. „Hä, echt jetzt?“, fragte sie leise nach und deutete halbherzig auf sich. „Hab ich…? Wann hab ich…?“ Der Groschen fiel, als die Erinnerung wiederkam. „Oh, ich glaub, du hast recht… Ich hab ernsthaft gesungen…“ Vor Peinlichkeit rollte sie sich in der Luft in eine Kugel zusammen, wobei sie ihren Kopf zwischen ihren Knien vergrub. Dadurch kam sie zum Halt, während Levi ungerührt weiterlief.

Armin schritt durch das in sich gekauerte Mädchen hindurch und zuckte heftig zusammen. „Motte!“, erschrak er sich, die daraufhin mit neuem Elan förmlich aus ihrer Stellung platzte und sich bei ihm entschuldigte.

Schnell und frohen Mutes holte sie Levi ein. „Weißt du, wieso ich gesungen habe?“ Nein. Wollte er auch gar nicht wissen. Sie verriet es ihm trotzdem. „Weil man in schlimmen Situationen immer singen soll! Und momentan ist die Lage auch mehr als bescheiden.“ Sie räusperte sich affektiert und Levi ahnte das Schlimmste.

Im nächsten Moment fing die Nervensäge an, laut und falsch eine Melodie ohne Text zu schmettern. Vielleicht wäre sie in angemessener Lautstärke und den richtigen Tönen angenehm, möglicherweise sogar aufbauend gewesen, stattdessen verspürte Levi das Bedürfnis, seine Trommelfelle zu durchstechen. „Oh, Himmel, nein…“, klagte er gequält bei sich und wusste, dass die Nervensäge nicht davon abzuhalten war, ihren Gang durch den Wald musikalisch zu unterstützen. Oder besser gesagt, seinen Gang. Schließlich war er der einzige mit dem fliegenden Fluch.


„Da drüben ist der am wenigsten bemannte Kontrollpunkt“, erklärte Marlo Levi. Er und Hitch waren von Jean auf die Probe gestellt worden und sie hatten ihre Entschlossenheit bewiesen. Deshalb und weil sie sonst nicht den lausigen Plan verfolgen mussten, in dem sie sich als Soldaten der Militärpolizei verkleideten, hatte Levi ihre Hilfe angenommen.

Nun versteckten sie sich in den Büschen und beobachteten einen Kontrollpunkt der Militärpolizei. Hierbei handelte es sich um nichts weiter als ein Holzzaun, ein Zelt sowie Bänke und Tische. Levi machte nicht mehr als eine Handvoll Soldaten aus und er vermutete, dass im Zelt noch höchstens ein oder zwei waren. Das sollte zu schaffen sein.

„In Ordnung. Wir kümmern uns selbst drum“, entschied er. „Geht zu eurer Einheit zurück, bevor sie euer Verschwinden bemerken.“

„Verstanden“, gehorchten sie und wandten sich davon.

„Hitch, mag dich, glaub ich, nicht“, vermutete Motte, die die Soldatin nicht aus den Augen ließ. „Sie guckt dich immer so grimmig an.“ Kurz pausierte sie und sah dann ein: „Aber sie haben uns geholfen. Wahrscheinlich sind nicht alle Militärpolizisten asoziale Vollidioten…“

Sie hatte nicht ganz Unrecht. „Marlo, Hitch“, hielt Levi sie noch kurz zurück und sie drehten sich ein letztes Mal zu ihm um. „Wir sind dankbar“, sagte er ehrlich.

Kurz schienen sie erstaunt, dann salutierten sie respektvoll, ehe sie verschwanden.

Levi sprach nun mit seiner Einheit. „Lasst uns gehen! Jetzt sind wir dran, Streit anzufangen!“

„Das war ein ausgesprochen dämlicher Satz“, befand Motte hoffnungslos seufzend. Als ob sie bessere Sprüche draufhätte.


Die Sonne war inzwischen untergegangen. Levis Einheit hatte den Kontrollpunkt gestürmt und dessen Aufseher schnell finden können. Tatsächlich gehörte er der Zentralbrigade an. Sie waren den Waldrand abgelaufen, bis sie weit weg von jeglichen Menschenseelen waren. Seine Einheit inklusive Motte, die schließlich immer noch im Krankenhaus lag und somit keinen Verpflichtungen in ihrer Welt unterlag, waren ihm gefolgt.

