Multiversum II

von claudrick
GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P12
Curtis Newton / Captain Future Ezella Garnie Grag Joan Landor Otto Prof. Simon Wright
24.07.2014
25.07.2014
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24.07.2014 1.671
 
Joan erwachte mit diesem unguten Gefühl im Bauch. Dieses Gefühl, das sich schon vor dem ersten Öffnen der Augen einstellte, bevor einem überhaupt klar war, warum es einen beschlich. Ein unangenehmer Termin vielleicht oder Querelen am Arbeitsplatz, ein privates Problem...

Sie legte ihren Unterarm quer über ihre Augen und dachte nach. Es war Samstag Morgen, sie hatte frei, und die einzig anstehende Aufgabe, die ihr momentan in den Sinn kam, war der Wochenendeinkauf, nichts weiter Beunruhigendes... Doch dann tauchten mit einem Mal traumartige Bilder vor ihr auf, von einem Mann, der Curtis zum Verwechseln ähnlich sah, den sie vor einer U-Bahn-Station aufgelesen und mit in ihre Wohnung genommen hatte. Und der ihr auf eine von Anfang an vertraute Art Dinge entlockt hatte, über die sie seit Jahren nicht gesprochen hatte. Und der sie geküsst hatte, wie nur Curtis das getan hatte. Sie befeuchtete sich die Lippen und meinte fast, noch immer einen Hauch seines Geschmacks wahrzunehmen, seinen Duft auf ihrer Haut zu spüren...

Ein Anflug der damals durchlebten, schier unerträglichen Trauer nach Curtis Tod, zu deren Bewältigung sie professionelle Hilfe hatte in Anspruch nehmen müssen, ließ Joan heftig schlucken, und sie fragte sich, was wohl diesen so erstaunlich realen Traum so unvermutet ausgelöst haben könnte. Als sie zu keinem Ergebnis kam, richtete sie sich schließlich mit einem Seufzer auf, fuhr sich durch die Haare und stand auf. Ließ ihren Blick flüchtig durch ihr unaufgeräumtes Wohnzimmer schweifen und hatte schon die Hand auf der Klinke der Badezimmertür, als ihr etwas seltsam vorkam. Pappschachteln mit thailändischem Essen, zum Teil noch ungeöffnet, benutzte Essstäbchen... Joan schnappte nach Luft und hastete zurück an ihren Wohnzimmertisch. Da stand noch alles so, wie sie es - in ihrem Traum wohlgemerkt – hatte stehen lassen. Doch sie hatte nicht geträumt! Sie hatte tatsächlich einen Besucher hier gehabt, hatte mit ihm gegessen, hatte sich von ihm küssen lassen, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn...

Joan wurde übel. Auf der nackten Ferse drehte sie sich um, hastete in ihr Badezimmer und übergab sich würgend in die Toilette. Als der Anfall vorbei war, spülte sie sich angewidert den Mund, richtete sich auf und blickte im Spiegel in ihr schweißglänzendes, wachsbleiches Gesicht. Und auf eine Tasse auf der Spiegelablage, an der noch deutlich Kaffeespuren zu sehen waren. Und ein Mundabdruck.

Wie gelähmt starrte sie die Tasse an, bevor ihr Verstand wieder zu arbeiten begann. Sie griff nach ihrer Zahnbürste, schob deren Stiel durch den Henkel der Tasse und trug diese damit vorsichtig in die Küche, wo Joan sie mit fast dienstlicher Routine in einen Plastikbeutel versenkte. Das gleiche machte sie mit den Essstäbchen, die ihr Besucher benutzt hatte.

Die nächste Aktion fiel Joan deutlich schwerer. Die Pappschachtel in ihrem Schrank, die dort seit drei Jahren ruhte, und die sie seitdem nicht mehr geöffnet hatte. Ihr neu erwachter kriminalistischer Spürsinn half ihr jedoch, diese Hürde zu überwinden, und Joan begutachtete Curtis wenige Sachen, die nach seinem Tod noch in ihrer Wohnung geblieben waren. Ein Fan-Schal und eine Basketballkappe der New York Knicks, die er getragen hatte, wenn sie eines der Heimspiele im Madison Square Garden besucht hatten, getrocknete Gebirgsrosen vom Mars, ein Ring mit einem Titan-Diamanten, Unterwäsche, die er ihr einst geschenkt hatte, und die sie seitdem nicht mehr angezogen hatte, Fotos von einem Kletterurlaub in Utah... Vorsichtig hob sie die Basketballkappe mit einem Stift aus der Schachtel und betrachtete sie eingehend. Sollte sich noch die geringste Spur von Haaren oder Haut von Curtis finden lassen, so würde diese zusammen mit den Speichelspuren an Tasse und Essstäbchen für einen DNA-Abgleich ausreichen.

