Multiversum III

von claudrick
GeschichteHumor / P12
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor Nurara Vul Kuolun
25.07.2014
25.07.2014
1
1.385
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
25.07.2014 1.385
 
Im altehrwürdigen Gebäude der Vanderbilt Hall summte es wie in einem Bienenstock. Eigentlich war es nicht üblich, hier Vorlesungen abzuhalten, aber das Interesse am Vortrag eines gewissen Gastdozenten mit dem vielversprechenden Titel „Zeitreisen im Diamant“ hatte die Kapazitäten aller verfügbaren Hörsäle gesprengt, so dass der Präsident der Universität veranlasst hatte, auf die Vanderbilt Hall auszuweichen. Bis zum Beginn der Vorlesung war noch eine knappe halbe Stunde Zeit, aber dennoch schien der Saal schon fast voll besetzt. Eine Marsianerin in der Uniform der New Yorker Polizei, die grünen Haare in einem ordentlichen Knoten unterhalb der Mütze gebändigt, blickte sich ein bisschen gelangweilt um.

„Ich weiß gar nicht, warum wir hierher abgestellt wurden, um die Sicherheit zu gewährleisten“, raunte sie ihrer Kollegin neben sich zu. „Das Publikum hier scheint mir viel zu vergeistigt und weltfremd, um eine echte Gefahr darzustellen“.

„Sobald man es den bösen Jungs ansieht, dass sie die bösen Jungs sind, gebe ich meinen Job auf, Nurara“, antwortete Joan Landor lachend. „Dann braucht man uns nämlich nicht mehr“.

„Den Titel der Vorlesung finde ich sowieso vollkommen irreführend. Ich habe gehört, dass es sich darum handelt, wie man aus Diamanten die tektonischen Bewegungen der Erdplatten über die Jahrmilliarden ablesen kann. Was hat das bitte mit Zeitreisen zu tun? Und was wirklich Attraktives ist bei diesem Wissenschaftspersonal auch nicht dabei“, beklagte Nurara weiter. „Außer vielleicht...“

„Jaaaa?“, fragte Joan und sah ihre Kollegin eindringlich an.

„Da vorn rechts ist ein ganzer Pulk Pressemenschen“, antwortete die Marsianerin. „Siehst du den, der gerade seinen Kameramann zur Schnecke macht?“

„Äh, ja...“, antwortete Joan, wenig begeistert über den Anblick eines sehr schlanken, großen Mannes, mit blauem Haar und hageren, strengen Gesichtszügen, die seine marsianische Herkunft verrieten. Sie nahm das diskrete, kleine Fernglas von ihrem Gürtel, um den Mann etwas näher zu betrachten.

„Dr. Vul Kuolun, Science Inside“, las Joan von dem kleinen Schild ab, das der Marsianer am Revers seines Jacketts trug.

„Gib mal her“, entgegnete Nurara ungeduldig und nahm Joan das Fernglas ab. „Hm, sieht gar nicht aus wie ein Wissenschaftler“, stellte sie fest. „Im Gegenteil, eher ein bisschen arrogant und mysteriös. Das gefällt mir...“

Joan Landor schüttelte den Kopf. „Was dir so an Männern gefällt...“

„Sei froh, dass wir so einen unterschiedlich Geschmack haben, was Männer angeht“, entgegnete Nurara. „So können wir uns wenigstens nicht in die Quere kommen!“

Da hat sie allerdings recht, antwortete Joan Landor in Gedanken. „Nurara, ich muss jetzt meinen Dienst am Hintereingang der Vanderbilt Hall antreten. Sehen wir uns später noch?“

„Äh, weiß noch nicht“, antwortete Nurara, den Blick immer noch auf Dr. Kuolun gerichtet. „Ich melde mich bei dir“. Und mit diesem speziellen Ausdruck in den Augen, den Joan nur allzu gut kannte, fügte die Marsianerin hinzu: „Vielleicht habe ich dann heiße Neuigkeiten“.

Joan Landor verließ den Saal, passierte die breite Marmortreppe, die in den hinteren Bereich der Vanderbilt Hall führte und postierte sich gut sichtbar vor dem großen, geschwungen ‚V’, das in den Boden eingelassen war.
Zwei lange, einsame Stunden lagen nun vor Joan Landor. Gäste und Presse hatten die Vanderbilt Hall durch den Haupteingang betreten und waren wohl schon vollzählig versammelt, womit sich wohl kaum noch jemand an den Hintereingang verirren würde. Naja, immerhin leicht verdientes Geld... Da hörte sie plötzlich eilige Schritte die Steintreppe draußen heraufhasten. Ein großer Mann mit roten Haaren, fliegendem Mantel und Aktentasche stieß die Glastüre auf und wollte an Joan Landor vorbei die Marmortreppe hinauf eilen. Sie ergriff ihn fest am Arm, um ihn aufzuhalten.

„Sir, einen Moment bitte. Sie können hier nicht einfach herein. Hier findet eine geschlossene Veranstaltung der Universität von New York statt“.

„Was Sie nicht sagen“, entgegnete der Mann gehetzt. „Die warten alle auf mich! Ich bin der Dozent, der die Vorlesung halten soll!“

„Das kann jeder behaupten“, entgegnete Joan ungerührt. „Können Sie sich ausweisen? Und haben Sie Ihre offizielle Einladung dabei?“

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte der Unbekannte. „Mein Name ist Dr. Curtis Newton! Sagt Ihnen das gar nichts?“

Joan kam es vor, als habe sie diesen Namen tatsächlich schon einmal gehört, aber das war kein Grund, diesen Mann vorbei zu lassen. „Kann schon sein, Sir, aber ich habe meine Vorschriften. Ausweis und Einladung bitte. Und wieso kommen Sie eigentlich zum Hintereingang herein?“

Dr. Newton seufzte tief, während er begann, ungeduldig in seiner Aktentasche nach den gewünschten Papieren zu suchen.
„Ich kenne mich auf dem Universitätsareal nicht besonders gut aus, hinzu kamen dichter Verkehr rund um den Washington Square und ein Taxifahrer, dem ich, na nennen wir es mal nur verminderte Kompetenz zusprechen kann!“

Joan Landor betrachtete Dr. Newton, wie dieser hilflos in seiner Aktentasche herumwühlte. Ohne dass es ihr zunächst bewusst wurde, stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Er wirkte ganz nett, dieser Doktor, und außerdem sah er auch noch gut aus, mit den roten Haaren und den ungewöhnlichen grauen Augen...

„Tut mir leid, aber ich kann das jetzt nicht finden“, riss Newton Joan aus ihren Gedanken und schloss hastig die Aktentasche. „Informieren Sie doch bitte Universitätspräsident Saxton, der wird Ihnen bestätigen, wer ich bin“. Damit wollte er auf dem Absatz kehrt machen und die Treppe hinauf eilen.

„Tut mir leid, Sir, ich kann Sie hier erst vorbei lassen, wenn Sie sich identifiziert haben“, entgegnete Joan streng und hielt ihn wiederum am Arm fest. Doch dieses Mal befreite sich Newton aus ihrem Griff und rannte weiter. „Sir, ich bin mit einem Elektroschocker bewaffnet, und bin befugt, davon Gebrauch zu machen, wenn meinen Anweisungen nicht Folge geleistet wird!“

Dr. Newton sich ließ von dieser Drohung nicht aufhalten und rannte weiter. Nun wurde Joan wütend. Sie rannte hinter ihm her, griff nach seinem Mantel und riss den Mann mit sich zu Boden. Mit dem Elektroschocker verpasste sie ihm einen Schlag, der ihn heftig aufzucken ließ, bevor er betäubt liegen blieb. Atemlos aktivierte Joan ihren Kommunikator und informierte ihre Kollegen über einen Eindringling am Hintereingang der Vanderbilt Hall. Dann begann sie, in den Manteltaschen des Mannes zu stöbern und fand dort, was dieser in seiner Aktentasche vergeblich gesucht hatte: Einen Dienstausweis der Princeton University New Jersey, Dr. Curtis Newton, Institute of Advanced Study...

Entsetzt schlug Joan Landor die Hände vors Gesicht. Was hatte sie nur getan? Schnell informierte sie ihre Kollegen, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt hatte. Dann steckte sie hastig den Ausweis wieder in die Manteltasche zurück, ergriff Dr. Newtons Oberarme und schüttelte ihn heftig.

„Dr. Newton, aufwachen! Bitte kommen Sie zu sich!“. Doch Newton rührte sich nicht. „Verdammt noch mal! Wachen Sie endlich auf!“, schrie sie ihn schließlich in Panik an und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Die brachte Dr. Newton endlich ins Leben zurück. Er öffnete die Augen und blickte die Frau vor sich irritiert an.

„Was ist denn passiert?“, fragte er und richtete sich auf. Joan war so erleichtert, dass sie ihn spontan umarmte. Als sie ihm dann in seine schönen grauen Augen sah, konnte sie ihm einfach nicht die Wahrheit sagen.

„Sie sind gestürzt, Dr. Newton, und waren einen Moment bewusstlos. Ich bin ganz erschrocken“, antwortete sie in unschuldigem Tonfall. „Geht es Ihnen jetzt wieder gut?“ Newton strich sich durchs Haar und griff nach seiner Aktentasche.

„Ja... Ich denke schon. Ist es schon 19:00 Uhr?“

„In wenigen Minuten“, antwortete Joan und half ihm wieder auf die Beine. „Wenn Sie möchten, begleite ich Sie bis in den Saal, Dr. Newton“.

„Das wäre sehr nett“, antwortete der Wissenschaftler lächelnd und registrierte angenehm überrascht, wie die blonde Polizistin vor ihm ganz reizend errötete. „Falls Sie nach Ihrem Dienst noch Zeit haben, hätten Sie dann Lust, noch einen Kaffee mit mir zu trinken?“, fragte er daraufhin freundlich.

Diesen Augen könntest du verfallen, mahnte sich Joan. Und du hast ihm schon eine Ohrfeige verpasst, bevor du überhaupt wusstest, wer er ist. Das musst du ihm vielleicht beichten...

„In einem der Nebenräume gibt es nach der Vorlesung noch einen kleinen Empfang... Also ich würde mich freuen, wenn Sie...“

„Ja, sehr gerne“, antwortete Joan Landor und schüttelte die ihr dargebotene Hand. Er hielt sie einen Moment länger fest, als nötig, so als würde er ihr noch etwas sagen wollen.

„Aber bitte verzichten Sie dann auf den Elektroschocker“, sagte er, beugte sich vor und flüsterte in ihr Ohr: „Ich werden Ihnen dann auch sicher nicht wieder weglaufen“. Er zwinkerte ihr mit einem Lächeln zu, drehte sich um und ließ eine völlig perplexe Joan Landor stehen.


:-D   :-D   :-D
Review schreiben