New Haven

von jinkizu
GeschichteDrama, Romanze / P16
06.08.2014
17.04.2016
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So sah also sein Tod aus! Von den eigenen Männern hingerichtet. Sein Blut verteilte sich unter ihm auf dem ganzen Deck. Er hielt seine Hand auf seiner rechten Schulter ´gepresst, aus der das Blut hervorquoll. Eigentlich hätte er damit rechnen müssen von einem von ihnen eines Tages erschossen zu werden.


Nur das heute schon der Tag war und das so kurz vor ihrem Ziel. Er dachte, er hätte noch mehr Zeit. Zynisch verzog sich sein Mund. Er hätte ihnen alles gegeben. Eine Zukunft. Ein Leben. Diese Narren! Schon spürte er den Sog der Dunkelheit, der ihn gnädig hinabzog.


„Der Teufel soll Euch holen!“ Das waren die letzten Worte seiner Männer an ihn. Aber das hatte er längst getan! Dachte er, dann wurde er ohnmächtig.

                                                 ~ ° ~

Leise summte jemand vor sich hin. Eine sanfte, liebevolle Melodie. Wenn das die Hölle war, dann hatte er Glück gehabt. Tief holte er Luft und mit diesem Atemzug kehrten auch die Schmerzen zurück. Jeder Muskel und jeder Knochen in seinem Körper schien gebrochen zu sein und seine rechte Schulter brannte wie Feuer. Was war mit ihm passiert? Mühsam schluckte er.


Sein Mund war staubtrocken und auch sonst hatte er das Gefühl halbtot zu sein. Aber das würde bedeuten, das er immer noch am Leben war. Langsam schlug er die Augen auf. Grelles Licht stach ihm in die Augen und dann … war sie da. Sie wischte ihm mit einem feuchten, kühlen Tuch sanft über sein Gesicht.


„Bleibt still liegen, Sir! Ihr habt Fieber und Eure Wunde hat sich entzündet! Es ist ein wahres Wunder, dass Ihr noch unter den Lebenden weilt.“, offenbarte sie ihm.


James Flint runzelte die Stirn. Als Wunder würde er das nicht bezeichnen. Neugierig betrachtete er sie. Wer war sie und warum kümmerte sie sich um ihn? Sie war kein junges Ding mehr, sondern eine erwachsene Frau, die, wie es aussah, auch schon einiges erlebt hatte. Ihre Kleidung war schlicht und einfach und war bereits an mehreren Stellen ausgebessert worden. Ihre Hände zeugten von harter Arbeit. Er hatte sie zuvor noch nie gesehen, also wie kam er in ihre Obhut?


„Mein Vater hat Euch am Strand gefunden. Wie Treibgut seid Ihr an die Küste gespült worden. Als er merkte, das noch Leben in Euch ist, hatte er Euch zu mir gebracht, damit ich mich um Euch kümmere. Er hat Fragen an Euch, wenn es Euch besser geht!“, erzählte sie ihm und beantwortete ihm so einige seiner Fragen.


Anscheinend hatten ihn seine Männer, in der Annahme er sei tot, einfach über Board geworfen und da ihn das Meer nicht behalten wollte, war er irgendwo an Land gespült worden.


„Ich bin Emily!“, stellte sie sich ihm vor.


„Ich bin ...“, begann er, brach aber hastig ab. Beinahe hätte er Flint gesagt, aber unter diesen Umständen wäre es nicht klug ihr seinen Piratennamen zu verraten.


„James!“ Er verriet ihr nur seinen Vornahmen. James war kein seltener Name und würde bei ihr bestimmt keinen Verdacht erregen.


„Seid Ihr ein Pirat?“


Ihre nächste Frage ließ ihn den Atem stocken.


„Verzeiht meine Offenheit, aber Ihr habt eine Schusswunde und wurdet am Meer gefunden unweit von einer Schlacht zwischen einem Kriegsschiff und einem Piratenschiff. Wir haben es hier von Land aus beobachten können. Da Ihr keine Uniform trugt, nahm ich an ...“


Sie war klug, diese Emily. Zu klug für seinen Geschmack. Sie hatte die richtigen Schlüsse gezogen. Fragte sich nur wer noch außer ihr? Ihr Vater? Und wer lebte noch alles hier? War er in einer Stadt? Einem Dorf? Wie viele Menschen gab es hier? Vorsichtig erhob er sich. Sein Körper brüllte vor Schmerzen, aber das ignorierte er genauso wie Emilys Frage.


„Ihr solltet liegen bleiben! Ihr seid noch zu schwach!“, riet sie ihm. Er hörte Besorgnis in ihrer Stimme. Außer seiner Mutter hatte sich bisher niemand um ihn Sorgen gemacht.


„Wo bin ich?“ Schwankend stand er da und musste erkennen, dass sie recht hatte. Er würde keine zehn Schritte weit kommen, bevor er hinfiel.


„Ihr seid auf einer kleinen Insel. Wir kennen ihren Namen nicht und so gaben wir ihr einen eigenen Namen. New Haven.“, antwortete sie ihm. Sie war an seine Seite geeilt um ihn zu stützen und das keine Minute zu spät. Sanft geleitete sie ihn zurück zu seinem Lager.


„Setzt Euch!“, forderte sie ihn auf und gehorsam nahm er Platz.


„In ein paar Tagen, wenn das Fieber zurück geht und Ihr zu Kräften gekommen seid, könnt Ihr Euch alles ansehen!“, versprach sie ihm und deckte ihn, sobald er sich ausgestreckt hatte, mit einem dünnen Tuch zu.

                                                                        ~ ° ~

Drei Tage waren vergangen. Seine Genesung schritt rasch voran und doch hatte er außer der kleinen Hütte, in der er sich befand noch nichts gesehen. Bis auf Emily. Sie hatte haselnussbraunes Haar, das sie immer zu einem strengen Knoten zusammengefasst trug. Keine Strähne erlaubte sich daraus zu entweichen und dabei hätte er gerne gewusst ob es lockig oder glatt war. Sie hatte sanfte, grüne Augen in denen eine gewisse Traurigkeit lag, immer dann wenn sie dachte keiner würde es sehen. Welches Schicksal begleitete sie?


Er wusste nur, dass sie hier mit ihrem Vater und noch ein paar anderen Leuten lebte. Ihr Schiff hatte an den Klippen Schiffbruch erlitten. Viele waren dabei ums Leben gekommen. Sie, ihr Vater und noch einige andere hatten überlebt und hier eine Siedlung gegründet. Sie überlebten, mehr schlecht wie recht. Seit gut einem Jahr waren sie hier gefangen. Ihrem Alter nach zu urteilen, müsste sie eigentlich längst verheiratet sein und Kinder haben. Aber sie war alleine. Dachte er jedenfalls.


Bisher war kein Mann an ihrer Seite aufgetaucht. Vielleicht rührte daher ihrer Traurigkeit? Heute war der erste Tag an dem sie ihm erlaubte aufzustehen. Das Fieber war verschwunden und auch seine Wunde heilte überraschend gut. Das lag an ihrer aufopfernden Pflege, dessen war er sich wohl bewusst.


Um ihm die Zeit zu vertreiben las sie ihm vor. Es war ein Roman den er bereits kannte, aber das verriet er ihr nicht. Ihre Stimme war angenehm und nur zu gerne lauschte er ihr. Das war eine der wenigen Freuden seines Lebens. Bücher, sie zu lesen oder wenn sie ihm jemand vorlas.


Sie begleitete ihn auch heute bei seinem ersten Spaziergang. Draußen brannte die Sonne auf ihn hernieder, aber das war ihm egal. Er war viel zu lange in einem Raum gewesen. Wer so wie er die See liebte, den hielt es nicht lange an einem Ort.

Miranda hatte das nie verstanden. Wenn es nach ihr ging, dann … sie wollte wieder zurück. Ihre Welt waren die Salons in London, eventuell Boston. Sie hasste das Inselleben. Er fühlte sich noch etwas schwach, aber das ignorierte er. Viel zu sehr genoss er ihre Gegenwart. Emily war sehr aufmerksam und zeigte ihm alles. Verstreut gab es einige primitive Behausungen. James ließ seinen Blick schweifen. Hier gab es, außer ihm, keine Piraten. Nur einfach Menschen die irgendwie versuchten zu überleben.


„Mein Mann und mein Sohn waren auch auf dem Schiff gewesen.“, erzählte sie ihm plötzlich. Daher rührte also ihre Traurigkeit.

„Das Meer hat mir meinen Mann und mein Kind genommen.“

Und ihr ihn gebracht. Ein schlechter Tausch für sie. Nicht für ihn.

                                                                         ~ ° ~

Emily hatte tausend Fragen an den Fremden. James war kein großer Redner. Sie wusste so gut wie nichts über ihn. Nur das er Pirat war. Er hatte ihre Frage unbeantwortet gelassen, daher nahm sie an damit ins Schwarze getroffen zu haben. Sie schwieg darüber, auch gegenüber ihrem Vater. Emily wollte nicht das er ihr verbat sich weiter um James zu kümmern, wenn er die Wahrheit über ihn kannte.


So war er in dessen Augen nur ein armer Schiffbrüchiger, so wie sie es gewesen waren, der Hilfe brauchte. Sie ahnte das er Bildung besaß. Vermutlich konnte er sogar lesen und schreiben. Seiner Aussprach nach kam er, wie sie, aus England.


„Das tut mir leid!“, kam es leise von ihm.  


„Die Insel gibt uns praktisch alles was wir brauchen. Frisches Wasser, Obst und Fisch!“, zählte sie ihm auf um von sich abzulenken. Sie wollte mit ihm nicht über ihren Verlust reden.

„Dann fehlt Ihnen hier gar nichts?“, hakte er neugierig nach.


„Doch natürlich. Es gibt hier nur sehr wenig Zerstreuung. Keine Neuigkeiten erreichen uns hier. Das macht das Leben etwas eintönig!“, erwiderte sie ehrlich.


Es gab noch viel mehr was sie vermisste, ihm aber nicht sagte. Ihren Sohn. Er war so zauberhaft gewesen und noch viel zu jung um sterben zu müssen. Zuweilen ihren Mann und seine Nähe. Musik und Tanzen. Ein gutes Glas Wein. Kerzenlicht. Die Stimme einer anderen Frau. Sie war die einzige, die das Unglück überlebt hatte.


Alles andere waren Männer. Was ihr, zu ihrem Leidwesen, schon einige Anträge der unterschiedlichen Art eingebracht hatte. Von einem schnellen Zusammensein angefangen, bis hin zu einem Eheversprechen war alles dabei. Aber sie war noch in Trauer gewesen und sie könnte keinen von den Männern auf der Insel jemals lieben. Ihr Herz war damals mit ihrem Mann und Sohn gestorben. Dachte sie bis jetzt.

Von der Seite hier warf sie einen Blick auf James. Das Wetter hatte sein Gesicht braun gefärbt. Er war viel draußen an der Sonne, das konnte man sehen. Er trug ein einfaches Hemd und Hose und doch wirkte er darin äußerst stattlich. Er hatte sturmfarbene Augen, das war ihr bereits aufgefallen, als er zum ersten Mal die Augen aufschlug. Um seinen Mund lag immer ein zynischer Zug. Das Leben hatte ihn nicht gut behandelt. Auch er hatte Lasten aus der Vergangenheit zu tragen, da war sie sich sicher.

                                                                       ~ ° ~

Verstehend nickte er. Miranda vermisste auch das Stadtleben in London. Ständig wurde man zu einem Ball, Soiree, Konzert oder ins Theater eingeladen. Auf einer Insel, besonders wenn diese eine Pirateninsel war, gab es das alles nicht.


