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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
6
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Dieses Kapitel
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09.01.2015 2.830
 
Hallo zusammen :)
Ich weiß, ich bin spät dran – 09. Ist nicht mehr ganz Monatsanfang – aaber ausnahmsweise kann ich da gar nichts für! Ich hatte kein Internet – und zwar schon vor Silvester! Also nehmt’s mir nicht übel ;)

Schaut hin,
Ihr Mantel ist voll Staub,
in Fetzen hängt der Saum
Wie sind ihre Augen schmal und müd,
schwer von Melancholie


„Und jetzt?“, fragte Rumpleteazer, als die Haustür mit einem viel zu endgültigen Klacken hinter ihnen ins Schloss fiel.
Die kühle Abendluft wirkte im Vergleich zu der beheizten Wohnung, die sie gerade verlassen hatten, noch ungemütlicher.
Am liebsten wäre sie geblieben. Sie mochte Zach und sie mochte das Gefühl, bleiben zu dürfen, willkommen zu sein. Aber sie wusste genauso gut wie ihr Bruder, dass sie nicht mehr zurück konnten.
Sie waren wieder auf sich selbst gestellt.
Jerrie zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Wir suchen uns einen neuen Unterschlupf. Irgendwas werden wir schon finden…“

Also zurück auf Anfang. Die Zwillinge waren wieder genau da, wo sie gewesen waren, bevor der Rum Tum Tugger sie aufgelesen hatte.
Sie wussten nicht wohin sie gehen sollten, hatten keinen Schlafplatz, nichts zu essen, gar nichts.
So ganz stimmte das nicht… Bevor Zach sie gewarnt hatte, den U-Bahntunnel zu verlassen, hatten sie einen Schlafplatz gehabt, aber wenn sie dort geblieben wären, wären sie früher oder später bei der Polizei und irgendwann auch wieder bei Macavity gelandet. Proviant hatten sie immer noch keinen, aber hungrig waren sie auch nicht, weil sie sich bei Zach sattgegessen hatten.
Ihre Ausgangssituation war also doch eine andere – eine bessere.
„Bei ihm klang alleine leben so leicht…“, seufzte Teazer. „Er hat sich eine Arbeit gesucht und sich irgendwie durchgeschlagen. Aber wir sind Kinder – wir können nicht einfach irgendwo arbeiten…“
„Oder er hat sich bei Freunden durch geschnorrt“, erinnerte ihr Zwilling sich. Er sah sie mit einem halb bedauernden, halb belustigten Blick an. „Blöd nur, dass wir keine Freunde haben!“
„Weil wir keine brauchen!“, behauptete das Mädchen im Brustton der Überzeugung, obwohl beide genau wussten, dass das nicht stimmte.
Sie hatten keine Freunde, weil sie Zirkuskinder waren. Zwar hatten sie die Schule besucht – und hätten das auch weiter getan, wenn sie nicht abgehauen wären – doch nie war der Zirkus lang genug an einem Ort geblieben, dass sie Freundschaften hätten schließen können. Solange die Truppe in einer Stadt verweilte, gingen die Kinder in die nächstgelegene Schule, zogen sie weiter, mussten sie auch die Schule wechseln. In so kurzer Zeit konnte man nur schwer Freunde finden.
Vielleicht hätten die Zwillinge es trotzdem geschafft, wenn sie sich Mühe gegeben hätten. Aber das hatten sie nie. Sie waren sich selbst genug – wozu brauchten sie da Freunde?
Der Junge seufzte. Manchmal wäre es ganz schön gewesen, Freunde zu haben. Und manchmal hätte es sehr praktisch sein können – so wie jetzt…

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür ließ die beiden herumfahren. Der Night Club, in dem Zach arbeitete, öffnete gerade. Eine Leuchtreklame wurde angeschaltet und die ersten Töne eines Liedes drangen nach außen.
„Wir verschwinden besser von hier…“, murmelte Mungojerrie.
„Aber wohin?“
Sie kannten sich hier nicht aus, sie hatten keine Ahnung, in welche Richtung sie gehen sollten.
„Zach hat doch was von einem verlassenen Theater erzählt“, fiel Jerrie ein. „Vielleicht können wir da rein...“ Ist besser als nichts, aber ich hab keinen Plan, wo wir lang müssen…
„Es ist ein Opernhaus“, verbesserte Teazer grinsend. „Komm mit!“ Sie hakte ihren Arm unter seinen und zog ihn mit sich. Im Gegensatz zu dir hab ich zugehört und weiß, wo‘s lang geht!

