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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
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06.02.2015 3.650
 
Durch den Gang sieht man ihn eilen
und er prüft in den Abteilen
die Gesichter seiner Fahrgäste gut


„Was wollen wir heute essen?“, fragte Mungojerrie und drehte sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis, um die große Auswahl an individuellen und qualitativ hochwertigen Restaurationen in der schmalen Fußgängerzone zu demonstrieren. „Pizza, …“ Er wies auf einen kleinen italienischen Schnellimbiss. „…Burger,…“ Sein Blick wanderte vom allgegenwärtigen MacDonalds M zu einem mit Frische und Naturverbundenheit werbenden Laden, dessen Namen keiner der beiden aussprechen konnte „…Sandwiches…“, überging das direkt daneben liegende Subway und landete schließlich bei Starbucks „…oder einen Milchshake?“
„Sandwiches“, beschloss seine Schwester genau wie am Tag zuvor. „Ich will ein Schinkenbaguette und einen Schokomuffin. Oh und Apfelsaft. Und du?“ Dass weder das Baguette noch der Muffin als Sandwich zu bezeichnen waren, störte keinen von beiden.
„Ein Käsesandwich, den komischen Saft von gestern und die Hälfte von deinem Schokomuffin.“ Sie kannten das Speiseangebot von Pret a Manger mittlerweile auswendig – genauso wie das der anderen Fastfood-Ketten der Umgebung.
„Gut, wie viel brauchen wir dafür?“, fragte Teazer.
Jerrie kniff die Augen zusammen. Kopfrechnen war noch nie seine Stärke gewesen. „Dreiz- Vierzehn Pfund.“ Die Preislisten kannten sie auch auswendig.
„Und wie viel haben wir?“ Sie hatten vor drei Tagen einen jungen Touristen um seine Brieftasche erleichtert.
Diese zückte Jerrie nun, schüttete die silbernen Münzen in seine Handfläche und verkündete: „Fünf Pfund und dreiundneunzig Pence!“
„Dafür kriegen wir ja nicht mal zwei Sandwiches…“ Dass es eigentlich nur fünf Pfund dreiundachtzig waren, verriet sie ihrem Bruder nicht.
„Wir brauchen mehr Geld!“, erklärte Jerrie.
„Oder Gratisessen“, grinste Teazer.

***


Mit einem Lächeln auf den Lippen und Käsesandwich und Mangosmoothie in der Hand trat Jerrie an die Kasse.
„Mitnehmen oder hier essen?“, fragte die Verkäuferin und ließ den Blick über die Leute schweifen, die hinter dem Jungen in der Schlange standen oder die Regale durchstöberten.
„Hm…“, machte der Zwölfjährige. Aus dem Augenwinkel sah er ein Kind mit einer türkisen Mütze den Laden betreten. „Hier essen.“
„Das macht dann sechs Pfund neunundzwanzig.“
Sie wollte das Sandwich nehmen und es in eine auf der Theke stehende Mirkowellen-Ofen-Kombination legen, als Jerrie sich lautstark beschwerte: „Aber das sind doch nur fünf fünfundachtzig! Warum kostet das denn jetzt mehr?“ Er setzte ein unschuldig-dümmliches Gesicht auf und blickte die Frau hinter der Kasse aus großen, grünen Kinderaugen an.
Natürlich wusste er, dass vor Ort essen mehr kostete als das Sandwich bloß mitzunehmen, da es in diesem Fall extra warm gemacht wurde. Er war ja gestern schon hier gewesen. Das wiederum konnte aber die Verkäuferin nicht wissen. Sie hatte gestern frei gehabt.
Also beugte sie sich etwas vor, wie Erwachsene das manchmal unbewusst tun, wenn sie mit Kindern sprechen, und erklärte ihm das Ganze noch einmal. Jerrie nickte hin und wieder als würde es ihn tatsächlich interessieren.
Dann fragte er: „Kann ich auch hier essen, ohne dass sie das Sandwich warm machen?“
Die Frau überlegte kurz. Als sie dabei den Blick hob, schob der Zwölfjährige hastig eine weitere Frage nach: „Und kostet das dann sechs neunundzwanzig oder fünf fünfundachtzig?“
„Das kann ich dir leider nicht sagen“, erwiderte sie etwas verunsichert, fing sich dann aber wieder: „Willst du nun ein warmes Sandwich hier essen oder ein kaltes mitnehmen?“
„Lieber ein warmes mitnehmen… Aber ich weiß nicht, ob ich genug Geld dabei hab…“ Er kramte das gestohlene Portemonnaie aus der Tasche und leerte seinen Inhalt auf der Theke aus. Die Verkäuferin lächelte angestrengt, während er laut zählte.
„Fünf Pfund dreiundneunzig… Hm… Dann ess ich doch nicht hier!“ In aller Seelenruhe legte er die Münzen hin, verstaute Sandwich und Getränk in seinem Rucksack und verließ den Laden, um sich zwei Straßen weiter mit Teazer zu treffen, die schon mit dem restlichen Essen auf ihn wartete.

„Wehe, du hast den Muffin schon aufgegessen!“, begrüßte er seinen Zwilling.
Teazer zog die türkise Mütze vom Kopf, unter der sie ihre auffälligen rotblonden Haare versteckt hatte. Ein Souvenirhändler war zu unaufmerksam gewesen und hatte dem Mädchen so eine kostenlose Kopfbedeckung beschert.
„Und wenn?“, fragte sie grinsend.
„Dann darfst du mir einen neuen holen!“ Er setzte sich neben sie auf die steinerne Umrandung des Blumenkübels, der entweder zur Zierde oder zur Behinderung der vorbeigehenden Menschen mitten in der Fußgängerzone stand. Dann griff er in ihren Rucksack, schälte den überdimensionierten Muffin aus dem Papier und biss hinein.
„Wo geht’s heute hin?“, fragte das Mädchen, nachdem sie ihm den gemeinsamen Nachtisch entwendet hatte.
Er kramte eine Tube-Map, einen zerfledderten Zettel mit vielen bunten Linien, aus der Tasche und fuhr mit kreisenden Bewegungen darüber. „Lass uns naaach…“ Er tippte auf die Kreuzung einer braunen und einer schwarzen U-Bahn-Linie. „Elephant & Castle fahren! Das klingt lustig.“
Seine Schwester warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Das ist am anderen Ende von London.“
Der Zwölfjährige beugte sich zu ihr herüber und biss ein großes Stück vom Muffin ab, den Teazer immer noch festhielt. „Ja und?“, fragte er nun wieder mit vollem Mund und Krümeln im ganzen Gesicht.
Sie rollte mit den Augen. „Das ist zu weit weg.“ Man, bist du blöd.
Bevor er ihr noch mehr klauen konnte, stopfte sie sich den restlichen Schokomuffin in den Mund.

Nachdem auch Sandwich und Baguette verputzt waren, machten die Kinder sich auf zur nächsten U-Bahn-Station. Sie hatten sich auf kein Ziel einigen können und deshalb beschlossen, wie so oft in den letzten Tagen einfach wahllos umherzufahren, bis es ihnen irgendwo gefiel. Nicht dass sie gewusst hätten, was es wo zu sehen gab – die Namen der Stationen sagten ihnen überhaupt nichts und da sie keine Touristen auf Sightseeing-Tour, sondern Entdecker ungewöhnlicher Orte und kostenloser Sehenswürdigkeiten waren, hätte ihnen nicht einmal ein Reiseführer etwas genutzt. Eigentlich war es also völlig egal, wer das Ziel festlegte.
Die Zwillinge kamen nicht weit. Schon nach wenigen Schritten blieb Teazer stehen.
Ihr Bruder sah sie fragend an. Was?
„Es regnet“, erklärte sie. „Ich hab nen Tropfen abgekriegt.“
Dafür erntete sie einen verächtlichen Blick. „Das ist doch kein Regen!“ Stell dich nicht so an – Wir sind doch nicht aus Zucker!
Genau in diesem Moment fing es wirklich an zu regnen. Von einer Minute auf die andere waren die Straßen nass und alle Menschen, die die dunklen Wolken zu spät bemerkt hatten, in Hauseingängen und Geschäften verschwunden.
Teazer blieb nicht einmal genug Zeit für einen triumphierenden Blick, da rannten sie schon los in Richtung Opernhaus.

Als sie auf dem Platz vor der alten Oper ankamen, waren die Zwillinge von Kopf bis Fuß durchweicht und der Schauer schon wieder vorbei.
„Jetzt würde ich mich gerne vor einem Kamin in eine warme Decke hüllen…“, murmelte das Mädchen. Mir ist kalt! Blöder Regen!
„Du weißt doch nicht mal wie ein Kamin aussieht“, spottete Jerrie. Kamin klingt super…
Zu einer Antwort kam es nicht mehr. Eine Gruppe von Männern, die geräuschvoll große Metallgitter aus einem Transporter auslud, zog die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich. Ein paar der Gitterteile steckten bereits in Betonfüßen und bildeten den Anfang eines Zauns. Es war nur unschwer zu erkennen, welches Gebäude hier eingezäunt wurde.
Zwei Männer mit gelben Helmen besprachen mit wichtigen Mienen etwas, wobei sie immer wieder in Richtung des maroden alten Gebäudes gestikulierten.
„Was soll das werden?“, fragte Teazer beunruhigt. Die wollen doch nicht etwa…
„Die reißen unser Haus ab!“, stellte Jerrie halb erschrocken, halb empört fest. Das können die doch nicht machen!
Eigentlich hätten die Kinder damit rechnen können, dass die Oper früher oder später weichen musste, aber sie hatten eben auf später gehofft – wenn sie überhaupt daran gedacht hatten.
„Und jetzt?“ Ratlos sah die Zwölfjährige ihren Bruder an. Wo sollen wir denn jetzt einen neuen Unterschlupf herkriegen?
Der hob nur hilflos die Schultern. Wenn ich das wüsste…
Erste Tropfen kündigten den nächsten Schauer an. Die dicke, graue Wolkendecke vermittelte den Eindruck als könne es noch den ganzen Tag so weitergehen.
„Wir gehen zu Zach“, beschloss Teazer, die sich angenehmeres vorstellen konnte, als ohne jeden Rückzugsort im Regen zu stehen. „Er lässt uns bestimmt bis morgen bleiben und vielleicht weiß er was, wo wir dann hinkönnen.“
Jerrie widersprach ihr nicht.

***


„Wie heißt Zach eigentlich mit Nachnamen?“, fragte Mungojerrie als sie klatschnass vor den zahllosen Klingelschildern an der Eingangstür standen. Es regnete immer noch – nicht so stark wie zuvor aber dafür ausdauernder.
„Keine Ahnung“, gab das Mädchen zurück und drückte wahllos auf drei verschiedene Klingeln. „Irgendwer wird uns schon rein lassen und die Wohnung finden wir.“
Tatsächlich betätigte jemand den Summer und die Kinder stolperten in den zwar kalten aber immerhin trockenen Hausflur. Von weiter oben hörten sie das Öffnen von Türen.
Im ersten Stock angekommen, ignorierten sie die Frau, die rauchend in einer Wohnungstür lehnte und drückten auf die Klingel, die zu Zachs Wohnung gehörte.
„Ihr wolltet gar nicht zu mir, stimmt‘s?“, sprach sie die junge Frau an und blies Rauch in die Luft. Sie hatte lange, blonde Haare und stark geschminkte Augen, aus denen sie die beiden leicht amüsiert musterte.
„Wir wollen zu Zach“, erwiderte Teazer und drückte noch einmal auf den Klingelknopf.
„Was wollen zwei Kinder wie ihr von nem Stripper?“ Zu der Belustigung in ihrer Stimme gesellte sich leiser Argwohn.
„Woher wissen Sie, dass er Stripper ist?“, fragte Jerrie, weil er nicht einsah, was diese Frau das anging.
Sie lachte kurz. „Na hör mal, Kleiner, das ist ja nun kein Geheimnis! Das Haus hier gehört dem Besitzer vom Night Club – Hier wohnen nur Stripper.“ Wieder lachte sie. „Also was wollt ihr von meinem Kollegen? Steht der auf kleine Kinder? Das wär ne lustige Story für die Gerüchteküche!“
Die Zwillinge wechselten einen zweifelnden Blick. Die ist komisch…
Dann drückte Teazer zum dritten mal auf die Klingel.
„Ihr könnt so viel klingeln wie ihr wollt“, meinte die Blonde. „Da macht keiner mehr auf.“
„Ist Zach nicht zuhause?“, fragte die Zwölfjährige.
„Keine Ahnung wo er ist. Der wohnt hier nicht mehr.“
„WAS?!“ Jerrie und Teazer fielen aus allen Wolken.
„Wie, er wohnt hier nicht mehr?!“
„Aber wir waren vor einer Woche hier! Da hat er noch hier gewohnt!“
Die Frau drückte gleichgültig ihre Zigarette aus und ließ sie im Flur liegen. „Jetzt wohnt er eben nicht mehr hier – ist vor vier Tagen ausgezogen.“
Die Kinder tauschten einen weiteren, ungläubigen Blick.
„Er ist wirklich ausgezogen?“, fragte Rumpleteazer schließlich. „Und wohin?“
„Keine Ahnung.“ Sie hob gelangweilt die Schultern. „Das hat er uns nicht verraten. Als vor drei Tagen so ein Typ seine Möbel abgeholt hat, war er schon weg.“
„Aber dieser Typ wusste doch bestimmt wohin Zach umgezogen ist“, hakte Jerrie nach.
„Thea hat ihn gefragt, aber der wusste auch nix. Er hat gesagt, dass er einen Onlineshop für Secondhandmöbel betreibt und dass Zach ihn eigentlich immer anruft, wenn er umzieht. Was er dazwischen so macht, weiß der Kerl auch nicht. Mir soll‘s egal sein. Die anderen Mädels vermissen ihn ja alle, aber ich konnte Zach noch nie leiden“, fügte sie ungefragt hinzu.

***


Und wieder standen sie im Regen.
„Er… ist einfach ausgezogen…“, murmelte Rumpleteazer. Ohne uns Bescheid zu sagen!
Jerrie bemerkte die Entrüstung in ihrer Stimme und nickte grimmig. Frechheit!
Eigentlich waren ja sie es gewesen, die sich ohne ein Wort des Abschieds aus dem Staub gemacht hatten. Selbst wenn Zach nach ihnen gesucht hätte – was er ganz bestimmt nicht getan hatte – hätte er die Zirkuskinder auf ihren ziellosen Touren oder in ihrem maroden Nachtquartier wohl kaum gefunden.
Die beiden wussten das.
Und trotzdem fühlten sie sich verraten und allein gelassen.
Es war schön gewesen, zu wissen, dass es jemanden gab, an den man sich im Notfall wenden konnte. Dass man nicht ganz auf sich selbst gestellt war, sondern nur ein bisschen. Doch die Sicherheit, in der sie sich gewiegt hatten, hatte sich klammheimlich davongestohlen.
„Das ist doch scheiße“, murrte Mungojerrie, dem der vollgesogene Pullover am Körper klebte, wie eine zweite Haut. Eine eklig nasse zweite Haut.
Teazer verstand die Bedeutung dieses Satzes besser als er ihn je in Worte hätte fassen können: Ihr Bruder meinte nicht, dass der Rum Tum Tugger ausgezogen war. Nicht nur.
Er meinte den elenden Regen, der einfach nicht aufhören wollte, das Donnergrollen in der Ferne, das ein Gewitter ankündigte, die Bauarbeiter, die gerade heute beschlossen hatten, mit dem Abriss der Oper zu beginnen – nicht dass ein anderer Tag besser gewesen wäre – die Frau, der es nichts ausgemacht hatte, zwei frierende Kinder zurück auf die Straße zu schicken. Er meinte einfach alles.
Der Zwölfjährige hätte nicht einmal sagen können, was davon ihn in diesem Moment am meisten störte. Vielleicht war es bloß die Tatsache, dass bis heute Mittag alles so gut gelaufen war und auf einmal nichts mehr ging.
Je länger sie über Jerries Gedanken nachdachte, umso schneller strebte ihre eigene Laune dem Tiefpunkt entgegen.
„Ich mag nicht mehr“, sagte Teazer trotzig. „Es ist kalt, es ist nass und Zach ist nicht da! Jerrie, mach was!“ Dieser Satz bedurfte keinerlei Interpretation. Er bedeutete einfach Jerrie, mach was!
„Wieso ich denn jetzt?“, fragte der Junge. Er konnte genauso wenig an der Situation ändern wie sie selbst. Er konnte weder herausfinden, wo Zach steckte, noch für besseres Wetter sorgen. Alles was er tun konnte, war ihnen ein neues Dach über dem Kopf zu suchen. Warum das nun ausgerechnet seine Aufgabe war und nicht ihre, wusste er zwar nicht, aber eigentlich war das auch egal. Er war ihr Zwilling und deshalb musste er sich um sie kümmern. So war das eben, wenn es keinen großen Bruder und keine große Schwester gab: Teazer kümmerte sich um ihn und er sich um sie.
„Komm mit!“ Er nahm seine große kleine Schwester an der Hand. „Was Zach kann, können wir schon lange! Wir zieh‘n auch um!“
Ein paar Schritte lang ließ sie sich von ihm mitziehen, dann holte sie zu ihm auf. „Und wohin?“, fragte sie. Hast du einen Plan?
„Weg“, erwiderte Jerrie schulterzuckend. „Raus aus London. Egal wohin. Wir finden schon was!“ Wer braucht schon einen Plan?
Rumpleteazer lächelte. „Klingt gut!“ Danke Jerrie.

***


Warm, trocken, leichtes Schaukeln – das Innere eines Zuges war ein wesentlich angenehmerer Aufenthaltsort als eine verregnete Gasse. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass beide Orte bis auf die Zwillinge menschenleer waren.
„Wohin fahren wir?“, wollte das Mädchen wissen, nachdem sie sich an Schranken, ähnlich denen im Underground, vorbei in den erstbesten Zug gestohlen hatten.
„Keine Ahnung…“, murmelte Jerrie. Hab nicht drauf geachtet… Ist mir aber auch egal.
Er war müde von der ganzen Aufregung und in seinen nassen Sachen war ihm trotz der angenehmen Raumtemperatur immer noch kalt.
„Ach so“, machte Teazer und begann, in ihrem Rucksack zu wühlen. Ist auch nicht so wichtig – wir lassen uns einfach überraschen. Nach einander holte sie den gesamten Inhalt heraus und verteilt ihn auf den umliegenden Sitzen. Zum Vorschein kamen die türkise Mütze, die ganz oben gelegen hatte und deshalb triefend nass war, zwei ebenfalls durchweichte T-Shirts, Unterhosen, nicht zusammenpassende Socken, eine dunkelrote Strickjacke und eine einigermaßen trockene Jeans, sowie eine bunt karierte Decke.
„Alles nass“, stellte sie missmutig fest. „Da kann ich höchstens noch die Hose anziehen…“
Nun leerte auch Jerrie seinen Rucksack aus, indem er einfach alles auskippte. Bei ihm hatte die braun-graue Decke zuoberst gelegen, sodass seine Kleidung größtenteils trocken geblieben war.
„Hier.“ Er streckte seiner Schwester ein schreiend orangenes T-Shirt hin und zog sich selbst den klammen schwarzen Pullover über den Kopf. Außer ihnen befand sich niemand im Wagon und selbst wenn, hätten sich die Kinder wohl nicht daran gestört.
Bekleidet mit trockenen Hosen und kurzärmeligen Shirts – einen trockenen Pullover hatten sie in ihren Rucksäcken vergeblich gesucht – kuschelten sich die Zwillinge unter Teazers Decke und ließen die übrigen Kleidungsstücke über die Lehnen anderer Sitze gehängt trocknen.

***


Es war still im Zug. Verdächtig still.
Aufmerksam schritt Benjamin Skimbleshanks durch den spärlich besetzten Zug, kontrollierte Tickets, hob hier ein herumliegendes Bonbonpapier auf, ermahnte da eine junge Mutter, ihr quengelndes Kind zu beruhigen.
„Wie stellen Sie sich das vor?“, fragte die Frau pampig. „Wir sind seit Stunden unterwegs und meiner Tochter ist eben langweilig! Wie soll ich das ändern?“
„Kein Grund, unhöflich zu werden“, erwiderte der Schaffner ruhig. Er hasste solche Menschen, die nicht nur die wohl verdiente Ruhe der anderen Fahrgäste störten, sondern sich auch noch respektlos dem Bahnpersonal gegenüber verhielten. Um die Frau aber ebenso rüde zurechtzuweisen, besaß er viel zu gute Manieren.
Stattdessen beugte er sich zu dem kleinen Mädchen herunter, das unzufrieden am Arm ihrer Mutter zog. „Wie heißt du denn, junge Dame?“, fragte er lächelnd.
Das Kind hörte auf zu meckern, sah ihn kurz irritiert an und antwortete: „Sissi!“
„So ein Unfug! Lüg den Mann doch nicht an, Taylor!“, mischte sich die Mutter ein.
Skimble ignorierte sie. „Sissi?“, fragte er die kleine Taylor. „So wie die österreichische Kaiserin?“
Das Mädchen nickte begeistert.
„Hör mal, Sissi“, sagte der Schaffner. „Das hier ist ein Zug und in Zügen muss man sich ganz ruhig verhalten. Schaffst du das, leise zu sein, bis ihr angekommen seid?“
„Sind wir denn gleich da?“, wollte sie wissen. Der unzufriedene Ausdruck, der schnell zu einem Schmollmund werden konnte, machte sich wieder auf ihrem runden Gesicht breit.
„Nein, du und deine Mutter habt noch fast eine Stunde Fahrt vor euch“, erklärte er, da er ja gerade erst den Zielbahnhof auf der Fahrkarte gelesen hatte. „Aber ich habe eine schöne Idee wie du dir die Zeit vertreiben kannst!“ Aus seiner Umhängetasche mit dem Logo der National Rail holte er ein buntes Heft und eine Packung billiger Buntstifte. „Malst du gerne, Sissi?“
Das Kind nickte eifrig.
„Dann schenke ich dir dieses Ausmalheft und die Stifte“, sagte er freundlich.
Taylor bedankte sich artig.

Zwei Wagons weiter musste er einem Mann erklären, warum hier überhaupt Tickets kontrolliert wurden, wenn doch durch die Schranken an jedem Bahnhof gewährleistet wurde, dass nur Passagiere mit gültigem Fahrschein auf den Bahnsteig kamen.
„Leider gibt es immer wieder Leute, die diese Kontrollen zu umgehen wissen und Schwarzfahrer können wir in unseren Zügen nicht tolerieren!“, schloss Skimble seine Erläuterung.
Er liebte seinen Job und nahm ihn sehr ernst. Krach, die Verschmutzung des Zuges und Schwarzfahrer waren seine selbsternannten Feinde, die es tagtäglich zu bekämpfen galt, um eine friedliche Zugfahrt zu garantieren. Deshalb war er stets freundlich und aufmerksam. Seinem prüfenden Blick entging nichts.
Auch nicht die beiden Kinder, die im letzten Wagon mehrere Vierersitze mit Kleidung belegten.
„Darf ich fragen, was diese Unordnung zu bedeuten hat?“
Die jungen Fahrgäste sahen ihn erschrocken an. „Wir… räumen sie sofort weg!“, stammelte das Mädchen, schlug die Decke zur Seite, die sie sich bis ans Kinn gezogen hatte, und sprang auf, um die Sachen in einen großen, schwarzen Rucksack zu stopfen.
Ihm fiel auf, dass sie keine Jacke und auch sonst keine langen Ärmel trug, sondern nur ein etwas weites T-Shirt.
Der Junge – dem Aussehen nach zu urteilen ihr Bruder – beeilte sich, ihr zu helfen. Auch er war nur mit einem verwaschen grauen Shirt bekleidet.
Allerdings war das nicht das einzig seltsame an den beiden Passagieren. Die zu sommerliche Bekleidung und die auf fremden Sitzen ausgebreiteten Sachen ließen sich ganz gut damit erklären, dass die beiden auf dem Weg zum Bahnhof in einen Schauer geraten waren. Viel interessanter war die Frage, warum sie alleine unterwegs waren. Eine Aufsichtsperson, die sich in einem anderen Teil des Zuges aufhielt, hatte er nicht bemerkt – und er übersah nie jemanden – und überhaupt war es doch unwahrscheinlich, dass eine Mutter oder ein Vater seine beiden kleinen Kinder alleine im Wagon zurückließ und dabei auch noch sein Gepäck mitnahm.
Was den Schaffner jedoch am allermeisten störte, war das hektische Verhalten der jungen Fahrgäste. Sie wechselten zu viele fragende Blicke, sahen zu oft aus dem Fenster – seiner Erfahrung nach, um abschätzen zu können, wann der langsamer werdende Zug den nächsten Bahnhof erreichen würde.
Benjamin Skimbleshanks, Schaffner mit Leib und Seele und selbsternannter Wächter über die heilige Ruhe auf der National Rail, kannte nur einen Grund für diese Art von Verhalten: Schwarzfahrer!

***


„Wo wollt ihr zwei denn hin so ganz alleine?“, fragte der Schaffner. Sein Gesicht wirkte streng, die rotbraunen Haare waren ordentlich nach hinten gekämmt, seine braune Weste saß ebenso tadellos wie das weiße Hemd darunter.
„Wir sind nicht alleine!“, erwiderte Teazer. „Er hat mich und ich hab ihn!“
Das entlockte dem hochgewachsenen Mann ein  Schmunzeln, dass ihn sofort viel freundlicher aussehen ließ. Es war nicht ganz klar, ob die Ansätze von Falten um seinen Mund von dem strengen Blick herrührten oder ob es doch Lachfalten waren. Hätten die Zwillinge sein Alter schätzen müssen, hätten sie auf 30 getippt, allerhöchstens 40.
„Dann hätte ich gerne einmal eure Fahrkarten.“
Mungojerrie und Rumpleteazer wechselten einen panischen Blick. Verdammt!
Der nächste Bahnhof war nicht mehr weit, der Zug wurde immer langsamer, aber bis sie sich an dem Schaffner vorbeidrängen und nach draußen flüchten konnten, würde es wohl noch ein paar Minuten dauern.
„Unsere Karten… ja…“ Jerrie suchte nach einer plausiblen Ausrede, fand aber keine. „Die hattest du doch, oder?“, gab er an seine Schwester ab, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Lass dir was einfallen, Teazer!
„Ich?“ Ihre Stimme war eine Spur höher als sonst. Was machst du?! Ich hab doch auch keine Idee! „Ich dachte, du hättest sie eingesteckt!“
In diesem Moment war das Quietschen der Räder auf den Schienen zu hören als der Zug am Bahnsteig hielt. Die Kinder wollten schon losrennen, da bemerkten sie einen weiteren Schaffner, der durch die sich öffnende Tür trat. Jerrie und Teazer blieben wie angewurzelt stehen. So ein Mist! Was machen wir jetzt?
Der Bahnbeamte kam auf seinen Kollegen zu. „Ah, Skimble, gut dass ich dich direkt treffe! Da ist eine Frau im Rollstuhl mit drei großen Taschen!“
„Ich komme sofort und helfe“, entgegnete der als Skimble angesprochene Schaffner.
Dann wandte er sich wieder Jerrie und Teazer zu. „Nun zu euch beiden…“ Einen Moment lang sah er sie nur streng an. Dann seufzte der Schaffner als habe er gerade eine schwierige Entscheidung getroffen. „Wenn ihr das nächste mal euer Ticket verloren habt, wendet euch direkt an einen Zugbegleiter – sonst kommt noch jemand auf die Idee, ihr wolltet schwarzfahren!“
Mit diesen Worten folgte er seinem Kollegen.

Und schon geht es los in den Norden hoch
quer durch England geht die Fahrt
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