Letzte Gedanken

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P12
Anne Frank
16.07.2014
16.07.2014
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Etwas weckte mich unterbewusst. Ein Geräusch.
‚Kommen sie etwa schon wieder mit ihren furchtbaren Stöcken um uns wach zu schlagen?‘, dachte ich.
Doch dann fiel mir auf dass das kein bösartiges Geräusch war. Es war… Vogelgezwitscher. Hier zwitscherten und sangen tatsächlich Vögel. Wäre ich nicht so hungrig und erschöpft und wäre mir nicht so furchtbar kalt dann würde ich vermutlich darüber lächeln und mich an dem munteren Gesang erfreuen, Hoffnung daraus schöpfen wie früher aus dem Kastanienbaum hinter dem Hinterhaus. Doch mittlerweile konnte ich nicht mehr tun als es zur Kenntnis zu nehmen. Irgendwie fühlte ich mich auch von den Vögeln verspottet. Es gab keinen Grund für Gesang. Außer vielleicht man war ein Deutscher. Oder auch nicht. Ich wusste es nicht. Ich hatte keine Ahnung mehr wie weit es mit dem Krieg war. Der Krieg, Hitler… Alles war unendlich weit weg obwohl ich mittendrin war in diesem Wahnsinn.

Ich hatte im Sitzen geschlafen, in eine dünne, zerfetzte Decke gehüllt, an einen harten Holzpfosten gelehnt. Meine „Kleidung“, den gestreiften Häftlingsanzug, hatte ich vor ein paar Tagen ausgezogen und achtlos irgendwo hingeschmissen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, überall die Flöhe auf meiner Haut zu spüren, die mich bissen, verrückt machten und durch den stinkigen, vor Dreck starren Stoff krochen.
Plötzlich fiel mir meine Schwester Margot wieder ein. Sie war entsetzlich krank. Typhus. Wie fast jeder hier. Ich hatte mich vermutlich auch angesteckt, aber ich war immer noch ein bisschen kräftiger als Margot. Ich hatte einen harten Kanten Brot für sie aufgehoben, damit sie nach dem Aufwachen etwas zu essen hatte.

‚Margot?‘, sagte ich und schaute runter auf meine schlafende Schwester, die ihren Kopf auf meinem Schoß abgelegt hatte. Das konnte nicht bequem sein, so knochig wie ich war. Noch knochiger als früher.
‚Margot?‘, versuchte ich es nochmal. Keine Reaktion.
‚Margot, die Vögel singen. Hörst du das? Margot??‘.
Ich schüttelte sie leicht an den Schultern. Sie rollte zur Seite und fiel von der harten Holzpritsche, welche uns als Schlaflager mehr oder weniger zur Verfügung stand, auf den dreckigen, mit Exkrementen verschmierten, vor Ungeziefer wimmelnden Boden. Und dort blieb sie regungslos liegen, mit dem Gesicht nach unten, den Körper seltsam verdreht.
‚Margot!‘ sagte ich nun etwas lauter.
Sie rührte sich nicht. Ich setzte mich auf den Boden neben sie und nahm ihren Kopf auf meinen Schoß. Sie war eiskalt. Eiskalt und steif. Meine Schwester, die einzige Angehörige die ich noch hatte, war gestorben. Ich war nun ganz allein. Allein hier in dieser Hölle aus der ich – laut den Aussagen der Deutschen – nur durch den Kamin wieder herauskam. Was das bedeutet wussten hier alle. Es war so hoffnungslos.

Die Anderen um mich herum wurden auf mich aufmerksam, vermutlich von meinem trockenen Schluchzen - für Tränen hatte meine Körper nicht mehr genug Flüssigkeit gespeichert.
Sie stürzten sich auf die Leiche meiner Schwester und rissen alles an sich was sie zu Greifen bekamen. Socken, ihre Hose, sie durchwühlten Margot nach Essen. Es war mir gleich. Ich konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Wir waren keine Menschen mehr, wir waren Tiere.
Ich starrte vor mich hin, bis die Aufseher kamen und uns wieder mal zu einem unnötigen Abzählen nach draußen auf den Platz beorderten. Ich konnte nicht aufstehen, ich konnte einfach nicht weg von Margot. Ich klammerte mich verzweifelt an ihr fest. Doch auf einmal war meine Bekannte Janny Brandes neben mir und zerrte mich hoch, weg von meiner Schwester und raus auf den Platz. Auch wenn sie mir damit das Leben rettete fühlte es sich so an als würde mein Tod nur gestundet werden.

Als wir nach endlos scheinenden Stunden wieder in die Baracke krochen – es war schon eine ganze Weile dunkel – war Margot fort. Und ich allein. Den letzten Halt hatte ich verloren. Wofür weiter leben? Das hier war schon lange kein Leben mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich legte mich auf den Boden, rollte mich zusammen und wartete auf den Tod.
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