***

Der Expressaufzug stoppte auf der fünften Subebene des Hauptquartiers der Planetenpolizei, gut fünfzig Meter unter dem Straßenniveau von New York City. Die Tür glitt auf, Joan Landor schulterte ihre Sporttasche und betrat die Trainingsabteilung. Es war relativ voll, denn auch heute goss es draußen wieder wie in Strömen, was nicht dazu einlud, das Lauftraining etwa in den Central Park zu verlegen. Trotzdem fand Joan bereits nach kurzem Umschauen, wen sie suchte: Ben Cardone, ihren Kollegen aus New Jersey. Mit Musikstöpseln in den Ohren strampelte er sich gerade völlig vertieft auf dem Laufband ab, denn wie Joan wusste, bereitete er sich gerade auf den New York Marathon in wenigen Tagen vor. Als Joan vor Ben auftauchte, ging sofort ein freudiges Lächeln über sein Gesicht und er nahm flugs die Musikstöpsel aus den Ohren.

„Hey, Joan! Du willst mir doch nicht etwa Gesellschaft leisten, oder?“

„Ich denke schon“, antwortete Joan und bestieg das Laufband neben ihm. „Draußen gießt es wie aus Eimern“.

„Schön für mich!“, antwortete Ben verschmitzt. Joan lächelte zurück, aber bevor ihr Kollege weiter in Flirtlaune geraten konnte, kam Joan auch schon zu ihrem Anliegen.

„Ben, könntest du mir einen Gefallen tun?“

„Aber natürlich!“, antwortete ihr Kollege ohne zu zögern und sah sie aufmerksam an.

„Könntest du für mich einen DNA-Abgleich machen?“

„Joan, das ist doch mein Job und kein Gefallen“, antwortete Ben verblüfft. „Komm mit den Proben und dem richterlichen Beschluss zu mir und du hast übermorgen deine Ergebnisse“.

„Jetzt kommt der Teil mit dem Gefallen in Spiel“, entgegnete Joan und sah Ben verschwörerisch an. „Ich habe keinen richterlichen Beschluss“.

Ben stoppte das Laufband, sah Joan überrascht an und senkte die Stimme. „Joan... Das ist ziemlich heikel. Du weißt, dass ich erheblichen Ärger kriegen könnte...

Die Agentin stieg von ihrem Laufband wieder herunter, stellte sich dicht vor ihren Kollegen und schenkte ihm einen Blick aus ihren blauen Augen, von dem sie wusste, dass er seine Wirkung bei Ben nicht verfehlen würde.

„Ich weiß...“, antwortete Joan und legte vertraulich eine Hand auf seine Brust. „Deshalb dachte ich, wir reden erst noch einmal darüber. Vielleicht heute Abend bei mir zu Hause? Bei einem Glas Rotwein?“

Ben sah sie zögernd an, gab sich dann aber geschlagen. „Okay... Du weißt ja, dass ich dir sowieso jeden Wunsch erfüllen würde.“

Joan hauchte dankbar einen Kuss auf seine Wange, bestieg wieder ihr Laufband und startete es, ebenso wie Ben. Joan wunderte sich ein bisschen über sich selbst. Dass Ben sie sehr mochte, vielleicht sogar liebte, war ihr vollkommen bewusst. Und sie mochte ihn auch, zumindest genug, um ihn in ihre Wohnung und hin und wieder in ihr Bett zu lassen. Aber ihr Herz hatte sie ihm bisher einfach nicht öffnen können, was ihr fast ein bisschen leid tat, denn Ben war ein geduldiger, netter Mann. Dass sie seine offenkundige Zuneigung nun mehr oder weniger für ihre Zwecke ausnutzte, war ihr zwar klar, aber sie fühlte nicht einmal den Hauch von Bedauern. Alles, was sie interessierte, war die Identität ihres geheimnisvollen Besuchers.

