Das Lied von Melisandre

von baronesse
DrabbleFantasy / P12
Jon Schnee Melisandre Stannis Baratheon
15.07.2014
15.07.2014
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Das Lied von Melisandre


Du schaust in die Flammen und wünschst, du könntest mitten in ihnen stehen, dich verzehren lassen, so wie der Hunger dich verzehrt, dich wärmen, wie es sonst nur die Schläge deines Besitzers tun.
Du starrst in die Flammen und fragst dich, ob es ein Leben jenseits davon gibt, ob es für dich überhaupt ein Leben gibt.
Was hat das alles für einen Sinn? Du atmest, aber dein Leben gehört nicht dir, du rennst und bist nicht frei, du bist da, aber nicht für dich selbst.
Du suchst nach etwas … einem Sinn.
Du suchst in den Flammen.
Und dann findest du.



Du schaust in die Flammen und wünschst, du würdest etwas sehen.
„Sieh da“, wispern sie. „Sieh, sieh hin.“
Schatten tanzen um dich herum, Schatten, die du meistern und binden sollst. Du beherrschst diese Kunst nicht, du hast noch nicht gelernt, in den Flammen zu lesen.
Dafür hast du jetzt einen Sinn, du bist eine von ihnen, du gehörst zu R’hllor.
Es ist besser, die Sklavin eines Gottes zu sein als die eines Mannes.
Er gibt dir Macht. Er gibt dir Sicherheit. Er gibt dir einen Sinn.
Und dann schaust du in die Flammen und siehst in ihnen Azor Ahai.



Du schaust in die Flammen. Das Bild ist klar.
Lange Jahre sind vergangen und du weißt, dass der Mann, der dazu bestimmt ist, für R’hllor zu kämpfen und den Anderen, dessen Namen du niemals aussprichst, zu besiegen, reif für deine Worte ist.
Er ist Azor Ahai und du wirst seine Beraterin, seine Helferin, seine Priesterin sein.
Du bist nicht länger Melony; diesen Namen hast du abgelegt, seit du deinen Sinn gefunden hast.
Du bist eine Priesterin R’hllors, eine Schattenbinderin, und niemand hält dich auf, als du erklärst, dass du ans andere Ende der Welt reisen wirst.
Nach Westeros.



Du schaust in die Flammen und siehst deinen eigenen Tod.
Deinen geplanten Tod, sofern die Götter es wollen, aber du bist dir sicher, dass es nur einen Gott gibt und R’hllor dich beschützen wird. Du hast nicht umsonst so lange Jahre in Asshai verbracht.
Also nimmst du dankend den Kelch entgegen, hebst ihn an deine Lippen, wartest, bis alle Augen im Raum auf dich gerichtet sind und trinkst das Gift, das der Maester dir reicht, als wäre es ein guter Wein.
Ungläubig starrt er dich an, trinkt selbst und stirbt.
So wie du es in den Flammen gesehen hast.



Du schaust in die Flammen, Stannis an deiner Seite.
„Was siehst du?“ Er hält taktvoll Abstand, hält sich für einen Ehrenmann, weiß nicht, dass er dich haben kann, dass du ihm gehörst, weil er Azor Ahai ist.
„Ich sehe Euch, mein König.“ Du drehst dich um und hebst die Hand, um über seine Wange zu streichen und wisperst in sein Ohr: „Ich sehe Euren Sohn, den Ihr von mir haben werdet.“
Er lässt sich zu dir ziehen, er gibt dir das Königliche, was in seinen Adern fließt, und du erschaffst einen Schatten, der seinen Bruder tötet.
Alles hat seinen Sinn.



Du schaust in die Flammen und unterdrückst ein Murren, weil du siehst, was passieren wird, weil du siehst, was geschehen muss.
Sie werden nach King’s Landing segeln und eine Niederlage erleiden.
Du wirst nichts tun können um sie aufzuhalten, um diese Männer zu retten, die im Namen R’hllors in die grünen Flammen eingehen werden. Deine Visionen sind immer akkurat, deine Visionen werden immer wahr.
Um den Freund zu retten, der einmal Stannis retten wird, musst du bleiben und untätig warten und die anderen sterben lassen. Alles für Azor Ahai.
Er ist der einzige, der am Leben bleiben muss.



Du schaust in die Flammen und siehst einmal mehr deinen eigenen Tod.
Diesmal ist es Davos, der Mann, den du gerade erst vor Stannis gerettet hast, der dir das derart vergelten will. Menschen sind undankbare Geschöpfe, kurzsichtig und einfältig. Dieser Mann ist nicht in der Lage, zum wahren Glauben zu finden.
„Lass ihn mich beseitigen“, murrst du und wartest, dass R’hllor wie schon so häufig zu dir spricht, suchst nach einem Zeichen.
Es gibt keines.
Für Davos ist Stannis der einzig wahre Gott. Alles läuft zusammen in Stannis. Er ist euer beider Sinn und dafür lässt du ihn leben.



Du schaust in die Flammen und siehst nicht nur Feuer, sondern Wärme, die hier oben im Norden lebensnotwendig ist. Um dich herum kämpfen und sterben sie, aber der wahre Feind ist noch verborgen.
Hier oben kannst du ihn spüren, kannst beinahe sehen, wie der Andere seine Kräfte ballt und darauf lauert, dass du dir eine Schwäche erlaubst. Dass Azor Ahai schwächelt.
Alles, was du tust, ist darauf gerichtet, dass er überlebt, dass er die Oberhand behält, dass er gewinnen kann. Stannis ist das einzige, was wichtig ist, das einzige zwischen der Welt und dem Dunkel.
Er ist der lebende Sinn.



Du schaust in die Flammen und suchst verzweifelt nach den Bildern, die du sonst immer siehst. Wo ist R’hllor? Warum sagt er nichts?
Du suchst nach Azor Ahai und siehst nur Schnee. Es ist eine Botschaft, die du nicht verstehst. Wieso Schnee? Was hat er mit der Sache zu tun?
Da sind Dolche im Dunkel, Freunde, die Feinde werden und ein lauernder Schatten, der euch alle zu vernichten droht. Du verstehst nicht, warum du nicht Stannis siehst.
All die Jahre, all die Bilder in den Flammen und plötzlich siehst du Schnee.
Lord Kommandant Jon Schnee.
Du verstehst nicht warum.



Du schaust in die Flammen, ohne nach weiteren Antworten zu suchen.
Dafür ist es längst zu spät. Viele Jahre hast du an Stannis geglaubt, dass er der Retter ist, aber es war immer Jon Schnee. Azor Ahai. Der versprochene Prinz.
Und weil du zu spät verstanden hast, stehst du hier bei seiner Bestattung, welche die Freunde ausrichten, die ihm die Dolche in den Rücken gestochen haben.
Stehst und siehst, wie sie die Fackel senken. Und dann fängt der Sinn Feuer.
Azor Ahai wird zu Asche und die Welt, so weißt du, wird ins Dunkel fallen.
Wegen deines Fehlers. Wegen Schnee.



Anm.: Dieser etwas späte Beitrag ist zum Wenn der Sinn Feuer fängt-Wettbewerb von Isana entstanden. Die Wettbewerbsidee ist wundervoll! Mein Beitrag leider eher weniger, ich bin kein großer Drabblemeister, fürchte ich und eine andere Idee kam nicht mehr.
Die Wörter stimmen übrigens nur mit dem bluedoc-Zähler, nicht mit Word, da R'hllor dort (und meines Erachtens) nur ein Wort wäre.
Ein großes Dankeschön an littleblackcat für das spontane Betalesen!
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