Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.08.2016 4.304
 
Und mal wieder muss ich ein neues Kapitel mit einer Entschuldigung beginnen: Ich weiß wirklich nicht wie das passieren konnte… Ein ganzes Jahr habe ich hier nix hochgeladen - hab mich selbst ein bisschen erschrocken :D
Die FF steht natürlich zu unrecht auf abgebrochen - das passiert von alleine und kann manuell leider auch nicht umgestellt werden.
Na ja, genug der Vorrede: Hier kommt das nächste Kapitel!^^


Kannst du gleichzeitig singen
In Fis und in D?


Schlafen. Einfach nur schlafen.
Müde trottete Julie durch Passkontrollen, Taschenkontrollen, Zollkontrollen, Hallen mit Kofferbändern und noch mehr Kontrollen. Sie wollte nur nach hause, sich auf ihr Bett fallen lassen und drei Tage durchschlafen. Sie roch unauffällig an dem weiten T-Shirt, das sie schon den ganzen Flug über getragen hatte. Gut, duschen würde sie wohl noch, aber für mehr war keine Energie mehr übrig.
Das Jahr in Spanien war der Hammer gewesen, die Flüge dagegen die Hölle. Die letzten Tage hatte sie vor lauter Abschiedsfeiern mit spanischen Freunden und ihrer Gastfamilie kaum geschlafen und der Flug hatte auf ihren empfindlichen Magen geschlagen. Sie war nur froh, dass sie Leah hatte überreden können, keine Willkommensparty am Flughafen zu organisieren. Das war wirklich das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, dass alle ihre Freunde hier aufkreuzten, um sie mit Umarmungen und Fragen zu bestürmen, während sie fix und alle, ungeschminkt in Jogginghose und Gammelshirt am liebsten in Ruhe gelassen werden wollte.
Als sie um die nächste Ecke bog, bemerkte sie hinter einer Glastür ihre Eltern, die mit aufgeregten, suchenden Blicken nach ihr Ausschau hielten. Neben ihnen Leah - Julie stellte erstaunt fest, wie groß ihre kleine Schwester geworden war -, Taylor, die mit ihrem ungeduldig-genervten Blick absolut aussah wie immer, und zwei ihr unbekannte Jugendliche, die mit einem riesigen, unhandlichen Plakat herumhantierten.
Die Blonde blieb stehen. Waren das wirklich Mungojerrie und Rumpleteazer?
Natürlich hatte sie ab und an mit den Zwillingen geskyped, aber wenn sie das Jahr über an die beiden gedachte hatte, waren vor ihrem inneren Auge immer zwei Zwölfjährige mit den gleichen kurzen, leuchtend orangenen Haaren, den gleichen grünen Augen und den gleichen sommersprossigen Gesichtern aufgetaucht, die gleich sprachen und gleich lachten, die die selben Stimmen hatten, die immer zusammenklebten und obwohl sie Junge und Mädchen waren, kaum auseinander zu halten waren.  
Jetzt sah sie zwei Jugendliche, die rein äußerlich nicht mehr als Zwillinge zu erkennen waren: Neben den geschlechtertypischen Unterschieden in Statur und Gesichtszügen erregten vor allem Haare und Kleidungsstil der beiden Julies Aufmerksamkeit. Während Teazers orangene Strubbelhaare sich auf wundersame Weise in eine lange rot-braune Mähne verwandelt hatten, hatten Jerries Haare ihren Orangestich fast vollständig verloren, sodass er nun als straßenköterblond durchging. Klamottentechnisch hatte er sich weniger verändert als seine Schwester. Er trug eine graue Sweatjacke über einem einfachen T-Shirt. Sie dagegen wirkte mit ihrem modisch geblümten Top, Hotpants und hochhackigen Sandalen überaus stilsicher, was seltsam war, wenn man wie Julie das kleine Mädchen im schwarzen Kapuzenpulli vor Augen hatte.

Leah entdeckte sie als erste. Mit einem lauten Quietschen kam sie auf Julie zugestürmt. Die Zwillinge rissen das Welcome back, Etcetera!-Plakat in die Höhe, ihre Mutter verhedderte sich im Henkel ihrer Handtasche. Nur Taylor war die Ruhe selbst und kam grinsend auf sie zu geschlendert, während Julie erst von ihrer Schwester, ihrem Vater und gleich nochmal von Leah umarmt wurde. Als Taylor sie schließlich zur Begrüßung umarmte, waren ihre Eltern schon dazu übergegangen, sie mit Fragen zu bombardieren: Wie war dein Flug? Hast du Hunger? Ist dir nicht kalt, Kind? Und die drei Kleinen, die gar nicht mehr so klein waren, wuselten wild um sie herum. Es war das reinste Chaos. Julie als erklärte Feindin von Unordnung, Trubel und Lärm hasste Chaos, aber in diesem Moment war sie einfach nur froh, wieder zuhause zu sein.

„Ihr kommt aber nicht noch mit zu uns, oder?“, fragte Julie, als sie endlich auf dem Weg nach hause waren.
„Keine Sorge“, winkte Teazer ab. „Heute lassen wir dich erstmal in Ruhe ankommen, morgen sind wir beim Tanzkurs, übermorgen hab ich Gesangsunterricht, Freitag machen wir mit Leah eine Radtour, Samstag hat Oma Jenny ihre Kaffeeklatschgruppe eingeladen, Sonntag-“
„Du hast also erstmal ein paar Tage Ruhe“, unterbrach Jerrie dankenswerterweise den Redefluss.
„Ich hab ganz vergessen, dass du so viel quasseln kannst“, stöhnte Julie.
„Hallo?!“, empörte die Rothaarige sich.
Ihr Bruder grinste. „Wir freuen uns auch, dass du wieder da bist, Etcetera!“

***


„…Und wisst ihr, was sie dann gesagt hat? Also mein Hausarzt hat mir aber etwas ganz anderes empfohlen…“
Jerrie und Teazer sahen von ihren Tellern auf und tauschten einen langen, nahezu regungslosen Blick. Das Mädchen blinzelte träge. Kaffeefahrten, Florian Silbereisen und Arztbesuche gehören zu meinen absoluten Lieblingsthemen…
Der Sechzehnjährige schob sich das letzte Stück Pflaumenkuchen in den Mund. Und erst die Story von der Cousine der Tante von Miss Higgins' Bruder, die mit diesem Scheich nach Abu Dhabi gezogen ist… Unglaublich spannend…
„Ein wirklich interessantes T-Shirt hast du da an“, sagte Miss Thomson, die Jerrie in der Kaffeklatschrunde direkt gegenüber saß, ohne sich daran zu stören, dass die anderen Frauen sich weiter angeregt über abweichende Arztmeinungen unterhielten. „Ist das Spiderman? Mein Enkel ist ja auch ganz begeistert davon!“
„Das ist Deadpool“, setzte er zu einer Erklärung an, wurde aber direkt wieder unterbrochen: „Wie bitte? Du musst schon lauter sprechen, mein Junge!“
„Ja, ist Spiderman“, erwiderte Jerrie etwas lauter.
Teazer verdrehte die Augen und widmete sich ihrem Handy. Hat ja eh keinen Sinn, Leuten, die keine Ahnung haben, was zu erklären…
„Ah, na siehst du, ich hab es ja gewusst!“, freute sich die alte Dame und Jerrie lächelte genervt. „Möchtest du nicht noch ein Stück Kuchen? Wir haben auch noch Sahne!“
Während der Junge möglichst höflich erklärte, dass er bereits drei Stücke gegessen hatte und überhaupt keine Sahne mochte, räusperte Jenny Gumbie sich mit einem strengen Blick auf Teazer. Beim Essen auf sein Handy zu starren ist sehr unhöflich! Wir haben diesbezüglich eine Abmachung…
Die Zwillinge hatten den Wink verstanden. „Oh, ich glaube, Teazer und ich sollten jetzt besser hochgehen, wir müssen noch“ Er zögerte nur ganz kurz. „Hausaufgaben machen!“
Miss Gumbie nickte wohlwollend. „Kommt gerne runter, sobald ihr fertig seid.“ Ich sage euch bescheid, wenn mein Besuch gegangen ist.
Die Kinder verabschiedeten sich in ihr Zimmer.
„Ich weiß, dass alte Leute furchtbar langweilig sind, solange man selbst noch nicht dazugehört“, hatte Oma Jenny einmal gesagt und schmunzelnd noch ein „Genau genommen, können sie selbst dann noch ziemlich langweilig sein…“ hinzugefügt. Allerdings verstieß der Vorschlag, die Zwillinge könnten die alten Leute ja einfach ignorieren oder gleich in ihrem Zimmer essen, gegen die Prinzipien der passionierten Lehrerin.
Die kleine Familie Gumbie hatte sich also darauf geeinigt, dass die Zwillinge nicht dazu verpflichtet waren, sich jeden Kaffeeklatsch von Anfang bis Ende anzutun, sondern sich nach dem Essen auf ihr Zimmer verziehen durften. Allerdings sollte es dafür eine angemessene, wenn auch meist völlig frei erfundene Begründung geben.

