Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Jäger, Gejagter, Jäger

von Hexenbalg
KurzgeschichteFamilie, Übernatürlich / P16
31.07.2014
31.07.2014
1
3.056
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
31.07.2014 3.056
 
Dieses Geschichtchen ist mein Beitrag zum Blutengel-Wettbewerb von AuctrixMundi! Vielen Dank für den tollen Wettbewerb, ich hatte Spaß beim Misshandeln meiner Charak...ehm...ich meine natürlich mit meiner süßen, kleinen Idee. Ich würde niemals meine Charaktere misshandeln. Ahahaha. Ich doch nicht.

Auch an Jury und andere Teilnehmer vielen Dank für die Mühe, ich hab die bisherigen Beiträge alle sehr gern gelesen :DAber genug mit dem Gequassel, viel Spaß beim Lesen!

(Betagelesen von Word, mir selbst und ein bisschen von MaFuRu :D)



Jäger, Gejagter, Jäger

Ein Raum im Dämmerlicht. Mondlicht, das durch zerbrochenes Fensterglas hineinfällt und trotzdem kaum Helligkeit bringt. Es ist still, kein Laut ist zu hören, nur leise der Wind in den Ästen der hohen Eichenbäume draußen. Dann hallen Schritte durch den Raum, und verstummen schließlich wieder.In einer der Ecken des Zimmers steht ein Mann im Schatten, er steht vor einem Spiegel. Es wirkt, als würde er seine Spiegelung betrachten, doch dieser Eindruck täuscht. In den wenigen Scherben, die noch in dem alten Spiegelrahmen hängen, sind nur Ausschnitte des ansonsten leeren Raumes zu sehen. Sein Spiegelbild schaut ihn trotzdem aus den Rahmen heraus an. So verbleibt es, vollkommen ruhig, minutenlang.
Schließlich landet der goldene Rahmen klirrend auf dem Boden, und das Spiegelbild bewegt sich. Es streicht sich seufzend durch die Haare.
„Glaub mir, du solltest es wirklich einmal mit Menschen versuchen.“, spricht es dann. Der erste Mann wendet sich ab, jedoch nicht ohne seinem Bruder einen stechenden Blick aus kaltglühenden roten Augen entgegenzusenden.
„Du weißt, ich habe es nicht mit dergestalt Gelüsten, Alej...“, meint er gelangweilt, „Auch entzieht es sich meinem Verstande, weshalb du sie anderen Nachtwandlern vorziehst.“Sein Bruder Alexander packt ihn an den Schultern und wirbelt ihn herum, und sein Zwilling lässt es sich gefallen, allerdings nicht ohne ein genervtes Schnauben von sich zu geben.
„Der Sex, Seb! Es ist nicht zu vergleichen mit einer Vampirin, so warm und verlockend und es geht nichts über den Genuss, ihnen mittendrin die Zähne in den Hals zu rammen und sie, wenn du fertig bist, umzubringen.“Er schließt die Augen, ein genießerisches Summen von sich gebend. Dann öffnet er sie wieder, seinen Bruder zweifelnd musternd.
„Und lern endlich, uns beim Namen zu nennen. Nachtwandler, wirklich? Was kommt als nächstes? Blutengel? Wir wandeln nun schon seit Hunderten von Jahren über diese fade Erde, langsam kannst du dir das ruhig abgewöhnen.“
„Oh, glaube mir, Bruder, es ist nicht vergleichbar, wenn dir eine Vampirin während des Lustspiels an der Ader hängt. Du solltest aufhören, mit dem Essen perverse Spielchen zu treiben. Übrigens sagt mir der Begriff durchaus zu.“, erwidert Sebastian mit glitzernden Augen. Alexander verdreht die seinen.
„Vampirin. Tu doch nicht so. Zu schade, dass sie diesen Kleinen erwischt haben. Christian hieß er, nicht? Dabei war die Verwandlung fast abgeschlossen. Ja, wirklich schade.“, seufzt er, dann wandert sein Blick hinüber zur Tür. „Lass uns jagen gehen.“
„Es sind Jäger in der Gegend, sie sind uns immer noch auf der Spur.“, gibt sein Bruder zu bedenken, trotzdem beginnt er bereits auf die weit offen stehende Tür zuzulaufen. Nun ist es an Alexander, genervt zu schnauben.
„Als ob die uns erwischen, diese armseligen Blutbeutel. Außerdem beginnt deine Haut auszutrocknen, du musst trinken.“
Unwirsch nickt Sebastian. „Das ist mir durchaus bewusst. Was denkst du, warum ich nicht mit dir diskutiere?“
Alexander legt den Kopf schief und tut so, als müsse er nachdenken.
„Hmm...vielleicht weil ich unsere Diskussionen am Ende eh immer gewinne?“, meint er schließlich nach einigen Sekunden, nur um einen unbeeindruckten Blick seines Bruders dafür einzufangen.
„Als ob.“, schnaubt er, dann ist er auch schon in der Dunkelheit verschwunden. Alexander folgt ihm.



Ein ausgetretener Pfad am Ufer eines Sees. Das Wasser glitzert im Mondlicht. Hastige Schritte sind zu vernehmen, eine junge Frau eilt schnellen Fußes am Wasser entlang, ihren Mantel dicht um den Körper geschlungen. Sie schaut sich immer wieder nervös um, der Weg war ihr noch nie geheuer im Dunkeln. Sie lebt schon seit Jahren in dieser Gegend, trotzdem kann sie sich nicht mit den düster neben ihr aufragenden Bäumen anfreunden. Sie wirken wie Gerippe jetzt im Herbst, wo die Blätter alle langsam zur Erde segeln. Die Nachrichten über mehrere mysteriöse Morde in dem Gebiet machen es nicht besser. Keiner von ihnen wurde schon aufgeklärt, im Gegenteil tappt man völlig im Dunkeln. Es heißt, die Körper waren blutleer und hatten Bissspuren entweder am Hals oder an den Unterarmen. Immer wieder fällt der Begriff ‚Vampir‘, doch an so etwas glaubt sie nicht. Trotzdem beeilt sie sich lieber. Vampir oder nicht, auf jeden Fall tötet es Menschen.
Plötzlich hört sie lautes Lachen. Vor Schreck kommt sie vom Pfad ab und tritt mit einem Fuß ins Wasser. Kleine Wellen treiben einige der toten, braunen Blätter weiter auf den See hinaus. Über sich selbst den Kopf schüttelnd weicht sie wieder auf den Weg zurück. Gut, dass ihre Stiefel wasserfest sind, denkt sie sich. Jetzt kann sie auch die beiden Gestalten sehen, die ihr entgegenkommen. Es sind zwei Männer, kaum älter als sie selbst. Sie werden ja kaum die mysteriösen Mörder sein. Als sie näher kommen, sieht sie, dass es Zwillinge sind. Einer von ihnen trägt einen langen, altmodisch wirkenden Mantel, und hört mit gelangweilter, unberührter Miene dem Geplapper seines Bruders zu.
Dieser trägt Jeans und eine Kapuzenjacke, außerdem eine wollene Mütze, unter der seine roten Haare fast nicht zu sehen sind. Er redet lebhaft auf seinen Bruder ein, mit funkelnden Augen.
Sie seufzt und setzt sich wieder in Bewegung. Diese Nachrichten machen sie nur übermäßig schreckhaft. Dann sind die beiden Männer vor ihr, und anstatt den Weg frei zu machen, bleiben sie stehen und versperren ihn. Verwirrt blickt sie auf, und blickt in rote Augen. Kontaktlinsen? Machen sich die beiden sich einen Spaß daraus, so zu tun, als wären sie Vampire, und erschrecken dann die Leute?
„Genießt du die Nacht?“, fragt sie der Rechte mit einem kleinen Lächeln. Sie atmet tief durch. Wieso sie nicht einfach weitergehen und sie in Ruhe lassen, ist ihr ein Rätsel. Vielleicht sind sie ja betrunken, zumindest der, der sie angesprochen hatte. Der Linke wirkt selbst eher genervt.
„Hast du schon mal Blut probiert?“, fragt Alexander weiter, immer noch unschuldig lächelnd. Als ob sie einen so durchschnittlichen Menschen jemals ihr heiliges Blut trinken lassen würden. Gerade Sebastian würde sich eher die Hände abhacken, als ein gewöhnliches Menschenmädchen die Tropfen von ihnen lecken zu lassen, die Teil der Verwandlung sind. Aber für Alexander gehört die Fragerei zum Spiel dazu. Er kann die Angst des Mädchens riechen, doch noch scheint sie nicht begriffen zu haben, dass sie sterben wird. Vermutlich eine der Kandidatinnen, die nicht an Vampire glauben. Wie besonders sie doch war. Oder auch nicht, und bald wird sie verstehen, wie sehr sie sich geirrt hat, die ganze Zeit. Traurige Nachrichten, Vampire existieren, tragische Tatsache, sie wird es nicht mehr weitererzählen können.
„Was wollt ihr von mir?“, fragt sie, mit unmerklich zitternder Stimme, und blickt sich hektisch um. Beinahe hat er Mitleid mit ihr, wie sie so vergeblich nach einem Ausweg sucht, einem Weg zurück.  Aber sie ist viel zu unsicher, um überhaupt loszulaufen. Für ihn ist das besser, für sie wäre es besser, wenn sie diese Unsicherheit ablegen würde. Wenn sie wenigstens begreifen würde, dass sie sterben wird.
Er wird es nicht kurz und schmerzlos machen, wenn sie es nicht bald begreift. Er mag es nicht, dass seine Existenz verkannt wird. Wieder sieht sie sich um. Er hat ihr immer noch nicht geantwortet, und immer noch ist niemand zu sehen, der ihr helfen kann. Selbst wenn jemand da wäre, wäre er zu weit weg, um etwas zu sehen. Es ist viel zu dunkel dafür unter dem dichten Geäst, und noch dazu sind sie Geschöpfe der Nacht, sie können sich in die Schwärze der Nacht einhüllen, wenn sie denn wollen. Nicht, dass sie es nötig haben. Die Nacht mag ihr Freund sein, aber sie sind auch so überlebensfähig.
Er hört Sebastian genervt schnauben. Er mag es nicht, wenn Alexander lang herumspielt. Deshalb beschließt er auch, es einfach zu beenden.
„Was wir wollen? Ihren Tod und ihr Blut, Milady.“, sagt er mit einem ausdrucksstarkem Rollen seiner roten Augen. Sie starrt ihn an. Die Zwillinge können riechen, wie ihre Angst stärker wird.
„Oh mein Gott, das ist doch ein dummer Scherz. Vampire?“, lacht sie nervös. Alexanders Lächeln verschwindet und er zischt leise, Sebastian ist einen unmerklichen Schritt zurückgewichen.
„Sei bitte einfach weiter still, damit wir dich ohne weitere Komplikationen langsam und genüsslich umbringen und trinken können.“, murrt Alexander. Sebastian legt ihm die Hand auf die Schulter.
„Alej...“, sagt er, im warnenden Tonfall. Dieser dreht sich halb zu ihm um.
„Hm? Ach, stimmt ja, du kriegst langsam Entzugserscheinungen, dann eben doch schnell.“, meint er, und grinst auch schon wieder. Seine Reißzähne sind jetzt deutlich zu sehen, vorher hatte er sie noch verborgen. Sebastian nickt.
„Wir müssen uns sogar beeilen, ich spüre Menschen näher kommen.“, erwidert er. Das Mädchen steht neben ihnen und kann sich nicht rühren. Inzwischen glaubt sie an Vampire. Ein bisschen spät, und pure Panik  hindert sie daran, sich auch nur einen Millimeter zu rühren.
Dann fahren Alexanders Hände auf sie zu, so schnell, dass sie es nicht sehen kann, und legen sich um ihren Hals. Normalerweise bringen sie sie nicht zuerst um, aber wenn sie es eilig haben, ist es besser. Nicht, dass sie noch schreit. Er dreht ihren Kopf einfach um, und sie fühlt keine Panik mehr. Blicklos starren ihre Augen in Richtung See, und ihr Körper fällt lautlos zu Boden.
Die Brüder hocken sich neben sie, jeder auf eine Seite, jeder ein Handgelenk an die Lippen hebend. Ausgehungert schlägt Sebastian als erster seine Zähne durch die weiche Haut, hastig trinkend.
Als sie fertig sind, schieben sie die Leiche ins Wasser und verschwinden im Wald.



„Ich geh noch mal jagen.“, verkündet Alexander einige Nächte später mit einem Grinsen, „die andere Art von Jagen.“
Sebastian hebt den Blick und starrt ihn vernichtend an. „Und dazu musstest du mich jetzt unterbrechen? Ich bemerke es doch so oder so, wenn du gehst.“
Alexander steht in der Tür. „Danke, dass du dich so für mich interessierst, Seb.“, sagt er mit leicht empörten Gesichtsausdruck, doch sie wissen beide, dass er es nicht ernst meint. Sebastian senkt den Blick lächelnd wieder auf seinen Gedichtband.
Zehn Minuten später kommt Alexander mit weit aufgerissenen Augen in den Raum gerast. „Sie haben uns gefunden. Unglaublich viele Jäger. Sie ziehen einen Ring um das Gebäude, ich bin komplett herumgelaufen. Ich hätte noch durchschlüpfen können, aber inzwischen müssten sie nah genug sein, dass das nicht mehr möglich ist. Wir werden kämpfen müssen.“, stößt er hervor.
„Idiot, wieso bist du nicht geflohen, Alej?“, faucht ihn sein Bruder an. Verständnislos legt Alexander den Kopf schief
„Und dich zurücklassen? In welcher Welt lebst du denn?“, meint er. Das besänftigt Sebastian, denn auch er hätte Alexander nie zurückgelassen.
Als die Jäger das Haus erreichen, stehen sie schon wartend vor der Tür, Sebastian mit ausdruckslosem Gesicht, Alexander freundlich lächelnd.
„Wie nett, dass ihr uns besucht.“, sagt er, „aber ihr hättet euch ruhig ankündigen können, so konnten wir gar kein menschliches Essen besorgen.“
Er blickt entschuldigend in die Runde und bekommt eine Ladung Weihwasser ins Gesicht. Fauchend reißt er sich die Arme schützend vors Gesicht, seine Haut zischt, verheilt jedoch schon nach wenigen Sekunden wieder.
„O mein...“, er stockt, er kann nicht von Gott sprechen, damit verletzt er sich nur selbst, „Wasserpistolen? Mit Weihwasser? Wirklich? Wenn ich euch nicht so abartig hassen würde, dann würde ich euch zu eurer Kreativität gratulieren.“
Er senkt die Arme wieder, sich blutige Tränen aus den Augen wischend, die das Weihwasser hervorgerufen hat. Sebastian neben ihm steht still wie eine Statue. Die Jäger sind ebenfalls still. Sein Blick wandert ruhig über die Männer und Frauen. Er macht sich nicht die Mühe, sie zu zählen. Zwanzig? Zwei Dutzend? Sie werden alle sterben. Nur kleine Hindernisse. Sie lassen Alexander weiter reden und reden. Nicht sehr professionell. Eigentlich sollten sie einfach angreifen und ihre Arbeit erledigen. Die Zwillinge wandern langsam von der Tür weg. Bald sind sie eingekreist. Das war ihr Ziel. Ein Kreis ist einfacher zu durchbrechen als ein ganzer Pulk von Menschen, der den Weg versperrt. Und wenn sie erst einmal draußen sind, dann ist das Schicksal der Jäger sowieso besiegelt. Sie werden nicht einmal eine Minute weiterleben. Die Brüder stehen jetzt Rücken an Rücken.Sebastian mustert ruhig die Jäger auf seiner Seite, auf der Suche nach dem schwächsten Glied. Eigentlich ist es egal, sie sind eh viel zu schnell für sie. Er fühlt, dass Alexander sich nicht einmal richtig konzentriert, ziemlich sicher eher gerade über seine Schulter blickt und gleich etwas sagen wird.
„Se-“, er hört ein Klicken, ein Zischen und einen erstaunten Laut von Alexander. Alarmiert fährt er herum.
„Alej?“, fragt er, und milde Panik ist aus seiner Stimme zu hören. Die Augen seines Bruders sind weit aufgerissen, er starrt ihn an, sich taumelnd umdrehend. Aus seiner Brust ragt ein Holzpfahl. Esche, wie Sebastian sofort feststellt, obwohl er ansonsten erstarrt ist.
„Alej.“, murmelt er, wie betäubt. Schließlich kann er sich wieder regen und packt ihn bei den hilfesuchend ausgestreckten Armen. In Alexanders Blick liegt nichts als Unglauben. Es klickt und zischt wieder, doch Sebastian weiß nun, was es bedeutet, und seine Finger graben sich in den Holzpfahl, bevor er nah genug ist, um auch nur seinen Mantel zu berühren. Das Holz zersplittert in seinem Griff, doch es interessiert ihn nicht im Geringsten.
„Seb.“, sagt Alexander, „Es...“, er kann nicht weitersprechen. Der Pfahl hat sein Herz nicht genau getroffen, deshalb ist er noch nicht tot, aber es handelt sich nur noch um Augenblicke. Mitleid und die Bitte um Verzeihung liegen in seinem Blick. Er weiß, dass das unsterbliche Leben nun die Hölle für Sebastian werden wird. Zumindest wäre es das für ihn, wenn er derjenige wäre, der ohne den anderen existieren muss. Sie sind nie getrennt gewesen, weder lebend noch im Tod. Jetzt werden sie es sein.
„Alej.“, flüstert Sebastian ein weiteres Mal, fast tonlos diesmal. Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein. Nicht Alexander. Nicht sein Bruder, sein Zwilling. Nicht jetzt, nicht hier. Nicht getötet von so ein paar erbärmlichen Jägern. Doch die Augen seines Bruders verlöschen. Das leuchtende Rot verblasst, wird ersetzt durch milchiges Rosa. Einige Momente bleibt Sebastian noch reglos, dann lässt er den Körper seines Bruders vorsichtig zu Boden gleiten. In seinem Blick liegt unerschütterlicher Hass. Dunkles Grollen dringt aus seiner Kehle. Er mustert die Jäger. Erneut schießt einer von ihnen auf ihn. Er weicht aus und steht im Bruchteil einer Sekunde vor ihm.
„Das“, sagt er, und stößt ihm die Hand durchs Herz, „werdet ihr bereuen.“
Dann verschleiert roter Zorn seinen Blick, und brüllend wütet er unter ihnen, grausam schön und voll tödlichem Hass.
Es dauert nicht einmal eine Minute, da ist der Boden blutdurchtränkt, und Leichenteile liegen überall. Sebastian hat sie zerfetzt, und jetzt kniet er wieder neben Alexander, den nun endgültig toten Körper in seinen Armen wiegend. Kein Laut ist zu hören. Er würde weinen, wenn er es könnte, aber das geht nicht. Höchstens als Reaktion auf Weihwasser, aber nicht aus Trauer. Er fühlt sich leer, den Blutgeruch, der überwältigend in der Luft hängt, nimmt er nicht einmal wahr.
Seine Stirn lehnt gegen der seines Bruders.
„Alej.“, wispert er erneut. Er und sein Bruder waren nie getrennt. Sie wuchsen gemeinsam auf, sie wurden gemeinsam verwandelt – die mächtige alte Vampirin verlor aber schnell das Interesse an ihnen und ließ sie allein – sie waren gemeinsam herumgezogen. Hatten gemeinsam gekämpft, gemeinsam jagten sie, gemeinsam tranken sie. Und jetzt soll das so plötzlich vorbei sein? So einfach, so schnell? Er hebt den Kopf, bald würde es Morgen sein.



Bald darauf geht die Sonne auf, die ersten Strahlen zur Erde sendend. Sebastian hat sich in die Tür zurückgezogen. Alexanders Körper wird zerfallen, sobald das Licht auf ihn fällt. Wenige Sekunden später ist es auch schon so weit.
Kälte zieht einen eisigen Ring um sein totes Herz, und er rührt sich nicht, als er zusieht, wie der Körper seines geliebten Bruders zischend zu Staub und Asche zerfällt.
Sebastians Hände verkrampfen sich.  Wie soll er nur weiter existieren? Er kennt kein Leben ohne seinen Bruder, und es ist auch nie notwendig gewesen, darüber auch nur nachzudenken. Wie soll er das schaffen? Er ist schon immer der Achtlosere von ihnen gewesen. Nimmt seinen Durst kaum wahr, kümmert sich nicht ums regelmäßige Jagen, bemerkt nicht, wenn es beginnt ihm zu schaden.
Alexander ist...war derjenige, der sich immer darum kümmerte, der aufpasste, der sich an die veränderten Zeiten anpasste, so viel besser als er selbst.
Noch immer steht er nur in der Tür. Die Sonne erreicht auch ihn. Zischend beginnt seine Haut zu verbrennen, und einen Moment erwägt er, es einfach so enden zu lassen.
Mit einem Fluch springt er dann jedoch in den Schatten zurück, dreht sich um, keinen Blick mehr zu der Stelle werfend, wo die Überreste Alexanders nun langsam vom Wind verweht werden. Er zieht sich zurück in den Keller, um vor dem Sonnenlicht geschützt zu sein. Schlafen muss er nicht, schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Normalerweise liest er, oder beschäftigt sich mit Alexander, doch jetzt ist beides nicht möglich.
Alexander ist nicht mehr, und wie könnte er jetzt lesen? Bewegungslos sitzt er an die Wand gelehnt, starrt an die Decke, ohne jemals zu blinzeln. Neben der Kälte der Reglosigkeit brodelt auch der Hass auf diese erbärmlichen Menschen wieder auf. Immer und immer wieder sind sie einfach weitergezogen, obwohl sie viele der Jägergruppen auch einfach hätten vernichten können. Und dann bleiben sie einmal zu lang, und es wird zumindest Alexander zum Verhängnis? Nie wieder. Nie wieder wird so etwas passieren, das schwört er sich. Für Alexander ist es zu spät, aber für viele andere nicht. Er wird diese jämmerlichen Bastarde jagen und keinen Tropfen ihres widerlichen Blutes trinken. Er wird sie alle finden, aufspüren, verfolgen, vernichten, zerreißen, zur Strecke bringen, jeden Einzelnen von ihnen. Keiner wird ihm entkommen.
Wie hat es Alexander noch vor einigen Tagen gesagt? Blutengel. Er hat es spöttisch gemeint. Ihm hat der Ausdruck schon da zugesagt. Und er wird so viel mehr werden als das.
Er wird ein Racheengel, ein Todesengel, ein Engel des Blutes.
Doch nicht ein Engel der Menschen, nein. Wer sagt denn, dass Vampire keinen Engel gebrauchen können? Ein Engel ohne Flügel, doch wirklicher als diese Hirngespinste der Menschen.  
Ja, jeden Einzelnen wird er aufspüren und erledigen und das Letzte, was sie sehen werden, ist ein Blutengel.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast