Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Frei wie der Wind

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Mungojerrie Rumpelteazer
01.08.2014
30.04.2020
14
46.508
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.05.2015 4.013
 
Hallihallo, ich lebe noch^^
Mein Ziel war es ja eigentlich, immer zu Monatsanfang ein neues Kapitel hochzuladen. Jetzt die entscheidende Frage: Was bitte ist Monatsanfang? :D Ich habe beschlossen, der geht bis zum 5. eines jeden Monats - womit ich jetzt zwei Tage zu spät bin. Ich denke, das ist zu verzeihen^^ Als Entschädigung ist es aber auch ein recht langes Kapitel geworden.
Viel Spaß damit!


Ihnen fehlt die Kultur,
ihnen fehlt der Benimm!


In Macclesfield gab es einen Spielplatz. Auf dem Spielplatz gab es ein großes Klettergerüst. Und oben auf dem Klettergerüst stand ein Mädchen.
Eigentlich waren die roten Metallstangen, die in kurzen Abständen von einem Rutschturm zum anderen führten, dazu gedacht, mit den Händen an ihnen entlang zu hangeln. Sich mit den Beinen daran zu hängen oder gar sich oben drauf zu stellen, war nicht vorgesehen. Aber an Regeln wie diese hatten die Zwillinge sich noch nie gehalten.
„Ich bin die Königin der Welt!“, rief Teazer. „Guck mal, Jerrie, ich kann fliieegen!“ Mit diesen Worten sprang sie vom Klettergerüst, rollte sich ab und kam mit einer einzigen fließenden Bewegung zum Stehen. „Tadaaa!!!“
Durch die Rolle war ihr Pullover nun voller Sand, aber das störte das Mädchen nicht im Geringsten. Sie hatte unverschämt gute Laune.
Seit drei Tagen waren sie nun bei Jenny Gumbie. Die Zirkuskinder konnten sich nicht daran erinnern, jemals in so weichen Betten geschlafen oder so köstliches Essen gegessen zu haben. Vielleicht kam es ihnen nach den ganzen geklauten Imbissen und Teigwaren zum Mittagessen aber auch nur so vor.
Während Teazer sich erfolglos Sand aus den roten Haaren zu strubbeln versuchte, ließ Jerrie die Arme baumeln. Er hing kopfüber an einer der Stangen, auf denen seine Schwester bis eben noch gestanden hatte. Der schwarze Pullover war ihm bis unter die Achseln heruntergerutscht, das T-Shirt, das er darunter trug, steckte in der Hose. Miss Gumbie hatte darauf bestanden, dass sie sich bei dem kaltnassen Wetter anständig anzogen.
Der Junge schaukelte noch einmal mit dem Oberkörper hin und her, bevor er sich nach oben zog und auf die roten Stangen setzte.
„Miss Gumbie würde bestimmt ausrasten, wenn wir mit ihren Tellern jonglieren würden“, sagte Teazer. „Glaubst du eigentlich, man verlernt sowas?“ Das ganze Zirkuszeug meine ich.
„Ach was!“, meinte Jerrie. „Ich wette, wir sind noch genauso gut wie früher!“ Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, aber früher lag nicht mal zwei Wochen zurück.
Der Zwölfjährige stützte die Hände auf einer der Metallstangen ab, holte vorsichtig mit den Beinen Schwung und stand im Handstand auf dem Klettergerüst. „Siehst du?“, grinste er. Gar kein Problem!
Er hob eine Hand an. Sein Körper zitterte leicht. Schnell griff er nach der nächsten Stange, verlagerte sein Gewicht nach vorn und zog die andere Hand nach. Es war nicht einfach, die Körperspannung zu halten, aber es funktionierte. Er warf einen Blick auf Teazer, die von unten zu ihm heraufsah und zufrieden nickte. Übermütig nahm er nun wieder eine Hand vom Gerüst und streckte sie waagerecht zur Seite aus, sodass sein ganzes Gewicht auf nur einem Arm lastete. Sein ganzer Körper zitterte vor Anstrengung. Gerade als er die Hand wieder aufsetzen wollte, knickte der andere Arm weg.
Mungojerrie krachte mit dem Rücken auf die Hangelstangen, hatte aber noch genug Schwung, um über den Rand des Gerüsts hinaus in den Sand unter ihm zu fallen, wo er mit verzogenem Gesicht liegen blieb.
„Jerrie!“ Sein Zwilling war sofort bei ihm. „Hast du dir wehgetan?!“
„Ja, verdammt!“ Blöde Frage! Wonach siehts denn aus?
Er richtete sich auf und rieb sich die Schulter, wo bestimmt ein schöner blauer Fleck entstehen würde. „Gehts wieder?“, fragte Teazer.
Der Junge nickte. So schlimm war es jetzt auch nicht gewesen. Bei Zirkusproben hatten sie beide sich schon wesentlich schlimmer verletzt.
Rumpleteazers Mundwinkel zuckten, dann fing sie an zu lachen. „Sorry, aber das sah echt bescheuert aus! Dein Gesicht!“
„Lach nicht!“, fuhr ihr Bruder sie an. Halt die Klappe! Blöde Kuh!
Das Mädchen hörte nicht auf zu lachen.
„Das ist nicht witzig!“, protestierte Jerrie noch, dann stimmte auch er in das Lachen mit ein.

