Josephine Klick – Liebe kennt keine Grenzen

von bichi
GeschichteKrimi, Romanze / P16
18.07.2014
18.10.2015
73
132.835
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27.02.2015 4.131
 
(Josie) Mit geschlossenen Augen saß ich auf einer Bank, die sich direkt vor dem Krankenhaus befand, und genoss die kalte Frischluft, die mich wieder klarer denken ließ. Geschlagene fünf Stunden hatte ich mit Tamara in diesem Raum verbracht, hatte ihre Schimpftiraden über Gott und die Welt über mich ergehen lassen, hatte aufgrund ihrer schrillen Stimme beinahe ein taubes Ohr und eine schmerzende Hand, die Tamara immer  fest zusammengedrückt hatte, fast als wollte sie mir den Schmerz übertragen. Ja ich war ihr die ganze Zeit über beigestanden. Noch immer hallten mir ihre Worte in meinen Ohren, wie sehr sie Stefan wegen ihrem Zustand doch hasste. Ein Lächeln bildete sich auf meinen Lippen. In der einen Sekunde noch hatte sie ihn verabscheut, jetzt durfte er bereits neben ihr sitzen, hatte somit meine Position übernommen und kuschelte sich fest an ihn. Sie war ihm dankbar dafür, ihr einen kleinen Sohn geschenkt zu haben und das kann ich verstehen. Er ist, zu meinem Verwundern, ein wirklich hübsches Kerlchen. Hätte ich den beiden nicht zugetraut. Doch ich gönnte es ihnen, gönnte es ihnen voll und ganz.  Bei dem Anblick der glücklichen kleinen Familie wurde es mir warm ums Herz.

Ich öffnete meine Augen, als ich einen kalten Windhauch an meiner Wange spürte. Man merkte, dass es bereits langsam Abend wurde. Die Nächte hier in Berlin kamen mir generell kühler als in Bielefeld vor. Zum Glück hatte ich meine dicke Jacke angezogen, als ich aus dem Haus gegangen war. Sie hielt meinen Körper wohlig warm und auch meine Finger haben wegen dem Heißgetränk, welches sich in einem Becher befand, in meiner Hand eine angenehme Temperatur. Instinktiv zog ich meinen Kopf etwas ein, als ich erneut eine kalte Brise auf meiner Haut spürte. Vorsichtig testete ich mit meinen Lippen das Getränkt, ehe ich einen kleinen Schluck davon nahm.

„Papa bin ich jetzt wirklich eine große Schwester?“ hörte ich eine Kinderstimme rechts von mir fragen. Meine Augen folgten dem Geräusch und sahen, wie ein strahlender Vater Hand in Hand mit seiner kleinen Tochter sich dem Krankenhauseingang näherte, um offensichtlich die andere Hälfte ihrer Familie zu besuchen. Ich musste lächeln. Ob sich meine Brüder auch so über mich gefreut hatten? Manuel vielleicht. Er hatte schon von Anfang an den Part des beschützenden Bruders angenommen, während Markus nie so richtig mit einem kleinen Schreihals wie er es immer sagte etwas anfangen konnte. Ja meine Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein und auch heute hatten sie noch den selben Charakter wie sie ihn früher bereits hatten. Manuel hatte seine Jugendliebe geheiratet und war schon stolzer Familienvater von zwei Kindern. Mein ältester Bruder jedoch hatte seine Konzentration eher auf seine Karriere in Hanover gelegt, hatte jeden Monat eine neue Freundin und lebte nur für die Arbeit. Ich spürte ein gewaltiges Ziehen in meiner Magengrube. Wem von den beiden würde ich ähnlicher sein? Würde ich jemals verheiratet sein? Würde ich jemals eine Familie besitzen so wie es Manuel tat? Ich musste kräftig schlucken, um den Klos im Hals wegzubekommen. In meiner Lebensplanung hatte ich mir immer vorgenommen einmal zu heiraten, mit dem Mann meiner Träume und unseren gemeinsamen Kindern in ein kleines Häuschen in Bielefeld zu ziehen und mit ihm dort alt zu werden. Das alles wollte ich eigentlich mit Anfang 30 bereits besitzen. Genau so hatte es auch meine Mutter gemacht und als Kind hatte ich mir vorgenommen, es ihr gleichzutun. Ich hatte sie schon sehr früh verloren und ich hatte das Gefühl, dass ich ihr so irgendwie näher wäre, wenn ich alles so machen würde wie sie es einst tat. Meine Vorstellung meiner Zukunft und meine Pläne waren sehr präzise, bis ins kleinste Detail geplant und doch scheiterten sie. Hätte Stefan mich auf seinem Polterabend nicht betrogen, hätte ich vermutlich all das erreicht. Doch wäre ich auch glücklich gewesen? Hätte mich dieses Leben dann wirklich glücklich gemacht? Ich wagte es zu bezweifeln.

