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Keiner weint um Hexen, heisst es

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Elphaba Thropp Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands
19.07.2014
19.07.2014
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Hey

Hier ist mein Beitrag zum Wettbewerb Der Verlust.

Ich wollte diesen Text schon eine Weile schreiben und hier hat er gerade wunderbar dazu gepasst.

Eine kleine Anmerkung: Mir ist klar, dass Elphie nicht wirklich gestorben ist, aber ich persönlich denke nicht, dass Glinda das weiss. Vielleicht ahnt sie es, aber ganz sicher ist sie sich bestimmt nicht. Auf jeden Fall ist Glinda sicher klar, dass sie Elphie nie wiedersehen wird.
Die Namen, zum Beispiel Shiz, habe ich aus dem englischen übernommen. (Ganz ehrlich, waren „Glizz“ oder „Moq“ wirklich nötig? Im Originalen klingt es so viel besser.)

Das Zitat zu Beginn stammt aus folgendem Lied.
Und hier findet sich die entsprechende deutsche Version, der der Titel verschuldet ist.

LG, Lou


Schreibmusik: Irgendwo wird immer getanzt
(Es passt nicht wirklich dazu, aber ich liebe dieses Lied. Ich hab es während dem schreiben bestimmt zehnmal gehört.)

Anmerkung zur Rechtschreibung: Immer noch Schweizerin, folglich auch immer noch Schweizer Rechtschreibung. So einfach ist das. :)
Was genau der grosse Unterschied sein soll, ist mir selbst auch nicht ganz klar, aber auf jeden Fall wird ß bei uns einfach als ss geschrieben.






Keiner weint um Hexen, heisst es



No one mourns the wicked

No one cries: „They won’t return!“

No one lays a lily on their grave


~ Wicked, No one mourns the Wicked






Keiner weint um Hexen, heisst es, aber das stimmt nicht. Auch Hexen haben eine Familie, Eltern, die sie vermissen, Menschen, die um sie trauern.






Ich kann immer noch nicht glauben, dass Elphie endgültig weg ist. Tot. Dabei schien sie doch immer so unbesiegbar. Sie war diejenige mit den magischen Kräften, diejenige, die sich befreit hat und davongeflogen ist. Und doch bin ich diejenige, die bejubelt und besungen wird.
Den ganzen Tag schon musste ich fröhlich sein und feiern, dass die böse Hexe gestorben ist. Jetzt kann ich endlich weggehen. Weggehen und trauern. Nicht um die böse Hexe. Um Elphaba.






Sie feiern ihren Tod. Endlich ist sie weg, singen sie. Und das ist sie. Sie ist tot. Die Hexe. Das grüne Mädchen. Elphaba.
Für mich war sie nie etwas anderes, nicht mehr und nicht weniger. Einfach nur Elphaba. Meine Freundin.
Ihren Träumen wollte sie nachfliegen. Und wie sie geflogen ist. Nur nicht weit genug. Nicht hoch genug. Sie haben sie gekriegt. Sie ist weg.
Es gibt keine Überreste, keine Leiche, kein Grab. Wenn eine Hexe geht, dann geht sie für immer. Es gibt nichts, was ich besuchen könnte. Die einzigen Orte, die ich mit Elphaba verbinde, sind Shiz und Fiyeros Schloss. Aber da kann ich nicht hingehen. Es gibt keinen Ort, an den ich mich zurückziehen und trauern kann. Doch, einen Ort gibt es.






Ich bin jetzt da. Da ist die gelbe Ziegelsteinstrasse. Genau hier war es. Hier habe ich mich vor so vielen Jahren von Elphie verabschiedet. Hier ist sie geflogen, ihren Träumen nach. Ich habe mich oft gefragt, wie alles gekommen wäre, wenn ich damals mit ihr gegangen wäre.
Dann wäre sie vielleicht nie zur bösen Hexe des Westens geworden. Dann wäre sie vielleicht eine gute Hexe gewesen. Dann würde sie vielleicht noch leben.
Aber wenn ich damals mit ihr gegangen wäre, wäre ich nicht die, die ich heute bin. Und sie wäre auch nicht die gewesen, die sie war.






Wir haben so viel zusammen erlebt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir uns zum ersten Mal begegnet sind, Elphie. Damals habe ich dich gehasst und das nur wegen deiner Hautfarbe. Wenn ich daran denke, wie gemein ich zu dir war, hasse ich mich selbst. Aber wir haben es geschafft, wir sind Freundinnen geworden. Und wir haben so viel erlebt. All unsere nächtlichen Gespräche in unserem gemeinsamen Zimmer. Schminktipps. Ratschläge.
Unser Ausflug in die Smaragdstadt war einzigartig. Auch wenn der Zauberer ein nutzloser Heuchler war, ich habe unseren Ausflug genossen. Damals habe ich die Smaragdstadt zum ersten Mal gesehen. Und sie seitdem nie wieder vergessen. Und dann haben sich unsere Wege getrennt.
Es hat so wehgetan, als du mir Fiyero weggenommen hast. Aber es war richtig so. Er hat schon immer zu dir gehört, das wollte ich nur nicht wahrhaben. Und du hast es verdient, das hast du, Elphie.
Ich bin froh, dass wir uns versöhnt haben. Auch wenn du jetzt weg bist, wenigstens bist du im Wissen gegangen, dass du eine gute Freundin hier hattest. Deine einzige Freundin. Du warst auch meine einzige Freundin, Elphie, meine einzige richtige Freundin.
So viele Erinnerungen. Es tut weh, sich daran zu erinnern, aber es ist auch schön. Die Zeit in Shiz, mit dir, war die schönste Zeit meines Lebens. Damals waren wir so unbeschwert. Aber diese Zeiten sind vorbei.






Eine Lilie liegt am Boden. Die Blütenblätter sind rosa, der Stiel ist grün. Rosa und Grün. Zwei Farben, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, aber eigentlich eine wunderschöne Mischung sind. Einsam liegt die Lilie da. Eine einzelne Träne fällt neben ihr zu Boden.
Es tut mir leid, dass das alles ist, was ich dir geben kann, Elphie. Nur eine armselige Lilie. Aber ich weiss nicht, was ich dir sonst geben soll, denn es gibt nichts, was ausdrücken kann, wie sehr ich dich vermisse.






Es ist an der Zeit zurückzugehen. Sonst fragen sie sich, wo ich bleibe. Ich will nicht wieder feiern gehen, aber ich habe keine Wahl. Die Ozianer brauchen jemanden, der ihnen Kraft gibt, nach dieser schweren Zeit. Jetzt haben sie keinen Zauberer mehr. Aber vielleicht kann ich ihnen ja helfen. Vielleicht kann ich ihnen eine gute Hexe sein.
Nur noch ein einziger Blick zurück, dann gehe ich endgültig. Ein Blick auf die Strasse, wo wir uns verabschiedet haben und unsere Geschichten auseinander gingen.
Du wolltest es so sehr, Elphie, wolltest frei und schwerelos sein. Ich werde versuchen, das für dich zu sein.






Keiner weint um Hexen, heisst es, aber das stimmt nicht. Ich weine um sie. Ich weine um Elphaba.






"And there the wicked old Witch stayed for a good long time."

"And did she ever come out?"

"Not yet.“


~ Gregory Maguire, Wicked: The life and times of the Wicked Witch of the West
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