Teazer zog ihren Bruder auf die Beine. „Lass uns nach hause gehen. Ich glaube, es fängt gleich an zu regnen…“ Sie sah hoch zum grau verhangenen Novemberhimmel. Ich mag keinen Regen…
Jerrie nickte. Ich auch nicht. Letztes mal hat er uns nur Pech gebracht…
Die Selbstverständlichkeit, mit der Teazer nach hause gesagt hatte, störte keinen der beiden.  Auch den Zirkus oder die alte Oper hatten sie als zuhause bezeichnet. Zuhause war einfach ein Ort, an dem man schlafen, an den man sich zurückziehen konnte, an dem man für eine Weile sicher war. Tatsächlich zuhause gefühlt hatten die Zwillinge sich noch nirgendwo.

Der Spielplatz lag so ziemlich am anderen Ende der Stadt. Die beiden Zwölfjährigen rannten durch die Straßen, klingelten Sturm und wurden schließlich pitschnass von Jenny Gumbie  ins Haus gelassen, die ihnen erstmal ein heißes Bad einließ und sich über die verdreckte Kleidung beschwerte.
Nach einer Dreiviertelstunde kam die alte Dame ins Badezimmer. „Jetzt kommt aber langsam wieder raus da - Ihr habt ja schon Waschfrauenfinger.“
Um ihre Beine stich eine kleine grau-braune Katze mit eingerissenem Ohr.
„Hallo Berlioz!“, begrüßte Jerrie den Kater. Er mochte Katzen. Sie waren geschickt und clever und unabhängig. Ein bisschen wie Teazer und er. Sie konnten gut klettern, hatte keine Herrchen, von denen sie sich Befehle erteilen ließen. Katzen waren schließlich keine Hunde. Katzen durften alles - Also sie durften nicht wirklich alles, aber wenn sie etwas anstellten, wurden sie nicht zur Rechenschaft gezogen. Katzen wurden nicht geschlagen, wenn sie die Wurst vom Brot stibitzten und wenn man sie anschrie, weil sie etwa runtergeschmissen hatten, war ihnen das egal. Katzen konnte man nicht erziehen, weil sie sich nicht erziehen lassen wollten. Es war ihnen gleich, ob der Mensch, der sich für ihren Besitzer hielt, sich über sie ärgerte oder nicht.
Also wirklich wie Teazer und er.
Ihm fiel wieder ein, was Miss Gumbie gestern am Frühstückstisch gesagt hatte. Dass man Katzen sehr wohl erziehen konnte, wenn man nur konsequent genug war.
Jerrie glaubte das nicht. Und selbst wenn das bei Katzen funktioniert, dachte er amüsiert, uns kriegt sie nicht erzogen!

