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Heavy in your Arms

von Hato-Chan
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Clarice Starling Hannibal Lecter Jack Crawford OC (Own Character) Will Graham
30.07.2014
11.03.2016
42
169.126
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30.07.2014 4.469
 
Was ist Tod? Wenn ich diese Frage beantworten müsste, würde ich Folgendes erwähnen: Der Tot ist in erster Linie ein rationelles Muster in unserer ganzen Existenz. Sterben ist rationell. Verwesung ist rationell. Doch wann hört man schließlich ganz auf zu Existieren? Wenn man bestattet wird oder erst wenn alles auf der Welt den Glaube an dich stoppt und dich vergisst? Ich weiß es nicht. Niemand könnte je diese Frage beantworten.  
Doch Kreaturen die das Leben mit ihren Fängen entreißen: Was wissen sie? Auf jeden Fall mehr als jene, welche kein Leid errichtet haben. Mehr als jene, welche nicht mit den Blut ihrer befleckt sind. Aber auch jene sind nie rein.
Niemand ist rein.
Es gibt Gründe, Gründe für alles auf dieser Welt. Auch Gründe, um Unwissenheit in den Fragen zu besitzen: Warum?
Was ist Tod?

Bäume flogen geschwind an mir vorbei und bei jeder Unebenheiten auf dem Asphalt wurde mein Körper sachte aus dem Rücksitz gehoben. Keine Träne hatte ich bis jetzt vergossen, ich konnte es einfach nicht, ich war noch nicht bereit dafür. Meine Umwelt war nichts weiters als farbloser Schaum und mir schien es, als würde ich durch schalldichtes und  Licht dämmendes Glas blicken. Mein Atem ging extrem langsam. Muskeln und Kraft hatten sich ungleich vereinigt. Die Enden meiner Glieder, von Fingerkuppe bis Zehenspitze, waren voll von Energie, aber der Rest überfüllt mit Leere. Es schien ein Vakuum meine Körpermitte zu durchdringen und sie komplett auszufüllen.  Tod, tot, sterben. Die einzigen Worte die momentan meinen letzen Gedanken beherrschten.
Tod.
Das einzig wahre Wort, welches mein Ich zu dominieren versuchte. Und das tat es mit Erfolg.
,,Brooke!", nur mit größter Mühe konnte ich die Stimme meines Onkels, welche sich in meinen tauben Ohren zu einer lautlosen Melodie verwandelte, erkennen und zuordnen. Ich versuchte, einen Ton aus meiner Kehle hervorzuholen, doch es kam nichts weiteres als ein Luftzug vor.
Robert richtete den Rückspiegel auf mein jämmerliches Bild, auf ein Mädchen, das alle Hoffnung in den Fluss warf und beobachtete, wie sie unterging oder von der Strömung, genannt Verloren,  weg getrieben wurde und die Brücke auf der es stand, allmählich zerbröckelte.
Eine wohl sehr passende Metapher
,,Brooke!", erneut konnte ich die Stimme wahrnehmen.  Aus dem schwummerigen Winkel meines Sichtfeldes konnte ich gerade noch Robert erkennen, wie er die Kupplung eine Stufe höher stellte und wir schließlich an der roten Ampel zum Stehen kamen.
,,Über was denkst du nach!", auch er schien geschockt von dem plötzlichen Tod meiner Mutter zu sein. Er nahm seine Sonnenbrille vorsichtig ab und hinter den fast schwarzen, glänzenden Gläsern kamen wache, blaue Augen zum Vorschein,  welche durch eine mindere Trübe erblasst waren. Ein Anflug von Trauer übermannte mich plötzlich. Aber die Tränen waren noch zu weit weg, um auszubrechen.
,,Tod!", beantwortete ich knapp die Frage meines Onkels. Was sollte ich sonst wirklich denken. Sollte ich über philosophische Themen grübeln oder was kam ihm in den Sinn, wenn er mich fragte: ,,Was denkst du gerade?"
,,Anderes hatte ich auch kaum erwartet!". Seine Stimme war matt. Und auch ich wollte jetzt aus mir rauskommen, um wenigstens ein bisschen Kontakt aufnehmen zu können, auch wenn ich eigentlich noch viel zu unfähig für so einen Schritt sein sollte.
