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Mumms Mission

von Wayfarer
KurzgeschichteHumor, Krimi / P12 / Gen
Sir Samuel Mumm
31.07.2014
31.12.2014
2
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31.07.2014 2.115
 
Mumms Mission – Von Ratten und Räten.

Dies ist ein Beitrag zum Fandom-Turnier 2014/15. Die Vorgaben stehen unter der Geschichte. Viel Spaß beim Lesen!


***



Mit allergrößter Befriedigung blickte Sam Mumm auf die Kiste, in der die lächerliche Paradeuniform mit den Strumpfhosen und dem gefiederten Helm verstaut war, die einzupacken Sybill ihn überredet hatte. Das beste an der Uniform war, dass er sie nun doch nicht anziehen musste. Die Kutsche rumpelte langsam vor sich hin. Es ging tüchtig bergan und wahrscheinlich merkten die Pferde, dass Überwald etwas war, wo man ganz bestimmt nicht hinwollte. Mumm erinnerte sich nur zu gut noch an ...Bums, oder wie diese Stadt auch hieß. Auch jetzt war das Ziel Überwald, nur die Stadt eine andere.

„Muss das wirklich sein, Euer Gnaden?“, fragte Willikins unbehaglich und betonte den verhassten Titel besonders. „Ihr wisst, ich bin ein Junge von der Straße, kein hoher Herr.“

„Betrug-und-Schwinde-Straße, ich erinnere mich. Aber ich habe vor, dem Verbrechen auf einer Ebene zu begegnen, wo man es nicht vor mir versteckt. Daher: Ja, es muss sein.“, sagte Mumm.

Mumm hörte Willikins seufzen und hatte beinahe etwas Mitleid mit ihm. Aber so wie jetzt seinem Diener ging es ihm ja das ganze Jahr. Es wäre nicht zum Aushalten, hätte er nicht in Sybill eine wunderbare Ehefrau, in Klein-Sam einen lieben Sohn, überhaupt weitaus mehr Glück im Leben, als er sich jemals erträumt hatte, und hatte er Sybill schon erwähnt?

„Wir sind auf einer wirtschaftsdiplomatischen Mission. Verbrechen sind nicht zu erwarten.“, sagte Willikins, aber Mumm war anderer Meinung. Erstmal, wo Leute um Macht kämpften, gab es immer Verbrechen. Nur, dass bei Diplomatie die Leute eben Staaten waren. „Wenn Herzog Mumm nießt, putzt sich Ankh-Morpork die Nase“ oder so ähnlich. Außerdem, verdammt nochmal, war er zwar Herzog, aber eben auch Polizist, und wo ein Polizist war, da war auch ein Verbrechen.

Als Mumm schwieg, sagte Willikins: „Es wird Zeit, dass wir uns bereitmachen. Bad Blintz ist nicht mehr weit. Der Kutscher sagte, dass wir am frühen Mittag ankommen werden.“ Dann sah er Mumm vorwurfsvoll an: „Wenn Ihr wollt, dass wir ab jetzt Rollen tauschen, müsst Ihr mich auf solche Dinge aufmerksam machen, Herr Kommandeur.“

„Danke, Willikins. Los geht’s!“

***


Die Torwache hatte ihnen einen Gasthof empfohlen, den angeblich besten der Stadt: „Sauberer geht es nicht! Dort können Sie wirklich sicher sein, dass keine Ratten in die Milch pinkeln.“ Willikins wunderte sich über diese Worte, als die Kutsche vor dem Gasthaus zum Halten kam und der Kommandeur ihm mit einem gemurmelten „Euer Gnaden“ die Tür öffnete.

Die Gaststätte hieß „Zum fetten Käse“ und Willikins bemerkte, dass unter dem eigentlichen Schild noch ein zweites angebracht war, auf dem einige Kreise und Striche abgebildet waren. „Was hat es damit auf sich, Willikins?“, fragte er.

Mumm warf einen Blick auf das Schild und runzelte die Stirn. Willikins kannte diesen Blick – Mumm suchte nach dem Verbrechen. „Vielleicht ist es auch nicht so wichtig“, schob er nach. „Wir sollten hineingehen.“ Es fiel ihm schwer, zu warten, dass Mumm vorauseilte und ihm den Weg bereitete. Das sollte seine Aufgabe sein, und Mumm derjenige, der es widerstrebend über sich ergehen ließ.

