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Kapitel 26

von Joco
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
04.08.2014
04.08.2014
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04.08.2014 1.887
 
Wie schon in der Kurzbeschreibung erwähnt, Spoileralarm. Wenn du das Buch nicht gelesen oder den Film nicht geguckt hast, würde ich dir empfehlen, das hier nicht zu lesen. Es ist das letzte Kapitel, das dem Buch meiner Meinung nach fehlte, weshalb ich versucht habe, es zu schreiben.
Es spielt also nach dem Ende.
Und gewidmet ist es Anahita. Danke, dass du mit mir im Kino warst.
Viel Spaß beim Lesen!



KAPITEL SECHSUNDZWANZIG 34 Tage n. G. musste ich wieder auf die Intensivstation. Als ich aufwachte, waren wir schon im Auto. Wahrscheinlich hatte ich im Schlaf geschrien. Doch das war alles nebensächlich. Meine Lunge brannte und schrie nach Luft und mein Kopf fühlte sich an, als würde er implodieren. Ich hielt die Augen geschlossen, weil ich das Gefühl hatten, die Sonnenstrahlen würden sich wie heiße Nadeln durch meine Augäpfel bis ins Gehirn bohren. Man kann nicht behaupten, dass es kaum auszuhalten war. Es war nicht auszuhalten. Und doch war das allerschlimmste die Gewissheit, dass sich Gus genau so gefühlt haben musste.
Ich dachte: Jetzt ist es vorbei.
Ich dachte: Hoffentlich erwartet mich kein Nichts. Hoffentlich sehe ich ihn wieder.
Ich dachte: Diesmal schaffen sie es nicht. Diesmal werden sie mich nicht retten.

Doch das taten sie. Sie retteten mich wieder und ich erwachte in einem dieser weißen Betten und meine Eltern waren da und sie sahen beide so unglaublich traurig und glücklich aus, wie man nur aussieht, wenn man denkt, dass sein Kind stirbt, dieses dann aber doch überlebt.
„Wie lange?“, wollte ich fragen, doch ich bekam nur ein Krächzen zustande.
„Drei Tage“, sagte Mom. Ihre Augen waren ganz rot vom Heulen. Dad stand neben ihr, den Arm um sie gelegt. Er sah auch schrecklich mitgenommen aus, so als hätte er die ganze Zeit geweint und kaum geschlafen.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
„Nichts muss dir leidtun!“, meinte Mom. „Es ist nicht deine Schuld!“
„Ich weiß. Aber es tut mir trotzdem so leid.“
Und da lächelten meine Eltern sich gegenseitig an und dann beugte sich Mom zu mir hinunter und küsste mich auf die Stirn und dann tat Dad dasselbe und er sagte: „Wir sind so stolz auf dich!“, und ich glaubte ihnen. Zum ersten Mal seit Jahren glaubte ich ihnen das. Man kann auch auf krebskranke Kinder stolz sein. Auf krebskranke Kinder, die kämpfen, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt und obwohl sie das gar nicht wollen. Man kann stolz auf sie sein. Und das waren meine Eltern.
„Da war ein Brief für dich“, sagte Dad nach einiger Zeit.
„Was?“
„Ein Brief.“
„Ein Brief?“
„Ja, du weißt schon“, meinte Mom, „diese beschriebenen Blätter Papier, die man mit der Post rund um die Welt schicken kann.“ Sie lachte und ich musste lächeln.
„Von wem?“, fragte ich.
„Steht nicht drauf“, sagte sie.
„Wir haben ihn nicht aufgemacht“, ergänzte Dad.
Wer bitte schickte mir Briefe? Nur die Bank und irgendwelche Ärzten. Und in beiden Fällen hätte Mom sich dann darum gekümmert.
Mom kramte in ihrer Tasche und brachte schließlich etwas zum Vorschein, was verdächtig nach einem Brief aussah. Eine Zeit lang kämpfte ich mit dem Umschlag, doch dann nahm Dad ihn mir ab und öffnete ihn mit seinem Autoschlüssel.
Ein paar Sekunden lang starrte ich auf die Seite und sah nur verschwommene Buchstaben, die über das Papier tanzten. Vielleicht war ich doch zu müde. Ich blinzelte mehrmals und langsam beruhigten sich die Lettern wieder, bis sie ein ordentliches Schriftbild ergaben. Allerdings kein gedrucktes, sondern ein handgeschriebenes. Und da hatte ich eine leise Vermutung, wer der Autor sein könnte. An dieser Stelle hätte ich vermutlich aufhören sollen zu lesen, denn auf Peter Van Houten war ich ja eigentlich noch immer wütend und ich wusste auch nicht, was er mir noch zu sagen haben könnte, aber vermutlich las ich gerade deshalb weiter. Weil ich wütend auf ihn war und wollte, dass er sich mir erklärte, und weil ich nicht wusste, was er mir zu sagen hatte, es aber wissen wollte.


Sehr geehrte Hazel Grace Lancaster,

mir ist durchaus bewusst, dass es Ihnen wohl kaum möglich sein wird, mir zu verzeihen, und darum bitte ich auch gar nicht. Ich habe eine andere Bitte an Sie.
Doch zuvor möchte ich noch etwas anderes loswerden. Ihr Freund Augustus Waters versprach mir, ich würde von meinem schlechten Benehmen losgesprochen, falls ich zu seiner Beerdigung käme und Ihnen erzählte, was aus Annas Mutter wurde.

Da ich den einen Teil der Bedingung bereits erfüllt habe, schreibe ich nun den anderen Teil nieder. Es ist Ihre Wahl, ob Sie es lesen oder nicht, doch selbst wenn Sie es nicht tun, habe ich Ihnen die Möglichkeit gegeben, es zu erfahren, und ich denke, damit bin ich losgesprochen.


Dieser Mistkerl! Als würde die bloße Tatsache, dass er etwas niederschrieb, ihn lossprechen! Als würde irgendetwas das tun! Was bildete er sich eigentlich ein? Nun war ich mehr als nur wütend. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, diesen Brief zu zerreißen, ihn zu verbrennen, ihn Staff Sergeant Max Mayhem zur Folter zu übergeben, doch es war nur ein Brief und das würde alles nichts nutzen.
Und außerdem schrie ein kleiner egoistischer Teil meines Gehirns herum, ich sollte weiterlesen. Diesem kleinen Teil war es egal, dass Gus niemals erfahren würde, was nach dem Ende von Ein herrschaftliches Leiden passierte, solange ich es wusste. Schließlich war es wohl so etwas wie sein letzter Wunsch gewesen, dass Van Houten es mir erzählte, und daher musste ich das hier lesen.


Der Tulpenholländer ist kein Hochstapler. Er hat wirklich so viel Geld und er will Anna wirklich helfen. Nach deren Tod heiraten er und ihre Mutter. Und sie gehen auch gemeinsam nach Holland. Anfangs sind sie glücklich, so glücklich, wie man sein kann, wenn sein Kind gestorben ist, doch mit der Zeit merken sie, dass es hauptsächlich Anna war, die sie zusammengehalten hat. Und als aus seinem Trinken eine Alkoholsucht wird, verlässt sie ihn, kehrt zurück nach Amerika und kümmert sich um die Anna-Stiftung der Krebspatienten gegen die Cholera. Der Tag ihrer Abreise ist der Tag, an dem er sie zum letzten Mal sehen soll.

Danach beginnt der Tulpenholländer zu schreiben. Er vermisst Anna und ihre Mutter so sehr, dass er sein Leben mit ihnen beschreibt, immer und immer weiter, bis er zu der Stelle kommt, an der Anna stirbt. Bis dahin hatte er es geschafft, seine Sucht zu zügeln und sich so sehr in seinen Roman zu flüchten, dass er es fast schon schaffte, von ihr wegzukommen. Doch auf einmal ist er gezwungen, Annas Tod noch einmal zu durchleben und er merkt, dass er es einfach nicht kann. Mitten im Satz hört er auf zu schreiben.

Erst nach mehreren langen Monaten, in denen er seine Probleme im Alkohol ertränkt hat, liest er sein Werk noch einmal durch. Ihm war nicht bewusst gewesen, was er geschafft hatte, und als er am Ende ankommt, bemerkt er zudem, dass der Abbruch mitten im Satz auch ein Ende ist. Das bestmögliche, das ehrlichste Ende, was die Geschichte finden konnte. Und so schickt er den Text an einen Verlag, ohne sich groß darum zu kümmern, ob dieser tatsächlich daran interessiert ist oder nicht.

Jahre später besitzt er ein Haus, hat eine Assistentin und in seinem Wohnzimmer stehen zwei Müllsäcke voll mit Fanpost, die er nicht gelesen hat. Er hasst die Welt und er hasst sich selbst. Und genau dann organisiert seine Assistentin ein treffen mit zwei Fans, die zufällig an Krebs leiden. Oder auch nicht zufällig. Es ist ihm egal. Genau so egal wie sein Buch. Dem Mädchen allerdings ist es nicht egal und sie beharrt immer weiter auf eine Antwort. Aber er ist nicht mehr der Mann, der er einmal war, die Trauer hat das hervorgebracht, was er für seinen wahren Charakter hält, und so verlässt sie wutentbrannt sein Haus.

Später schreibt ihr Freund dem Tulpenholländer elektronische Briefe, in denen er erklärt, dass er zwar weniger als nichts von ihm hält, aber das Mädchen so sehr liebt, dass er trotzdem mit dem Autoren kommuniziert, um ihr eine Grabrede zu schreiben, die sie verdient. Doch das allein ist ihm nicht genug, er will noch immer, dass sie erfährt, was nach dem Ende ihres Lieblingsbuches passiert. Er bringt den Autoren dazu, zu seiner Beerdigung zu kommen und dem Mädchen alles zu sagen, was sie wissen will.

Womit allerdings keiner der beiden gerechnet hätte, das Mädchen will es gar nicht mehr wissen, sie hat sich damit abgefunden, dass der Autor, den sie einst so liebte, nicht der ist, der sie dachte, der er ist. Sie weigert sich, ihm zuzuhören, als er versucht, ihr alles zu erzählen. Und in diesem einen Moment erinnert sie ihn noch viel mehr an Anna als damals, als sie versuchte zu sein wie sie, so sehr, dass er beschließt, mit dem Trinken aufzuhören. Denn er ist sich ganz sicher, dass Anna nie gewollt hätte, dass er damit anfängt.

Er reist also zurück nach Amsterdam, zurück in sein Haus, und nimmt Kontakt zu seiner ehemaligen Assistentin auf, die gekündigt hat, nachdem er sich den beiden krebskranken Kindern gegenüber so schrecklich benahm. Anfangs ist sie zwar sehr skeptisch, doch schließlich beginnt sie wieder bei ihm zu arbeiten und erinnert ihn jeden Tag wieder daran, dass er aufhören will zu trinken. Sie hat sogar sämtliche Alkoholvorräte im Haus weggeschmissen, weil sie fest überzeugt ist, dass es hilft.

Und genau in diesem Moment, wo Sie das hier lesen, sitzt der Tulpenholländer an seinem Schreibtisch, einen Stift in der Hand und ein leeres Blatt Papier vor sich, eine Geschichte im Kopf, doch eine einzige Sache fehlt ihm noch, um sie niederzuschreiben. Denn die Geschichte handelt von einem Mädchen, einem willensstarken, krebskranken Mädchen, das in einer Selbsthilfegruppe einen Jungen kennenlernt und mit ihm nach Amsterdam fliegt, zum Autoren ihres Lieblingsromans, der sich ihr gegenüber jedoch so schlimm benimmt, dass sie ihm nicht einmal zuhören will, als ihr Freund tot ist und den Autoren dazu gebracht hat, ihr zu sagen, was nach dem Ende besagten Buches geschieht, und in genau diesem Moment beschließt er einen weiteren Roman zu schreiben, über das Mädchen, und das einzige, was ihm fehlt ist die Erlaubnis des Mädchens, weshalb er ihr einen Brief schreibt und inständig hofft, dass sie ihn liest und nicht zerreißt oder gar verbrennt.

Hazel Grace Lancaster, erlauben Sie mir ein Buch über Sie und ihren Freund Augustus Waters zu schreiben?

Zu sagen, dass es mich freuen würde, wäre eine Untertreibung, es würde mein Leben verändern, so wie es mein Leben verändert hat, Sie zu treffen.

Mit freundlichsten Grüßen
Peter Van Houten


Zuerst wusste ich nicht, was ich denken sollte. Er wollte ein Buch über mich schreiben. Über mich und Gus. Das war vermutlich gut. Doch Gus würde es gar nicht mehr mitbekommen. Er war tot. Und außerdem würde Van Houten davon profitieren. Er würde Geld dafür bekommen und Menschen würden ihn loben dafür, dass er sich so schöne herzzerreißende Geschichten ausdachte. Denn mein Leben war schön. Und der einzige, mit dem ich es teilen wollte, war Gus.
In diesem Moment traf ich meine Entscheidung. Vielleicht wollte ich mein Leben nicht mit jedem teilen und vielleicht erhielt das Schreiben nicht am Leben, doch a) zu Schreiben begrub, und b) Gus war bereits tot und begraben, und c) es gab wohl kaum ein schöneres Grab als ein Buch, und am wichtigsten d) die Menschen, die das Buch lesen würden, würden sich an ihn erinnern.
„Okay“, flüsterte
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