Als sie schließlich angezogen und mit trockenen Haaren - Jenny Gumbie hatte darauf bestanden, dass sie sich die Haare föhnten - im Wohnzimmer saßen, fragte Mungojerrie seine Schwester: „Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du?“
Sie hockten nebeneinander auf dem Teppich und streichelten Berlioz, der sich lang ausgestreckt hatte und ein gurrendes Geräusch von sich gab, das so gar nicht zu einer Katze passen wollte.
„Berlioz wäre jedenfalls eine Taube“, meinte Teazer grinsend.
„Berlioz ist eine Katze - das ist schon ein Tier…“, erwiderte der Zwölfjährige.
„Ne! Wirklich?!“, fragte seine Schwester mit gespielter Bestürzung. Das ist mir schon klar! Jetzt sei nicht so ein Besserwisser - Du weißt genau, was ich meine…
„Doch, jetzt ganz im Ernst!“, entgegnete Jerrie, als nehme er ihre Verwunderung für bare Münze. Klar weiß ich das, aber es macht trotzdem Spaß, dich zu ärgern! „Ich glaube, wir wären Katzen“, kam er dann auf seine eigentliche Frage zurück.
Sein Zwilling nickte nachdenklich, während sie den kleinen Kater hinter den Ohren kraulte. „Katzen sind total elegant - passt ja perfekt!“ Wir sind so ziemlich das Gegenteil von elegant, Jerrie…
Dieser verdrehte bloß die Augen. Bravo! Du hast die einzige Eigenschaft gefunden, die wir nicht mit Katzen gemeinsam haben…
„Aber sie haben nur Unsinn im Kopf, sind auch geschickt, kommen überall rein, können auf die höchsten Bäume klettern“, wandte sie ein. Das Mädchen legte den Kopf schief. „Dann könnten wir aber auch Eichhörnchen sein…“
Jerrie hörte ihr nur noch mit halbem Ohr zu. „Guck mal, seine Pfoten!“, rief er. „Die sind voll lustig!“ Er hatte eine von Berlioz Vorderpfoten, die dieser leichtsinnigerweise von sich gestreckt hatte, in die Hand genommen und befühlte nun mit den Fingerspitzen die ledrige Unterseite.
Teazer schnappte sich die zweite Pfote und begutachtete sie ebenfalls.
Berlioz guckte skeptisch.
Vorsichtig strich der Junge über die eingezogenen Krallen. „Fahren Katzen nicht automatisch die Krallen aus, wenn man auf die Pfoten drückt? War das nicht so?“
Dem Braungetigerten wurde das langsam zu ungemütlich. Er zog die Pfote weg.
Die Warnung missachtend schnappte Jerrie sie sich erneut und drückte ganz leicht drauf.
Zur Antwort sprang der Kater auf, holte mit ausgefahrenen Krallen aus und verschwand erhobenen Schwanzes in der Küche.
„Und deshalb sollte man keine Katzen ärgern“, kommentierte Miss Gumbie, die gerade das Wohnzimmer betreten hatte, im Oberlehrertonfall.
„Ja aber warum kratzt er mich, wenn Jerrie gemein zu ihm war?“, beschwerte sich Teazer.

***


Während der Regen draußen langsam nachließ, hatte die alte Dame sich in ihrem geblümten Sessel niedergelassen und zu Stricken begonnen.
Jerrie und Teazer, die vor allem das nasskalte Novemberwetter drinnen hielt, erkundeten das Haus.
„Sie hat verdammt viele Bücher…“, bemerkte der Rotschopf.
„Und sie hat sie auch noch alle sortiert!“, ergänzte seine Schwester. „Ein ganzes Regal nur mit Fachbüchern über Biologie… Hier stehen Historienromane…“ Sie fuhr mit dem Finger an den dicken Buchrücken entlang. „Reader’s Digest - davon hat Miss Mercury mal erzählt, oder?“ Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich hab keine Ahnung, was das sein soll… „Was ist das? Ein Buch über Namensherkuft, ein Stammbuch, Geschichte der englischen Königsfamilie… Unmengen an Fotoalben… Und hier stehen Kinderbücher. Wie alt sind ihre Kinder eigentlich?“ Fragend sah sie ihren Bruder an.
Dieser zuckte bloß mit den Schultern. „Alt. Miss Gumbie könnte unsere Oma sein…“
Die Vorstellung gefiel den Zwillingen. Sie hatten nie Großeltern gehabt und die verschrobene Miss Gumbie war nicht die schlechteste Oma, die sie sich vorstellen konnten.
„Guck mal Jerrie, was ich gefunden habe!“, rief Teazer, die sich wieder den Kinderbüchern zugewandt hatte.
„Hanni und Nanni!“, lachte Jerrie. „Was sind da noch für welche?“
Obwohl es Kinderbücher waren, waren die meisten dicke Wälzer, Bücher, die die Gumbie-Kinder gelesen hatten, bevor sie mit vielleicht 18 oder 20 Jahren ausgezogen waren. Keine Leselernbücher mit bunten Bildern und extragroßer Schrift. Die meisten Titel - Chroniken von Narnia, Harry Potter, Ronja Räubertochter, Bartimäus, eine wie Alaska - sagten den Zwillingen gar nichts.
„Wann haben wir das letzte mal was gelesen?“, wunderte Rumpleteazer sich.
Ihr Zwilling wusste die Antwort genauso wenig wie sie selbst.

„Warum haben Sie so viele Biobücher?“, fragte Jerrie, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrten.
Die rothaarige Frau, die schon ein beachtliches Stück gestrickt hatte, sah auf. „Weil Biologie ein sehr spannendes Themengebiet ist. Man kann nie genug darüber wissen!“ Das Leuchten ihrer klaren blauen Augen verriet, wie groß ihre Begeisterung tatsächlich war. „Und außerdem war ich bis vor wenigen Jahren noch Biolehrerin an der örtlichen High School. Da kann es schon ganz nützlich sein, mal den einen oder anderen Text für die Schüler kopieren zu können. Schulbücher sind nicht immer ideal für den Unterricht…“ Ein fast schelmisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Dabei sollte man meinen, die Leute, die Schulbücher zusammenstellen, hätten zumindest eine Ahnung davon, was Kinder gut begreifen und was nicht.“
Eine Lehrerin. Natürlich. Insgeheim hatten die Zirkuskinder es längst gewusst.
„Was ist eigentlich mit euch beiden? Solange ihr hier seid, könntet ihr ja auch zur Schule gehen“, merkte die pensionierte Lehrerin in diesem ganz speziellen Tonfall an, der den Kindern verriet, dass das gar kein aus der Luft gegriffener Vorschlag war. Miss Gumbie wollte, dass sie zur Schule gingen, weil sie Bildung für wichtig hielt. Schließlich war sie Lehrerin gewesen.
Jerrie und Teazer hatten nie darüber nachgedacht, ob Bildung wichtig war. Ob das für sie beide wichtig war. Sie waren einfach zur Schule gegangen - manchmal auch nicht, wenn sie keine Lust gehabt hatten - und hatten mitgespielt, bis es wieder in die nächste Stadt ging. Nicht, dass sie die Schule nicht gemocht hätten. Schule war okay, manchmal sogar ziemlich interessant, aber meistens war es ihnen zu öde, dem Unterricht zu folgen, wenn sie den Einstieg in das Thema verpasst hatten und zum Abschluss der Reihe schon wieder auf einer anderen Schule sein würden. Außerdem war Schule vergeudete Zeit, in der man nicht draußen sein, herumrennen, für die Manege proben oder Einbruchsziele auskundschaften konnte. In der Schule gab es viel zu viele Regeln.
„Warum stehen so viele Kinderbücher in ihrem Regal?“, versuchte Rumpleteazer das Thema zu wechseln.
„Als meine Töchter ausgezogen sind, wollten sie ihre alten Kinderbücher nicht mitnehmen und mir waren sie zu schade zum weggeben. Zum Teil sind es sehr interessante Geschichten.“
Das Mädchen grinste triumphierend, weil es ihr gelungen war, die alte Dame von der Schulidee abzulenken.
Zumindest glaubte sie das. „Ihr könnt sie gerne lesen, wenn ihr möchtet. Einige sind genau für eure Zielgruppe gedacht. Aber denkt bloß nicht, dass mir entgangen wäre, dass ihr meiner Frage ausgewichen seid…“
„Welche sind denn für unsere Zielgruppe gedacht?“, fragte Jerrie.
Die alte Dame musste lachen. „Das war aber nicht besonders geschickt! Nun gut, lassen wir das Thema Schule erst einmal ruhen. Ihr könnt es euch ja noch überlegen.“ Sie legte ihr Strickzeug beiseite und stand auf. „Kommt mit, ich zeige euch ein paar Bücher, die euch interessieren könnten!“