Hier würde das Verhör stattfinden, entschied Levi schließlich und schleuderte ihren Gefangenen gegen einen Baum. „Hör auf…“, winselte der Soldat außer Atem. Er setzte sich auf, den Rücken gegen den Stamm gelehnt, und keuchte schwer.

Für diese Worte trat Levi ihn nochmals. Dann kniete er sich hin, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. „Wo sind Eren und Christa?“, stellte er die wichtigste Frage.

Der Soldat lachte verächtlich auf. „Ihr seid ja so mutig“, spottete er mit einem gehässigen Grinsen auf den Lippen. „Beim Kontrollpunkt vorhin waren nur Rekruten, die kaum ihren eigenen Arsch abwischen können. Ihr denkt, ihr seid irgendwelche Helden, nur weil ihr sie überwältigt habt?“

Levi spürte den Zweifel seiner Leute im Nacken. Sie waren selbst noch sehr jung. Er bändigte seine aufkeimende Wut, richtete sich wieder auf und meinte ungerührt: „Wie grauenhaft wir doch gehandelt haben.“ Er holte mit seinem Bein aus und kickte dem Soldaten mitten ins Gesicht. Mitten in den Mund, um genau zu sein. Durch den Schwung verlor der Soldat einige Zähne und Levi verspürte einen Hauch Genugtuung. Seinen Fuß drückte er weiterhin in die Mundhöhle des Gefangenen, der nun anfing zu würgen. „Was aber noch grauenhafter ist, ist dein Mund“, setzte er so ruhig hinzu, dass er sicher gehen konnte, dass der Soldat verstand, mit welcher Gefahr er es zu tun hatte.

„Iiih“, hörte er die Nervensäge hinter sich angewidert ausstoßen.

Der Soldat griff Levis Unterschenkel, wollte ihn wegdrücken. Daraufhin drückte er noch fester zu. Er war beeindruckt, dass sein Gefangener noch nicht kotzte. „Ich empfehle dir zu reden, solange du ihn noch benutzen kannst. Wo sind Eren und Christa?“ Er hasste es, sich wiederholen zu müssen. Dieses Mal legte er Nachdruck in die Worte. Buchstäblich.

Dann zog er sein Bein zurück und der Soldat hustete erstmal. „Ich kann’s nicht oft genug sagen“, flüsterte die Nervensäge angesichts der angespannten Situation leise, allerdings konnte sowieso nur Levi sie hören, weswegen die geringe Lautstärke nur unnötig war. „Du bist ein Sadist.“

Und ich werd’s auch immer sein.

„Es hat keinen Sinn“, keuchte der Soldat verbittert. „Alles, was ihr jetzt noch tun könnt, ist zu fliehen und euch in diesen Mauern verstecken, zwischen all dem Dreck und der Scheiße!“ Das traf etwas in Levi, aber der Gefangene bemerkte es nicht einmal. „Wenn ihr euch nicht selbst stellt, wird jeder Soldat der Aufklärungslegion gefangen genommen und gehängt! Angefangen beim Schuldigsten von allen, Erwin Smith!“

Da hatte er einen Satz zu viel gesagt. Mit flinken Fingern packte Levi seinen Arm und verdrehte ihn auf seinen Rücken, bis es zufriedenstellend knackte. Er drückte nun das Gesicht des Soldaten gegen den Baum, den gebrochenen Arm hielt er am Rücken fest. Schmerzverzerrt schrie er auf.

„Halt den Mund“, fuhr Levi ihn verärgert an, als würde er ein Kind zurechtweisen, das lautstark nach Süßigkeiten verlangte. Tatsächlich würde er dem Mann am liebsten das Genick brechen. „Das ist dafür, dass du nicht meine Frage beantwortet hast. Das Leben einiger Soldaten in der Aufklärungslegion ist wertvoller als das anderer. Nur die, die dumm genug sind, um das zu akzeptieren, schließen sich uns an.“ Er ließ von ihm ab und richtete sich wieder auf. Sobald er den Soldaten losließ, sank dieser kraftlos gegen den Baumstamm. „Sag uns, wo Eren und Christa sind“, forderte er ungeduldig.

