New Haven

von jinkizu
GeschichteDrama, Romanze / P16
06.08.2014
17.04.2016
18
34035
1
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
Hallo LisaSchreiberling!
Vielen lieben Dank für dein Review! Ich hoffe du hast auch noch weiter Spaß an der Geschichte.

lg Gaby


Er wurde verfolgt. Zuerst bemerkte er die geduckte Gestalt als er Miss Guthrie´s Etablissement verließ. Er wechselte die Straße und blieb vor dem Bordell stehen, nur um festzustellen, dass sein Verfolger es ihm gleich tat. James drehte eine extra Runde hinab zum Hafen. Eigentlich  wollte er sich auf dem direkten Weg zu seiner Unterkunft begeben, doch nun musste er herausfinden ob sich sein Verdacht als richtig erwies.

Der Bursche stellte sich wahrlich sehr tolpatschig an. Jedes mal wenn er inne hielt und über die Schulter zurückblickte, blieb dieser stehen und tat so als würde er sich für den Boden vor seiner Nase interessieren. James lotste ihn in eine schmale, dunkle Gasse und ehe sein Verfolger auch nur ahnen konnte, was er mit ihm vorhatte, packte er ihn schon grob bei den Schulter. Warf ihn gegen eine Wand und drückte ihm mit einer Hand die Kehle zu.

„Verratet mir wer Euch geschickt hat, bevor ich Euch töte!“, verlangte er knurrend zu wissen. Der Hut rutschte dem Mann dabei in den Nacken und entblößte sein Gesicht. Heftig schnappte James nach Luft, dann ließ er sie schnell los.


„Emily!“

                                                                              ~ ° ~

Es war nun sechs Monate her, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Damals hatte er sich eines der Fischerboote geschnappt, es hinaus ins Meer gezogen und Segel gesetzt. Nicht einmal hatte er zurückgeblickt. Aus Furcht. Es fiel ihm unendlich schwer sie zu verlassen und wenn er sich umdrehte, dann könnte die Versuchung zu groß sein. Viele Tage trieb er im offenen Meer. Dann erreichte er eine Küste. Man kannte ihn dort. Ein Schiff brachte ihn zurück nach Nassau.


Zurück in sein Leben. Zu seiner treulosen Mannschaft. Zu Vane, der jetzt das Fort beherrschte. Zu seiner Mrs. Barlow. Er hatte sie bisher nur einmal besucht. Irgendwie war es zwischen ihnen nicht mehr dasselbe, seit er Emily kannte. Seine Mannschaft war über sein plötzliches Auftauchen zu Tode erschrocken. Abergläubisch wie sie waren, hielten sie ihn jetzt beinahe für unsterblich.


Aus Furcht vor seiner Rache und auch weil er Mr. DeGroot in seine wohlverdienten Ruhestand schickte, möge seine Seele in Frieden ruhen, gab man ihm das Kommando über sein Schiff mehr als bereitwillig wieder zurück. Bevor auch nur einer an ein Wiederwort denken konnte, ließ er die Segel setzten und stach in See. Es galt die Urca de Lima zu finden.


Irgendwie hatte er es im Gefühl, dass sie immer noch in ihren Gewässern unterwegs war. Es war etwas, was Silver einmal zu ihm gesagt hatte. Irgendwas über das Wetter und das brachte ihn auf einen verrückten Gedanken. Was wenn die Urca, wegen der Stürme die um diese Jahreszeit häufig auftraten, nicht so gut vorankam? Was wenn sie in einem Hafen Zuflucht suchen mussten?


Seine aberwitzige Hoffnung wurde von Erfolg gekrönt. Die Urca de Lima erlitt Schiffbruch. Sie brauchten das Gold, dass das Schiff geladen hatte, praktisch nur noch auf sein Schiff bringen und kehrten nach Nassau als reiche Männer zurück. Eigentlich sollten damit all seine Probleme gelöst sein, aber zu seinem Leidwesen fingen sie jetzt erst richtig an. Die Gier nach dem Gold griff um sich. Damit hatte er nicht gerechnet.

                                                                          ~ ° ~

Bevor sie auch nur ahnen konnte was er vorhatte, hatte er sie bereits heftig an sich gezogen und küsste sie. Für einen Augenblick lang gab er sich ganz seinen Gefühlen hin. Es hatte ihm so gefehlt sie zu spüren. Fast gewaltsam riss er sich von ihr los, schob ihr wieder den Hut ins Gesicht und zog sie mit sich. Niemand durfte sie hier zusammen sehen, damit gerieten sie beide in Gefahr. Bei seiner Unterkunft angekommen, drängte er sie grob über die Schwelle und verschloss hinter sich die Tür.


Emily fuhr auf dem Absatz zu ihm herum und öffnete gerade den Mund um ihm ihre Meinung zu sagen, doch dazu ließ er es nicht kommen. Er packte ihren Hut und warf ihn achtlos zu Boden, dann machte er sich an ihrer Kleidung zu schaffen. Er musste sie sehen, sie berühren und sie unter sich spüren.


„Nachher könnt Ihr mit mir schimpfen so viel Ihr wollt, doch jetzt ...“ Er drängte sie zurück zum Ende des Raumes, wo sich das Bett befand.


„Ich werde mir so eine Behandlung von Euch nicht immer gefallen lassen!“, drohte sie ihm atemlos.


„Ich hoffe doch!“, erwiderte er und presste erneut seine Lippen auf ihre.

                                                                          ~ ° ~

Entspannt lag er neben ihr. Das war unglaublich gewesen. Im Geiste ging er jeden Moment der vergangenen Stunden noch einmal durch. Zu schade, dass er sie wieder fortschicken musste. Hier konnte sie auf keinen Fall bleiben. Sie war wie ein Lamm und vor der Tür lauerten lauter Wölfe. Einer gefährlicher als der andere und für sie alle wäre sie ein mehr als willkommener Happen.



„Wie habt Ihr das geschafft?“ Ihre Frage riss ihn aus seinen Überlegungen.


„Was meint Ihr?“ Sie strich mit den Fingern zärtlich über seine bloße Brust.


„Ihr habt zu Euren alten Narben neue hinzugefügt! Ihr lebt wohl gerne gefährlich!“, sagte sie leicht vorwurfsvoll.


„Ich hatte viel zu tun!“, erwiderte er ausweichend und entlockte ihr so ein Lächeln.


„Das glaube ich Euch! Ihr seid wieder Kapitän auf Eurem Schiff? Rühren daher die neuen Narben?“ Sie besaß tatsächlich einen scharfen Verstand.


„Warum seid Ihr hier? Nicht das ich mich nicht über Euer Auftauchen freuen würde ...“


„Mein Vater ist gestorben!“, kam es traurig von ihr.


„Es tut mir leid! Wie?“


„Kurz nachdem Ihr mich verlassen habt, bekam er Fieber. Sehr hohes Fieber.“ Emily rollte sich auf die Seite und wandte ihm den Rücken zu. Es nahm sie immer noch sehr mit. Er schlang einen Arm um sie und küsste sie sanft auf die Schulter.


„Nachdem mein Vater gestorben war, wurde für mich das Leben unter den Männern unerträglich. Sie wollten das ich mich für einen von ihnen entscheide, oder sie würden sich mich teilen!“ In ihrer Stimme lagen Tränen und das letzte Wort brachte sie mehr würgend heraus.


Mühsam schluckte er. Er konnte nur schwer seine Gefühle beherrschen. Wenn er dort gewesen wäre, er hätte den Männern gezeigt, was sie erwartete, wenn sie Emily auch nur einmal unangemessen anblickten. Nur stellte ihn diese Neuigkeit vor ganz andere Probleme. James hatte gedacht, er könnte Emily einfach wieder zurück auf die Insel bringen, doch nun musste er sich etwas anderes einfallen lassen. In Nassau konnte sie unmöglich bleiben.

                                                                           ~ ° ~

Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, das fühlte sie. James wollte sie, aber nicht hier. Er schien bereits darüber nachzudenken, was er mit ihr tun sollte. Emily hatte da so ihre eigenen Vorstellungen. Sie wollte bei ihm bleiben. Um nicht entdeckt zu werden, hatte sie sich als Bursche verkleidet.


„Wie seid Ihr eigentlich hier her gelangt?“ Diese Frage hatte sie bereits erwartet.


„Da man mir keinen Ausweg mehr gelassen hatte, beschloss ich meiner eigenen Wege zu gehen und tat es Euch gleich. Ich kleidete mich wie ein Bursche, nahm eines der Fischerboote und segelte auf das Meer hinaus.“ Sie brauchte sein Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, dass er sie vermutlich für vollkommen verrückt hielt.


„Ich hatte Glück und ein Schiff fand mich, nahm mich auf und brachte mich nach Nassau. Ich habe so viel erlebt! Sie behielten mich als ihren Schiffsjungen. Ich musste die Decks schrubben und die schweren Seile aufwickeln bis mir fast die Finger abfielen, aber das war mir egal. Man schickte mich einmal den Hauptmasten hoch und dort oben erlebte ich zum ersten Mal was Freiheit bedeutet. Man konnte unendlich weit sehen. Das war so unglaublich.“


Damals als ihr Vater, nach dem Tod der Mutter, die Entscheidung getroffen hatte England für immer den Rücken zu kehren, hatte sie gemischte Gefühle. Sie stand an Deck neben ihrem Mann, der es kaum erwarten konnte das es losging, und ihrem Sohn und hatte Angst. Aber sobald sie die englische Küste hinter sich gelassen hatten und auf dem offenen Meer waren, wünschte sie sich die Reise würde ewig dauern.


„Ich könnte bei Euch als Schiffsjunge anheuern!“, schlug sie ihm impulsiv vor und fühlte wie er hinter ihr erstarrte.


„Nur über meine Leiche!“, kam es knurrend von ihm.


Tief holte sie Luft. Sie hatte es bereits geahnt. Es würde nicht leicht werden ihn davon zu überzeugen.

                                                                            ~ ° ~

„Das ist eine sichere Passage und in diesem Beutel befindet sich genug Gold um in Boston ein sehr gutes Leben führen zu können!“ James warf beides auf den Tisch und wartete.


„Es ist schon lange vorbei zwischen uns, nicht wahr!“, stellte Mrs. Barlow bitter fest. Sie zog seine Präsente an sich und betrachtete sie genauer.


„Wann beginnt meine Reise?“


Sie hasste das Inselleben und sie hasste das was aus ihnen geworden war, dass wusste er schon, seit sie hier gestrandet waren. Am Anfang hatte er noch die Hoffnung sie würde sich irgendwann einmal an alles hier gewöhnen, aber das ist nicht passiert und das würde auch nie passieren. Ihre Beziehung war seit Jahren festgefahren und zu einer unbequemen Routine geworden.


Er empfand, bis auf Schuldgefühle, schon lange nichts mehr für sie. Und sie? Wenn sie ihn irgendwann einmal geliebt hatte, so waren auch ihre Gefühle längst abgekühlt.


„In zwei Tagen!“, antwortete er ihr.


Ihm konnte es nicht schnell genug gehen, jetzt wo Emily hier war. Um nichts in der Welt wollte er, dass sich diese beiden Frauen über den Weg liefen. Miranda war seine Vergangenheit, aber Emily gehörte eindeutig zu seiner Zukunft.


„Ihr lasst mir kaum Zeit um meine Sachen zu packen!“, erwiderte sie trocken.


Um seine Lippen spielte ein schmales Lächeln. Das war typisch für sie. Miranda würde nichts von dem was sie hier umgab, mitnehmen und sich lediglich auf das absolut notwendige beschränken. Sobald sie in Boston angekommen war, würde sie alles was sie an die Vergangenheit erinnerte einfach verbrennen. Und wenn von ihren neuen Freunden, die sie mit Sicherheit ganz schnell um sich scharren würde, sie einer nach ihrer Vergangenheit fragte, dann würde sie sich als englische Witwe ausgeben. Die Jahre auf der Insel, aber würde sie mit keiner Silbe erwähnen. Niemals.


„Ich werde Euch jemanden schicken, der Euch mit Eurem Gepäck hilft und Euch sicher zum Hafen geleitet!“, versprach er ihr.


„Ich wünsche Euch das Ihr Boston das Leben führen könnt, von dem Ihr schon so lange träumt!“, sagte er noch zum Abschied, bevor er sie verließ. Mehr gab es zwischen ihnen nicht mehr zu sagen, denn es war schon lange alles gesagt


Sie würden einander nie wieder sehen und als er in den Sattel seines Pferdes stieg, da fühlte er sich seit unendlich langer Zeit wirklich frei. James dachte an Emily und an das was sie gesagt hatte. Er kannte das Gefühl, dass sich einstellte, wenn man ganz oben auf dem Masten eines Schiffes stand und auf das Meer hinaus blickte. Er kannte es und er verstand sie.

                                                                           ~ ° ~

Gelangweilt lief sie auf und ab. James hatte ihr verboten den Raum zu verlassen. Er hatte in diesem Punkt keine Wiederworte geduldet. Die Geräusche, die von draußen zu ihr drangen, lockten sie. Zu gerne hätte sie sich umgesehen. Bevor sie Flint gefunden hatte, war sie auch schon auf der Insel unterwegs gewesen.


Mitten unter all den Piraten und ihr war nichts passiert. Bestimmt übertrieb er, wenn er dachte ihr würde sogleich etwas zustoßen, sobald sie den Raum verließ. Außerdem wäre sie bestimmt wieder zurück, bevor er ihr fehlen überhaupt bemerken konnte. James würde es nie erfahren. Entschlossen setzte sie sich den Hut auf und zog ihn sich tief ins Gesicht. Emily hatte sich wieder als Junge verkleidet, denn dadurch war es ihr möglich sich vollkommen frei bewegen zu können.


Sie öffnete die Tür, lugte um diese herum um zu sehen ob die Luft rein war. Zum Glück befand sich der Zugang in einer schmalen Nebengasse in der sich keine Seele umtrieb. Emily konnte ungesehen hinausschlüpfen. Schnell lief sie hinab zum Hafen. Sie wollte die Schiffe sehen. Große, mächtige Schiffe und alle mit einer schwarzen Flagge beflaggt.


Hier gab es nur zwielichtige Gestalten und Huren, aber das störte Emily nicht, denn hier pulsierte das Leben. Alles war laut und voller fremdartiger Gerüche. Tief atmete sie ein. Sie liebte diesen wilden Ort jetzt schon und sie würde sich von James nicht dazu überreden lassen, diesen wieder zu verlassen. Auf gar keinen Fall.
Review schreiben