Wie sich herausstellte, gab es noch ein zweites Regal mit Kinder- und Jugendbüchern.
„Für Die Outsider seid ihr wohl noch zu jung“, überlegte Miss Gumbie. „Huckleberry Finn vielleicht oder Harry Potter.“
Jerrie betrachtete interessiert den Einband des ersten Harry Potter-Bands.
„Ich glaub, ich hab noch nie so ein dickes Buch gelesen“, meinte Teazer.
Jenny Gumbie nickte nachdenklich. Nach dem, was die Kinder ihr erzählt hatten, war sie wenig überrascht, dass Bücher nicht ganz oben auf ihrer Prioritätenliste standen.
„Cailin hat immer ganz begeistert gelesen. Das heißt, nicht immer…“, überlegte die ehemalige Lehrerin. „Ich habe den beiden immer Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Irgendwann wollte Cailin einfach nicht mehr bis zum Abend warten. Also hat sie kurzerhand selbst weitergelesen… Ich glaube das hat bei der Buchreihe Lena angefangen… Aber ihr seid wohl schon zu alt für Gute-Nacht-Geschichten!“
Jerrie und Teazer wechselten einen Blick. Sie fanden nicht, dass sie zu alt waren für Gute-Nacht-Geschichten.
„Na na!“, tadelte Miss Gumbie. „Mit Zwölf Jahren sollte man gut genug alleine lesen können. Es muss ja nicht gleich Harry Potter sein.“
Jerries Blick wanderte über die aufgereihten Bücher - die meisten waren ähnlich umfangreich wie eben genanntes - und blieb an Hanni und Nanni hängen. „Mist!“, fluchte er. „Wir haben ja immer noch kein Geschenk für Electra!“

