The Tracy Chronicles

von - Leela -
GeschichteAngst, Freundschaft / P12
Eddie Futura Jake Tracy
09.07.2014
05.10.2014
2
12332
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Zwischen den Stühlen

Das Feuer prasselte leise und rhythmisch in dem rustikalen Kamin der in dunklem Holz gehaltenen Bibliothek. In dem großen Lehnsessel davor saß der Gorilla in seinem Morgenmantel und rauchte gemütlich seine Pfeife. Tracy wußte nicht mehr genau, seit wann er damit angefangen hatte, Pfeife zu rauchen. Es war gewesen, als er zufällig in dem kleinen Laden für Süß- und Tabakwaren den Pfeifentabak mit Bananenaroma entdeckt hatte. Seither war er Stammkunde in dem Laden, und ließ sich neben Bananenpralinen auch immer ein Päckchen von dem Tabak zurücklegen.
      Gedankenvoll sah der langjährige Ghostbuster auf den gemauerten Schornstein über dem Kamin, und doch fast wie in eine ferne Welt durch das Gemäuer hindurch. Sein alter Fedora hing dort – direkt über dem Foto von ihm zusammen mit seinen Partnern Jake und Eddy, das auf dem Kaminsims stand. Lange Jahre waren sie zusammen im Geschäft gewesen, bis er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Es war eine interessante, bisweilen aufregende und spektakuläre Zeit gewesen, vor allem aber die schönste in seinem Leben.
      Als seine Gedanken in die Vergangenheit schweiften, erinnerte er sich plötzlich an eine Begebenheit, und er hielt sie einen Moment im Geiste fest. Ja, selbst in ihrer Freundschaft war nicht immer alles so gelaufen, wie er es erwartet hätte, und manchmal hatte es Situationen gegeben, die den Gorilla an den Rand der Verzweiflung getrieben hatten. Als er an dieses spezielle Beispiel zurückdachte, wußte er nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Ein hilfloses Lächeln und ein Seufzen, das beschrieb die Situation am besten.
      Plötzlich stand der Altghostbuster abrupt auf. Er hatte die Szene wieder so deutlich vor Augen, sie rief förmlich danach, niedergeschrieben zu werden. Und so setzte der alte Gorilla sich an sein Schreibpult, nahm seine Brille, schlug das Buch auf der nächsten freien Seite auf, und begann zu schreiben:

»Kapitel 2«

      Er betrachtete die Überschrift einen Augenblick entzückt. Ja, diese kleine Anekdote eignete sich nach der eher schweren Materie aus seiner ersten Geschichte sehr für das nächste Kapitel seiner Chronicles; – auch wenn sie ihn damals einem Nervenzusammenbruch nahegeführt hatte. Er tauchte die Feder erneut in das Fäßchen mit der schwarzen Tinte und begann konzentriert zu schreiben:

      „Als Tasha damals bei uns im Ghostkommando einzog, änderte sich alles. Ich muß gestehen, ich war beeindruckt, was für eine hübsche junge Frau aus dem kleinen Mädchen, das ich von früher kannte, geworden war. Jake war völlig aus dem Häuschen, wieder Zeit mit seiner Cousine und besten Freundin aus Kindertagen verbringen zu können. Und Eddy… Ja, Eddy war zum ersten Mal richtig verliebt! Na gut, vielleicht nicht zum ersten Mal, aber so habe ich ihn noch nie erlebt!
