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Die Gilde der verschwundenen Bücher

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor, Parodie / P12 / Gen
Rektor Jerrik
31.07.2014
31.07.2014
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6.382
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Beitrag zum Wettbewerb Der Verlust. Vorgabe war es, eine Kurzgeschichte zu schreiben, in der sich der Protagonist möglichst ausführlich mit einem Verlust beschäftigt. Welcher Art der Verlust ist, war dabei freigestellt. Als Mindestwortzahl waren 500 Wörter vorgegeben, da sollte ich jedoch deutlich drüber liegen. Das Thema ist ein humoristisches, leicht übertriebene Charakterdarstellung ist daher beabsichtigt.
Die Idee zu diesem Wettbewerb stammt ursprünglich von Thorinstochter, die sich inzwischen jedoch leider abgemeldet hat. Meinen herzlichen Dank daher an Jugolas, welcher so lieb war, die Leitung zu übernehmen, sowie an die Jury, die sich bereiterklärt hat, den Wettbewerb trotzdem weiterzuführen.


Widmung:
Für Lady Alanna. Möge diese Geschichte dich während deiner Prüfungsphase erheitern und dir ein wenig von deinem Stress nehmen.


Die Dialoge innerhalb des mit [*] gekennzeichneten Bereichs sind frei übersetzt aus Kapitel 13, The Magicians’ Guild. Die entsprechende aus Sicht eines anderen Charakters geschilderte Szene hat mich zu dieser Geschichte inspiriert und diente damit sozusagen als Aufhänger.


***



Die Gilde der verschwundenen Bücher



Rektor Jerrik betrat sein Büro, einen Stapel mit Vorschlägen für die bevorstehenden Winterprüfungen, unter dem Arm. Er fragte sich, welche absurden Ideen er dieses Mal ablehnen musste. Einige Lehrer hatten eine seltsame Vorstellung dessen, was ihre Novizen geprüft werden sollten.

Seine Lichtkugel vorausdirigierend schritt Jerrik zu seinem Schreibtisch. Die Luft in seinem Büro war muffig. Muffig und kalt. Er manipulierte seine Lichtkugel so, dass sie zugleich eine angenehme Wärme verströmte. Dann streckte er seinen Willen nach dem Fenster aus und öffnete es.

Ein eisiger Windstoß fuhr in den Raum und ließ die Unterlagen unter seinem Arm flattern. Rasch stellte Jerrik den Papierstapel auf seinem Schreibtisch ab und beschwerte ihn mit Lord Varrins Handbuch des Feuermachens, das zusammen mit seinen beiden anderen Lieblingslektüren stets auf seinem Schreibtisch lag. Jerrik liebte es, darin zu lesen, wenn er eine Pause von dem stressigen Alltag des Universitätsdirektors der Magiergilde brauchte. Und wenn er an die Genehmigung der Prüfungsaufgaben dachte, würde er an diesem Abend gleich mehrere solcher Pausen brauchen.

Sich in seinem Schreibtischstuhl niederlassend, nahm er das erste Papierbündel aus dem Stapel. Lord Elbens Vorschläge für die Drittjahresnovizen. Elben war ein strenger Lehrer und Jerrik schätzte seine Unterrichtsweise.

Auch dieses Mal wurde Jerrik nicht enttäuscht. Elbens Ideen waren unüblich, erschienen ihm jedoch als außerordentlich sinnvoll und effektiv. Einige Novizen würden bei dieser Prüfung vermutlich durchfallen, aber Jerrik war schon immer der Meinung gewesen, die Gilde sollte die weniger intelligenten Novizen ablehnen.

Dann beginnen wir den Abend doch mit etwas Erfreulichem. Lord Elbens Notizen mit Die Überlieferungen der Magier des Südens beschwerend, damit der eisige Wind sie nicht in seinem gesamten Büro verteilte, erhob Jerrik sich und schritt zu einer der Türen an der Seitenwand seines Büros. Er öffnete sie und trat in den schmalen Raum, dessen Seiten von bis an die Decke reichenden Aktenschränken ausgefüllt wurden. Die sich darin befindlichen Unterlagen über sämtliche Prüfungen, die an der Universität der Magiergilde jemals stattgefunden hatten, waren wie die Akten der Lehrer und Novizen nach einem strengen System geordnet. Jerrik öffnete mehrere Schränke und Schubladen, zog Mappen heraus, blätterte darin und steckte sie wieder weg, ganz in seine Arbeit versunken.

Ein lautes Rascheln aus seinem Büro ließ ihn herumfahren.

Durch den schmalen Türspalt sah Jerrik mit Text und Formeln beschriebene Papierbögen durch sein Büro segeln. Die Mappe in seiner Hand achtlos in die nächste geöffnete Schublade werfend stürzte er in sein Büro.

Der Stapel mit den Prüfungsvorschlägen war von einem Windstoß von seinem Schreibtisch geweht worden. So wie Lord Elbens Ideen.

Aber ich habe doch …

Jerrik erstarrte. Die beiden Bücher, mit denen er die Unterlagen beschwert hatte, waren von seinem Schreibtisch verschwunden. Ebenso wie Die Künste des Minken Archipels.

Jerrik blinzelte verwirrt. Das war absolut unmöglich. Wie konnten diese drei Bücher verschwunden sein? Seinen Willen nach den Blättern ausstreckend ließ er diese wieder zu einem geordneten Haufen auf seinem Schreibtisch schweben und belegte diesen mit einer kleinen Barriere aus Magie. Dann sah er sich in seinem Büro um. Der Steinboden war bis auf die Regale an den Wänden, den Schreibtisch und zwei Stühle leer. Die Aktenschränke waren verschlossen und die Regale waren so vollgestopft wie eh und je. Nichts wies auf die drei Bücher hin, die wenig zuvor noch auf seinem Schreibtisch gelegen hatten. Die Tür zum Korridor war verschlossen.

Sie sind gestohlen worden! Jerriks Blick fiel zum Fenster. Er stürzte hinter seinen Schreibtisch und starrte hinaus in die Dunkelheit. Auf dem Universitätsgelände herrschte nichts als diese ganz besondere, andachtsvolle Stille, die nur dann herrschte, wenn der Abendunterricht beendet und die Novizenbibliothek geschlossen war. Nichts regte sich im Park und zwischen den Gebäuden, nirgends konnte er eine Spur des Täters sehen.

Aber er muss durch das Fenster gekommen sein!, dachte er ohnmächtig. Ich hätte gehört, wenn es die Türe gewesen wäre!