***

Joan schnappte nach Luft und warf den Kopf in den Nacken. Dann entspannte sie sich und atmete hörbar auf, der Griff seiner Hände um ihre Hüften lockerte sich ebenfalls. Sie beugte sich nach vorne, legte ihren Kopf auf seine Brust und lauschte seinem noch immer heftigen Herzschlag. Mit Curtis waren das die Momente gewesen, in denen sie meinte, die Zeit würde still stehen, als würde die ganze Welt einen Augenblick innehalten, um dieses unbeschreibliche Glücksgefühl mit ihr zu teilen. Doch mit Ben wollte sich dieses Gefühl nicht so recht einstellen...

„Das war toll“, hauchte Joan trotzdem, die Wange noch immer an seiner Brust. Irgendwie stimmte das auch, aber aus einem gewissen Gefühl heraus, das Joan nicht benennen konnte, konnte sie ihm das einfach nicht ins Gesicht sagen. Vielleicht, weil er dann in ihren Augen diesen glücklichen, verliebten Glanz vermisst hätte...

„Ja, das war es“, entgegnete er mit einem zufriedenen Lächeln und ließ seine Hände über ihren Po und Rücken gleiten. „Die Cardones sind zwar schon vor über dreihundert Jahren aus Sizilien ausgewandert, aber du bringst den Latin Lover in mir wieder zum Vorschein“.

Mit einer raschen Bewegung drehte er Joan von sich herunter an seine Seite, beugte sich über sie und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Er schien ihr etwas sagen zu wollen, als sein Blick auf Joans Nachtkonsole fiel. Unter ein paar Zeitschriften lugte ein Foto hervor, und Joan verfluchte sich, dass sie nicht daran gedacht hatte, es weg zu räumen. Ben griff danach und betrachtete eingehend Joan und Curtis vor einer ziegelroten Felswand unter makellos blauem Himmel, beide lachend in Kletterausrüstung, auf einem anderen Foto in der Felswand hängend, sich gegenseitig sichernd.

„Toller Körper“, bemerkte Ben und sah Joan an. „Du natürlich auch“.

Joan erwiderte nichts auf diese Bemerkung, denn sie hörte an Bens Tonfall, dass er trotz des Scherzes nicht amüsiert war.

„Du kannst ihn nicht vergessen, was?“, fragte er schließlich und legte die Fotos auf Seite.

„Ben...“, setzte Joan zu einer Erwiderung an, doch er unterbrach sie.

„Nein, ist schon okay“, sagte er und setzte sich auf. „Wer kann schon mit einem Helden seines Formates konkurrieren, selbst wenn dieser tot ist“.

Ein Anflug von Wut überkam Joan, und sie hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Wie einen Schutzschild raffte sie das Bettlaken vor ihrer Brust zusammen. „Ja, es stimmt“, entgegnete sie, lauter als beabsichtigt. „Er ist die Liebe meines Lebens, wie sollte ich die vergessen? Kannst du das nicht respektieren?“

Ben starrte Joan einen Moment an, dann sprang er aus ihrem Bett und zog sich an. „Dass er die Liebe deines Lebens ist könnte ich ja respektieren“, antwortete er und zog sein Shirt über den Kopf. „Aber dass du offensichtlich an ihn denkst, wenn du mit mir schläfst ist äußerst demütigend“.

„Ben, bitte...“, versuchte Joan ihn aufzuhalten, doch er schlüpfte schon in seine Lederjacke.

„Bis morgen, Joan“, sagte er noch, schwang sich seine Sporttasche über die Schulter und verließ ohne weiteres Zögern ihre Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss und es war still. Wütend und niedergeschlagen zugleich wanderte Joans Blick ziellos durch ihr Schlafzimmer. Wütend, weil sie wusste, dass Ben recht hatte; niedergeschlagen, weil das unvermittelte Auftauchen von Curts Doppelgänger ihren Kollegen Ben in die Ferne gerückt hatte, ihn hatte nebensächlich werden lassen, obwohl sie ihn doch eigentlich mochte...

Sie dachte an die Kaffeetasse, die Essstäbchen und die Basketballkappe, die Ben zwecks Genanalyse mit eingepackt hatte. Und Joan hegte ernsthafte Zweifel, ob Ben jetzt noch bereit war, ihr einen Gefallen zu tun.
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