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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
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01.08.2014 3.472
 
Bombalurina – ein Charakter, der bei mir irgendwie immer ziemlich schlecht wegkommt. Das wollte ich hier mal ändern und sie ein bisschen sympathischer gestalten als ich sie normalerweise sehe. Und wie sollte es anders sein: Kaum gibt man einem Chara eine Chance, mag man ihn ehe man sich versieht :D Ich bin sogar ernsthaft versucht, eine Sidestory zu Bomba und Tugger zu schreiben, weil ich schon drauf und dran war, so viel zu den beiden hier rein zu quetschen, dass es echt den Rahmen gesprengt hätte! :D

Der Rum Tum Tugger kommt nur ungebeten
Der Rum Tum Tugger
macht sich nichts aus Geschmuse



„Das mit den Tellern tut mir wirklich Leid…“, beteuerte Rumpleteazer, während sie und Jerrie die letzten Scherben aufsammelten.
Zach winkte ab. „Ach was, ich mach mir sowieso nix aus Geschirr. Je weniger ich besitze, umso besser.“ Er zuckte amüsiert mit den Schultern.
Die Zwölfjährige sah ihn fragend an. „Wieso das denn?“
„Guck dich mal um“, forderte der Rum Tum Tugger sie auf. „Eine Couch, ein Tisch, ein Schrank, eine Küchenzeile – viel mehr gibt’s hier nicht! Und zwar, weil ich nie lange genug an einem Ort bleibe, dass es sich lohnen würde, mich wirklich häuslich einzurichten. Ich hab schon überall gelebt, in den verschiedensten Städten, in großen und kleinen Wohnungen, als Untermieter in nem Haus – Ich hab sogar mal ne Zeit lang in nem Wohnwagen gewohnt. Das war ziemlich cool!“ Er grinste.
„Aber warum ziehst du immer um?“, wollte Mungojerrie wissen. „Warum bleibst du nicht einfach da, wo es dir gefällt?“
Zach legte den Kopf schief. „Das ist einfach… nicht meine Art. Ich bin nicht der Typ Mensch, der sich irgendwo niederlässt, einen festen Job mit Krankenversicherung und allem Pipapo sucht, ein eigenes Haus baut, heiratet, Kinder kriegt, auf ewig am selben Ort bleibt, das immer gleiche Leben führt, jeden Tag, immer und immer wieder das gleiche, bis an mein Lebensende… Meine Eltern sind so und ich werde alles tun, um nicht so zu werden wie sie!“
Jetzt war der Rothaarige dran mit grinsen. „Dann machst du das nur als Protest gegen deine Eltern?“
„Himmel nein!“ Zach lachte. „Ganz so bekloppt bin ich dann doch nicht! Aber… na ja, das bin einfach nicht ich, versteht ihr? So ein Leben… passt einfach nicht zu mir! Ich will mich nicht auf irgendwas festlegen. Ich will nicht, dass irgendein Job oder ein Haus oder eine Familie über mein Leben bestimmt! Ich will einfach frei sein und wisst ihr was?“ Er grinste die Kinder verschmitzt an. „Das bin ich! Ich folge nur meinen eigenen Regeln und ich würde meine Freiheit für nichts auf der Welt aufgeben!“
Er sah die Zwillinge einen Moment lang schweigend an, dann sagte er: „Ich weiß, das klingt pathetisch, aber ihr wisst, dass es wahr ist. Dass ich Recht habe. Ihr zwei seid genauso. Deshalb seid ihr von eurem Zirkus abgehauen und deshalb hab ich euch in der U-Bahn angesprochen. Weil ihr ganz genauso seid wie ich!“
Mungojerrie und Rumpleteazer tauschten einen langen Blick. Er hat Recht. Ich will auch nicht, dass irgendetwas oder irgendjemand anders als wir über unser Leben entscheidet…

„Und das… funktioniert?“, fragte Mungojerrie skeptisch. Er dachte an die letzten anderthalb Tage, die sein Zwilling und er auf der Straße verbracht hatten. Eine Zeit lang konnte man sich sicher so durchschlagen, aber auf Dauer?
Der Braunhaarige sah ihn unbeeindruckt an. „Natürlich funktioniert das! Wenn es mir irgendwo nicht mehr gefällt oder ich das Gefühl habe, ich fange an, mich zu sehr an einen Ort zu gewöhnen, dann zieh ich eben weiter. So ein paar Möbel sind schnell verkauft, Mietverträge unterzeichne ich sowieso nur, wenn ich fristlos kündigen kann, und dann bin ich weg. Ich setze mich in den nächstbesten Zug oder Bus oder als Anhalter zu einer heißen Braut ins Auto und gucke, wohin es mich als nächstes verschlägt. Arbeit findet man überall, wenn man nicht zu wählerisch ist, und sollte das mal nicht der Fall sein, such‘ ich mir nette Leute, bei denen ich mich ne Zeit lang durchschnorren kann… Alles kein Problem.“
„Arbeitest du deshalb als Stripper?“, wollte Teazer wissen. Insgeheim brannte ihr die Frage nach seinem Job schon die ganze Zeit auf der Zunge. Bis vor wenigen Stunden hatte sie nicht mal gewusst, dass so ein Beruf überhaupt existierte.
„Jetzt mal nicht frech werden, Fräulein!“ Der Rum Tum Tugger zwinkerte ihr zu.
„Aber du hast doch gesagt-“, fuhr Jerrie ihn an, dem es immer noch nicht passte, wie seine Schwester und der – eigentlich doch ziemlich korrekte und gar nicht mehr fremde – Stripper miteinander umgingen.
„Na, na, na, nicht so voreilig!“, tadelte Zachary. „Ich hab gesagt, bei Jobs bin ich nicht wählerisch, aber das heißt nicht, dass zwischendurch nicht auch mal ein ziemlich cooler dabei sein kann!“
Der Junge warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Das nennst du einen coolen Job?“
„Jap!“ Der junge Erwachsene ließ sich auf die Couch fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Der beste, den ich je hatte, würde ich behaupten!“
„Im Ernst jetzt?“, fragte Mungojerrie skeptisch nach.
„Ja klar“, erwiderte der Braunhaarige schulterzuckend und beobachtete die beiden Kinder, die sich wortlos auf dem Teppich niederließen, nachdem sie diesen vollständig von den Tellerresten befreit hatten.
„Ich krieg Geld dafür, dass ich mich auf ne Bühne stelle, tanze und mich ausziehe – das ist jetzt wirklich keine schwere Arbeit!“ Er lachte. „Außerdem steh ich einfach gerne im Rampenlicht. Mich bejubeln und anhimmeln zu lassen ist voll mein Ding!“ Er grinste schelmisch. „Dazu kommen die heißen Kolleginnen und die Bezahlung könnte auch schlechter sein.“
Jerrie sah seine Schwester mit hochgezogenen Brauen an. Er ist komisch. Ich habs von Anfang an gesagt…
Zur Antwort streckte sie ihm die Zunge raus. Mir doch egal – Ich find ihn toll!
„Jetzt fangt nicht wieder damit an!“, kam es vom Sofa.

„Dann ist Stripper sowas wie dein Traumberuf?“, hakte der rotblonde Junge nach. Er mochte den verrückten Typen ja auch, aber wie konnte sein Zwilling ihn nicht seltsam finden?
„Das nicht gerade, aber es hat schon seine Vorzüge.“
„Was wäre denn dein Traumberuf?“, wollte das Mädchen wissen. „Also wenn du alles sein könntest, was du willst, meine ich?“
Sie hätte ihm den ganzen Tag zuhören können. Teazer gefiel was der Stripper zu erzählen hatte. Sie mochte die Geschichten von seinem Jahr in Amerika, von seinem Leben, das sich immer weiter veränderte und nie in einem biederen kleinen Häuschen mit weißem Gartenzaun enden würde. Sie teilte seine Ansichten zu Freiheit – auch wenn sie noch nie so direkt darüber nachgedacht hatte wie Zach. Außerdem fand sie, dass er tatsächlich so war wie sie und Jerrie. Nicht in allen Punkten, aber in manchen war er genau wie sie beide.
Und nicht zuletzt mochte sie einfach seine tiefe, leicht raue Stimme.
„Mein Traumberuf…“, überlegte der Rum Tum Tugger laut. „Keine Ahnung… Fernsehmoderator wäre bestimmt ganz lustig – aber von einer coolen Show! Nicht für irgendwelche öden Polittalkrunden… Oder… Ich wär gerne Rockstar! Das hätte was!“
Rumpleteazer nickte. Sie konnte sich Zach sehr gut als Rockstar vorstellen.
„Apropos Musik!“, rief dieser und erhob sich mit einer einzigen fließenden Bewegung vom Sofa, auf dem er sich breit gemacht hatte. „Es ist so still hier, findet ihr nicht?“
Die Kinder schüttelten den Kopf, was Zach gekonnt ignorierte und stattdessen die Stereoanlage aufdrehte.
„Tolle Boxen, oder?“, grinste er. „Hab ich vor ein paar Tagen erst gekauft!“
„Ich dachte je weniger, desto besser?“, stichelte Mungojerrie.
Zu seiner Verwunderung wurde Zachs Miene bei diesen Worten ernster.
Er setzte sich neben die Zwillinge, die die Couch zurückerobert hatten, kaum dass der Braunhaarige aufgestanden war.
„Ich sollte bald mal wieder abhauen… So lange wie hier war ich sonst nirgendwo.“
Bevor er noch irgendetwas hinzufügen konnte, klopfte es an der Wohnungstür.

***


Thea wippte von einem Fuß auf den anderen. Aus der Wohnung drang Musik, weshalb sie sich kurzerhand entschlossen hatte, ihn persönlich zu fragen, anstatt wie sonst eine SMS zu schreiben. Wenn Zach nicht arbeitete, war er meist irgendwo unterwegs, sodass sie ihn viel seltener zu Gesicht bekam, als ihr lieb gewesen wäre.
„Wer stört?“, rief Zach von drinnen, ohne die Musik leiser zu drehen.
„Ich bins!“, rief sie zurück und kam sich ein bisschen dämlich dabei vor.
Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein schief grinsender Zach erschien im Türrahmen. „Hey Bomba, was verschafft mir die Ehre?“
„Das weißt du ganz genau, Tugger“, erwiderte sie ebenfalls grinsend. Sie konnte gar nichts dagegen tun. Seine bloße Anwesenheit ließ sie grinsen wie ein Honigkuchenpferd. Ihre Versuche, es wenigstens neckisch oder verführerisch wirken zu lassen, hatte er längst durchschaut, aber sie war nicht bereit, so schnell aufzugeben.
„Ich hab keine Ahnung, wovon du da sprichst, liebste Bomba…“, erwiderte er mit Unschuldsmiene.
Thea liebte diese kleinen Spielchen zwischen ihnen. Bei jedem anderen hätte sie es gehasst, wenn er sie mit ihrem Shownamen angesprochen hätte, aber bei Zach war das etwas anderes. Mit Bomba und Tugger hatten sie aus diesen absolut albernen Namen ihre ganz persönlichen Spitznamen gemacht, die sie viel öfter benutzten als es eigentlich nötig gewesen wäre. Manchmal kam es vor, dass ausnahmslos jeder Satz mit dem Spitznamen des anderen begann oder endete – manchmal sogar beides. Wenn Zach sie ausnahmsweise doch mal Thea nannte, geriet sie ins Grübeln, ob ihm die Lust vergangen war, mit ihr zu flirten.
„Du schuldest mir noch was, mein Hübscher – schon vergessen?“
„Was war das noch gleich?“ Er tat als würde er überlegen. „Tut mir echt leid, Bomba, ich komm nicht drauf… Ich würde dich ja rein bitten, aber…“ Er warf einen kurzen Blick in die Wohnung hinter sich.
Jetzt erst fiel der jungen Frau auf, dass er die Tür hinter sich halb zugezogen hatte und so im Türrahmen lehnte, dass er den freien Spalt und somit die Sicht in seine Wohnung erfolgreich verdeckte.
„Was denn? Hast du Besuch, Tugger?“ Das hatte sie sich eh schon gedacht. Es kam schließlich selten genug vor, dass er tagsüber zuhause war.
„Kann man so sagen…“
„Damenbesuch?“, fragte sie und konnte einen leichten Anflug von Eifersucht in ihrer Stimme nicht verbergen.
Zach grinste schelmisch. „Das auch, ja…“
„Ich hoffe, sie hat nichts dagegen, wenn ich dich heute Abend entführe?“ Thea ließ es wie eine Frage klingen, aber der Braunhaarige wusste genauso gut wie sie, dass es keine war.
Zachs Grinsen wurde breiter. „Ich schätze, damit wird sie sich abfinden müssen… Wohin solls denn gehen, Mademoiselle?“
Die Schwarzhaarige zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Lass dich überraschen! Ich bin um fünf hier.“
Damit drehte sie sich um und ging klopfenden Herzens davon.

***


„Wer war das denn?“, wollten die Zwillinge wissen, kaum dass er die Tür wieder geschlossen hatte.
„Bombal- Thea. Eine Kollegin aus dem Club.“
„Also eine Stripperin“, konkretisierte Mungojerrie. „Warum hast du ihr erzählt, du hättest Damenbesuch?“
Zach grinste. „Wieso nicht? War doch nicht gelogen.“ Er zwinkerte dem Mädchen zu.
„Teazer ist doch keine Dame!“, erwiderte Jerrie – und erntete dafür einen kräftigen Stoß in die Rippen.
„Aua!“ Was sollte das denn jetzt? Sei nicht gleich eingeschnappt!
Sein Zwilling funkelte ihn nur böse an. Pass bloß auf, was du sagst!
Zach versuchte gar nicht erst, sein Lachen zu verbergen.
Als das schallende Gelächter schließlich verstummte, wandte er sich immer noch grinsend an Jerrie. „Merk dir eins Kleiner: Beleidige niemals eine Frau! Egal wie alt sie ist, egal ob sie recht hat oder nicht! Eine eingeschnappte Frau ist so ziemlich das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst.“
Der Junge warf ihm einen schiefen Blick zu.
„Frauen merken sich alles“, fuhr Zach fort. „Und irgendwann, wenn du selbst schon lange nicht mehr damit rechnest, zahlen sie‘s dir heim – und zwar doppelt und dreifach!“
Jerrie sah Teazer an. Mit ihren kurzen rotblonden Haare, die kaum ihre Schultern berührten, und dem sommersprossenübersäten Gesicht sah sie nicht mal wie ein richtiges Mädchen aus – geschweige denn wie eine Frau. Aber nachtragend war sie. Das auf jeden Fall…
„Glaub besser was ich sage – sonst hast du schneller ein Messer im Rücken als dir lieb ist!“, grinste der Braunhaarige.
„Ach was! Mit Teazer werd ich schon fertig!“
Seine Schwester antwortete mit einem diabolischen Grinsen. Sei dir da mal nicht so sicher, Jerrie…

***


Um halb fünf verschwand der Rum Tum Tugger im Bad, tigerte von da aus ins Schlafzimmer, nur um wenige Minuten später mit einer anderen Hose und freiem Oberkörper quer durchs Wohnzimmer zu tanzen und lautstark die neuesten Charthits mitzusingen. Der elektrische Rasierer hatte große Mühe, seinen Gesang zu übertönen und die dicke Aftershave-Wolke, die aus der geöffneten Badezimmertür drang, ließ Jerrie husten. Dann wurde zurück ins Schlafzimmer getanzt.
„Veranstaltest du immer sone Show, wenn du dich umziehst?“, beschwerte der Junge sich.
Zach hörte nur kurz auf zu singen, um mit einem „Meine Wohnung, meine Regeln – also Ruhe auf den billigen Plätzen!“ zu kontern. Dann huschte er ins Bad, um sich dem ausgiebigen Styling seiner Haare zu widmen.
Teazer ließ das Ganze unkommentiert und genoss weiter die Aussicht.
Interessiert beobachtete sie, wie Zach – der mittlerweile ein elegantes dunkelblaues Hemd trug – jede Strähne einzeln zu einem lässig-verstrubbelten Gesamtkunstwerk formte.
Dann schlüpfte er in ein ärmelloses Oberteil, das ein bisschen an einen Kellner erinnerte.
„Weste ja oder nein?“, fragte er an die Zwillinge gewandt und dann – ohne den beiden Zeit zum Antworten zu lassen: „Nein, wartet, eigentlich interessiert mich eure Meinung nicht!“
Mit diesen Worten zog er die Weste wieder aus.

„Ich glaub, ich bin noch nie einem so eitlen Mann begegnet“, kommentierte Mungojerrie als Zach um kurz vor fünf schließlich fertig war.
Dieser lachte nur. „Ja, ich bin eitel! Problem damit?“ Er kontrollierte ein letztes Mal sein Aussehen im Spiegel.
„So, ich bin dann mal weg!“, sagte er und wollte gerade die Wohnungstür öffnen, als Teazer ihn zurückhielt.
„Und was ist mit uns?“, fragte sie und zupfte an seinem Hemd.
Der Braunhaarige hob verständnislos eine Braue. „Wie, was soll mit euch sein?“
„Na, was sollen wir jetzt machen?“, präzisierte ihr Bruder.
„Bin ich euer Babysitter? Ihr könnt euch ja wohl gut genug alleine beschäftigen“, erwiderte Zach mit irritierter Miene. „Jongliert mit Tellern oder sowas!“
Die Zwillinge tauschten einen fragenden Blick.
„Heißt das, wir dürfen hierbleiben?“, sprach Teazer schließlich ihrer beider Gedanken aus.
„Ja klar, wieso denn nicht?“
„Aber du hast doch gesa-“, setzte Jerrie an, bemerkte den warnenden Blick seiner Schwester und hielt die Klappe.
„Könnt euch irgendwas aus dem Kühlschrank nehmen, wenn ihr Hunger habt. Ich glaub nicht, dass ich heute noch wiederkomme.“
Bevor er endgültig ging, setzte er noch hinzu: „Wahrscheinlich sollte ich noch sowas sagen wie Seid brav und geht nicht zu spät ins Bett! Aber um ehrlich zu sein, ist mir das ziemlich egal!“ Dann war er verschwunden.
Mungojerrie starrte die geschlossene Tür an, dann wanderte sein Blick zu seinem Zwilling. „Er hat doch gesagt, dass wir höchstens einen Tag bleiben dürfen… oder?“
Das Mädchen nickte. „Hab ich auch so verstanden…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Komischer Typ!“
Jerrie nickte. Total komisch!
Die Rothaarige begann zu grinsen. „Ich mag ihn!“
Ihr Bruder erwiderte das Grinsen. Ich auch!
„Alles klar, was machen wir jetzt?“, fragte er und sein Gesicht nahm einen schelmischen Ausdruck an.
„Kühlschrank plündern?“, schlug Teazer vor.
Zustimmendes Kopfnicken. „Guter Plan.“

***


Candlelightdinner, Spaziergänge bei Mondenschein, ins Kino gehen, Händchenhalten, einmal im Leben mit einem dieser kitschigen Schwanenboote fahren, Liebesbekundungen und Treueschwüre, Traumhochzeit auf einem Schloss feiern, Schmetterlinge im Bauch, Flitterwochen in Paris…
Alles Dinge, von denen Thea träumte.
Alles Dinge, die Zach auf den Tod nicht ausstehen konnte.
Sie kannte ihn lang genug, um zu wissen wie er tickte und er war niemand, der mit seiner Meinung hintern Berg hielt.
Wenn Zach sich mit einer Frau traf, wollte er Spaß haben. Flirten, tanzen, trinken, reden – viel und ohne darüber nachzudenken –, die Nacht durchfeiern oder mit ihr nach Hause gehen, am Morgen spontan entscheiden, ob er zum Frühstück bleiben wollte oder nicht.
Das hatte er ihr gleich am Anfang deutlich zu verstehen gegeben. Er hatte kein Bedürfnis nach ewigen Treueschwüren, Hochzeitsglocken und der großen Liebe.
Deshalb war er auch nie mit ihr ausgegangen. Weil er wusste, dass sie mehr wollte. Mehr als nur flirten oder mit ihm die Nacht verbringen. Mehr als er bereit war zu geben.

Thea zupfte geistesabwesend an einer ihrer Locken, die sie viel Zeit und Nerven gekostet hatten. Wie lange hatte sie vorm Spiegel gestanden, um sich für den heutigen Abend fertig zu machen?
Die Wahl ihres Outfits hatte ewig gedauert. Bis sie sich schließlich für ein nicht zu aufdringliches aber hoffentlich trotzdem aufreizendes rotes Cocktailkleid entschieden hatte, hatte sie ihren gesamten Kleiderschrank zweimal durchprobiert. Dabei war sie in Stilfragen sonst nie unsicher und wusste ganz genau, wie sie ihre Vorzüge betonen musste.
Und doch hatte sie den ganzen Tag vorm Spiegel gestanden und sich mit banalsten Fragen gequält.
Wie sollte sie sich schminken? War roter Lippenstift zu dem Kleid zu dick aufgetragen? Was konnte sie mit ihren Haaren anstellen? War gecrapt okay? Oder erinnerte das zu sehr an ihren abendlichen Stripperinnenaufzug? Passten Korkenzieherlocken zu ihren roten und platinblonden Strähnen? War ihre Unterwäsche nun sinnlich oder doch nuttig?
Warum stellte sie sich all diese Fragen, die ihr normalerweise niemals in den Sinn gekommen wären?
Ganz einfach: Weil sie bis über beide Ohren verliebt war. Weil sie trotz allem irgendwie hoffte, dass Zach seine Meinung ändern und es nicht nur bei diesem einen Abend bleiben würde.

„Wohin geht’s als nächstes, Bomba?“, fragte der Braunhaarige, als sie den Tanzsaal verließen. Standard- und Lateintänze mit Buffet, Cocktails und Schokobrunnen waren nicht so kitschig wie ein Picknick im Park, hatte die Stripperin beschlossen. Und sie tanzte für ihr Leben gern.
„Wie hat es dir denn bis jetzt gefallen?“, fragte sie, anstatt ihm zu antworten.
Der darauffolgende Gesichtsausdruck sah eher nachdenklich als missmutig aus. „Ich war noch nie ein Fan von Walzer und Foxtrott…“ Dann grinste er. „Aber an Tango könnte ich mich gewöhnen.“
„An Samba und Salsa hattest du aber auch deinen Spaß – gibs zu, Tugger!“ Sie zwinkerte.
„Also gut, ertappt. Es war ganz nett. Und was…“ Er legte einen Arm um ihre Taille, zog sie näher zu sich, sodass ihre Gesichter sich fast berührten. „…machen wir als nächstes?“
Sein Atem auf ihrem Gesicht, der raue Klang seiner Stimme, die Hand, die an ihrem Rücken hinab glitt – Das machte er mit voller Absicht!
„Ich hatte gedacht, wir gehen ins Kino – in der Abendvorstellung läuft Titanik“, säuselte sie und beobachtete amüsiert, wie seine Gesichtszüge kurz entgleisten.
Die Schwarzhaarige erlaubte sich ein leises Auflachen. „Das kommt davon, wenn man zu sehr von seiner Wirkung auf Frauen überzeugt ist!“ Mit einem gönnerhaften Lächeln auf den Lippen vergrub sie eine Hand in seinen Haaren. Was er konnte, konnte sie auch.
„Das war nur ein Scherz, Tugger“, schmunzelte sie.
Noch ein gekonnter Augenaufschlag und dann ließ sie ihn endlich vom Haken. „Zu dir oder zu mir?“

***


„Ich hab schon wieder Hunger!“, erklärte Rumpleteazer. Mir ist so langweilig, dass ich schon anfange aus Langeweile zu essen! Jerrie, mach was! Irgendwas Interessantes! Beschäftige mich!
„Dann iss halt was!“, erwiderte ihr Bruder und hängte sich längs über die Sofalehne. Bin ich dein persönlicher Entertainer oder was?!
„Ich will, dass Zach wiederkommt und uns was spannendes erzählt…“, meinte sie dann.
„Gewöhn dich lieber nicht zu sehr an ihn“, mahnte ihr Zwilling. „Wir können ja nicht ewig hierbleiben. Eigentlich wollte er uns doch gar nicht so lange bleiben lassen…“
Rumpleteazer grinste. „Jap! Aaaber er hat es sich anders überlegt! Wir dürfen bleiben!“ Damit schubste sie ihn von der Sofalehne.
„Hey!“ Anstatt aufzustehen, blieb er auf dem Boden hinter dem Sofa sitzen und sah zu seiner Schwester auf, die ihn von oben herab angrinste. „Er kann es sich aber auch nochmal anders überlegen und uns rausschmeißen.“
Teazer winkte ganz unbekümmert ab. „Ach was!“ Wird er schon nicht – Wir sind einfach viel zu cool! Dann gesellte sie sich zu ihm auf den Fußboden.
Noch bevor Jerrie wiedersprechen konnte, hörten die Kinder Schlüssel klappern – dabei war die Tür ja gar nicht abgeschlossen.
Rumpleteazer sah ihren Bruder fragend an. Ist das Zach? Er weiß doch, dass er nicht abgeschlossen hat…
Jerries Blick war leicht alarmiert. Und er hat gesagt, dass er wahrscheinlich heute nicht mehr wiederkommt...
Das Mädchen schluckte. Aber wer ist das dann?
Die Zwillinge lugten vorsichtig hinter der Couch hervor.
Zach und eine junge Frau in auffallend rotem Kleid stolperten eng umschlungen in die Wohnung.
Die Schwarzhaarige lachte und schob mit dem Fuß die Tür hinter ihnen zu. Während sie ihn erneut küsste, ließ der Stripper seinen Blick durch die Wohnung huschen, entdeckte die beiden Kinder hinter dem Sofa jedoch nicht.
Die Rotgekleidete begann, die obersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, während Zach sie Richtung Schlafzimmer bugsierte.
Als die Tür hinter den beiden zuschlug, blinzelte Teazer ungläubig und warf Jerrie einen fragenden Blick zu. Was… war das denn…?
Der Zwölfjährige erwiderte ihren Blick. Ich glaube, ich will’s gar nicht wissen…
Er stand auf, reichte seiner Schwester die Hand, um ihr aufzuhelfen. Komm Teazer… Gehen wir…
Sie nickte.
Die Tür schloss sich beinah lautlos hinter ihnen.

Was ich mag, das wird
von mir selber entdeckt



Na, wie siehts aus? Mehr zu den beiden gewünscht? ;)
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