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Der Engel von Verdun

von Trinculo
KurzgeschichteHorror, Übernatürlich / P18
25.07.2014
25.07.2014
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Mein Beitrag zu AuctrixMundis fantastischem Wettbewerb Blutengel.
Achtung, Kriegsszenen und Suizidgedanken!
Für die liebe Jury: Diese Quelle habe ich hauptsächlich für meine Recherchen verwendet.
Mein erster Vampir - hoffe, er ist mir gelungen...





Der Engel von Verdun



       Oktober 1916, französische Stellung



Das leise Geräusch beim Lösen der Sicherung rollte vom Gaumen an seinen Hals hinab und fuhr ihm beinahe schmerzhaft schon in Brust, Magen und Schritt. Mit beiden Händen hielt er die Waffe fest umklammert und drückte sie in seinen Mund. Er zitterte dabei so sehr, dass der Lauf heftig gegen seine Schneidezähne schlug.
Sein Finger krümmte sich um den Abzug, doch er spürte es nicht. Schon lange war ihm das Gefühl in seinen Gliedern genommen worden, von der nächtlichen Kälte und der Feuchtigkeit, die in den Schützengräben moderte wie abgestandener Schweiß in schwulstigen Hautfalten.

Er dachte an Amandine, als er abdrückte und sein sich Gehirn in einer Wolke aus rotem, stückigem Sprühregen über die Erde verteilte.


Der Schuss riss Thierry aus dem Schlaf. Heftig keuchend setzte er sich auf.
Er befand sich in in einem niedrigen Unterstand, umgeben von lehmig-grauen Wänden, fauligen Holzbrettern und Schlamm. Seine Liegestelle war winzig. Nur die darunter aufgeschichteten Sandsäcke schützten ihn vor dem brackigen Wasser, das sich in den Versorgungsgräben über die letzten Monate angestaut hatte.
Um ihn herum begannen die Kameraden bereits aus ihren Lagern aufzustehen, ihre dreckverkrusteten Stiefel zu schnüren und die klammen Mäntel überzuziehen. Thierry blieb noch einen Moment sitzen, um zu Atem zu kommen. Stechender Schmerz brannte in seinen Lungen.
Seine Pistole ruhte neben seinem Tornister, den er als Kopfkissen benutzte, und schimmerte unschuldig im dämmrigen Morgenlicht. Jede Nacht träumte der Soldat davon, wie er sie sich selbst in den Mund schob und abdrückte. Es wäre so einfach.

Thierry fürchtete sich vor dem Tod.
An der Front lernte man zwar, mit dem Tod zu leben, aber er verlor niemals seinen Schrecken. In einer Welt, in der die Artillerie Tag und Nacht feuerte, pausenlos; in der Granaten in unmittelbarer Nähe niederregneten und jedermann einfach weiter seiner Arbeit nachging, als wäre nichts gewesen; in der Menschen sich morgens im Graben an dir vorbeidrückten, mit einem Nicken grüßten und am Abend bereits tot im Matsch lagen – in so einer Welt lebte man Seite an Seite mit dem Tod, wie mit einem alten Kameraden.

Es war nicht der Tod an sich, der jede Sekunde in Thierrys Leben zur Hölle machte. Es war auch nicht die nächtliche Kälte, die sich unbemerkt im Schlaf in die Glieder schlich und sie nach und nach absterben ließ, ohne, dass er es merkte. Es waren nicht die Läuse, die in den Lagern hausten und die Männer zerbissen, bis sie glaubten, keinen Fetzen Haut mehr am Körper zu tragen. Es war nicht einmal mehr die Monotonie, die endlosen Tage mit immer den selben, zermürbenden Tätigkeiten, von denen kein Mensch erzählt, wenn er vom Soldatenleben redet.
Nein, es war die Unberechenbarkeit.

Thierry hatte Gewissheit, dass er sterben musste. Er hatte es längst akzeptiert. Aber er fürchtete die Plötzlichkeit. Er hasste die Vorstellung, entzwei gerissen zu werden, ohne dem Leben Adieu sagen zu können. Oder an dem Giftgas der Deutschen zu ersticken, ohne ein letztes Mal mit zitterndem Finger über das Foto von Amandine streichen zu können, das er immer bei sich trug. Und es machte ihm Angst.

Häufig hatte Thierry darüber nachgedacht, es selbst zu beenden.
Auch an diesem Morgen hielt er die Pistole einen Moment länger in der Hand als nötig, bevor er sie schließlich in das Holster schob, sich ankleidete, seine Gasmaske aus seinem Bündel nahm und sich auf den Weg machte.