„Und, welches Fach machst du gerade?“, fragte Teazer, während sie eifrig auf ihr Handy eintippte. Machst du irgendwas Spannendes?
„Englisch“, erwiderte Jerrie, der sich mit einem Krimi neben sie aufs Bett gelegt hatte. Nö, ich les nur was. Bin fast durch mit dem Buch. „Und du?“ Mit wem schreibst du?
„Physik“, erwiderte sie abwesend.
Ihr Bruder legte sein Buch zur Seite. „Du hast gar kein Physik…“
Teazer seufzte. „Alonzo beschwert sich, dass ich ihm nicht zurückschreibe, aber was soll man denn bitte auf einen Smiley antworten?!“, regte sie sich auf.
Beide Handys gaben ein synchrones Vibrieren von sich.
„Electra?“, fragte Jerrie, der sich nicht die Mühe machte, selbst nachzusehen.
„Jap.“
„Was gibts?“
Das Mädchen begann vorzulesen, was Leah in den Gruppenachat mit dem schönen Namen Tick, Trick und Track geschrieben hatte: OMG! Julie und ich reden grade uber das Festival! Es ist voll schwer ihr nicts von der Überraschung zu erzählen!!!!
Da Rumpleteazer das ganze aber mit monotoner Stimme, die schon fast einem Navigationssystem Konkurrenz machte, vortrug, klang die Nachricht mehr wie „Oh Em Geh. Ausrufezeichen. Julie und ich reden grade u-ber das Fes-ti-val. Ausrufezeichen. Es ist voll schwer - altah voll krass ey jo! - kein Komma, ihr nickts - ohne H - von der Überraschung zu erzählen. Ausrufezeichen. Ausrufezeichen. Ausrufezeichen. Ausrufezeichen.“
Ihr Zwilling grinste und nahm sein Buch wieder auf. „Schreib zurück wie sehr wir sie bemitleiden.“
„Voll krass, ja, Digga! Herböö! Sternchen bemitleide Sternchen“, las das Mädchen vor, während sie  tippte.
„Was hast du jetzt geschrieben?“, wollte Jerrie wissen, nachdem sein Handy mit Vibrationsgeräuschen, die viel lauter waren als ein nicht auf Stumm geschaltetes Mobiltelefon, verkündet hatte, dass ihre Nachricht angekommen war.
„Schaffst du schon, Smiley. Was macht ihr grade?“, meinte sie schulterzuckend.
Wieder vibrierten die Smartphones. „Was schreibt sie jetzt?“
„Guck doch selber auf dein Handy! Wozu hast du eigentlich eins?“, fuhr seine Schwester ihn an und setzte noch ein übertrieben entrüstetes „Echt mal!“ hinterher. Das liegt zehn Zentimeter neben dir! Wieso les ich dir das überhaupt vor?
Jerrie sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Also was hat sie jetzt geschrieben?
„Sie sagt, sie sind am Baumhaus und ob wir auch kommen wollen.“
Da die Kinder schlecht aus der Haustür herausspazieren konnten, ohne dass die Kaffeeklatschtruppe sich wunderte, kletterten sie kurzerhand aus dem Fenster, um Electra mentale Unterstützung zu leisten und dafür zu sorgen, dass sie sich bis morgen nicht verplapperte.