Mit einer flinken Bewegung führte ich den Becher erneut zu meinen Lippen, um den Inhalt hineinzukippen. Ich leerte ihn bis zum kleinsten Tropfen und schmiss ihn danach in den Mülleimer, der sich links neben der Bank befand. „Hier bist du.“ Ich zuckte zusammen, als ich eine Stimme direkt rechts neben mir vernahm. Meine Hand legte sich automatisch auf den Platz meines Herzens, welches durch die kleine Schreckattacke schneller schlug. Ich atmete kurz ein und aus, versuchte meinen Körper wieder etwas zu beruhigen, ehe ich mich langsam nach Rechts wandte. Ich blickte in ein Paar grün-braunen Augen, die mich besorgt ansahen. „Alles okay?“ hörte ich Fritz angespannt fragen. Auf mein Nicken hin wirkte er jedoch gleich viel entspannter und er lehnte sich zurück auf die Bank, auf der er vorhin gerade Platz genommen hatte. „Hat der Kaffee geschmeckt?“ probierte er ein unverbindliches Gespräch anzufangen. Mein Herz klopfte wie verrückt, als sich unsere Oberschenkel berührten. „Das war Kakao.“ brachte ich gerade mal heraus, bemerkte im Anschluss jedoch seinen fragenden Blick. „Ich dachte du hasst Kakao.“ gab er zu bedenken und erst da fiel mir auf, wie idiotisch ich mich verhielt, blos weil er sich so nah neben mir befand. Ich brauchte ein wenig, bevor ich auf seine Worte reagierte. Eilig setzte ich mich gerade hin, versuchte, etwas Abstand zu ihm zu gewinnen und antwortete beiläufig, dass er eigentlich gar nicht so schlecht schmeckte wie ich immer dachte. Ich schüttelte über mich innerlich selbst den Kopf, über meine dämliche Antwort. Fritz schien sie ebenfalls zu irritieren, er ging jedoch nicht weiter darauf ein sondern richtete seinen Blick wie ich gerade aus. Einige Minuten saßen wir still so da, bis Fritz wie aus heiterem Himmel „Wusstest du, dass sie ihn jetzt doch akzeptiert?“ fragte. Ich nickte. Wusste ich nur zu gut, wen er damit meinte. „Ja ich weiß. Anscheinend weiß sie jetzt, wo sie hingehört.“ Im Gegensatz zu mir, stellte ich bedauerlicherweise fest. Mein Kopf war wie leergefegt. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte. „Weißt du es auch?“ sprach Fritz mich direkt an und ich widerstand den Drang, ihm in die Augen blicken zu wollen. Ich wollte ihm nicht antworten, ich wusste auch nicht, was ich ihm hätte darauf sagen sollen. Ich wusste es doch selbst noch nicht einmal. „Ich denke, dass Tamara gut bei Stefan aufgehoben sein wird.“ bestätigte ich meine eigene Aussagen und hoffte, dass meine Ablenkung funktioniert hatte. Ich hörte Fritz neben mir frustriert schnauben, er sagte jedoch nichts, sondern schüttelte nur den Kopf.