Sie liefen einige hundert Meter die Straße entlang, bis die Zwölfjährige auf ein kleines Geschäft mit pinken Türen und Fenstern zeigte. „Hinter dem Donutladen gibt’s eine kleine Seitengasse, die direkt zum alten Stadtzentrum führt, hat er gesagt.“
Kleine Gasse war eine ziemlich großzügige Beschreibung für den Spalt, der zwischen zwei Häuserblocks geblieben war. Er war so schmal, dass die Zwillinge hintereinander her gehen mussten. Teazer, die es sich nicht hatte nehmen lassen, vorne weg zu gehen, stolperte, da das Licht der überall anspringenden Laternen nicht bis in den Zwischenraum hineinreichte.
Jerrie machte sich nicht die Mühe, ein schadenfrohes Lachen zu unterdrücken.
Als sie schließlich am anderen Ende der Gasse auf einen großen Platz traten, war die Sonne noch weiter gesunken und verschwand fast vollständig hinter den Häusern.
Trotz der Dunkelheit war es nicht schwer zu erahnen, bei welchem Gebäude es sich um die alte Oper handelte.
„Es sieht… toll aus“, befand Rumpleteazer, nachdem sie einen Moment lang überlegt hatte, ob toll wirklich das richtige Wort war, um die ehemals prunkvolle Oper mit dem von schlanken Säulen getragenen Dach zu beschreiben.
„Mal sehen, ob es von innen auch so toll aussieht“, meinte Mungojerrie, und war schon auf der anderen Seite des Platzes angelangt, wo er vergeblich an der massiven Eingangstür rüttelte.
„Abgeschlossen…“
„Als ob uns sowas davon abhalten würde, in ein Haus zu kommen!“, grinste sein Zwilling und begann, nach einem anderen Eingang zu suchen.

***


„Man, bist du schwer!“, ächzte Teazer, als sie ihrem Bruder auf den Sims eines scheibenlosen Fensterrahmens half.
„Nächstes mal darfst du gerne die Räuberleiter machen und ich zieh dich hoch!“, entgegnete ihr Bruder und streckte ihr die Zunge raus.
Dann sprangen die Zwillinge auf der Innenseite wieder herunter. Sie sahen sich in der dunklen Eingangshalle um und traten schließlich durch eine der beiden Flügeltüren, die in einen Saal mit großer Bühne und vielen Reihen verschlissener roter Sitze führte.
„So sieht also eine Oper aus…“
Es war nicht schwer, sich die im Halbkreis angeordneten Sitze voller Menschen vorzustellen, die verstaubten Scheinwerfer in Aktion, die die Bühne taghell erstrahlen ließen, das Gemurmel der Zuschauer bevor die Vorstellung begann, die gespannte Stille, die darauf folgte. Genau wie bei einem Zirkuszelt, nur viel größer, viel vornehmer.
„Stell dir vor, wir würden unsere Zirkusnummern in so einer Oper vorführen – wärst du aufgeregt?“, neckte Jerrie seinen Zwilling, der im Gegensatz zu ihm nie besonders unter Lampenfieber zu leiden gehabt hatte.
„Kein bisschen!“, entgegnete sie schnippisch. Du bist doof, Jerrie! Bei so vielen Zuschauern hätte jeder Lampenfieber…
„Als ob!“, grinste der rotblonde Junge, der sehr wohl verstand, was sie meinte. Wusst ich‘s doch!
Sie knuffte ihn in die Seite. Ach halt die Klappe!
„Ist gar nicht so kalt hier drin“, sagte sie dann. „Es war eine gute Idee von mir, hierher zu kommen!“
„Hey! Das war meine Idee!“, beschwerte ihr Bruder sich. Sein Protest hätte sie wohl auch dann kaltgelassen, wenn das Ende nicht in einem Gähnen untergegangen wäre.
„Aaaber ohne mich hättest du es nie gefunden!“, triumphierte das Mädchen. „Schlafmütze!“, fügte sie lachend hinzu. Dann stellte sie ihren Rucksack vor sich ab. „Sind die Sitze wohl bequem oder sollen wir auf dem Boden schlafen?“

***


Klack. Pause. Klack. Wieder eine Pause.
Es dauerte einen Moment bis Rumpleteazer das lauter werdende Geräusch als Schritte zuordnen konnte.
Für einen Augenblick, in dem ihr Verstand irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit dahindämmerte, glaubte sie, sie sei wieder in dem U-Bahntunnel und es wären Zachs Schritte, die sie aus dem Schlaf rissen. Dann war der Moment vorbei und sie erinnerte sich wieder.
Sie waren in der alten Oper, links von ihnen und ihrem kleinen Deckenlager die Rückenlehnen der ersten Sitzreihe, rechts von ihnen die dunkelroten Polster der zweiten Reihe. In der Dunkelheit vor ihnen der Mittelgang, der zur Bühne führte.
Und die klackernden Schritte.
Teazer horchte.
Klack. Pause. Klack. Pause. Klack.
Die Schritte waren langsam, bedächtig. Etwas an ihnen war seltsam, aber sie hätte nicht sagen können, was es war.
Klack. Pause. Klack. Pause.
Die zweite Pause war etwas länger als die erste. Das war es.
Aber wieso sollte man bei jedem zweiten Schritt eine längere Pause einlegen?
Das Mädchen versuchte, einen Blick auf die Person zu erhaschen, zu der die Schritte gehörten, aber sie war noch zu weit weg, sodass die hinteren Sitzreihen Teazer die Sicht versperrten. Wenn sie sich aufsetzen würde, hätte sie bessere Sicht, aber solange sie nicht wusste, wer da den Gang entlang schritt, wollte sie lieber nicht riskieren, entdeckt zu werden.
Stattdessen drehte sie sich zu ihrem Bruder um, der mit offenen Augen neben ihr lag. Er hatte die Schritte also auch gehört.

Endlich erreichten die Schritte die zweite Reihe. Obwohl ihre Augen durch die vielen nächtlichen Ausflüge an Dunkelheit gewöhnt waren, konnten die Kinder kaum mehr als die Umrisse erkennen. Es war die Silhouette einer Frau. Schwer zu sagen, ob sie zierlich oder gebrechlich war. Ihr Körper wurde von einem Pelzmantel umhüllt, die grauen Haare waren zu einer eleganten Hochsteckfrisur aufgetürmt. Die ungleichmäßigen, klackernden Schritten stammten von mattgoldenen Absatzsandalen, die weder für die Jahres- noch für die Uhrzeit angemessen waren und für den Ort schon gar nicht. Das rechte Bein zog sie nach – zu wenig, um es wirklich als humpeln zu bezeichnen, aber zu viel, um es nicht zu bemerken.
Wie war sie überhaupt hier hereingekommen? Nichts an ihr ließ vermuten, dass sie durch ein kaputtes Fenster klettern konnte.

Je näher die Frau der Bühne kam, umso besser konnten die Zwillinge sie erkennen, denn durch ein großes Loch in der Decke fiel Mondlicht wie ein Scheinwerfer auf die linke Hälfte der Bühne.
Die Schritte entfernten sich, als die Frau am Rand des Podests entlangging. An einer kleinen Treppe machte sie Halt, straffte die Schultern, als müsse sie sich innerlich wappnen. Die beiden Zirkuskinder erkannten die Geste. Es machte wohl keinen großen Unterschied, ob man eine Opernbühne betrat oder eine Manege.
Nur mit dem Unterschied, dass es hier kein Publikum gab. Warum also sollte sie sich für einen Auftritt bereit machen?
Jerrie und Teazer wussten nicht, was sie von dieser Show, von dieser Frau, von ihrer nächtlichen Anwesenheit in einem heruntergekommenen Opernhaus halten sollten.
Mit erhobenem Kinn und langsamen, stolzen Schritten bewegte sie sich auf den natürlichen Scheinwerfer zu, als sei dieser nur für sie dort angebracht worden.
Das Mondlicht ließ ihr dunkles Kleid glitzern, offenbarte aber gleichzeitig wie alt und abgewetzt ihr einst teurer graubrauner Mantel war. Die in kunstvollen Locken hochgesteckten Haare waren nicht wirklich grau, sondern von einem angegrauten Aschblond, das nichts über ihr Alter verriet.
Ganz anders war ihr Gesicht. Es war stark geschminkt und trotzdem wirkte es alt, älter als der Rest ihres Körpers, der mit jeder Faser Stolz und Erhabenheit ausstrahlte. Sie war sicher einmal schön gewesen, außergewöhnlich schön sogar, aber jetzt hingen die Augenwinkel leicht herunter, das schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen wirkte müde, ausgezehrt, melancholisch.

Die beiden Zwölfjährigen knieten zwischen der ersten und zweiten Reihe, die auffälligen rotblonden Haare unter den schwarzen Kapuzen verborgen, die Beine noch halb in ihre Decken eingewickelt und spähten zwischen zwei Sitzen hindurch. Mit angehaltenem Atem warteten sie.
Worauf wussten sie selbst nicht.
Ein Lächeln umspielte die Lippen der Frau, die mit ihrer verfallenden Schönheit so gut in diese alte Oper passte. Das war ihr Auftritt, da waren die beiden sich sicher. Sie war so langsam gegangen, weil sie es hinauszögern oder vielleicht weil sie jeden einzelnen Augenblick genießen wollte, und nun war sie angekommen. Sie war aus einem bestimmten Grund hier und jetzt würde sich zeigen aus welchem.

***


Was würde sie nicht für ein Orchester geben? Für einen Saal gefüllt mit Zuschauern? Für die alten Zeiten, in denen sie jung, schön und umjubelt gewesen war?
Das Orchester hatte sich längst in alle Winde zerstreut, Zuschauer würden diese Oper nie wieder füllen und den alten Zeiten trauerte man immer vergebens nach. Mit fünfzig Jahren war sie noch nicht wirklich alt, aber sie fühlte sich wie eine Greisin. Ihre Schönheit war verflossen, genauso wie ihr Ruhm, ihre Karriere als begnadete Opernsängerin. Und nun auch die Oper selbst. Sie konnte den kleinen Schlüssel in ihrer Manteltasche fühlen, den Nachschlüssel für den Künstlereingang, den sie heimlich behalten hatte. Bald würde sie auch ihn nicht mehr brauchen. Wenn in wenigen Tagen die Abrissarbeiten begannen, würde auch dieses prächtige Opernhaus nicht mehr sein als eine weitere Erinnerung an längst vergangene Tage.

Zurück konnte sie nicht. Weder in ihr glamouröses Leben als Grizabella, noch zu ihrer Familie in Schottland, die ihren unbändigen Wunsch, Opernsängerin zu werden, nie verstanden und sie für ihre Entscheidung verstoßen hatte.
Was blieb ihr also? Abschied nehmen und nach vorne sehen.
Ein leises, bitteres Lachen entfuhr ihr.
Abschied nehmen von Grizabella, dem Künstlernamen, den sie sich selbst gegeben hatte? Von dem überwältigenden Gefühl, mit nichts als der eigenen Stimme, Menschen zu Tränen rühren zu können? Von der Oper, die ihr Leben gewesen war?
Wenn das so einfach wäre, wäre sie nicht seit Wochen jede Nach hierhergekommen. Kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Straßen dem Mond, den Träumen und der Erinnerung gehörten. Sie wäre nicht jede Nacht den langen Gang entlang geschritten, auf das eigene, kaum wahrnehmbare Echo lauschend, auf den eigenen Atem, das Schweigen um sie herum. Sie hätte nicht jedes mal die Bühne betreten, in dem festen Glauben, es sei das letzte mal, nur um dann doch keinen Ton herauszubringen. Die Melancholie, die sie verspürte, wäre gewichen und hätte Platz gemacht für etwas Neues, für den Glauben, ein anderes Leben führen zu können, ein Leben ohne die Oper.
Wenn loslassen so einfach wäre, hätte sie es längst getan.

Warum sollte es ihr ausgerechnet heute gelingen?
Das selbstsichere Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück. Die Antwort war einfach: Weil sie heute ein Publikum hatte.
Grizabella hatte in ihrem Privatleben oft versagt, hatte es nie geschafft, einen Mann zu finden, eine eigene Familie zu gründen, sich mit ihren Eltern und dem ganzen Clan auszusöhnen, sie hatte einen schweren Unfall selbstverschuldet und hatte nicht rechtzeitig an morgen gedacht.
Aber vor Publikum hatte sie sich niemals die Blöße gegeben, hatte sich nie erlaubt Nervosität oder Schwäche zu zeigen. Dafür war sie viel zu stolz.
Sie richtete sich so gerade auf wie sie konnte, den leisen Schmerz in ihrem verletzten Bein ignorierend und begann zu singen.
Ihre Stimme war so voll und klar wie bei ihrem ersten Auftritt auf dieser Bühne, sodass das sorgfältig ausgewählte Stück aus Aida bis in den letzten Winkel des fast leeren Opernsaals zu hören war.
Wenn sie dieses Gebäude heute verließ, würde es für immer sein.
Sie war bereit für ein neues Leben.

***


Als das Lied verklang, duckten Mungojerrie und Rumpleteazer sich hinter die Sitze.
Beide hatten eine Gänsehaut. Während des Liedes hatten sie die Frau wie gebannt angestarrt, ungläubig, dass eine so zierliche Person solche Töne erzeugen konnte.
Die Sängerin ihrerseits hatte nicht einmal in ihre Richtung gesehen und auch wenn vermutlich keine Gefahr von ihr ausging, wollten die Kinder lieber unentdeckt bleiben.
Sie warteten auf die Schritte, die das Verlassen der Bühne begleiten mussten, doch es blieb still.
„Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“, sagte eine rauchige Stimme mit leichtem Akzent. Es war die Stimme der Sängerin, auch wenn die gesprochenen Worte ganz anders klangen als die gesungenen.
Rumpleteazer sah ihren Bruder alarmiert an. Woher weiß sie, dass wir hier sind?
Dieser starrte bloß ratlos zurück. Keine Ahnung…
„Sie waren ein tolles Publikum“, sagte die Frau mit einem spöttischen Lächeln, das die Zwillinge zwar nicht sehen aber hören konnten. „Auch wenn es nicht besonders höflich ist, sich nicht zu zeigen. Eine Diva wie ich weiß, wann sie ein Publikum hat.“ Mit diesen Worten verließ sie die Bühne, nahm den gleichen Weg zurück, den sie gekommen war, aber diesmal waren ihre Schritte viel schneller.

Die Zwillinge sahen einander ratlos an. Sie wussten immer noch nicht, was sie über diese ganze Aktion denken sollten. Nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden, um einer gealterten Diva beim Singen zuzuhören, kam ihnen irgendwie unwirklich vor.
Als sie sich sicher sein konnten, dass die Frau den Saal verlassen hatte, kamen die Kinder aus ihrem Versteck hervor.
Rumpleteazer kletterte auf die Bühne, Jerrie folgte ihr.
„Kommt das nur mir so vor oder ist der Lichtstrahl heller geworden?“, fragte sie.
„Weiß nicht… Ich glaube, es ist wirklich heller geworden…“ Er ging auf den Lichtkegel zu und legte den Kopf in den Nacken, um durch die weit entfernte Öffnung in der Decke den Mond sehen zu können.
Der Himmel war grau-blau und viel heller als er erwartet hatte.
„Du Teazer?“, sagte er, nachdem er ein paar mal gegen das Licht geblinzelt hatte. „Ich glaube, das ist gar nicht der Mond… Das ist die Sonne…“
Das Mädchen warf ihm einen zweifelnden Blick zu und trat neben ihn. So ein Quatsch! Lass mich mal gucken!
Doch auch sie sah keinen Mond, sondern die fahle Morgensonne, die durch die Wolken schien.
„Dann ist es ja schon Morgen…“, stellte sie überrascht fest.
Sie bedachte Jerrie mit einem nervösen Lächeln. „Aber diese komische Frau war wirklich da, oder? Und sie hat gesungen und sie wusste, dass wir hier sind, obwohl sie uns nicht gesehen hat, oder?“ Die hab ich mir nicht eingebildet, oder?
Angesprochener nickte zögernd. Dann grinste er. „Gut, dass du sie auch gesehen hast – sonst würde ich fast denken, das war nur ein Traum…“ Bist du blöd! Natürlich war die echt hier!
Sie grinste zurück, noch breiter und frecher als er. „Vielleicht haben wir ja auch das selbe geträumt… Immerhin sind wir Zwillinge!“ Sei dir da mal nicht so sicher…

Wenn es hell wird,
Wird diese Nacht Erinnerung sein
Und ein neuer Tag beginnt
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