Robert's Hand glitt über die glatte Fläche des Lenkrades, sodass ein reibendes Geräusch entstand. Auch er schien eine Antwort zu erdulden.
,,Warum... warum durfte Mia nicht mitkommen?", bebte meine Stimme. Er räusperte sich und hatte den Blick ein wenig triumphierend über meine plötzliche Antwort halb nach hinten gewandt. ,,Mia ist erstens viel zu jung für eine Obsession, zweitens sehe ich nichts daran, einer 12- Jährigen ihre tote Mutter zu zeigen. Wer weiß, was aus Lillia's Phänotyp geworden ist!", ein kurzes Lächeln huschte verlegen über sein kantiges Gesicht, als er merkte, dass ich seinen Wort- Witz nicht so ganz lustig empfand als er. Das Auto setzte sich wieder in Bewegung. Erneut das Hin- und Her meines Körpers, erneut ein Start in ein anderes Leben. Mal wieder. Mal wieder hatte das Schicksal seine Hand im Spiel gehabt und die Säulen unter dem besseren Leben furios weg geschlagen.
Ich berührte meinen Hals. Das Pochen meines Herzens war nur sacht zu ertasten, fast unfühlbar. Der östliche Himmel klarte auf und die Wolkendecke riss auf, sodass die regennasse Erde vom durchdringenden Sonnenlicht begann zu Glitzern. Es sah so furchtbar schön aus.
Ich wusste, irgendwann und irgendwie würde ich aus meiner kalten Starre schmelzen und würde wieder normal Fühlen können. Aber jetzt konnte ich noch nicht mal Angst verspüren. Da war nichts an Emotionen.  Gar nichts. Selbst die Trauer war nur ein matter Schimmer in der Dunkelheit und ein leichter erwärmter Luftzug in der völligen Kälte. War das ein Schock?
Robert bog in einer Seitenstraße ab und folgte dem Weg bis auf einige Meter weiter. Dann, aus der Straße heraus, gebot mir der baumfreie Hain an welchem wir vorbei fuhren, einen Blick auf ein etwas größeres Gebäude, das mitten auf einer Fläche protzte. Mein Onkel murmelte irgendeinen unverständlichen Ortsnamen und verglich den Schnipsel Papier mit dem Namen der Straße.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass etwas ganz wichtiges und unersetzbares fehlte. Mum. Ein Loch schien meine Brust zu öffnen, da war nichts. Gar nichts. Meine kühle Hand lies ich sanft über mein Dekolleté gleiten, da, wo ich das angebliche Loch zu spüren schien.
,,Brooke, wir sind da. Ich bitte dich nun, dass du dich zusammenreißt, egal was los ist, verstanden? ". Seine Stimme war plötzlich ungewöhnlich ruhig und er hielt den Wagen an einer großen, kiesigen Einfahrt an. Ich nickte schnell und lies mich langsam aus der geöffneten Autotür rutschen. Es roch stark nach Medikamenten und Papier, der Wind fuhr wie eine Hand durch meine Haare. Das Gebäude hatte etwas ähnliches wie ein Krankenhaus, nur, dass es sich hierbei um ein Police Departement handelte. Robert schloss hinter mir die Tür und nahm mich in die Hand. Er drückte meinen erstarrten Körper nahe an seinen und versuchte, mir etwas Liebe einzuhauchen.  ,,Komm mit, Brooke. Du kannst jetzt nicht umkehren!"
Das hatte ich auch gar nicht vor. Umzukehren.
Vielleicht war es gar nicht Mum, vielleicht war der Polizei ja einfach nur einen simplen Fehler unterlaufen,  doch ich wollte mir keine große Hoffnung machen. Wahrscheinlich hatte ich wie immer Pech. Bis jetzt hatte ich es ja immer nur in übergroßen Maßen gehabt. Mein 'neues' Leben hatte sich ins Negative gewandelt, meine Hoffnung von der ich noch die letzte Zeit provitiert hatte war ebenfalls verschwunden. Auf gut Deutsch: Alles hatte sich in Scheiße verwandelt.
Das Foyer war gefüllt mit Polizisten und irgendwelchen intelektuellen Persönlichkeiten, welche sich verschwörerisch unterhielten. Fast jede Person in diesem Raum beschatteten mich und meinen Onkel, während wir durch die stickige Luft, erfüllt mit leisem Tuscheln und ein paar Telefonläuten, trabten, ich im Schlepptau von Robert. Wir wurden von einer Art von Kälte verfolgt, als wir unsere Plätze in dem stechenden Weiß der Wände folgten.
An einer großen, schmalen Holztür angekommen machten wir schließlich halt.
'Office 2' stand mit einzelnen silbernen Buchstaben an dem gekalktem Holz. ,,So, da wollen wir mal!", raunte Robert und klopfte mit bebender Hand an. Das Geräusch verteilte sich im ganzen Gang und es schien, als könne es Geister wecken.
Ein dumpfes 'Ja, herein' und er öffnete die Tür.
Ein Windstoß von angenehm warmer, nach Kaffee riechender Windstoß verflog regelrecht in meiner Nase. Ein Mann hockte an seinem Schreibtisch und blätterte mit ruhiger Hand durch ein paar auf der Arbeitsfläche verstreuten Akten herum. Sein Blick hinter einer gut aussehenden Brille erhaschte uns. ,,Guten Tag!", höflich wartete Robert auf die Aufforderung, dass er und ich näher treten durften. ,,Erneut Collin. Robert und Brooke Collin!". Er tätschelte meine Hand. ,,Setzten Sie sich doch bitte!", die Stimme des Mannes klang wohlig in meinen Ohren und er machte generell einen sehr sympathischen Eindruck. Er war groß und gut gebaut, sein Gesicht war knochig aber wohlgeformt und er war alles in einem recht attraktiv. Ich schätzte ihn auf Mitte Dreißig.
,,Mein Name ist Jack Crawford.  Wie kann ich ihnen behilflich sein?", sein Blick wanderte über mich, er schien mich zu durchscannen. Dann lächelte er mir zu. Robert und ich nahmen unsere Plätze ein und während Mr. Crawford uns etwas zu trinken anbot schweifte mein Blick auf den ziemlich ordentlichen Schreibtisch. Auch er hatte ein Bild, wahrscheinlich von seiner Ehefrau, direkt neben den PC stehen, die teure Glas- Lampe war so gerichtet, dass der Lichtkegel direkt auf das eigentliche Geschehen schien.
,,Wir wurden hier zu einer Leichenschau geschickt, Mr. Crawford. Mein Bruder Aaron Collin war auch schon hier zur Identifizierung seiner Gattin. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie ihn begleitet haben. Mir jedenfalls wurde gesagt, dass ich hier nochmals mit seiner Tochter erscheinen solle!"
Jack Crawford nahm einen Schluck seines Kaffees und nickt: ,,Ja, da waren Sie wohl bei einem Kollegen.  Auch mir wurde mitgeteilt, ich solle diesen Fall mit übernehmen und eine Identifizierung durchführen!" Robert nickte. Dann folgte Mr. Crawford mit den Satz: ,,Wie alt ist sie?"
In diesem Moment stellte ich mir die Frage, was das sein sollte. Wozu brauchte er die Angabe meines Alters. Doch ich antwortete kurz mit einem knappen '17' und unterließ mir jegliche weiter Fragestellungen.
,,Also gut!", seufzte er und bat uns, mit ihm zu gehen. Während des Gangs nach unten in die Leichenhalle,  schilderte er uns die wichtigsten Informationen des Falls Lillia Collin: ,,Wissen Sie, ich arbeite schon sehr lange an solchen Fällen und immer wieder stelle ich überraschend fest, was es doch so grausam ist. Lillia Collin ist nicht durch einen tragischen Unfall gestorben!". Die Türen des Fahrstuhles schlossen sich. ,,Es war eindeutig Mord. Ein sehr ausgeklügelter Mord! Es ereigneten sich schon mehrer solche Fälle hier in Baltimore und wir schließen nicht aus, dass diese von einer ganz bestimmten Person praktiziert wurden!". Erneut hallten unsere Schritte über den spiegelglatten Boden. ,,Aaron Collin ist nach Authentisierung wohl nach Hause gefahren, waren Sie dort nicht anwesend?", Robert schüttelte nur den Kopf. ,,Wir tappen in diesem Fall im Dunkeln, wenn Sie verstehen. Das FBI sucht nach möglichen Tätern, aber keiner passt so wirklich in das eigentliche Schema!"
Unten angekommen wurden wir alle gleich von hühnenhaften Gestalten begrüßt und eine mächtige Eisentür schlug schließlich hinter uns mit einem donnernden Knall zu. In meiner Leere zuckte ich leicht zusammen.
,,Behalten Sie es im Kopf!", Crawford's Stimme war hatte plötzlich eine seriöseren Ton als vorher eingenommen. ,,Es hängt jetzt von einem klaren Verstand ab, ob die Leichen identifiziert werden können!"
Leichen?? Ich erschrak. Es waren also mehrere Tote? Und niemand hatte es vorher erwähnt? Gelähmt vor Furcht bahnte ich mir den Weg durch kühle Luft des Raumes. Es war eiskalt. So kalt wie ein lebloser Körper.
Crawford hatte uns die Tür geöffnet und ein schauriger Blick auf einen steril weißen Raum wurde freigegeben. Ein Schauer überkam mich wie ein Regenguss auf offener Straße. Auf jedem der zwei Tische waren Tücher gelegt. Es waren also zwei Leichen.  Doch wer sollte wohl die andere neben wahrscheinlich Mum sein
Es kam mir in der Schnelle nicht in den Sinn. ,,Los, treten Sie näher!", Crawford's Stimme ging in dem unregelmäßigen, schnellen Pochen meines Herzens beinahe unter, als ein dunkelhäutiger Wächter oder so etwas ähnliches das Tuch vom ersten Tisch nahm. Ich legte meinen Kopf zur Seite und betrachtete diesen blassen Körper. Ein Stich wie der eines glühenden Messers rammte mich direkt in die Brust, als ich meine Mutter erkannte: Sie war es tatsächlich. Unter mir schien die Erde zu beben und unter meinem Gewicht zusammen zu brechen. Es war sie wirklich. Dieses kalte, steife etwas, was so seelig auf der Tischplatte lag, war früher meine Mutter. Ihr Gesicht war immer noch so wunderschön wie vorher, wo es noch so rosig war und erfüllt mit Lachen über jeden Witz. Doch ein blutiges Loch klaffte an ihrem Oberkörper und mein Blick verdüsterte sich.
,,Tja, alles fein und sauber aufgeschnitten!", verkündete mir Jack Crawford. Er hatte wohl meinen versteiften Blick bemerkt.  Wie klug von ihm.
,,Der Täter hat mit feinster Präzision gearbeitet.  Wir gehen davon aus, dass er hervorragende anatomische Kenntnisse besitzt. Bei ihr hier wurden säuberlich, ohne weitere Organe zu beschädigen Herz, Leber, Magen und Nieren herausgeschnitten.  Uns ist nicht im klaren, was der Täter damit anfangen will. Entweder er verkauft sie, denn besonders Herz und Nieren sind ein beliebtes Produkt um ordentlich Geld heran zu schaffen. Oder  unser Chesapeake Ripper ist ein sehr hungriger Wolf!"
,,Chesapeake Ripper?", wiederholte ich langsam für mich nochmals das Wort. Auch Robert hatte einen fragenden Blick aufgesetzt.  Crawford hob die Hand: ,,Dieses Etwas nennen wir, das Ihre Mutterbzu zugerichtet hat. Er oder sie scheint wohl eine Art Metapher aus seinen Taten zu kreieren.  Wie schon gesagt, es ist nur sehr wenig über solche Fälle hier bekannt, aber die Ermittlungen laufen weiter und weiter, bis wir ihm endlich doch gefasst nehmen können!". Er wischte sich einen Fussel vom schwarzen Jackette.  
Herr Gott, dachte ich und fuhr die Hand nach Mum aus, wurde aber aufgehalten. Mir war es nicht erlaubt, sie anzufassen. Und das ärgerte mich. Sehr sogar. Tränen, endlich Tränen stiegen meine Augen hinauf. Alles war so grau und triste.
,, Ist sie Ihre Mutter?", wollte er als abschließende Antwort wissen. Ich nickte und Crawford warf mir einen mitleidigen Blick zu. Auch Robert kam zu mir.
,,Sind Sie sich da wirklich sicher, Brooke?", beharrte Jack noch einmal, obwohl seine Stimme mir etwas anderes aussagte. ,,Ja, das ist Lillia Collin!", murmelte ich schwächlich. Ich war den Tränen nahe. Jack nickte dem Wächter zu, der mit schweren Schritten an den nächsten Tisch schlurfte und ebenfalls die Decke abnahm. Wieder trat ich ein Stück näher. Ich dachte, wer sollt sonst noch bekanntes hier drunter liegen, machte mir nun ein wenig Mut, dass niemand näheres mit totem Blick  in das Gesicht starrte. Doch wen ich dann erkannte, gab mir einen schweren Schlag uns Gesicht.
Es war Camilla Greyhound, meine Großmutter!
Das reichte mir. Ich konnte und wollte auch nicht mehr.
,,Nein!", hauchte ich erst leise, dann wurde meine Stimme lauter und schriller. ,,Nein, NEIN!", ich schrie plötzlich all meine Wut und Trauer in mir heraus, schrie so laut ich konnte, mein Brustkorb vibrierte regelrecht.  Ich hatte beinahe jeden verloren, der mir mehr als nur ein guter Freund war. Mum und Gran, beide tot, beide einem Unmenschen, einem Raubtier zum Opfer gefallen. Ich konnte es langsam erfassen, dass sie nicht mehr für ihre Familie da waren, mein getrübter Blick erhellte sich mehr und mehr ins Negative und ich begann schließlich zu weinen. Und zwar leisen und wimmernd, wie ein kleiner Welpe.
,,Brooke, beruhigen Sie sich bitte! Sie konnte vorher noch nicht weinen, richtig!", hörte ich Jack an Robert gewandt sprechen. Mein Blick war verschwommen vor lauter Tränen, ich konnte nur noch Licht und Schatten unterscheiden, mehr nicht!
Eine lange, schwere Zeit lang hockte ich heulend am Boden, in der nie erfüllbaren Hoffnung, dass beide doch lebendig waren. Bis ich dann schließlich nicht mehr konnte. Meine Kraft war draußen, ich konnte auch beim besten Willen keinen einzigen Ton hervorbringen.
Es war vorbei!
Mr. Crawford reichte mir höflich die Hand, welche ich mit ein wenig Dankbarkeit annahm. Sofort fiel ich Robert ermattet in die schmächtigen Arme, welche mich aber gleich zärtlich aufnahmen und empfingen. Robert wollte ich auch nicht verlieren und durch diesen Gedanken drückte ich ihn auch fester an meinen erhitzen Körper heran.
,,Ist ja gut!", flüsterte er mir leise ins Ohr und schob eine feuchte Strähne meines schweißverklebten Haares nach hinten.
,,Sie sollten sie so schnell wie möglich nach Hause bringen und sich erholen lassen! Danach sollten Sie einen Therapeuten für sie finden!", Jack Crawford's Stimme klang in meine Dumpfheit unglaublich sanft und weich. So empathisch. Robert wandte sich zu ihm, ohne mich auch nur kurz aus den Armen zulassen.
,,Ja!", schwörte er, ,,das werde ich tun!"
,,Es ist Ihnen kein guter Therapeut bekannt?"
,,Nein, Mr. Crawford!"
Robert blickte ihn etwas genervt an. Ich konnte seinen Herzschlag spüren, wie mir bei jedem Pochen die Trauer wuchs. Ich lag nur noch in seinen Armen, welche mich aber trotzdem hielten und mich nicht los liesen. Doch wie für lange würde das andauern?
,,Ich werde auf jeden Fall Ihnen sofort bescheid geben, falls sich etwas neues in dieser Sache ergibt. Hatten Sie schon die nötige Fomulare und Papiere ausgefüllt?", Crawford lies seinen blau- grauen Blick über mich wandern, das Mitleid, welches er mehr dabei zu schenken versuchte, konnte nur leicht in mich eindringen.
