Die Besonderen

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
01.08.2014
21.03.2015
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Ich war 15, als ich mich dazu entschied der Königsgarde beizutreten. Nicht um unseren ehrenwerten König vor dem aufgebrachten Pöbel zu schützen, sondern um die Menschen zu beschützen, die es selbst nicht können.

Meine Mutter schickte mich an diesem für mich so entscheidenden Tag zu einem ihrer Kunden. Sie war Schneiderin und erledigte Aufträge für alle Schichten, ob arm ob reich. Wir zählten zur ersten Kategorie. Ich half ihr gerne bei der Arbeit und ich wäre vermutlich auch in ihre Fußstapfen getreten, wenn eben dieser Tag nicht alles verändert hätte. In den verschmutzten, aber leeren Straßen von Beau. Der Name mehr Schein als Sein. Diese Stadt war einfach nur hässlich. Ihre Bewohner, ihre Häuser und ihr lächerlicher König.

Auf dem Weg zu dem Kunden verlief alles wie immer: ich beeilte mich, da die Nacht bereits hereinbrach und machte keine unnötigen Zwischenhalte. Kurz bevor ich das Haus des Kunden erreichte, sah ich mich verstohlen um. Sie waren überall. Auf den Dächern, in den Gassen und auch unter der Erde. Unsere Königsgarde behielt stets ein wachsames Auge auf die Bevölkerung. Bei Tag und bei Nacht blieben sie an ihren Posten, doch nur selten bekam man sie zu Gesicht. Dennoch wusste jeder, dass sie da waren. Ein kleines 15 jähriges Mädchen mit einem Jutebeutel voll Stoff war für sie allerdings uninteressant.

Der Mann, Louis Valon, der meine Mutter beauftragt hatte, machte einen recht freundlichen Eindruck. Er bot mir an, auf einen Tee und ein paar Kekse zu bleiben. Ein Luxus den wir uns niemals hätten leisten können, also nahm ich es dankbar an. Valon war ein hochrangiger Offizier und hatte weder Frau noch Kinder, was mich im Nachhinein auch nicht verwundert. Ich nippte ehrfürchtig an der Teetasse und biss zaghaft in einen der kleinen runden Kekse. So etwas Leckeres hatte ich nicht mehr gegessen, seitdem Mutter an meinem zehnten Geburtstag einen Kuchen gebacken hatte.

"Wann erwartet dich deine Mutter wieder zurück?", fragte er plötzlich.
"Bald. Ich sollte mich auf den Weg machen. Vielen Dank für die Verköstigung Monsieur Valon."
"Bitte bleib doch noch ein wenig. Ich habe gerne Gesellschaft."
Das Ticken der großen Standuhr im Salon wurde lauter. Ich sollte gehen.
"Verzeihen Sie, meine Mutter erwartet mich."
Die Gesellschaft dieses Mannes bereitete mir Unbehagen. Ich entschied dieses Haus sofort zu verlassen.
"Das ist wirklich schade", rief er mir bedauernd hinterher und ich stand wieder auf der Straße. Ich wollte keine Zeit verlieren und ging den schnellsten Weg nach Hause, der unglücklicherweise durch einen wenig beleuchteten Park führte. Schnellen Schrittes ging ich durch die kalte Nacht. Noch bevor ich mich versah, hörte ich Schritte hinter mir. Das war nicht die Garde, das war Valon.

Ich wollte laufen, doch er war schneller und stärker. Meine Schreie mussten überall zu hören gewesen sein, doch niemand half mir. Die Garde schert sich nicht um ein kleines Mädchen, auch nicht, wenn sie um Hilfe schreit.
"Aufhören!", rief ich, doch es war vergebens, dachte ich.
Als Valon anfing meine Kleider aufzureißen, hielt er plötzlich inne. Aus seinem Mund lief Blut. Viel Blut. Seine Augen verdrehten sich und er sackte leblos vor mir auf dem Boden zusammen, um die Sicht auf eine Gestalt frei zu geben, die gerade ihr Schwert zurück in den Schwertgurt schob. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie einen Menschen sterben sehen, jedenfalls nicht so nah ...

Ich wollte schreien, doch der Fremde drückte mir seine behandschuhte Hand auf den Mund und legte den Zeigefinger seiner anderen Hand auf die eigenen Lippen.
"Shhh. Wie ist dein Name, Kleine?", fragte er flüsternd und entfernt seine Hand von meinem Mund. Er machte mir keine Angst, jedenfalls nicht so wie der tote Valon neben uns. Ich konnte nicht einmal sein Gesicht erkennen, weil es so dunkel war.
"Emma. Emma Voix", antwortete ich mit zittriger Stimme.
"Gut. Emma, mach dich sofort auf den Weg nach Hause. Wir müssen weg von hier. Bring dich nicht noch einmal in Schwierigkeiten."
Noch während er das sagte, zog er sich einen dunklen Schal über Mund und Nase. Im schwachen Licht der Laterne konnte ich erkennen, dass er sich auch das Cape der Königsgarde zurecht zog und die Kapuze über seine dunklen Haare. Er war ein Kämpfer der Garde.

"Du gehörst zur Garde?!", entfuhr es mir.
Dass er vermutlich zu alt war, um ihn duzen zu dürfen, war mir in dem Moment egal. Ich schätzte ihn auf Anfang 20. Nachdem er mich einige Sekunden lang musterte, hockte er sich neben mich und wischte mir eine einzelne Träne von der Wange. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass ich geweint hatte.
"Vergiss mich, Emma. Und jetzt geh nach Hause."
Ich sah ihm nach, bevor er eins mit den Schatten der Nacht wurde. Ihm habe ich es zu verdanken, dass mir damals nichts passiert ist. Mein einziges Ziel seit unserer Begegnung war es, ihn zu finden und nach seinen Beweggründen zu fragen. Ich bin die erste Frau, die es in die Garde geschafft hat und ich werde nicht aufgeben weitere Veränderungen in dieser hässlichen Welt zu veranlassen.
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