Schatten der Vergangenheit - Zwanzig Jahre

GeschichteAbenteuer / P16
27.07.2014
21.04.2016
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Prolog:
Frieden... Ein so überstrapaziertes Wort. Angeblich herrscht Frieden. Weltfrieden sogar. Die letzten zwanzig Jahre haben viel gesehen, vielleicht zuviel. Sogar den Weltfrieden. Aber ist es wirklich Weltfrieden, nur weil es keine offenen Konflikte mehr gibt? Weil sich Streitereien verkleinern, verklausulieren und auf die Duelle kleiner und kleinster Grüppchen reduzieren? Weil die Großen nicht mehr offen, aber im Kleinen miteinander kämpfen?
Armut abgeschafft, Hunger abgeschafft, die Ressourcen der Welt besser und gerechter verteilt, jedem Kind eine Schulbildung, jedem Jugendlichen eine Ausbildung oder ein Studium, jedem Erwachsenen eine Arbeit, die ihn erfüllt, das sind die wunderbaren Schlagworte der neuen Ordnung auf einer Welt, auf der aus über zweihundertsieben Nationen nur noch elf geworden sind... Und selbst diese arbeiten in einer großen, gemeinsamen Föderation zusammen, sodass die ehemals so wichtigen Vereinten Nationen dagegen aussehen wie ein Hinterhofschwoof in einem niedersächsischen Bauerndorf entgegen einem Galakonzert der Three Lights vor fünfhunderttausend Menschen.
Sicher, es herrscht Frieden. Es herrscht soziale Sicherheit. Und es herrscht Aufbruchstimmung, seit verkündet wurde, dass die Menschheit ins All ziehen soll. Nicht nur auf die anderen Planeten der Galaktischen Föderation, auch und vor allem auf Venus und Mars, die mit großem Aufwand technisiert, das heißt, terraformt werden. Klingt toll, so richtig toll. Platz für weitere Milliarden Menschen, Platz zum leben, Platz, sie zu versorgen. Das Leben ist wundervoll. Jeder Mensch kann seine Ziele erreichen, wenn er es nur will. Und wenn er keine Ziele hat, kann er immer noch gut genug leben. Die Menschen haben es gefressen, sind zufrieden, ruhiggestellt, sie himmeln die neue Ordnung an, die doch insgeheim nichts anderes ist als eine Diktatur. Eine Diktatur unter der obersten Ikone jener Macht, die die Menschheit huldvoll Majestät Serenity nennt, obwohl sie in ihrer eigenen Sprache keinen ganzen Satz schreiben kann, ohne einen Fehler zu machen. Aber das ist ja egal, weil sie soo hübsch ist, soo klug, soo schlagfertig und soo verdammt mächtig, dass sie eine reguläre Panzerarmee des jungen einundzwanzigsten Jahrhunderts im Alleingang hätte erledigen können. Da soll mir noch einmal einer sagen, das wäre Frieden. Es ist Trägheit, Faulheit, versteckte Angst und Unterdrückung. Und die Erwachsenen in ihrem Herdentrieb haben nichts Besseres zu tun, als das als gegeben hinzunehmen. Und es auch noch zu verteidigen.
Was ist aus jenen Tagen geworden, als man noch auf seine Nation stolz war? Als Japan nicht einfach nur als Industriestandort bekannt war, deren Soldaten im Weltkrieg Verbrechen wie die Deutschen begangen hatten - gerechterweise muss ich dazu sagen, dass in diesem Krieg Soldaten aller Nationen Verbrechen begangen haben, und wenigstens damit ist Schluss - und deren Bürger in die Welt hinauszogen, weil ihr eigenes, schmales und bergiges Land so wenig Lebensraum für so viele geboten hatte... Nein, heute ist es Crystal Tokio, der Mittelpunkt der Welt, Sitz des Palastes des SilverMilleniums und erster und wichtigster Transitpunkt für die Mondkutschen, die Menschen zu den besiedelten und urban gemachten Regionen des Mondes bringt. Heute ist es der Sitz der Frau, die man früher SailorMoon genannt hat und die sich heute Majestät rufen lässt, die sich auf dem Ruhm vergangener Tage ausruht und ihre schöne, sterile, gewaltfreie und friedfertige Welt aus elf Nationen genießt, die ich schon lange nicht mehr ertragen kann...

Ja, ich hasse den Frieden. Ich hasse die Vollversorgung, die Ruhe, die Zufriedenheit, die Ausbildungssicherheit und diesen dämlichen Gedanken, dass man nur hart genug arbeiten muss, um alles erreichen zu können, was man sich vorstellen kann. Ich hasse den phlegmatischen Frieden, den ständigen Fortschritt, den die Galaktische Föderation Tröpfchen für Tröpfchen über uns ergießt wie milde Gaben an räudige Bettler. Ich hasse alles, wofür das SilverMillenium steht. Vor allem aber hasse ich die Selbstgerechtigkeit dieser glitzernden Scheinwelt. Als sie damals vor vierzehn Jahren Tokio zerstören ließen und der Welt weisgemacht hatten, es wäre nur eine Farce gewesen, um außerirdische Invasoren zu täuschen, haben das alle geglaubt. Aber ich weiß, und viele meiner Freunde wissen es auch, aus dem Netz, aus Gerüchten, wenn hier und da die Repräsentanten des SilverMilleniums ein Wort zuviel sagen: Es war keine Täuschung. Die Mega-Stadt wurde zerstört, bis auf die Grundfesten, und nur der Palast überdauerte, während die Menschen außerhalb wie Vieh dahingeschlachtet wurden. Um das zu vertuschen, hat Serenity-sama, so wird sie auch oft gerufen, mit ihrer Sailorkraft eine Scheinwelt erschaffen, ein künstliches, nachgebildetes Tokio mit künstlichen, nachgebildeten Menschen, um der ganzen Welt weiszumachen, hier wäre alles in Ordnung. Aber nichts ist in Ordnung. Oder wie sollte man sonst erklären, dass es niemandem erlaubt ist, nach Tokio zu reisen? Sie sagen immer, die Plätze auf den Flugzeugen wären immer so schnell ausverkauft, die Passagen auf den Schiffen ebenso, aber das sind nur Lügen. Lügen, um zu vertuschen, dass die SailorKrieger die Zerstörung ihrer Hauptstadt zugelassen haben. Ja, zugelassen. Sie sind die größten Heuchler von allen, diese Leute mit ihren Sailorkräften. Die Getreuesten der Getreuen von Serenity-sama, ihre ersten Diener, ihre mächtigsten Waffen, fähig, alleine eines der verbliebenen elf Länder zu erobern, und auf ihren Befehl hin würden sie es auch tun.

Über kurz oder lang wird es auch passieren, damit Serenity-sama die vereinte Welt präsentierten kann, letztendlich arrangiert, damit die letzten Nationalstaaten verschwinden. Und was dann? Dann ist ein Ende mit uns, dann werden wir alle in Wonne, Heiterkeit und Liebe hirngewaschen, damit wir ihr auf ewig dienen. Aber das ist nicht die Welt, die ich herbeisehne. Das ist nicht die Welt, in der ich leben will. Nicht meine Welt. Nicht mein Leben. Ich will etwas anderes. Und ich bin nicht alleine. Wie sonst sollte man dann wohl jene Menschen erklären können, die in der Lage sind, auf Augenhöhe mit den Sailorkriegern zu kämpfen und dies auch tun? Könnte ich, hätte ich, würde ich Sailorkräfte haben, ich würde sie auch bekämpfen. Bis aufs Blut, bis aufs Mark. Bis zu meinem letzten Atemzug würde ich sie und ihre verdammte Diktatur bekämpfen. Sie alle, die Frauen wie die Generäle, ihre Verbündeten ebenso wie ihre Sklaven. Ich würde gegen sie kämpfen, wenn ich nur könnte. Denn diesen Monstren ist nicht einmal mit Atombomben beizukommen, das hat die Menschheit schon versucht - und anschließend haben die Sailorkrieger geschrien, sie wären unprovoziert angegriffen worden, und die Welt hat ihnen auch noch geglaubt... Dabei kursiert Serenity-samas Kriegserklärung als Tonspur und als Video im Netz, immer heimlich und unter größter Vorsicht weitergegeben. Damit nie vergessen wird, was wirklich geschehen ist. Damit nie vergessen wird, wie die Diktatur ihren Anfang nahm. Damit ich nie vergesse, wer meine Feinde sind. Und ich bete, hoffe und bange, dass auch ich eines Tages Sailorkräfte entwickeln werde, sodass ich wie meine Helden den Dämonen Serenitys wenigstens auf Augenhöhe begegnen kann. Ich will ihr Blut sehen, will ihre Knochen krachen hören, will sie langsam siechend sterben sehen, denn wenn wir sie nicht töten, werden wir es sein, die langsam siechend sterben werden...

(Auszug aus Philip Loranos Aufsatz zum Thema "Was ich sein will, wenn ich groß bin", siebte Klasse, Heimbruch-Gymnasium München, anschließend zum Direktor geschickt und von dem zu Ethik-Unterricht verdonnert worden.)


1.
Zwanzig Jahre nach dem letzten Krieg

"Herkules?" Der junge Mann, der sprach, sah nicht viel älter aus als vierzehn, war aber schon sechzehn. Ein schmächtiger, weißblonder Bursche mit einer neckischen blauschwarzen Strähne, die sich vorne über der Stirn kräuselte. Er war hübsch, war fast für ein Mädchen zu halten, aber durch den Stimmbruch schon lange durch, was ihm eine sanfte, aber durchaus männliche Stimme verschafft hatte. Außerdem gab er sich allergrößte Mühe, maskuliner zu wirken, einer der Gründe, warum er, auf allen vieren kriechend, eine blaue Millenier-Uniform trug. Trotz seiner jungen Jahre war er bereits Kompaniechef der Palastwache und einer der mächtigsten Krieger seiner Generation. "Herkules? Lass mich dich nicht lange suchen", bettelte der Junge.
"Was ist denn mit dir los? Musst du wen um Vergebung bitten?", fragte eine spöttische Stimme hinter ihm. Er fuhr herum, und die Kinnlade sackte ihm herab. "Ha-ha-hana-chan... Das ist nicht das, wonach es aussieht?"
"So?", fragte die kastanienbraune Schönheit, deren Farbe ihr ihr Vater vererbt hatte. Die Länge und der seidige Glanz stammten da eher von ihrer Mutter, ebenso wie die endlos langen Beine, die das Mädchen, nur fünf Monate jünger als der junge Mann, sehr attraktiv aussehen ließ. Das wusste sie natürlich. Frauen schienen das immer früher und schneller zu begreifen als Männer. Und sie wusste auch sehr genau, wie sie auf den Jungen wirkte, der noch immer auf den Knien saß. Sie beugte sich vor und gestattete dem Jüngeren damit einen erstklassigen Blick auf ihr Dekolletée, noch ein Vorzug des Genoms ihrer Mutter. "Soll ich dir helfen? Ich krauche dann mit dir auf dem Boden rum und schaue unter den Möbeln nach. Aber wehe, du linst mir unter den Rock, Kenji Mizuno."
Der arme Junge wurde puterrot. "So-sowas würde ich doch nie tun, Hana-chan!", protestierte er.
Sie seufzte und richtete sich wieder ein Stück auf. Gelassen und leicht überheblich tätschelte sie die Wange des Älteren. "Natürlich. Das weiß ich doch. Und genau das ist das Problem, Kenji." Sie seufzte erneut, diesmal vom untersten Grund ihrer Lunge und beschloss, ein klein wenig netter zu sein. Immerhin hatten die Hinos einen Ruf zu wahren. "Soll ich dir nun helfen, oder nicht?"
Der Junge war gefangen von der Versuchung, ihre Hilfe zu erhalten und dabei vielleicht - natürlich nur aus Versehen - einen Blick unter ihren Rock zu werfen, aber eben auch in Todesgefahr zu schweben, falls sie es bemerkte. Und Hanako Hino war niemand, die lange fackelte, wenn sie sich geärgert, bedroht oder übervorteilt sah. Von den Hino-Kindern war sie nicht nur die älteste, sondern auch die mit dem hitzigsten Temperament, weshalb nicht wenige im Millenium sagten, sie würde eines Tages ihre Mutter als Majestät des Mars beerben können. Ihren Platz in der Leibwache hatte sie jedenfalls schon lange eingenommen.
"N-nein. Ich brauche deine Hilfe nicht, Hana-chan. Du hast doch sicher noch zu tun."
Sie seufzte ein drittes Mal und richtete sich ganz auf. Dann wandte sich Hanako Hino zum Gehen. "Schade. Hättest du nämlich gesagt, dass du meine Hilfe brauchst, hätte ich dir gesagt, wo ich Herkules gesehen habe."
Blitzartig kam Kenji Mizuno auf die Füße. "Warte! Wo hast du ihn gesehen, Hana-chan?", rief er.
Sie wandte sich wieder um. "Na, wie heißt das Zauberwort?"
"Äh... Bitte?"
"Eigentlich heißt es "Tausender", wie in "ein Tausend Yen-Schein", aber ich will mal nicht so sein. Herkules ist oben auf der Balkonetage im Kraftraum und plagt sich mit Bankdrücken ab. Mittlerweile schafft er zweihundert Pfund. Beachtlich, nicht? Aber wem erzähle ich das eigentlich? Herr Mizuno ist ja schon zum Lift durchgestartet. Ich wünschte, er würde sich für andere Dinge so sehr interessieren wie für diese Katze. Oder für andere Menschen." Sie seufzte zum viertenmal, bevor ihr auffiel, was sie gerade gesagt hatte. Nun wurde sie selbst puterrot, aber ein schneller Scan der Umgebung ergab keine heimlichen oder zufälligen Lauscher. Wenigstens etwas. Also tat sie das, was sie eigentlich hatte tun wollen und begab sich zur kleinen Wohnung, die Usagi-hime und ihr Verlobter Helios bewohnten, um ihrer Pflicht nachzukommen.

Kenji indes hielt sich nicht lange mit dem Lift auf. Mit Hilfe seines Steps ging er im wahrsten Sinne durch die nächste Wand, tauchte außerhalb des Palasts in ungefähr dreihundert Metern Höhe vor dem Turm wieder auf und machte einen weiteren Step, der ihn bis zum Balkon brachte, der knapp unter der Spitze vorgelagert war. Dort schwebte er wieder herab. Lächelnd registrierte er, dass die Landung doch schon eine ganze Ecke sanfter war als noch vor drei Wochen, als er Step und Schweben erlernt hatte. Aber es reichte immer noch, um fast umzuknicken. Nun, wenigstens hinterließ er nicht schon wieder eine Kerbe im Boden.
"Du nimmst immer noch zu viel Kraft", tadelte ihn eine bekannte Stimme. "Nicht alles, was Sailorkräfte ausmacht, hat auch mit roher Gewalt zu tun."
"Mamo-chan... Ich meine Onkel Mamoru!" Hastig verbeugte er sich im Ansatz vor dem Regierungschef und König des SilverMilleniums. Nebenbei gesagt war Mamoru auch einer der besten Freunde seiner Eltern und zudem einer jener Krieger, die sich die Ausbildung des jungen Mizunos zur Aufgabe gemacht hatten.
"Aber du reißt den Boden nicht mehr auf. Immerhin. Trotzdem solltest du dir an Alita ein Beispiel nehmen. Sie ist bei weitem nicht so stark wie du, aber das, was sie an Sailorkraft hat, setzt sie mit Eleganz und Effizienz ein."
An seine Zwillingsschwester erinnert, kämpfte er kurz mit seinem Groll. Schau dir an, was Alita schon wieder gelernt hat. Schau mal, wie elegant sie ist. Sie ist wieder Klassenbeste. Sei ihr doch mal ein besseres Vorbild. Alita hier, Alita da, Alita, Alita, Alita. Oh, wie er das hasste. Es gab nur einen gravierenden Unterschied: Er war mindestens viermal so stark wie seine kleine Schwester, was die Sailorkraft anging. Und deshalb war er auch schon Hauptmann der Wache, und sie musste darum bangen, überhaupt jemals Mutters Titel als Majestät des Merkurs zu erben.
"Ich bemühe mich", log er. "Onkel Mamoru, ich suche Herkules. Hana-chan hat mir gesagt, er wäre hier oben im Fitness-Raum." Und tatsächlich, er konnte die Aura des Katers spüren, irgendwo in der Reichweite seiner sensorischen Sailorkräfte. Wäre er nur in der Lage gewesen, seine Kraft etwas präziser zu steuern, hätte er auch Richtung und Entfernung erspüren können.
"Geh nur rein", sagte Mamoru stirnrunzelnd. "Oder bleib noch ein wenig und wohne der Landung der Mapati bei."
"Mapati?"
"Sie sind heute mit ihrem Seelenschiff ins Sonnensystem gesprungen. Es handelt sich um Vertreter einer Nation, mit der wir bisher bestenfalls losen Kontakt hatten. Aber nun wünschen sie sich einen direkten Kontakt. Und eine Audienz bei der Frau, die SailorGalaxia befriedet hat. Wenn du mich fragst, haben wir es wieder mal mit religiösen Eiferern zu tun. Aber man soll ja nie vorschnell urteilen."
Kenji sah sich kurz um und entdeckte auf der Zinne des nördlichen der fünf Türme des Palasts Pyramon, und auf der anderen Seite im Innenhof seinen Vater Akira und Hanas Vater, die sich betont abseits hielten. "Ärger?"
"Nein. Zumindest jetzt noch nicht", wiegelte Mamoru ab. "Wir sind nur vorsichtig, das ist alles.  Sie kamen... Etwas zu überraschend."
"Ich verstehe." Er deutete eine Verbeugung an, die der König mit einem Nicken erwiderte. Also wirklich, König hatte der Mann echt drauf. Dann eilte er an Mamoru vorbei und betrat den Turm wieder.