***


„Wo fahren wir hin?“, fragte Julie zum gefühlt hundertsten mal. Taylors Mutter lächelte nur und schwieg.
„Leah! Du sagst mir jetzt endlich, was das hier werden soll!“, wandte sie sich an ihre kleine Schwester, die auf der Rückbank neben ihr saß.
„Nö!“
„Jerrie? Teazer?“ Die Zwillinge saßen im Kofferraum - genauer gesagt auf beiden ausklappbaren Kofferraumsitzen des Familienautos -, grinsten und schwiegen.
„Taayylooor! Sag wenigstens du was! Ihr habt euch alle gegen mich verschworen!“, maulte das blonde Mädchen wie es sonst gar nicht ihre Art war. Sie war die Vernünftige in ihrer kleinen Gruppe. Taylor war die Coole, ewig genervte, Jerrie und Teazer die verrückten Zwillinge mit ihren Ideen, die von genial bis völlig wahnsinnig reichten und ihrer wortlosen Verständigung, Leah war der Flummi, das hyperaktive, ständig plappernde Nesthäkchen und sie, Julie, war die Vernünftige, die Rationale, Ruhige, Intelligente, die von den drei jüngeren für ihre eloquente Ausdrucksweise ausgelacht wurde. Aber im Moment war sie einfach nur genervt, dass keiner ihrer Freunde ihr verraten wollte, wohin Taylors Mutter sie fuhr.
„Zugegeben: Dich am Flughafen abzuholen war ne blöde Idee“, lenkte Teazer ein.
„Nein, war keine gute Idee“, stimmte Jerrie zu.
„Ich hab euch gesagt, dass sie nicht begeistert sein würde“, kam der obligatorische Ich hab’s euch ja gesagt, aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören-Kommentar vom Beifahrersitz. Julie grinste. Sie liebte die schnippische Art ihrer besten Freundin.
„Diesmal wird's besser! Versprochen!“, meinte Jerrie.
Seine Schwester nickte eifrig. „Du wirst es lieben!“
Sie musste sich beinah verrenken, um die beiden hinter ihr sitzenden sehen zu können. Eigentlich hatte sich gar nicht so viel verändert in dem Jahr, das sie weggewesen war. Taylor hatte gezwungenermaßen mehr mit den drei Kleinen unternommen und - auch wenn sie vehement das Gegenteil behauptete - Spaß daran gefunden. Leah war ein bisschen selbstständiger geworden, hatte sie das Gefühl. Ansonsten war irgendwie alles beim Alten geblieben.

„Sind wir bald da? Wo auch immer wir hinfahren?“, fragte Julie nach einiger Zeit.
„Mami, Mami, ich hab Hunger!“, fügte Jerrie grinsend hinzu.
„Meine Füße tun weh!“, gab Teazer ihren Senf dazu.
Auch Leah mischte sich ein: „Mir ist langweilig! Ich muss mal! Sind wir bald daaa?!“
An Taylors Blick war nicht genau abzulesen, ob sie ihre beste Freundin oder sich selbst bemitleidete. „Wir haben’s bald geschafft.“
„Lasst uns doch was singen!“, schlug Leah vor und fing direkt an: „Sag mir, was ist geschehen? Was ist bloß los mit unserer Welt?
Wann werden wir verstehen? Es geht um uns und das ist was zählt!“, setzte Teazer ein.
Keine Angst, es ist niemals zu spät, solang die Hoffnung in uns weiterlebt! Oh oh oh!“, grölte Jerrie.
Noch einmal Leah: „Wir warten nur auf den Augenblick! Wir sind bereit! Es gibt kein Zurüüück!
Und dann alle drei zusammen, wobei Teazer die einzige war, die überhaupt die Töne traf. „Dann werden wir frei sein, denn es wird bald vorbei sein! Frei wie der Wiiind! Wir werden gewinnen, das Böse bezwingen! Es wird alles wie es mal war! Oh! Und wir werden frei sein, denn es wird bald vorbei sein…
„Bitte sag mir, dass das nicht den Rest der Fahrt so weitergeht…“, murmelte Taylor, während der schiefe Chor anfing zu schunkeln. „Weißt du, was das schlimmste ist?“, fragte sie mit gequältem Gesichtsausdruck. „Ich weiß sogar, aus welchem Anime das blöde Lied stammt… Es ist nicht gut für die Psyche, so viel Zeit mit deiner Schwester zu verbringen.“
Julie grinste. „Nein, das schlimmste ist, dass ich den sogar geguckt habe und das Lied immer noch auswendig kann!“
Sie sah ihre Schwester an und setzte passend ein: „Egal wie viel Stunden und Tage vergehen, wir sind dann frei wie deeer Wiind!
Zu Taylors Glück schafften sie nur noch vier weitere Lieder - gnädigerweise diesmal keine Anime-Openings - bis sie ihren geheimnisvollen Bestimmungsort erreichten.  

