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Das Kreuz

von Krolock
KurzgeschichteThriller, Horror / P18
28.07.2014
28.07.2014
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„Kommt jetzt rein und geht zu Bett“, rief die Nonne, die am Kirchenportal stand. Sie winkte die zwei letzten Schülerinnen herein. Mein Blick folgte ihnen. Ohne auch nur einmal zu blinzeln hatte ich seit zwei Stunden darauf gewartet, dass endlich die Nacht herein brach. Mich dürstete es nach frischem Blut.
Auch wenn das spärliche Licht der Dämmerung anstatt mich zu verbrennen, wie immer in drei Groschen Romanen behauptet wurde lediglich schwächte, war es alles anderes als angenehm Stundenlang in einem dichten Dornenbusch zu sitzen, während es in meiner Kehle brannte. Ich beobachtete die Klosterschule schon seit Wochen. Auch wenn mein Hunger durch Obdachlose oder andere Nachtschwärmer gestillt werden könnte, fehlte mir dabei einfach die Herausforderung und die Jagd.
Nicht nur, dass es einen besonderen Kick hatte in einem religiösem Gebäude zu töten, allein wegen der mythologischen Symbolik, war es diesmal etwas persönliches. Der Mäzen der Einrichtung war der Vorsitzender einer Wochenzeitschrift. Sein ganzes Herz hing an dieser kirchlichen Zusammenarbeit. Auch in der Öffentlichkeit brachte sie ihm viel Anerkennung und Wohlwollen ein.
Heute sollte die Nacht sein, in der ich ihm all das nehmen würde.
Während meine Arbeit von den meisten Journalisten gewürdigt und in ihrer ganzen Herrlichkeit ausgeschlachtet wurde, betitulierte mich dieser Crétin als: „[...] geistesgestörter Massenmörder, der nur seinen unbefriedigten Trieben nachjagt und aufgrund seines geringen IQs in kürze hinter schwedischen Gardinen landet.“ Andere Zeitungen erkannten meine Kunst an. Meine Werke wurden sogar in Zusammenhang gebracht, da ich einen „unvergleichlichen Pinselstrich“ an den Orten meiner kreativen Schöpfungen hinterließ. Zu meiner großen Freude erhielt ich den Künstlername „Blutengel“. Dieser antithetische Titel, war für mich der Gipfel meines Schaffens. Ich wurde als Künstler verstanden.

Mein Blick fiel auf einen nahe stehenden Zeitschriftenladen. Der Kiosk hatte bereits geschlossen, durch die Fensterscheibe konnte ich das aktuelle Titelblatt sehen. Es prangte das Bild des Gebäudes darauf, in dem ich mir letzte Nacht einen kleinen Mitternachtssnack genehmigte. Darunter stand in großen Lettern: „Blutengel, wie ausgeflippt ist dieses Monster?“
Ausgeflippt. Ausgeflippt. Ich hatte dieses Wort schon ein paar mal aufgeschnappt, jedoch noch nicht die Bedeutung in Erfahrung bringen können. Über die Jahrhunderte lebte ich in vielen verschiedenen Ländern, so vermischten sich neue mit alten Wörtern, ebenso wie ich die unterschiedlichen Sprachen manchmal ein wenig vermischte, was im Alltag mehr als hinderlich war.

Dong. Dong. Dong...
Vor Schreck hüpfte ich fast aus meinem Busch. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht merkte, wie die Zeit vergangen war. Die Kirchenglocke schlug drei.
Ich überprüfte kurz die Kirche. Nichts ungewöhnliches. Ein kurzer Blick auf das anliegende Internatsgebäude verriet mir, dass die Bewohner wohl schliefen, da nirgends auch nur der müde Schein einer schwachen Kerze zu sehen war.
Mein Mantelsaum raschelte kaum hörbar über das Gras, während ich zum Eingang, der Gemächer der Schüler schlich. Ein leichter Sommerwind spielte mit meinem braunen, schulterlangen Haar.
Die verschlossene Tür war kein Hindernis, da im zweiten Stock jemand ein Fenster offen gelassen hatte. Das war der Vorteil während einer warmen Jahreszeit zu jagen, die Menschen wurden noch achtloser und dümmer als sie sowieso schon waren.
Nachdem ich bei dem eleganten Versuch lautlos durch das Fenster zu huschen meinen Kopf erfolgreich gegen den Rahmen schmetterte, befand mich in einem Treppenhaus. Ich lauschte, ob jemand das Geräusch vernommen hatte, welches mein Haupt in Verbindung mit dem Fenster kreiert hatte.
Die Stille war ungebrochen.
Nur hier und da ein kaum hörbares Schnarchen.
Leise stieg ich hinab ins Erdgeschoss. Meinen Beobachtungen zufolge, müssten sich hier zwei Priester in ihren Kammern befinden.
Bei der ersten Tür angekommen blieb ich stehen und lauschte. Von innen kam ein flaches Atmen. Mit einem kaum hörbaren knarren, welches fast gänzlich von der Nacht verschluckt wurde öffnete ich und trat ein. In dem kleinen Raum war es dunkel. Ich jedoch sah alles als wäre es hell erleuchtet. Der Mann lag auf seinem Bett. Der Geruch von Blut und Schweiß vermischte sich mit dem von Sperma und Parfüm.
„Menschen“, dachte ich angewidert. „Sie predigen Keuschheit und huren durch die Lande.“ Ich zog ein Messer aus der Innentasche meines Mantels. Ein leises Klappern verriet mir, dass Hammer und Nägel sich ebenfalls gut verstaut in den Tiefen meines Kleidungsstückes befanden. Doch würde ich sie erst später benötigen.
Mit einer raschen Bewegung hielt ich den Mann den Mund zu und zog die scharfe Klinge langsam und frohlockend durch seinen Hals. Erschrocken wachte er auf. Doch es war zu spät. Ich badete mein Gesicht in der Blutfontäne, die aus seiner Kehle schoss. Der Geschmack von frischem Blut auf meinen Lippen. Wundervoll. Ich ließ den Toten liegen, da ich für ihn keinerlei weitere Verwendung hatte und schlich zu seinem, im Nachbarzimmer liegenden Kollegen. Da dieser schnarchte wie ein Sägewerk, war es nicht weiter schwierig es bei ihm zu wiederholen.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sich im Erdgeschoss niemand mehr befand ging ich von Zimmer zu Zimmer und vollzog das gleiche Ritual an den Schützlingen, welches ich an ihren Hirten vollstreckt hatte.
Im dritten und letzten Stock angekommen, von oben bis unten in Blut getränkt, warteten nur noch zwei Zimmer auf mich. Eine Schülerin und die Nonne des Klosters. Ich schlich mich ins erste Zimmer. Die Tür war nicht verschlossen und leise betrat ich die Heimat meines nächsten Opfers. Den Rücken zur Tür gewandt saß sie an einem Laptop. Rasch verschmolz ich so gut es ging in einer Ecke mit der Dunkelheit, für den Fall das sie sich umdrehte. Mein Blick schweifte nachdenklich durchs Zimmer während ich überlegte wie ich vorgehen sollte.
An der Rückseite der Tür befand sich ein großes Poster der Filmreihe „Twilight“. Diese ernst gemeinte Version einer Vampirgeschichte, die offensichtlich nur dafür da war, von meiner Rasse eine Verniedlichung zu schaffen, die sich in jemand abstoßendes verlieben könnte und anstatt ihr Blut zu trinken derart kastriert war, sie in keinster Weise anzurühren. So ein Vampir wäre von seinen Artgenossen zurecht zerfetzt worden. Es war einfach eine bodenlose Frechheit gegenüber meiner Rasse.
In einem kleinen Regal tummelte sich fast die gesamte Literatur, die auch nur in irgendeiner Weise mit Vampiren zu tun hatte. An einem Nagel, der über ihrem Bett in der Wand steckte war ein Knoblauchkranz befestigt.
Igitt. Knoblauch.
Entgegen der allgemeinen Meinungen der Autoren dieses literarischen Abfalls, war Knoblauch kein Schutz vor uns. Er stank nur erbärmlich. Auf dem Nachtisch des Mädchens stand ein Holzpfahl, eine der wenigen Waffen, die uns tatsächlich töten konnte. Mein aufbrodelnden Zorn niederringend sah ich auf den Bildschirm, der vor der Kleinen stand. Sie war in verschiedene Vampirgeschichten vertieft, die offenbar zu einem Autorenwettbewerb gehörte, was aus den anderen Tabs hervorging. Sie wirkte wie gefangen, so sehr war sie von dem Text eines gewissen „Krolocks“ gefesselt. Jetzt benannten sich schon irgendwelche kleinen Scheißkinder nach einem Liedchen trällernden Vampir. Wie tief konnten wir eigentlich noch sinken?
Plötzlich schauderte sie und sah zu ihrer linken und rechten, als ob sie sich vergewissern wollte, dass sie alleine war. In dem Glauben, dass niemand sonst im Zimmer sei, wandte sie sich wieder dem Bildschirm zu.
Nachdenklich schlich ich hinter sie, bis uns nur noch Zentimeter trennten. Ich beugte mich leicht nach rechts und griff den Holzpflock.
Ich hörte sie atmen. Das Blut, dass durch ihre Adern gepumpt wurde.
Sie war so von uns fasziniert, sollte ich ihr vielleicht einen tieferen Einblick in unsere Welt gewähren und sie verwandeln? Sollte ich sie in einer Welt mit schwachen Menschen zu einem Gott erheben?
Mein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.
Nein.
Ich riss sie an ihren Haaren nach hinten und stieß ihr den Holzpflock so kraftvoll in die Stirn, dass er am Hinterkopf wieder austrat. Ergötzend an dem spritzenden Blut und dem knirschenden Geräusch hielt ich meine Hand an die Wunde, benetzte meinen Finger und malte einen Smiley auf ihren Bildschirm.
Nach sieben Minuten verzücktem Betrachten der Szenerie verließ ich auch dieses Zimmer um mich meinem Meisterstück widmen zu können.
Das Zimmer der Nonne war jedoch leer. Wo war sie?
Rasend vor Wut suchte ich das gesamte Gebäude ab.
Keine Spur von ihr. Hatte ich sie in meinem Blutrausch etwa schon getötet?
Nein, das konnte nicht sein.
Das durfte nicht sein.
Ohne sie wäre alles umsonst gewesen.
All die Wochen der Vorbereitung.

Einer Eingebung folgend verließ ich das Internat und ging in die daneben befindliche Kirche.
Ich lauschte, und tatsächlich hörte ich ein Herz schlagen. Es war ganz leise und kam wohl aus einem der Hinterzimmer.
Erleichterung durchströmte mich.
Ich warf eine kleinere Ausgabe des Kreuzes um, dessen großes Abbild am Ende des Mittelschiffs des Bauwerks prangte.
Es war laut genug, damit die Geistliche kam um nachzusehen.
„Hallo? Wer ist da?“
Sie stand am Ende des langen Mittelganges.
Ich trat aus dem Schatten des Altars hervor und nährte mich ihr von hinten. Es dauerte keine weiteren drei Sekunden und ich hatte meine Zähne in ihren Hals geschlagen.
Sie versuchte vergeblich sich zu wehren. Ich trank genüsslich aus ihrer Arterie.
Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor, hielt ich inne.
Sie glitt zu Boden.
Langsam wischte ich mir über den Mund und beugte mich zu ihr herunter.
Die Angst war ihr ins Gesicht geschrieben und spiegelte sich in ihren Augen.
Das war eine außergewöhnliche Nacht und ich genoss sie in vollen Zügen. Frohlockend leckte ich das heilige Blut von meinen Fingern.
„Du bist etwas ganz Besonderes und es ist an der Zeit für dich, dies zu verstehen. Du brauchst dich nicht Verunsichert zu fühlen, es gibt keinen Weg zurück. Die Dunkelheit ist dein Freund und dein Freund ist in schwarz gewandet“, flüsterte ich ihr zu und lachte. Dann mit einer schnellen Bewegung schnitt ich ihr einmal durch den Hals und trank in vollen Zügen. Schnell hatte sich eine beachtliche Blutlache um sie herum gebildet.
Gesättigt griff ich in meine Hosentasche und holte meinen MP3-Player heraus. Die Kopfhörer in meinen Ohren platzierend, startete ich das einzige Lied, das sich darauf befand. Ich stand in dem Gotteshaus direkt vor dem Altar und dirigierte versonnen das „Ave Maria“.
Als das Lied in die Endlosschleife über ging, hob ich den leblosen Körper hoch und legte ihn mir über die Schulter.
Mit dem Hammer und den Nägeln, die ich aus den Untiefen meines Mantels hervor zog nagelte ich den Leichnam an das große Kreuz. Erst die rechte Hand, dann die linke. Als letztes die Füße. Vereinzelt fielen noch einzelne Bluttropfen auf den heiligen Boden.
Ich tauchte zwei Finger meiner Hand in die Lache und schrieb mit ihrem Blut den Namen „Blutengel“ auf den Altar.
Mit federndem Gang verließ ich die Kirche und verschwand in der Dämmerung.
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