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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
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01.08.2014 2.285
 
Hallo zusammen^^ Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich mich für dieses Kapitel nun schämen muss oder nicht… Zumindest ist es irgendwie anders geworden, als ich mir das so überlegt hatte :D


Der Rum Tum Tugger ist ein schwieriges Tier
Es gibt keinen auf der Welt,
der aus ihm schlau wird


Mungojerrie und Rumpleteazer hatten in ihrem Leben schon viele dumme Ideen gehabt.
Miss Mercurys Zauberkugel zu klauen war eine dumme Idee gewesen.
Eine Improvisationsnummer aufzuführen, die sie weder geübt noch besprochen hatten, war eine dumme Idee gewesen.
In ein Haus mit Vorsicht! Bissiger Hund!-Schild einzubrechen war eine dumme Idee gewesen.
Wenn es darum ging, dumme Ideen in die Tat umzusetzen, waren sie unschlagbar.

Mungojerrie öffnete die Tür ihres bunt bemalten Zirkuswagens und starrte in die Dunkelheit.
Stille starrte zurück.
Er gab seiner Schwester mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass die Luft rein war.
Diese verdrehte jedoch bloß die Augen. Lass den Quatsch!
Es war egal, ob jemand mitbekam, dass die Zwillinge sich mitten in der Nacht davonstahlen. Es wäre bei Weitem nicht das erste Mal.
Wenn es im Hochsommer im Innern des Wagens zu heiß wurde, flüchteten sie in die Kühle der Nacht und schliefen draußen. Daran hatte sich noch niemand gestört.
Wenn die Stille des Zirkusplatzes ihnen zu laut wurde, liefen sie bis in den nächsten Ort und durchstreiften die fremden Straßen bis es Morgen wurde. Das war keine Seltenheit – Auch andere Artisten verließen nachts das Zirkusdorf.
Wenn Schlafen ihnen zu langweilig vorkam, schlüpften sie in ein ungesichertes Haus und stellten die Möbel um, sodass die Besitzer am nächsten Morgen den Schreck ihres Lebens bekamen. Zugegeben, das hatte außer ihnen wohl noch niemand ausprobiert…
Zu gehen war also nicht das Problem – Solange sie wiederkamen.
Aber daran dachten die beiden im Traum nicht.

Kleine Ausflüge hatten sie viele unternommen.
Kleine Dummheiten hatten sie zuhauf begangen.
Kleine Freiheiten hatten sie sich schon immer genommen.
Jetzt aber war es Zeit für etwas Größeres.
Die größte Dummheit von allen!

***


„Meine Füße tun weh…“
„Meine auch…“
„Ich hab Huunger… Jerrie, ich will was essen!“
Knappes Nicken als Antwort.
„Wie weit isses noooch?“
Der Zwölfjährige blieb stehen und sah seine Schwester verständnislos an. „Woher soll ich das wissen?“ Wir wissen weder wo wir sind, noch wo wir eigentlich hinwollen… Warum stellst du mir so schwierige Fragen?
Rumpleteazers Magen antwortete mit einem Knurren.
Sie waren seit Mitternacht unterwegs. Jetzt war es fast vier Uhr nachmittags und sie hatten immer noch nichts gegessen.
Mungojerries Magen stimmte in das Knurren mit ein.

„Was haben wir uns eigentlich dabei gedacht?“, fragte Teazer. Wie sind wir auf die Idee gekommen, den Zirkus zu verlassen?
„Ich glaube, wir haben gedacht, dass wir auch ohne Geld etwas zu essen kaufen können…“, erwiderte ihr Bruder gedankenverloren. Wir haben überhaupt keine Ahnung vom Leben außerhalb des Zirkuszelts…
Das Mädchen begann zu grinsen. „Wer hat denn was von kaufen gesagt?“ Das wär doch gelacht, wenn wir das nicht schaffen!

„Also was sagst du?“, fragte Jerrie als sie an ein paar kleinen Läden vorbeikamen. „Reichen uns Brötchen zum Mittagessen?“ Ich verhungere! Ich will jetzt ein Brötchen!
„Es wird bald dunkel! Mittagessenszeit ist längst vorbei!“, empörte sich sein Zwilling und warf einen schmachtenden Blick auf die Teigwaren. Ich kann mir kein köstlicheres Mittagessen vorstellen… Die schnappen wir uns jetzt!