Kurz rieb ich mir mein Ohr, in welches Tamara geschrien hatte und sich nun verschlagen anfühlte. „Ich glaub eine Stunde länger und mein Trommelfell wäre endgültig geplatzt.“ versuchte ich die angespannte Situation etwas zu entspannen und aufzulockern. Zu meinem Glück sprang Fritz darauf ein und pflichtete mir bei, sogar ein kleines schiefes Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht, was mich ebenfalls zum Grinsen brachte. „Kann ich mir vorstellen. Man hat sie bis draußen gehört. Vielleicht hättest du Ohrstöbsel nehmen sollen. Die hatte ich damals bei Stefanie benutzt.“ sagte er nun ernster aber auch nachdenklich. Woran er wohl gerade dachte? Etwa an die Geburt von Ben? Oder stellte er sich gerade vor, dass er Tamara beinahe beistehen hätte müssen. Kurz schüttelte ich den Kopf, um ehrlich zu sein wollte ich die Antwort gar nicht wissen. Stattdessen knüpfte ich an unserem Gespräch an. „Darauf hätte ich auch kommen können. War Stefanie damals auch so … (ich suchte nach dem richtigen Wort) hysterisch wie Tamara?“ fragte ich nach und war mir sicher, dass auch sie ziemlich aufgedreht haben musste. Dafür hatten Tamara und Stefanie einfach zu viel Parallelen. Fritz lachte kurz auf, ehe er nickte. „Und wie. Sie hatte die ganze Zeit geschrien, dass sie mich eigenhändig kastriert und die Scheidung einreicht. Die Krankenschwester meinte, dass das völlig normal wäre und ich mir diese Worte nicht zu Herzen nehmen sollte. Angeblich reagieren alle Frauen unter diesen Schmerzen so.“ sagte er gespielt theatralisch, und machte sich darüber lustig. Mir war jedoch alles andere als lachen zu mute. „Ob das wirklich so weh tut?“ fragte ich mich laut, doch Fritz fühlte sich angesprochen und zuckte die Schultern. „Anscheinend.“ war alles was er herausbrachte, was mich erstmal zum Schlucken brachte. Na toll. Wieso mussten die Frauen eigentlich die Kinder bekommen? Das ist echt unfair. Niedergeschlagen atmete ich tief aus und schaute in den Himmel, der sich mittlerweile aufgrund des Sonnenuntergangs in den verschiedensten Farben zeigte. „Toll. Das kann ja mal heiter werden.“ bemerkte ich und fragte mich, wieso man so etwas Wichtiges eigentlich nie in der Schule lernt. Vermutlich weil die Geburtenrate sonst drastisch sinken würde.

Fritz schien den Hintergrund meiner Frage erahnt zu haben, der er versuchte die Tatsache zu beschwichtigen. „Naja musst dir ja noch keine Gedanken drüber machen. Hast ja noch vvviiieeelll Zeit.“ meinte er aufbauend und legte dabei einen Arm um meine Schultern. Ich war so in Gedanken, dass ich es noch nicht einmal so richtig mitbekam. „Sieben Monate sind nicht viel.“ stellte ich bedauerlich und ängstlich zugleich fest, schloss jedoch sogleich erschrocken den Mund, als ich merkte, WAS ich da eben gerade gesagt hatte und hoffte, dass Fritz mein Gemurmel nicht verstanden hatte. „Wie was hast du gesagt?“ fragte er scheu nach. Vorsichtig schielte ich nach rechts und merkte, dass er sich unsicher war, ob er wirklich richtig verstanden hatte. Dachte er wirklich er hätte sich verhört? WOLLTE er sich verhört haben? Verdattert sah er mich an, all die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, und sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Ich musste hier weg, weg von ihm. Egal was er sagen würde, ich wollte es nicht hören. Ich hatte das Gefühl, dass die Situation mir die Kehle zuschnürte. „Ich … Es … Es ist schon spät ich … ich werd dann mal los.“ presste ich atemlos heraus und erhob mich eilig von der Bank. Immer einen Fuß nach dem anderen schritt ich voran, beschleunigte meine Schritte zum Auto, um so flott wie möglich von hier weg zu kommen. Den Sonnenuntergang entgegen gehend näherte ich mich meinem Wagen, der einsam und verlassen auf dem Parkplatz stand und nur darauf wartete, dass ich mit ihm von hier weg fuhr. Als ich mein Ziel endlich erreicht hatte, kramte ich in meiner Hosentasche nach dem Autoschlüssel, doch egal an welchem Platz ich suchte, er war nicht auffindbar. Panisch durchsuchte ich jede einzelne Stelle, wo er sich befinden könnte, blieb jedoch erfolglos. Angestrengt dachte ich nach, wo ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ich ließ meine Schultern hängen, als mir in den Sinn kam, dass Fritz vorhin ja gefahren war. Er hatte ihn mir noch nicht zurück gegeben, was bedeutete, dass er ihn noch immer besaß. Kaum hatte mich diese Erkenntnis eingeholt, schon spürte ich eine starke Hand auf meinem Oberarm, der mich zwang, mich umzudrehen.

