This is not a love story.

GeschichteRomanze, Thriller / P16
Derek Morgan OC (Own Character)
20.07.2014
19.10.2014
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20.07.2014 1.472
 
Kapitel 1

I am as nowhere as I can be
Could you add some somewhere to me?

The Avett Brothers – Salina


Samstag, 24. Mai – Atlanta, Georgia

Die vertraute Wärme von Petes Bar umfing Layken, kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen und den Regen ausgesperrt hatte. Sie fuhr sich mit der Hand durch die vollkommen durchnässten roten Haare und sprenkelte so den Boden mit einer Kaskade von feinen, silbernen Tröpfchen. Mit einer flüssigen Bewegung streifte sie den Mantel ab, den sie aufgrund des nasskalten Wetters draußen, eng um sich gezogen hatte, und hängte ihn an die Garderobe. Pete stand hinter der Bar und polierte Gläser, anscheinend war heute nicht viel los. Als Layken den Blick schweifen ließ, sah sie nur eine Gruppe von Männern, die laut lachend Dart spielten, und einen dunkelhäutigen Mann an der Theke, der seinen Blick versunken auf sein halbvolles Glas gerichtet hatte.

„Hey, Pete.“, sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln und ließ sich auf einem der Barhocker vor der Theke nieder. „Schlechten Tag gehabt?“, fragte Pete, kaum hatte er ihr ein Begrüßungslächeln geschenkt. „Und wie.“, stöhnte die Rothaarige. „Gib mir irgendwas zu trinken.“ Er stellte ihr mit einem Grinsen einen Drink hin. „Der geht aufs Haus, Doc.“ „Du bist ein Schatz, Pete.“, erwiderte Layken. Sie beschloss, dieses Mal nichts zu seinem albernen Spitznamen für sie zu sagen. Pete hatte mit ihr zusammen das Medizinstudium begonnen, hatte es jedoch nach dem Tod seines Vaters abgebrochen und stattdessen dessen Bar übernommen. Seit Layken als Ärztin arbeitete, nannte er sie hartnäckig Doc, und alle Versuche, ihm dies auszureden, waren gescheitert.

Gedankenverloren nippte Layken an ihrem Drink und ließ den Blick erneut durch die Bar schweifen in dem Versuch, die Bilder der verzweifelten Eltern aus dem Kopf zu bekommen, als sie diesen von dem Tod ihrer einzigen Tochter berichten musste. So viele Kinder waren auf ihrem OP-Tisch gestorben, und es wurde nicht besser, eher im Gegenteil. Jedes Mal fragte sie sich, ob sie den Tod dieser Kinder hätte verhindern können, ob sie einen Fehler gemacht hatte, und egal wie oft ihr ihre Kollegen beteuerten, dass manchmal selbst der fähigste Chirurg nichts tun konnte, die Schuldgefühle blieben. Ihr unruhig schweifender Blick blieb an dem dunkelhäutigen Mann zwei Plätze neben ihr hängen.

Als hätte er gespürt, dass sie ihn beobachtete, hob er mit einem Mal den Kopf und begegnete ihrem Blick. Ein schiefes Lächeln erhellte sein Gesicht, ein Lächeln, bei dem Layken nicht anders konnte, als es zu erwidern. In seinen Augen sah sie etwas, das sie an sich selbst erinnerte. Schuldgefühle, gepaart mit Trauer. Der Mann stand auf und kam auf sie zu, und Layken konnte nicht umhin zu bemerken, dass er ausgesprochen gut aussehend und muskulös war. „Ist hier noch frei?“, fragte er mit einer angenehm tiefen Stimme. „Ja, sicher.“, erwiderte sie und zwang sich, den Blick von seinem Lächeln abzuwenden. Er ließ sich neben ihr auf den Barhocker sinken. „Ich bin Derek.“, sagte er, immer noch lächelnd. „Layken.“, sagte sie und erwiderte das Lächeln instinktiv.

Irgendetwas war an diesem Mann, das sie interessierte. „Sind sie öfter hier, Layken?“, fragte er. Er flirte so offensichtlich mit jeder Silbe und jedem Blick, und wirkte gleichzeitig so niedergedrückt, dass Layken nicht ganz schlau aus ihm wurde. „Ab und an.“, antwortete sie. „Und sie?“ „Ich bin nur beruflich hier.“, sagte er und nahm einen großen Schluck von seinem Bier. „Ich reise morgen wieder ab.“ Ein kurzer Anflug von Bedauern durchschoss sie, den sie entschlossen zurückdrängte. Sei nicht albern, Layken, sagte sie sich selber. Du kennst den Typen nicht einmal. „Als was arbeiten sie denn?“, fragte sie ihn ehrlich interessiert. Derek zeigte wieder dieses schiefe Grinsen. „Sie würden mir nicht glauben, wenn ich es ihnen sage.“ Layken setzte ein gespielt beleidigtes Gesicht auf. „Trauen sie mir so wenig zu?“ Seltsamerweise lenkte es sie von den Schuldgefühlen ab, so ungezwungen mit diesem Mann zu flirten. „Ich arbeite für das FBI. Verhaltensanalyse.“

Sie pfiff überrascht durch die Zähne. Das hätte sie nicht erwartet. „FBI. Das muss ja wahnsinnig spannend sein.“ Derek jedoch schaute grimmig auf seine Hände. „Noch ein Bier, bitte.“, sagte er zu Pete, bevor er Layken antwortete. „Es ist manchmal eher wahnsinnig deprimierend.“ Sie sah ihn fragend an und er sprach weiter. „Wenn man ein Opfer nicht retten kann, wissen sie.“ Layken senkte den Blick in ihr Glas und sagte bitter: „Das kenne ich nur zu gut.“ Jetzt wurde Dereks Blick fragend und sie setzte zu einer Erklärung an. „Ich bin Ärztin, Kinderchirurgin, am Atlanta Memorial. Ich liebe meinen Job, aber es ist jedes Mal aufs Neue schrecklich, wenn ich einen Patienten verlieren.“ Derek seufzte. „Genauso ist es bei mir auch. Aber es sind menschliche Wesen, die diese grausamen Dinge tun, und das schockiert mich am meisten.“ Layken nickte geistesabwesend. „Es ist leichter, gegen Krankheiten zu kämpfen, als gegen andere Menschen.“, stellte sie bitter fest.