***




Das Kaufhaus war riesig. Aus jedem Laden dudelte ein anderes Lied, zwischen den regulären Geschäften waren Eisstände, Donutläden und mobile Nagelstudios aufgebaut. Die staunenden Kinder hatten schon fast vergessen, weshalb sie hier waren.
Sie wussten nicht, was Electra gefallen könnte, also liefen sie wahllos in das erste Geschäft, aus dem ihnen Dekogegenstände und hübsche Kleinigkeiten in bunten Farben entgegen leuchteten.
Jenny Gumbie folgte ihnen wesentlich langsamer. Es hatte sie gefreut, dass die Zwillinge bereits Freunde gefunden hatten, und ihnen deshalb angeboten, das Geburtstagsgeschenk zu bezahlen. Das war ihre Art, soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Durch viele kleine Taten. Allein die Vorstellung, dass es Kinder gab, die sich nicht mal ein Geschenk für ihre Freunde leisten konnten und deshalb nicht zu deren Geburtstag gingen, ließ sie empört die Backen aufplustern.
Butlers war dominiert von Eulen: Eulenstofftiere, Eulentischdecken, Eulenspardosen, Eulenkerzen, Notizbücher mit Eulenmotiv, Radiergummis in Eulenform.
„So… viele Eulen!“, staunte Teazer. Sie sind niedlich, aber… wieso? Wieso gibt es hier nur Eulen? Es gab nicht nur Eulen, aber auf den ersten Blick wirkte es ganz so.
Jerrie nickte entgeistert. Keine Ahnung… Es sind einfach zu viele!
„Wenn Electra Eulen mag, sind wir hier genau richtig!“ Wie sich später herausstellte, war nicht nur Butlers der Euleninvasion zum Opfer gefallen.
„Ja, wenn…“ Wir wissen es aber nicht…
„Dann vorsichtshalber keine Eulen“, schlug das Mädchen vor. Sicher ist sicher. „Wie wärs mit einem Geburtstagskuchen?“ Sie nahm die unechte Torte aus dem Regal und ließ sie beinah fallen, als das Ding anfing, Happy Birthday zu spielen und wie wild zu wackeln.
Mit einem Blick, der irgendwo zwischen Hilfe, hab ich’s kaputt gemacht?! und Was für ein gruseliges Teil! lag, stellte sie den Dancing Cake wieder zurück.
„Ich glaube, ich hab grade das perfekte Geschenk gefunden!“, verkündete Jerrie, nachdem er seine Schwester gebührend ausgelacht hatte. „Tadaa! Seifenblasen!“
Sie wussten nicht viel über Electra, außer, dass sie gerne draußen war, dass sie nicht stillsitzen konnte und Dinge liebte, die ebenso einfach wie genial waren. In der Summe ergab das Seifenblasen.
„Aber nur Seifenblasen sind zu wenig als Geschenk, oder?“, überlegte er.
Doch Teazer hatte bereits die Lösung: „Zweimal Seifenblasen!“, rief sie grinsend.
Jerrie blickte sie mit hochgezogenen Brauen an. Dein Ernst?
„Oooder sie kriegt noch was anderes dazu!“ Nö, war’n Scherz - Was denkst du denn?

Sie klapperten noch einige weitere Geschäfte ab, stießen auf noch mehr Eulen, eine esoterische Teeverkäuferin und einen Frosch im Bademantel, der laut Miss Gumbie aussah wie Kermit von der Muppet Show, laut Preisschild aber ein Krokodil sein sollte.
Alles, was den Zwillingen gefiel, war entweder viel zu teuer oder fragwürdig, ob es Leah gefallen würde.

***


Jenny Gumbie beobachtete amüsiert, wie die beiden Zwölfjährigen durch die Läden wuselten, alles in die Hand nahmen und ungeachtet der bösen Blicke von Verkäufern und seriösen Kunden zu allem ihre Kommentare abgaben. Mungojerrie und Rumpleteazer waren erfrischend ehrlich, wie es eben nur Kinder sein konnten.
In einem Bekleidungsgeschäft steckte Teazer plötzlich in einer Teddyfellweste mit Ohren an der Kapuze.
„Du wolltest doch wissen, welches Tier ich bin!“, rief sie ihrem Bruder quer durch den halben Laden zu. „Ich bin ein Eichhörnchen! Guck!“
Angesprochener verzog skeptisch das Gesicht. „Wo bist du denn ein Eichhörnchen?“
Das Mädchen verdrehte die Augen, als wäre er schwer von Begriff. „Na die Weste! Sieht doch aus wie Eichhörnchenfell! Und Ohren hab ich jetzt auch!“
Jetzt war Jerrie dran mit Augenverdrehen. „Eichhörnchen haben aber viel längere Ohren. Sieht mehr aus wie Katzenohren…“
„Und die Farbe?“, insistierte seine Schwester.
Es war immer wieder beachtlich, worüber Kinder sich streiten konnten. Gerade Geschwister. Die Weste war rotbraun, entsprach also tatsächlich in etwa der Fellfarbe eines europäischen Eichhörnchens und die angenähten Ohren passten weder zu einer Katze, noch zu einem Eichhörnchen. Dafür hätten sie entweder länger oder breiter sein müssen.
„Dann bist du eben ne rote Katze“, erklärte Mungojerrie.
Die alte Dame enthielt sich eines Kommentars.
„Ich will auch Ohren!“, verkündete der Junge dann, sah sich suchend um und schnappte sich eine graue Wollmütze, die diesmal tatsächlich Katzenohren trug.
„Steht dir“, nickte seine Schwester.
Es war doch immer wieder das Selbe: Ein endloser Kreislauf aus Streiten und Vertragen, aus Herumtollen und völlig übermüdet ins Bett fallen, aus ungeahnten Fortschritten und ewigen Ermahnungen.
Mungojerrie und Rumpleteazer waren noch quirliger und frecher, als die meisten Kinder von Macclesfield. Aber auf eine schelmische, geradezu liebenswürdige Art, nicht so dreist und respektlos wie sie es schon so oft in Schottland erlebt hatte. Sie waren neugierig und schienen recht intelligent zu sein - trotz ihrer mangelnden Schulbildung.
Vor allem aber bedeuteten die Zwillinge Arbeit, dass war der pensionierten Lehrerin klar. Sie hatten keinerlei Manieren, ja, genau genommen hatten sie keine Ahnung von sozialen Konventionen. Und dass sie unglaublich stur sein konnten, war auch nicht schwer zu erraten.
Wie hatte Jenny es bloß so lange ohne Kinder im Haus ausgehalten?