      Diese Geschichte soll aber nicht davon handeln, wie sie zu uns kam und unsere Herzen aufmischte, sondern spielt einige Zeit später, als sie und Eddy schon längst glücklich zusammen waren. Ich erinnere mich, es war ein 16. November, ein Tag vor Tashas Geburtstag. Ich arbeitete gerade in der Küche und probierte mich an einer Bananen-Quiche, als Eddy zu mir kam. Er sah sich schnell um, als wolle er sicherstellen, daß wir allein waren, und gesellte sich verschwörerisch zu mir an den Backofen. ‚Trace, ich brauche deine Hilfe!‘ sagte er zu mir. ‚Ich habe mir etwas Tolles für Tashas Geburtstag ausgedacht.‘ Und dann erzählte er mir in allen schillernden Farben von dem Tag auf der Schlittschuhbahn, mit der Lasershow, die er extra zu ihrem Geburtstag vorhatte zu arrangieren, und dem anschließenden Candellight-Dinner auf der Dachterrasse eines exklusiven Restaurants, das er für sie organisieren wollte. Ist er nicht ein Romantiker? Das einzige, was ich tun sollte war, sicherzustellen, daß Tasha keinen Verdacht schöpfte, während er alles organisierte. Nun, das sollte mir nicht weiter schwerfallen. Ich war schon immer gut darin gewesen, die Aufmerksamkeit anderer Leute auf mich zu ziehen. ‚Aber es muß unter uns bleiben!‘ schloß mein Freund. ‚Wenn Tasha durch einen blöden Zufall schon vorher von irgend jemandem davon erfährt, vergesse ich mich!‘ Nun, das war eine Aussage! Diese mit Nachdruck gesprochenen Worte werde ich wohl mein Lebtag nicht mehr vergessen. So weit, so gut! Bei mir ist ein Geheimnis sicher! Ich denke, das wußte er, deswegen kam er zu mir. Und ich war mir sicher, der nächste Tag würde ein grandioser Tag werden, bis…“

Eddy atmete tief durch. „Danke, Tracy! Du bist wirklich ein Freund!“ Er klopfte seinem Kameraden auf die Schulter und verließ die Küche wieder.
      Tracy sah ihm einen Augenblick mit einem Schmunzeln nach und schaute dann wieder nach seiner Quiche. Er hatte gerade die vorbereitete Auflaufform in den vorgeheizten Backofen gestellt und die Zeit eingestellt, als Jake sich zu ihm in die Küche gesellte. Auch er wirkte aufgeregt.
      „Na, alles klar?“ begrüßte der Gorilla seinen Kameraden.
      „Tracy, kann ich mal mit dir reden?“ stellte er die Gegenfrage.
      „Na, sicher!“
      Jake lehnte sich gegen die Küchenzeile, fast auf die gleiche Art, wie Eddy es zuvor getan hatte; auch wenn er das nicht wissen konnte. „Ich habe mir für morgen etwas einfallen lassen. Du weißt schon, für Tashas Geburtstag! Ich meine, ich will etwas Besonderes für sie machen, und da sie ja so auf Action steht, will ich einen Besuch im Freizeitpark organisieren! Was hältst du von der Idee?“
      Tracy konnte nicht verhindern, daß ihm die Gesichtszüge entglitten. Doch es war nicht die Idee an sich, die das bewirkte, sondern der Interessenkonflikt, in den er gerade riet. „Äh…“
      Jake hielt verunsichert inne. „Meinst du, es wäre nicht so gut?“
      Tracy wußte gar nicht, was er darauf sagen sollte. Er konnte schlecht Jake von Eddys Idee erzählen, nachdem er seinem Freund schon versprochen hatte, das Geheimnis für sich zu behalten. Aber zu lügen, indem er Jakes Aussage bestätigte, nur um ihn von seiner Idee abzubringen, brachte er auch nicht übers Herz, zumal er wußte, daß Jake bei Tasha genau ins Schwarze treffen würde.
      Er zögerte einen Moment zu lange, denn Jake fuhr bereits fort: „Ich habe mir das so gedacht: Geburtstagskinder haben im Freizeitpark freien Eintritt, und für uns, also für dich, Eddy, Turi und mich, würde ich den Eintritt übernehmen. Und im Park hat Tasha alles bei mir frei, wo man etwas bezahlen muß, inklusive Essen und Getränke! Wir müssen es morgen dann nur organisiert kriegen, daß wir uns alle zusammen früh hier treffen! Meinst du, das kriegen wir hin?“
      „Theoretisch…“ begann der Gorilla ausweichend.
      „Super! Bitte erzähle niemandem etwas davon. Ich will das Risiko, daß Tasha schon vorher etwas mitkriegt, so gering wie möglich halten!“
      Tracy fixierte seinen Partner, als überlege er, ob ihm der Sinn danach stand, ihm eine runterzuhauen.
      „Ich verlasse mich auf dich!“ Jake Lächeln war gewinnend, als er schon wieder auf dem Sprung nach draußen war. „Hoffentlich werde ich nicht arm dabei!“ kommentierte noch, und war schon wieder aus der Küche verschwunden.

„Und ab hier wurde es kompliziert. Wenn ich aber dachte, die Challenge wäre damit ausgereizt, so hatte ich mich geirrt!“

Tracy überlegte fieberhaft, wie er aus der Bredouille wieder herauskam, und schrak zusammen, als das Piepsen plötzlich anzeigte, daß die Backofenzeit abgelaufen war. In dem Moment beglückwünschte er die Erfinder der Alarmfunktion, denn sonst wäre die Bananenquiche zu einer Kohlequiche geworden, da war er sich sicher. Schnell switschte er um und konzentrierte sich erst einmal darauf, die Quiche aus dem Ofen zu holen.
      Er hatte sie gerade zum Auskühlen auf das bereitgelegte Brett gestellt, als Futura direkt in der Küche materialisierte und fröhlich zu ihm herüberkam. „Hey, Tracy!“
      „Hallo, Futura!“ begrüßte er sie zurück.
      „Na, wie geht’s?“
      „Alles Oki Doki!“
      „Du, ich muß dir unbedingt was erzählen!“ erklärte sie euphorisch, während sie sich zu ihm auf die Arbeitsfläche lehnte. „Aber das muß noch unter uns bleiben. Zu niemandem ein Wort, ja?“
      Tracy hielt elektrisiert inne. Warum nur ahnte er, auf was das jetzt herauslaufen würde?
      Sie schien seinen ernsten Blick bereits als Zustimmung zu werten, denn sie erzählte weiter: „Bei uns in der Zukunft kann man seit neuestem einen kleinen Sternenkreuzer mieten und einen Tagesausflug durch die Galaxie machen. Ich habe mir überlegt, daß ich Tasha eine Geburtstagsparty auf dem Sternenkreuzer zum Geburtstag schenken möchte! Das würde ihr sicher gefallen!“
      „Davon bin ich überzeugt…“ hörte Tracy sich wie in Trance sagen, während sich seine Gedanken überschlugen. Vor seinem inneren Augen entstand das Bild einer Box, in der Zettel mit Geburtstagsideen für die Studentin gesammelt wurden, aus denen sie dann für mindestens drei Jahre lang je ein neues Event ziehen konnten.
      „Super! Würdest du es organisieren, daß wir uns morgen früh hier treffen können? Ich nehme euch vier dann mit zu mir auf die Mondstation. Von dort würden wir dann starten!“ Tracy sah sie verbissen an, was die junge Frau aus der Zukunft allem Anschein nach erneut als Zustimmung wertete, ohne überhaupt in Erwägung zu ziehen, daß der Gorilla dementieren könnte, denn sie lächelte strahlend und gab den Gorilla einen Kuß auf die Wange. „Du bist ein Schatz, Tracy! Dann würde ich sagen, wir sehen uns morgen früh. – Bitte sage auch Eddy und Jake nichts davon. Dann ist die Überraschung um so größer!“ fügte sie vorsichtshalber noch einmal an.
      ‚Davon bin ich überzeugt!‘ dachte Tracy mißmutig.
      „Ich gehe noch mal ein bißchen recherchieren.“ erklärte die junge Frau euphorisch. „Also, bis morgen!“ Sie dematerialisierte sich vor seinen Augen, bevor er noch ein Veto einlegen konnte.
      Tracy verdrehte die Augen und ärgerte sich, daß er nicht schneller geschaltet hatte, um zu intervenieren. Warum nur mußten alle ausgerechnet ihn als Vertrauensperson auswählen? Andererseits… Besser so, als wenn jeder jemand anderem darüber erzählte, und am nächsten Tag alles in einem Desaster endete. So konnte er vielleicht noch irgend etwas koordinieren, so daß alle zum Zuge kamen, ohne sich zu überschneiden. Der Gorilla sah gen Zimmerdecke. Das wurde eine Herausforderung! In seinem Geiste manifestierte sich das skurrile Bild eines Sternenkreuzers, dessen Aussichtslounge aus einer Eisbahn bestand, um die herum eine Achterbahn gebaut war.
      „Hi Trace!“
      Tashas Stimme schreckte den Gorilla aus den Gedanken. „Oh, hi, Tasha!“
      Die junge Studentin blieb neugierig vor dem Backofen stehen. „Was machst du da?“
      „Bananen-Quiche!“ erklärte er, während er nun den Backofen endlich ganz ausschaltete, und die fertige Quiche anschnitt.
      „Wow. Das hört sich toll an!“ Sie setzte sich zu ihm auf die Arbeitsfläche, während er versuchte, seine Gedanken zu Ende zu bringen, ohne sich etwas vor ihr anmerken zu lassen. „Machst du mir morgen auch eine?“ fragte sie indes mit einem hoffnungsvollen Lächeln.
      „Sicher!“ sagte Tracy zu.
      Tashas Grinsen war entwaffnend. Dann sah sie gedankenvoll vor sich. „Weißt du was, Trace, ich freue mich schon richtig auf einen ruhigen Geburtstag. Ohne viel Action oder Brimborium. Ich hoffe nur, niemand kommt auf die Idee, eine Überraschungsparty zu planen. Da habe ich dieses Jahr überhaupt keine Lust drauf!“
      Der Gorilla zuckte merklich zusammen und war froh, daß das Mädchen gerade an ihm vorbei sah und es so nicht bemerkte. „Wie meinst du das?“ fragte er, möglichst unverfänglich.
      „Naja, du weißt ja, eigentlich bin ich für alles zu haben. Aber ich habe keine Lust, morgen ganz groß im Mittelpunkt zu stehen. Das ist mein erster Geburtstag hier, den ich richtig mit euch allen zusammen feiere, und das möchte ich ganz ohne viel Action genießen. Ich möchte ganz einfach nur mit euch hier zusammen sein, mit dir, Eddy, Jake und Futura. Mit Bananentorte - oder -quiche - und Cappuccino, und ein paar tollen Gesellschaftsspielen. So richtig klassisch, nostalgisch, ohne daß ich groß irgend etwas vorbereiten muß, oder mich für irgend etwas fertig machen muß. Das wäre traumhaft.“
      „Hast du das den anderen so gesagt?“ ließ sich Tracy überrascht vernehmen.
      „Nein, nur jetzt dir!“ meinte sie. „Ich meine, was soll morgen schon groß passieren? Zuerst werden ein paar Geschenke aufgemacht, und dann kommt der gemütliche Teil. Das wird so toll…“
      Tracy mußte sich von seiner Sprachlosigkeit erholen – gerade als er dazu ansetzen wollte, ihr zu stecken, daß sie dies vielleicht auch bei den anderen verkünden sollte, sprang sie aber bereits wieder von der Küchenzeile. „So, ich muß los, wir haben gleich noch mal Studienkreis. Also, bis später!“
      Der trostlose Gorilla konnte nichts anderes mehr tun, als ihr nachzusehen, wie sie die Küche verließ. Mit einem tiefen Seufzen verdrehte er die Augen und sank an der Küchenzeile ein Stück in sich zusammen. Wie sollte er das denn jetzt Eddy, Jake und Futura beibringen, wo sich jeder von ihnen schon so auf seine Überraschung freute…?

„Drastische Situationen erfordern drastische Maßnahmen! Ich hatte also eine Pattsituation: Ich hatte drei gute Freunde, die sich alle etwas Tolles für Tasha hatten einfallen lassen, und wovon jeweils nur eine Idee zur Zeit realisierbar war, und hatte allen dreien versprochen, zu niemandem etwas zu sagen. Und auf der anderen Seite hatte ich das Geburtstagskind, das mir deutlich signalisiert hatte, daß sie nichts davon wollte, ohne überhaupt zu wissen, was da an Planungen im Hintergrund liefen. Und ich wußte genau, wenn ich für irgendeinen einstand, wären die anderen traurig.
      Ich sah Eddy schon förmlich vor mir, wie er mir die Freundschaft aufkündigte, Jake, der nie wieder ein Wort mit mir sprach, und Futura, die mir Zeit ihres Lebens mit einem speziellen Unterton von romantischen Sternenkreuzer-Ausflügen vorschwärmen würde. – Nun gut, das ist vielleicht ein bißchen übertrieben gewesen. Aber ich konnte mich gegen das Horrorszenario in meinem Kopf nicht wehren, das passieren würde, wenn am nächsten Tag alle Ideen miteinander kollidierten, und Tasha ihnen dann sagen würde, daß sie ohnehin zu dem ganzen Kram keine Lust hatte. Es mußte eine Lösung her, und zwar schnell! – Und welche Lösung kommt einem Ghostbuster dabei als erstes in den Sinn? Zugestanden, es war nicht die intelligenteste, aber sie hat gewirkt…“

Tracy wußte nicht mehr ein noch aus. Seine Freunde hatten ihn systematisch, als hätten sie sich abgesprochen, emotional festgesetzt. Er wartete und hoffte förmlich darauf, daß sie plötzlich alle gemeinsam in die Küche gesprungen kamen und riefen „April, April!“ Doch das taten sie nicht! Zudem war es November.
      Er wußte, er mußte handeln, bevor es am nächsten Tag zum Desaster kam. Er durfte es gar nicht erst so weit kommen lassen. Aber wie sollte er das anstellen? Er konnte praktisch nur noch darauf hoffen, daß am nächsten Morgen ein Geisterjägerauftrag reinkam…
      Der Gedanke hatte sich gerade in Tracys Bewußtsein manifestiert, als ihm der Atem stockte. Das war es! Ab da kam Leben in den Gorilla. Schnell zog er die Schürze aus und legte die Kochmütze ab, und verschwand aus der Küche. Schnell überlegte er. Er brauchte einen recht harmlosen Geist. Dann erinnerte er sich an Gregory. Der Geist hauste seit einem merkwürdigen Zwischenfall mit einem verwunschenen Dudelsack in den Zwischenebenen vom Ghostkommando, ohne daß sich jemand an ihn erinnerte. Jetzt erinnerte sich Tracy! Und er begab sich auf die Suche nach eben diesem Geist!
      Er fand Gregory schließlich mit dem Spuk- und Geistererscheinungsfeldstärkenmesser auf dem Dachboden des Geisterkommandos. Der harmlose Geist schreckte selbst ein wenig zusammen, als der Ghostbuster sich zu ihm gesellte. „Keine Sorge!“ beruhigte Tracy ihn. „Ich brauche deine Hilfe!“
      Neugierig kam Gregory näher. „Von was für einer Art »Hilfe« sprichst du?“
      „Du sollst nur einen Tag lang für mich spuken!“ erklärte Tracy, und hatte damit Gregorys Interesse geweckt. Das klang nach einer Menge Spaß, bei dem er das tun konnte, was er am besten konnte. Tracy sah sich schnell um und lehnte sich verschwörerisch zu Gregory vor. „Also, ich habe mir das so gedacht…“

Tracy hatte zusammen mit Gregory alles bis ins kleinste Detail vorbereitet, und er hoffte, seine Warnung, Gregory würde im Zweifel definitiv dem Dematerialisator zum Opfer fallen, würde dafür sorgen, daß der Geist in keiner einzigen Instanz patzte. Jetzt kam es in jeder Phase auf das richtige Timing an!
      Als der Gorilla an diesem Morgen in das Büro kam, stand Jake schon aufgeregt dort, als warte er förmlich nur noch auf die anderen. Er grinste den Gorilla an und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
      Tracy grinste kurz zurück und beschwor Gregory innerlich, sich an den Plan zu halten.
      Nur kurze Zeit später kam Eddy zu ihnen in das Zimmer und sah sich noch mal schnell um, als wolle er vermeiden, daß Tasha ihn überraschte. Er atmete euphorisch durch, und zwinkerte Tracy ebenfalls zu.
      Tracys Blick schnellte zu Jake, der aber bereits durch das Zimmer tigerte, und es gar nicht mitbekommen hatte.
      „Ist Tasha schon auf?“ erkundigte sich Jake möglichst unverfänglich.
      „Sie kommt gleich. Ich habe sie noch ein wenig schlafen lassen. Gestern ist es doch etwas später geworden beim Studienkreis.“ erklärte der Brünette.
      „Was hast du denn für Tasha zum Geburtstag?“ fragte Jake seinen Kumpel, und ließ Tracy bei der Frage förmlich erstarren.
      „Etwas ganz besonderes!“ meinte Eddy verheißungsvoll, ohne eine weitere Erklärung.
      „Na, das war mir klar!“ kommentierte Jake lachend.
      Indes materialisierte Futura mit einem freudestrahlenden Grinsen und – zwinkerte Tracy zu.
      Der fühlte sich immer unwohler in seiner Haut.
      Nach einer kurzen Begrüßung fragte das Mädchen aus der Zukunft: „Wann dürfen wir denn mit dem Geburtstagskind rechnen?“
      Eddy spürte den Blick von Futura unwillkürlich auf sich ruhen, während Tracy nervös das Telefon fixierte. „Sie war jedenfalls eben schon im Bad!“ gab der Freund der Blonden Auskunft.
      „Ich bin mal gespannt, was sie zu meiner Überraschung sagt!“ erwähnte Futura, ohne näher zu erläutern, worum es ging.
      „Das bin ich auch!“ stimmte Jake euphorisch ein. „Ich meine, was sie zu meiner Überraschung sagt!“
      Tracy patrouillierte durch den Raum und beobachtete das Geschehen angespannt. Einerseits wäre es die Gelegenheit, Gregory zu erlösen, wenn die drei ihre Geheimnisse schon ohne jedes zutun lüfteten; hätte er nicht bereits jetzt die drei anklagenden Blicke auf sich ruhen gespürt, wenn sie herausfanden, daß er von allen drei Aktionen gewußt hatte…
      „Guten Morgen!“ klang es indes von der Tür, so unerwartet simpel und entspannt, daß es in einem grotesken Gegensatz zu der Aufregung der anderen stand. Die vier Freunde wandten sich automatisch zu Tasha um, drei davon atemlos und in freudiger Erwartung, einer davon - der einzige von ihnen, der Fell trug - aufgewühlt und verbissen.
      „Happy Birthday!“ riefen Eddy, Futura und Jake im Chor – das einzige, was ohne vorherige Absprache reibungslos geklappt hatte.
      In dem Augenblick klingelte das Skelefon; und Tracy atmete innerlich erleichtert durch. Das Timing hätte nicht besser sein können!