Eine Weile schwiegen sie beide, dann sagte Layken: „Sie hatten also einen Fall hier in Atlanta. Lassen sie mich raten, der Atlanta-Würger? Oder haben sie auch so etwas wie eine Schweigepflicht?“ Derek lachte leise, ein Lachen, dass ihr eine Gänsehaut über die Wirbelsäule jagte. „Scharfsinnig, scharfsinnig. Ja, wir waren wegen dem Würger hier.“ „Haben sie das Drecksschwein denn wenigstens geschnappt? Der verdient die Todesstrafe für das, was er diesen Mädchen angetan hat.“, sagte sie mit vor Wut leicht zitternder Stimme. „Wir haben den Typen geschnappt. Woher wissen sie eigentlich so viel über ihn?“, fragte Derek. Leises Misstrauen klang jetzt in seiner Stimme mit. „Wir hatten die eine Überlebende bei uns im Krankenhaus. Die Kleine ist heute auf meinem OP-Tisch gestorben.“ Derek sah sie entsetzt an. „Sie ist tot?“ Layken nickt verbittert. „Sie hatte massive innere Blutungen von der Folter, die dieser Mistkerl ihr angetan hat. Man konnte nichts mehr für sie tun.“

Er schien bei dieser Nachricht förmlich in sich zusammenzusacken. „Das heißt, wir haben keines seiner Opfer gerettet.“, sagte er resigniert. „Na ja, ihr habt die Kleine ja schon gerettet. Ich hab’s versaut.“ Derek hob den Kopf wieder. „Ich dachte, man hätte nichts tun können?“ „Vielleicht hätte ich ja etwas tun können. Vielleicht hätte ich nur besser sein müssen.“, sagte Layken niedergeschlagen. Sie wusste nicht, warum sie mit einem fast völlig Fremden über diese Gefühle redete, aber sie hatte das Gefühl, dass Derek sie verstand.

Ein merkwürdiges Kribbeln machte sich in ihrem Magen breit, als er sie tröstend ansah und wieder sein schiefes Lächeln zeigte, was allerdings etwas gezwungen wirkte. „Ich bin zwar kein Arzt, aber das war ganz sicher nicht deine Schuld.“, sagte er. Layken schnaubte. „Sag mir nicht, dass du keine Schuldgefühle hast.“ Wie von allein waren sie zum Du übergegangen, und keiner von ihnen schien etwas dagegen zu haben. Derek zögerte einen Moment, dann sagte er: „Doch, die habe ich.“ „Siehst du.“, sagte Layken. „Und deine Schuld ist es ganz sicher nicht.“ Er lächelte leicht. „Vielleicht haben wir beide unnötig Schuldgefühle.“ „Vielleicht.“, erwiderte Layken und nippte an ihrem Drink.

Eine Weile schwiegen sie wieder beide, dann sagte Derek: „Dieses Thema ist absolut deprimierend. Lass uns über etwas anderes reden.“ Sie lächelte. „Okay. Also… Wo kommst du her?“ „Chicago.“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen. „Und du?“ „Aus einer Kleinstadt in Minnesota.“ Sie seufzte. „Ehrlich gesagt war ich froh, dort weg zu kommen. Dieses ganze Kleinstadtflair… ich glaube, da war ich einfach nicht für geschaffen.“ Er grinste sie an. „Na ja, ich habe nie in einer Kleinstadt gewohnt. Aber ich kann mir vorstellen, dass das für mich auch nichts wäre.“ Layken schloss für einen Moment die Augen und stöhnte leise. „Oh ja. Jeder kennt jeden, diese kleinen Skandale… Da ist mir eine anonyme Großstadt auf jeden Fall lieber.“ Derek antwortete für einen Moment nicht, bevor er einen großen Schluck von seinem Bier nahm und die leere Flasche auf die Theke stellte.

„Noch einen Drink, Layken?“, fragte er lächelnd und sie nickte, wobei sie ihm ebenfalls ein flirtendes Lächeln schenkte. Eigentlich war sie nicht der Typ, der Männer aufriss, aber irgendetwas an Derek zog sie an. Sie hatte auf eine seltsame Art das Gefühl, dass er sie verstand. Er beugte sie ein Stück über die Theke und Layken konnte nicht umhin, für einen Moment seine ausgeprägten Muskeln zu betrachten. „Noch ein Bier für mich und für die wunderschöne Dame noch mal das Gleiche, was sie vorher hatte.“ Er blickte sie wieder an und zeigte ein schiefes Grinsen. Irgendetwas in ihrem Bauch flatterte und Layken wandte kurz den Kopf ab.

Dabei fing Pete ihren Blick auf und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. Sie streckte ihm grinsend die Zunge raus, bevor sie sich wieder zu Derek umwandte. Pete stellte die Drinks auf die Theke vor ihnen, nicht ohne ein letztes Grinsen in Laykens Richtung. „Viel Spaß…“, raunte er ihr zu und sie verdrehte die Augen. Doch trotzdem konnte sie einen Hauch von Vorfreude nicht leugnen, als Derek ihr wieder sein schiefes Grinsen schenkte.
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