Als sie den Laden verließen, zeigte Jerrie auf einen weißen Pullover mit großen schwarzen Flecken. „Das ist aber eine Kuh!“ Dabei sah er fragend seine Schwester an, als wolle er sagen Da sind wir uns doch einig, oder? Nicht wie vorhin mit der Katze und dem Eichhörnchen…
Ein langgezogenes „Jaa“ war die Antwort. „Und das ist ein weißer Tiger!“
Der Junge nickte zustimmend.
„Gut“, sagte Teazer.
„Gut“, erwiderte Jerrie.
Jenny konnte nur lachend den Kopf schütteln. Es schien die Zwillinge zu verwirren, wenn sie für einen Moment nicht auf der selben Wellenlänge waren.
Und außerdem war auf dem T-Shirt, das Teazer gemeint hatte, eindeutig ein Zebrafell abgebildet.
„Was schenkt ihr Leah denn nun?“, wollte die alte Frau wissen.
Zwar hatte Jenny sich ganz schön gewundert, dass die beiden immer von Electra sprachen, aber anhand des Geburtstages war es eindeutig, wer gemeint war. Miss Gumbie hatte schon immer ein gutes Gedächtnis gehabt - Das brauchte man auch, wenn man sich neben dem Schulstoff jedes Jahr 200 neue Gesichter mit zugehörigen Namen merken musste - und so kannte sie fast jeden Geburts- und Namenstag in Victoria Grove auswendig.
„Schokolade“, beantwortete Jerrie ihre Frage.
„Hm-hm“, machte Jenny. „Und wieso das?“
„Da kann man nichts falsch machen“, erklärte Teazer. „Jeder mag Schokolade!“
Sie wollte gerade ansetzen, dass nicht unbedingt jeder Mensch Schokolade mochte, nur weil die Zwillinge das offensichtlich taten, da fragte der Rothaarige auch schon: „Sie mögen doch auch Schokolade, oder?“
„Ja, aber-“
„Und kennen Sie jemanden, der keine Schokolade mag?“, hakte das Mädchen nach.
Die alte Dame überlegte, aber ihr fiel tatsächlich niemand ein. Und sie kannte eine Menge Leute.
„Also gut, mit Schokolade kann man wohl wirklich nicht viel falsch machen“, gestand sie ein. „Aber ihr solltet euch angewöhnen, eure Mitmenschen nicht zu unterbrechen - Das ist unhöflich!“
Synchron verdrehten die Kinder die Augen.
„Fürs Augenrollen gilt das Selbe. Und denkt ja nicht, dass ich so etwas nicht bemerken würde…“

***


Am Abend saß Jenny Gumbie am Bett der Zwillinge.
Erstaunt stellte sie fest, dass es mittlerweile wirklich Mungojerries und Rumpleteazers Bett geworden war. Es roch sogar schon nach ihnen.
Sie trug ihre Lesebrille und hatte Harry Potter Band eins aufgeschlagen. Sie hatte sich breitschlagen lassen, den Kindern etwas vorzulesen.
„Aber nur ein Kapitel“, sagte sie streng.
Jerrie und Teazer versuchten sich an einem unschuldig-niedlichen Lächeln und nickten eifrig. „Na gut, nur zwei Kapitel“, sagten sie unisono und das Engelslächeln kippte zu einem Grinsen.
„Eins“, korrigierte die alte Dame schmunzelnd.

Auf Seite 24 war Rumpleteazer eingeschlafen. Das Gesicht halb im Kissen versunken und einen Arm quer über den Bauch ihres Bruders gelegt schlummerte sie friedlich vor sich hin.
Miss Gumbie legte das Lesezeichen ein und klappte das Buch zu. „Dann schlaft mal gut“, sagte sie leise.
„Sie haben gesagt ein Kapitel…“, erwiderte Mungojerrie ebenso leise.
„Aber deine Schwester schläft schon.“
„Macht nix - Ich erzähl ihr morgen einfach, was passiert ist“, versuchte er es weiter. „Nur noch das Kapitel zu Ende!“ Der Dackelblick gelang ihm besser als das Unschuldslächeln.
Sie rückte ihre Brille zurecht und blätterte ein paar Seiten vor, um zu sehen, wie lang das Kapitel noch war. Dann las sie so leise wie möglich weiter.

Zu einem weiteren Kapitel ließ sie sich nicht breitschlagen. „Morgen“, vertröstete sie das noch wache Kind.
„Na gut“, nickte Jerrie und kuschelte sich an seine Schwester. „Morgen.“
Als Jenny leise die Tür hinter sich schloss, warf sie einen letzten kurzen Blick auf die Zwillinge.
Endlich war wieder Leben im Haus. Sie hatte schon befürchtet, dass sie sich wirklich irgendwann zu der verschrobenen alten Frau entwickeln würde, für die viele sie bereits hielten. Kinder hielten jung, ihnen Werte und Wissen zu vermitteln war für sie schon immer mehr als nur ein Beruf gewesen, fast eine Berufung. Eine Lebensaufgabe. Jenny Gumbie sah nicht ein, damit aufzuhören, nur weil sie zu alt für ihren Beruf geworden und ihre eigenen Kinder längst ausgezogen waren.
Doch nicht nur deshalb wollte sie, dass Mungojerrie und Rumpleteazer blieben.
Wie oft hatte sie Kinder mit ähnlichen oder anderen schlimmen Schicksalen erlebt. Wie oft hatte sie sich gewünscht, ihnen helfen, sie einfach bei sich aufnehmen zu können.
„Warum adoptieren Sie uns nicht einfach?“, war sie vor Jahren von einem Schüler gefragt worden. Aiden war sein Name. Sie standen heute noch in engem Briefkontakt.
Aber Aiden hatte Eltern gehabt. Ein Kind mit Eltern konnte man nicht so ohne Weiteres adoptieren. Egal, wie wenig sich diese Eltern um ihn kümmerten.
Mungojerrie und Rumpleteazer hatten keine Eltern. Sie hatten kein Zuhause, keine Verwandten, kein Geld, kein gar nichts. Nur sich selbst. Was sollte aus einem Zwölfjährigen werden, dessen einziges Vorbild sein Zwilling und dessen einzige Möglichkeit zu überleben das Stehlen war?
Von ihren Kollegen hatte Jenny oft zu hören bekommen, dass sie sich zu sehr von den Schicksalen ihrer Schüler einnehmen lasse, dass sie ja doch nichts ändern könne.
Aber das konnte sie. Das hatte sie! Sie hatte Aiden und vielen anderen zu einer besseren Zukunft verholfen, indem sie ihnen Bildung vermittelt hatte, die sie aus ihrem Milieu herausgebracht hatte.
Mungojerrie und Rumpleteazer konnte sie sogar ein richtiges Zuhause bieten.
Wenn die beiden es denn wollten.

Doch hat sie's geschafft, sie in Reihe zu bringen,

dann lehrt sie sie
 Nähen und Häkeln und Singen
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast