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Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
6
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06.06.2015 3.249
 
Hallihallo^^ Ich weiß, ich bin mal wieder spät dran und hätte mir auch klimatisch gesehen kaum einen unpassenderen Tag aussuchen können, um dieses winterliche Kapitel zu Ende zu schreiben und euch zum Fraß vorzuwerfen^^
Trotzdem wünsche ich euch viel Spaß hiermit :)


Und auch eine Parade studierten sie ein:
"For She's a jolly good fellow!“


„I’m singing in the rain…“
Platsch. Wasser spritzte an den pinken Gummistiefeln hoch.
„Just siiinging in the rain!“, stimmte Jerrie mit ein.
„Lala laa, lala laaa la… la la lala laa…“, trällerte Teazer, weil das alles war, was sie vom Text behalten hatte.
„Ist die Felfe eigentlich wasserfest?“, fragte der Junge, als sie in die nächste Pfütze hüpfte.
Die Gummistiefel, die die beiden trugen, waren noch Überbleibsel aus Cailins und Isobels Kindheit. Während Cailin, die ältere Gumbietochter, sich mit roten Regenschuhen zufrieden gegeben hatte, hatte Isobel ihren Dickschädel durchgesetzt und pinke Stiefel mit einem menschenähnlichen, geflügelten Wesen darauf bekommen.
Bei diesem Wesen, hatte ihnen Miss Gumbie erklärt, handele es sich keineswegs um eine Elfe, wie Teazer behauptet hatte, sondern um eine Fee.
Für die Kinder war das das selbe.
Für Jenny Gumbie nicht. Elfen seien zwar übernatürlich schön mit ihren Porzellangesichtern und den meist mit Blumen geschmückten, langen Haaren, aber abgesehen von ihrer Güte und Naturverbundenheit hätten sie doch viel mit Menschen gemein, hatte die alte Dame zu einem Vortrag angesetzt. Feen hingegen seien viel kleiner und trügen hauchdünne Flügel auf ihrem Rücken.
„Und wie nennt man dann eine Elfe mit Flügeln?“, hatte das Mädchen nachgehakt.
„So etwas gibt es im klassischen Fantasy nicht. Aber es spricht nichts dagegen, dass du so ein Wesen erfindest.“ Die alte Dame hatte geschmunzelt und hinzugefügt: „Du könntest es ja Felfe nennen.“
„Oder Eee“, hatte Jerrie seinen Teil zum Gespräch beigetragen.

„Schade, dass Electra und Julie nicht rauskommen durften…“ Ihre Eltern waren nicht gerade begeistert gewesen von der Idee, bei Nieselregen auf den nassen Straßen zu spielen. Das bisschen Regen…
Teazer nickte. Genau! Die sollen sich mal nicht so anstellen!
In den fünf Wochen, die sie nun schon bei Jenny Gumbie wohnten, hatte der Regen seinen Schrecken verloren. Wenn man ein Zuhause hatte, zu dem man jederzeit zurückkehren konnte, war das nasskalte Wetter nur noch halb so ungemütlich.

Zuhause angekommen, kippten sie das Wasser aus den Gummistiefeln und tauschten ihre durchnässte Kleidung gegen etwas Trockenes ein. Miss Gumbie hatte ihnen die letzten verbliebenen Kindersachen rausgelegt, die von früher übrig geblieben waren und kam kaum mit dem Waschen hinterher, so schnell machten die Zwillinge alles dreckig.
Zu Jerries Glück waren pinke Gummistiefel und Nachhemden mit Einhörnern drauf eher die Ausnahme. Die Gumbiekinder hatten wenig typische Mädchenkleidung getragen.
Auch dazu hatte die pensionierte Lehrerin ihnen einen Vortrag gehalten. Über Geschlechterrollen, Emanzipation und konservative Erziehung, die nie zur Verbesserung der Gesellschaft führen konnte.
Mungojerrie und Rumpleteazer hatten das Problem nicht verstanden. Sie waren Zwillinge, hatten oft genug die gleiche oder zumindest ähnliche Kleidung getragen. Auch ihrem Verhalten merkte man keine geschlechtsspezifischen Unterschiede an. Ob das nun Jerrie zu einem mädchenhaften Jungen oder Teazer zu einem jungenhaften Mädchen machte, hatten sie sich nie gefragt.

***


Jenny Gumbie saß in ihrem Sessel und tat so als würde sie ein Buch lesen, während sie in Wirklichkeit die Zwillinge beobachtete.
Mungojerrie und Rumpleteazer hockten vor dem niedrigen Wohnzimmertisch und malten. Das Häkeldeckchen samt Nippeskatze hatten die Kinder zur Seite geschoben, die Buntstifte, die Jenny ihnen hingelegt hatte, lagen kreuz und quer über den Tisch verteilt, Radiergummifusseln bedeckten die noch unbemalten Blätter.
Die beiden schienen sich ganz langsam daran zu gewöhnen, dass man sich auch im Haus beschäftigen konnte.
Bevor sie in Victoria Grove 12 eingezogen waren, hatten Jerrie und Teazer immer nur draußen gespielt. Sie kannten es gar nicht anders, schließlich hatten sie ihr Leben lang in einem Zirkuswagen gelebt, der wenig Raum zum spielen ließ.
Besonders im Kontrast zu ihren eigenen Töchtern fiel das auf, die zeitweise ganze Tage mit einem Buch drinnen gesessen hatten, bis Jenny sie raus an die frische Luft gescheucht hatte.
Irgendwann hatten die Zwillinge keine Lust mehr und machten Anstalten aus dem Wohnzimmer zu verschwinden.
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Na, nach draußen!“
„Es regnet ja auch gar nicht mehr“, fügte Jerrie hinzu.
„Um diese Uhrzeit nicht mehr“, stellte die ehemalige Lehrerin klar.
Teazers Protest „Aber es ist doch erst fünf Uhr!“ wurde damit abgetan, dass es im Winter auch um kurz nach fünf schon zu dunkel war, um noch draußen zu spielen.
„Und außerdem“, fügte sie hinzu, „habt ihr eure Malsachen noch nicht weggeräumt!“
Die Kinder durften gerne so viel Unordnung machen, wie sie wollten, solange sie hinterher alles wieder aufräumten.
Murrend wurden Stifte und Blätter in ihrer Schublade verstaut.
Jenny lächelte zufrieden. Ihre Erziehungsmaßnahmen zeigten erste Wirkung. Jetzt musste sie die beiden nur noch dazu bringen, auch ohne vorherige Ermahnung Ordnung zu halten.

„Und jetzt?“, fragte Rumpleteazer. „Zum Schlafengehen ist es zu früh und zum rausgehen zu spät - was sollen wir jetzt machen?“
Den beleidigten Unterton ignorierte Jenny gekonnt. „In einer Dreiviertelstunde gibt es Abendbrot. Wir können vorher ein Gesellschaftsspiel spielen, wenn ihr wollt.“
Die Zwillinge wechselten mit hochgezogenen Brauen einen Blick und schüttelten dann fast synchron die Köpfe.  
„Gesellschaftsspiele sind doof“, befand der Junge.
Jenny konnte sich kaum vorstellen, dass die beiden jemals ein Gesellschaftsspiel gespielt hatten. „Wir können es ja mal ausprobieren. Kommt mit!“
Sie führte die Kinder in ihr altes Arbeitszimmer, das heute hauptsächlich als Aufbewahrungsort für Bücher, Fotoalben und zahlreiche Ordner mit Geburtsurkunden, Steuererklärungen und sonstigen Formularen diente.
Sie öffnete einen Schrank, der zur Hälfte mit Spielesammlungen, Karten- und Brettspielen gefüllt war.
„Wir sollten mit etwas einfachem anfangen. Malefitz oder Halma zum Beispiel.“
Die Zwillinge hörten ihr gar nicht zu. „Hier stehen ja noch mehr Fotoalben!“
„Die sind ja uralt!“
Jenny war zwar nicht begeistert davon, dass die beiden ihren Vorschlag einfach übergangen hatten, aber das Interesse für ihre Fotoalben freute sie.
„Die Fotos hier im Schrank sind alle älter als ihr… Möchtet ihr sie sehen?“
Die Zwillinge nickten und Jenny nahm ein in rotes Leder gebundenes Album heraus.

