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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
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01.08.2014 3.507
 
Da hatte ich mich schon gefreut, das Kapitel fertig zu haben, da ist mir aufgefallen, dass – da ich es kurzfristig umbenannt habe – der erste Abschnitt aus der falschen Perspektive geschrieben ist… Also musste ich den noch mal kurz umschreiben^^
Bin übrigens sehr stolz auf mich, dass ich es wenigstens bei einer FF schaffe, regelmäßig und pünktlich zu Monatsanfang mit einem neuen Kapitel aufzuwarten :D


Wenn ich draußen bin, dann möchte ich rein
Kaum bin ich richtig drin, will ich wieder raus
Willauf der anderen Seite von jeder Tür sein


Genießerisch ließ er seinen Blick über die versammelten Zuschauer schweifen.
Sein Publikum.
Der Club war voll mit jungen Frauen und Schülerinnen, die eigentlich noch zu jung für diese nächtliche Veranstaltung waren, sowie schon nicht mehr ganz jugendfrischen Exemplaren, die bei ein paar lustigen Cocktails und einem ansehnlichen Stripper kichernd ihre Midlifecrisis vergaßen. Sie alle verfolgten gebannt die kreisenden Bewegungen seiner Hüfte, jede An- und Entspannung seiner Muskeln, die durch den hautengen Anzug nur allzu deutlich zu erkennen waren. Seine Bewegungen strotzten nur so vor Energie und Selbstbewusstsein, hatten aber gleichzeitig etwas Geschmeidiges, fast schon Elegantes an sich.
Ja, der Rum Tum Tugger, wie er angekündigt worden war, war sehr überzeugt von sich selbst. Aber er hatte ja auch allen Grund dazu! Er spürte die schmachtenden Blicke der Zuschauerinnen und seiner beiden Kolleginnen, die als hübsches Beiwerk zu beiden Seiten die Bühne zierten. Obwohl zur Ladies Night – oh Wunder! – fast ausschließlich weibliche Clubbesucher erschienen waren, durfte es in einem guten Striplokal wohl nicht an knapp bekleideten Frauen mangeln.
Der Rum Tum Tugger vollführte ein paar Moves, die er aus irgendeiner Hip-Hop-Choreografie geklaut hatte, sich aber partout nicht mehr daran erinnern konnte, aus welcher. Er schüttelte seine zur Mähne toupierten Haare, zwinkerte einer süßen Blondine zu, die sich kreischend zu ihren Freundinnen umdrehte und-
Erstarrte.
Waren das da hinten nicht…? Konnten das wirklich…?
Er vollführte eine Drehung und steuerte dann auf Bombalurina zu, die sich zwar lustlos, aber immer noch ziemlich aufreizend an ihrer Stange räkelte.
Sie erwiderte sein süffisantes Grinsen, ließ sich von ihm in die Mitte der Bühne ziehen und legte den Kopf genießerisch in den Nacken als er sie von hinten antanzte.
Irgendjemand im Publikum johlte.
Der Stripper ließ seine Hand an ihrer Seite hinabgleiten und streifte mit den Lippen ihr Ohr.
Oft genug hatten sie zusammen hier auf der Bühne gestanden, aber wohl nicht oft genug, dass seiner hinreißenden Kollegin nicht jedes mal ein freudiger Schauer über den knapp bekleideten Körper huschte. Tugger war sich dieser Wirkung durchaus bewusst und nutzte sie gezielt aus.
„Hey Bomba“, schnurrte er so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Tust du mir einen Gefallen?“
Es war eine rhetorische Frage. Wenn er diesen Tonfall, dieses samtige Vibrieren seiner Stimme, anschlug, konnte sie ihm sowieso nichts mehr abschlagen.
„Kannst du kurz übernehmen? Ich bin in ein paar Minuten wieder da…“
Die hübsche Tänzerin fragte nicht nach, warum er mitten in der Show – in der er als Hauptact eigentlich unverzichtbar war – plötzlich verschwinden wollte.  
„Was bekomme ich dafür?“, wisperte sie nur.
„Was du willst…“
Ihre knallrot geschminkten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Er wusste sowieso, was sie wollte.

***


Mungojerries Blick wanderte von seiner Schwester zur Bühne und wieder zurück. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich das selbe verwirrte Unbehagen ab, das er empfand, allerdings war da auch eine leise Faszination, die er ganz und gar nicht teilte.
Gerade als er Teazer auffordern wollte, endlich von hier zu verschwinden, sprang der Typ in dem eigenartigen Kostüm vom Podest und bahnte sich seinen Weg durch die verdutzten Clubbesucher.
„Teazer!“, zischte der Rothaarige alarmiert. „Der kommt direkt auf uns zu!“ Nichts wie weg hier!
Aber sein Zwilling blieb nur wie angewurzelt stehen. Ob aus Schock oder aus irgendeinem anderen Grund, hätte er in diesem Moment nicht sagen können.
Bevor er sie packen und aus der Gefahrenzone zerren konnte, stand der Mann aus der U-Bahn schon vor ihnen.
„Ihr zwei!“ Er kam Jerrie noch größer vor als bei ihrer ersten Begegnung. „Mitkommen!“
Ohne eine Reaktion abzuwarten, schob er die Zwillinge auf eine Tür in der hintersten Ecke des Clubs zu.
Mungojerrie und Rumpleteazer wechselten panische Blicke. Verdammt, was machen wir jetzt?!

***


Mit einem Knall schlug die Tür hinter ihnen zu. Die Musik aus dem Night Club drang nur noch gedämpft an ihre Ohren.
Sie standen in einem kleinen Flur mit schmutzig weißen Wänden, einer Treppe und mehreren Briefkästen neben dem Eingang.
Während ihr Bruder sich noch fragte, ob die Haustür wohl abgeschlossen war oder einen potenziellen Fluchtweg darstellte, sah Rumpleteazer den hochgewachsenen Mann neugierig an.
„Ihr seid mir also gefolgt?“, fragte dieser und stemmte eine Hand in die Seite. Bei vielen Menschen wirkte diese Geste einfach nur albern, nicht aber bei diesem Mann, der nicht einmal in einem hautengen Latexanzug und mit toupierten Haaren lächerlich aussah.
Das Mädchen nickte.
Er legte den Kopf leicht schief, musterte sie. „Wieso?“
„Wir wissen nicht wo wir hinsollen!“, erwiderte sie bestimmt.
Der Brauhaarige zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Ist das mein Problem?“
„Sie haben gesagt, wir können nicht im U-Bahntunnel bleiben!“, kam Jerrie ihr zu Hilfe.
„Tut mir wirklich Leid, Kleiner“, sagte er ohne jedes Bedauern in der Stimme, „aber das ist eure Sache, nicht meine! Ihr zwei haut jetzt hier ab und lasst mich in Ruhe meine Arbeit machen!“
„Warum haben Sie uns dann angesprochen? Sie hätten doch auch einfach weitergehen können“, beharrte Rumpleteazer.
Der Braunhaarige, der sich schon zur Tür gewandt hatte, drehte sich wieder zu ihr um. In seinen Augen blitzte etwas auf, das Teazer ein Kribbeln im Bauch und Jerrie ein unbehagliches Gefühl bescherte. „Ja, das hätte ich.“ Sein Grinsen wollte weniger zu einem Erwachsenen als zu einem frechen Jungen passen. „Und weiter?“
Das hätte der Zirkusjunge auch gern gewusst. Abwartend sah er seine Schwester an. Sie hatte irgendetwas vor, da war er sich sicher. Er versuchte, ihr überlegenes Lächeln zu deuten, aber es gelang ihm nicht.
Was denkst du grade, Teazer? Was ist dein Plan?
Er wusste es nicht und das ärgerte ihn maßlos. Es kam so selten vor, dass er nicht wusste, was in ihrem Kopf vorging, dass er jedes Mal völlig irritiert, fast schon nervös war.
„Sie wissen, dass wir nicht einfach draußen auf der Straße schlafen können. Es ist eiskalt und irgendjemand würde bestimmt die Polizei rufen, wenn zwei Kinder nachts alleine draußen sind. Sie verstehen, dass wir nicht zurück wollen. Sie werden uns helfen!“ Entschlossen blickte sie ihr Gegenüber an.
Jerrie war sich nicht einmal sicher, ob er Hilfe von diesem seltsamen Typen wollte, geschweige denn, dass sie diese bekommen würden.
Doch zu seiner Verwunderung lachte der Mann bloß. Dann ging er vor Rumpleteazer in die Hocke und grinste spitzbübisch. „Weißt du was? Du gefällst mir. Ich glaube, ich-“
„Lass meine Schwester in Ruhe!“, fiel Jerrie ihm ins Wort und schob sich schützend zwischen die beiden.
Der Braunhaarige blickte ihn entgeistert an. „Ich bin Stripper – kein Kinderschänder!“
Er richtete sich auf, schüttelte noch einmal konsterniert den Kopf. „Also was ist? Wollt ihr zwei jetzt einen Schlafplatz oder nicht?“
„Wollen wir!“, rief das Mädchen und funkelte ihren Zwilling böse an. Halt jetzt bloß die Klappe, Jerrie! Was sollte das grade?!
Dann folgte sie dem Stripper die Treppe hoch.

***


„Willkommen in meinem trauten Heim!“, sagte der junge Mann, als sie die erstaunlich große Wohnung betraten. Die Wände waren nicht tapeziert, sodass Stahlträger und nackte Ziegel zum Vorschein kamen. Der Raum, eine offene Wohnzimmer-Ess-Küche, war mit wenigen, sehr modernen Möbeln ausgestattet und wirkte auf eine eigentümliche Art durch designt.
„Hier könnt ihr von mir aus pennen.“ Er wies auf eine breite, weiße Ledercouch. „Ein Erwachsener hat da bequem Platz – sollte also auch für zwei halbe Portionen wie euch reichen… Bad ist hier.“ Er öffnete eine der beiden Türen, deutete dann auf die andere. „Mein Schlafzimmer ist tabu – wenn ich euch da erwische, fliegt ihr hochkant raus!“
Bevor er noch etwas hinzufügen konnte, hämmerte jemand an die Wohnungstür. „Hey! Rum Tum Tugger! Bist du übergeschnappt?! Auf die Bühne, aber dalli!“
Der Rum Tum Tugger verzog das Gesicht. „Bin in zwei Minuten unten!“, rief er.
„Nix da in zwei Minuten! Sofort! Eigentlich hätte ich dich längst rausschmeißen müssen, bei dem, was du dir so rausnimmst!“, donnerte die Stimme von draußen, dann polterten Schritte die Treppe runter.
„Wichser!“, murmelte der Beschimpfte. „Okay, ihr zwei, ich geh runter, ihr bleibt hier – wehe ihr stellt irgendwas an! Seid froh, dass ich euch überhaupt hier schlafen lasse!“ Er eilte zur Tür, öffnete sie, schloss sie aber direkt wieder und drehte sich zu den Zwillingen um. „Noch was: Meine Wohnung ist kein Asylantenheim. Morgen verschwindet ihr wieder, verstanden?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er die Tür hinter sich zu.

Kaum war er verschwunden, lief der Junge zur Tür und rüttelte daran. „Abgeschlossen!“ Der Typ hat uns eingesperrt!
Sein Zwilling zuckte gleichmütig mit den Schultern. Und wenn schon – wir wollen im Moment doch eh nicht raus.
„Was hast du dir dabei gedacht?!“, fuhr er sie an. Einfach irgendeinen fremden Typen anquatschen, ob wir bei ihm schlafen können! Und dann auch noch so einen komischen!
Sie winkte ab. „Reg dich nicht so auf, Jerrie. Ist doch alles gut gegangen! Jetzt haben wir einen warmen, gemütlichen Schlafplatz für heute Nacht und morgen sehen wir weiter…“
„Wir kennen den Typ doch gar nicht! Wer weiß, was das für einer ist! Hast du dir mal angeguckt, wie der rumläuft?!“, machte der Zwölfjährige seiner Empörung weiter Luft.
Teazer verdrehte bloß die Augen. „Er hat doch gesagt, er ist kein Kinderschänder.“
Ihr Bruder sah sie entgeistert an. Bist du eigentlich doof? „Schon mal daran gedacht, dass er vielleicht gelogen hat? Er könnte auch ein Mörder sein oder ein Kinderhändler oder sonst was!“
Die Rothaarige gähnte. „Ist mir total egal, wer er ist – Ich bin todmüde und will nur noch schlafen.“ Der Typ ist in Ordnung. Vertrau mir!
„Teazer!“ Wie kann man nur so… so… argh!
Das Mädchen holte ihre Wolldecke aus dem Rucksack und machte es sich betont unbeeindruckt auf dem Sofa bequem. Selbst wenn er sonst-wer ist! Wir sind viel zu clever, um uns einfach so austricksen zu lassen.
Jerrie schlurfte zu ihr herüber und stellte seinen Rucksack neben ihren. Dann warf er ihr einen vielsagenden Blick zu. Ach wirklich? Wir sind in seiner Wohnung eingesperrt, du Schlauberger…
Sie mummelte sich enger in die Decke ein. „Lass uns schlafen…“ Sei nicht sauer… Wir kriegen das schon hin!
Als er nichts erwiderte, fügte sie hinzu: „Eigentlich bist du doch auch froh, dass wir nicht draußen schlafen müssen…“
„Wenn was Schlimmes passiert, bist du Schuld…“, murmelte er, plötzlich hundemüde und tatsächlich froh, so einen gemütlichen Schlafplatz zu haben. Dann war er auch schon eingeschlafen.

***


Am nächsten Morgen wurden die Zwillinge vom herrlichsten Duft geweckt, der je in ihre Nasen gestiegen war.
Rumpleteazer setzte sich auf, rieb sich verschlafen die Augen. Durch die großen, schnörkellosen Fenster fiel grelles Sonnenlicht.
„Hey, ihr Schlafmützen! Auch endlich wach?“, wurden sie von einem gut gelaunten Rum Tum Tugger begrüßt. Ohne seine seltsame Aufmachung sah er aus wie ein ganz normaler Mensch – zugegeben, ein wirklich gut aussehender ganz normaler Mensch mit ziemlich braunen Augen, wie das Mädchen gedanklich hinzusetzte. Er trug ein einfaches, schwarzes T-Shirt und eine weite Löcherjeans. In der Hand hielt er eine Pfanne, deren Inhalt er in die Luft warf und geschickt wieder auffing.
„Pfannkuchen?“, fragte Mungojerrie skeptisch, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn der verheißungsvolle Geruch in der Nase kitzelte. „Zum Frühstück?“
Der Braunhaarige zuckte mit den Schultern. „Ich hab mal ein Work-and-Travel-Jahr durch die Staaten gemacht – die Amis essen dauernd Pancakes zum Frühstück. Meistens sogar mit Ahornsirup. Es gibt nichts Besseres!“
„Work-and-Travel? Was ist das denn?“
Im Gegensatz zu gestern Nacht, wo kaum einer seiner Sätze länger als nötig gewesen war, schien der schräge Vogel heute in bester Erzählstimmung zu sein. „Work-and-Travel bedeutet, dass du – wenns geht im Ausland – durch die Gegend reist, ohne festes Ziel, da bleibst, wo es gerade Arbeit gibt oder wo es dir gut gefällt. Von dem Geld, das du verdienst, bezahlst du Unterkunft und Essen, lebst von der Hand in den Mund und siehst was von der Welt – Klingt gut, oder?“, fragte er grinsend.
Die beiden Kinder nickten.
„Und das Beste ist“, fuhr der Rum Tum Tugger fort, „niemand schreibt dir vor, was du tun und lassen sollst! Wenn es dir irgendwo nicht gefällt, ziehst du einfach weiter!“
Er ließ den Pfannkuchen auf einen großen Teller rutschen, auf dem sich schon weitere seiner Art stapelten. Dann stellte er drei kleinere Teller auf den Couchtisch.
„Was wollt ihr dazu? Zucker, Zimt, Apfelmus, Sirup?“ Er stellte alle genannten Zutaten auf den Tisch und zog sich einen Stuhl heran. Dann häufte er sich drei Pfannkuchen auf und übergoss sie mit Sirup und Zucker.
Jerrie angelte vorsichtig nach einem der Teigfladen.
„Keine Angst, die sind nicht vergiftet!“, spottete der Mann, der ihnen gegenüber am Couchtisch saß. Er besaß zwar auch einen richtigen Esstisch, ignorierte diese Tatsache aber gekonnt. So konnten die Zwillinge, immer noch in ihre bunten Wolldecken gehüllt, auf dem Sofa sitzen bleiben.
„Darf ich Sie mal was fragen, Rum Tum Tugger“, setzte das Mädchen an, kam aber nicht weit.
Angesprochener bedachte sie erst mit einem irritierten Blick und brach dann in schallendes Gelächter aus. „Ich heiß doch nicht Rum Tum Tugger!“, prustete er.
„Aber der Mann gestern hat Sie doch so genannt…?“ Nun wechselten die beiden Kinder verwirrte Blicke.
„Das war mein Chef“, erklärte doch-nicht-Rum-Tum-Tugger und schob sich eine voll beladene Gabel in den Mund, „Der nennt uns immer bei unseren Shownamen – besonders wenn er sauer ist.“ Er runzelte kurz die Stirn. „Auf mich ist er eigentlich immer sauer, wenn ich‘s mir recht überlege… Wie auch immer. Eigentlich heiß ich Zach.“
„Zach wie die Abkürzung von Zachary?“, fragte Teazer, die sich dunkel daran erinnerte, dass das auch mal einer von Jemimas Namensvorschlägen gewesen war.
Zach nickte. „Ihr dachtet aber nicht wirklich, dass ich Rum Tum Tugger heiße, oder?“, schmunzelte er dann. „Das ist doch kein Name! Die ganzen Callgirls aus der Mitternachtswerbung heißen übrigens auch nicht wirklich Chantalle, Esmeralda oder Curly und der Tech-Nick von Saturn hat bestimmt auch einen richtigen Namen“, feixte er, ohne sich daran zu stören, dass die Zwillinge kein Wort verstanden. „Wie heißt ihr eigentlich?“
„Mungojerrie und Rumpleteazer.“
Stille, gefolgt von einem ungläubigen „Jetzt im Ernst? Ihr verarscht mich doch!“

***


Nachdem alle Pfannkuchen verzehrt waren, legte Zach die Beine auf den abgeräumten Couchtisch und sah die Zwillinge auffordernd an. „Ihr seid dran: Wo kommt ihr her und warum seid ihr abgehauen?“
Rumpleteazer warf ihrem Bruder einen fragenden Blick zu. Was dagegen, wenn wir‘s ihm sagen?
Dieser erwiderte den Blick. Keine gute Idee… Die Pfannkuchen hatten ihn milde gestimmt, aber so ganz vertrauen wollte er dem Fremden immer noch nicht.
„Hört schon auf damit!“, sagte Zach und erntete dafür verwunderte Blicke.
„Womit?“
„Mit dieser Zwillingsgeheimsprache! Ihr müsst euch nicht immer absprechen, bevor ihr den Mund aufmacht…“
Als er außer weiteren irritierten Blicken keine Reaktion erhielt, fuhr der junge Mann fort: „Ich hatte vier Jahre lang ein Zwillingspaar bei mir in der Klasse. Die haben sich die ganze Zeit nur so unterhalten und alle anderen ignoriert. Das war vielleicht nervig! Irgendwann haben sie sich sogar eine eigene Zeichensprache ausgedacht… Damit haben die sich nicht gerade Freunde gemacht.“
Beide Kinder unterdrückten den Impuls, Blicke zu tauschen.
„Geht doch! Und jetzt erzählt schon! Ich verpfeif euch auch nicht an eure Eltern…“
„Wir haben keine Eltern“, entschied Teazer eigenmächtig, mit der Wahrheit rauszurücken.
„Teazer!“, zischte ihr Bruder, der wusste, dass sie es nicht nur bei dieser Auskunft belassen würde.
„So lange wir denken können, gehören wir schon zu einer Zirkustruppe.“
„Zirkuskinder, hm?“, fragte der Braunhaarige. „Ich war bestimmt seit Jahren nicht mehr im Zirkus… Was macht ihr da? Mit Tüchern jonglieren? Oder seid ihr die Clowns?“
„Eigentlich machen wir alles“, antwortete Mungojerrie, da er keinen Sinn darin sah, zu schweigen, wenn sein Zwilling sowieso alles ausplauderte. „Mal sind wir Clowns, mal Hochseilartisten…“
„Wir machen Akrobatiknummern, fahren Hochrad, jonglieren…“, ergänzte Teazer eifrig.
„Und zwar nicht nur mit Tüchern! Auch mit Bällen, Keulen, Tellern oder brennenden Fackeln!“, warf Jerrie ein. „Eigentlich mit allem, was man irgendwie greifen kann!“
„Kann ich einen Kochlöffel haben?“, fragte das Mädchen.
Zach musterte sie zweifelnd. „Oberste Schublade links“, sagte er dann.
Rumpleteazer sprang auf, kramte den dünsten Holzlöffel hervor, den sie finden konnte, und nahm sich dazu einen Teller mit möglichst hoher Unterkante aus dem Schrank.
Jerrie grinste wissend. Er wusste genau, was seine Schwester vorhatte.
Sie hielt den Löffel mit dem Stiel nach oben und platzierte den Teller darauf. Dann begann sie, diesen immer schneller zu drehen.
Zach beobachtete das Schauspiel skeptisch, beschwerte sich aber nicht darüber, dass sie mit seinem Geschirr spielte.
Die Rothaarige drehte und drehte, bis der Teller aufhörte zu eiern und vollkommen gleichmäßig auf dem Stiel des Kochlöffels rotierte.
„Tadaa!“, lachte die Artistin und hielt den Löffel mit dem kreisenden Geschirr in die Höhe.
„Hm“, machte der junge Mann und verzog relativ unbeeindruckt das Gesicht. „Das ist ja ganz nett, aber wenn ich zwei Stunden übe, kann ich das auch…“
„Das war ja noch nicht alles!“, erwiderte Jerrie, der unbemerkt aufgestanden war und sich ebenfalls mit einem Holzlöffel bewaffnet hatte.
„Allez-Hop!“, kicherte die Zwölfjährige und schwang ihren Löffel ruckartig nach oben, sodass der Teller hochhüpfte und in einem hübschen kleinen Bogen auf ihren Bruder zuflog.
Dieser fing ihn geschickt mit dem dünnen Ende seines Kochlöffels auf. „Das können Sie bestimmt nicht!“, grinste er.
„Jetzt hört mal endlich auf, mich zu siezen! Ich bin nicht mal dreißig!“, beschwerte Zachary sich, blickte aber schon etwas beeindruckter drein.
Währenddessen legte Teazer einen dritten Holzlöffel und zwei weitere Teller auf der Anrichte ab. Dann ging sie leicht in die Knie, richtete den Kopf nach oben und ließ sich von Mungojerrie das untere Ende des Kochlöffels an die Unterlippe setzen. Der Junge drehte die beiden anderen Teller an und reichte sie Teazer, die hochkonzentriert dafür sorgte, dass keiner der Teller aufhörte, sich zu drehen und zu Boden fiel.
„Zugegeben: Das könnte ich wirklich nicht…“, gestand Zach lachend.
„Das war noch nicht alles!“, sagte Jerrie stolz. Teazer hätte vielleicht etwas ähnliches gesagt, wenn sie keinen Löffel im Mund gehabt hätte.
Sie hob einen Fuß an, den ihr Bruder mit beiden Händen fest umfasste und mit der vereinten Kraft aus Jerries Armen und Teazers Bein katapultierten sie sie ein Stück in die Luft. Die Teller machten den Abflug, doch bevor sie auf dem Boden zerschellen konnten, hatte der Zirkusjunge sie bereits aufgefangen.
Er stellte die Teller auf dem Couchtisch ab und griff nach Teazers Hand. „Meine Damen und Herren, verehrtes Publikum…“, begann er.
„Das war‘n Mungojerrie…“
„…und Rumpleteazer!“
„Die besten Artisten, die Sie jemals erleben werden!“, beendete das Mädchen grinsend. Dann verbeugten die beiden sich.
Zach fing spontan an zu klatschen. „Ihr habt‘s echt drauf! Warum seid ihr vom Zirkus weggegangen?“

Das rotblonde Mädchen legte die Löffel zurück in die Schublade. „Weil…“
„Weil wir nicht so werden wollen wie die anderen. Und weil wir uns nicht weiter vom Teufel rumschubsen lassen wollen!“, kam Jerrie ihr zu Hilfe.
„Genau! Wir wollen endlich selbst entscheiden… Der Teufel ist der Zirkusdirektor“, fügte sie noch erklärend hinzu.
„Hmh…“ Der Braunhaarige nickte nachdenklich. „Versteh ich…“
„Warum sind Sie – bist du, meine ich – eigentlich auf unserer Seite?“, wollte der Zwölfjährige wissen. Sein Zwilling schien daran ja von Anfang an keine Zweifel gehegt zu haben, aber Jerrie hätte die Erklärung doch interessiert.
Zach zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Ich war halt auch mal ein Kind und ich bin mehr als einmal von Zuhause abgehauen.“
„Aber du bist wieder zurückgekommen?“, hakte der Junge nach.
Der junge Mann grinste. „Meistens… Zweimal bin ich von der Polizei nach Hause gebracht worden und beim letzten mal bin ich nach Amerika gegangen. Da war ich eh schon zwanzig und hab nur noch aus praktischen Gründen zuhause gewohnt. Ich konnte mir noch keine eigene Wohnung leisten und meine Ausbildungsstelle war eh in der Nähe.“
„Aber dann bist du doch gar nicht abgehauen, wenn du schon erwachsen warst?“ Fragend blickte Teazer ihn an.
„Na ja, ich hab meine Ausbildung abgebrochen, bin ohne ein Wort nach Amerika verschwunden und hab mich seitdem nicht mehr bei ihnen gemeldet… Nenn‘s wie du willst!“

Rumpleteazer, der es langsam zu blöd wurde, zwischen Küchenzeile und Sofa herumzustehen, wollte sich wieder hinsetzen, stieß dabei aber an den Couchtisch, sodass die Teller, die Jerrie dort abgestellt hatte, gefährlich ins Schwanken gerieten.
Bei dem Versuch, sie aufzufangen, warf Mungojerrie sie endgültig vom Tischchen.
Mit lautem Klirren zerbarsten sie auf dem Fußboden.
„Ihr seid vielleicht Helden!“, stöhnte Zach nicht ohne den Anflug eines Lachens. „Könnt jonglieren wie die Weltmeister und am Ende geht trotzdem alles zu Bruch!“

Das war’n Mungojerrie und Rumpleteazer
Beide Katzen sind Schuld, wenn es irgendwo kracht!



Jaa, ich weiß, dass das mit dem Siezen bzw Duzen eigentlich keinen Sinn macht, da sich alle Beteiligten in London befinden und gebürtige Engländer sind, aaaber, da ich ja auf Deutsch schreibe, finde ich es trotzdem okay^^
Und außerdem ist es den meisten von euch eh nicht aufgefallen, oder? ;P
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