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Geliebter Blutsbruder

von Anmiwin
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Old Firehand Old Shatterhand Old Surehand Winnetou
07.08.2014
21.10.2014
36
85.743
28
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07.08.2014 613
 
Ich befand mich seit einigen Monaten wieder in Deutschland, um endlich mal wieder meiner Arbeit als Autor nachzugehen – auch ich muss schließlich von irgendetwas leben...
Vor fünf Monaten hatte ich mich in St. Louis drüben in Amerika von meinem unvergleichlichen Blutsbruder Winnetou für die Dauer von zwei Jahren getrennt, natürlich nicht, ohne vorher den genauen Zeitpunkt und Ort für unser nächstes Treffen festzulegen. Ich wollte einige Zeit in Deutschland verbringen, um zu schreiben, und dann für ein Jahr in den Orient reisen, um alte Bekannte wie meinen Hadschi Halef Omar  zu treffen sowie neue Eindrücke für weitere Reiseerzählungen zu sammeln.

Sammeln ist ein gutes Stichwort – ich bemühte mich gerade nach Kräften, mich für mein neues Buch innerlich zu sammeln, also meine Gedanken zusammenzuhalten – aber, wie schon in den letzten Tagen, scheiterte auch jetzt dieser Versuch wieder einmal kläglich.
Statt dessen erschien vor meinem geistigen Auge immer wieder eine schlanke, mittelgroße Gestalt, ein Mann mit unglaublich langem, seidigen, wunderschönen, bläulich schwarzen Haaren, einem ernsten, männlich-schönen Gesicht mit samtigen dunklen Augen, in denen man zu versinken glaubte. Und es war nicht das erste Mal, dass mein Blutsbruder meine Gedankenwelt bestimmte - im Gegenteil: seit unserer Trennung und vor allem seit meiner Ankunft in meiner Heimat geschah dies immer öfter. Das war irgendwie seltsam und vorher in diesem Ausmaße noch nie geschehen.

Ich versuchte, trotz dieser immer öfter vorkommenden Störungen dennoch etwas einigermaßen Gescheites zu Papier zu bringen, was mir auch leidlich gelang. Dann war die Zeit gekommen, mich reisefertig zu machen, um erst den Zug nach Italien und anschließend das Schiff nach Kairo zu besteigen.
In diesen Tagen tauchte mit einem Mal ein weiteres Problem auf: in den Nächten vor meiner Abreise gelang es mir immer seltener, ohne Störung durchzuschlafen. Es waren keine richtigen Alpträume, die mich wieder und wieder aus dem Schlaf rissen, sondern eher unbestimmte Angstgefühle. Ich träumte nicht richtig, aber im Schlaf stiegen stets neue, verworrene Bilder in mir auf, gepaart mit regelrechten Verlustängsten.
Meistens wachte ich dann schweißgebadet und mit einem nicht näher zu bestimmenden, unaufhörlich nagenden Gram in mir auf. Und ständig sah ich beim Aufwachen das gleiche Bild vor mir: eine blutüberströmte Person, die ich aber nur als Silhouette wahrnahm und die ich einfach nicht zuordnen konnte.

Diese Störungen eisern zu ignorieren versuchend, trat ich dennoch meine Reise an und gelangte auch glücklich, wenn auch etwas übermüdet im Hafen von Genua an, von dem aus das Schiff ablegen sollte.
Und dann geschah etwas noch nie Dagewesenes: es gelang mir nicht, das Schiff zu besteigen - meine innere Unruhe, meine Verlustängste sowie ein tiefer drängender Zwang hielten mich davon erfolgreich ab. Obwohl ich mich selbst am liebsten für verrückt erklärt hätte, gehorchte ich dieser inneren Stimme, da sie mich schon so manches Mal vor großer Not bewahrt hatte.

Nur – was sollte ich statt dessen tun? Wieder in die Heimat zurück? Ich dachte abends im Hotel über mein weiteres Vorgehen nach, und plötzlich stand die Gestalt meines Winnetou so deutlich vor meinem geistigen Auge, dass ich jetzt genau wusste, warum ich nicht an Bord gegangen war: Ich hatte eine unstillbare Sehnsucht nach der Freiheit Amerikas, der unendlichen Weite der Prärie sowie natürlich und vor allem nach meinem besten Freund!
Mich in Gedanken einen sentimentalen Schwachkopf schimpfend, traf ich nicht ohne geringe Vorfreude die Vorbereitungen zu einer weiteren Reise in den Wilden Westen, und je näher die Abreise kam, desto größer stieg in mir die Zuversicht, genau das Richtige getan zu haben.

Ja, es war das Richtige, und ich danke heute noch dem Herrgott dafür, – denn für mich war niemand anderer als er es gewesen, der meine Schritte in die richtige Richtung lenkte –  dass er mir so deutliche Zeichen gesandt hatte!
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