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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
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06.03.2015 3.522
 
Auf der Straße, wenn möglich,
begrüßt man ihn höflich
in seinem erlesenen Frack


Überlaute Gespräche, Gedränge, seltsame Gerüche, die nicht zueinanderpassen wollten.
„Sag mal Jerrie, wo sind wir hier eigentlich?“
Die Zwillinge schlenderten zwischen Marktständen hindurch, an denen Fischbrötchen, T-Shirts mit pseudowitzigen Sprüchen, Antiquitäten, Honigkerzen und alles erdenkliche andere angeboten wurden. Zwei Frauen mittleren Alters diskutierten angeregt über Filzhüte, ein junges Pärchen beäugte eher desinteressiert eine gigantische Auswahl an Uhren aller Formen, Farben und Größen, eine Verkäuferin zankte mit einem glatzköpfigen Kunden über die Qualität der zum Verkauf stehenden Birnen.
Im Vorbeigehen nahm der Zwölfjährige einen Apfel aus der Auslage des Obststandes und biss herzhaft hinein. „Keine Ahnung“, schmatzte er.  

***


Macclesfield. Die schönste Stadt Englands. Ach was, die schönste Stadt der Welt!
Bustopher Mürr stolzierte durch die von ordentlichen kleinen Häusern gesäumten Straßen, unterzog jeden Blumenkübel, jedes Türschild einer fachmännischen Musterung und zwirbelte zufrieden den schwarzen Schnurrbart. Alles war an Ort und Stelle, jede Fußmatte an ihrem Platz, ein Paketbote grüßte höflich, ein Hund döste friedlich vor seiner Hütte in der Sonne.
Alles ging seinen gewohnten Gang. Alles war zu seiner Zufriedenheit.
Der beleibte Herr im edlen Frack und den weißen Gamaschen mochte diese Straße, nein, er liebte sie! Sie verband das alt ehrwürdige Rathaus mit dem Marktplatz, der heute – wie an jedem letzten Sonntag des Monats – vor Leben, Gelächter und kulinarischer Köstlichkeiten nur so strotzte.
Als erstes wollte er Joanna an ihrem Blumenstand einen Besuch abstatten, danach wollte er sehen, ob der Besitzer des „Siamesen“ wieder seine neusten Curry-Kreationen feilbot. Am meisten aber freute er sich auf viele kleine Pläuschchen mit den Bürgern und Bürgerinnen von Macclesfield. Ob Standbesitzer, Marktbesucher, ob Mann, ob Frau, jung wie alt – alle waren stets redselig und hoch erfreut, den feinen Herrn, den ehemaligen Bürgermeister, Vorsitzenden des Hochschulvereins und Ehrenmitglied des Pädagogischen Rates und vieler weiterer Gremien begrüßen zu dürfen. Er war hier in der Stadt wohlbekannt, ein gern gesehener Gast in den Restaurants und Clubs der St. James Street, sowie auf Volksfesten, Ausstellungen und anderen offiziellen Anlässen. Dabei war er nie abgehoben oder arrogant geworden.
Mit der Gelassenheit und dem Wohlwollen eines Mannes, der mit sich selbst und der Welt zufrieden ist, besah er sich die auf dem Platz und in den anliegenden Straßen aufgebauten Stände und Buden.

