Der verräterische Pfad der Sterne bricht ihnen das Genick?

von Myera
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Amber Hei Huang Mao Pai Yin
01.08.2014
19.02.2016
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10.055
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01.08.2014 4.026
 
Ja, nein, fragt nicht. Theoretisch wollte ich an der anderen angefangenen Story von DTB weiter arbeiten, aber mir fehlt die passende Inspiration und das hier hat mich abgelenkt. Ich arbeite hier schon Monate dran, und es ist immer noch nicht fertig... Lang ist es nicht, vielleicht drei/vier Kapitel - oder noch weniger.

Wie immer: Ich habe lediglich die erste Staffel gesehen, deswegen beziehe ich mich nur darauf. Alle Fakten aus der zweiten Staffel, die meiner Geschichte widersprechen, würde ich bitten zu ignorieren... Sonst wird das hier viel zu kompliziert. Und wie gesagt, es ist nur eine kurze Story zwischendurch, weil ich einen grundlegenden Wandel zwischen 1x01 und 1x22 bemerkt habe und ich diese freundschaftlichen Gefühle einfach irgendwie ausdrücken musste (Ich meine, warum hat Huang sich sonst in die Luft gesprengt, um Hei, Yin und Mao die Flucht zu ermöglichen?)
Abgesehen davon... Ich bin ja der Meinung, dass Hei eigentlich aufgrund der Sache in Südamerika ziemlich viel zu verarbeiten hat. Das war auch einer der Hintergründe, weswegen das hier entstanden ist. (Das merkt man allerdings erst im zweiten Kapitel.)

Ich hoffe, ihr habt nichts gegen Huang, weil er fast die ganze Zeit erzählen wird - mit ihm war es am einfachsten, weil er ein Mensch ist :)

Viel Spaß! Man liest sich!
LG Myera














Sterne


Der Himmel war voller Sterne.

Hei lag im Bett und fröstelte. Seine Blicke wanderten von Stern zu Stern; er konnte nicht alle sehen, aber das musste er auch nicht. So oft, wie er sie abends betrachtete, hatten sie sich schon lange in sein Gedächtnis eingegraben – auch wenn oftmals Sterne fielen.

Warum er die Sterne so oft ansah, wusste er selbst nicht. Sie waren schließlich falsch. Bedeutungslos. Sterne, die so schnell erloschen, waren es nicht wert, Sterne genannt zu werden. Richtige Sterne waren heiße Gasbälle am Horizont, die ihr Licht noch in tausend Jahren abgeben würden. Beeindruckend.

Manchmal suchte er auch nach Pais Stern, der nun seiner war; sie hatte ihn Hei hinterlassen, und manchmal war das die einzige Versicherung, dass seine Schwester wirklich existiert hatte. Denn sie war einer von Heis persönlichen Sternen gewesen, der nie erlöschen durfte. Und als sie es dann doch tat, kam er sich irgendwie betrogen vor – als hätte das Universum ihn reingelegt. Es hatte seine Welt auf den Kopf gestellt, weil es keine Welt ohne Pai geben konnte.

Aber natürlich gab es die. Auch wenn Hei das nur akzeptierte, weil er glaubte, dass sie irgendwo auf der Welt war – weil das die einzige Erklärung war, die ihn davon abhielt, den Verstand zu verlieren. Sie war sein Stern, seine Konstante in einer Welt voller Ungewissheiten gewesen. Wie oft hätte sie sterben können? Wie oft er? Sie waren beide am Leben geblieben, und er wusste, dass das so war, weil sie die Pfeiler der Welt ausmachten – keinen konnte es ohne den anderen geben. Sie war die eine Wahrheit gewesen, die niemand zerstören konnte.

Und dann war sie einfach so gegangen und hatte ihn im Stich gelassen.

*


Hei glaubte, dass er Fieber hatte; er hatte ziemlich wirre Träume, die sich ineinander verschlungen hatten und völlig absurde Dinge miteinander kombinierten. Mal sah er Pai, mal Amber; ab und zu sogar Mao oder Yin.

Es machte ihn fertig, aber er konnte nicht entkommen. Er wusste ja selbst nicht, warum diese Träume ein schlechtes Gefühl in ihm auslösten. Er konnte sich kaum an etwas darin erinnern; nur ab und zu spritzte Blut. Und am Ende war es immer dieses Gefühl, dass er allein war – verlassen, auf sich gestellt -, dass ihn aus der Fassung brachte.

Vielleicht weinte er auch manchmal, aber das lag sicher nur am Fieber.

Ganz bestimmt.

*


Nach drei Tagen ohne ein Lebenszeichen von Hei stiegen Huang, Yin und Mao bei ihm ein. Huang hatte zwar dafür plädiert, einfach dem Syndikat Bescheid zu geben, aber Mao, der zumindest einen Funken Pflichtgefühl in sich trug, überzeugte ihn davon, zuerst nach dem Rechten zu sehen. Dass Hei dem Syndikat gegenüber untreu war, war schließlich noch unbewiesen – am Ende schickten sie ihm vielleicht völlig umsonst einen Killer auf den Hals.

Und dafür, meinte Mao, arbeiteten sie schon zu lange zu gut zusammen.

Als ob sie nicht alle wüssten, dass es einen ganz anderen Grund dafür gab.

Also stiegen sie mitten in der Nacht in Heis Wohnung ein; hätte sie jemand gesehen, wären sie dran gewesen. Immerhin deutete das daraufhin, dass sie Hei zu sehr mochten – Gefühle waren in der Hackordnung des Syndikats nicht gerne gesehen.

Auch wenn man es nicht wirklich als Einbrechen bezeichnen konnten. Immerhin steckte von außen der Schlüssel, was auch das erste Zeichen dafür war, dass etwas hier massiv nicht stimmte. Huang zog seine Waffe und bedeutete Yin, die Tür zu öffnen. Sie tat es vorsichtig, aber ohne Angst (jedenfalls ließ sie keine erkennen, und da sie eine Doll war, hatte sie vermutlich wirklich keine), und Mao war der erste, der hinein ging.

„Alles sauber“, sagte er leise, und Huang sowie Yin betraten Heis winzige Wohnung.

Sie sahen sich um; der kleine Raum wirkte leer. Nur drei Einkaufstüten auf dem Tisch vermittelten den Eindruck, dass hier jemand wohnte. Ansonsten gab es hier nichts – keine kitschigen Figuren, keine achtlos hingelegten Werkzeuge oder Zeitschriften. Der Raum war kalt und erweckte den Eindruck, unbewohnt zu sein.

Doch Hei hätte niemals das Essen zurück gelassen, ja, es nicht in den Kühlschrank geräumt, wenn es nicht unumgänglich gewesen wäre. Huangs Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wurde immer schlimmer.

Der Schlüssel und das Essen. War das eine Warnung? War Hei geflohen? Und wenn ja, warum? Huang stellte fest, dass der Gedanke, dass Hei einfach abgehauen war, ihn wütend machte. Warum? Weil sie ihm nichts bedeuteten? Und weil sie wegen ihm gerade ihre Existenz riskierten? Er war doch nur ein Contractor. Contractor nahmen keine Rücksicht auf andere.

Aber Mao war auch ein Contractor, und Yin war eine Doll – die beiden brachten mehr Gefühle für Hei auf, als er verdient hatte.

Aber du weißt doch ganz genau, dass das nicht stimmt, flüsterte eine kleine gemeine Stimme in seinem Inneren. Wahrscheinlich sein Gewissen, auch wenn er längst geglaubt hatte, es losgeworden zu sein. Er ist für Mao direkt in die Höhle des Löwen gegangen, und du weißt verdammt genau, dass er das auch für dich getan hätte.

„Er ist abgehauen“, stellte Huang missmutig fest und senkte die Waffe. „Wir haben unsere Zeit verschwendet.“

„Aber wir haben doch überhaupt nicht richtig nachgesehen“, wandte Mao unsicher ein. Huang bedachte ihn mit einem finsteren Blick.

„Er hat nicht einmal das Essen weggeräumt“, sagte er und versuchte sein eigenes Unbehagen zu unterdrücken. Der Schlüssel, das Essen und dieser Geruch... Es roch nach schlechter Luft und Krankheit. Huang hatte einmal seine Mutter im Krankenhaus besuchen müssen, weil sie an einer schweren Lungenentzündung gelitten hatte; der Geruch hier war ähnlich. Nicht direkt nach Tod, aber unangenehm genug, um die Nase zu rümpfen.

Es war die Vorstufe vom Tod, dachte er und erschrak. Er steckte die Waffe weg; wenn jetzt noch niemand gekommen war, würde auch niemand mehr kommen. Sie waren zwar leise gewesen, aber  trotzdem nicht lautlos; vor allem Maos Glockenhalsband war da sehr hinderlich.

Und dann ging das Licht an. Huang zog seine Waffe, steckte sie aber wieder weg, als er sah, wer da im Türrahmen stand.

Hei sah schrecklich aus. Er lehnte am Türrahmen, eine dünne Decke um die Schultern geschlungen und nur in Unterwäsche und T-Shirt – Huang glaubte, ihn noch nie in etwas anderem als der dunklen Hose, dem weißen Hemd oder dem zweckdienlichen schwarzen Mantel gesehen zu haben. Auf seinen Wangen leuchteten ungesunde rote Punkte, die im krassen Gegensatz zu seinem bleichen, nassen Gesicht standen. Seine Haare waren ungewaschen und zerzaust, und seine großen blauen Augen waren seltsam trüb.

Er starrte sie an. Ein paar mal blinzelte er, dann schüttelte er den Kopf und zuckte zusammen. Huang vermutete, dass es die Kopfschmerzen waren. Er ignorierte sie nun vollkommen, ging zur Theke und zog eine der Tüten in seine Arme, um sich dann an den Tisch zu setzen, wobei die Decke lautlos von seinen Schultern rutschte.

Huang, Mao und Yin waren völlig gefangen vom Anblick dieser bizarren Szene; es hatte etwas unerwünscht Intimes, Hei dabei zuzusehen, wie er die Tüten mutlos ansah, bevor er versuchte, etwas heraus zu ziehen. Seine Bewegungen waren langsam und unkoordiniert, also war es kein Wunder, dass die Tüte schließlich umkippte.

Trotzdem hielten sie alle unbewusst den Atem an. Hei war erstarrt und sah fassungslos auf sein Missgeschick. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war das des Apfels, der langsam über den Tisch rollte und schließlich herunter fiel. Hei sah ihm hilflos hinterher, machte aber keine Anstalten, ihn aufzuheben. Huang ging auf, dass er das nicht schaffte, weil er die Kraft nicht aufbrachte. Aber das war lächerlich, oder?

„Wie lange wollt ihr noch stumm bleiben?“, fragte Hei leise und brach damit den Bann. Er angelte sich ein Brot aus der Tüte und biss hinein, ohne sich mit dem Schneiden oder einem Belag aufzuhalten. Das machte es noch bizarrer. „Halluzinationen machen irgendwie keinen Sinn, wenn sie mich nur anstarren, oder? Ich meine, wenn Pai es wäre, wäre es sicherlich schlimm, aber ihr drei?“

Mao war der Erste, der sprach; seine Stimme klang, als hätte er etwas verschluckt, das ihm nun in der Kehle steckte. „Halluzinationen?“

Hei aß unbekümmert weiter, aber er musste ständig Pausen machen, um Luft zu holen. Sein Atem war seltsam pfeifend. Das Geräusch zerrte an Huangs Nerven. „Die haben vor einer Weile angefangen“, erklärte er. „Ich glaube, mein Fieber ist ziemlich hoch.“

„Wir sind keine Halluzinationen“, erklärte Yin sachlich. Hei lachte heiser.

„Sicherlich. Und ich hab kein Fieber“, sagte er beinahe spöttisch. Er hatte mittlerweile das Brot aufgegessen und wühlte in der Tüte, bis er schließlich eine Kekspackung herauszog. Er fummelte an der Verpackung sekundenlang herum. Schließlich entglitt sie seinen Fingern und fiel zu Boden. Hei schluckte trocken und griff nach etwas anderem. Huang sah entsetzt, wie er eine Packung Instantreis aufriss und in sich hinein schüttete.

„Was tust du da, Junge?“, rief er. „Du kannst das doch nicht roh essen!“

„Du siehst doch“, Hei würgte, „dass ich es kann.“

„Aber warum?“

Hei schnaubte erschöpft. „Für Halluzinationen seid ihr ziemlich schlecht informiert“, stellte er fest, und Huang sah so etwas wie Zweifel in seinen dunklen Augen aufflackern. „Ich hab wahnsinnigen Hunger!“ Er schob sich eine Reiswaffel in den Mund und zerkaute sie knirschend.  Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn, aber er bemerkte es nicht.

„Hast du nicht eigentlich immer Hunger?“, fragte Mao beunruhigt. Hei ignorierte ihn und aß weiter. Ein Apfel, zwei Scheiben Toast, drei rohe Eier (mit Schale) und eine weitere Packung Trockenreis verschwanden in seinem Mund. Letzteres verursachte Husten, der in ein trockenes Würgen mündete.

Er versuchte, eine Wasserflasche aufzuschrauben, aber auch sie entglitt seinen ungeschickten Fingern und rollte vom Tisch. Huang glaubte, durchdrehen zu müssen. Es war, als sähe man einem Autounfall zu, ohne die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.

Und trotzdem trat Yin langsam auf Hei zu, hob die Flasche auf, schraubte sie auf und stellte sie vorsichtig vor Hei hin. Er starrte sie sprachlos an. „Aber... das... wie...“ Sein Gestammel war fast schlimmer als das wilde Fressen und die Gleichgültigkeit von zuvor.

„Trink“, sagte Yin, ihre Stimme so ruhig und klar wie ein Teich. Hei gehorchte. Seine Augen fixierten Yins leeres Gesicht, als er die Flasche an die Lippen setzte und mit kleinen Schlucken trank; bei der Hälfte ungefähr fiel ihm die Flasche erneut aus der Hand. Wasser spritzte auf den Tisch und auf Hei.

Hei sog scharf die Luft ein und stand abrupt auf. Das schien keine gute Idee gewesen zu sein; er schwankte. Ohne sie noch einmal zu beachten taumelte er auf die Tür zu. Er griff nach dem Türrahmen, um sich abzustützen, aber seine Finger rutschten ab und er fiel auf den Boden.

Für ein paar Sekunden taten sie nichts. Die Situation war zu verrückt, zu unmöglich. Hei zeigte niemals Schwäche – weder körperlich noch geistig. Egal, welche Wunden er davon getragen hatte, er hatte immer weiter gekämpft und dabei immer elegant ausgesehen. Beherrscht. Huang fühlte sich angesichts Heis körperlichem Versagen unangenehm hilflos. Nun, nicht direkt hilflos; es fühlte sich eher so an, als ob ein grundlegender Fakt der Natur ad absurdum geführt worden war.

Es war einfach nicht richtig.

Mao tapste auf seinen Pfoten zu Hei hin und berührte mit einer Pfote sein Gesicht. Dann sah er zu Huang. „Wir sollten ihn ins Bett bringen.“

Und es wurde noch surrealer; es klang wie bei einem kleinen Kind ('Der kleine Hei ist beim Spielen eingeschlafen und jetzt muss man ihn ins Bett tragen'), aber Hei war erwachsen. Huang vertrieb die Gedanken daran; es half nichts. Mit einem Grummeln näherte er sich Hei.

„Schließ die Tür“, befahl er Yin. Es sah ja nun einmal so aus, als würden sie länger als geplant hier bleiben. Mit einem leisen Ächzen (er war auch nicht mehr der Jüngste) ließ er sich neben Hei auf die Knie sinken und zog ihn hoch, um ihn über seine Schulter zu legen. Das war nicht seine beste Idee – die malträtierte Schulter schrie auf, und Huang stöhnte.

„Wie kann dieser Strich in der Landschaft so schwer sein?“, grummelte er. Mao sprang ihm voraus in Heis Schlafzimmer.

„Er isst eben viel.“ Huang grummelte nichtssagend und stapfte Mao hinterher, wobei Heis Füße aufgrund der Tatsache, dass er einen guten Kopf größer war als Huang, über den Boden schleiften. Yin folgte ihm lautlos.

Heis Schlafzimmer war noch kleiner als die Küche, und die Luft roch hier noch schlechter, abgestanden und stickig. Auf einer kleinen Matratze lagen mehrere zerwühlte Decken, daneben stand ein leerer Eimer. Auch eine kleine Wasserflasche, die zu drei Vierteln voll war, stand daneben.

Huang legte Hei ins Bett. Der Contractor glühte, und die Hitze war selbst durch den Stoff zu fühlen. Seine Augen waren geschlossen, aber sie rollten in den Höhlen, und sein Atem war schnell und pfeifend. Huang deckte ihn sorgfältig zu. Dann erhob er sich und riss das Fenster auf. Er glaubte, einen weiteren Atemzug in der Luft hier drin und er würde verrückt werden.

„Yin, kannst du ein nasses Handtuch holen?“, sagte Mao leise. Huang verspürte den irritierenden Drang, zu kichern. Es war lächerlich, in Heis Gegenwart zu flüstern. Der Kranke würde nicht einmal aufwachen, wenn jemand hier drinnen eine Kanone abfeuern würde.

Yin nickte gehorsam und verschwand, bevor sie ein paar Minuten später mit einem nassen Waschlappen zurückkehrte und ihn auf Heis nasse Stirn legte. Sie setzte sich dann neben Hei und sah ihn auf ihre ruhige, monotone Art an, die Huang manchmal in den Wahnsinn treiben konnte.

Huang fingerte eine Zigarette aus seiner Tasche. Die ganze Situation zerrte an seinen Nerven. Er wünschte sich plötzlich, einfach dem Syndikat Bescheid gegeben zu haben. Das hier war nicht sein Metier. Er war nicht für Kranke zuständig. Irgendwo musste er doch eine Grenze ziehen, und das hier war definitiv der Punkt, an dem diese erreicht war.

„Er muss ins Krankenhaus“, sagte Yin irgendwann. Eine Diskussion aus eigener Initiative zu starten war ungewöhnlich für eine Doll, kam aber bei ihr in letzter Zeit häufiger vor. Huang argwöhnte, dass das an Heis Einfluss lag, und er ertappte sich in letzter Zeit oft dabei, wie er Hei mit... nun ja, Zuneigung begegnete. Es war ihm unbegreiflich, wie das hatte passieren konnte.

„Geht nicht“, sagte Huang und blies Rauch aus dem Mund. „Ein Krankenhaus ist zu öffentlich.“ Und nicht nur das; Hei war nicht bei klarem Verstand. Er konnte Halluzinationen nicht von der Realität unterscheiden. Allein schon, dass er den Namen seiner Schwester ausgesprochen hatte, war ein Hinweis darauf, dass er im Moment nichts für sich behalten konnte. Natürlich konnte man sein Gerede für Fieberwahn halten, aber wie leicht hörten die falschen Leute zu? Hei würde tot sein, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Außerdem, wer weiß, was bei euch Contractors im Blut rumschwimmt?“

Mao sah Huang zweifelnd an. „Ich hab noch nicht davon gehört, dass man Contractorfähigkeiten nachweisen kann.“

Huang zuckte mit den Schultern. „Es ist trotzdem keine gute Idee.“

„Also willst du ihn einfach hier liegen lassen?“, fragte Mao, und Huang glaubte, ein wenig Missbilligung aus seiner Stimmer heraus hören zu können. Es verärgerte ihn aus unbekannten Gründen.

„Nein. Aber in ein Krankenhaus kann er nicht.“

„Dann müssen wir uns eben um ihn kümmern“, stellte Yin nüchtern fest. Mao und Huang starrten erst sie, dann einander an. Das ging Huang völlig gegen den Strich. Er war doch keiner dieser Bekloppten, die aus reiner Nächstenliebe halfen! So weit kam es noch!

„Wieso sollten wir?“, gab er kalt zurück. „Das hier ist Heis Problem, nicht unseres. Er hat uns bereits genug Schwierigkeiten gemacht mit seinen voreiligen Aktionen.“

„Er hat Recht, Yin“, sagte Mao leise. „Wir haben keine Verpflichtungen ihm gegenüber. Wenn das Syndikat uns erwischt...“ Ja, dann würde es sie bestrafen. Gnadenlos. Contractor wurden nicht krank, und wenn sie es doch taten, interessierte es das Syndikat einen Scheißdreck. Es war kein mitfühlender Verein, auch wenn es wahrscheinlich klüger gewesen wäre, seine Mitglieder ärztlich zu versorgen.

Bloß argwöhnte Huang, dass sie bereits auf der Abschussliste standen – mit Yins Eskapade, Maos Besuch bei Amber und Heis Verbindung zu Amber sowie Huangs kurzer Illoyalität waren sie sicherlich nicht mehr vertrauenswürdig. Es war zu gefährlich, dem Syndikat Bescheid zu geben – vielleicht fanden sie mehr heraus, als gut für sie war.

„Hei hat dich von Amber zurück holen wollen. Und mich ebenfalls.“ Huang öffnete den Mund, aber Yin war schneller. „Er wäre auch für dich gegangen.“

„Na schön“, grollte Huang. Er hätte noch weiter protestieren können, aber Fakt war, dass er es gar nicht wollte. Hei war mittlerweile zu einem festen Bestandteil ihres Teams geworden, und er war besser als so manch anderer Contractor. Huang gestand sich ein, dass er Hei (und natürlich den Rest des Teams) eventuell sogar einmal vermissen würde...

Wie verkorkst sie doch alle waren.

*


Huang organisierte einen unauffälligeren Wagen – schließlich wollte er nicht, dass das Syndikat ihnen auf die Schliche kam. Hei auf diese Weise zu helfen ließ darauf schließen, dass sie sich sehr viel näher standen, als erwünscht und erlaubt war. Also holte er seinen eigenen Wagen, den er sich bereits vor langer Zeit angeschafft hatte, um dem Syndikat im Falle des Falles vielleicht entkommen zu können. Natürlich glaubte er nicht daran, es verlassen zu können, aber der Gedanke, dass er es vielleicht schaffen könnte, hielt ihn bei Laune.

Als er die Wohnung wieder betrat, geriet er in eine weitere bizarre Szene.
Hei war aufgewacht. Das hätte positiv sein können, war es aber nicht. Huang war nur eine halbe Stunde weg gewesen, aber Hei wirkte unglaublicherweise noch kränker als zuvor. In seinen offenen Augen war nicht ein Funken Bewusstsein zu erkennen. Er hatte sich mühsam aufrecht gekämpft, und trotzdem musste Yin ihn festhalten, damit er nicht gleich wieder hinfiel. Mit den Händen umklammerte er den Eimer und erbrach sich geräuschvoll und quälend lang.

Die Bemerkung, dass Huang ihm gesagt hatte, dass das mit dem Trockenreis keine gute Idee gewesen war, blieb ihm im Hals stecken, und ein unerklärliches Entsetzen überfiel Huang.

Das hier war einfach falsch.

Langsam ebbte Heis Anfall ab. Hustend ließ er sich in Yins Arme sinken und schloss die Augen. Er schlief schon wieder, als Yin ihn vorsichtig so hinlegte, dass sein Kopf auf ihrem Schoß lag. Sie wischte ihm mit einem Tuch vorsichtig den Mund sauber.

Mao hob müde den Kopf und sah Huang mit einem Hauch Verzweiflung an. „Alles fertig?“

Huang nickte. „Das Auto steht unten. Ich nehme ihn.“ Er nickte zu Hei rüber, und Yin schob die Hände unter Heis Rücken, um ihn aufzurichten und so auf Huangs Rücken zu legen. Huang bemerkte, dass Yin ihm eine Hose und eine Jacke angezogen hatte.

Und dann verließen sie die Wohnung.

*


„Ich wusste gar nicht, dass Contractor krank werden können“, sagte Huang irgendwann. Er saß auf einem Stuhl in Yins Wohnung und beobachtete mit nervösem Interesse Hei, der in Yins Bett lag.

Es war mittlerweile einen Tag her, seit sie Hei aus seiner Wohnung geholt hatten. In seiner Wohnung wären sie zu auffällig gewesen, immerhin mussten Huang und Mao ab und zu die Wohnung verlassen, um mit dem Syndikat zu sprechen... Lediglich Yin unterlag allein der Kontrolle ihres Teams, da sie eine Doll war und als solche nicht eigenständig dachte (was zwar falsch war, Huang aber nicht für nötig befunden hatte zu korrigieren). Außerdem war Heis Vermieterin ständig da und stellte unter Umständen nervende Fragen.

Also hatten sie Hei mitgenommen und zu Yin gebracht. Die Entscheidung war von Huang getroffen worden, der Yin gesagt hatte, dass sie ihm hatte helfen wollen, also auch gefälligst sie ihren sicheren Wohnsitz riskieren sollte. Yin hatte nur genickt. Huang bezweifelte, dass es ihr wirklich etwas ausmachte.

Mao und Huang hatten den Tag unruhig und angespannt verbracht, während Yin die Ruhe selbst war. Huang ertappte sich bei dem Gedanken, dass es sicherlich auch mal ganz schön wäre, wenn einem alles scheißegal war, bis ihm einfiel, dass das bei ihr ja nicht der Fall war. Deswegen hatten sie ja jetzt Hei am Hals.
Hei war in der Zwischenzeit nicht einmal aufgewacht, und so langsam machte sich auch Huang Sorgen – auch wenn er sich weiter hartnäckig einredete, dass es ihm egal war.

Mao reagierte auf Huangs Frage nur mit einem müden Gähnen. „Natürlich werden wir krank. Die Veränderungen durch den Contract sind nicht physischer, sondern psychischer Natur. Es kommt einfach nur selten vor.“

„Hm“, murmelte Huang und steckte sich erneut eine Zigarette an. Seit Hei hier war, hatte er sich vom Gelegenheits- zum Kettenraucher entwickelt. Das Zeug beruhigte seine Nerven und verhinderte, dass er irgendjemandem an die Kehle ging. „Dachte immer, ihr wärt immun gegen sowas.“

Mao fing an, sich zu putzen. Sein Glöckchen klingelte auf eine entnervende Art und Weise. Am liebsten hätte Huang es ihm vom Hals gerissen. „Nein. Wie gesagt, Contractor sind Menschen mit speziellen Fähigkeiten und einer gewissen geistigen Grundeinstellung... Aber wir sind Menschen.“

Der Blick seiner Katzenaugen war unangenehm intensiv, und Huang fragte sich, was Mao ihm damit sagen wollte.

Wahrscheinlich nichts und alles, und er sollte es einfach so erkennen.

Verdammte Contractor.

*


„Er braucht einen Arzt.“

Es war der zweite Tag, den sie an Heis Seite verbrachten. Sein Fieber war nicht gesunken, und er war immer noch nicht wieder aufgewacht (ausgenommen der wenigen Momente, in denen er das Klo aufsuchte, was er aber auch nur halb schlafend tat. Huang war ziemlich erleichtert darüber, dass sie sich nicht auch noch um diese Angelegenheit kümmern mussten.) Yin kümmerte sich hingebungsvoll um ihn, während Huang und Mao ihnen lediglich das Syndikat vom Hals hielten, auch wenn das nicht mehr lange gutgehen konnte. Wenn Hei einen Auftrag erteilt bekam, würde alles auffliegen. Eventuell würde man ihnen einen neuen Contractor zuweisen... einer, der dem Syndikat treuer war als sie alle – der heraus finden würde, in welcher Beziehung sie zu Amber standen. Denn auch wenn Hei wütend auf Amber war, wusste Huang, dass er nicht wollte, dass alle Contractor verschwanden.

Und Huang wollte es auch nicht.

Früher hatte er Contractor gehasst und sie verflucht, aber mittlerweile hatte er sich so etwas wie ein Leben aufgebaut – mit dem, was in seiner Situation  einer Familie am nächsten kam. Huang wollte nicht schon wieder aus dieser Routine gerissen werden. Er hatte es satt, dass sich Bekanntschaften ständig änderten. Ein wenig Stabilität war doch nicht zu viel verlangt, oder?

Dass ganz andere Gründe eine Rolle spielten, bekam er in seiner Selbstverleugnung gar nicht mit.

„Sie hat Recht“, stimmte Mao Yin zu.

Huang drückte missmutig seine Zigarette aus – die siebte an diesem Tag. Mittlerweile stank die ganze Wohnung nach Rauch, was man aber nur bemerkte, wenn man sie mal verließ und zurück kehrte. Er ignorierte Maos missbilligenden Blick und zündete die nächste an. „Und wie wollt ihr das anstellen? Ihn abknallen, wenn er fertig ist?“ Er nahm einen tiefen Zug. „Er wird sich wundern, warum wir Hei nicht ins Krankenhaus bringen. Und wer weiß, was Hei von sich gibt, während der Arzt da ist?“ Und nicht nur das. Die Chance stieg, dass das Syndikat sie entdeckte. Und sie konnten sich verdammt noch mal keinen Fehltritt mehr leisten.

„Bis jetzt hat er nichts dergleichen von sich gegeben“, meinte Mao. „Und wenn wir es nicht tun, wird er sterben. Das Fieber ist zu hoch und sinkt nicht.“
Huang seufzte geschlagen und damit war es beschlossen.
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