Kurz darauf erreichte er den Fitnessraum.
"Fünfund... Achtzig!", krächzte eine raue Stimme. "Sechsund... Achtzig."
Fasziniert beobachtete Kenji den schwarzbepelzten Hünen, der gerade zwei Gewichte von je einhundert Pfund presste. Das Spiel seiner durchtrainierten Muskeln, seine enorme Größe von zwei Metern und fünf sowie sein unbezwingbarer Wille beeindruckten ihn wie immer.
"Herkules."
Der Riese legte die Gewichte in die Halterung über ihm ab und ließ die Arme sinken. Sein seidiger Pelz war bedeckt mit Wasser aus einem neben ihm stehenden Eimer, und sein Atem ging stoßweise. Herkules verlangte sich immer alles ab, egal was er tat. Und das war für einen achtjährigen Kater von nicht mal einem halben Meter Körpergröße schon eine Riesenleistung. Also gut vierzig Zentimeter, wenn er nicht wie gerade im Moment mit Hilfe seiner Sailorkräfte die Gestalt des Zwei Meter-Hünen annahm. "Was machst du denn hier, Ken-chan? Wir treffen uns doch erst um vier."
Kenji verzog die Lippen zu einem Schmollmund, bevor er sich bewusst machte, was er da tat. Tatsächlich vermied er es, Gesten auszuführen, die er als zu weiblich verstand. Sein Vorbild war der große, starke und robust gebaute Vater, der seine weibliche Seite eher selten zeigte. Und wenn er mal so groß wie Akira werden wollte, so stabil und so kräftig, konnte es sicher nicht schaden, sich jetzt schon wie ein Mann zu verhalten. Auch wenn ihm das schon den Vorwurf eingebracht hatte, er würde Frauen nicht als gleichberechtigt ansehen. Oder gar, er wäre homophob. Aber das war lächerlich. Wer wie er mit Haruka Tenoh und Michiru Kaioh als Paten aufgewachsen war, hatte gar keinen Grund, Homophobie zu entwickeln. "Es ist bereits vier, du großer, dummer schwarzer Kater."
Erstaunt sah der Riese ihn an, dann ging sein Blick zur Uhr über der Tür. "Ach, verdammte Scheiße! Ich hätte doch nur fünfzig machen sollen! Warte, ich dusche kurz, dann komme ich!" Der Riese verschwand in einer Rauchwolke, und hervor kam ein nicht weniger stabil gebauter, aber eben nur knapp halbmeterlanger Kater, der an ihm vorbei in die Duschräume wetzte. Kenji unterdrückte ein Kichern. So war es nun mal, wenn man eine Katze mit Sailorkräften als Teamkollegen hatte. Herkules, der jüngste Nachwuchs von Luna und Artemis, hatte etliche menschliche Komplexe, die eine Katze gar nicht haben sollen dürfte. Einer davon war, dass er unter Menschen aufgewachsen war, jedoch selbst eben eine Katze war... Das hielt ihn aber nicht davon ab, zu versuchen, einer zu sein. Ein zwei Meter und fünf großer, ziemlich muskelbepackter und beeindruckender Mensch-Katzen-Hybride, um genau zu sein. Aber eben auch ein sehr talentierter Krieger, und Frieden hin oder her, nur weil das Gros der Menschheit in Freiheit, Wohlstand und Zufriedenheit lebte, hieß das nicht, dass die Palastwache nichts mehr zu tun bekam. Es gab immer noch Einzeltäter, kleinere und auch größere Organisationen, die mehr als bereit waren, Morde zu begehen, um die neue Weltordnung wieder umzustoßen. Meist, um jenen Gruppen, die in dieser Welt benachteiligt waren - jene, die Megareichtum ihr eigen nannten - zu ihren alten Privilegien zu verhelfen. Meist über den toten und erkalteten Körper von Serenity-sama. Und damit nicht genug, gab es noch mehr Welten als die Erde da draußen. Um genau zu sein, ein paar zehntausend Welten, die von der ersten Menschheit besiedelt worden waren, damals während der letzten Eiszeit, als die Auswanderer mit Seelenschiffen die Galaxis erobert hatten... Viele von ihnen glaubten, besser zu wissen, was die Menschheit brauchte und was nicht, und sie setzten es auch gerne mal mit Gewalt durch.
"So, fertig", sagte Herkules, tat einen Satz und landete auf Kenjis Schulter. Er rieb seine Schnauze an Kenjis Wange und schnurrte. "Alles okay, Partner?"
"Alles okay. Noch fünf Minuten bis Dienstbeginn, und abgesehen von landenden Außerirdischen ist die Situation ruhig."
"Landende Außerirdische?"
Kenji öffnete die Haupttür und trat in den Laufgang, der zum Fahrstuhl führte. "Mamo-chan hat sie mir gegenüber erwähnt. Mehr weiß ich auch nicht."
"Hm? Ein Hauptmann der Garde ist nicht informiert?", fragte der Kater eher irritiert als amüsiert.
"Ja, das kommt mir auch spanisch vor." Die beiden betraten den Aufzug und wählten das Stockwerk, in dem die Überwachungszentrale platziert war, wo sie Dienst tun würden. "Ich bin sicher, Otouto wird mir mehr dazu sagen können."
"Vor allem, warum es keiner für nötig gehalten hat, dich und mich vor unserer Schicht zu informieren." Nun klang der Kater ärgerlich. Ziemlich ärgerlich. Aber er war auch ein verdammter Pendant.

Als die Tür sich erneut öffnete, zuckte Kenji leicht zusammen, weil ein großer Schatten auf ihn fiel. Erst als er gegen das Licht hinter dem Schatten zwinkerte, erkannte er seinen kleinen Bruder Roman. Und wie immer flammte ein wenig Neid in ihm auf. Roman war fast vierzehn, also zwei Jahre jünger als er und seine Zwillingsschwester, aber einen halben Kopf größer. Und er ging wesentlich mehr nach Vater als sein älterer Bruder, wirkte wesentlich maskuliner. Was nicht wenig zu seinem kleinen Komplex beigetragen hatte.
"Aniki", sagte der Jüngere, "es gab eine Änderung."
Kenji betrachtete den Jüngeren, der die fein gezeichneten Züge der Mizuno-Familie missen ließ, aber ihre Haarfarbe hatte. Stattdessen hätte man ihn mit einigem Wohlwollen und Augenzwinkern für einen Klon Vaters halten können. "Falls du die Mapati meinst, Mamo-chan hat mich bereits grob informiert. Außerdem musste ich Herkules suchen. Ich dachte, er hätte sich wieder unter den Sitzen im Konferenzsaal vier verkrochen, aber er war im Fitness-Raum und hat Gewichte gestemmt."
"Mamoru-O", sagte Roman gestelzt mit Betonung auf das O, welches auf Mamoru-samas Königswürde hinwies. Sein Gesicht war dabei so todernst, dass man hätte lachen können. Eigentlich. Aber Roman war so humorlos wie ein magenkranker Geier. Jetzt, zumindest. Bevor er es sich zum Ziel gesetzt hatte, Kommandeur der Palastwache zu werden, war er wesentlich fröhlicher und offener gewesen. Nun aber, mit einem selbst erworbenen Leutnantsrang, war er ein ziemlich trockener Zeitgenosse geworden.
"Mamoru-sama", erwiderte Kenji, teils nachgebend.
Roman nickte zufrieden. "Der Besuch der Matapi erfolgt nicht ganz freiwillig. Sie wollten anonym auf der Erde landen, aber wir haben sie rechtzeitig entdeckt und angesprochen. Deshalb kommen sie jetzt zum Palast. Es herrscht Alarm fünf."
Kenji pfiff anerkennend. Es gab sieben Alarmstufen, wobei sieben für die höchstmögliche Gefahr stand. Fünf bedeutete, dass mit einem Anschlag zu rechnen war. "Verstehe. Ich übernehme die Truppe."
"Übernahme der Truppe bestätigt", erwiderte Roman formell. Er salutierte vor seinem großen Bruder und Vorgesetzten und trat dann an ihm vorbei in den Fahrstuhl. "Ich unterstütze Vater."
"Natürlich tust du das", sagte Kenji, während sich die Fahrzeugtüren bereits schlossen.
"Du hast vergessen, "Streber" zu sagen", sagte Herkules belustigt. "Tust du doch sonst immer."
"Heute nicht. Hast du seine Augen gesehen? Sie waren todernst. Ich meine todernster als ohnehin schon." Kenji zuckte die Schultern und schritt weiter aus, bis er die Wachzentrale des Palasts betrat. Ein Dutzend Soldaten, Sailorkrieger wie GunSuit-Piloten, waren hier auf Bereitschaft, während zwei Dutzend Männer und Frauen den Palast patrouillierten oder mit ihren Sailorkräften permanent überwachten. Notfalls konnten diese vierundzwanzig Leute eine Macht entfesseln, die ein kleines Land vernichten würde. Ironischerweise hatten sie das schon mehr als einmal unter Beweis gestellt. Also die Macht zu entfesseln, nicht ein kleines Land zu vernichten.

"Sir", begrüßte ihn der Sergeant vom Dienst.
"Ich übernehme das Kommando, Clifford", erwiderte Kenji formell. "Besondere Vorkommnisse, außer den Außerirdischen, die im Hof landen?"
"Wir konzentrieren uns darauf, ob jemand versucht, bei dieser grandiosen Ablenkung von der anderen Seite in den Palast einzudringen", erwiderte der Unteroffizier. "Oder es per Fallschirm versucht. Es gingen ein paar Gerüchte um in Tokio, das vermehrt Menschen mit Sailorkräften in der Stadt gesehen worden sind, die uns noch unbekannt sind."
Kenji schnaubte leise aus. "Geht das schon wieder los? Herkules, Usagis Wohnung. Schutz von innen."
Die Katze nickte zur Antwort, sprang von seiner Schulter und verwandelte sich, noch bevor ihre Pfoten den Boden berührten, wieder in den zwei Meter und fünf großen Hybriden. Nur trug er diesmal die blaue Uniform der Millenier. "Verstanden."
"Helios ist wo?", hakte Kenji nach.
"Noch in Deutschland. Also im Bundesland Deutschland in Groß-Europa."
"Diana?"
"Immer noch bei ihm."
"Serenity-sama?"
"Auf dem Mond."
"Das bedeutet, wir müssen heute vor allem auf Usagi-chan und den König aufpassen."
"Nur, falls diese Mapati was im Schilde führen", wandte der Sergeant ein.
Kenji bedachte ihn mit einem konsternierten Blick, der den GunSuit-Piloten seufzen ließ. "Schon klar, Sir. Wir gehen den Fall an, als würden sie jederzeit angreifen."
Der junge Mizuno nickte zufrieden. "Bei Alarmstufe fünf sehe ich das als angebracht an."
Er trat kurz auf den Gang hinaus. "Herkules! Hana-chan ist auf dem Stockwerk von Usagi! Sag ihr, dass sie dir helfen soll, wenn du sie siehst!"
"Verstanden!", erwiderte der riesige Kater, während sich die Tür des Lifts bereits schloss.
Kenji trat wieder zurück in die Wachstube. Die Ironie an der Geschichte war schlicht und einfach, dass Usagi, Serenitys und Mamorus Tochter, nach Serenity die stärkste Kriegerin des SilverMilleniums war. Jemand, der sie überwinden konnte, würde erst Recht die Wachen erledigen, selbst wenn diese Hanako Hino und Herkules waren.

"Da kommen sie." Der Sergeant vom Dienst nickte in Richtung eines Bildschirms. Dort war ein Fluggerät zu sehen, das einer Mondkutsche recht ähnlich sah. Die meisten Völker verwendeten diese Art von Beibooten, weil ihre Schiffe meist zu groß waren, um auf einem Planeten zu landen und danach wieder von ihnen zu starten. Interessiert trat Kenji näher. Zugleich entfaltete er seine vergrößerte Wahrnehmung, die er seinen erwachten Sailorkräften verdankte. Dadurch sah er das Beiboot auf dem Monitor, während er gleichzeitig die Präsenz des Objekts spürte. Und den schwachen Prallschirm, das es benutzt hatte, um in die Atmosphäre hinabzusteigen, ohne als Feuerball zu verglühen. Es war nicht gefährlich, aber ungewöhnlich genug, dass der Schirm nicht schon in der Stratosphäre abgeschaltet worden war. Grund genug, doppelt argwöhnisch zu sein, denn obwohl sie die Verrückten auf der Erde nahezu im Griff hatten, gab es da draußen noch weit mehr Verrückte. "Was macht die Hausrückseite? Was der Luftraum?", fragte Kenji, während er erspürte, dass das Beiboot für die Landung die Geschwindigkeit deutlich reduzierte.
"Keine Vorkommnisse bisher."
"Das ist gut", murmelte er. Aber diese Worte, kaum ausgesprochen, trugen das Versprechen in sich, dass er sie bereuen würde.

Als die Kutsche durchstartete, und zwar nicht in Richtung Weltraum, sondern in den Hof, auf dem sie hatte landen sollen, sah er sich auf die harte Tour bestätigt. Zugleich aber spürten seine Sinne, wie sich mehrere Lebensformen vom Schiff lösten. Wäre er besser mit seinen sensorischen Fähigkeiten vertraut, hätte er Anzahl, Stärke, eventuell sogar die Geschlechter der Fliehenden erkannt. Allerdings war er einer der wenigen, der die Flüchtenden überhaupt erspüren konnte. Sie hatten sich verdeckt, maskiert, getarnt und konnten damit schwächere Sailorkrieger täuschen, aber nicht ihn.
Dann krachte das Beiboot auf den Boden und verging in einer Explosion. Doch bevor Schlimmeres passieren konnte, hatten Vater, Roman, Pyramon und Onkel Juichiro bereits ein Energiefeld errichtet, welches die Explosion abfing.
Kenji trat an das Pult und drückte den Knopf für Alarm. Zugleich griff er nach dem Mikrofon für die Durchsagenanlage des Palasts. Aber anstatt Rettungseinheiten anzufordern, tat er seinen Job. "Achtung, wir haben Eindringlinge auf dem Gelände. Kurz vor dem Absturz verließ eine unbekannte Anzahl hoch getarnter Individuen das Beiboot. Ab sofort ist Eindringlingsalarm gegeben."
Die Männer und Frauen im Wachraum hatten schon beim ersten Klang des Alarms ihre Ausrüstung geschnappt und zu ihren Positionen aufgemacht, die für diesen Fall für sie festgelegt waren. Nur die Besatzung der Überwachungsanlage und Kenji blieben zurück. Vorerst.
"Achtung, die Freiwache durchsucht den Palast. Ich wiederhole, die Freiwache durchsucht den Palast. Eindringlinge sind als gefährlich zu betrachten, zudem talentiert in der Anwendung ihrer Sailorkräfte." Kurz haderte er mit sich selbst, ob er seinen Posten verlassen sollte, um Onkel Mamoru oder Usagi zu beschützen. Aber als derzeitiger Chef der Wache war sein Platz hier. Einer musste die Kommandos geben. Außerdem war die Kommandozentrale ein vitaler Punkt des Palasts. Es war wahrscheinlich, dass ein erster Schlag gegen sie erfolgen würde, um die Palastwache taub und blind zu machen. Auch wenn sich in ihm alles sträubte, Usagi-chan und Hana-chan nicht beizustehen, er ließ sie ja nicht in Stich. Aber es war ein wirklich mieses Gefühl, seinen Job richtig machen zu müssen. "Ich verberge mich, Clifford", sagte er stattdessen, trat vom Pult zurück an eine freie Stelle an der Wand und löschte seine Präsenz.
"Ist gut, Sir. Wir... Verdammt, wie macht er das nur immer?"
Kenji lächelte zufrieden. Sollte er je nach Situation Anweisungen geben müssen, würde Clifford mit einer Stimme aus dem Nichts arbeiten müssen. Sollte er das nicht tun müssen, würde er verborgen bleiben, bis der Alarm aufgehoben wurde oder jemand den Versuch unternahm, die Sicherheitszentrale mit ihren zwei Mann Stammbesatzung zu stürmen. Dann würde er eine Riesenüberraschung erleben. Soweit die Theorie, aber die hielt dem Kontakt mit der Wirklichkeit ja eher selten stand.

"Alita hier", klang die Stimme seiner jüngeren Zwillingsschwester auf. "Ich bin im Hof. Ich habe neun, ich wiederhole, neun Individuen ausgemacht, die das Beiboot in Richtung Stadt verlassen haben. Dazu habe ich fünf, ich wiederhole, fünf ausgemacht, die in Richtung Palast gesprungen sind."
Das war der große Unterschied zwischen ihm und ihr. Sie war sehr viel schwächer, aber sehr viel besser darin, ihre Fähigkeiten zu benutzen, als ihr großer Bruder. Blieb nur noch die Frage, wie genau sie die Angreifer gespürt hatte.
Clifford runzelte die Stirn. "Achtung, hier Zentrale. Im Palast befinden sich fünf Plus unbekannte Angreifer der Mapati. Sie sind entsprechend zu behandeln. Wir gehen auf Stufe sechs." Grob in seine Richtung gewandt sagte er: "Ich hoffe, das ist in Ihrem Sinne, Hauptmann."
Das war es. Vor allem der Hinweis mit dem Plus, der bedeutete, dass es durchaus mehr als fünf Angreifer sein konnten. Attentäter. Waren es Attentäter? Kenji fasste zusammen: Ein Schiff, heimlich ins System gesprungen, ein Lander, der ebenso heimlich die Erde hatte erreichen wollen. Sabotiert kurz vor der Landung, um zu verbergen, dass mindestens vierzehn Personen, augenscheinlich mit Sailorkräften ausgestattet, es heimlich verlassen haben. Fünf Plus davon waren in den Palast gekommen, und das sicher nicht zum Kaffeeklatsch. Den hätten sie haben können, wären sie normal gelandet. Doch, die Palastwache konnte gar nicht vorsichtig genug sein.

Als der Youma durch den Boden brach, wusste Kenji, dass seine Sorgen berechtigt gewesen waren. Die Gestalt aus reinem KI oder Sailorkraft war ein drei Meter großer Hüne mit krallenbewehrten Pranken. Mit diesen griff er die beiden Sergeanten auf ihren Positionen an. Das ganze dauerte ungefähr eine Viertelsekunde, und obwohl beide Soldaten in GunSuits steckten, wäre ihnen eine Reaktion unmöglich gewesen, zudem ihre Sinne noch vom Lärm und den Trümmern überblendet waren, die der Durchbruch durch den Boden verursacht hatte. Nicht so Kenji. Mit Step verließ er seine Position, tauchte direkt vor dem Monster auf und trat kräftig zu. Das Wesen wurde nach hinten geschleudert, traf auf die Wand auf, hielt aber mit der Bewegung beider Hände nicht inne. Die Pranken schlugen ineinander, und genau zwischen ihnen stand der älteste Mizuno-Spross. Aber er war nicht irgendjemand, er war Kenji Mizuno, Sailorkrieger, zukünftiger Kommandeur der Palastwache und einer der stärksten Krieger seiner Generation. In so vielen Dingen schlug er nach seinem Vater, dass es schon gespenstisch war. Das hätte ihn eigentlich über seine weichen Züge trösten sollen. Tat es aber nicht, und ebenso wenig konnte der Youma ihm etwas tun. Die Pranken schlugen auf seine Seiten ein, konnten ihn aber nicht zerquetschen. Seine Rüstung hielt so problemlos stand, dass er sich ein überlegenes Lächeln nicht verkneifen konnte. Auch das hatte bestenfalls eine halbe Sekunde gedauert.
Kenji hob die Rechte, in der ein militärischer Zeigestab materialisierte, drückte die Spitze auf die Brust des Monstrums und rief: "Verschwinde!" Dem Ansturm seiner Sailorkraft hatte das Monster nichts entgegen zu setzen. Seine Kräfte erfüllten das Biest, seine Struktur, sein Wesen, sein Ich. Letztendlich war es auch nur eine Ansammlung an KI und einem fremden Willen gewesen, eine simple Programmierung wie: Such den Wachraum auf und töte alle. Nun verging dieses Wesen zu dem, was es ursprünglich gewesen war: Reiner Kraft, die ungebunden war. Zufrieden lächelte Kenji, gab sich aber nicht der Versuchung hin, ab jetzt erleichtert zu sein. Ab hier begann der Kampf, und es war sicherlich eine gute Idee, die höchste Alarmstufe auszulösen.
Zumindest dachte er daran, bis er die fremde, mörderische Existenz erspürte, die direkt hinter ihm stand und eine große Menge Sailor-Energie ansammelte. Kenji kannte dieses Phänomen. Die meisten Sailorkrieger sammelten einen Teil ihrer Macht in einem Blast, einer Kugel oder einer Welle, um diese dann gezielt auf die Gegner loszulassen. Irgendjemand bereitete in seinem Rücken eine solche Kugel vor, mächtig genug, um SailorJupiter neidisch werden zu lassen, und dieser Jemand würde sie innerhalb der nächsten Zehntelsekunde auf ihn abfeuern. Nein, über das Ziel gab es keine Zweifel. Der Youma war nur eine Ablenkung gewesen, er war das eigentliche Ziel. Also versuchte er, herumzuwirbeln und, komme was da kommen wolle, den Schlag hinzunehmen, alleine schon um seine Untergebenen zu beschützen.
Da sah er sie. Eine Gestalt, filigran, schlank, beinahe zierlich zu nennen, in eine Rüstung gehüllt, die wirkte wie ein Bodystocking. Die Hände waren von Handschuhen bedeckt, ein Helm schützte den Kopf. Und vor den Händen bildete sich der Blast, der ihm erhebliche Probleme bereiten, ihn verletzen, eventuell töten würde. Nein, es gab keine Zweifel, auf wen es die augenscheinlich weibliche Person abgesehen hatte. Kenji versuchte, noch die Arme hochzureißen, um sich zu schützen, denn für die Rüstung der Palastwache blieb keine Zeit mehr. Da gab die Fremde einen merkwürdigen Laut von sich, ließ langsam die Arme mit dem Blast sinken, die Energie vaporisierte, sie sackte erst auf die Knie, und dann seitlich zu Boden. Was? WAS?

Als sie da so am Boden lag, am Leben, aber zweifellos in tiefer Bewusstlosigkeit.
Hinter ihr, im Türrahmen, die Faust vor Sailorkraft immer noch weißglühend, stand eine Gestalt, die er nur zu genau kannte. Sie schaute grimmig, was ihre hübschen mädchenhaften Züge aber nicht wirklich entstellen konnte. Ihre tiefblauen Augen, ein direktes Erbe von Mutter, funkelten dazu geradezu empört, und die weißblonde Haarsträhne vorne an der Stirn inmitten des dunklen Mizuno-Haares schien sich ebenso empört aufgerichtet zu haben. "Keiner vergreift sich an meinem großen Bruder!", knurrte sie bitterböse und rutschte von ihrem Alltagssopran in einen wirklich fiesen Alt ab. "Vor allem keine dahergelaufenen Attentäter von irgendwelchen Hinterwäldlerplaneten." Ihre Miene verlor alles Mürrische und war nun von tiefer Sorge gezeichnet. "Onii-chan, bist du in Ordnung?"
"Was? Wie? Ja, schon gut, mir ist nichts passiert. Ich ärgere mich nur, dass so etwas passieren konnte."
"Du wurdest sehr effektvoll abgelenkt", sagte sie mit einem Blick auf das Loch im Boden und den riesigen Schatten an der Wand, den der vernichtete Youma hinterlassen hatte.
"Das Ablenken ist ja das Problem."
"Jeder wäre davon abgelenkt worden, Onii-chan! Sogar Vater oder Onkel Mamoru!"
Ach ja, das kam noch dazu: Sie hatte den wahrscheinlich größten Großer Bruder-Komplex im gesamten SilverMillenium. Sie verteidigte ihren älteren Zwilling notfalls mit Zähnen und Klauen und ließ nie ein schlechtes Wort über ihn zu. Deshalb würde sie niemals verstehen, dass sie eines seiner Hauptprobleme war.
Kenji atmete resignierend aus. "Danke, dass du mich gerettet hast, Alita. Aber das war nur einer von mindestens fünf Angreifern. Unsere Arbeit ist noch nicht getan."
Alita nickte gewichtig. "Stimmt. Ich gehe runter in den Seed-Raum. Nur für den Fall, dass die Attentäter versuchen, die gebändigte atomare Explosion zu entfesseln."
Kenji erschrak, aber nur für eine Sekunde. Es gab sicherlich Menschen, die blöde, verrückt oder waghalsig genug waren, sich mit einer atomaren Explosion anzulegen."
"Eine gute Idee." Er trat an die Lautsprecheranlage. "Hier Zentrale. Alita hat den ersten Eindringling erledigt. Statusmeldungen aller Trupps so schnell wie möglich an mich."
Er lächelte in ihre Richtung. "Mach deinen Job, Schwesterherz."
Das brachte sie zum Strahlen. "Jawohl, Onii-chan!" Sie salutierte vor ihm und verschwand. Allerdings fühlte er ihre Präsenz aus jenem Bereich verschwinden, den er erfassen konnte. So arm an Energie, aber so gut darin, ihre Kraft gezielt einzusetzen, Alita war ein Phänomen. Das sagten die Leute allerdings auch über ihn, aber seine Komplexe hätten ihn, wäre ihm das je zu Ohren gekommen, es abstreiten lassen.
"Eine Streife in die Überwachungszentrale, Clifford. Und lass die Zellen Sailorsicher machen", sagte er in Richtung des Sergeants.
"Ja, Sir."
Er trat an die bewusstlose Frau und nahm ihren Helm ab. Das heißt, er versuchte es, aber er ließ sich nicht abnehmen. Also, entweder war die Rüstung aus einem Stück, oder aber der Helm war direkt mit ihrem Schädel verbunden. Ohne lange nachzudenken vernichtete er die Sailorrüstung der jungen Frau aus dem Mapati-Schiff. Eine Flut goldenen Haares ergoss sich über ihren Kopf, als die Rüstung und der Helm verschwanden. Teils bedeckte sie ihre Schultern, teils ihr Gesicht. Kenji griff an ihren Hals und ertastete einen schwachen, aber regelmäßigen Puls. Dann drehte er die Frau mit dem Gesicht zur Wand und legte sie in stabile Seitenlage, bevor er ihre Hände und ihre Füße mit Schlingen aus Sailorkraft fesselte.
"Die Streife soll Kleidung mitbringen", kommandierte Kenji. "Größe sechs, wie es scheint. Oberteil und Unterteil, bitte." Er richtete sich wieder auf und wandte sich den beiden Wachen zu.
"Respekt, Sir. Für Ihr Alter haben Sie die Situation grandios gemeistert, als sich herausgestellt hat, dass die Angreiferin unter der Rüstung nackt war", lobte der Sergeant anerkennend.
"Natürlich!", rief Kenji mit sich überschlagender Stimme. "Immerhin bin ich ein Profi!"
Die beiden Wachleute wechselten einen schnellen Blick miteinander und schlossen die Helme ihrer GunSuits. Damit Kenji sich nicht über ihre grinsenden Gesichter ärgern konnte, denn der arme Junge war vor Verlegenheit puterrot im Gesicht.
***
Normalerweise würde man sagen, ein Kerl mit einem Kreuz wie ein Preisringer hätte gegen ein kaum ausgewachsenes, hübsches Mädchen, das mehr wie ein Model denn eine Kämpferin aussah, alle guten Karten auf seiner Seite. Vor allem, wenn er in eine Rüstung gehüllt war, die es durchaus mit der einer Milleniums-Palastwache aufnehmen konnte und seine Gegnerin nicht mal einen SailorSuit trug. Normalerweise würde man, wenn gewettet werden würde, nicht einen Cent auf die braunhaarige Schönheit mit den filigranen Händen setzen. Normalerweise wäre ihr Schicksal sowas von besiegelt. Normalerweise.
Normalerweise würden aber nicht zwei zuckende, in Agonie am Boden liegende Häuflein Mensch vor ihr liegen und darauf hinweisen, was den grimmigen Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht ausgelöst hatte. Das starke rote Leuchten um ihre rechte Hand, zur Faust geballt,  und die Ascheschatten von fünf Youmas an den Wänden sprachen zudem eine deutliche Sprache, mit wem sich hier jemand gewagt hatte anzulegen. Deshalb wich der Rüstungsträger auch angstvoll zurück, Zentimeter um Zentimeter, denn in ihrer furiosen Wut schien sie mit dem Begriff "Gnade" nicht allzu sehr vertraut zu sein. Als ihr Blick hochruckte und sie den dritten Angreifer mit einem unwirschen Knurren fixierte, ließ dieser einen Laut höchsten Entsetzens hören. Beinahe zugleich ließ er seine Waffe, einen großen Streithammer aus Sailor-Energie, fallen und hob abwehrend die Hände.
Da war es aber auch schon zu spät für ihn. Seine Rüstung zerbarst in zehntausende Fragmente, er verdrehte die Augen, sackte auf die Knie ein und schließlich vorneüber zu Boden.
Hinter ihm stand Herkules, die linke Hand noch immer ausgestreckt und vor Kraft glühend, mit der er den Angreifer gerade niedergestreckt hatte. "Alles in Ordnung, Hanako?"
Irritiert musterte die junge Frau den riesigen Kater, bevor sie erleichtert seufzte und auf die Knie durchsackte. "Hana!", klang eine helle Frauenstimme auf. Sofort war Usagi bei ihr und bewahrte sie davor, zu Boden zu stürzen.
"Danke, Usagi-chan. Mir geht es gut. Ich bin nur vollkommen entkräftet. Den letzten hätte ich nicht mehr geschafft, aber zum Glück kam ja Herkules rechtzeitig dazu." Sie lächelte den Kater dankbar an. "Ich schulde dir was, du große, böse Raubkatze."
"So wie es hier aussieht, schulde ich dir was. Wir alle." Amüsiert blickte sich der Kater im Empfangsraum der Wohneinheit um und betrachtete die Spuren und die Überlebenden der Schlacht.
"Das liegt nur daran, dass ich nicht mitkämpfen durfte", beschwerte sich die junge Frau mit den rosa Haaren. "Dabei bin ich stark genug dafür."
"Das bezweifelt ja auch niemand, aber es ist nicht deine Aufgabe, dich zu verausgaben. Dafür sind wir da", korrigierte Hana mit sanfter Stimme. "Du musst deine Kräfte aufsparen für einen Notfall, der jederzeit eintreten kann."
"Wo ist Jagu-kun?", fragte Herkules. "Laut Dienstplan hatte er hier Wache."
"H-hier", klang eine dünne Stimme aus einem Loch in der Wand auf. Das war erstaunlich, denn die Wände waren alle verstärkt und Strukturverdichtet, um selbst dem Beschuss mit Hochenergielasern standzuhalten. Eine weiß behandschuhte Hand kam hervor, dann eine zweite, beide hielten sich am Rand des Lochs fest und langsam erschien ein goldblonder Kopf mit einem ziemlich verschrammten und misshandelten Gesicht. Langsam quetschte sich der blonde Mann in der Uniform des SilverMilleniums durch das Loch, das er selbst geschlagen hatte. "Ich habe versagt."
Hanako rollte ärgerlich die Augen. "Hätte der Schlag, der dich durch die Wand befördert hat, mich getroffen, wäre ich als Fleck geendet. Du hast die Wand durchschlagen und kannst schon wieder stehen."
"Aber wärst du nicht da gewesen, dann..."
"Wäre einer der Notfälle eingetreten, für den Usagi ihre Kräfte aufsparen soll." Herkules ergriff eine Hand und half dem jungen Krieger wieder in die Wohnung.
"Typisch Jungs. Warum kletterst du durch das Loch wieder rein, anstatt die Tür zu benutzen?", fragte Usagi mit einem schiefen Lächeln. "Auf der anderen Seite ist das Badezimmer, keine Zwischenwand."
Für einen Moment sahen Kater und Mensch peinlich berührt aus, dann legte Jaguar eine Hand in den Nacken und lachte verlegen. "Daran habe ich gar nicht gedacht." Deprimiert ließ er seine braunen Augenbrauen herabsinken, so tief es ging. "Und das ist wohl eines meiner größten Probleme, was?"
"Wenn du das schon ein Problem nennst..." Usagi lächelte den Freund an. "Hana hat vollkommen Recht. Sei lieber froh darüber, dass du den Schlag so gut verdaut hast. Selbst deine Mutter hätte bei dieser Kraft Schwierigkeiten bekommen, und Makoto-chan ist eine unserer Stärksten, nicht? Und es macht Sinn, dass sie ihre Stärksten auf uns gehetzt haben. Immerhin bin ich im Moment der Hauptpreis, den es im Palast zu erlangen gibt."
"Danke, Usagi, es geht wieder." Hanako erhob sich und stand kurz ein wenig wacklig, aber sie stand. Sie aktivierte ihren Kommunikator. "Hanako hier. Kenji, wir haben hier drei nackte Angreifer in Usagis Räumen. Ja, sie tragen nichts unter den Sailor-Rüstungen. Nein, Usagi ist sicher, aber Jared hat ganz schön was abgekriegt. Was? Nein, ich denke nicht, dass du Sanitäter schicken musst. Er steht schon wieder. Ja, ich sende ihn trotzdem zur Krankenstation. Immerhin habe ich jetzt Herkules zu meiner Unterstützung hier. Ja, bitte eine Streife, die unsere ausgeknockten Angreifer einsammelt. Habe dich lieb. Küsschen." Sie beendete die Verbindung. Für einen Moment sammelte sie sich, bevor sie aufsah und Usagis Blick begegnete. "Was denn? Du glaubst doch nicht, dass Kenji ausnahmsweise mal zugehört hat, oder?"
"Sei da nicht so sicher. Unter all seinen Komplexen pocht immer noch ein echtes Männerherz, das er von seinem Vater geerbt hat."
Sie kicherte amüsiert. "Ja, klar. Und Sailorkrieger können fliegen."
"Äh, Hana-chan, Sailorkrieger können...", wollte Herkules einwerfen.
"Papperlapapp. Ich scherze. Das Konzept ist dir vertraut, oder, Schmusekätzchen?" Sie deutete auf die drei geschlagenen Krieger. "Du solltest die jetzt besser fesseln und strikt bewachen, bis die Patrouille eintrifft. Ach, und dem Großen kannst du ausrichten lassen, dass Technik mehr wert sein soll als Größe."
Jared errötete bis unter die Haarspitzen. "Hana..."
"Sei nicht so prüde, Kleiner. Das steht unserem Jaguar nicht und schadet seinem Image", flötete sie.
"Nur wegen meiner braunen Augenbrauen...", murrte der junge Kino. "Ja, hätte ich braune Flecken in meinem güldenen Haupthaar, dann..."
Der große, schwarze Kater tätschelte die Schulter seines Freundes. "Du weißt doch, man kriegt drei Namen in seinem Leben. Einen geben die Eltern einem mit, einen sucht man sich selbst aus, und einen kriegt man von seinen Freunden."
"Was Ihr hier so Freunde nennt", murrte Jared Kino deprimiert und kickte nach imaginären Steinen. Er sah auf und lächelte. "Nur Spaß."
Sie lachten gemeinsam. Letztendlich waren sie keine Freunde, sondern eine einzige große Familie.
Aber die Gefahr war noch nicht vorbei.
***
Als Alita im Kellerraum, wo einst die atomare Explosion in der finalen Krise von ihren Eltern gebändigt worden war, aus dem Step kam, war sie darauf gefasst, sofort angegriffen zu werden. Dies war ein wichtiger Raum. Damals beim Bau des Palasts, in jenen Zeiten noch als Botschaft geplant, hatte man das Gyroskop für den neunhundert Meter hohen Bau mit den fünf Spitzen als Zeichen des guten Willens aus den USA bezogen. Dass darin eine Bombe verbaut worden war, sogar eine Atombombe, hatte zu dem Zeitpunkt niemand geahnt, und auch ihre hochwertige Scan-Technologie hatte keine Verdachtsmomente ergeben. Später hatte sich herausgestellt, dass die Bombe sich selbst gebaut hatte, indem sich am tiefsten Punkt der Konstruktion in zwei voneinander getrennten Bereichen nach und nach hochradioaktives Plutonium aus dem Rest der Konstruktion gelöst und da unten gesammelt hatte, bis die kritische Masse erreicht worden war. Der Vorgang hatte fast ein Jahr gedauert, bevor die Bombe bereit gewesen war. Tja, und dann war die Bombe gezündet worden, um die Botschaft zu zerstören und all ihre Bewohner zu töten. Nur waren ihre Eltern hier unten gewesen und hatten den ersten Explosionsdruck aufgehalten. Die Seeds, denen ihr Vater Akira und ihre Mutter Ami damals als Wirte gedient hatten, waren danach aus ihnen hervor gebrochen und hatten die weitere Stabilisierung der Explosion übernommen. Das war so erfolgreich gewesen, dass die gebändigte Detonation seither als Energiequelle diente. Unter anderem hatten sie damals mit dieser Energie das "Tokio in der Tasche" erzeugt, das Jahre später die Angreifer des Dunklen Königreichs getäuscht und ihnen weisgemacht hatte, sie hätten Tokio zerstört. Dennoch blieb es eine Atomexplosion, und eine Störung in der Bannmethode würde sie entfesseln. Und was dies für das Fundament des Palasts bedeuten würde, was für den ganzen Palast, dürfte klar sein. Danach würde es keinen Palast mehr geben, nur eine Ruine und besonders viel atomar verseuchte Schlacke, zehntausende Tote und einige schwer verletzte Sailorkrieger, deren Macht gerade so ausgereicht hatte, um ihre Leben zu retten. Deshalb war dieser Raum immer ein Angriffsziel gewesen. Deshalb war dieser Raum auch immer gut geschützt. Neben einer Wacheinheit aus zehn GunSuits waren hier immer mindestens zwei Sailorkrieger stationiert. Und dabei waren Tsunami und Armageddon, die beiden Seeds, die die Explosion noch immer stabilisierten, noch nicht involviert, die immer noch einen eigenen Willen hatten und stets aktionsbereit waren.
Aber es geschah nichts, als sie materialisierte.

Sie erfasste ihre Umgebung im ersten Sekundenbruchteil und erkannte fünfzehn Lebenszeichen sowie die Explosion an sich und die beiden Seeds, die sie bändigten. Die Lebenszeichen waren über den Gyro-Raum verteilt, einige waren recht schwach, schienen aber am Leben zu sein. Ihr Blick glitt umher und erkannte mehrere GunSuits, die in unvorteilhaften Stellungen am Boden lagen oder an die nächste Wand geschleudert worden waren. Sie erkannte aber auch die drei Angreifer, zwei von ihnen definitiv ausgeknockt, der dritte im direkten Clinch mit einem der zwei Sailorkrieger, die gerade Dienst taten. Das, und sie bemerkte die unzähligen Fragmente aus freier Sailorkraft, die hier unten verstreut worden waren - die Überreste von sechs oder sieben Youmas. Ein achter attackierte sie von hinten, aber die junge Kriegerin schickte ihn mit einem nebensächlichen Blast gegen die nächste Wand, der ihrer Patentante Rei Ehre gemacht hätte. Sie war erheblich stärker geworden in letzter Zeit, aber sie zeigte das nicht gerne offen, denn ihr großer Bruder war ihr wesentlich lieber als die Anerkennung für größere Kontrolle von Sailor-Macht. Dann suchte sie mit ihren Sinnen nach dem zweiten Sailorkrieger und fand ihn in Form von Thermoplis bewusstlos und schwer verwundet am Boden liegen. Aber seine Körperwerte waren fürs erste stabil.
Sie schnellte sich heran zum Kampf, wollte schon eingreifen.
"Stop, Alita!", rief der Sailorkrieger. "Das ist mein Kampf!"
Alles in ihr begehrte dagegen auf, wollte helfen. Wollte argumentieren, dass sie keine Zeit für Schaukämpfe und Duelle hatten, wenn es darum ging, das SilverMillenium zu beschützen, Usagi zu beschützen, ihre Familien zu beschützen. Einen Gegner schnell und sicher auszuschalten sollte immer Vorrang vor persönlichen Eitelkeiten haben. Eigentlich. Aber bei diesem Mann war es keine Eitelkeit, sondern der schlichte Versuch, sich zu beweisen, zu etablieren. Und das versuchte der achtzehnjährige Deutsche nun schon seit über einem Jahr, denn er war einer jener Sailorkrieger, die im Palast Dienst taten und keine Verbindungen zum SilverMillenium hatten, bevor er hierher gebracht worden war. Also gab sie ihren Angriff auf und trat zur Seite. "Wenn du meinst, Philip."
Sein Gegner heulte auf wie ein wütender Wolf, kam aber gegen ihn nicht einen Millimeter voran. Da traf ein Energieblitz den Nacken des Mapati und streckte ihn zu Boden.
Vorwurfsvoll ging der Blick des Kriegers zu Alita.
Die hob abwehrend die Arme. "Ich habe nichts gemacht!", versicherte sie sofort.
"Wir waren es", klang die sphärische Stimme auf, die von den beiden Seeds verwendet wurde, wenn sie sich der Umgebung direkt mitteilen wollten.
"Ich hätte ihn geschafft!", beschwerte sich Philip laut.
"Das hättest du. Aber es war keine Zeit mehr." Die Stimme, halb Tsunamis männlicher Bariton, halb Armageddons lieblicher Altsopran, fuhr fort. "In seinem Innern produzierte er Youmas. Er hätte ein Dutzend von ihnen auf einen Schlag entlassen, sie ausgewürgt und auf die GunSuits losgelassen. Dort hätten sie die Menschen übernommen und attackiert. Was danach geschehen wäre, brauchen wir dir nicht zu sagen."
Philip sah konsterniert drein. "Oh."
"Es war also kein mangelndes Vertrauen in deine Stärke, sondern ein wirklicher Notfall", erklärte die zweifache Stimme. "Informiere deinen Vater sofort über diese Kunst, Alita-chan."
"Mache ich. Alita hier. Wir brauchen Sanitäter und eine Streife im Seed-Raum. Außerdem verfügte einer der Angreifer laut den Seeds über eine beeindruckende Fähigkeit." Sie schilderte, was die Seeds ihr erzählt hatten und beendete die Übertragung. Danach half sie Philip, die drei Angreifer zu fesseln und die Rüstungsträger, wenn nötig, aus den Wänden zu puhlen.

Alita lächelte, als sich ihr und Philips Blick zufällig trafen.
"Was ist?", fragte er mürrisch.
"Du bist sehr stark geworden", antwortete sie. "Wer hätte das gedacht, als Vater dich aus den USA mitgebracht hat?"
Der junge Deutsche erstarrte für einen Moment, bevor er sich unwirsch abwandte und seine Arbeit fortsetzte. "Und das wird mir wohl ewig anhängen, was? Ich bin kein Kind der Sailorkrieger und bleibe damit ewig ein Außenseiter und eine Gefahr."
"So habe ich das nicht gemeint!", sagte Alita schnell.
"Und vielleicht ist das auch besser so. Ich war ein Sailorkraft-Verbrecher, bevor Akira mich erwischt hat, vergiss das nicht!" Ein böser Blick begleitete seine barsche Stimme.
Verblüfft sah sie den Jungen an, dann aber lächelte sie mit zusammengekniffenen Augen. "Ja, ja, großer, böser Sailorkraft-Verbrecher. Ich werde mich vorsehen."
"Du könntest mich ruhig ernster nehmen!", blaffte er ärgerlich.
"Wer könnte dich nach diesem Kampf nicht ernst nehmen?", fragte sie mit unschuldigem Blick.
"Ich nehme dich ernst!", sagte Roman, kaum dass er rematerialisierte. "Ich war bei Usagi, aber die kommen da alleine klar, also habe ich gesagt, ich durchsuche den ganzen Palast von unten bis oben, und hier fange ich an."
"Natürlich nimmst du mich ernst", brummte Philip schroff. Und das meinte er wesentlich ernster als sein Tonfall vermuten ließ. Denn die beiden waren Seelenverwandte. Philip war der Außenseiter mit ungewöhnlich starker Sailorkraft, die er für den eigenen Vorteil verwendet hatte, bis Akira ihm die Leviten gelesen hatte, Roman der Jüngste von drei Geschwistern, deren ältere Vertreter als die kommenden Stars der Palastwache galten, als Erben der Kraft ihrer Eltern und er derjenige, der sich mühsam alles an Können, Wissen und Geschick erarbeiten musste, während Alita und Kenji alles in den Schoß zu fallen schien. Die beiden hatten die eigenen Sorgen und Nöte im jeweils anderen sofort erkannt und so schnell Freundschaft geschlossen, dass zwischen sie kein Blatt Papier mehr passte. "Alita-chan, hilf ihm bitte, sobald die Streife hier ist. Wir können nicht ausschließen, dass mehr als sieben Angreifer hier im Palast sind. Wenn sich auch nur einer geschickt verbirgt und..."
Zwischen ihnen erschien eine weitere Gestalt. Sie trug eine blaue Uniform der Palastwache, hatte weißblondes Haar und seine Augen schienen permanent unter seinem Pony verborgen zu sein.
"Das müssen wir den GunSuits überlassen. Eine Hundertschaft trifft in diesem Moment vom Mond ein, während zwei unserer Seelenschiffe auf dem Weg sind, um das mapatische Mutterschiff zu entern und zu sichern. Wir haben immer noch eine unbekannte Anzahl an Angreifern, die in die Stadt entkommen sind. Alle Krieger mit Sailorkräften müssen sich darum kümmern. Sofort."
"Jawohl, Akira-sama!", rief der Deutsche.
Der Weißhaarige fixierte den Jungen mit einem bösen Blick. "Wie hast du mich genannt?"
"A-aber..."
"WIE hast du mich genannt, Philip?"
"E-entschuldigung..."
"Und WIE sollst du mich nennen?", grollte der Mann, der selbst in der Palastwache als einer der Stärksten galt.
"P-papa..."
Übergangslos strahlte der Weißhaarige, der während des Weltkriegs gegen das SilverMillenium Legende geschrieben hatte. "Na also, geht doch. Und jetzt auf in den Besprechungsraum. Wir müssen sofort reagieren." Akira verschwand per Step und Philip atmete auf. "Puuh, war der wütend."
"Was vergisst du auch so etwas Essentielles?", tadelte Alita. "Du bist jetzt Teil der Familie. Und bei Mama hast du keine Probleme, sie Mama zu nennen."
"Ja, schon, aber Akira-sama ist so furchteinflößend und mächtig..."
Roman klopfte ihm auf die Schulter. "Gewöhn dich dran. Und jetzt sollten wir gehen, bevor er schaut, wo wir bleiben."
Philip nickte den beiden Geschwistern zu. Nacheinander verließen sie den Raum und überließen ihn der Aufsicht der Seeds. Fairerweise muss gesagt werden, dass die Hilfe für die verletzten GunSuit-Träger und für Thermoplis nur Sekunden später eintraf.