***


Wenig später saß Miss Gumbie auf dem geblümten Sofa, Teazer links von ihr, Jerrie rechts.
Auf der ersten Seite war ein sepiafarbenes Klassenfoto zu sehen: Eine Gruppe von Kindern, kaum älter als die Zwillinge, stand ordentlich aufgereiht auf einer Treppe vor einer großen Eingangstür. Vorne Rechts stand eine junge Frau von vielleicht 25 Jahren, links hinten eine etwas ältere mit verkniffenem Gesichtsausdruck.
Teazer sah zu Miss Gumbie auf. „Sind Sie auch auf dem Foto drauf?“
Die alte Dame nickte. „Ihr könnt ja versuchen, herauszufinden, wer ich bin.“
Jerrie hatte nicht genau darauf geachtet, welches Datum auf dem Einband gestanden hatte, und selbst wenn hätte er bestimmt nicht errechnen können, wie alt Jenny Gumbie damals gewesen war. Also ließ er ziellos seinen Blick über das schon etwas vergilbte Foto schweifen.
„Wäre es ein Buntfoto, könnte man mich leicht an der Haarfarbe erkennen“, schmunzelte die pensionierte Lehrerin, die heute einen graublauen Pullover mit Spitzenkragen trug. „Damals hatte ich fast so rote Haare wie ihr. Etwas heller werden sie wohl gewesen sein.“
Teazer betrachtete die Mädchen auf dem Foto. Keins hatte große Ähnlichkeit mit der pummeligen alten Dame und vorstellen, wie diese früher ausgesehen haben mochte, konnte sie sich auch nicht.
Miss Gumbie lachte. „Bei den Schülern braucht ihr gar nicht zu suchen - Ich war die Lehrerin!“
„Die da?“, fragte Jerrie verwundert und zeigte auf die grimmige Mittvierzigerin im Hintergrund. „Die sieht aber gar nicht nett aus…“
„Aber nein! Das ist Miss Maclaren, die Schulleiterin. Ich bin diese hier.“
Die junge Frau vorne rechts, die freundlich in die Kamera lächelte.
Jerrie und Teazer stießen mit den Köpfen zusammen, als sich beide hinunterbeugten, um die junge Miss Gumbie besser erkennen zu können.
Tatsächlich konnte man eine gewisse Ähnlichkeit zu der alten Dame erkennen, auch wenn die Jenny auf dem Foto viel schlanker und sportlicher wirkte, ihr Gesicht von Sommersprossen bedeckt war und die zum Zopf gebundenen Haare ihr weit über die Schultern reichten. Doch sie hatte die selben wachen Augen und schon damals ein leicht rundliches Gesicht. Außerdem trug sie eine wild gemusterte Handtasche.
Jerrie grinste seine Schwester an. Daran hätten wir sie eigentlich erkennen müssen!
Teazer nickte. Hätten wir!

Während Miss Gumbie ihnen Fotos von ihrer alten Schule in Schottland und ihren Schülern zeigte, erzählte sie von den Verhältnissen damals. Dass es eine Schule in einem Problemviertel gewesen war mit vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Wie schwierig es manchmal gewesen war, sich als Lehrerin - gerade als sehr junge Lehrerin - durchzusetzen. Viele Schüler waren gewaltbereit gewesen, manche kriminell und Miss Gumbie hatte verzweifelt gekämpft, um so etwas wie Disziplin in ihre Klassen zu bringen und den ihr anvertrauten Kindern zu einer besseren Zukunft zu verhelfen.
„Lehrer ist man entweder mit Leib und Seele oder gar nicht! Wem das Wohl seiner Schüler nicht am Herzen liegt, sollte auch nicht an eine Schule gehen. Leider gibt es viel zu viele Menschen, die das anders sehen…“, schloss sie mit dem letzten Foto, das sie mit einer älteren Klasse zeigte.
„Ich bedaure sehr, dass damals so wenig Fotos gemacht wurden. So passt meine gesamte Zeit als Lehrerin in Schottland in ein einziges Album…“, seufzte sie.
Auf der allerletzten Seite hatte sie einen Abschiedsbrief von ihrer letzten Klasse eingeklebt, in dem sich die Schüler mit krakeliger Schrift für ihr Engagement und ihre Unterstützung bedankten.
„Warum haben Sie denn aufgehört als Lehrerin?“, wollte Teazer wissen. „Auf dem Foto sind Sie doch noch gar nicht so alt…“
„Ich habe nicht als Lehrerin aufgehört“, erklärte Miss Gumbie. „Ich bin nach England gegangen, um zu heiraten. Dafür musste ich meine Schule leider verlassen… Danach bin ich Lehrerin hier in Macclesfield geworden. Macclesfield ist eine kleine Stadt, aber die meisten Menschen hier sind recht wohlhabend. An dieser Schule findet man mehr Snobs als sogenannte Problemkinder.“ Mit einem milden Blick auf Mungojerrie und Rumpleteazer fügte sie hinzu: „Ein bisschen frischer Wind tut uns hier ganz gut.“

***


„So, das reicht jetzt aber. Ab ins Bett mich euch!“
Nach drei weiteren Fotoalben - nur unterbrochen vom Abendessen - kannten Jerrie und Teazer nun auch die Gesichter der Gumbiekinder, sowie Jennys Geschwister, Eltern und einige Cousins.
„Was ist eigentlich mit Patricia?“, wollte Teazer wissen. „Gibts von der keine Fotos?“
„Richtig! Sie ist ja angeblich unsere Mutter - Da sollten wir schon wissen, wie sie aussieht“, grinste ihr Bruder.
Miss Gumbie lachte. „Es gibt keine Patricia“, stellte sie klar. „Meine Verwandtschaft ist so groß, dass ich mir einen Spaß daraus gemacht habe, weitere Verwandte dazu zu erfinden - Es hat nie jemand gemerkt!“ Die alte Dame lachte wieder und schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. „Der gute Bustoper Mürr könnte euch sicher einen Stammbaum meiner gesamten imaginären Verwandtschaft aufzeichnen. Er ist sehr an Ahnenforschung interessiert und versucht doch tatsächlich all die Patricias, Aidons, Colins, Shonans und wie sie nicht alle heißen auseinander zu halten.“
Das Lachen verstummte abrupt. „So und jetzt ab ins Bett mit euch!“ Streng blickte sie die Zwillinge an. Dann lächelte Miss Gumbie verschmitzt. „Ich war fast 40 Jahre lang Lehrerin und habe zwei eigene Kinder großgezogen - Ich kenne alle Tricks!“
„Naa gut…“, seufzte Teazer und setzte ein möglichst niedliches Lächeln auf. „Liest du uns noch was vor?“
„Es ist spät genug“, wehrte die pensionierte Lehrerin ab. „Ihr wollt doch fit sein für morgen.“
„Was ist denn morgen? Weihnachten ist doch erst übermorgen…“
Die alte Dame zog streng die Brauen zusammen. „Und wann wollt ihr das Haus schmücken?“

***


Am 24. Dezember holte Jenny Gumbie die ordentlich in Kartons verpackte Weihnachtsdeko aus dem Keller. Die Kinder durften bunte Girlanden im ganzen Haus verteilen und den Weihnachtsbaum mit Stroh- und Papiersternen behängen. Bei dem Versuch, dem Baum seine goldene Spitze aufzusetzen, wackelte dieser bedrohlich.
Während sie die Zwillinge ermahnte, vorsichtiger zu sein, befestigte Jenny eine lange Kordel an der Wand und hängte drei lange, bunte Strümpfe daran.
„Das ist das erste, was ihr morgen nach dem Aufstehen nachgucken solltet: Ob Father Christmas etwas in eure Stockings getan hat.“
Jerrie und Teazer wechselten mit glänzenden Augen einen Blick. Ihr erstes richtiges Weihnachtsfest! Mit großem Weihnachtsbaum, Stockings und Truthahn. Miss Gumbie hatte gestern einen bestellt. Den Zwillingen hatte sie erklärt, dass er Gregor genannt wurde.
„Alle Truthähne heißen Gregor?“, hatten die beiden ungläubig nachgefragt.
„Alle Truthähne heißen Gregor.“

***


Am Abend konnten die Kinder kaum schlafen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir jemals so lange irgendwo bleiben…“, sagte Teazer schließlich, nachdem sie sich lang und breit ausgemalt hatten, wie der morgige Tag wohl werden würde.
„Irgendwie gab es immer was, für das es sich gelohnt hat zu bleiben…“, sinnierte ihr Zwilling „Electras Geburtstag zum Beispiel…“
„Oder ein Dach über dem Kopf, wenn es wieder so geschüttet hat“, fügte das Mädchen hinzu.
„Der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Manchester…“
„Ein Buch zu ende vorgelesen bekommen…“
„Plätzchen backen…“
„Miss Gumbies Schweinekoteletts…“
Die ehemaligen Zirkuskinder sahen einander an. Electras Geburtstag war wirklich ein Grund zum Bleiben gewesen. Aber das waren drei Tage gewesen. So sehr geschüttet, dass sie nicht hätten weiterziehen können, hatte es auch eher selten.
Und der Rest? Das waren keine Gründe.
Das waren Ausreden.
Mungojerrie und Rumpleteazer waren nicht geblieben, weil sie erfahren wollten, wie Harry Potter ausging oder weil das Essen hier so gut war.
Sie waren geblieben, weil es ihnen hier gefiel, weil sie die verschrobene alte Frau mochten und weil sie langsam, ganz langsam zu verstehen begannen, was zuhause wirklich bedeutete.