Schließlich trat er ein. Äußerlich ein kunstvoller Fachwerkbau mit hölzernen, filigran verzierten Balkonreihen, stabilen Fensterläden und tief gezogenem Dach, erwartete sie innen ein kleiner, etwas schiefer, aber sehr sauberer Raum. Der Teppich, die Wandbehänge – alles war wie frisch gebügelt und überall waren Holzschnittarbeiten angebracht. Willikins geübtes Butlerauge nahm das mit einem kurzen Blick wahr, während sein Blick auf die Gestalt fiel, die sie begrüßte. Eine junge Frau in seltsamer Tracht und mit einem Hut, auf dem komische rote Pommel waren, soweit in Ordnung. Aber auf ihrer Schulter saß eine Ratte.

„Herzlich Willkommen, Euer Gnaden!“, sagte sie zu Willikins. „Herzog Mumm, wir haben schon viel von Ihnen gehört.“

Ein kurzer Seitenblick zeigte Willikins, dass Mumm äußerst verdrießlich dreinsah. Er beeilte sich zu sagen: „‘Kommandeur Mumm‘ reicht völlig.“

„Natürlich, Euer Gnaden. Kommt mit, ich zeige Euch Euer Zimmer.“ Sie öffnete eine Tür, die so niedrig war, dass selbst sie sich bücken musste und Willikins folgte ihr. Die Ratte saß immernoch auf ihrer Schulter, hatte sich jetzt umgedreht und sah Willikins mit seltsam wachen Augen an. Beinahe hatte er das Gefühl, sie könne denken. Er schüttelte den Gedanken ab. Es war einfach eine zahme Ratte.

Sein Zimmer war schön – ein breites, tiefes Bett, karierte Bettwäsche, eine Tür zum Balkon. Genug Mobiliar, um notfalls die Tür zu verriegeln, vom Balkon aus ein guter Ausblick über den kleinen Platz. An der Wand hing eine Kuckucksuhr. Feinste Überwalder Mechanik, nirgendwo sonst bekam man so gute Kuckucksuhren. Und die waren beliebt beim Adel Ankh-Morporks, aber seit längerer Zeit wurden keine mehr geliefert.

„Um drei habe ich einen Termin beim Stadtrat.“, sagte er. „Könnte ich danach eine kleine Erfrischung haben? Mein Diener wird unterdessen hier bleiben.“

„Wie ihr wünscht, Euer Gnaden.“, sagte die Frau und eilte fort. Die Ratte warf ihm einen intensiven Blick zu. Willikins nahm das Zimmer genauer in Augenschein. Diese Ratte war seltsam. Außerdem, hatte nicht der Torwächter gesagt, dass einem hier keine Ratte in die Milch pinkelte?

***


Dienstbotenquartiere, genau. Beinahe hätte Mumm vergessen, dass er nun dort schlafen sollte. Das sah er als ein schlechtes Zeichen – der alte Sam Mumm hatte zwar nie dem Adel gedient und hätte es gehasst, aber der alte Sam Mumm hätte auch ohne Zögern den Weg zu den Dienstbotenquartieren  gefunden, weil er wusste, dass dort die besten Zeugen warteten. Aber dieses Haus war so verwinkelt, dass er bald nicht mehr genau wusste, wo er war.

Eine Bewegung im Augenwinkel weckte seine Aufmerksamkeit und noch bevor er sich umdrehen konnte, sagte eine hohe, etwas piepsige Stimme: „Suchst du die Küche? Du siehst so als, als suchtest du die Küche.“

Das war noch eine Ratte. Mumm blinzelte, um sicherzugehen, dass er wirklich nicht halluzinierte. Tatsächlich, eine Ratte.

„Du kannst sprechen?“, fragte er.

Die Ratte zuckte mit den Schultern, sofern Ratten denn so etwas hatten. „Offensichtlich. Willst du zur Küche?“

Da waren bestimmt Dienstbotenquartiere. Er bejahte und die Ratte hangelte sich entlang von Stickereien, Wandbehängen, Bildern neben Mumm entlang.

Die Tür zur Küche hatte außen keinen Griff, am Boden aber eine kleine Öffnung, durch die die sprechende Ratte huschte. Dann öffnete sich die Tür von innen. „Komm herein“, piepste die Ratte. Mumm trat ein und sah sich um. Die Küche war voller Betrieb, aber er war der einzige Mensch im Raum. Ein Tablett nach dem anderen schien wie von selbst über die Anrichten zu schweben, aber Mumm sah, dass sie von Ratten getragen wurden. Es roch lecker und Mumm merkte, dass er schon lange nichts mehr gegessen hatte. Eine Albinoratte starrte ihn aus ihren gruselig roten Augen an sagte zu ihm: „Das ist die Erfrischung, die gerade für“, sie machte eine Pause „Kommandeur Mumm zubereitet wird.“

An der Wand hing eine Kuckucksuhr. Er deutete darauf. „So eine könnte dem Kommandeur gefallen“, sagte er. „Warum verkauft Bad Blintz keine mehr?“

„Entschuldigung“, sagte die Ratte. „Ich sehe nicht gut. Du meinst die Kuckucksuhr?“

Mumm nickte und besann sich dann: „Ja.“

„Wenn du einen Moment Zeit hast, erkläre ich es dir. In Bad Blintz haben wir Ratten mit den Menschen einen Vertrag geschlossen. Wir halten Ungeziefer fern, lassen ihre Nahrungsmittel in Ruhe und machen einen Großteil der Holzschnitzereien und Uhren. Im Gegenzug erhalten wir einen Teil der Nahrungsmittel und Katzen haben Schellenpflicht. Es gab einen städtischen Rat und einen rattigen Rat, die sich absprachen, und alles funktionierte. Alle verhielten sich ethisch.

Aber in jüngster Zeit halten sich die Menschen nicht an die Verträge. Es ist eine Frechheit! Eltern finden, dass ihre Mieze doch auch ohne Schellen mit den Kindern spielen darf – die Katze entwischte und tötete unsere arme Nahrhaft. Außerdem geben sie uns zu wenig Nahrungsmittel ab. Für diesen Gasthof reicht es noch, aber außerhalb herrscht Not und einige der jüngeren Ratten haben sich sogar entschlossen, in die ‚Heimat‘ Ankh-Morpork zu gehen, weil sie sich dort bessere Bedingungen erhoffen, obwohl sie noch nie dort waren. Unter den anderen Ratten kommt es zu Aufständen.“

„Ich kann es mir vorstellen“, sagte Mumm. „Die aufständischen Ratten verderben den Menschen die Nahrung und sabotieren die Kuckucksuhren. Die Menschen stellen dann Rattenfallen auf und legen Gifte, und jeder sagt, der andere hat angefangen.“ Er hatte das alles schon erlebt. Leute waren eben immer Leute. Er hatte sich schon daran gewöhnt, dass Menschen und Zwerge Leute waren; auch der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität und Nobby Nobbs gehörten dazu, sogar Vampire, Trolle, Werwölfe und Goblins. Es gab keinen Grund, wieso nicht auch Ratten Leute sein konnten, aber dann musste man sich an Abmachungen mit ihnen halten. „Natürlich regt ihr euch über so eine Behandlung auf, wer würde das nicht!“

„Du wirkst wie ein Mann des Volkes“, sagte die weiße Ratte. „Wie heißt du?“

„S- Willikins“, sagte Mumm. „Und du?“ Ein Mann des Volkes, das gefiel ihm. Gut, dass er seine alte Identität nicht ganz an den Herzog von Ankh verloren hatte.

„Gefährliche Bohnen.“, sagte die Ratte. „In Ankh-Morpork, so haben wir gehört, sollen inzwischen Menschen in Frieden mit Zwergen und Trollen und vielen anderen Spezies leben. Man sollte meinen, das sei hier auch möglich. Immerhin sind wir inzwischen im Zeitalter des Flughundes!“

„Es heißt Jahrhundert des Flughundes“, korrigierte Mumm abwesend. Das sagte Hauptmann Karotte immer. „Aber was wollt ihr gegen diese Probleme machen? Menschen haben Gifte und Fallen.“ Und Ankh-Morpork will Kuckucksuhren und Holzschnitzereien.

„Sonnenbraun ist dabei, unter den jüngeren Leuten ein neues Team von Fallenbeseitigern auszubilden, und mit Giften kennen wir uns aus, sogar besser als die Menschen. Das ist der Weg, den die anderen Ratten gehen. Aber ich fürchte, das ist ethisch nicht korrekt.“

Mumm stimmte zu. Er selber würde nicht solche Worte gebrauchen, aber es war einfach nicht richtig, dass man sich so bekriegte, wenn man doch schon einmal friedlich und mit großem Erfolg zusammengelebt hatte.

Gefährliche Bohnen ergriff abermals das Wort. „Bürgerrechte wären ein guter Anfang. Wenn all unsere Ratten die hätten, müssten die Menschen uns auf gleicher Höhe begegnen. Kann uns Ankh-Morpork diese garantieren? Ich denke, ich kann auch für den Rattenrat sprechen, dass wir in diesem Falle bereit wären, die Handelsbeziehungen wieder aufleben zu lassen.“

Bürgerrechte für Ratten. Es hatte Zeiten gegeben, in denen Mumm das zutiefst verabscheut hätte. Aber er war nicht mehr der alte Mumm, der alle außer Menschen verachtete.

„Ich muss mit ...dem Herzog darüber sprechen.“, sagte er.

Die Ratte nickte würdevoll. „Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben.“

***


Willikins saß auf einem Ehrenplatz neben dem Bürgermeister und hörte nichts als Ausflüchte. „Momentane Rohstoffknappheit“ – sie waren in Überwald, außer Wäldern und Thermalquellen gab es hier nichts.

„Sie haben doch den Wald direkt vor der Tür.“, sagte er. „Dürfte ich eventuell Ihre Manufakturen besichtigen?“

Der Bürgermeister wirkte sichtlich nervös. Er tastete fahrig nach seinem Glas, das ein Diener erneut auffüllte, zum fünften Mal während dieses Treffens. Reannueller Wein aus dem Oktarinen Grasland, wenn Willikins es richtig erkannte, und damit höchstes Luxusgut. Die Stadt hatte in der Vergangenheit sehr vom Kuckucksuhren-Export profitiert. „Euer Gnaden, ich bitte zu entschuldigen, aber unsere Manufakturen sind zurzeit geschlossen.“

Kein Wunder, dass Mumm die Diplomatie nicht mochte, dachte Willikins. Dieses elende Getue von höflicher Heuchelei, zu der Sekt und Appetithäppchen gereicht wurden und man die Wahrheit mehr versteckte als er selber seine Vergangenheit in einer Schlägerbande auf der Straße.

„Meine Damen und Herren“, sagte er. „Ankh-Morpork ist äußerst unzufrieden über die ausbleibenden Lieferungen.“ In der Tat wurden Echte Bad Blintzer Kuckucksuhren zwischen den Adligen der Stadt mittlerweile zu Höchstpreisen gehandelt, und jeder wollte eine haben; deswegen waren sie hier. Das war auch das Blöde an der Diplomatie: Sie richtete sich nur nach den Mächtigen. „Ankh-Morpork beendet an dieser Stelle vorerst das Gespräch.“



Draußen traf er auf den Kommandeur, der ihn in der vorgefahrenen Kutsche erwartete. Das darauf abgebildete Wappen des Herzogs von Ankh schimmerte in der Abendsonne und schindete bestimmt Eindruck. Willikins hoffte, dass der Stadtrat morgen einlenkte. In der Sicherheit der Kutsche wandte er sich an Mumm: „Habt Ihr ein Verbrechen gefunden, Kommandeur?“

Mumm nickte. „Wie ich es gesagt hatte. Aber geben wir den Ratten Bürgerrechte, sollte die Sache erledigt sein.“

Willikins schüttelte den Kopf. Ratten Bürgerrechte geben, das sollte mal einer verstehen. Aber Mumm wusste schon, was er tat.




***



So, das war mein Beitrag zu Runde 1.

Vorgaben: Zwei Charaktere müssen aus irgendeinem Grund für einen Tag ihre Rollen tauschen (dabei kein Körpertausch), die Schlagwörter Wein, Zeitalter, Frechheit, Abendsonne und Tablett müssen vorkommen und der Oneshot darf höchstens 2000 Wörter umfassen.

Ich hoffe, ihr erkennt die auftauchenden Gestalten wieder – Samuel Mumm und Willikins aus den Stadtwachen-Romanen sowie Bad Blintz und die Ratten Gefährliche Bohnen, Sonnenbraun und Nahrhaft aus Maurice, der Kater – und hattet Spaß beim Lesen!
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