***


„Das ist ja…!“, entfuhr es Julie, als sie auf dem Festivalgelände ankamen.
„Etcetera fehlen die Worte! Hat das jemand aufgenommen?“, grinste Jerrie.
„Schon erledigt“, verkündete Teazer selbstzufrieden und steckte ihr Handy wieder ein.
Julie beachtete die beiden nicht weiter, sondern sah sich fasziniert auf dem Festivalgelände um. Dann umarmte sie ihre Schwester. „Du bist die Beste! Danke, Leah!“
Ihre Antwort ging im Kreischen einer Gruppe Mädchen unter, die am Zaun zur Künstlerwiese standen.
„Was ist denn da vorne los?“
„Eine Horde Teenager, alle weiblich, die völlig ausrastet, weil ein paar Mitglieder einer Band vorbeigehen - Dein Schwarm vielleicht?“, kombinierte Taylor.
„Los, nichts wie hin!“, schrie Leah und zog ihre Schwester am Arm mit sich.
Jerrie, Teazer und Taylor wechselten einen schnellen Blick, dann rannten sie hinterher. Als sie die Gruppe erreichten, hatte Leah die beiden schon bis nach vorne durchgeboxt.
Rumpleteazer reckte und streckte sich, konnte aber nicht erkennen, was am Zaun los war. „Sklave!“, befahl sie und schenkte Jerrie ihren hochherrschaftlichsten Blick. Heb mich hoch! Ich will was sehen!
Ihr Zwilling zog die Brauen hoch. Wirklich, Teazer? Die werden Autogramme verteilen oder so. Ist doch egal. Wir kennen die Band ja eh nicht.
„Jerrie!“ Ich will die aber trotzdem sehen! Ich muss doch wissen, wie Etceteras Lieblingsband aussieht und außerdem hieß es, der Leadsänger sähe heiß aus…
Der Junge seufzte und ließ sie auf seine Schultern klettern. Nun konnte Teazer über die Groupies hinwegsehen.
„Und? Ist er dabei? Dieser Jack?“, fragte Jerrie desinteressiert.
„Zach“, korrigierte Teazer mit großen Augen. „Der Sänger heißt Zach…“

***


Julie stand ganz vorne am Zaun. Leah hatte sie einfach mitgeschleift und sich einen Weg durch die anderen Fans gebahnt. Es war ihr furchtbar unangenehm gewesen, sich so dreist vorzudrängeln, aber jetzt stand sie direkt vor Zach und schmachtete ihn durch den Zaun hindurch an, während er eine Autogrammkarte unterschrieb. Julie war kein typisches Fangirl, aber sie liebte die Musik dieser Band und der Sänger sah einfach unfassbar gut aus.
„Zach?“, rief der Drummer, der einige Schritte hinter ihm stand. „Zwei Autogramme noch, dann müssen wir los.“
Der Braunhaarige nickte ihm zu, bevor er sich wieder seinen Fans zuwandte. „Tut mir Leid, Ladies, wir dürfen den Soundcheck nicht verpass-“ Mädchen fingen an, lauter zu rufen und zu kreischen, weil sie unbedingt das letzte Autogramm ergattern wollten.
Zach hob beschwichtigend die Hände. „Wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag hier bleiben…“ Er grinste.
Die Gitarristin stieß ihm den Ellbogen in die Seite. „Jetzt hör schon auf zu schleimen! Also wer war als nächstes dran?“, wandte sie sich an die Fans, die ganz vorne am Zaun standen.
„Hier!“, rief Leah. „Julie war als nächste dran!“

***


„Zach!“, rief Teazer, was ihr aber nur einen verständnislosen Blick von Taylor einbrachte.
Jerrie hatte begonnen, ihnen langsam einen Weg nach vorne zu bahnen, weit waren sie aber nicht gekommen. Ihr Ruf ging zwischen den Rufen und Kreischen der anderen Mädchen unter. Sie waren immer noch zu weit weg. „Hey! Zach! Wir sind’s!“
„Versuch’s mal damit“, meinte Jerrie und reichte ihr eine Vuvuzela, die von der letzten WM übrig geblieben war. „Einmal tröten und dann lass mich mal“, wies er sie an.
Die Vuvuzela ertönte und für einen Moment verstummten die meisten Rufe. „HEY!!!“, schrie Jerrie. Seine Stimme war lauter und tiefer als Teazers. Ein paar Mädchen drehten sich um und warfen ihm böse Blicke zu. Der Junge ließ sich davon nicht stören. „Hey, RUM TUM TUGGER!!!“