Seine Sinne ausstreckend durchsuchte er den sich vor seinem Fenster ausbreitenden Park erneut. Nichts. Nur ein paar Vögel und Kleintiere.

Von Entsetzen und Fassungslosigkeit erfüllt, ließ Jerrik sich auf seinen Stuhl fallen. Diese Bücher waren ihm nicht nur seine liebsten, sondern auch seine teuersten gewesen. Es hatte viel Geld gekostet, die Kopien anzufertigen. Ihr Verlust war in jeder erdenklichen Hinsicht schmerzhaft. Er hing an diesen Büchern mehr als an jedem Menschen, den er kannte. Ohne diese tägliche Lektüre fühlte es sich an, als sei ihm ein Stück seiner Selbst gestohlen worden.

Jerrik seufzte frustriert, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Es verlangte ihm nach nichts mehr, als aus der Universität zu stürmen und jeden Winkel des Geländes abzusuchen, doch er wusste selbst, wie aussichtslos ein solches Unterfangen war. Niemand würde zu dieser späten Stunde noch bereit sein, ihm bei der Suche zu helfen, und er war sicher, seine Chancen würden besser stehen, wenn er seine Suche entsprechend organisierte.

In dieser Nacht tat Jerrik kein Auge zu. Während er sich seufzend von einer Seite auf die andere wälzte, kreisten seine Gedanken um seine kostbaren Bücher und um die Frage, wie es wem auch immer gelungen war, sie so schnell zu entwenden. Nicht einmal, als er einige Übungen durchführte, um seinen Geist zu entspannen, kam dieser zur Ruhe. Aber wie sollte er auch Schlaf finden, wenn ihm sein allabendliches Ritual so jäh genommen worden war?


***


Grantig und übernächtigt schlürfte der Rektor am nächsten Morgen den Sumi, den sein Diener ihm gebracht hatte. Doch die belebende Wirkung des bitteren Getränks konnte seine Stimmung nicht heben. Noch lange vor dem Gong zur ersten Stunde verließ er sein Apartment und kehrte zurück in die Universität. Als er sein Büro betrat, glaubte er für einen verrückten Augenblick, die drei Bücher wieder auf seinem Schreibtisch liegen zu sehen. Aber dort lagen nur die Unterlagen, die er am vergangenen Abend von den Lehrern erhalten hatte.

Jerrik ballte die Fäuste in den Ärmeln seiner Robe und löste sie wieder. Nein, das war kein böser Traum gewesen. Sie waren fort. Noch immer.

Während sich die Flure allmählich mit Magiern und Novizen füllten, schlich der Rektor durch die Gänge und musterte jeden einzelnen von ihnen prüfend und misstrauisch. Wer von ihnen war dreist genug, drei so wertvolle Bücher direkt von seinem Schreibtisch zu stehlen, während er im Raum nebenan war? Unter den Novizen gab es genügend, denen er das zutraute. Doch was, wenn es ein Magier gewesen war? Vielleicht als eine Art Racheakt? Er wusste, dass er bei einigen Magiern nicht allzu beliebt war. Die einen missbilligten ganz offenkundig seine Entscheidungen, obwohl sie stets dem Wohl der Universität galten, während die anderen auf Grund der Strafen, die er gegen sie als Novizen verhängt hatte, noch immer einen Groll gegen ihn hegten.

Jerrik schürzte die Lippen, während er mögliche Kandidaten in seinem Kopf durchging, was seine Laune nicht gerade besserte. Die Novizen, die an ihm vorbeieilten, verneigten sich hastig und grüßten mit einer Spur von Furcht in der Stimme. Die Lehrer wünschten ihm knapp einen guten Morgen und beeilten sich dann, eine möglichst große Distanz zu ihm zu gewinnen.

Es könnte jeder von ihnen sein, erkannte er. Vielleicht hatten sich mehrere zusammengetan. Denn Jerrik bezweifelte, dies war das Werk eines Einzelnen. Kein Dieb konnte so geschickt sein!

Nachdem die erste Stunde begonnen und er niemanden gesehen hatte, der seinen Verdacht mehr als alle anderen erregte, suchte Jerrik die Novizenbibliothek auf. Lady Tya war gerade dabei, einen Stapel zurückgegebener Bücher auf ihrem Schreibtisch an einer Liste abzuhaken.

„Guten Morgen“, grüßte Jerrik.

Die Bibliothekarin sah auf. „Guten Morgen, Jerrik“, erwiderte sie fröhlich. „Seid Ihr hier, um Bücher auszuleihen?“

„Nicht ganz.“ Jerrik räusperte sich. „Wurden bei Euch heute Morgen zufällig Exemplare von Die Überlieferungen der Magier des Südens, Die Künste des Minken Archipels oder dem Handbuch des Feuermachens abgegeben?“

Lady Tya runzelte die Stirn. „Das sind nicht gerade Bücher, aus denen die Novizen lernen“, sagte sie. „Das Handbuch des Feuermachens ist, wenn ich recht entsinne, eine schwere Lektüre, die wirklich alles andere als aktuell ist. Zu diesem Thema habe ich hier modernere und leichter verständliche Bücher wie Feuermagie von Lord Derrel. Ein sehr empfehlenswertes Buch.“

Eine schwere Lektüre! Jerrik unterdrückte ein Schnauben. Es war immer noch eines seiner Lieblingsbücher, von dem die Bibliothekarin da sprach.

„Also wurden bei Euch keines dieser Bücher abgegeben“, folgerte er, sich zu einem höflichen Lächeln zwingend.

Tya schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber vielleicht versucht Ihr es einmal in der Magierbibliothek. Lord Jullen hat so ziemlich jedes Buch, das für Novizen ungeeignet ist.“

Rektor Jerrik bedankte sich zähneknirschend und machte sich auf den Rückweg durch die verwinkelten Gänge der Universität zu einem der Hauptkorridore. Doch auch in der Magierbibliothek hatte er keinen Erfolg. „Ich habe Exemplare dieser Bücher da, doch diese verstauben bereits seit Jahren, da niemand sich dafür zu interessieren scheint“, sagte Lord Jullen. „Tatsächlich seid Ihr der erste. Ich habe einmal einen Blick hineingeworfen und muss sagen, dass ich das absolut nachvollziehen kann.“ Er musterte Jerrik. „Warum interessieren Euch diese Bücher, Rektor?“

„Weil sie mir gestohlen wurden“, antwortete Jerrik verärgert.