,,Nein, das hatte ich auch noch nicht getan, vielleicht können Sie mir ja dabei helfen!", meinte Robert mit zynischem Ton gegenüber Crawford.  Doch dieser blickte einfach gelassen über Robert's angenervte Art hinweg und scherte sich schließlich auch nicht mehr darum.
,,Das tat ich schon, beziehungsweise jemand meiner Mitarbeiter. Simon hatte ihre genannten Kontaktdaten alle schon auf das nötige Formular notiert!". ,, Wie sonst auch!", murmelte mein Onkel zu sich selbst. Jack ergriff nach einer langen Pause wieder das Wort: ,,Kommen Sie mit in mein Büro, wenn Sie die restlichen nötigen Dateien ausfüllen wollen. Aber ich würde Ihnen dringend raten, mit ihrer Neffin nach Hause zu fahren und danach nach einem Therapeuten Ausschau zu halten. Die Papiere würde ich Ihnen per Post zu schicken, wenn Sie wollen!"
Wie Aufmerksam von ihm, dachte ich als mein Onkel mich mit sanfter Gewalt an meinen Oberarm packte und mich nach draußen zog. Ich bemerkte, dass er so schnell wie möglich von Crawford weg wollte, irgendwie ein wenig unverständlich für mich. Er war eigentlich total in Ordnung und schien über alles perfekt die Kontrolle zu besitzen. Aber vielleicht war das der Punkt, weshalb Jack in Robert's  Augen ein unangenehmer Gesprächspartner war. Ich an meiner Stelle mochten ihn.
,,Gerne!", gab Onkel ihm schnell zu wissen und wir gingen schließlich endlich heraus aus diesen furchtbaren Raum. Nun musste ich für alle, alle Ewigkeit meine Mutter und Oma im Stich lassen, ich durfte sie nie wieder sehen.  Ich lies etwas hinter mir. Etwas wichtiges hinter mir und das startete, mich innerlich zu zerfressen.
Der Hinweg war schweigsam, keiner sagte auch nur ein Wort, nur die knappen Befehle von Mr. Crawford wie: ''Hier entlang!'' oder "Rechts, bitte!" schienen die luftleere Oberfläche zu erreichen. Wie Gras, was sich gegen eine eiskalte, stille Schneedecke presste um nach oben zu geraten, um sie endlich zu überwachsen.
Ich hasste Abschiede wie Götter die Prophezeiungen, aber solch ein Abschied wäre mir in meinen kühnsten Träumen in den Kopf gekommen. Mum war für immer fort.
In der ersten Etage oberhalb des Kellergeschosses folgten wir Jack erneut vor die Tür seines gepflegten Büros.
,,Sie melden sich nochmals!" Robert nickte.
,,Viel Glück!", seine Stimme war extrem beruhigend und während er diesen Satz über seine Lippen brachte, ruhte sein heller Blick gezielt auf mir.

,,Geht es dir gut... ach, was sag' ich denn!", unterbrach sich Robert selbst und legte seine Hand auf das Autodach, welches die Sonne widerspiegelt.  Er war zu tiefst schockiert, es hatten sich dunkle,  blau- graue  Augenringe unter seinen Lid gebildet und seine schwarzen Haare, die eigentlichen einen sehr vitalen Glanz besaßen, lagen Flach un matt an seinem Kopf.
,,Ist... ist!", ich schnappte kurz wie ein Fisch an der Wasseroberfläche nach Luft, denn sofort verlief sich wieder das Bild meiner toten Mutter vor meinen Augen uns schien mich förmlich anzugrinsen. Meine Mum war eine sehr hübsche Frau gewesen und die war sie noch bis zur ihrer letzten Minute und ihrem letzten Atemzug.
So rein wie eine weiße Lillie.
Ich stolperte unbeholfen aus dem Kombi und der Boden schien unter meinen Füßen zu erbeben.
Robert fing mich auf und trug mich die letzten Meter ins Haus. Aaron war schon direkt. Doch der Anblick, der sich von ihm erbat war grausam: Er saß mit angewinkelten Beinen auf dem Sessel unter der Treppe, in seiner Linken ein mit Gold eingerahmtes Bild. Es war das Passpartou meiner Mutter und von meinem Vater bei ihrer kirchlichen Trauung. Beide mit einem glücklichen Lächeln, beide in feinsten Roben gekleidet, beide mit dem Leben belohnt. In diesem Jahr auf dem Photo war Mum gerade mit mir im siebten Monat schwanger und früher, als ich schon etwas von Romantik und Bienchen und Blümchen und all dem ganzen Hin- und Her verstand, empfand ich dieses Bild als eines der Schönsten, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Meine Eltern mussten sich wirklich gern gehabt haben, auch noch nach vielen Jahren.
,,Dad?", vorsichtig schritt ich näher an das eingezogene Etwas auf, was stumm auf dem Möbelstück hockte, das verschwitzte Gesicht in die Knie vergruben.
Wie ein Kaninchen auf der Flucht.
Er bewegte sich leicht, das Kissen raschelte unter seinem Gewicht und ich versuchte etwas ängstlich ihm meine Hand anzubieten. Doch er wollte nicht nur meine Hand. Irgendwas war in ihn gefahren, es war wie eine unbekannte Macht, die seine Aura ausstrahlte.  Eine sehr vernichtende Macht.
,,Brooke, hast du auch deine Mutter geliebt?", seine plötzlich schnarrende Stimme war räuchern und ermattet.
,,Natürlich habe ich das!", antwortete ich auf seine komische, aber doch ernste Frage. Um ehrlich zu sein hatte ich nicht viel darüber nachgedacht,  aber ja, ich liebte meine Mum und werde auch sie für ewig Leben. Der Tot zwischen uns war einfach nur eine Barriere aus Geheimnissen.  Aber wenn man mal darüber nachdachte, was man an einem Menschen als 'liebenswert' bezeichnen konnte und man für immer wusste: Ja, er oder sie gehört einfach zu meinem Leben dazu, er ist ein fester Teil! Was aktivierte dieses Schutzgefühl, das in jedem von uns steckte?
Waren es alle gemeinsamen Zeiten, ob sie gut oder schlecht waren, ob sie hell oder mit Dunkelheit erfüllt waren, die Menschen so zusammen schweisten oder gab es da einfach nur unsere Grundbedürfnisse.
Ich schätzte beides.
Meine Mutter war eben meine Mutter, die mich hat aufgezogen. So wird es auch immer bleiben.
Aber diesen eigentlich beruhigenden Gedanken konnte ich in diesem Moment gar nicht fassen, denn mein Blick lag auf meinen niedergeschmetterten Vater, welcher feststellen musste, dass er seine Geliebte nie wieder in den Armen halten konnte. Dieses kalte Gefühl machte ihn krank. Sehr krank sogar. Er kam an diesem Abend auch nicht mehr aus sich selber heraus, er schwieg einfach nur wortwörtlich seine Trauer fort.
,,Weißt du, meine Lillie, ich liebte sie. Ich liebte sie wie keinen anderen, außenstehenden Menschen wie sie!", sein Ton war in Frust getränkt.
,,War ich unwichtiger als Mum in deinen Augen!", wollte ich wissen. Natürlich meinte ich das nicht so. Ich wollte einfach nur seine Stimme hören, egal wie.
,,Natürlich nicht,  du warst ja schließlich das Ergebnis aus unserer Liebe!", und wieder verdüsterte sich sein Blick.
,,Aaron, glaub' mir!", entgegnete Robert.  ,,Sie hat dich immer geliebt und das tut sie jetzt immer noch!"
Und da tat mein Vater etwas, was ich sein ganzes Leben nicht hätte vorstellen können. Er begann zu weinen. Nicht laut und auch nicht schrill, seine Züge verzogen sich einfach zu einer entsetzlichen Grimasse und Tränen in kleinen, glänzenden Kugeln rannen ihm die Wangen nach unten bis über den Hals. Es war furchtbar. Speichelfäden zogen sich silbrig über seine Mundwinkel, als er zu mir aufblickte und hauchte: ,,Brooke, versprich mir bitte, dass du auf ewig bei mir bleibst!"
Ich konnte nichts weiteres als nur Nicken. Und dann brach ich schließlich auch in Tränen aus.