Mir stockte der Atem, als ich Fritz fordernden und undurchdringlichen Blick sah. „Was meinst du damit?“ fragte er nach und sah mich auffordern an. Ich öffnete den Mund, versuchte etwas zu sagen, doch ich war wie gelähmt. Nachdem ich nicht auf seine Frage reagiert hatte, umfassten seine Hände meine Oberarme und rüttelten diese leicht, als wolle er mich aus meiner Gedankenwelt in das Hier und Jetzt holen. „Verdammt WAS ist los mit dir?!“ fragte er mich schroff und ich konnte ein eisernes Funkeln in seinen Augen erkennen. Wütend schüttelte ich seine Hände von mir ab, schnaubte kurz und sah ihn danach bitterböse an. Ich wusste nicht, was plötzlich mein Problem war. Seine Frage war eigentlich völlig harmlos und dennoch machte sie mich fuchsteufelswild. Was mit mir los ist? Ich konnte ihm ganz genau sagen was mit mir los ist.


(Rückblende Anfang)

Es war vor genau drei Wochen, als alles angefangen hatte. Karina, die Vorzimmerdame meines Arztes, teilte mir mit, dass ich bereits Platz nehmen konnte und bald dran kommen würde. Ich tat wie mir geheißen und setzte mich auf einen schwarzen Sessel, der sogar angenehmer war als er aussah. Ich erkannte, dass sich noch vier Damen vor mir befanden, weshalb ich also mit mindestens einer Wartezeit von einer Stunde zu rechnen hatte. Aus diesem Grund schnappte ich mir eines der wenigen Magazine, die auf dem Glastisch, welcher sich direkt vor mir befand, lagen. Ich blätterte Seite für Seite um, konnte jedoch nichts Interessantes darin entdecken, weshalb ich mit den Zeitschriften relativ schnell durch war. Ein Blick auf die graue Wanduhr verriet mir, dass gerade mal eine halbe Stunde vergangen war, und das, obwohl ich mir beim Durchlesen trotz langweiliger Artikel Zeit gelassen hatte. Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Wie alt war ich eigentlich?! Als Erwachsene konnte man doch eigentlich erwarten, dass man eine Stunde auch einmal so dasitzen konnte, ohne dass gleich Langeweile auftrat. Belustigt über mich und meine Ungeduld blieb ich einfach ruhig sitzen und trank das Wasser, welches mir Karina freundlicherweise gebracht hatte. Ich nahm einen Schluck davon, als mir gerade die Wand vor mir auffiel. Eilig stellte ich das Glas hin und ging auf die Wand zu. Sie war in der Hälfte geteilt. Die eine Seite war himmelblau, die andere in einem blassem rosa gestrichen. „Die Wand haben wir neu gekoriert. Dort hängen alle Babys und deren Mütter, die Dr. Peters durch die Schwangerschaft begleitet hatte.“ hörte ich Karina mir mitteilen. Mir gefiel die Idee, die sie sich ausgedacht hatte. Es ließ sowohl den Raum, welcher vorher nur weiß war, als auch den Arzt freundlicher und einladender erscheinen. „Wer weiß. Vielleicht hängen ja auch sie irgendwann einmal hier.“ meinte die Empfangsdame grinsend und zwinkerte mir zu. Ich runzelte die Stirn bei ihrer Aussage. Wollte die mich jetzt etwa ermutigen?! Bestimmt nicht jetzt, schwor ich mir. Abermals spürte ich ein kleines Ziehen im Bauch, als ich an Fritz und unseren mehr oder weniger Streit dachte. Er benahm sich so komisch und ich hatte keine Ahnung wieso. Wollte er Schluss machen? Wollte er mich nicht mehr und wusste nur nicht, wie er es mir mitteilen konnte? Jedenfalls ließ sein Verhalten nur darauf schließen. Selbst wenn er unsere derzeit nicht ganz so rosige Beziehung nicht beenden wollte, so war seine Einstellung zu einem zweiten Kind eindeutig. Seine Worte kamen mir wieder in den Sinn, die er zu der Frage, wann sein zweites Kind unterwegs sei, gesagt hatte. Hoffentlich nicht, hatte er gesagt. Diese Worte hatten meinem Herzen einen tiefen Stich versetzt. Doch wusste ich nur zu gut, dass er sie nicht einfach so daher gesagt hatte. Auch mit Alex hatte er über dieses Thema gesprochen und dort hatte er die selbe Meinung beibehalten.