***


Zach sah irritiert von seinen Autogrammkarten auf. Seine Augen suchten die Menge ab und blieben schließlich an der Rothaarigen hängen, die die anderen weit überragte.
Julie hatte nicht genau verstanden, was Jerrie gerufen hatte - und es war Jerrie gewesen, daran hegte sie keinerlei Zweifel. Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Wieso bloß mussten die Zwillinge immer so unangenehm auffallen? Konnten die sich nicht einmal wie normale Menschen benehmen? Sie schämte sich für die beiden.
Der Sänger hielt immer noch die Karte in der Hand, die er gerade für sie signieren wollte, während er mit undefinierbarem Blick Teazer anstarrte. Julie verspürte das dringende Bedürfnis, sich für dieses peinliche Verhalten zu rechtfertigen. „Tut mir Leid, meine Freunde sind machmal…“, sprach sie Zach an, bis sie bemerkte, dass dieser breit grinste.
„Du kennst die Zwillinge?“, fragte er sie.
Julie nickte irritiert.
Der Braunhaarige kritzelte etwas auf die Rückseite einer Autogrammkarte. „Kannst du ihnen das geben?“ Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. „Julie, richtig?“ Wieder nickte sie, zu verwirrt, um sich verbal zu verständigen.
Zach nahm eine weitere Autogrammkarte zur Hand und schrieb schwungvoll Für Julie darauf. „Und  die ist für dich, liebste Julie.“ Er reichte ihr beide Karten. „Wir sehen uns später beim Auftritt! Du kommst doch, oder?“ Er zwinkerte ihr zu. Wieder konnte das Mädchen nur nicken.

„Was war das denn?“, fragte Leah aufgeregt, als die Gruppe sich aufzulösen begann. „Der hat sich ja richtig mit dir unterhalten! Mega cool!“
Julie nickte. Sonst war sie wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber seit sie hier war, brachte sie kaum einen Ton heraus.
Taylor und Jerrie mit Teazer auf den Schultern gesellten sich zu ihnen. „Na da ist aber jemand rot geworden“, stellte ihre beste Freundin grinsend fest.
Sie fasste sich an die Wange und merkte, dass sie tatsächlich glühte. Julie konnte sich kaum erinnern, wann sie das letzte mal so rot geworden war. Peinlich…
„Es hat nicht funktioniert“, maulte Teazer, während sie von Jerries Schultern kletterte. „Dabei hat er uns gesehen! Ich bin mir sicher, dass er uns gesehen hat!“
„Was sollte die Aktion eigentlich?“, wollte Taylor wissen. „Warum probt ihr hier so nen Aufstand?“
„Also ich fand’s lustig!“, meinte Leah. Bevor sie noch etwas hinzufügen konnte, unterbrach Julie das Gespräch: „Ich hab zwar auch keine Ahnung, was ihr euch dabei gedacht habt, aber es hat funktioniert. Hier!“ Sie gab ihnen die Autogrammkarte. „Die soll ich euch von Zach geben.“
„Waas?!“, machte die Rothaarige empört. „Ein Autogramm? Was denkt der sich eigentlich?!“
„Es ist nicht mal ein Autogramm“, korrigierte Jerrie trocken. „Steht gar nichts drauf. Es ist also bloß ne blöde Karte mit nem Bild von ihm…“
Julie verdrehte gereizt die Augen. Für wen hielten sich die beiden? Erst veranstalteten sie so einen Zirkus, um Zachs Aufmerksamkeit zu erlangen, hatten sogar Erfolg damit und beschwerten sich dann über die Autogrammkarte, die er ihnen extra hatte zukommen lassen. „Rückseite“, informierte sie die Zwillinge. „Er hat was auf die Rückseite geschrieben.“
Teazer drehte die Karte um und alle beugten sich darüber.
„Was für eine Sauklaue“, murmelte Taylor.
Leah las vor, was sie entziffern konnte: „M & R… 22.00h Eingang Kü… Kunrt… Kunrtterwuse… RTT. Und was soll das heißen?“ Sie blickte fragend in die Runde.
„Das soll Künstlerwiese heißen“, mutmaßte Taylor. „Aber wofür stehen die Abkürzungen?“
„M & R sind Mungojerrie und Rumpleteazer!“, rief Leah aufgeregt.
Taylor warf den Zwillingen einen abschätzigen Blick zu. „Und RTT heißt Rum Tum Tugger, nehme ich an?“
Jerrie und Teazer stießen grinsend ihre Fäuste gegeneinander.

***


„Also nochmal von vorne jetzt…“, begann Leah als sie um kurz nach zehn am Tor zur Künstlerwiese warteten. „Ihr kennt Zach von früher, bevor ihr bei Oma Jenny eingezogen seid.“
Die Zwillinge nickten.
„Aber ihr wusstet nicht, dass er der Sänger von Julies Lieblingsband ist bis ihr ihn gesehen habt.“
Wieder nicken.
„Ich glaub’s einfach nicht, dass ihr bei dem Typen übernachtet habt! Das ist obercool!“, quietschte Electra.
„Und ich glaub’s einfach nicht, dass der Typ uns hier so lange warten lässt“, murrte Exotica. „Es ist gleich zehn nach und wir stehen hier seit ner geschlagenen halben Stunde!“
Niemand achtete auf sie. Etcetera war zu beschäftigt damit, nervös auf ihren Fußballen zu wippen und Electra wollte alles über Zach und ihre Begegnung wissen: „Und warum habt ihr ihn Rum Tum Tugger genannt? Ist das so ne Art Spitzname?“
Jerrie grinste seine Schwester an. „Eher ein Künstlername, oder?“ Kann man Stripper als Künstler bezeichnen? Eigentlich nicht, oder?
„Aber ihr habt doch gesagt, damals war er noch kein Sänger?“, wunderte sich Leah.
„Nein, damals war er-“
„Traurigerweise kann sich niemand mehr erinnern, was ich damals beruflich gemacht hab“, wurde Teazer unterbrochen. Der ehemalige Stripper stand plötzlich hinter ihnen und grinste verschwörerisch.
„Zach!“, rief die Rothaarige und umarmte ihn stürmisch. „Ich hab dich echt vermisst!“
„Ich dich auch, Kleine“, erwiderte er lachend und wirbelte sie einmal im Kreis herum. Dann ließ er sie los und trat ein halben Schritt zurück. „Ich hab dich kaum wiedererkannt - neue Frisur?“ Er zwinkerte ihr zu.
Jerrie räusperte sich laut.
„Immer noch ganz der große Bruder - seid ihr nicht gleich alt?“, fragte Zach. Dann grinste er und umarmte auch Jerrie.
Er musterte die Zwillinge und schüttelte ungläubig den Kopf. „Meine Fresse, seid ihr groß geworden…“ Dann verzog er übertrieben gequält das Gesicht. „Hab ich das grade wirklich gesagt? Diesen Oma-Satz? Oh mein Gott bin ich alt! Scheiße!“ Er lachte erneut. „Jetzt mal im Ernst: Ich hätte nicht damit gerechnet, euch jemals wiederzusehen.“
Der Junge bedachte ihn mit einem langen, strafenden Blick. Und woran liegt das?
„Du bist ja auch einfach verschwunden!“, schnaubte Teazer.
„Ich?“ Zach sah sie mit einer Mischung aus gespielter Empörung und echter Verwunderung an. „Wenn hier jemand einfach verschwunden ist, dann seid das ja wohl ihr!“
„Wir sind wiedergekommen“, erklärte Jerrie. Ein leiser anklagender Unterton schwang in seiner Stimme mit. „Aber du warst nicht mehr da und keiner wusste, wohin du verschwunden bist.“
„Wir saßen alleine im Regen und wussten nicht, wo wir hinsollten!“, empörte sich die Rothaarige.
Zach zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Und jetzt seid ihr hier, habt Freunde und scheinbar genug Geld, um auf Festivals zu gehen - scheint doch ganz gut gelaufen zu sein.“
Jerrie grinste. „Das Geld haben wir geklaut und die drei hier bestochen, damit sie sich als unsere Freunde ausgeben. Normalerweise wohnen wir unter einer Brücke, frieren und hungern.“ Irgendwie ist es tatsächlich ziemlich gut gelaufen. Aber das haben wir nicht dir zu verdanken…
„Während du als Sänger im Rampenlicht stehst, Autogramme an Groupies verteilst und dich bejubeln lässt“, ergänzte das Teazer. Ein leises Grinsen konnte sie sich dabei nicht verkneifen. „Wie hast du das eigentlich geschafft?“
Der ehemalige Stripper winkte ab. „Lange Geschichte! Aber was ist mit euch? Wie seid ihr so schnell sesshaft geworden?“
Die Zwillinge grinsten. „Das ist eine noch längere Geschichte. Wir erzählen sie dir wenn du Zeit hast!“

