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The Art of Breaking (Rewrite)

GeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
Bianca Chris Halliwell Leo Wyatt Piper Halliwell Wyatt Matthew Halliwell
01.08.2014
07.08.2018
8
28.785
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Dieses Kapitel
1 Review
 
01.08.2014 3.550
 
The Art of Breaking
Kapitel 5
Something unforgivable

Etwas überdramatisiert wie ich finde, aber ich habs einfach wirklich nicht anders hinbekommen.  Na ja ^^

Ich weiß was Handlung angeht, passiert noch nicht viel, aber ich will erst eine Grundlage schaffen, bevor ich mal wieder selber den Überblick verliere. Aber ab dem nächsten Kapitel sollte die Handlung etwas schneller werden und mehr Action reinkommen. Habt noch ein wenig Geduld ^^

R&R



There was nothing in sight but memories left abandoned,
There was nowhere to hide, the ashes fell like snow.
And the ground caved in between where we were standing.
And your voice was all I heard that I get what I deserve


New Divide – Linkin Park





Erst als Chris wieder in der scheinbaren Sicherheit seines Zimmers war, konnte er ausatmen. Das Gespräch war anstrengender gewesen als erwartet und nun fühlte er sich einfach nur schlapp und müde. Im Grunde war er froh endlich gesprochen zu haben, aber seine Brust zog sich noch immer schmerzlich zusammen. Noch war das Thema nicht abgeschlossen und Chris wusste, dass er sich noch einigen Fragen stellen musste.

Ihm war nicht entgangen, dass Wyatt sich nicht dazu geäußert hatte.
Vor seiner Reaktion fürchtete Chris sich am Meisten.

Chris lag auf seinem Bett und starrte die Decke an, versuchte seine Gedanken zu beruhigen.
Eine Zeit lang blieb er still liegen, so lange bis sein Kopf irgendwann frei wurde und er seinen Herzschlag nicht mehr in seinen Ohren wiederhallen hörte.
Er konnte sich nicht erklären wo diese plötzliche Nervosität herkam, normal waren diese Gefühle nicht. Früher hatte er nicht diese Probleme, er hatte nie Schwierigkeiten mit seiner Familie zu sprechen. Diese Gefühle waren neu, urplötzlich aufgetaucht, und womöglich deshalb so erschreckend.

Chris hörte wie seine Zimmertür geöffnet wurde und sich jemand an den Türrahmen lehnte. Es gab eigentlich nur eine Person, die ohne zu klopfen sein Zimmer betrat.  Mal abgesehen von seiner Mutter, wenn sie einen ihrer gefürchteten Wutanfälle hatte.

„Wyatt“, sprach Chris zur Begrüßung. Er musste seinen Bruder nicht ansehen um zu wissen, dass dieser ihn böse anfunkelte.
„Ist das dein Ernst gewesen?“, verlangte Wyatt zu erfahren. Der Ton in seiner Stimme ließ Chris erschaudern. Er setzte sich auf, mied aber Wyatts Blick. Seine Augen fixierten stur einen Punkt, etwas zu weit links von Wyatts Augen entfernt.
„Du hast wirklich vor auszuziehen?“, fragte Wyatt weiter nach. Wieder bekam er keine direkte Antwort. Er fragte auch nicht, weil er eine Antwort hören wollte, schließlich kannte er diese schon. Er fragte, weil er im Glauben war, dass Chris ihm eine vernünftige Erklärung schuldig war. Er fragte auch, weil er wusste, dass es Chris unangenehm war und im Moment war dies Wyatt nur recht. Er fixierte seinen Bruder mit einem strengen Blick. Chris sah zu Boden, unweigerlich spannten seine Muskeln sich, fast schon krampfhaft, an.
Wyatt war das nicht genug, er hatte den plötzlichen, unerklärlichen Drang seinen Bruder  auf hießen Kohlen sitzen zu lassen. Sogar so weit zu gehen ihn zu verletzten, ihm weh zu tun, damit dieser verstand wie er sich fühlte.

„Willst du uns wirklich auf die Art verlassen?“
Dieses Mal zeigten seine Worte Wirkung und Wyatt fühlte wie sich Genugtuung in ihm breit machte.

„Was?“, brachte Chris ungläubig hervor. Er war aufgesprungen und seine Augen glühten vor Wut, diesmal fanden sie ein Gegenstück in Wyatts tief blauen Augen. Doch Wyatt setzte noch einen drauf. Er hatte dieses merkwürdig verzogene Grinsen auf seinen Lippen, das eher einer Grimasse ähnelte, welches Chris so gegen den Strich ging.

„Willst du wirklich deine Familie im Stich lassen?“

„Was redest du da?“, fragte Chris schockiert nach, er konnte nicht glauben, dass diese Worte wirklich von seinem Bruder kamen. Seine Stimme wurde lauter. „Ich lasse niemanden im Stich.“

„Ach, meinst du?“
Wyatt wollte seiner Wut freien Lauf lassen, die Gefühle, die der Chris gegenüber empfand raus lassen. Den Verrat, den er ihm gegenüber empfand. Denn das war es, was seinen Zorn nährte.

Wenn Blicke töten könnte, würden beide auf der Stelle vornüber fallen und nicht wieder aufstehen.

Chris musste seufzen, eine derartige Konfrontation hatte er nicht erwartet.
„Ich brauche einfach nur ein wenig Freiraum?“, versuchte er sich zu erklären, auch wenn seine Worte selbst in seinen eigenen Ohren schwach klangen.
„Freiraum?“, wiederholte Wyatt und zog die Augenbrauen hoch. Wut sammelte sich in ihm zusammen und seine Stimme erhob sich. „Freiraum von uns, deiner Familie?
Er trat einige Schritte auf seinen Bruder zu, jeder seiner Schritte schien unnatürlich laut im Raum wieder zu hallen. Chris zuckte unweigerlich zusammen.

„Wyatt“, begann Chris und bemühte sich mutiger zu erscheinen, als er sich fühlte. Seit wann fürchtete er sich denn vor seinem eigenen Bruder? „Das hab ich nicht gesagt.“

„Nein, aber genau das meinst du doch, oder etwa nicht?“, erwiderte Wyatt provozierend. Chris konnte ihn nur anstarren, nicht sicher wie er reagieren sollte. Natürlich meinte er es nicht so, er würde so nie denken. Also warum dachte Wyatt diese Dinge von ihm?

„Wyatt, was willst du von mir?“, fragte Chris und versuchte nicht zu zeigen, wie sehr Wyatts Worte ihn verletzten. Er wusste nicht ob es ihm gelang, doch Wyatt zeigte keine Regung von Mitgefühl, aber vielleicht war es ihm auch einfach egal.

„Ich will wissen, warum du so einfach entschieden hast uns zu verraten!“, rief Wyatt und jedes seiner Worte war von Wut nur so gefüllt. Seine Stimme klang schrecklich, fand Chris, doch es lag wohl eher an all diesen negativen Gefühlen, die die Stimme seines Bruders so verzerrte. Chris glaubte, wenn auch nur für einen kurzen Moment, jemand anderen vor sich zu sehen.
Jemand sehr viel düsteren, als seinen Bruder.

„Wovon redest du?“, fragte Chris und wich einen Schritt zurück. „Ich habe nicht vor irgendjemanden zu verraten. Ich werde nur umziehen, es nicht so als wäre ich für immer weg.“

„Das sieht im Moment, aber ganz anders aus“, gab Wyatt zurück, doch schien die Wut langsam aus seiner Stimme zu weichen. Mit einem Mal wirkte er erschöpfter, als Chris ihn je gesehen hatte. Doch auch er fühlte sich immer müder, dieser Streit hatte so viel seiner Energie in Anspruch genommen.

Einen Moment lag starrten die beiden sich einfach nur an, zu stur um nachzugeben, zu erschöpft um den Streit weiter zu führen.
Was war denn nur mit ihnen geschehen? fragte sich Chris im Stillen, doch bevor er sprechen konnte, hatte Wyatt sich abgewandt und war aus seinem Zimmer getreten. Die Tür fiel laut hinter ihm ins Schloss und das Geräusch hallte lange Zeit in Chris‘ Ohren wieder.


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Es war schon spät geworden und Leo beobachtete, leicht amüsiert, wie Piper in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer aufgebracht auf und ab ging. Es war schon lange her, dass er sie so erlebt hatte. Das letzte Mal, als sie vor lauter Aufregung und Nervosität nicht schlafen konnte und stattdessen Spuren in den Teppich gelaufen hatte, war als sie kurz vor der Eröffnung ihres Restaurants gewesen war. Aber das war nun schon Jahre her und ihr Restaurant war zu einer kleinen Berühmtheit in der Stadt geworden. All ihre Sorgen und Befürchtungen von damals waren unbegründet gewesen.
Doch nun und das wusste Leo, hatte ihr auf und ab gehen andere Gründe.
Still verfolgten er mit seinen Augen jede ihrer Bewegungen, während er es sich allmählich unter der Bettdecke gemütlich machte. Es war am besten Piper sich erst einmal beruhigen zu lassen, bevor Leo sie darauf ansprach.
Schließlich ließ Piper sich erschöpft auf ihre Seite des Doppelbettes fallen. Sie saß still da, faltete ihr Hände fest zusammen und starrte gedankenlos die Wand an.

„Sie werden so schnell erwachsen, oder nicht?“, fragte Leo sanft nach und lächelte Pipers Nachthemdbedeckten Rücken an. Er glaubte zu wissen, was sie beschäftige.
„Viel zu schnell“, murmelte Piper nach einem kurzen Augenblick. Leos Lächeln wurde breiter. „Das stimmt wohl.“

Wieder herrschte Schweigen zwischen den beiden, allmählich wurde Leo klar, dass seine Frau sich noch mit etwas anderem beschäftigte. Sie hatte sich noch immer nicht entspannt, ihre Hände waren fest aufeinander gepresst, ihre Blicke bohrten Löcher in die Wand.

„Was ist los?“, fragte Leo nach und setzte sich ebenfalls auf. Piper zögerte. „Ich mach mir nur Sorgen um Chris, das ist alles“, meinte sie und legte sich nun unter die Bettdecke, Leo noch immer den Rücken zugewandt. Er wusste, dass dies nicht alles war er kannte Piper zu gut, als dass sie ihm noch etwas vor machen könnte. „Das ist aber nicht alles, oder?“

Er hatte sich wieder hingelegt und war näher an Piper herangerutscht. Er war nah genug um einen Arm um ihre Hüften zu legen.
Keiner von beiden sprach ein Wort. Sie lagen einfach nur da, während Piper versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Leo ließ ihr Zeit, hielt sie einfach nur weiter fest. Als sie schließlich sprach, halten ihre Worte noch eine Weile in der Stille wieder.
„Glaubst du, wir haben damals das Richtige getan?“

Leo runzelte die Stirn und sah Piper einen Moment lang stumm an, er begriff nicht wovon sie sprach. Erst als er in ihre ernsten braunen Augen blickte, erkannte er den Ursprung ihrer Sorgen. „Piper“, begann er sanft zu sprechen. Doch seine Worte hatten nicht den gewünschten beruhigenden Effekt. „Das ist nun schon Ewigkeiten her. Wie kommst du darauf?“

„Es ist nur“, begann Piper zögerlich. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. „Er benimmt sich in letzter Zeit merkwürdig, findest du nicht?“ Leo sah sie fragend an, anscheinend hatte er die kleinen Unterschiede nicht bemerkt, im Gegensatz zu seiner Frau. Sie bemerkte seinen Blick. „Mehr wie-“, sie stockte, überlegte die passenden Worte, bis ihr klar wurde, dass es keine passenden Worte gab. „Wie der andere Chris.“

Ihre Worte hingen schwer im Raum und Leo wusste nicht was er sagen sollte. Über 20 Jahre war es nun her und dennoch lösten ihre Worte denselben Schmerz in ihm aus. Ein Schmerz, der nach all der Zeit, noch immer nicht verheilt war. Verdrängt, in die hintersten Winkel seiner Gedanken verschoben, aber nie vergessen, nie verheilt.
Es war ein Thema mit dem beide nie wirklich abgeschlossen hatten, etwas über das nach all dieser Zeit einfach nicht mehr gesprochen wurde. Denn darüber zu sprechen, würde nur die alten Wunden wieder aufreißen und warum sollten sie mit dem Schmerz der Vergangenheit verweilen, wenn doch ihr Sohn lebte. Wenn sie ihn jeden Tag sehen konnte, wie er aufwuchs, wie er lachte, wie er mit ihnen sprach, wie er einfach da war, einfach lebte.

Leos Atem stockte für einen Moment und er konnte hören, wie auch Pipers Atmung kurzzeitig unregelmäßig verlief. Ein leichtes Zittern durchfuhr ihren Körper und Leo umschloss sie mit seinen Armen, drückte sie fest an sich. Sie schien den Tränen nahe und Leo hatte das Verlangen sie fest zuhalten, nie wieder loszulassen und in ihr Ohr zu flüstern: „Alles wird wieder gut“, denn was sollte er denn sonst tun?

„Piper“, begann er zärtlich, doch musste er stoppen. Was sollte er denn sagen? Er wusste es nicht, also zog er sie nur näher an sich heran und hielt sie fest.
„Ich weiß es ist dumm so zudenken, aber ich wird das Gefühl nicht los, dass ich- wir- ihn verlieren.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, Leo hätte sie nicht hören können, hätte er nicht so nah an ihr gelegen. Seine Arme hielten sie fest, beschützt, denn auch er kannte ihre Zweifel. Doch sie waren unbegründet. Es gab nichts, rein gar nichts, das diese Mauern hätte einreißen können. Diese unsichtbaren Mauern, die nur zum Schutz ihres Sohnes errichtet wurden.

„Meinst du wir haben das Richtige getan?“, fragte Piper erneut, da sie noch immer keine direkte Antwort auf ihre Frage bekommen hatte. Sie löste sich von seiner Umarmung und setzte sich auf, um ihrem Mann in die grünen Augen zu blicken. „War es nicht einfach nur selbstsüchtig von uns, Chris so zu manipulieren?“

„Piper, nein“, antwortete Leo und ließ sie aus seinen Armen entkommen. Er setzte sich ebenfalls auf, erwiderte ihren Blick standhaft. Stumm versuchte er seine Überzeugung an sie zu vermitteln.
„Was ist wenn er herausfindet, was passiert ist?“, brach es aus Piper heraus. „Was wir getan haben?“
In ihre Stimme lag so viel Schmerz, Leo hätte alles getan, um ihn fort zunehmen. Nach allem, hatte Piper diesen Schmerz nicht verdient. Niemand hatte das.

„Es war zu seinem besten“, sprach Leo bestimmt. Er versuchte mit Worten ihren Schmerz zu nehmen, doch es wäre so viel einfacher Piper zu überzeugen, wenn er nur selbst an seine Worte glauben würde.
„Ja, aber weiß er das auch?“, fragte Piper und ihre Verzweiflung war deutlich zu hören. „Was, wenn er uns nicht glaubt? Wenn er nicht versteht?“

„Piper, wir haben versucht ihn zu beschützen.“ Da war Überzeugung in seiner Stimme, fest versuchte er an seine eigenen Worte zu glauben. Wenn er nur fest genug daran glaubte, würde es vielleicht auch für Piper reichen. Er sprach die Wahrheit, auch wenn diese einen bitteren Nachgeschmack hinterließ.

Was sie damals, vor so vielen Jahren, Chris angetan hatten war unentschuldbar. Das wusste Piper und sie fühlte sich noch immer schuldig, doch was hätte sie denn tun sollen? Sie wollte doch nur ihren Sohn beschützen. Leo hatte Recht. Der Schutz ihrer Kinder hatte höchste Priorität, alles andere kam erst danach. Sie klammerte sich an diesen Gedanken, vielleicht würden die Schuldgefühle nachlassen.

Sie wusste, dass Chris sich nicht daran erinnern konnte. Er war noch zu jung gewesen, nur ein kleiner Junge von ein paar Jahren, als es so schlimme Ausmaße erreicht hatte und sie zum Handeln gezwungen hatte. Magie war nie die richtige Lösung für ihre Probleme gewesen, doch Piper hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Sie hoffte nur, es würde sich nicht als riesiger Fehler herausstellen.

Leo nahm sie ein weiteres Mal in den Arm und sprach mit einer ernsten und bestimmenden Stimme. „Chris ist in Sicherheit, weil wir so gehandelt haben, das ist alles was zählt.“

Sie hatte nicht die Kraft ihm zu wiedersprechen, also klammerte sie sich an seine Worte, hoffte sie würden ausreichen, um sie dann doch zu überzeugen.
Schweigend lagen die beiden umschlungen da. Pipers Atmung ging regelmäßig und Leo glaubte schon sie hätte endlich Schlaf gefunden, da flüsterte sie ein weiteres Mal. Ihre Worte schienen in der Stille immer und immer wieder von den Wänden zurück zu hallen, als gäbe es ein Echo.

„Glaubst du er würde uns verzeihen?“
Leo blieb kurz die Luft weg, mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet und brachte ihn nun aus der Fassung. Ein kurzes Zusammenzucken konnte er nicht verhindern, Piper entging dies nicht. Er zögerte einen Moment zu lange und das war schon Antwort genug.

„Natürlich.“

Und sein eigenes Gewissen verspottete ihn.
Lügner, flüsterte es die ganze Nacht hindurch immer wieder in sein Ohr.


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Die Gänge lagen still und verlassen vor ihm. Es war tiefste Nacht und alles war ruhig. Nach den ersten hektischen Monaten hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass zumindest nicht mehr an jeder Ecke Wachen standen. Rund um Wyatts Unterschlupf, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen konnte, waren weiterhin Wachen postiert, sowie an allen Ein- und Ausgängen. Weniger eine Sicherheitsmaßnahme, sondern mehr eine Zurschaustellung seiner Macht. Um möglichen Rebellen abzuschrecken, nicht dass nach allem noch viele es wagten offen gegen Wyatt zu rebellieren.

Den Weg zu finden war erstaunlich einfach, aber er hatte nun auch schon allmählich zwei Jahren damit verbracht, diese Gänge zu durchstreifen. Immer dann wenn der Schlaf nicht kommen konnte, hatten seine Füße ihn durch die Flure getragen und ständig hatte er neue Räume entdeckt. Manchmal war ihm bei dem Anblick, der sich ihm hier und dort bot, schlecht geworden.

Er dachte zurück an all die Moment, in denen er hätte gehen können. All die Male, wo es einfach zu viel wurde. Er hätte schon so oft einfach Wyatt seinen Rücken zukehren und gehen können. Doch hatte er es nie getan, etwas hielt ihn immer wieder zurück. Diesmal war es anders.
Er fühlte sich noch nicht einmal schuldig jetzt zu gehen, bei Nacht und Nebel einfach zu verschwinden. Jetzt wo er zurück dachte, hatte er sich nie für den Gedanken zu gehen geschämt, sich nie schuldig gefühlt. Hatte er denn schon immer unbewusst beabsichtig, Wyatt zu hintergehen?
Dieser Gedanke, im Gegensatz zu den anderen, tat weh.

Der Grund war so simpel, vielleicht nichts weltbewegendes, aber für ihn war es alles.
Immer und immer wieder rief sein Gedächtnis den Zeitungsartikel auf, die Schlagzeile verspottete ihm: Eröffnung des Halliwell Museums.
Es war lächerlich und es erfüllte ihn mit unglaublicher Wut.
Wie hatte Wyatt es wagen können?
Es ihm auch noch verheimlichen können?

Alle Zeitungen standen unter seiner Kontrolle, alle Medien, die meisten der ganzen Welt. Die restlichen, die freien Länder, würden in Kürze folgen.
Warum hatte Wyatt kein Wort zu ihm gesagt? Warum musste er es auf diese Weise erfahren.
Ein verfluchter Artikel, in einer ebenso verfluchten Zeitung, die so offensichtlich in seinem Zimmer platziert worden war.
Hatte der ach so mächtige Wyatt Halliwell nicht den Mumm gehabt, es ihm ins Gesicht zu sagen? Oder war es nur ein weiteres seiner kleinen Machtspielchen?

In Wahrheit hatte Chris sich nicht getraut sein altes zuhause zu betreten. Nachdem alles den Bach runter gegangen war, schien es unmöglich in dem alten Haus zu wohnen. Kurze Zeit hatte er bei seinem Großvater gewohnt und es war eine glückliche Zeit, selbst im Anbetracht der Umstände. Doch sie hatte nicht lange gehalten. Es dauerte nicht lange und Wyatt verbrachte mehr Zeit in der Unterwelt, als sonst wo und dann hatte sich alles geändert.

Seit dem hatte Chris das Manor nicht mehr betreten, sich nicht einmal in dessen Nähe getraut. Dennoch, was Wyatt getan hatte traf ihn sehr. Trotz allem war es immer noch sein Zuhause gewesen. Und solange dieses Haus auch nur stand, so hatte Chris fest geglaubt, dass noch alles sich zum Besseren wenden konnte. Es war eine kindische, sinnlose Hoffnung gewesen, aber er hatte fest daran gehalten. Zu viel Angst gehabt, loszulassen.
Und was tat Wyatt?
Stellte ihr Zuhause zur Schau, ihre Familie, ihre Eltern, als wäre sie nichts weiter als Tiere im Zoo.

Er konnte ihm nicht verzeihen. Diesmal nicht.
Und die alten Zweifeln hatten sich wieder in ihm breit gemacht, doch hatte er nicht mehr die Kraft sie zu unterdrücken.
Was, wenn Wyatt nun wirklich zu weit gegangen war? Wenn, nach allem was geschehen war, es schon zu spät war?
Was, wenn er Wyatt nicht mehr retten konnte? Wenn er, trotz seiner Mühen, versagt hatte?
Was für einen Sinn hatte es dann noch, hier zu bleiben?

Er war zu tief in seinen Gedanken vertieft, um zu bemerken, wie sich ihm jemand näherte. Schritte hallten von den leeren Fluren wieder und erst als sie fast direkt hinter ihm Halt machten, bemerkte Chris die Person hinter ihm.

„Wohin gehst du?“
Es war nur ein Flüstern, doch für Chris klang es so, als würden die Worte anschuldigend immer und immer wieder von den Wänden zurück hallen.

„Nirgendwo hin“, antwortete Chris beiläufig und versuchte sich seine Nervosität nicht anzumerken. Dennoch schlug sein Herz in den Stille verräterisch laut und er war sich fast sicher, dass Wyatt es hören konnte. Er wagte es nicht sich umzudrehen, er wusste, sollte er Wyatt in die Augen sehen, würde er kaum in der Lage sein ihn zu belügen. Er war trotz seiner Entscheidung, viel zu schwach.

„Chris.“
In Wyatts Stimme lag eine Aufforderung, ein Befehl und Chris war so kurz davor ihm Folge zu leisten. Es war nur ein Wort, nur sein Name, den er ausgesprochen hatte und dennoch musste er sich bemühen nicht zusammen zu zucken. Warum hatte er so viel Macht über ihn? Auch jetzt noch, wo er doch gedanklich bereit war Hochverrat zu begehen?

„Es ist nicht wichtig, Wyatt“, antwortete Chris leise und abweisend. Es war alles andere als das, doch Chris wollte einfach nur, dass Wyatt ging und ihn in Ruhe ließ. Je länger er hinter ihm stand, desto mehr sank seine Entschlossenheit. Wyatt unbemerkt, mitten in der Nacht zu hintergehen, war eine Sache, eine ganz andere war es, dies direkt vor seinen Augen zu tun.

„Ach ja?“, fragte Wyatt in einem scharfen Ton. Chris lief es eisig den Rücken herunter. „Findest du es etwa nicht wichtig, dass du vorhast mich zu verlassen?“

Woher wusste er das nur? Womöglich war er doch nicht so geschickt vorgegangen, wie es sich Chris erhofft hatte. Aber das machte nun keinen Unterschied mehr. Wenn er jetzt nicht die Chance ergriff, die Wyatt ihm hier, ob absichtlich oder nicht, bot, dann würde er nie entkommen. Dann würde er auf immer von diesen kalten Stahlwänden gefangen gehalten.

„Lass mich gehen“, flüsterte Chris und seine Stimme hallte von den Wänden wieder. Beim erklingen seines Echos musste er zusammenzucken, er hasste wie seine eigene Stimme klang.
Zu gerne hätte er Wyatts Gesichtsausdruck gesehen, nur um seine Reaktion zu sehen. Doch er traute sich nicht, zu viel Angst vor der Möglichkeit einer schlechten Reaktion.

„Warum sollte ich das tun?“, ertönte Wyatts Stimme eiskalt.
Chris schloss seine Augen, überzeugt, dass er in seinem lächerlichen Fluchtversuch versagt hatte. Er wollte diese Gänge nicht mehr sehen.
„Bitte“, er hasste wie erbärmlich er klang. Hier stand er nun, bettelte um seine Freiheit, anstatt dafür zu kämpfen.
Er war wirklich ein Feigling.

---

Letzten Endes ging er, einfach so.
Er konnte sich nie erklären, warum Wyatt ihn hatte gehen lassen. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, ihn aufzuhalten, ihn einzusperren. Doch er hatte es nicht getan und Chris verstand nicht.
War dies ein Zeichen, dass Wyatt noch zu retten war? Oder vielmehr, dass es schon zu spät war?


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