_________________





Man sah an diesem Tag keine Menschen in den Schützengräben der französischen Infanterie. Nur Soldaten. Uniforme, stumme, ausdruckslose Tötungsmaschinen, Futter für die Kanonen des modernen Materialkrieges. Jeder trug seine Maske, aus Angst vor einem Gasangriff. Keine Gesichter zu sehen, bloß verzerrte, unmenschliche Fratzen aus Leder und Metall.
Thierry wanderte mit seiner Schaufel durch die Versorgungsgräben, auf dem Weg zu seiner täglichen Schufterei.

Nach einigen Minuten erreichte er sein Ziel: Ein eingestürzter Abschnitt des Grabens. Vor wenigen Tagen war hier eine Bombe eingeschlagen und hatte zehn seiner Kameraden getötet. Kollateralschaden.
Der Gang musste neu gegraben und die Wände mit Holz verstärkt werden, und das war die Aufgabe der Soldaten während einer längeren Feuerpause wie dieser. Und trotzdem wären sie die ersten, die beim nächsten Sturmangriff auf die deutschen Befestigungen ihrem sicheren Tod entgegenlaufen würden.

Ein anderer Kamerad grub bereits fleißig an der Einsturzstelle. Dank der geringen Breite des Grabens konnten nur zwei Männer gleichzeitig arbeiten. Thierry legte trotz der eisigen Oktoberluft seinen Mantel ab, griff mit seinen schwieligen, tauben Händen die Schaufel und schloss sich wortlos seinem Landsmann beim Buddeln an.
Schon nach wenigen Minuten schwitzte er unter seiner Gasmaske wie ein Tier. Sein Rücken schmerzte von der harten Arbeit.

Plötzlich überkam ihn ein heftiger Hustenanfall. Über eine Minute lang wurde Thierrys Körper davon geschüttelt, bis er ihn schließlich kraftlos und nach Luft ringend zurückließ. Erschöpft lehnte er sich an die Wand des Grabens und rutschte daran herunter. Das Bedürfnis, die elende Maske abzuziehen, war stärker als je zuvor. Er schloss die Augen und legte den Kopf zurück, während er langsam wieder zu Atem kam.

„Das klingt nicht gerade gesund.“
Die durch die Maske verzerrte Stimme erschreckte ihn, ließ ihn zusammenzucken. Es war das erste Mal seit beginn der Arbeit, dass sein Kamerad ihm überhaupt Beachtung schenkte. Thierry blinzelte durch einen heißen Tränenschleier zu ihm auf.
„Was ist schon gesund?“, schnaufte er. „Hier unten ist schon lange niemand mehr gesund.“
Pause. „Das liegt vermutlich an der Feuchtigkeit.“
„Das meine ich nicht! Sie sehen doch selbst - dieser alberne Kadavergehorsam, die Soldaten in den Gräben, die Alles tun, was man ihnen da oben befiehlt. Das ist krank. Wir sind alle krank.“

Das Stechen in Thierrys Brust brachte ihn beinahe um den Verstand, und wieder musste er husten. Als er die Augen öffnete und den Kopf zu seinem Kameraden wandte, hockte der direkt neben ihm.
Sein Gesicht schwebte über Thierrys, halb verdeckt von der Gasmaske. Doch er hatte sie nicht vollständig zugeschnürt. Ein Streifen nackter Haut blitzte Thierry entgegen, vom Nacken hinunter, über das linke Ohr und bis zum dreckig blonden, beinahe farblosen Haaransatz. Sie war schneeweiß, und gleichzeitig so grau. Wie das Fleisch eines Toten spannte sie sich über seinen kantigen, spitzen Kiefer. Keine einzige Falte war zu erkennen. Die Adern stachen unter der Haut blau hervor. Und seine Augen... Sie waren pechschwarz und völlig ohne Leben. Ein Abgrund, in den Thierry fiel, wenn er hineinblickte. Schwärze, die sich wie kalte Finger um sein Herz schloss.

Eine große, behandschuhte Hand packte Thierrys Hals.
Panik stieg in ihm auf; er riss die Arme nach oben, um sich zu schützen. Auf einmal fühlte es sich an, als wäre der Tod ihm unglaublich nahe, als streiche er ihm behutsam über die Wange und flüsterte ihm ins Ohr, dass bald alles zu Ende wäre...

„Haben Sie neben dem Husten noch andere Symptome? Vielleicht eitrigen Auswurf?“, fragte der andere Soldat. Mit seinen Fingerkuppen palpierte er vorsichtig die Lymphknoten unterhalb von Thierrys linkem Ohr. Der zuckte unter der unerwarteten Berührung vehement zusammen. Er kam nicht zu einer Antwort.
„Das sieht für mich nach einer fortgeschrittenen Pneumonie aus... Thierry.“ Der Soldat mit den toten Augen lies langsam die Hand sinken, während er seinen Namen aussprach. Thierry erschauderte. Es war, als ließe er ihn sich genüsslich auf der Zunge zergehen...

Plötzliche Furcht traf Thierry wie einen Schlag in die Magengrube. Er stieß den Anderen von sich weg und kam auf die Beine.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, keuchte er und strauchelte rückwärts, fort von seinem Gegenüber.
„Sie werden sterben, wenn Sie sich nicht behandeln lassen, wissen Sie?“
Der samtige, ruhige Unterton seiner Stimme, gepaart mit dem metallischen Klang der Maske sandte Thierry eisige Schauer über den Rücken.

„Sterben? Ha, das werde ich doch sowieso, sobald der Befehl zum Sturmangriff kommt!“
„Oh, richtig.“ Er klang nur wenig beeindruckt von Thierrys Pessimismus. „Wollen Sie denn so lange warten?“
Thierry schluckte unter Schmerzen. „Was-“
„Mal sehen... Fahnenflucht, Selbstmord - es gibt viele Wege hier raus, Thierry.“ Der Mann kam einen Schritt auf ihn zu.
Erst jetzt merkte Thierry, wie groß und schlank er war. Doch seine Bewegungen waren nicht elegant. Wie eine Puppe, mit ihren knochigen Gliedern gefangen in metallenen Strängen, taumelte er auf ihn zu.

„Geben Sie es doch zu, sie haben darüber nachgedacht. Noch heute morgen haben sie sich den Lauf ihrer Pistole in den Mund gesteckt. Der Geschmack von Metall auf ihrer Zunge... Wussten Sie, das Blut fast genau so schmeckt? Bitter, und gleichzeitig süß. Das macht das Eisen, sehen Sie.“

Wieder ein Schritt. Thierry wich zurück. Sein pochender Herzschlag hallte in seinem Kopf wider.
Der Mann fuhr unbekümmert fort. „Aber Sie haben es nicht getan. War es wegen Ihrer geliebten Amandine? Oder wegen der Kameraden, die bereits gefallen sind? Treibt die Verpflichtung Ihrem – Pardon, unserem – Vaterland gegenüber Sie an? Oder ist es der Hass auf den Feind?“

Die Andeutung eines Lächelns huschte über das Gesicht des Fremden, so schien es Thierry. Und das, obwohl kein Fältchen, keine Mundbewegung, es verriet.
„Nein, das ist es nicht. Es ist... Ah. Sie fürchten sich vor dem Tod, nicht wahr?“
Thierrys Hals fühlte sich plötzlich geschwollen an, voller Schleim und erstickter Schreie. „Wer sind sie?“
„Es ist schwer, sich zu entscheiden“, sagte der andere Mann. „Ich kenne das Gefühl, zwischen Tod und Leben zu stehen. Es ist... faszinierend, um es vorsichtig auszudrücken. Aber, Thierry - ich kann Ihnen helfen. Sie wollen leben? Dann müssen Sie desertieren. Aber Ihr Pflichtbewusstsein hält Sie davon ab. Sie wollen sterben, aber fürchten die Unberechenbarkeit. Und um sich selbst zu töten, fehlt Ihnen der Mut. Leben und Tod, Thierry. Zwei Wege, eine Gabelung.“

Der Mann streckte in einer ungelenken Bewegung die Hand aus.
„Ich kann Ihnen eine dritte Möglichkeit zeigen. Sie sind etwas besonderes - es ist Zeit, das zu verstehen. Sie haben ein besonderes Verhältnis mit dem Tod. Das interessiert mich. Es gibt für Sie keinen Weg zurück, aber Sie brauchen sich nicht mehr zu fürchten. Denn die Dunkelheit ist Ihr Freund, Thierry, ihr Freund, für immer und-“

Thierry hielt es nicht mehr aus. Er drehte sich um und rannte. Die Furcht hatte ihn ganz im Griff, trieb ihn voran und presste seinen Brustkorb zusammen, bis die Schmerzen ihn überwältigten. Alles verschwamm vor seinen Augen. Jeder Atemzug war wie Sandpapier auf seiner wunden Kehle.
Als er am anderen Ende des eingestürzten Versorgungsgrabens angelangt war, drehte er sich noch einmal um.