Es waren drei schmerzvolle Stunden vergangen, nachdem wir uns den Frust von unseren geschändeten Seelen verweint hatte. Mittlerweile war Vater vor Erschöpfung unten auf dem Sofa eingeschlafen und Robert hatte sich fürsorglich um ihn und meine kleine Schwester Mia gekümmert, welche seit der Nachricht von dem Tod von Mum kein Sterbenswörtchen mehr über ihre Lippen gebracht hatte. Das Haus war wie auf stumm gestellt.
Robert telefonierte den ganzen Nachmittag herum, mir war es egal mit wem ich hörte schließlich auch nicht zu. Alles war verkackt bis zum Ende. Mein Schock hatte eine Körperhälfte von mir erfasst, nur Gedanken von Mord und Tod dominierten meine Sinne.
Der Chesapeake- Fall war wohl einer der mysteriösesten seiner Zeit. Der Täter ging mit Präzesion um, schnitt seinen Opfer die nötigen Organe wie Milz, Herz, Nieren und besonders Leber aus ihren Körpern, bei jungen Frauen war auch meist der Uterus heraus genommen worden, manche wurden auch noch kurz vor ihrem schrecklichen Tod stark gefoltert worden. Alles in einem: Es war so grausam und brutal.
Ich hatte mich halb unter der Decke verkrochen, als mein Vater die Treppe herauf geschlurft kam. ,,Oh, Lillia!", jammerte er herzergreifend uns schritt mit geöffneten Armen direkt auf mich zu. Ich erschrak. Bildet er sich nun etwa ein, dass ich seine verstorbene Ehefrau war und gleichzeitig meine eigene Mutter? Mein Verdacht bestätigte sich, als er zu mir sagte: ,,Du bist doch nicht gestorben! ". Ab da an wurde es mir ein wenig zu grotesk.
Ich war sie nicht, ich war einfach nur ihr Tochter. Doch Aaron brauchte dringend Ersatz. Er wollte nicht wahr haben, das sie fort war.
,,Dad!", keuchte ich und erhob schnell von meinem Bett, um ihn näher in die Augen zu blicken.
,,Nein, Aaron!", gab er mir als Antwort.
,,Nein, Brooke, ich bin Brooke, deine Tochter!"
Wie ein Zombie versuchte er mich zu umschlingen und zu umarmen, doch ich versuchte mich wegzudrücken, ganz zum Missfallen meines Vaters. Er heulte erzürnt auf und stolperte mir entgegen, sodass ich beinahe von seinem Gewicht zu Boden gerissen wurde.
,,Brooke, sei Lillia, ja? Sei bitte Lillia!", schrie er und klammerte sich in meinen Arm fest.
,,Dad, nein!", schrie ich. ,,Verdammt, ich bin deine Tochter und werde niemals Lillia sein oder werden!"
Er stoppte plötzlich und seine Augen füllten sich mit Tränen. ,,A... aber!", er führte seinen Satz nicht zu ende, drehte sich frustriert von mir weg und ging zur Tür hinaus in sein Schlafzimmer.
Sie fiel mit einem Klacken ins Schloss. Ab da an hörte ich gar nichts .ehr von meinem Vater.
Nur noch Robert saß unten in der Küche und schien schwer zu überlegen. Als ich ihm im erschrockenen Blick im Gesicht unter die Augen trat meinte er an mich gewandt: ,,Wir müssen dringend zu einem Therapeuten. Es hat keinen Sinn mehr.  Gerade eben habe ich einen Freund erreicht!". Ich starrte Robert von unten mit düsterem Blick an, ohne wirklich einen Gedanken zu fassen.
,,Morgen!", hob er an, ,, werden wir nach dem Polizei- Verhör in die Praxis von Doktor Hannibal Lecter fahren!"
Mein Blick erhellte sich plötzlich

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So, Leute.
Danke, dass ihr diese lange Kapitel doch gelesen habt.
Momentan werde ich wahrscheinlich wieder mehr hochladen, da es jetzt ab nächsten Kapitel erst wirklich richtig startet!
Lasst konstruktive Kritik da

LG
Eure Annie Leonhart ^-^
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