***


„Mister Mürr, wie schön, Sie zu sehen! Haben Sie schon diesen herrlichen Akazienhonig probiert?“ Eine laute Frauenstimme ließ die Kinder herumfahren. Die Honigverkäuferin hatte sich über die Theke ihres Verkaufsstandes gebeugt und einen fülligen Mann herangewunken.
Der Blick der Zwillinge blieb an der schwarz gekleideten Person hängen. „Guck dir den an, Teazer…“ Ungläubig und belustigt zugleich deutete Jerrie in seine Richtung.
Das Mädchen nickte. Hab schon gesehen…
„Der ist aber…“ Er legte den Kopf schief, suchte nach dem richtigen Wort. …dick? Korpulent?
„Aber hallo! Der ist nicht bloß dick, der ist irgendwie…“ …fett? Üppig? Umfangreich?
Die Kinder sahen einander an, grinsten. Sie hatten das richtige Wort gefunden: „…rund!“
Beide lachten.
„Jetzt will ich aber auch was essen!“, meinte Teazer und ging weiter. Der Honigfrau und ihrem runden Gesprächspartner schenkten sie keine Beachtung mehr.
„Da hinten gab‘s Äpfel!“ Hättest dir auch einen mitnehmen sollen.
„Ich will aber keinen Apfel! Ich will…“, überlegte sie laut.
„Kartoffeln? Möhren? Brot?“, bot ihr Zwilling grinsend an, was ihm gerade ins Auge fiel, während sie weitergingen. Als nächstes passierten sie eine schier endlose Käsetheke. „Wie wärs mit Käse? Oder vielleicht… Käse?“ Im Vorbeigehen griff er sich einen ganzen Teller in kleine Probierwürfel geschnittenen Käsestücken. Er zwinkerte ihr zu. „Ist sogar umsonst!“
„Erdbeeren!“, rief Teazer aus. Ihre Augen begannen zu leuchten. „Erdbeeren in Schokolade!“
Sie hatte ein Büdchen mit gebrannten Mandeln, Schokofrüchten und anderen süßen Sachen entdeckt, das wohl ein Vorbote des nächsten Weihnachtsmarktes war und deshalb auf diesem Wochenmarkt eigentlich nichts verloren hatte.
Die Besitzerin unterhielt sich angeregt mit ihrem Nachbarn, der Tapeten am laufenden Meter verkaufte.
„Selbstbedienung!“, raunte Jerrie seiner Schwester zu. Schnell, schnapp dir einen! Sie ist grad abgelenkt!
Die Zwölfjährige verdrehte die Augen. Das seh ich selbst – bin ja nicht blind!
Und schon hatte sie nach einem der hellbraun überzogenen Spieße gegriffen.

Während sie sich von dem Stand wegdrehte, mit einem Auge zu der Besitzerin herüber schielend, die ihr keinerlei Beachtung schenkte, in den Mundwinkeln schon ein leises, triumphierendes Grinsen, das Jerrie Das war ja fast zu leicht! sagen sollte, spürte sie plötzlich eine schwere Hand auf ihrer Schulter, begleitet von einem Räuspern.
Sie zuckte zusammen, sah ihren Bruder mit schockgeweiteten Augen an. Jerrie…? Wer ist da…?
Dieser starrte genauso entsetzt zurück. Oh oh… Der sieht echt sauer aus…
Ganz langsam drehte sie sich um. Ein strenges, blasses Gesicht mit albernem Schnurrbärtchen blickte missbilligend auf sie herab.
Es war der runde Mann im schwarzen Frack, über den sie vorhin noch gelacht hatten. Aus der Nähe wirkte er viel größer und seine behandschuhte Hand hinderte das Mädchen am weglaufen. Die kleinen, dunklen Augen, die das teigige Gesicht unter anderen Umständen sicher sehr freundlich wirken ließen, musterten die Diebin geringschätzig.
Teazer schluckte, sah hilfesuchend zu Jerrie, der sich keinen Millimeter bewegt hatte, unschlüssig, was er jetzt tun sollte. Weglaufen kam nicht in Frage, schließlich konnte er seinen Zwilling nicht einfach sich selbst überlassen. Dableiben ging aber auch nicht. Noch war der Mann voll auf Teazer konzentriert, aber sobald er den wenige Meter entfernt stehenden Jungen bemerkte, würde er wissen, dass sie beide zusammengehörten.