Ein tränenüberströmtes Gesicht starrte ihn an. „Ich… Ich weiß es nicht! Ich darf es gar nicht wissen! Kenny Ackermann ist ein sehr vorsichtiger Mann!“

Levi zog seine Augenbrauen zusammen. „Ackermann?“ Er spürte, wie Mikasa und Motte ihn erstaunt von der Seite anblickten. „Ich kenne Kenny… Ist das sein Nachname?“

„Ja…“ Dem erbärmlichen Soldaten war gar nicht bewusst, welche Informationsbombe er gerade losgelassen hatte.

Levi durchforstete seine Erinnerungen. All die Jahre, die er bei Kenny verbracht hatte… Er konnte nicht umhin, einen kleinen Stich zu verspüren. „Stimmt, es gibt Vieles, was er nicht preisgibt… Vor allem das wichtige Zeug.“ Er wandte seinen Blick zu Motte, ihm lag eine Frage auf der Zunge. Momentan hatte er einen Gefangenen zu verhören, aber es nagte an ihm. „Hast du das gewusst?“

Sofort schüttelte sie den Kopf. „Nein, hab ich nicht!“, beteuerte sie. „Sonst hätte ich es dir gesagt!“

„Bist du dir sicher?“, hakte er nach. „Auch, dass diese Information nicht irgendwo… versteckt oder so was gewesen ist?“

Sie nickte mit festem Blick. „Ganz sicher!“

Fuchsig, weil es schon wieder etwas gab, wovon er nichts gewusst hatte, wandte er sich wieder dem Soldaten zu, dessen verwirrter Blick zwischen Levi und der Richtung, in die er bis gerade eben noch geschaut hatte, hin und her zuckte. Er hatte nur Levis Seite des kurzen Dialogs mitbekommen. Es gab nichts, was den Kapitän momentan weniger kümmerte.

„Du musst eine grobe Idee haben“, meinte er zu dem Gefangenen und schritt auf ihn zu. „Du tust gut daran, dich zu erinnern.“ Mit festem Griff packte er den gesunden Arm.

„Hör auf!“, flehte der Soldat, der abermals den Tränen nahe war.

Levi dachte gar nicht daran. Er streckte den Arm nach hinten aus und platzierte seinen Fuß auf das Schulterblatt. Ein kräftiger Zug genügte und der Mann würde die nächsten Wochen beide Arme nicht benutzen können. „Du hast noch viele Knochen, die ich brechen kann.“

Der Mann spannte sich voll grausiger Erwartung an, doch Levi entschied sich dazu, seiner teuflischen Ader kurzen Freilauf zu gewähren und ihn noch ein wenig auf die Folter zu spannen. Kurz bevor er zog, ließ er wieder ein wenig locker und drehte sich abermals zu Motte. „Kein Protest?“, wunderte er sich mit gleichgültiger Miene.

Sie zuckte die Schultern. „Innerer Konflikt, würde ich sagen.“ Verächtlich blickte sie auf das Häufchen Elend der Zentralbrigade in Levis Händen. „Der spuckt große Töne und flennt jetzt wie ein Mädchen. Ich denke, er hat’s verdient.“

Nun war Levi ehrlich erstaunt. Soweit er wusste, war Motte noch nie ein Freund echter Gewalt gegen Menschen gewesen. „Woher der Sinneswandel?“

Sie verschränkte locker die Arme vor der Brust, doch er sah, dass sie zitterten. „Dein schlechter Einfluss, schätze ich.“

Levi wandte seinen Blick ab. Wahrscheinlich hatte sie recht.

Die Augen des Mannes zuckten auf der Suche nach Levis Gesprächspartner abermals hin und her. Oder vor Angst. Oder beidem. Es war ihm egal, er war wieder bereit, auch den anderen Arm zu brechen. „Du bist verrückt!“, presste der Soldat unter Schmerz und Tränen hervor.

Ohne die Miene zu verziehen, blickte Levi auf ihn herab und dachte an all die Dinge, die erlebt, gesehen und getan hatte, und erwiderte erstaunlich ehrlich: „Vermutlich.“
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