***


„Ich fürchte er hat keine Zeit!“ Eine Frauenstimme ließ Julie, Zach, Leah, Taylor und die Zwillinge herumfahren.
Die Gitarristin, erkannte Julie. Thea Jackson. Sie war erst vor kurzem zur Band dazu gestoßen, nachdem sich der frühere Gitarrist die Hand gebrochen hatte. Gerüchten zu folge waren sie und Zach ein Paar, aber Julie hatte das nie geglaubt. Sie sah umwerfend aus, aber der Sänger genoss den Ruf, kein Interesse an festen Beziehungen zu hegen.
Zach grinste die junge Frau an. „Thea! Darf ich vorstellen, das sind-“
„Ein paar süße Groupies, die außerdem viel zu jung für dich sind“, unterbrach die Schwarzhaarige ihn in einem Tonfall, der irgendwo zwischen Belustigung und Geringschätzung schwankte. „Ja, das sehe ich.“ Das neckische Funkeln ihrer Augen ließ die arroganten Worte weniger harsch klingen.
Der Braunhaarige schlang seinen Arm um ihre Taille und zog sie dicht an sich heran. „Ich bitte dich, Thea, was denkst du denn von mir?“, schnurrte er. Sein linker Mundwinkel war spöttisch nach oben gezogen. „Als würde ich jemals die Grenzen einer offenen Beziehung überstrapazieren…“
Er wollte sie küssen, doch die Gitarristin - die scheinbar doch seine Freundin war, wie Julie mit leichtem Bedauern feststellte - wand sich aus seinem Griff und lächelte ihn überlegen an. „So nicht, mein Lieber! Ganz so leicht bin ich auch nicht abzulenken!“
„Ist das nicht…“, murmelte Teazer.
Thea Jackson schien noch etwas hinzufügen zu wollen.
Jerrie nickte. „Bombalurina…“
Die Gitarristin starrte sie irritiert an.
Bevor sie etwas sagen konnte, mischte Zach sich wieder ein: „Erinnerst du dich an den Abend, als du die Bühne für mich übernommen hast?“
„Ja?“ Sie sah ihn fragend an.
„Ich hab dir doch von den Zwillingen erzählt, die im Club aufgetaucht sind: Mungojerrie und Rumpleteazer.“ Er deutete auf die beiden und grinste. „Tadaa! Hier sind sie.“
Nun blickte Thea endgültig verwirrt drein. „Ich dachte nicht, dass… Die gibt es wirklich?!“
Jerrie erwiderte den Blick mit einem überlegenen Grinsen. „Unerlaubtes Eindringen in öffentliche Gebäude, lautlose Belagerung fremder Wohnungen…“
„…inklusive deren Bewohner“, fügte Teazer mit einem Seitenblick auf Zach hinzu.
„Sowie unbemerktes und spurloses Verschwinden - Eine unserer leichtesten Übungen! Ladys and Gentlemen…“
„…die unfassbaren Mungojerrie und Rumpleteazer!“
Ohne sich auch nur einen Blick zuzuwerfen verbeugten die Zwillinge sich synchron.


Und triffst du auf Anhieb wie Katzen das C
Und erntest dafür triumphalen Applaus?



Wen es interessiert: Zachs lange Geschichte, wie er zu seiner Band und mit Thea zusammengekommen ist, gibt es wirklich - bislang leider nur in meinem Kopf^^’ Sollte ich die Zeit dazu finden, werde ich sie irgendwann aufschreiben, aber ich fürchte, das kann noch das ein oder andere Jahr dauern…
Und hier noch der Link zum Monster-Ranger Opening: https://www.youtube.com/watch?v=bKOahtlr25E
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast