In den Gassen von New York

GeschichteAbenteuer, Drama / P12
26.07.2014
31.03.2015
36
26.170
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34 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.07.2014 646
 
Hey, ich gehe die nächsten zwei Wochen in den Urlaub, also wird das mit dem Update-Tag Samstag nichts … Dementsprechend habe ich heute schon das zweite Kapitel hochgeladen :)
Ich hoffe es gefällt ;)
xxx Annika




IRENE HILL, 17. Juni 1994
„Aus euren Betten, Kinder, es ist fast sieben Uhr!“ Die ergraute Leiterin des Kinderheimes zieht erneut an der Schnur der alten Glocke, die den Gang schmückt, und die zum Klingeln zu bringen für die Kinder eine Stunde früher zu Bett gehen bedeutet. „Ihr kommt zu spät zur Schule, raus jetzt!“ Auch wenn es nicht so aussehen mag, Schwester Irene, wie die Kinder sie nennen, liebt ihren Job. Vor siebenunddreißig Jahren hat die ehemalige Nonne ihre englische Heimat verlassen, um ihrer Familie in die USA zu folgen, doch im Kinderheim ist sie stecken geblieben, nachdem sie hier 1957 auf der Durchreise eine Nacht verbrachte. Die Kinder sind ihr ans Herz gewachsen und das Heim ist ihr Zuhause geworden, und die Kinder ziehen sie allen anderen Mitarbeitern vor.
Auf ein weiteres Läuten der Glock hin beginnen sich die Türen zu den Viererzimmern der Kinder zu öffnen und müde und wache, leise und lärmende, dicke und dünne, große und kleine Geschöpfe treten auf den Flur hinaus.
„Ich hatte einen Albtraum.“, weint eines der jüngeren Mädchen. Die Schwester streichelt ihr aufmunternd über den Kopf.
„Ist das Frühstück schon fertig?“, will ein Junge im Teenageralter wissen, dessen Zähne vom Nikotin jetzt schon gelblich sind. So sehr sie es auch versucht zu unterbinden, Irene Hill kann die Kinder im Heim kaum von schlechtem Umgang und den Banden hier in der Gegend fort halten, schließlich gehen sie auch allein zur Schule, und mit anzusehen, wie manche von ihren Schützlingen auf die schiefe Bahn geraten, bricht ihr das Herz. Über Besuche Ehemaliger, die es geschafft haben, sich ein Leben aufzubauen, freut sie sich deshalb umso mehr.
Sie seufzt. Als die meisten Kinder schon wieder reihenweiseaus dem Bad herauskommen und die Treppe zum Frühstücksraum hinunter stolpern, folgt sie ihnen ebenfalls ins Erdgeschoss. Jedoch unterbricht ein Klingeln das gemeinsame Morgengebiet, bevor sie zum Amen kommt. Den Großteil freut es, so können sie sich früher aufs Essen stürzen, welches aus Brot, Butter, Milch und Haferflocken besteht, doch Irene ärgert es ein wenig.
„Wer hat an der Glocke gezogen?“, fragt sie scharf. Die Kinder werden still. Schnell zählen Irene und eine weitere Mitarbeiterin, Giselle aus der Karibik, die Bewohner des Heims, doch sie sind vollzählig.
Ein weiteres Klingeln ertönt. Die Tür. Seit Jahren hat Irene dieses Geräusch nicht mehr gehört, wenn nicht ihre Schützlinge von der Schule nach Hause kamen oder ein Stadtrat, der Hygiene und Umgang mit Kindern überprüfen wollte. Jedoch, so früh morgens?
„Ich geh schon.“, sagt Giselle, doch Irene winkt ab.
„Bleib ruhig hier.“ Sie humpelt zur Tür, wobei ihr der linke Knöchel Probleme macht, schließlich ist sie schon ein wenig in die Jahre gekommen, doch gerade beim dritten Klingeln öffnet sie die Haustür.
Davor steht eine Frau in ihren zwanzigern, schwarz und mit kurzem Haar. Ihr Gesicht erscheint Irene erst ausdruckslos, doch dann sieht sie, wie sehr ihre Augen glitzern und erkennt die Tränen.
„Irene Hill?“, fragt die Fremde, bevor die Leiterin des Kinderheimes etwas sagen kann. Sie nickt.
„Was kann ich für Sie tun?“ Jetzt sieht Irene das Kind, das die Frau an der Hand hält, einen kleinen Jungen mit kleinem Afro und unheimlichen, weißen Augen. Er lächelt, als die ältere Dame ihn mustert, und winkt mit seiner kleinen Hand.
„Hallo.“, grüßt Irene freundlich. „Na, wie heiß du?“
„Edward.“, nuschelt der Junge und drückt sich, obwohl kichernd, ein wenig schüchtern an die Mutter.
„Können wir drinnen reden?“, bittet die Frau mit der dunklen Haut verlegen, und Irene bittet sie sofort herein und führt sie in ihr Büro.
„Nehmen Sie Platz.“ Sie setzen sich. „Sind Sie wegen ...“ Fragend deutet Irene mit einem Nicken auf den Jungen.
„Ja.“, erwidert die Fremde mit schwacher Stimme.
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