***


„Jerrie!“, flüsterte Teazer mit Nachdruck. „Aufstehen!“
Keine Reaktion.
„Jerrie! Heute ist Weihnachten!“
Schlagartig war der Junge hellwach.
Gemeinsam schlichen sie ins Wohnzimmer, wo sie gestern den Baum geschmückt hatten. Darunter lagen schön verpackt in grünem, rotem und buntem Papier mit und ohne Schleifen die Geschenke.
Der Zwillinge konnten ihre Blicke kaum abwenden, rissen sich dann aber doch von dem ebenso herrlichen wie ungewohnten Anblick los. Schließlich hatte Miss Gumbie ihnen doch geraten, erst nach den Weihnachtsstrümpfen zu sehen.
Zwei Stockings hingen prall gefüllt an der Kordel. Der dritte war leer.
Teazer runzelte die Stirn. „Hat Miss Gumbie nichts bekommen?“, fragte sie immer noch im Flüsterton.
„Wo denkst du hin! Ich habe meinen Strumpf schon geleert!“ Erschrocken fuhren die Kinder herum.
In ihrem geblümten Lieblingssessel saß die alte Dame und knackte seelenruhig eine Walnuss, die zusammen mit Schokolade, Mandarinen und Plätzchen auf dem Beistelltischchen gelegen hatte.
„Warum sind sie schon auf?“, fragte Jerrie nun viel lauter als Teazer zuvor. Bis gerade eben hatten sie das Gefühl gehabt, nachts durch ein schlafendes Haus zu schleichen. Fast wie damals als sie noch darauf angewiesen gewesen waren, von den Hausbesitzern unentdeckt zu bleiben.
Dabei musste Miss Gumbie schon länger wach sein: Im Gegensatz zu Mungojerrie und Rumpleteazer, die noch in Schlafanzügen herumliefen, war sie bereits angezogen, ordentlich gekämmt und machte den Anschein als säße sie schon ewig genau so in ihrem Sessel.
„Ich wollte doch nicht verpassen, wie ihr eure Geschenke auspackt! Wie hätte ich denn ahnen können, dass ihr zwei am Weihnachtsmorgen so lange schlafen könnt…“ Sie gluckste leise. Ein Geräusch, dass für Teazer nach Berlioz Taubengurren und für Jerrie nach purer Zufriedenheit klang.
„Jetzt macht schon!“, lächelte die alte Dame. „Wollt ihr denn nicht wissen, was Father Christmas euch gebracht hat?“

***


Ab da gab es kein Halten mehr. Die Zwillinge stürzten sich auf ihre Geschenke, rissen die glänzenden Geschenkbänder und das weihnachtliche Papier herunter.
Miss Gumbie beobachtete das Schauspiel zufrieden, während sie selbst mit einer Schere vorsichtig das Paket von Cailin und ihrem Mann öffnete.
Isobel hatte sie gestern angerufen und gefragt, ob ihr Paket ebenfalls angekommen sei. Jenny hatte verneint, sich kurz mit ihrer Tochter unterhalten, sich die ein oder andere Neuigkeit aus Schottland berichten lassen, wohin Isobel nach dem Studium zurückgegangen war.
Von ihrem Plan hatte Jenny ihr nichts gesagt.

Teazer befreite eine rotbraune Teddyweste mit angenähten Ohren von Geschenkpapier und zog sie vor Freude quietschend an.
Mit den Worten „Du bist so flauschig!“ wurde sie von Jerrie umarmt, der seinerseits eine graue Wollmütze mit Katzenohren trug.
Wie lange war es her, dass sich jemand so sehr über ihre Geschenke gefreut hatte? Erwachsene schenkten einander immer bloß etwas Praktisches, im schlimmsten Fall sogar etwas, das sie selbst gekauft, verpackt und der Schenkende noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Kinder dagegen hatten ihre wahre Freude an den Überraschungen, die sich unter dem bunten Papier verbargen. Und sie fieberten Weihnachten entgegen als würde es sich nicht jedes Jahr wiederholen. Mit jedem Tag wuchs die Vorfreude auf das große Fest.
Auch Jerrie und Teazer waren aufgeregt gewesen. Ihre Versuche, sich nichts anmerken zu lassen, hatten die ehemalige Lehrerin nicht täuschen können.
Sie selbst war da erfolgreicher gewesen. Die Zwillinge hatten es nicht gemerkt, aber Jenny war mindestens genauso aufgeregt wie sie.

***


Nachdem alle Geschenke ausgepackt, Plätzchen gegessen waren und Miss Gumbie ihnen das ein oder andere Weihnachtslied abgerungen hatte, sagte die alte Dame: „Ich habe noch ein Geschenk für euch beide… wenn ihr es denn möchtet…“
„Noch eins?“, fragte Teazer mit großen Augen. Sie hatte nie in ihrem Leben so viele Geschenke auf einmal bekommen.
„Warum sollten wir es nicht wollen?“, fragte Jerrie.
„Ich…“ Miss Gumbie zögerte. Das war noch nie vorgekommen, seit die beiden Zwölfjährigen in Victoria Grove 12 eingezogen waren. Dieses Geschenk musste etwas wirklich besonderes sein.
Jenny Gumbie lächelte. „Ich würde euch gerne adoptieren“, sagte sie dann.
Teazers Augen wurden noch größer. „Uns…“
„…adoptieren?“, hauchte Jerrie.
„Lasst mich kurz etwas sagen, bevor ihr euer Urteil fällt“, bat die alte Frau mit nervösem Lächeln. „Ihr wisst, dass ihr bleiben könnt, solange ihr wollt. So oder so. Und wenn ihr gehen wollt, könnt ihr jederzeit wiederkommen. Meine Tür steht euch immer offen. Aber ich würde es bevorzugen, wenn ihr ganz bleiben würdet und ich nicht jeden Tag fürchten muss, dass ihr euren Zwischenstopp beendet und einfach weiterzieht… Ich möchte euch adoptieren, damit wir eine richtige Familie sein können… Aber“ Sie sah die beiden eindringlich an, bedeutete ihnen, sie nicht zu unterbrechen. „es gibt zwei Bedingungen. Erstens: Ihr geht in die Schule!“
Mungojerrie und Rumpleteazer sahen einander an. Schule war okay. Vielleicht wären sie sogar in der selben Klasse wie Electra. Wenn sie nicht weiterziehen mussten, hatten sie sogar die Chance, noch mehr Freunde zu finden.
Die Zwillinge nickten.
„Bedingung akzeptiert!“, verkündete Teazer.
„Und die zweite?“, wollte Jerrie wissen.
Der strenge Ausdruck auf dem rundlichen Gesicht verzog sich wieder zu einem verschmitzten Lächeln. „Ihr nennt mich nicht mehr Miss Gumbie.“
„Aber so heißen Sie doch…“, wunderte sich Mungojerrie.
„Wie sollen wir Sie denn dann nennen?“, fragte seine Schwester. „Oma Jenny?“
„Mag sein, dass ich eure Oma sein könnte“, lachte die alte Dame. „Aber so alt fühle ich mich dann doch noch nicht. Nennt mich einfach Tante Jenny!“
Es folgte ein weiterer, längerer Blickwechsel als zuvor.
Diesmal war es Jerrie der die stumme Einigung verkündete: „Nö! Das ist uns zu blöd!“
Teazer nickte bekräftigend. „Wir bleiben bei Oma Jenny!“

Ach, ihr seid nett!



Halt! Stopp! Hier geblieben! Das ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Genau genommen habt ihr grade mal die Hälfte geschafft… Ich hab noch einiges vor mit den beiden. Wie heißt es so schön? There are no happy ends, because nothing ever ends ;)
Damit verabschiede ich mich bis zum nächsten Kapitel und freue mich wie immer über Reviews, Kritik, Lob, Nachfragen zur Story oder zum englischen bzw schottischen Weihnachtsfest oder was euch sonst noch so einfällt^^

!!!Edit!!!
Was ich ganz vergessen habe: Da ich die nächsten drei Wochen weg und vollzieht beschäftigt bin, wird das nächste Kapitel leider etwas auf sich warten lassen... Ich versuche natürlich wie immer bis zum 5. fertig zu sein, aber da ich erst am 4. wieder hier bin, halte ich das für ziemlich unrealistisch.
Also bitte nicht wundern, wenn es ein paar Tage länger dauern wird.
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