Bemüht gemächlich betraten die Kinder die Bäckerei. Die einzige Verkäuferin war gerade dabei, die Beschriftung an einem Regal zu korrigieren.
Der Duft von frischem Brot stieg den Zwillingen in die Nase und ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Glasscheibe über der Auslage mit den Kuchen und Teilchen ließ einen großen Spalt frei, sie bräuchten nur ihre Hände auszustrecken und-
„Was kann ich für euch tun?“, fragte die blonde Verkäuferin freundlich, konnte sich aber einen skeptischen Blick nicht verkneifen.
„Ähm, also ich hätte gern…“, begann der rotblonde Junge. Brötchen! Ich will ganz viele Brötchen! „…ein Roggenmischbrot“, las er den Namen des erstbesten Brotes vor, das er hinten im Regal entdeckte.
In dem Moment, in dem die Frau sich umdrehte, griffen Mungojerrie und Rumpleteazer sich so viele Brötchen und Teilchen, wie sie tragen konnten, und rannten aus dem Laden.
Die verdutzte Verkäuferin brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass sie gerade bestohlen worden war. Als sie schließlich „Haltet die Diebe!“ rief, waren die Zirkuskinder schon längst außer Hörweite.

Rumpleteazer gab ein ersticktes Kichern von sich, als sie einige Meter entfernt in eine Seitengasse einbogen und ihre Beute in den großen schwarzen Rucksäcken verstauten. Hat die vielleicht blöd geguckt!
Ihr Bruder, der sich bereits über ein Milchbrötchen hermachte, grinste aufgekratzt. Sowas haben wir noch nie gemacht!
Trotz der zahlreichen Einbrüche und Handtaschendiebstähle hatten sie noch nie in einem Laden etwas mitgehen lassen.
„Wir sollten irgendwo anders hin“, sagte er schließlich. „Nicht dass die die Polizei ruft und wir erwischt werden…“
Hier bleiben konnten sie nicht. So viel war klar.
Aber wo konnten sie dann hin?
Wo wollten sie überhaupt hin?
„Erstmal weg!“, beschloss Teazer. Danach sehen wir weiter…
Ihr Zwilling nickte. Guter Plan, Schwesterherz. Ich weiß auch nicht, wies weitergehen soll…

Als sie das Ende der Gasse erreichten, leuchtete ihnen ein roter Kreis mit blauem Querbalken entgegen. Underground verkündete das verheißungsvolle Symbol.
Ihr Ticket nach weit-genug-weg.
Die Zwölfjährigen nickten einander zu und huschten die Treppen zur U-Bahn-Station hinunter.

Fasziniert beobachtete Mungojerrie, wie die Passanten, die mit ihnen nach unten strömten, kleine blaue Karten zückten und damit die Drehgitter passierten. Sie hielten sie einfach vor einen Sensor und schon ließ sich das aus drei Streben bestehende Gestell drehen.
„Wir bräuchten so eine Karte…“, murmelte er.
Seine Schwester warf ihm einen überlegenen Blick zu. „Oder…“ Sie lief auf eine der Schranken zu. …wir springen einfach drüber.
Jerrie stellte perplex fest, dass es so voll und die Menschen so in Eile waren, dass niemand Teazers kleiner Schummelpartie Beachtung schenkte.
Verwundert zog er die Brauen hoch. So geht’s wohl auch. Dann folgte er dem Mädchen.
„Wer ist die Beste?“, flüsterte sie ihm zu als sie gemeinsam Richtung Bahnsteig verschwanden.
Mungojerrie rollte bloß mit den Augen. Du bist die Beste, aber das werde ich bestimmt nicht zugeben!

***


Sieben Stunden später waren die Brötchenvorräte aufgebraucht und die Zwillinge weiter mit der U-Bahn gereist als der durchschnittliche Londontourist.
Einigermaßen zufrieden und in der Gewissheit, dass weder Macavity noch die Bäckereiverkäuferin sie so schnell finden würden, breiteten sie eine mitgenommene Decke auf dem Boden aus und errichteten sich ein Schlaflager in einem Verbindungstunnel zweier Undergroundlinien. Hier war es halbwegs warm, trocken und bald auch ziemlich still, denn das Untergrundnetz leerte sich immer mehr je später es wurde.