„Zum Glück haben Ihr auch noch Eure Bücher.“, versuchte er sie aufzumuntern.


„Wohl war, auch wenn ich sie schon mehrmals gelesen habe. Da kann man nicht mehr viel Neues in ihnen entdecken.“, erwiderte sie schmunzelnd.


„Darf ich Euch ein kleines Geheimnis verraten?“, sagte sie plötzlich und sah wie er hellhörig wurde. Geheimnisse schien er zu mögen.


„Ihr seid das Aufregendste was ich bisher auf der Insel erleben durfte und ich bin sehr froh darüber, dass Ihr hier seid!“, gestand sie ihm offen.


Ihre Worte lösten ein warmes Gefühl in ihm aus. Etwas was er schon sehr lange nicht mehr verspürt hatte und er musste ihr Recht geben. Auch er fühlte sich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Seit einer unendlich langen Zeit konnte er nur einfach ein Mann sein. Kein Pirat und schon gar kein Kapitän über ein Piratenschiffe wie der Walrus.


„Erzählt mir von Euch!“, bat sie ihn.


Nachdenklich sah er auf das Meer. Was sollte er ihr erzählen? In London war er ein Gentleman gewesen. In Nassau ein Freibeuter. Ein Dieb. Ein Lügner und ein Mörder. Das war er und nichts davon konnte er ihr sagen. Auch über sein Leben in London musste er schweigen. Viel blieb da nicht über das er reden konnte.


„Ich bin Koch auf einem Schiff.“, begann er.


Er dachte an die Lüge von John Silver und lieber war es ihm Emily hielt ihn für einen Koch als das er ihr die Wahrheit offenbarte. Die Männer auf der Insel musterten ihn neugierig. Sie wussten natürlich das er hier war. Gesehen hatten sie ihn bisher noch nicht.


„Es geht Euch also besser?“, sprach ihn plötzlich ein älterer Herr an. James ahnte bereits wenn er vor sich hatte. Emilys Vater.


„Das habe ich der fürsorglichen Pflege Eurer Tochter zu verdanken!“


James reichte dem Mann seine Hand, die der andere ergriff. Dieser hatte einen festen Händedruck. Scharf wurde er gemustert. Emilys Vater stellte ihm keine Fragen. Vielleicht ahnte er, was er war und wollte es von daher nicht so genau wissen.


„Ich kann mich sicher darauf verlassen, dass Ihr meine Tochter mit dem nötigen Respekt behandelt, Sir?“

In seiner Frage stand eindeutig eine Warnung.


„Ihr habt mein Wort!“, versprach er ihm. Emily und er gingen weiter.


„Verzeiht, mein Vater macht sich, seit Mutters Tod, immer Sorgen um mich!“, sagte sie sobald sie außer Hörweite waren.


„Macht Euch keine Gedanken. Ich kann ihn gut verstehen. Ihr seid das Kostbarste das er hat und das möchte er um jeden Preis beschützen. Ich würde an seiner Stelle nicht anders handeln!“


Seine Worte brachten sie zum Erröten, was ihr, wie er fand, ganz bezaubernd stand. Er war es gewöhnt nur von Frauen umgeben zu sein, die nichts mehr zum Erröten brachte. Selbst die deftigen Flüche seiner Piraten, oder eine obszöne Geste konnte diese Frauen nicht mehr erschüttern. Selbst Miranda Barlow hatte diese Unschuld schon lange eingebüßt. Schon bevor sie mit ihm auf die Insel kam. Obwohl sie eine Lady war.  

                                                                        ~ ° ~

Ihr Mann war ihr ein guter Ehemann gewesen. Dennoch schaffte er es nicht in ihr die gleichen Gefühle auszulösen, wie James. Jedes mal wenn sie in seine Nähe kam fühlte sie Aufruhr in ihrem Herzen. Von ihm ging etwas gefährliches aus und das machte ihn für sie noch anziehender. Es war bestimmt falsch so zu fühlen und zugleich auch aufregend.


James war jetzt zwei Wochen bei ihnen und beinahe schon wieder ganz gesund. Seine Wunde an der Schulter machte ihm noch zu schaffen, aber auch hier schien die Heilung gut voranzuschreiten. Emily konnte ihm ansehen, wie er von Tag zu Tag unruhiger wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sie verließ und sie ihn nie wieder sah. Sie hatte ihn in der kleinen Hütte, die ihm als Unterkunft diente, aufgesucht um mit ihm, wie jeden Tag, zu reden und bei ihm zu sein.


„Ihr scheint Euch hier nicht mehr sehr wohlzufühlen!“, sprach sie ihn direkt an und erntete dafür ein Lächeln von ihm.


„Ihr irrt Euch. Ich fühle mich viel zu wohl in Eurer Gegenwart und deshalb sollte ich gehen!“, erwiderte er.


„Schmiedet Ihr deshalb Pläne wie Ihr von hier fortkommen könnt?“


Er fasste nach ihrer Hand und zog sie an sich.

„Ihr habt mich durchschaut. Ich schmiede Pläne. Jeden Tag und dann verwerfe ich sie wieder. Und sie alle haben mit Euch zu tun.“, gestand er ihr.


Ihr schlug das Herz bis zum Hals und sie fühlte sich atemlos und wie berauscht in seinen Armen. Schüchtern schlang sie ihre Arme um seinen Hals. Wie lange war es her, dass sie in den Armen eines Mannes gelegen hatte?


„Wovon handeln Eure Pläne?“, wagte sie zu fragen.


„Davon!“,kam es knurrend von ihm, bevor er sich herabneigte um sie zu küssen.

Emily schloss die Augen und genoss seine Berührung. Insgeheim hatte sie sich so gewünscht er würde genau das tun und noch mehr.

                                                                          ~ ° ~

Dieses zarte Geschöpf hatte sich irgendwie in sein Herz geschlichen. Er hatte immer geglaubt dort wäre nur Platz für Miranda und er könnte nur sie begehren, aber da hatte er sich geirrt. Da kannte er Emily noch nicht. Sie war ein warmherziges, aufrichtiges und liebevolles Wesen. Nicht einmal Miranda Barlow konnte ihr das Wasser reichen.


„Es gibt so vieles was ich Euch sagen möchte. Was Ihr über mich wissen solltet ...“ Hastig legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihm so zu schweigen.


„Eure Vergangenheit ist mir gleich. Ich muss nichts wissen, außer das Ihr das gleiche für mich empfindet, wie ich für Euch.“, sagte sie beschwörend zu ihm.


„Was fühlt Ihr für mich?“, verlangte er zu wissen, dabei begann er den strengen Knoten der ihr Haar zusammenhielt zu lösen. In sanften Wellen fiel es ihr den Rücken herab. James ließ es durch seine Finger gleiten. Sie besaß Locken.


„Ich sollte nicht so für Euch fühlen, doch als ich Euch sah, zum ersten Mal sah, da ahnte ich bereits, dass Ihr eine Gefahr für mein Herz bedeutet!“, gestand sie ihm.


„Und sobald ich in Eure Augen blickte war ich verloren!“


Tief holte er Luft. Ihre Worte berührten ihn mehr als er jemals zugeben würde. Niemand durfte je erfahren, wie sehr sie sein Herz bewegte. Er würde sie verlassen, aber nicht weil er es wollte, sondern weil er es musste. Beinahe schon schmerzhaft presste er sie an seinen Körper ganz so als wollte er sie nie mehr loslassen und küsste sie hart.


Bestimmt würde sie gegen diese rüde Behandlung protestieren, aber sie tat es nicht. Im Gegenteil, sie erwiderte seinen Kuss mit der gleichen Feurigkeit, wie sie ihn empfing. Es fiel ihm schwer an sich zu halten, aber er hatte ihrem Vater sein Wort gegeben und aufgrund der Großzügigkeit mit der man ihm hier begegnet war, kam es ihm mehr als schäbig vor sich ihr so aufzudrängen. Beinahe hastig ließ er sie los und brachte Abstand zwischen sich und ihr.


„Ihr solltet vielleicht gehen!“, schlug er ihr vor. Er verbarg seine Hände hinter seinem Rücken um nicht wieder in Versuchung zu kommen. Ein weiteres Mal würde er vielleicht nicht mehr die nötige Kraft aufbringen von ihr zu lassen.


„Wenn ich das tue werde, ich vermutlich nie erfahren wie es ist …“, kam es scheu von ihr.


„Was ist?“, fragte er, obwohl er ahnte das es ein Fehler war das zu tun.

„Von Euch geliebt zu werden!“


Er war ein Mann und bei Gott kein Heiliger. Wer von ihm verlangte sich von ihr fern zu halten, der musste ihn schon töten, denn nichts anderes konnte ihn dazu bringen von ihr zu lassen. Sie war dicht an ihn herangetreten und umschloss mit ihren Händen liebevoll sein Gesicht. Heftig riss er sie in seine Arme.


„Du musst verrückt sein, aber ich werde mich hüten dich von deinem Wahnsinn zu heilen!“, neckte er sie und presste erneut seine Lippen auf ihre.


Er begann die Schnüre die ihr Kleid hielten zu lösen und schon bald stand sie im Unterkleid vor ihm. Weiß, rein und unschuldig, aber darunter erwartete ihn ein Körper der ihm sinnlichsten Genüsse versprach. Kaum noch konnte er sich zurückhalten sie aus diesem Unterkleid zu schälen, aber er beherrschte sich. Er wollte ihr Freude bereiten und die gleichen Wonnen bescheren, die sie für ihn bereithielt. Er wollte das es für sie unvergesslich wurde.


Emily hatte scheinbar andere Pläne, denn sie machte sich an seinem Hemd zu schaffen. Zog es ihm aus dem Bund seiner Hose und glitt mit ihren Händen darunter. Zärtlich berührte sie seine Haut und trieb ihn damit beinahe an seine Grenzen. Fast hätte er sie gepackt, aufs Bett geworfen und sich auf sie gestürzt. Aber so wollte er ihr nicht begegnen.

Sie schob sein Hemd nach oben und wollte ihn daraus befreien. Sie stand bereits auf ihren Zehenspitzen um es ihm über den Kopf zu ziehen, nur würde sie es ohne seine Hilfe nicht schaffen, das sie viel kleiner war als er. Ihre Bemühungen entlockte ihm ein Lächeln, doch dann zeigte er erbarmen und streifte es sich selbst ab. Mit entblößtem Oberkörper stand er vor ihr und harrte ihrer Reaktion.

                                                                  ~ ° ~    

Narben wohin das Auge reichte. Er schien viele Schlachten geschlagen zu haben. Sie begann sie mit  ihren Fingerspitzen zu erkunden. Strich zärtlich darüber.


„Euer Beruf als Koch birgt scheinbar viele Gefahren.“, wisperte sie.


„Ich bin kein Koch!“, erwiderte er aufrichtig und begann sie aus ihrem Unterkleid zu schälen.


„Ich weiß“, hauchte sie atemlos, als ihr Kleid zu ihren Füßen auf den Boden fiel und sie somit vollkommen unbekleidet vor ihm stand.


Ob ihm gefiel was er sah? Emily schloss die Augen und wartete. Sie spürte Küsse, die er federleicht auf ihrem Hals, ihrer Schulter und tiefer verteilte. Sie glaubte innerlich vor Hitze zu verglühen und sie dachte sich nicht mehr länger auf den Beinen halten zu können. James zog sie zu seinem Bett.


Erwartungsvoll ließ sie sich darauf sinken, aber er kam nicht zu ihr. Noch nicht. Zuerst entledigte er sich seiner restlichen Kleidung. Neugierig ließ sie ihren Blick über ihn gleiten. Er war auf seine Art wunderschön und sie konnte es kaum erwarten ihn ganz zu spüren. Endlich kam er zu ihr. Küsste sie, berührte sie und gab ihr das Gefühl ganz Frau zu sein.


Hier in der Gemeinde war sie eine Krankenschwester, Köchin, Wäscherin und manchmal auch eine Mutter, aber niemals nur einfach eine begehrenswerte Frau die sich geliebt fühlte. James gab ihr dieses Gefühl. Zärtlich strich er mit der Hand zwischen Brüsten hinab und tiefer.

                                                                          ~ ° ~

Sie gab sich ihm vollkommen hin. Öffnete sich ihm ganz und hielt nichts zurück. Das war für ihn eine neue Erfahrung. Alle Frauen die er bisher kannte, hatten etwas zu verbergen. Sie nicht. Emily gab ihm das Gefühl bei ihr ganz er selbst sein zu können. James ließ sich fallen und wurde von ihr gefangen. Heftig atmend lagen sie nebeneinander. Das war unglaublich gewesen. Der Gedanke sie nie wieder berühren zu können, bereitete ihm jetzt schon Schmerzen, aber sobald er diese Insel verließ, gab es kein zurück mehr für ihn.


„Ich liebe dich!“ Hatte sie das wirklich zu ihm gesagt, oder wollte er das nur von ihr hören? Er nahm ihre Hand in die seinige und hielt sie fest.


„Ich muss bald von hier fort. Es gibt dort draußen ein Leben das mit diesem hier nicht zusammenpasst.“, sagte er leise. Er fühlte ihre Traurigkeit und sie kam seiner gleich.


„Ich bin Kapitän James Flint. Mein Schiff ist die Walrus. Ich bin ein Pirat!“, vertraute er ihr an. Emily schmiegte sich an ihn.


„Ich weiß“, flüsterte sie.


„Wann wirst du gehen?“ Sie legte ihre Hand auf seine Brust und das machte ihm die nächsten Worte fast unmöglich.


„Morgen!“, erwiderte er.


„Warum so plötzlich?“, verlangte sie zu wissen.


„Weil es mir sonst mit jedem weiteren Tag schwerer fallen würde zu gehen.“, gestand er ehrlich. Emily richtete sich leicht auf und sah auf ihn herab.


„Ihr müsstet nicht gehen. Die Euch im Meer Eurem Schicksal überlassen haben, dachten vermutlich Ihr seid tot, oder Ihr würdet es zumindest bald sein.“, sagte sie und wies ihm damit einen Ausweg.


„Aber das Leben hier ist nichts für Euch. Ihr ward Kapitän auf einem Schiff. Eine Position die Ihr Euch bestimmt schwer erkämpfen musstet und das könnt Ihr nicht einfach aufgeben.“ James stützte  sich auf den Ellenbogen ab.

„Emily ...“ Wieder brachte sie ihn mit einem Finger auf seinen Lippen zum Schweigen.


„Ich verstehe das. Ihr sollt nur wissen, dass es hier immer einen Platz für Euch gibt und das hier jemand ist der auf Euch wartet.“


Liebevoll küsste sie ihn auf den Mund, dann erhob sie sich. Sie konnte nicht bleiben, das war ihm klar, auch wenn er es sich wünschte. Er sah ihr zu wie sie sich ankleidete und das war für ihr fast so erotisch, wie sie zu entkleiden. Bevor sie ihn verließ, beugte sie sich über ihn und küsste ihn ein letztes Mal zum Abschied. Sie würde nicht kommen und ihm zusehen, wie er die Insel verließ und das war besser so. James ließ sich zurückfallen und starrte an die Decke. Er hatte das Paradies gefunden. Welch Narr musste er sein, wenn er es jetzt einfach aufgab? Eines Tages, das schwor er sich, würde er zu Emily zurückkehren.
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