Der Bibliothekar runzelte die Stirn, als könne er sich nicht vorstellen, wer solche Bücher stehlen könne. „Wenn das so ist, könnt Ihr Euch gerne die Exemplare aus der Magierbibliothek ausleihen. Ihr braucht sie nicht zurückgeben, ich bezweifle, dass zu meinen Lebzeiten jemals jemand nach diesen Büchern fragen wird.“

„Danke“, lehnte Jerrik trocken ab. „Ich wünsche meine Ausgaben zurück. Es waren ganz besondere Kopien und sehr kostspielig.“

„Nun, ich kann die Augen offenhalten und Euch benachrichtigen, falls jemand die Bücher bei mir abgibt, doch rechnet Euch nicht allzu große Chancen aus.“ Jullen schüttelte bedauernd den Kopf. „Nicht bei einer solchen Thematik.“

Ein Bild von einer alternativen Verwendung des Handbuch des Feuermachens blitzte in Jerriks Geist auf. Bemüht, Lord Jullen seine Verärgerung nicht spüren zu lassen, machte er sich auf den Weg zu seinem nächsten Verdächtigen – Lord Solend. Der Historiker war bereits sehr alt und Jerrik traute ihm zu, sich in der Bürotür geirrt und die Bücher mitgenommen zu haben.

Als Jerrik in dessen Apartment trat, fand er Solend über ein sehr altes Buch gebeugt, von denen sich zahlreiche weitere in Regalen bis zur Decke dicht an dicht drängten. Der Geruch von alten Büchern dominierte den Raum und kitzelte in Jerriks Nase.

„Ich lese Die Künste des Minken Archipels zum Einschlafen“, teilte Lord Solend ihm mit. „Ist man erst einmal so alt wie ich, leidet man unter Schlafstörungen. Das Buch hilft mir, müde zu werden. In meinem ganzen Leben habe ich selten etwas Langweiligeres gelesen. Solltet Ihr damit in ein paar Jahren auch Schwierigkeiten haben, kann ich Euch dieses Buch wärmstens empfehlen. Es wirkt sogar besser als Nemmin.“

„Mir wurde dieses Buch gestohlen“, grollte Jerrik. Die Künste des Minken Archipels war alles andere als eine Einschlaflektüre! Für ihn gab es kaum ein Buch, das spannender war. Die meisten übersahen dies jedoch, weil sie nicht genau genug lasen. Aber Solend war zu alt und verbohrt, um offen für solche Argumente zu sein. „Zusammen mit Die Überlieferungen der Magier des Südens und dem Handbuch des Feuermachens.“

„Wirklich?“, rief der alte Historiker. „Wer würde denn so etwas stehlen?“

„Das versuche ich herauszufinden.“ Mit wachsender Erregung berichtete Jerrik, wie sich der Diebstahl zugetragen hatte, wobei er Solend nicht aus den Augen ließ. Doch zu seiner Enttäuschung zeigte der alte Magier keinerlei verdächtige Anzeichen.

Er ist viel zu alt und tattrig für einen Diebstahl, erkannte Jerrik, als er das Magierquartier verließ und zurück zur Universität ging. Und er schlurft beim Gehen. Ich hätte ihn gehört.

„Vielleicht ist der Dieb durch das Fenster geschwebt“, überlegte das Oberhaupt der Alchemisten, das Jerrik nach seinem Besuch bei dem Historiker aufsuchte. Sarrin war über einen kompliziert aussehenden Versuchsaufbau gebeugt, in mehreren Reagenzgläsern brodelten giftig aussehende Flüssigkeiten und ein übelriechender Geruch hatte sich im Versuchsraum ausgebreitet. „Denn das würde erklären, warum Ihr weder Schritte gehört, noch draußen Spuren gefunden habt.“

„Was die Suche ungemein einschränkt“, brummte Jerrik sarkastisch. Novizen lernten ab dem dritten Jahr Levitation. Somit war fast die gesamte Gilde verdächtig.

Lord Balkan hätte nicht hilfreicher sein können. „Die Geschichte klingt mir doch reichlich unwahrscheinlich, Rektor“, sagte er. „Die Vorgehensweise erscheint mir nicht typisch für einen Magier oder Novizen. Und dann diese Kombination von Büchern. Seltsam.“

„Aber es war so“, beharrte Jerrik. „Die Bücher wurden von meinem Schreibtisch gestohlen. Direkt vor meiner Nase.“

„Könnte Euer Diener sie weggeräumt haben?“

Jerrik spürte, wie er zornig wurde. „Ich habe meinem Diener verboten, mein Büro zu betreten.“

Das Oberhaupt der Krieger runzelte die Stirn. „Seid Ihr wirklich sicher, dass die Bücher dort lagen? Oder habt Ihr sie vielleicht an einem anderen Tag dort liegen gehabt?“

„Ich bin nicht mehr der Jüngste, aber nicht bin noch lange nicht senil!“, rief Jerrik.


***


Mehrere entnervende Stunden später, in denen Jerrik die wildesten Theorien zu Ohren gekommen waren und sich bei ihm allmählich das Gefühl einschlich, von seinen Kollegen nicht ernstgenommen zu werden, wandte er sich an den Administrator der Gilde. Wie immer war Lorlen sehr beschäftigt, doch als er Jerrik erblickte, gestikulierte er zu einem Stuhl vor seinem Schreibtisch.

„Rektor Jerrik, was kann ich für Euch tun?“

Erneut erzählte Jerrik seine Geschichte. „Das Fenster war offen“, wiederholte er, nachdem er fertig war. „Jemand muss dort durch gekommen, die Bücher gestohlen haben, und wieder auf demselben Weg verschwunden sein.“

„Diebstahl“, sagte Lorlen. „Das ist eine schwere Anschuldigung, Rektor. Was lässt Euch an einen Diebstahl glauben?“

„Das Fenster hinter meinem Schreibtisch war offen, die Tür jedoch verschlossen. Wer auch immer es war, er ist durch das Fenster gekommen.“

Lorlen runzelte die Stirn. „Vielleicht war es auch nur ein Streich, wie ihn Novizen einander spielen, Jerrik“, sagte er sanft. „Eine Mutprobe möglicherweise.“

So wie du und dein bester Freund früher, nicht wahr? Jerriks Stimmung verfinsterte sich zusehends. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie oft verzweifelte Lehrer in seinem Büro gestanden hatten, wenn die beiden Novizen, die inzwischen die höchsten Ämter der Gilde bekleideten, ihnen wieder irgendeinen Streich gespielt oder den Unterricht gestört hatten. Insbesondere Lord Margen, welcher unter den Novizen auf Grund seiner Strenge verhasst und Jerrik damit umso sympathischer gewesen war, war ein häufiges Ziel ihrer Streiche gewesen.