Meine Hand fuhr über ein Foto eines Babys, das es mir besonders angetan hatte. Es hatte zerstreute dunkle Haare und rote Bäckchen. Die Mutter strahlte nur so vor Glück. Genau so wollte ich mich eigentlich auch einmal sehen. Doch was machte ich, wenn Fritz seine Einstellung doch ernst meinte? Könnte ich dann darauf verzichten? Ich grinste. Das nannte man wohl die typische Torschlusspanik, wenn man die innere biologische Uhr ticken hörte. Ach Quatsch, sagte ich mir selbst. Immerhin war ich doch überhaupt noch nicht so alt. Ich hatte noch Zeit. Vorher musste ich erstmal meine Beziehung wieder ins Lot bringen, bevor ich über so ein Thema überhaupt nachdenken konnte. Vielleicht brauchte Fritz ja einfach nur etwas Zeit, und würde irgendwann seine Meinung ändern. Bis dahin sollten wir unsere Zweisamkeit genießen. Auch wenn diese bei uns derzeit eher schlecht als recht ablief. Das Piepsen meines Handys holte mich aus meinen Gedanken. Ich musste grinsen, als ich die Nachricht las. Ich liebe dich, hatte Fritz mir geschrieben. Er hatte also doch nicht vor mit mir Schluss zu machen. Irgendetwas anderes bedrückte ihn. Doch egal was es war, ich wusste, dass wir das gemeinsam durchstehen würden. Heute Abend würde ich ihn besuchen und diese schreckliche Situation ein für alle Mal beenden. Und dann würde er mich endlich wieder in seine Arme schließen. Ich konnte es schon jetzt kaum erwarten, mich mit mit zu versöhnen. Versöhnungssex sollte ja bekanntlich der schönste sein. Oh Gott ich hatte es bildlich vor mich.

Nachdem wir uns ausgesprochen hatten, würde er mich stürmisch gegen die Wand drücken und gierig an meinem Hals saugen. Seine Hände würden sich auf meine Brüste legen und diese ordentlich massieren, während er immer und immer wieder erregt und zärtlich zugleich meinen Namen flüstern würde. Josephine, Josephine, hey Josie …. oh ja genau so würde er mir entgegenhauchen ….. moment mal. Seit wann klingt denn Fritz Stimme so … keine Ahnung … fraulich?!

Ich zuckte kurz zusammen, als Karina wild mit ihren Händen vor meinem Gesicht herumfuchtelte. Nachdem ich wieder klarere Gedanken hatte, teilte sie mir mit, dass ich wohl nun an der Reihe war. Noch etwas verwirrt nickte ich nur und begab mich zu meinem Arzt, der mich routinemäßig dazu aufforderte, mich frei zu machen und hinzulegen. Er testete vorsichtig meine Brust ab, um sicherzustellen, dass ihr nichts fehlte und trug anschließend das kalte Gel auf meinen Bauch, was mich etwas zusammenschrecken ließ. „Dr. Peters wären sie so freundlich mir ein neues Pillenrezept auszustellen? Meine sind gestern ausgegangen.“ teilte ich ihm mich. Welche Absichten ich nun wirklich hatte heute Abend musste er ja nicht unbedingt wissen. Anscheinend wusste er es jedoch auch so. Denn er grinste mich vielsagend an, bevor er mit Gerät in seiner Hand langsam über meinen Bauch fuhr, hielt dann jedoch plötzlich inne. Seine Stirn zog sich zusammen und sein Gesichtsausdruck veränderte sich, als er konzentriert auf den Bildschirm sah. Etwas besorgt fragte ich sofort nach, ob denn alles in Ordnung sei. Es machte mir Angst, als er anfing seinen Kopf zu schütteln. Die wenigen Minuten, indenen er seinen Blick abgewandt hatte, kamen mir schier unendlos vor. Irgendwann jedoch sah er endlich zu mir und ich versuchte, irgendetwas von seiner Miene herauszulesen. Doch Dr. Peters war nicht um sonst ein so guter Pokerspieler. Dieser Mann konnte ein Pokergesicht aufsetzen wie kein zweiter. „Anscheinend brauchen sie kein Rezept mehr.“ war das Einzige, was er mir gesagt hatte. Offensichtlich dachte er, ich hätte ihn verstanden. Ich jedoch verstand nur Bahnhof. Was wollte er mir bitteschön mitteilen?!


(Rückblende Ende)


Ein Kribbeln machte sich in meinem Körper breit, als ich an diesen Tag dachte. Nachdem der Anfangsschock erstmal überwunden war, hatte sich die Freude in meinem Körper breit gemacht. Ein Baby. Ein kleines Baby würde ich bekommen. Meine Hand war automatisch auf meinen Bauch gewandert. Es war zwar noch ziemlich klein und kaum sichtbar aber dennoch war es da, und das Wichtigste überhaupt – es war gesund. Zumindest meinte der Dr. dass die Pillen, die ich ahnungslos eingenommen hatte, dem Baby nicht geschadet hatten. An jenem Tag hatte ich wirklich geglaubt, dass meine Zukunft beginnen würde. „Du willst also wissen was mit mir los ist?!“ fuhr ich ihn regelrecht an. „An dem Tag als du mir verraten hast, dass du und Tamara …. eigentlich wollte ich mit dir in Ruhe über alles reden. Wollte dir erzählen dass ich … och scheiße.“ fluchte ich und fuhr mir aufgewühlt durchs Haar. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus, versuchte mich zusammenzureißen. Mein Blick hob sich etwas, sah ihn nun direkt an. Ich erkannte in seinen Augen, dass er es bereits ahnte. Dennoch sprach ich fester Stimme: „Ich bin schwanger Fritz.“ Noch immer blickte ich ihn an, beobachtete genau seine Reaktion. All seine Gesichtszüge entglitten ihm und auch sein Mund öffnete sich entsetzt. „Du … dddu …“ mehr brachte er nicht heraus. War wohl zu geschockt. Ich nickte ihm als Bestätigung noch einmal zu. „Ich bekomme ein Baby. Und bei mir besteht nicht die Möglichkeit, dass es nicht von dir wäre.“ sagte ich mit eiserner Stimme. Er entfernte sich einige Schritte von mir, fuhr sich aufgewühlt durchs Gesicht, fast als versuche er alles zu begreifen. „An dem Tag wollte ich dir genau das sagen. Und dann hast du mir gebeichtet, dass du bereits mit einer anderen ein Kind erwarten würdest. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie ich am Boden zerstört war.“ Ich hielt inne, als sich sein intensiver Blick nun auf mir befand. „Wieso hast du mir nichts gesagt? Du hättest es mir sagen müssen.“ brachte er völlig durcheinander hervor, bevor sich sein Blick etwas verdüsterte. „Hätte es heute nicht gegeben wärst du einfach so nach Bielefeld abgehauen und mir keinen Ton gesagt. Und was dann hm? Was wäre dann gewesen? Hätte ich in ein paar Jahren dann per Zufall davon erfahren?! Du wolltest mir mein Kind vorenthalten!!!“ Fritz wirkte angespannt und ich zuckte bei seinem schroffen Ton und seinem stechenden Blick zusammen. Tränen bildeten sich, als ich in seine leere Augen sah. Hatte ich mich doch geirrt? Hasste er mich jetzt etwa? Ich schniefe bei diesem Gedanken, dabei wollte ich doch nur das beste für das Kleine. Ich schüttelte den Kopf, versuchte seinen Blick auszublenden. „Du warst wochenlang so komisch. Ich dachte sogar du wolltest schluss machen. Und deine Gespräche mit Alex, der blöde Kommentar bei deinen Eltern, deine Reaktion bei Tamara … ich hatte Panik ich … Verdammt ich hatte jede verfluchte Nacht einen Albtraum. Malte mir darin deine mögliche Reaktion aus. Hörte ständig deine Worte, die du auch über Tamaras Baby gemeint hattest. Immer und immer wieder hab ich es dir gesagt. Und immer und immer wieder hast du mich angeschrien, dass du es nicht wolltest. Ich .. ich hatte angst, dass es nicht nur ein Albtraum sein könnte. Das hätte ich nicht ertragen.“ beendete ich mit gebrochener Stimme. Zum Ende hin war meine Stimme nun nicht mehr energisch wie zu Anfang sondern wurde immer mehr zu einem Flüstern. ZahlloseTränen rannen mir übers Gesicht, sodass ich meine Umgebung nur noch verschwommen wahrnahm. Es war mir einfach alles zu viel heute geworden. Zuerst das Geständnis von Tamara, deren Geburt und nun die Auseinandersetzung mit Fritz. Ich wusste einfach nicht mehr wo mir der Kopf steht. Der heutige Tag hatte stark an meinen Nerven gezerrt. Auch mein Körper schien dies zu spüren, denn ohne es vorherzusehen merkte ich, wie mir langsam die Beine nach gaben und ich drohte, umzufallen. Bevor ich jedoch komplett zusammenbrechen konnte, wurde ich von jemandem aufgefangen. Noch immer hatte ich keine besonders gute Sicht, trotzdem wusste ich, wer mich gerade in seinen Armen hielt. Denn diese wohlige Wärme löste nur er bei mir aus, wenn er mich berührte.