Er stand noch immer an der selben Stelle.
Regungslos. Mit ausgestreckter Hand, die Thierry einlud, mit ihm in die Finsternis zu gehen.
Durstig. Sein Mantel fast schwarz in den Schatten des Grabens, seine Haut weiß und tot.
Ein Geschöpf der Dunkelheit, auf der Jagd.

Sein leerer, geduldiger Blick verfolgte Thierry bis zum provisorischen Feldlazarett, wo er unter schwerem Husten zusammenbrach und beinahe an dem Schleim in seinen Lungen erstickte.



_________________





Den Tag über erwachte Thierry nicht mehr, und in der Nacht hatte er starkes Fieber. Visionen von schwarzen Augen und Pistolenläufen, die in seinem Mund zu heißem Blut zerflossen, plagten ihn unaufhörlich.
Einmal sah er Amandine, begraben unter einem Berg von Leichen. Ihr Haar war ausgebreitet wie ein Fächer aus flüssiger Schokolade, ihr Gesicht blutig und in Fetzen herabhängend, zerrissen von den Splittern einer Granate. Als nächstes stand er an einer Kreuzung mit drei Wegen. Jeder von ihnen führte in die Dunkelheit.

Und dann, im Morgengrauen, riss der Befehl zum Sturmangriff auf die Gräben der Deutschen Thierry zum letzten Mal aus seinen Fieberträumen.



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Unzählige Stiefel wateten durch den Schlamm. Das Klappern der Uniformen und die Rufe und das Weinen der Soldaten war ohrenbetäubend, in ihrer Lautstärke nur noch übertroffen von dem Rattern der Maschinengewehre. In einer langen Reihe stolperten die Männer ihrem sicheren Tod entgegen. Das erste Ziel war der vorderste Schützengraben, direkt vor dem weiten Niemandsland, das die französische von der deutschen Stellung trennte. Und von da aus ginge es aufs Schlachtfeld.

Thierry fühlte nichts mehr – oder versuchte wenigstens, sich selbst davon zu überzeugen. Vor seinen Augen zogen Erinnerungen vorbei; Momente mit seiner Familie, mit seiner Amandine...
Schon fast erwartete er, den toten Mann wieder anzutreffen; lauernd, wie ein Raubtier auf seine Beute. Doch er war nirgends zu sehen.
Thierry hustete und spie Schleim aus. Das Atmen fiel ihm schwer, aber was sollte es? In wenigen Minuten wäre er sowieso tot.

Und dann war es soweit. Zusammen mit den Anderen duckte er sich in den Frontgraben. Wie von einer fremden Macht gesteuert zog er das lange, sperrige Lebelgewehr, und legte an. Jede einzelne Bewegung war vertraut, eingeübt, und schien so natürlich wie das Umblättern einer Buchseite. Thierrys Hände begannen unkontrolliert zu zittern.

Der Pfiff ertönte. Sein Körper wehrte sich, seine Muskeln schrien, doch er wusste, er hatte keine Wahl. Seine tauben Hände griffen in die Höhe, packten die Kante des Grabens und er zog sich hinauf, die Stiefel in die lehmige Erde rammend, keuchend, schwitzend, weinend. Sekunden später rannte er durch das Niemandsland. Eine riesige Fläche, eine Wüste der Zerstörung. Verstümmelte Baumstümpfe ragten in die Höhe wie amputierte Gliedmaßen. Die Erde war verkrustet, übersät mit klaffenden Einschlagskratern.

Thierry rannte. Die Gedanken erreichten sein Gehirn nicht mehr, Adrenalin pumpte durch seine Adern. Um ihn herum erkannte er andere Soldaten – und dann schlugen die Granaten ein und rissen sie von den Füßen, ließen Erdklumpen in alle Richtungen spritzen und den Boden beben.
Thierry sprang über einen Gefallenen hinweg und hetzte weiter. Sein Herz stemmte sich gegen seinen Brustkorb und schien ein Loch hinein sprengen zu wollen. Seine entzündeten Lungen protestierten, doch er blieb nicht stehen, rannte immer weiter, nur vorwärts, vorwärts.

Den Stacheldraht bemerkte er erst, als er darin hängen blieb. Sofort traf ihn die Erkenntnis, dass er damit sein Schicksal besiegelt hatte. Er verlor die Balance, die schwere Waffe in seinen Händen zog ihn mit sich. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, erwischte ein Maschinengewehr ihn am Bein. Mehrere Kugeln zerfetzten seinen Oberschenkel, einige durchschlugen seine Kniescheibe.
Thierry stürzte auf den Stacheldraht. Der Stahl bohrte sich sogar durch den schweren Mantel in seinen Oberkörper und seine Hände. Der Schmerz war unerträglich.

Jetzt war alles zu Ende. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Verbluten würde er, innerhalb der nächsten fünf Minuten. Wenn er Glück hatte.
Das Kanonenfeuer und die Gewehrschüsse um Thierry herum verschmolzen zu einem einzigen, unerträglich lauten Dröhnen. Die Ränder seines Sichtfeldes verschwommen und färbten sich rot. Er schnappte nach Luft und krallte die Finger in sein brennendes Bein.
Langsam, unter Todesqualen, drehte er sich auf den Rücken. Er schloss die Augen.

Amandine. Ich werde auf dich warten, meine Liebste.

Als er sie wieder öffnete, stand er über ihm.
Das gegnerische Feuer ließ ihn kalt. Unzählige Kugeln waren bereits tief in seine Brust getrieben. Es floss kein Blut, doch die Handschuhe waren getränkt in dunkler Flüssigkeit. Er trug keine Gasmaske und eine weiße Haut setzte sich wie surreal vom schwarzen Land und dem grauen Morgenhimmel ab. Die Lippen leuchteten scharlachrot. Ein Tropfen rann aus seinem Mundwinkel herab, lief über sein Kinn und fiel auf den Boden.

„Ah. Bonjour, Thierry. Wie ich sehe, liegen Sie im Sterben.“
Die Stimme ging dem Niedergeschossenen durch Mark und Bein, heftiger, als Kugeln es je könnten.
„Was... was sind Sie?“, keuchte Thierry.
„Nichts, das Sie mit Namen kennen wollen. Nun... erinnern Sie sich, was ich Ihnen bei unserer letzten Begegnung verraten habe? Es gibt nicht nur Leben und Tod. Ich bin ein lebendiges Beispiel dafür- Ah, Pardon, nicht lebendig. Vielleicht sagen wir lieber... leibhaftig.“
Nun zog sich ein Lächeln über sein glattes, makelloses Gesicht. Thierry hatte in seinem Leben nie etwas schrecklicheres Gesehen.
„Verraten Sie mir doch... was wollen Sie?“

Thierry verstand die Frage nicht. Sein Kopf war leer wie das Niemandsland, und die Furcht riss tiefe Krater hinein. Jede Sekunde, die er in diese schwarzen Löcher in dieser Maske aus Haut und Knochen blicken musste, schien ihm ein Stück mehr seines Verstandes zu rauben. Seine Finger krallten sich in die feuchte, blutdurchtränkte Erde. Er schob sich rückwärts von diesem Monster weg, tiefer in den Stacheldraht. Ein erstickter Schmerzensschrei entfuhr ihm, aber es kam ihm keine Antwort über die unkontrolliert bebenden Lippen.

„Sie müssen hier nicht verrecken wie all die anderen armen Seelen.“
Er kam einen Schritt auf Thierry zu.
Eine Granate schlug nur wenige Meter von den beiden Männern entfernt in den Boden ein. Schrapnell flog durch die Luft; Gras, Lehm, ein herrenloser Arm. Der grelle Lichtblitz der Explosion brannte seinen Umriss in Thierrys Netzhaut ein, sodass er das Monster ansehen musste, für die Ewigkeit - selbst wenn er die Augen schloss.
Oder sogar über den Tod hinaus?

Durch Schmerz und Qual, durch das Grauen, die Abscheu und eine unerklärlichen, fast morbide Faszination hindurch formte Thierrys Wahrnehmung ein neues Bild von dem Fremden. Fast war es, als vereine dieser eine Mann alle Schrecken der Welt in sich. Sein Mantel wurde von einer Gewehrsalve und einem Windstoß aufgerissen und flatterte um seinen Körper. Das Blut, dass Thierry in die Augen tropfte, färbte seine Gestalt in purem Rot.
Es war ein Dämon, der ihm einen Pakt anbot, um dem Tod durch die Finger zu schlüpfen. Oder nein - doch eher ein Engel, der ihm den Weg aus den Gräben wies und ihn von allem Leid erlöste. Ein blutbeschmierter Engel, dürstend nach seinem Blut.

Ein Blutengel.

Thierry hatte zu beten begonnen, ohne es zu merken. Stumme, kalte, bedeutungslose Worte entschlüpften kontinuierlich seinem Mund, als der Fremde schließlich vor ihn trat und auf die Knie ging. Er sah zu ihm auf. Der Engel war wunderschön.

„Töte mich“, formten Thierrys Lippen. „Ich will noch nicht sterben...“

Und die Dunkelheit hieß ihn Willkommen.



Amandine, meine Liebste. Warte auf mich.
Ich hole dich ab.
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