Rein wie die Nacht

von Arzani92
DrabbleFamilie, Schmerz/Trost / P16
05.08.2014
05.08.2014
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All my life I have been asking why. I never thought I would get it together, but finally now, as I'm leaving, life has a meaning.
- Sky von The Rasmus


“Haben sie einen letzten Wunsch?”
Ich schaute ihn mit leeren Augen an. Ein letzter Wunsch?  Wurde mir wirklich ein letzter Wunsch gestattet, nachdem ich über zehn Jahre lang nur eine Nummer gewesen war?
Ein Aktenzeichen, Buchstaben und Zahlen, nichts weiter. Kein Name, keine Persönlichkeit, keine Seele, tot.

Mein Blick verschwamm kurz, ich sah ein lachendes Gesicht, strahlende Augen und eine sich drehende Gestalt. Ich sah ein weißes Kleid, das im Mondlicht schimmerte. Heller als jedes Gestirn am Himmel.
„Ich würde gerne nochmal die Sterne sehen.“

Ein kurzes Aufflackern in den Augen des Wärters zeigte mir, dass er erstaunt war. Warum?
Weil man sich sonst vor dem Tod etwas anderes wünschte? Aber was sollte es sonst geben, das man auf dieser Welt noch brauchte, wenn man ging?
Wenn man schon gestorben war. Faktisch tot.

Die Nacht war schön. Hell, klar, rein. Wie sie.
Wenn ich die Nacht war, dann war sie der Mond, die Sterne und die Sonne.
Sie war der Regenbogen, der ich nicht sein konnte.

Tränen glitten meine Wange hinab. Tropften auf den kalten, dreckigen Boden. Schimmerten im lauen Licht der Dunkelheit.
Zeigten sie, dass ich noch lebte?
Noch.
Um genau zu sein noch acht Stunden, sechsundzwanzig Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden. Wenn die Uhr im Hof richtig ging.

Es hatte nichts gebracht. Nichts, rein gar nichts.
Blut klebte an meinen Händen und es war okay so wie es war.
Ich hatte nie gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Alles was ich wollte war immer nur ihr Leben gewesen. Doch ich hatte dafür gemordet.
Wahrscheinlich war es meine Strafe, dass sie gestorben war. Trotzallem.

Was kümmerte mich der Tod. Dann war es vorbei.
Ein sinnloses Leben war dann endlich vorbei. Mein sinnloses Leben war dann endlich vorbei.
Ich war ein Mörder. Ich verdiente das Leben schon lange nicht mehr.

„Ich liebe dich!“


Tränen.
Diese nutzlosen, verschwendeten Tränen.
Warum jetzt? Warum nicht damals?
Im Krankenhaus. Als sie gestorben war.

Ich wollte das Geld doch nur für ihre Behandlung haben.
Ich wollte doch nur ihr Leben retten.
Ich wollte niemanden töten.
Ich wollte Leben retten.
Ihr Leben.

„Danke, Brüderchen, danke.“


Die Sterne leuchteten.
Hell und klar.
Als würden sie mich daran erinnern wollen, dass es ein Leben davor gab.
Mit ihr.
Zusammen.
Glücklich.

Die Tränen schimmerten.
Ich wollte nicht gehen. Ich wollte mich entschuldigen.
Leben retten.
Aber ich durfte nicht.
Es war okay.
Ein Mörder sollte nicht leben.
Wörter: 400


Nach fast zehnjähriger Verhandlung wurde der zu Tode verurteilte Bankräuber M.K., der bei dem Überfall drei Menschen erschossen hat, pünktlich um 10 Uhr (e.s.t.) hingerichtet.
Es gab heftige Diskussionen in der Politik, da seit mehr als dreißig Jahren niemand mehr zu Tode verurteilt wurde. Der Fall um M.K. ist hier besonders prekär, da sein Tatmotiv wohl seine damals vierzehnjährige Schwester war, die an einem Hirntumor litt.
Da M.K. und seine Schwestern keine Krankenversicherung hatten, wollten die Ärzte nicht operieren, da die Jugendliche nicht in akuter Lebensgefahr schwebte. Es hieß, die nötige Operation würde man nicht bezahlen können.
So sah M.K., nach eigener Aussage, keine andere Möglichkeit als eine Bank zu stürmen um das Geld für die Operation zusammen zu bekommen. Er erschoss hierbei drei Menschen, darunter ein Kleinkind. Da ihm zum Tatzeitpunkt volle Schuldfähigkeit nachgewiesen werden konnte, verurteile man M.K. mit der Höchststrafe: Tod durch Giftspritze.
Es wird gemunkelt, dass der Fall im aktuellen Wahlkampf entscheidende Auswirkungen auf die Stimmen der Wähler haben wird, da der aktuelle Wiedersacher des Präsidenten strikt gegen die Todesstrafe ist. Anscheinend sollen Bestechungsgelder geflossen sein, um die Verhandlung zu beschleunigen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
L.K., die kleine Schwester von M.K. starb, nachdem ihre Operation nicht bezahlt werden konnte, sechs Monate nach dem Überfall, drei Tage nach Verkündung, dass man M.K. zu Tode verurteilt hatte.



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Ein Drabble zum Projekt Wichteln: Song Drabble für xXLeaXx. Ich hoffe es gefällt dir und ich hoffe ich hab das Zitat einigermaßen getroffen ... oh mann, ich hab das Gefühl ich bin da ein bisschen dran vorbeigeschrappt.
Auf jeden Fall ein wunderbares Lied, ich habs mir echt drei oder vier Mal hintereinander angehört.

Übrigens, der Fall ist frei erfunden und wenn es jegliche Paralleln zu irgendwas realem gibt, dann ist das rein zufällig und nicht gewollt. Ich weiß noch nicht mal ob das so juristisch richtig ist. Darauf solls jetzt auch nicht ankommen ... wer Fehler sucht, wird sicher welche finden.
Ich hoffe, ich hab euch einfach ein bisschen zum Nachdenken gebracht.
lg Arzani
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