Er zog mich wieder hoch und schloss mich sofort in seine Arme. Ein Arm lag auf meiner Hüfte um mich zu stützen, während der andere meinen Kopf umschlungen hielt und ihn gegen seine Brust drückte. Sanft wiegte er mich in seinen Armen wie ein kleines Kind und versuchte mich einzulullen. Mein Körper entspannte sich wenige Augenblicke und langsam fing ich an, mich selbst fest an ihn zu drücken. Meine Tränen waren mittlerweile versiegt und dennoch hörte er mit seiner sanften Bewegung nicht auf. Er legte seine Wange auf meine Stirn und konnte somit seinen ruhigen Atem spüren, welcher mir eine Gänsehaut bescherte. Mein Herz fing wieder schneller an zu schlagen, als ich etwas feuchtes auf meiner Stirn spürte. Anscheinend hatte es auch ihm emotional etwas mitgenommen heute. Und auch seine gebrochene Stimme zeigte mir das nur allzu deutlich. „Verdammt es … es tut mir leid. Das alles galt doch überhaupt nicht dir sondern Tamara. Wenn … Wenn ich das gewusst hätte ich … ich hätte doch nie diese Worte ausgesprochen. Dass ich kein zweites Kind wollte, dass ich mir keine Zukunft vorstellen konnte …. damit warst nie du gemeint. Nie! Hörst du?“ Ich nickte nur. Nach seinen Worten hatte ich erneut damit zu kämpfen, die Tränen zurück zuhalten. Wie hatte ich nur so blind sein können? Bisher konnte ich die Dinge doch immer objektiv betrachten, wieso also dieses Mal nicht? Hatte mich die Angst wirklich das Offensichtliche übersehen lassen? Beinahe hätte ich den größten Fehler meines Lebens gemacht. Das hätte ich mir nie verziehen.

Ich spürte, wie seine rechte Hand sich von meinem Kopf löste und sich auf meine Wange legte und mich so drehte, dass ich ihn anblickte. Eine angenehme Wärme durchflog meinen Körper, als ich in seinen Augen so viel Freude und Liebe erkannte. Sanft strich er mit seinem Daumen über meine Haut, während er mich anlächelte. „Ich freue mich Josephine. Wir sind nicht sehr lange zusammen, aber ich weiß, dass wir das irgendwie hinbekommen werden. Also tu mir einen Gefallen und hör auf, über solche Sachen nachzudenken.“ Nach seinen Worten hatte es endlich auch mein Kopf verstanden, dass ich privat als Ermittlerin vollkommen versagt hatte – zum Glück. Er freute sich. Er wollte es genau so wie ich. Nun war auch auf meinem Gesicht ein Grinsen zu erkennen. Ich war erleichtert. Gott wenn er nur wüsste wie sehr ich erleichtert war. All diese Wochen, Monate voller Schmerz und Distanz waren wirklich völlig umsonst gewesen. Um eine Bestätigung zu erhalten, dass diese schreckliche Zeit endlich ein Ende genommen hatte, streckte ich mich ihm entgegen und drückte behutsam meine Lippen auf seine. Sofort fingen diese an, kräftig zu kribbeln. Kein Wunder. Zu lange hatte ich bereits darauf verzichten müssen. Doch in Zukunft würde ich nie wieder darauf entsagen, das schwor ich mir. Ab heute gab es nur noch ihn, mich … und den kleinen Wurm, der uns wohl schon bald ziemlich auf Trab halten würde.
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