„Rektor, ich bin sicher, die Bücher werden wieder auftauchen“, fuhr der Administrator fort. „Ich werde mich ein wenig umhören und Euch eine Nachricht schicken, sollte ich etwas in Erfahrung bringen. Sollten die Bücher bis zu den Winterprüfungen nicht wieder auftauchen, so kann ich eine Durchsuchung der Novizenquartiere veranlassen. Zuvor solltet Ihr jedoch mit Lord Ahrind sprechen, ob er damit einverstanden ist.“

Das kann er unmöglich ernst meinen!, dachte Jerrik ein Stöhnen unterdrückend. Wenn er die Novizenquartiere wegen drei gestohlener Bücher durchsuchen ließ, würde er jeglichen Respekt vor den Novizen verlieren. „Ich hatte gehofft, die Angelegenheit diskret zu erledigen.“

Lorlen musterte ihn einen langen Augenblick. „Sicher“, sagte er dann. „Kann ich sonst noch etwas für Euch tun, Rektor?“

Jerrik schüttelte den Kopf. „Nein, Administrator. Ich danke für Eure Zeit.“

Der andere Mann nickte leicht. „Einen schönen Tag noch, Rektor.“

Einen schönen Tag noch, Rektor, wiederholte Jerrik zynisch, als er Lorlens Büro verlassen hatte. Wie konnte dieser Tag schön sein? Seine Lieblingsbücher waren verschwunden! Seine kostbaren Lieblingsbücher! Jerrik wusste, der nächste Tag, der schön werden würde, war der Tag, an dem er seine Bücher wieder in den Händen hielt.

Novizenquartiere durchsuchen, soll ich mich ganz lächerlich machen? Je mehr Jerrik über seinen Besuch bei Administrator Lorlen nachdachte, desto sicherer war er, insgeheim ausgelacht worden zu sein. Wahrscheinlich dachte Lorlen, dass es Jerrik nach all den Strafen, die er ihm und seinem Komplizen damals gegeben hatte, nur recht geschah.

Dann hielt er inne. Die Novizenquartiere waren vielleicht gar keine so schlechte Idee.

Von einer absurden Hoffnung erfüllt, verließ er die Universität. Der klare, strahlende Wintertag schien ihn zu verhöhnen, als wolle er ihm sagen: „Was du auch versuchst, du wirst deine Bücher nicht finden.“ Aber Jerrik war noch weit davon entfernt, aufzugeben.

Auf dem Weg zu den Novizenquartieren sah Jerrik einen rotgewandeten Magier, dessen helles Haar im Sonnenschein golden schimmerte, zur Arena gehen. „Lord Fergun!“, rief er und beeilte sich, zu dem anderen Mann aufzuschließen. „Habt Ihr einen Augenblick Zeit?“

Der andere Magier hielt inne. „Guten Tag, Rektor“, grüßte er. „Ich wollte gerade in die Arena. Hättet Ihr vielleicht Lust, an einem kleinen Übungsduell teilzunehmen? Das ist ein sehr empfehlenswertes Mittel gegen die Weißglut, die Novizen zuweilen hervorrufen.“

„Nein, danke“, lehnte Jerrik ab. „Tatsächlich habe ich eine Frage bezüglich Eurer anderen Interessen.“

„Ja?“, fragte Fergun, Neugier in seinen Augen.

„Ihr seid doch sehr belesen, habe ich gehört“, begann Jerrik.

„Das ist richtig. Ich bin ein vielseitig interessierter Mann.“

„Sagen Euch die Künste des Minken Archipels etwas?“

Der blonde Krieger schüttelte den Kopf. „Ist das Minken Archipel nicht eine Inselgruppe, die zu Vin gehört?“

Jerrik nickte finster. So viel zum Thema belesen …

„Und was für Künste sollen das sein?“

„Nun, ich dachte, vielleicht wollt Ihr Euch darüber informieren.“

„Ich bin nicht sonderlich interessiert an der Kultur der Vin.“

„Was ist mit Die Überlieferungen der Magier des Südens?“

„Bedaure. Meine Interessen liegen zurzeit bei alten elynischen Tragödien. Bartoli hat seinerzeit einige ganz wunderbare Werke geschrieben. Ich kann Euch eine Liste mit Empfehlungen geben, falls Ihr interessiert seid.“

„Ich werde darauf zurückkommen.“ Jerrik neigte leicht den Kopf. „Guten Tag, Lord Fergun.“

Elynische Tragödien! Bartoli! Nichts als Trivialliteratur! In nur wenigen Augenblicken war die hohe Meinung, die Jerrik von dem jungen, kultivierten Krieger gehabt hatte, auf das Niveau gesunken, auf dem er die meisten anderen Krieger sah. Doch nach diesem kurzen Gespräch war er sicher, dass Fergun nichts mit dem Verschwinden seiner Bücher zu tun hatte. Und wieso sollte er auch? Dieser Mann war sich viel zu fein, um sich die Finger schmutzig zu machen.


***


Lord Ahrind saß mit mürrischer Miene in seinem Büro am Eingang des Novizenquartiers. Der hagere Krieger führte über jeden Novizen, der je in diesem Gebäude gewohnt hatte, ausführliche Akten über dessen Benehmen, Regelverstöße und Disziplinarmaßnahmen, was ihn für Jerrik sehr sympathisch machte. Als er eintrat, leuchteten die grauen Augen in Ahrinds hagerem Gesicht für einen Moment auf.

„Ah, guten Tag, Rektor Jerrik!“, grüßte er. „Welcher Novize hat dieses Mal Ärger gemacht?“

„Das weiß ich noch nicht“, antwortete Jerrik. „Doch ich hatte gehofft, Ihr könntet mir behilflich sein, es herauszufinden.“

Der Krieger lächelte dünn. „Nichts lieber als das. Worum genau geht es?“

„Gestern Abend wurden drei Bücher aus meinem Büro gestohlen“, erzählte Jerrik. Obwohl er Ahrind schätzte, zog er es vor, nicht zu erwähnen, dass es sich um seine Lieblingsbücher handelte. „Durch das offene Fenster. Sind gestern Abend einige Novizen vielleicht später als sonst zurückgekommen?“

Lord Ahrind dachte eine Weile nach. „Nein“, antwortete er dann. „Einige kamen gestern unmittelbar nach Ende des Abendunterrichts, die letzten kamen jedoch kurz, nachdem die Novizenbibliothek geschlossen wurde.“

„Seid Ihr sicher?“

„Absolut. Was sagtet Ihr, wann sich der Diebstahl ereignet hat?“

„Eine Stunde nachdem die Novizenbibliothek geschlossen wurde.“ Jerrik hielt inne, als ihm eine Idee kam. „Könnte es sein, dass sich einige Novizen wieder nach draußen geschlichen haben, für – sagen wir eine Mutprobe?“

Ahrind hob die Augenbrauen. „Rektor Jerrik“, begann er. „Ich sehe und höre alles, was in diesem Gebäude vor sich geht. Die Prüfungen stehen kurz bevor. Das lässt die Novizen immer für einige Wochen brav und gehorsam werden. In dieser Zeit spielen sie einander weder die üblichen Streiche, noch verstecken sie Wein in ihren Quartieren oder rauchen heimlich Dunda.“

„Sie rauchen Dunda?“, entfuhr es Jerrik. „Ich dachte immer, das würde man kauen.“

„Anscheinend wirkt es inhaliert effektiver.“ Mit einem verzückten Lächeln glitt sein Blick ins Leere und er rieb sich die Hände. „Ich würde zu gern einmal ihre Zimmer von vorne bis hinten auf den Kopf stellen. Wer weiß, was sich dort sonst noch findet?“

„Vielleicht wertvolle gestohlene Bücher?“, schlug Jerrik vor.

„Was für Bücher sind das überhaupt?“

Die Überlieferungen der Magier des Südens, Die Künste des Minken Archipels und das Handbuch des Feuermachens“, zählte Jerrik auf.

Lord Ahrind betrachtete ihn, als habe er den Verstand verloren. „Die Novizen horten viele Dinge in ihren Zimmern, die sie eigentlich gar nicht besitzen dürfen“, sagte er. „Doch ganz sicher nicht solche Bücher.“

„Wieso nicht?“, fragte Jerrik angriffslustig.

„Weil die Jugend heutzutage ganz andere Dinge liest.“

Jerrik runzelte die Stirn. „Und was liest die Jugend heutzutage?“

„Abenteuerromane, Komödien, Liebesromanzen. Aber doch nicht solch schwere, altertümliche Wälzer!“

Noch mehr Trivialliteratur! Jerrik schürzte die Lippen. Und noch immer keine Spur von seinen Büchern. Nahm nicht einmal der Mann, der seine Einstellung zu den Novizen teilte, ihn ernst?


***


Als Jerrik das Novizenquartier eine Viertelstunde später verließ, war er mit seiner Suche noch keinen Schritt weitergekommen. Das einzig Positive war, dass Ahrind nichts gegen eine Durchsuchung des Novizenquartiers einzuwenden hatte, doch Jerrik hoffte immer noch, seine Bücher würden auf anderem Wege wieder auftauchen.

Vom Novizenquartier war es nicht weit zum Heilerquartier. Einer plötzlichen Eingebung folgend betrat Jerrik das Gebäude. Vielleicht würde er hier auf mehr Verständnis stoßen.

Gleich in der Eingangshalle traf er auf eine junge Heilerin, die ihn sofort in ein leeres Behandlungszimmer führte, als er sagte, er wolle mit Lady Vinara sprechen.

„Sie kommt gleich zu Euch“, versicherte sie lächelnd und schloss dann die Tür hinter ihm.

Entnervt ließ Jerrik sich auf der Liege nieder. Der Tag hatte bereits mehr an seinen Nerven gezehrt, als ihm lieb war. Er hatte nahezu jeden Magier bereits aufgesucht und nach seinen Büchern gefragt, doch niemand hatte ernsthafte Bereitschaft gezeigt, ihm bei seiner Suche zu helfen. Und je mehr Zeit verstrich, desto schwieriger würde es, die Bücher zu finden.

Nach einigen Minuten ging die Tür auf und das Oberhaupt der Heiler betrat in einem Wirbel grüner Roben das Behandlungszimmer. „Rektor Jerrik“, sagte sie. „Ich konnte es kaum glauben, als Lady Indria mir mitteilte, Ihr wärt hier. Was fehlt Euch?“

Denkt sie etwa, ich wäre krank?, dachte Jerrik verärgert. In all den Jahren, die er nun schon Rektor war, hatte es keinen einzigen Anlass gegeben, das Heilerquartier aufzusuchen. Wie also konnte sie von ihm denken, dass er krank war?

„Mir fehlen drei Bücher“, antwortete er säuerlich. „Äußerst wertvolle Bücher.“

Vinaras grüne Augen musterten ihn aufmerksam. „Erzählt mir, wie es dazu gekommen ist.“

Erleichtert, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihm zuhörte und ihn ernst nahm, berichtete Jerrik, was ihm am vergangenen Abend widerfahren war. Anschließend beschrieb er, wo er bereits gesucht hatte.

Als er geendet hatte, war der Blick der Heilerin ernst geworden. „Jerrik“, sagte sie sanft. „Für mich hört sich Eure Geschichte so an, als wärt Ihr völlig überarbeitet.“

„Die Bücher wurden gestohlen“, protestierte Jerrik. „Aus dem offenen Fenster meines Büros!“

Lady Vinara betrachtete ihn mitleidig. „Welcher Magier oder welcher Novize sollte so etwas tun?“, fragte sie.

Jerrik hob die Schultern.

„Niemand aus den Häusern.“ Vinara legte eine Hand auf seinen Arm. „Was Ihr gesehen habt, ist ein klares Anzeichen von Überarbeitung. Aber das ist nicht zu verwundern, die Prüfungen stehen kurz bevor und ich weiß, wie engagiert Ihr Euch stets Eurer Arbeit widmet. Ich werde Euch Nemmin verschreiben. Trinkt davon heute Abend und schlaft Euch aus. Morgen ist Wochenende, genießt den freien Tag. Ich bin sicher, dann werdet Ihr Euch wieder erinnern, wohin Ihr die Bücher verlegt habt.“


***


Als sich die Dämmerung über das Gelände der Universität legte und Novizen die Wege entlang liefen und die Laternen entzündeten, war Rektor Jerrik kurz davor, innerlich zu explodieren. Seine Bücher waren nun schon seit fast einem Tag unauffindbar. Er hatte sich durch die halbe Gilde gefragt und war bei seinen Kollegen nur auf Unverständnis gestoßen. Bei einigen hatte er sogar das deutliche Gefühl gehabt, dass sie ihn nicht ernstnahmen. Als das Läuten das Ende des Abendunterrichts angekündigt hatte, hatte er sich nur mit Mühe davon abhalten können, ihm verdächtig erscheinende Novizen anzuhalten und ihre Taschen zu durchsuchen.

Vielleicht hat Vinara recht und ich sollte mir wirklich eine Pause gönnen, dachte er. Aber ich werde das Nemmin nicht trinken! Er war nicht verrückt. Er wusste, was er am vergangenen Abend gesehen hatte. Sein Verstand funktionierte einwandfrei. Nein, es befand sich ein Dieb in der Gilde.

Und er würde ihn finden!

Als Jerrik einen Blick auf zwei Magier erhaschte, die den Innenhof der Universität überquerten und auf ein Gebäude am Waldrand zuhielten, keimte neue Hoffnung in ihm auf. Die meisten Gerüchte entstanden dort oder wurden dort diskutiert. Wenn er irgendwo etwas über den Verbleib seiner Bücher erfahren würde, dann wohl am wahrscheinlichsten dort.

Für einen Vierttag im Winter war der Abendsaal überraschend leer, als Jerrik durch die sich vor ihm öffnenden Türen schritt. Er griff sich ein Glas exklusiven Wein von einem Tablett, das ein Diener ihm entgegenhielt, dann sah er sich um.

„Guten Abend, Rektor Jerrik.“

Jerrik fuhr herum. Vor ihm stand ein Alchemist, der bereits weit über achtzig war. „Guten Abend, Lord Yaldin“, erwiderte er.

„Wie geht es Euch? Ihr seht gestresst aus.“

„Gestern Abend wurden drei sehr wertvolle Bücher aus meinem Büro gestohlen.“

„Oh“, machte Yaldin überrascht. „Das tut mir sehr leid für Euch. Wie genau hat sich der Diebstahl denn zugetragen?“

Erleichtert, endlich jemand gefunden zu haben, der aufrichtige Anteilnahme zu zeigen schien, begann Jerrik seine Geschichte. [*] „Das Fenster war offen“, schloss er. Noch immer fassungslos schüttelte er den Kopf. „Wer immer es war, ist dort durchgekommen.“

Lord Yaldin hob vielsagend die Augenbrauen. „Das ist eine unerhörte Dreistigkeit!“, erklärte er.

„Absolut, Lord Yaldin“, stimmte Jerrik erfreut zu. „Absolut. Wenn ich den Übeltäter finde, werde ich dafür sorgen, dass er eine seiner Unverfrorenheit angemessene Strafe erhält.“ Er wollte noch mehr sagen, hielt jedoch inne, als ein in purpurfarbene Roben gekleideter Magier auf sie zu kam.

„Guten Abend“, grüßte Lord Rothen höflich. „Ihr seht aus, als hätte etwas Euer Missfallen erregt, Rektor.“

Jerrik verzog das Gesicht. Missfallen drückte es nicht im Geringsten aus. Das Verschwinden seiner Lieblingsbücher war ein Skandal!

„Anscheinend gibt es einen sehr geschickten Dieb unter unseren Novizen“, antwortete Lord Yaldin für ihn. „Jerrik hat einige sehr wertvolle Bücher verloren.“

„Ein Dieb?“, wiederholte Rothen, offenkundig überrascht. „Um welche Bücher handelt es sich?“

Zum wiederholten Mal an diesem Tag nannte Jerrik die Titel. Jedes Mal, wenn er es tat, spürte er, wie er ein kleines Stückchen grantiger wurde. Er zog es jedoch vor, nicht zu erwähnen, wie sehr er an den Büchern hing, für seinen Geschmack hatte er an diesem Tag bereits genug Spott eingesteckt.

Rothen runzelte die Stirn. „Eine seltsame Kombination von Büchern.“

„Und vor allem teure Bücher“, klagte Jerrik. „Es hat mich zwanzig Goldstücke gekostet, die Kopien anfertigen zu lassen.“ Es war eine unerhörte Frechheit. So viel Geld für drei großartige Bücher, gestohlen, weil er nur für wenige Augenblicke den Raum verlassen hatte. Wenn ich diesen dreisten Novizen erwische, wird er etwas erleben können!, dachte Jerrik grimmig. Er wird eine Strafe bekommen, die er für den Rest seines Studiums nicht mehr vergessen wird!

Lord Rothen pfiff leise durch die Zähne. „Dann hat Euer Dieb ein Auge für Wert“, sagte er. „Solch wertvolle Bücher werden nur schwer zu verstecken sein. Ich meine mich zu erinnern, dass die Bücher ziemlich groß sind. Ihr könntet eine Durchsuchung des Novizenquartiers anordnen.“

Der Rektor verzog das Gesicht. „Ich hatte gehofft, das zu vermeiden.“

Auch wenn Lord Ahrind das für eine ausgezeichnete Idee hält.

„Vielleicht hat jemand sie nur ausgeliehen“, überlegte Yaldin laut.

„Ich habe bereits jeden gefragt.“ Seufzend schüttelte Jerrik den Kopf. „Niemand will sie gesehen haben.“

„Ihr habt nicht mich gefragt“, sagte Rothen.

Jerrik bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Konnte es sein, dass …

„Nein, ich habe sie nicht.“ Der Alchemist lachte. „Aber vielleicht habt Ihr auch andere Magier nicht gefragt. Ihr könntet das bei der nächsten Versammlung nachholen. Es sind nur noch zwei Tage bis dahin und vielleicht tauchen die Bücher in der Zwischenzeit wieder auf.“ [*]

Jerrik spürte, wie seine Verärgerung übermächtig wurde. Er wollte sich gerade eine passende Erwiderung zurechtlegen, als etwas Rothens Aufmerksamkeit ablenkte.

„Bitte entschuldigt mich, Rektor“, sagte der Alchemist. „Lord Yaldin.“ Er wandte sich um und schritt zu einem jüngeren Magier, der als Novize des öfteren für Ärger gesorgt hatte. Lord Dannyl. Jerrik spürte, wie ein neuer Verdacht in ihm aufkeimte. Hatte er vielleicht etwas mit dem Verschwinden der Bücher zu tun? Als Novize war Dannyl äußerst schwierig gewesen, bis Lord Rothen sich seiner angenommen hatte. Auch heute führte Dannyl noch eine heimliche Fehde mit seinem einstigen Widersacher Fergun. Er wusste noch nicht, wie das mit seinen Büchern zusammenhing, da Fergun selbst zugegeben hatte, nur Trivialliteratur zu lesen, doch Jerrik war sicher, es gab eine Verbindung.

Vielleicht sollte ich Rothen bitten, sich unauffällig bei ihm nach den Büchern zu erkundigen, überlegte er. Dem Lehrer für Alchemie war es bereits einmal gelungen, Dannyl auf den rechten Weg zu bringen. Sicher würde es ihm auch ein zweites Mal gelingen.

Oder, Jerrik hielt inne, haben sie vielleicht beide etwas mit dieser Sache zu tun?

Er schüttelte den Kopf. Nein, das war völlig absurd. Aber Rothen hatte sich gerade verdächtig gemacht. Und die Akte, die Jerrik über dessen Freund in seinem Büro hatte, war dementsprechend dick. Ob die beiden die Bücher entwendet hatten? Aber welches Motiv hatten sie? Dannyls Studium lag zehn Jahre zurück und Rothen gehörte zu den Lehrern, mit denen Jerrik gut zurechtkam.

„Also Rektor“, begann Yaldin. „Ich hätte da einige Theorien, die Euch bei der Aufklärung des Falls vielleicht weiterhelfen könnten …“

Während der nächsten halben Stunde lauschte Jerrik den Worten des betagten Magiers, der als einziger aufrichtig an seinem Verlust Anteil zu haben schien. Einige seiner Ideen waren interessant, für Jerrik in ihrer Durchführung jedoch nicht praktikabel. Zwischendurch sah er allenthalben zu Lord Rothen und Lord Dannyl. Mittlerweile führten sie ein Gespräch mit dem Hohen Lord, der in „seinem“ Sessel saß, ein Weinglas zwischen seinen langen Fingern.

Jerrik war erleichtert, als Yaldin sich verabschiedete. Je länger ihr Gespräch gedauert hatte, desto lästiger war der betagte Magier geworden. Nachdenklich ließ er sich in einen Sessel sinken. Die meisten Magier hatten den Abendsaal bereits wieder verlassen, so auch Rothen und Dannyl. Außer dem Hohen Lord, der in ein Gespräch mit Lord Davin vertieft war, erblickte Jerrik nur noch drei Heiler, die eine angeregte Diskussion darüber führten, wie man Kreppa am besten über den Winter brachte.

Nachdenklich schwenkte Jerrik den Wein in seinem Glas. Was hatte er bisher herausgefunden?

Keiner, den er gefragt hatte, wusste etwas über den Verbleib seiner Lieblingsbücher. Niemand hatte ihm ernsthaft Hilfe angeboten. Stattdessen hatte er die wildesten Theorien über den „Diebstahl“ zu hören bekommen, angefangen von sich levitierenden Novizen bis hin zu Senilität und Überarbeitung. Jedoch nichts, was ihm weitergeholfen hätte. Leiser Spott war alles, was er für den Verlust seiner wertvollen Lieblingsbücher bis jetzt geerntet hatte.

Während Jerrik noch seinen düsteren Gedanken nachhing, erhob sich der Hohe Lord aus seinem Sessel und schritt mit wallenden Roben in Richtung der Türen. Die drei Heiler wichen respektvoll vor ihm zurück und neigten ihre Köpfe in einem Gruß.

Aber vielleicht habt Ihr auch andere Magier nicht gefragt.

Und plötzlich traf Jerrik die Erkenntnis. Von allen Magiern in der Gilde war er der mysteriöseste. Er tauchte völlig unerwartet an den unwahrscheinlichsten Stellen auf, und es hieß, er würde die Geheimgänge der Universität, die Magiern und Novizen gleichsam verboten waren, regelmäßig frequentieren. Er würde nicht einmal um Erlaubnis fragen brauchen, wenn er irgendetwas wollte.

Nein, das ist völlig absurd, dachte Jerrik dann. Ein Mann in seiner Position … Als er jedoch an die Zeit zurückdachte, in welcher Akkarin selbst Novize gewesen war, war die Vorstellung nicht mehr so unwahrscheinlich. Er und Lorlen hatten keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Lehrer zu tyrannisieren, Unterricht zu schwänzen und einen Streich nach dem anderen zu spielen. Insbesondere Akkarin hatte es verstanden, die Regeln zu seinen Gunsten auszulegen. Und die Gerüchte, die über ihn und seine unheimlichen Fähigkeiten kursierten, bestätigten Jerrik, dass ein Teil des umtriebigen Novizen noch immer in ihm steckte. Denn was tat man schon als Anführer der Gilde, außer an langweiligen Gildenversammlungen teilzunehmen und auf den rauschenden Festen im Palast Delikatessen und den besten Wein Kyralias zu genießen?

Und wahrscheinlich ist er heute in den Abendsaal gekommen, um sich insgeheim an den Gerüchten über die verschwundenen Bücher zu erfreuen, dachte er säuerlich. Der Hohe Lord war nur selten im Abendsaal anzutreffen. Dafür jedoch immer genau dann, wenn irgendetwas die Gilde in Aufruhr versetzte.

Jerrik übergab sein Weinglas einem Diener und beeilte sich dann, dem Mann in den schwarzen Roben zu folgen.

Akkarin hatte bereits den Innenhof der Universität erreicht, als Jerrik zu ihm aufschloss.

„Hoher Lord!“, rief er. „Habt Ihr einen Augenblick Zeit?“

Akkarin hielt inne und wandte sich um.

„Guten Abend, Rektor“, grüßte er. „Worum geht es?“

Der kühle Blick, mit dem der andere Mann ihn bedachte, ließ Jerriks Mut schwinden. Plötzlich erinnerte er sich wieder, dass es nicht Akkarin-der-durchtriebene-Novize war, den er da vor sich hatte, sondern Akkarin-der-Hohe-Lord-der-Magiergilde. Der ungezogene Bengel war erwachsen geworden. Als Anführer der Gilde strahlte er inzwischen etwas aus, das Jerrik ihn bei jeder ihrer Begegnungen insgeheim fürchten ließ.

Einen tiefen Atemzug nehmend straffte er sich. „Gestern Abend sind drei äußerst wertvolle Bücher aus meinem Büro verschwunden. Ich war nur kurz im Nebenraum ein paar Akten nachsehen, und als ich zurückkam, waren sie fort. Vielleicht habt Ihr davon gehört?“

„Es war unmöglich, nicht davon zu hören“, erwiderte Akkarin trocken.

„Dann wisst Ihr sicher auch, dass die Bücher gestohlen wurden?“

„Rektor Jerrik, das ist eine schwere Anschuldigung. Was lässt Euch an einen Diebstahl glauben?“

Da! Genau das hatte der Administrator auch gesagt! Er hatte genau denselben Wortlaut verwendet! Und denselben Tonfall. Plötzlich war Jerrik sicher, kurz davor zu sein, seine Bücher wieder in den Händen zu halten. Doch die dunklen Augen, die auf den Grund seiner Seele zu blicken schienen, ließen seinen Mut schwinden.

„Nun, das Fenster stand offen.“ Wieso hörte sich alles, was in Gegenwart dieses Mannes aus seinem Mund kam, so lächerlich an? „Der Dieb muss durch das Fenster geklettert sein und die Bücher von meinem Schreibtisch gestohlen haben.“

„Ein ungewöhnlicher Weg, etwas zu stehlen, wenn er doch auch durch die Tür hätte kommen können, findet Ihr nicht, Rektor?“

Soll das ein Scherz sein? Jerrik spürte Zorn in sich aufwallen. Früher hätte er nicht davor zurückgeschreckt, Akkarin für seine Dreistigkeit zu maßregeln, doch das verbat sich jetzt von selbst.

„Es kann nur so geschehen sein. Die Bücher sind sehr groß und schwer und äußerst wertvoll.“

„Um welche Bücher handelt es sich?“

Erneut nannte Jerrik die Titel.

„Die Titel sind mir bekannt“, antwortete der Hohe Lord. „Ich habe Kopien dieser Bücher in meiner Bibliothek in der Residenz stehen. Falls Eure Ausgaben nicht mehr auftauchen, überlasse ich Euch gerne die meinen.“

Als wenn Jerrik es geahnt hätte! „Und wie seid Ihr in ihren Besitz gekommen?“, fragte er sich zu einem liebenswürdigen Lächeln zwingend. Wahrscheinlich waren es genau die Kopien, die bis vor einem Tag noch auf dem Schreibtisch in seinem Büro gelegen hatten.

Akkarin hob eine Augenbraue. „Denkt Ihr, ich wüsste nicht, was Ihr versucht, Jerrik?“, fragte er. Seine dunklen Augen bohrten sich in die Jerriks, welcher unwillkürlich zurückzuckte.

„Ich …“, stammelte er. Was hatte er sich nur dabei gedacht?

Der Hohe Lord nickte kaum merklich. „Da Ihr Euch in einer außergewöhnlichen Situation befindet und dementsprechend aufgewühlt seid, werde ich über Eure Unterstellung noch einmal hinwegsehen.“

„Hoher Lord, das wäre eine sehr noble Geste“, stammelte Jerrik. Was war er doch für ein Idiot gewesen, das Oberhaupt der Gilde des Diebstahls seiner Lieblingsbücher zu verdächtigen!

Vielleicht hat Vinara recht und ich bin völlig überspannt, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber wenn er etwas als Rektor der Universität gelernt hatte, dann, dass der Übeltäter oft der unwahrscheinlichste aller Kandidaten war. „Ich bitte vielmals um Verzeihung und danke Euch für Euer Angebot.“

Insgeheim wusste er jedoch, er würde es nicht annehmen. Es waren nicht seine Bücher. Aber bevor Jerrik das Novizenquartier auf den Kopf stellen ließ, war es vielleicht besser, auf Akkarin zurückzukommen. Denn er ahnte, die Durchsuchung des Novizenquartiers würde die Bücher nicht wieder auftauchen lassen. Vielmehr würde er vor den Novizen als Witzfigur dastehen.

Der Hohe Lord hob die Schultern. „Ich habe kein Interesse an diesen Büchern“, sagte er. „Ihre Lektüre war nicht sonderlich … unterhaltsam. Anscheinend sah mein Vorgänger dies anders.“

Jerrik öffnete protestierend den Mund, doch Akkarin kam ihm zuvor. „Rektor Jerrik, habt Ihr bereits über die Möglichkeit nachgedacht, dass die Bücher von jemandem gestohlen wurden, der nicht der Gilde angehört?“

Jerrik blinzelte irritiert. Wie absurd würde es noch werden? „Und wer soll das sein?“, fragte er unwirsch.

„Vielleicht jemand, der sich von ihrem Verkauf einen großen Gewinn verspricht. Ihr sagtet doch selbst, die Bücher wären sehr teuer. An Eurer Stelle würde ich in der Stadt suchen. Der Dieb wird eine Weile brauchen, um die Bücher zu verkaufen.“

Weil sie langweilig sind, dachte Jerrik ein Grollen unterdrückend. Sag es doch einfach.

„Ich werde das in Erwägung ziehen“, sagte er um ein höfliches Lächeln bemüht. „Ich danke Euch für den Tipp.“

Akkarin nickte knapp. „Gute Nacht, Rektor.“

Er wandte sich um und schritt davon, seine Roben wirbelten hinter ihm wie eine schwärzere Schattierung der Nacht. Jerrik starrte ihm entgeistert nach. Hast du alter Narr wirklich geglaubt, er hätte die Bücher entwendet? Mit einem Mal kam er sich albern vor. Es war eine großzügige Geste von Akkarin, ihm seine Ausgaben zu schenken. Aber Jerrik wollte sie nicht. Für nichts in der Welt. Wenig unterhaltsam! Er schnaubte. Er hat sich über mich lustig gemacht!

Und überhaupt: Wer, der kein Gildenmagier war, konnte etwas mit Büchern über Magie anfangen? Es gab keine Magier außerhalb der Gilde. Nur dieses Mädchen aus den Hüttenvierteln, welches die Magier seit Wochen in Atem hielt. Doch sie würde weder ihre Magie beherrschen noch würde sie lesen können. Und die Bücher eigneten sich nicht gerade für einen Anfänger.

Nachdenklich machte Jerrik sich auf den Weg zu den Magierquartieren. Hätte man ihm gesagt, wie nah er der Wahrheit gerade gekommen war, so hätte er wohl endgültig geglaubt, den Verstand verloren zu haben.


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