„So einen dreisten Diebstahl auf offener Straße! Und dann auch noch in unserem friedlichen Städtchen!“, empörte der runde Mann sich.
Blitzschnell ging das Mädchen ihre Möglichkeiten durch: Herausreden konnte sie sich nicht, schließlich war sie auf frischer Tat ertappt worden. Wenn sie es schaffte, sich loszureißen, könnte sie wegrennen. Sie war kleiner, wendiger und sicher auch schneller als ihr übergewichtiger Verfolger. Im Gedränge könnte sie schnell untertauchen.
„Gibt es ein Problem, Mister Mürr?“ Der Tapetenverkäufer und die Mandelfrau kamen zu ihnen herüber. Der Angesprochene verstärkte den Griff um ihre Schulter.
Teazer kniff die Augen zusammen. So ein Mist! Sie hatte ihre Chance verpasst. Gegen drei wütende Erwachsene kam sie nicht an. Jetzt kam sie aus der Nummer gar nicht mehr raus.
„Was ist denn hier los?“, mischte sich nun auch eine Passantin, eine ältere Dame im Pelzmantel, ein.
„Dieses Mädchen war gerade dabei, Sie zu bestehlen, Miss Jackson!“, wandte sich die als Mister Mürr betitelte Kugel an die Marktfrau.
„Was?!“ Teazer blickte in drei empörte Gesichter. Sie kam sich klein und dumm vor. Wie hatte sie sich bloß erwischen lassen können?
Hilfesuchend kreuzte sie noch einmal Jerries Blick, bevor sie schnell wieder weg sah. Sie wollte die Erwachsenen nicht auf ihren Bruder, der immer noch wie angewurzelt dastand, aufmerksam machen.
Allein die ältere Dame schien nicht völlig schockiert von dieser Offenbarung. Ihr rundliches Gesicht blickte streng, aber nicht missgünstig drein. Sie musterte die Diebin ohne erkennbare Wertung in den Augen. Dann verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem kaum merklichen Lächeln. „Aber, aber…“, tadelte sie in dem wohlwollendem Tonfall, in dem man einem kleinen Kind erklärt, dass es Plätzchenteig nicht roh essen soll. „Das macht man doch nicht…“
„Macht man nicht?“, ereiferte sich die Bestohlene. Ihr Gesicht hatte vor Empörung rote Flecken bekommen. „Eine Unverschämtheit ist das!“
Die Ältere ignorierte den Einwand und beugte sich ein Stück zu Teazer herunter. „Du wolltest die Erdbeeren gar nicht stehlen, habe ich recht?“, fragte sie mit einem Lächeln, das keinen Widerspruch duldete.
Die Zwölfjährige nickte verunsichert.
Zufrieden wandte die Frau sich an die anderen. „Sehen Sie, Miss Jackson? Es war nur ein Missverständnis.“
„Ja aber-“
Die weißgekleidete Dame ließ sie nicht zu Wort kommen: „Ich hätte besser Acht geben müssen, wo die Kinder hinrennen, aber sie waren einfach so begeistert von unserem herrlichen Markt, dass sie sofort losgerannt sind. Und auf meine alten Tage bin ich nicht mehr so flink“, fügte sie hinzu. Dann wandte sie sich an den teiggesichtigen Schwarzhaarigen und lächelte charmant. „Das verstehen Sie doch sicher Mister Mürr? Bustopher?“
Schon wieder viel wohlgesonnener erwiderte er ihr Lächeln. „Aber natürlich, Miss Gumbie. Meine liebe Jenny.“
„Heißt das etwa, Sie kennen diese kleine Diebin?“, wollte der hagere Tapetenmann wissen.
Eine ähnliche Frage ging auch Teazer durch den Kopf. Sie hatte die Frau, deren ergrauendes, aber immer noch rötliches Haar unter einem zum Pelz passenden weißen Mützchen hervor lugte, nie zuvor gesehen. Verwechselte die Alte sie mit jemandem? Unwahrscheinlich. Ihr eindringlicher Blick vorhin hatte das Mädchen gewarnt, nicht zu widersprechen, sich nicht zu verraten. Die Frau log also. Aber wieso?

„Es war mein Fehler“, stellte Miss Gumbie mit ihrem strengen Lächeln klar. „Ich hatte den Kindern von den vielen Probierständen erzählt und sie muss Ihren auch für einen gehalten haben, Miss Jackson. Nennen Sie mir einfach den Preis für diese Schokoladenfrüchte, dann zahle ich gern für meine Nichte.“
„Sie ist Ihre Nichte?“, hakte der jüngere Mann nach.
Teazer konnte sich einen verwirrten Blick Richtung Jerrie nicht verkneifen. Was redet sie da?
Ihr Zwilling zuckte kaum merklich mit den Schultern. Keine Ahnung, aber irgendwie scheint es zu funktionieren…
„Meine Großnichte zweiten Grades, um genau zu sein, väterlicherseits, aber wer befasst sich heutzutage schon so genau mit den exakten Familienverhältnissen?“
„Ah, aus dem schottischen Familienzweig?“, stieg Bustopher Mürr interessiert auf die Aussage ein. „Eine von Josies Töchtern?“
Wieder lächelte die alte Dame. „Aber nicht doch! Die drei sind doch schon mit der Schule fertig! Nein, nein, die arme Patricia hat sich den Knöchel verstaucht. Da habe ich die Kinder für ein paar Tage zu mir genommen.“
Mister Mürr nickte verständnisvoll.
Auch Rumpleteazer nickte, obwohl sie alles andere als Verständnis für die absurde Situation hatte.
„Warum hast du das denn nicht gleich gesagt, Mädchen?“, wandte sich der Mann beschwichtigt an die Zwölfjährige.
„Sie hat sich eben erschreckt. Das kann einem schon mal die Sprache verschlagen“, erklärte Miss Gumbie gutmütig.
Nachsichtiges Nicken. Die Mandelverkäuferin sah zwar noch nicht ganz überzeugt aus, aber immerhin nahm ihr Gesicht wieder normale Farbe an.
„Wie heißt du denn?“, wollte nun Bustopher Mürr wissen.
War es eine gute Idee, ihren Namen zu verraten? Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Jerrie eifrig nickte.
Also antwortete die Zwölfjährige: „Teazer.“
„Teazer?“ Der Schwarzhaarige zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. „So einen Namen habe ich noch nie gehört. Ich wusste ja gar nicht, dass Patricia so einen ausgefallenen Geschmack hat…“
Die alte Dame lächelte wie eine Lehrerin über die einfältige Antwort ihres Schülers. „Eine Abkürzung“, erklärte sie. „Für Teresa.“
Teresa…, dachte das Mädchen spöttisch. Und da soll Teazer ein komischer Name sein?
Dann drehte die alte Dame sich zu Mungojerrie um. „Jetzt steh da nicht rum, wie angewurzelt! Komm her und sag Guten Tag!“
Der Zwölfjährige hatte nicht damit gerechnet, selbst angesprochen zu werden. Er hatte gedacht, dass niemand ihn bemerkt hatte. Für einen Moment konnte er Miss Gumbie nur anstarren.
Auch die anderen Erwachsenen drehten sich nun zu ihm um, wirkten erstaunt, verwirrt. Sie hatten ihn bis jetzt wirklich nicht wahrgenommen.
Mit einem energischen Kopfnicken gab Rumpleteazer ihrem Zwilling zu verstehen, dass er tun sollte, was sie gesagt hatte.
„Hallo, ich bin Jerrie… ähm, Jeremy!“
„Das sind Mary Jackson – ihr gehört ein kleines Süßwarengeschäft in der St. James Street, sowie der Mandelstand, an dem es keine Probierportionen gibt“ Ein ganz leicht spöttischer Unterton war aus ihren Worten herauszuhören, „Peter Norris – Mitarbeiter der örtlichen Tapetenhalle – und Bustopher Mürr – langjähriger Bürgermeister, Vorsitzender des Hochschulvereins und Ehrenmitglied des Pädagogischen Rates“, stellte die alte Dame vor.
„Sehr erfreut“, sagte der Mann mit den vielen Titeln und gab Jerrie und Teazer förmlich die behandschuhte Hand.
Die Kinder nickten bloß. Sie wussten immer noch nicht, was sie von alldem halten sollten.
Die Frau im weißen Pelzmantel bezahlte den Erdbeerspieß. „Jetzt müssen wir aber weiter – Ich habe noch nicht alle Zutaten für das Mittagessen zusammen“, entschuldigte sie sich mit diesem Tonfall, der jeden Widerspruch im Keim erstickte.
Sie fasste die Zwillinge bei den Schultern und dirigierte sie weiter die Straße hinunter zwischen all den Marktständen hindurch.
„Das heute ist eine Ausnahme, weil ihr gerade erst angekommen seid, aber normalerweise gibt es keinen Süßkram vor dem Essen! Wie sehen eigentlich eure Haare aus? Hat eure Mutter euch keine anständige Bürste mitgegeben?“, fragte sie streng und gerade laut genug, dass die drei anderen sie noch verstehen konnten.
Die Kinder tauschten einen kurzen Blick, nickten. Einfach mitspielen!
„Das ist Jerries Schuld!“, rief Rumpleteazer. „Die Bürste war in seinem Koffer!“

Als sie außer Sichtweite waren, verließ Miss Gumbie die belebte Marktstraße und bog in eine kleinere ab, die nach dem Getümmel wie ausgestorben wirkte.
„So, und jetzt erzählt ihr mir mal, was ihr da gemacht habt!“, forderte die alte Dame streng.
„Also… wir…“, stammelte der Zwölfjährige.
„Und wagt es ja nicht, mich anzulügen! Ich merke das!“
„Das ist eine lange Geschichte…“, sagte Teazer ausweichend. „Warum haben Sie uns geholfen?“
Das Mädchen verschwendete keinen Gedanken daran, dass nur sie selbst erwischt worden war und nicht auch Jerrie. Denn das war völlig egal. Hatte ein Zwilling ein Problem, hatte der andere es auch, half man einem von ihnen, half man beiden.
„Nun, ich denke, die Tatsache, dass ich euch aus diesem Schlamassel befreit habe, sollte reichen, um mir diese lange Geschichte zu erzählen“, erwiderte die Frau bestimmt.
Bevor die Kinder sich zu einer Entscheidung durchringen konnten, gab Rumpleteazers Magen ein lautes Knurren zum Besten.
„Also gut, mit vollem Magen erzählt es sich besser“, entschied Jenny Gumbie. „Folgt mir!“
Während die Kinder sich zögernd in Bewegung setzten, versuchten sie sich mit Blicken und Gesten hinter ihrem Rücken zu verständigen.
Können wir ihr trauen?
Ratloses Schulterzucken. Immerhin hat sie uns geholfen… Teazer drückte die Hände auf ihren Bauch. Außerdem sterbe ich vor Hunger!
Zu reden trauten sie sich nicht. Die alte Dame strahlte etwas aus, dass ihnen Respekt einflößte.
Mungojerrie zeigte auf den Erdbeerspieß, den sie immer noch festhielt, ohne wirklich Notiz von ihm zu nehmen. Dann iss doch was!
Sie biss die oberste Frucht ab und verteilte so die ganze Schokolade in ihrem Gesicht. Dann hielt sie ihm den Spieß hin. Auch was? Davon werd ich eh nicht satt.
Ihr Bruder machte sich über die zweite Erdbeere her und erntete dafür einen bösen Blick von Teazer. Ey, nicht so viel!
Es war nicht wie bei Macavity, der alle Gespräche verstummen ließ, sobald er einen Raum betrat. Die Frau hatte nichts furchteinflößendes an sich – mit ihrem rundlichen Gesicht, dem altmodischen Make-up und dem seltsam gemusterten Pelzmantel hatte sie sogar eher etwas kindlich-niedliches, fast lächerliches an sich. Und trotzdem strahlte sie eine gewisse Autorität aus. Vielleicht lag es an den intelligenten Augen mit dem strengen, wachsamen Blick, vielleicht auch einfach nur an ihrem bestimmten Auftreten.
Die Kinder beschlossen, ihr zu vertrauen. Vorerst zumindest. Sie waren vielen netten Menschen begegnet, hatten viel Glück gehabt: Zach hatte sie bei sich schlafen lassen, ihnen Pfannkuchen gemacht und lustige Geschichten erzählt, der Schaffner hatte sie ohne Fahrkarte fahren lassen, Miss Gumbie hatte für sie gelogen.

Als die alte Dame vor einem Einfamilienhaus stehen blieb, hatten die Zwillinge den Erdbeerspieß längst verzehrt. Die Frau sperrte die Tür auf und bedeutete ihnen einzutreten.
Sie standen in einem kleinen Flur, von dem links eine Tür, geradeaus eine Tür und rechts eine Treppe abging.
Miss Gumbie legte ihre Pelzmütze auf eine Hutablage und hängte den dicken, weißen Mantel mit dem unerklärlichen Punkte-Streifen-Muster an die gusseiserne Garderobe. „Zieht die Schuhe aus – und wascht euch die Gesichter vor dem Essen! Hat euch denn niemand beigebracht, anständig zu essen?“, fragte sie.
Die Zwillinge schüttelten den Kopf. So etwas hatten sie nicht gelernt.
Die alte Dame seufzte. Dann zeigte sie auf die Tür zu ihrer Linken. „Die Gästetoilette ist hier. Ein Bad hättet ihr auch bitternötig…“ Sie rümpfte die Nase, besann sich dann jedoch anders und lächelte Mungojerrie und Rumpleteazer an. Es hatte etwas fast mütterliches an sich. „Aber alles zu seiner Zeit. Erst einmal mache ich euch Essen und ihr erzählt mir eure Geschichte.“

Als die beiden kurze Zeit später mit sauberen Gesichtern und knurrenden Mägen am Esstisch saßen, stieg ihnen der verführerische Duft von Fleisch und Kartoffeln in die Nase.
Jenny Gumbie, bekleidet mit einer Küchenschürze über dem altrosa Pullover, stellte einen großen, dampfenden Topf auf der weißen Spitzentischdecke ab und verschwand wieder in der Küche, um einen zweiten, kleineren Topf zu holen.
„Schweinekoteletts in Grünkohl mit Kartoffeln. Nichts besonderes, aber solide Hausmannskost.“
Jerrie und Teazer lief das Wasser im Munde zusammen. Eine richtige Mahlzeit! Ein extra für sie gekochtes, frisches, heißes Mittagessen!
Sie nahmen die Deckel von den Töpfen und luden sich die Teller voll.
„Ihr habt wirklich keinerlei Tischmanieren“, schmunzelte die alte Dame. „Sei‘s drum… Und jetzt erzählt mir, warum ihr halb verhungert über den Macclesfielder Markt lauft und Schokoladenerdbeeren stehlt!“ Sie blickte die kauenden und mampfenden Kinder interessiert an.
Teazer schluckte einen großen Bissen hinunter. „Wir waren gar nicht halb am Verhungern!“ Damit schob sie sich eine weitere Kartoffel in den Mund.
Wie heißt die Stadt?“, wollte ihr Bruder wissen. „Maccle…?“
„Macclesfield“, korrigierte die Frau, während sie ruhig und gesittet ihren eigenen Teller leerte. „Wie seid ihr hierhergekommen, wenn ihr nicht einmal wisst, wie die Stadt heißt?“
„Mit dem Zug!“
„Und woher kommt ihr?“, hakte sie nach.
Jerrie warf seiner Schwester einen ratlosen Blick zu. Diese zuckte bloß mit den Schultern.
Mit dem Zug waren sie aus London gekommen, mit dem Zirkus waren sie überall gewesen, wo sie geboren worden waren, wussten die Kinder nicht.
„London…?“ Es war mehr eine Frage als eine Antwort.
„Also schön, fangen wir mit etwas einfacherem an: Wie heißt ihr?“
Die Zwillinge grinsten einander an. „Teresa und Jeremy!“, sagten sie wie aus einem Mund.
„Verkauft mich nicht für dumm“, mahnte die leicht ergraute Dame lächelnd. „Ich weiß sehr wohl, dass das nicht eure richtigen Namen sind. Also nochmal: Wie heißt ihr?“
„Mungojerrie…“, sagte Teazer.
„…und Rumpleteazer“, sagte Jerrie.  
„Also er ist Mungojerrie und ich bin Rumpleteazer“, fügte das Mädchen erklärend hinzu.

„Mungojerrie und Rumpleteazer…“ Die alte Dame nickte. „Und was macht ihr so alleine in einer Stadt, deren Namen ihr nicht einmal kennt?“
Wie sollten sie das erklären? „Na ja, wir… sind auf der Durchreise… sozusagen…“, versuchte der Junge es. Das war nicht gelogen und er war sich immer noch nicht ganz sicher, wie viel sie der Frau anvertrauen sollten.
„Und wohin wollt ihr?“
Die Zirkuskinder wechselten einen betrübten Blick. „Das… wissen wir nicht…“
„Warum haben Sie den anderen erzählt, ich wäre ihre Nichte?“, fragte Teazer, um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen.
„In dieser spießigen Stadt gibt es viel zu viele selbstgerechte Menschen. Sie bleiben gern unter sich, belächeln oder misstrauen Fremden. Mich nennen sie Jenny Fleckenreich, wegen meiner Vorliebe für ungewöhnliche Muster, oder die alte Gumbie – als wäre ich eine tatterige Greisin, die nicht mehr ganz richtig im Kopf ist!“ Sie plusterte die Backen auf, wodurch ihr Gesicht noch runder wurde als es eh schon war. „Ein bisschen Widerstand hier und da tut mir ganz gut“, lachte sie.
Das machte sie Jerrie und Teazer gleich ein ganzes Stück sympathischer. Die Frau war eine Mischung aus strenger Lehrerin, fürsorglicher Großmutter und trotzigem Kind, das seinen Schabernack mit den steifen Erwachsenen trieb.
Das Mädchen grinste ihren Zwilling an. Sie ist in Ordnung, glaub ich! Wollen wir?
Dieser nickte zustimmend. Erlaubnis erteilt!

Und dann begannen sie zu erzählen: Vom Zirkus, von Macavity, ihrer Reise, von Zach und seinem plötzlichen Verschwinden, von der Zugfahrt, bis zu ihrer Begegnung auf dem Macclesfielder Marktplatz.
Jenny Gumbie hörte aufmerksam zu.
„Danke für das Essen. Es war sehr lecker“, schloss Rumpleteazer und erhob sich. Auch Jerrie stand auf.
„Ihr wollt schon gehen?“ Die Frau klang etwas überrascht. Vielleicht hatte sie damit gerechnet, dass die Kinder nach ihrer anstrengenden Reise froh über eine längere Pause waren. „Möchtet ihr noch einen Nachschlag?“
„Das ist nett, aber wir müssen weiter.“
Miss Gumbie verzog ärgerlich das Gesicht. „So ein Unfug! Ihr wisst doch nicht einmal, wo ihr hinwollt!“ Ihre Stimme nahm wieder einen freundlicheren Klang an, als sie sagte: „Ihr könnt doch nicht ewig so weitermachen… Ihr seid Kinder! Ihr solltet eine richtige Kindheit haben, zur Schule gehen, lernen, mit Freunden spielen und euch keine Sorgen darum machen müssen, wo ihr die nächste Nacht verbringen könnt… Warum bleibt ihr nicht? Nur für ein paar Tage. Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung und wenn ihr merkt, dass ein normales Leben nichts für euch ist, könnt ihr immer noch gehen.“
Die Zwillinge sahen einander lange an.
Wollten sie ein normales Leben führen? Wie ganz normale Kinder? Mit Verpflichtungen und Vorschriften? Mit Erwachsenen, die über ihr Leben bestimmten? Mit einem Zuhause und festen Mahlzeiten, um die sie sich nicht selbst kümmern mussten? Ohne Sorge, was sie als nächstes tun, wo sie als nächstes hingehen konnten? Sie wussten es nicht.
Aber wollten sie ihr Leben lang ziellos durch die Welt irren, frei und selbstbestimmt, aber planlos, oft hungrig und auf sich selbst gestellt?
„Und wir können jederzeit gehen?“, fragte Jerrie.
Ein erleichtertes Lächeln machte sich auf dem runden Gesicht breit. „Wann immer ihr wollt!“

Als sie schließlich in den weichen Kissen des Gästebettes lagen, frisch geduscht, satt, in den etwas zu großen Schlafanzügen von Miss Gumbies längst ausgezogenen Kindern, schmiegte Rumpleteazer sich an ihren Bruder und flüsterte: „Jerrie? Lass uns bleiben… Nur für ein paar Tage.“
Dieser nickte. „Nur für ein paar Tage…“

Vernunft lass' ich walten
und genieße mein Essen in Ruh'.
Viele Jahre hab' ich
wohl noch vor mir in Sicht.
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