***


Die letzte Tube hielt am Bahnsteig.
Er war der einzige, der ausstieg.
Natürlich, denn wer fuhr schon nachts um halb zwölf mit der U-Bahn? Um auf eine Party zu gehen, war es etwas spät, um sie schon wieder zu verlassen, viel zu früh. Und zur Arbeit ging zu so später Stunde erst recht niemand mehr – außer ihm natürlich.
Er war keineswegs zu spät dran. Er hatte noch genau… Ein schneller Blick auf die Uhr. Noch sechsundzwanzig Minuten. Inklusive umziehen. Könnte doch etwas knapp werden.
Er beschleunigte seine Schritte und würdigte die Penner, die sich im U-Bahntunnel niedergelassen hatten, nur eines flüchtigen Blickes.
Doch dann stockte er plötzlich. Waren das Kinder?
Hier unten sah man häufig Obdachlose. Alte Frauen in ärmlichen Kleidern, Männer mit blutunterlaufenen Augen in einem Haufen leerer Bierflaschen.
Nichts Ungewöhnliches.
Immigranten, die mit ihrer Musik für Stimmung sorgten und Geld sammelten.
Häufige und meist gern gesehene Gäste in den Undergroundnetzen. Allerdings blieben diese nur selten über Nacht.
Sogar Kinder sah man hin und wieder. Sie besserten ihr Taschengeld auf oder gehörten zu den bedauernswerten Geschöpfen, die sich von irgendwelchen Straßenbanden oder Drogendealern hatten einlullen lassen.
Diese beiden allerdings sahen nicht nach den typischen Straßenkindern aus. Die kurzen, rotblonden Haare, die unter einer karierten Wolldecke hervor lugten, wirkten zu kräftig, zu gepflegt und auch die Decke selbst sah nicht so aus, als hätte sie den Straßenbelag schon mal aus dieser Nähe gesehen.
Die beiden hatten sich halb sitzend, halb liegend in Decken gewickelt, sodass sie mehr wie ein einziges, unförmiges Wesen als wie zwei Menschen aussahen. Die Haltung der beiden wirkte zutiefst vertraut, die sommersprossigen Gesichter besaßen die selben Züge, sogar die Augen waren auf die selbe verschlafene Art halb geschlossen. Ihm waren selten Menschen begegnet, die sich so sehr glichen. Es war unschwer zu erkennen, dass die beiden Geschwister waren. Vermutlich sogar Zwillinge.
Allerdings hätte er selbst auf diese kurze Distanz nicht sagen können, ob es sich um Mädchen oder um Jungen handelte. Und was ihr Alter betraf… Schwer zu sagen. Elf oder zwölf Jahre vielleicht. Höchstens dreizehn.
Was machten zwei Elfjährige nachts in einem U-Bahntunnel?
Der junge Mann schnaubte verächtlich. Na was wohl? Sie waren ausgebüxt, von Zuhause weggelaufen.
Und wenn schon – Was ging ihn das an?

***


Mungojerrie bekam nur unterbewusst mit, dass sein Kopf auf Teazers Schulter rutschte. Er war viel zu müde, um ihn wieder zu heben.
Aus den Augenwinkeln nahm er eine Gestalt war. Ein Mann, groß, schlank, in einen langen, schwarzen Mantel mit pelziger Kapuze gehüllt. Viel mehr konnte er in seinem Zustand nicht ausmachen. Der Mann musterte sie im Vorbeigehen.
„Hey! Ihr zwei!“ Aufgeschreckt durch die tiefe Stimme, hob er nun doch den Kopf und sah den Fremden an.
Auch Rumpleteazer schreckte hoch, blickte den Passanten verdattert an.
„Ihr könnt hier nicht bleiben. Sobald der Betrieb weitergeht, ruft irgendwer die Polizei und dann seid ihr schneller wieder zuhause, als euch lieb ist!“ Mit diesen Worten wandte der Braunhaarige sich ab und ging.
Genau genommen war er gar nicht braunhaarig, stellte das Mädchen fest. Seine Haarfarbe lag irgendwo zwischen braun und blond mit einem Stich ins Rötliche. Das fransige Pelzimitat, das seine Kapuze säumte, hatte fast die selbe Farbe.
Sie blickte dem jungen Mann hinterher, während seine Schritte durch den unterirdischen Gang hallten. Plötzlich war ihr die Stille viel bewusster.
Seine Haltung wirkte abweisend, aber seine Stimme hatte einen angenehm schmeichelnden Unterton gehabt. Irgendetwas an diesem Mann faszinierte Rumpleteazer. Er besaß eine Ausstrahlung, wie sie es noch bei keinem anderen Menschen erlebt hatte.

Die Schritte entfernten sich langsam. Gerade als die Silhouette des Fremden um die nächste Biegung verschwand, sprang Teazer auf und begann, die Decken zusammen zu raffen.
„Hey!“, protestierte ihr Bruder. Was machst du? Es wird kalt!
„Hilf mir mal!“, war die knappe Antwort. Das Mädchen hatte einen Entschluss gefasst.
Mit einem fragenden Seitenblick auf seinen Zwilling, stopfte Mungojerrie die Decke, auf der sie gesessen hatte, in seinen schwarzen Rucksack. Ausnahmsweise wusste er einmal nicht, was sie vorhatte.
Als sie loslief, folgte er ihr, ohne zu zögern. „Verrätst du mir, wo wir so dringend hinmüssen?“ Oder warum?
Die Zwölfjährige schmunzelte. „Siehst du noch.“ Ich hab auch keine Ahnung. Aber ich glaube, das ist eine gute Idee!
Sie beeilte sich, um den Mann nicht endgültig aus den Augen zu verlieren.
Es war mehr so eine Eingebung, eine weitere dumme Idee, aber der Typ hatte ihnen helfen wollen. Er hätte auch einfach vorbeigehen und nichts sagen können. Außerdem hatte er gewusst, dass sie ausgerissen waren.
Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er ihnen weiterhelfen würde.
Ganz im Gegensatz zu Mungojerrie, der die fixe Idee seiner Schwester, ihren sicheren Schlafplatz aufzugeben, um mitten in der Nacht durch die Außenbezirke Londons zu geistern, nicht besonders zu schätzen wusste.

Nachdem sie den Untergrund verlassen hatten, dauerte es nur wenige Minuten, bis sie ihr Ziel erreichten.
Night Club?“, fragte der Junge skeptisch als er das große Leuchtschild über dem Eingang bemerkte. Was wollen wir denn hier?
Das Plakat, das die Ladiesnight ab 12h bewarb, war ebenso wenig aufschlussreich wie die Musik, die gedämpft aus dem Club zu ihnen schallte.
Teazer blieb ihm die Antwort schuldig und steuerte zielstrebig auf die unscheinbarere Tür des Nebengebäudes zu, durch die der Braunhaarige verschwunden war. Einmal hinter ihm zugefallen, ließ sich diese auch nicht mehr von außen öffnen.
Die vielen Klingelschilder deuteten auf ein Mehrfamilienhaus hin. Auf einem stand Night Club geschrieben.
Der Flur ist bestimmt mit dem Laden nebenan verbunden, überlegte die Rothaarige.
Den nächsten Schwall Besucher nutze sie aus, um unbemerkt an dem gelangweilten Kartenkontrolleur vorbei zu gelangen. Mungojerrie wurde wohl oder übel mitgeschleift.
Mit einer Traube kichernder Teenagermädels betraten sie den großen abgedunkelten Raum.
Es war ziemlich voll. Einige Besucher hatten sich um Stehtische versammelt, andere standen in Grüppchen herum und nippten an Getränken.
Den Mittelpunkt des Raumes bildete eine langgezogene Bühne, an deren beiden Enden sich im gedimmten Scheinwerferlicht knapp bekleidete Frauen an Stangen räkelten.
„Was zum…?“ Ohne es zu ahnen, waren Mungojerrie und Rumpleteazer in einem Striplokal gelandet.

Die Musik war leiser als man es von außen vermutet hätte.
Die Mitte der Bühne war dunkel. Doch genau dort schien sich die meiste Aufmerksamkeit zu konzentrieren, als warteten die Clubbesucher auf etwas.
Jerrie warf seiner Schwester einen vielsagenden Blick zu. Wo sind wir hier? Ich will jetzt endlich wissen, was los ist! Was hast du vor?
Doch zu einer Erklärung kam sie nicht mehr.
Beide Kinder zuckten zusammen, als die Musik schlagartig lauter wurde. Mungojerrie, der der Bühne den Rücken zu gekehrt hatte, folgte dem erstaunten Blick seines Zwillings. Ein Scheinwerfer erhellte nun die Mitte des Podests.
Was er sah, verschlug ihm die Sprache.
Dort, in dem Lichtkegel, stand der Mann aus dem U-Bahntunnel. Er hatte seinen fast schon vornehmen Mantel gegen einen Hautengen, schwarzen Latexanzug und einen breiten, silbernen Nietengürtel getauscht, der ihm lässig um die Hüfte hing. Die vorher doch recht ordentlich gekämmten Haare standen ihm wild toupiert vom Kopf ab und zu allem Überfluss trug er auch noch ein Halsband mit mehrere Zentimeter langen Stacheln.
„Das… glaub ich jetzt nicht…“


Alles muss nach seinem Kopf gehen
Weil bei ihm alles, was er tut, zur Schau wird



Dann bin ich mal auf eure Reaktionen gespannt :D
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