      Jake ging etwas irritiert zum Schreibtisch und nahm den Hörer ab. „Ghostbusterbüro, Jake Kong hier? Ja? Ja…“ Die anderen beobachteten ihn forschend, während sein Gesichtsausdruck immer ernster wurde. „Äh, ja… Ich habe verstanden. Wir sind gleich bei Ihnen.“ Deutlich demoralisiert legte Jake auf und konnte es sich nicht nehmen lassen frustriert zu seufzen. „Ich fürchte, bevor wir zu den Glückwünschereien kommen, müssen wir einen Auftrag erledigen. Das war ein Anruf von einem Geschäftsmann aus dem Neubauviertel. Dort werden anscheinend ein paar Büroebenen aufs Übelste bespukt.“
      „Wie… meinst du das mit… »aufs Übelste«?“ erkundigte sich Eddy vorsichtig.
      „So, daß ich sogar Tashas Geburtstagsparty gerade mal den Nachrang nach der Geisterjagd geben muß.“ erklärte Jake mit resigniertem Ernst.
      Eddys Gesichtsausdruck sagte, daß genau das nicht das gewesen war, was er hatte hören wollen.
      Jake machte eine entschuldigende Geste. „Es tut mir leid! Das hier ist ernst. Also, auf geht’s, Ghostbusters!“
      Eddy erdolchte ihn mit einem Blick. „Kannst du das nicht einmal heute sein lassen?“ fragte er, auch wenn der Schlachtruf heute ohne jegliche Euphorie von Jake gekommen war.
      Ziemlich niedergeschlagen machte sich die Truppe gemeinsam auf den Weg zum Ghostbuggy; sogar Tracy schaffte es, eine authentische Betrübnis vorzuspielen, auch wenn er gerade mehr als beruhigt war.

„Gregory machte seine Sache mehr als gut. Den Anruf, den er selbst getätigt hatte, um unser Team auf seine eigene Fährte zu lenken, hätte ich nicht besser machen können. Und wir jagten den Geist ungelogen den ganzen Tag durch das Gebäude, wobei ich mehr als einmal unbemerkt intervenierte, damit weder Eddy, noch Jake, oder gar Futura ihn zu fassen bekamen – obwohl das gar nicht so leicht war, bei der verbissenen Motivation, welche die drei gerade diesmal an den Tag legten.
      Es war später Abend, als ich Gregory aus seinem Dienst erlöste und den Geist nach Hause schickte. Während er sich auf seinen Rückzug begab, schoß ich einmal mit dem Dematerialisator ins Leere. Anschließend brauchte ich den anderen nur noch zu erzählen, daß ich den Geist »endlich« erwischt hatte. Sie glaubten es mir alle. Warum hätten sie auch nicht?
      Es tat mir weh, daß ich das Vertrauen, das alle vier in mich gesetzt hatten, auf so schamlose Weise mißbrauchte. Aber es war ein Selbstschutz gewesen, damit ich das Vertrauen nicht offensichtlich auf andere Weise brechen mußte. Ich weiß, es war ein gewagtes, überdimensioniertes Spiel gewesen, und sicher hätte es geschicktere Maßnahmen gegeben. Doch ich wußte mir damals auf die knappe Zeit einfach nicht anders zu helfen.
      Wir machten uns schließlich auf den Heimweg, und als wir spät am Abend im Büro des Ghostkommandos ankamen, waren Jake, Futura und Eddy trotzdem deprimiert. Einzig und allein Tasha war voller Elan und grinste freudig, trotz all der Action. „Das war der genialste Geburtstag aller Zeiten!“ verkündete sie euphorisch, ohne sich über das, was um sie herum passierte und passiert war, bewußt zu sein. Wir vier sahen uns nur entgeistert an, und grinsten schließlich ebenfalls hilflos. Warum hätten wir uns auch nicht mit ihr freuen sollen, an ihrem Geburtstag?
      Daß es nun einmal ausgerechnet mein Event war, das sich ungeplant gegen alle anderen Ideen durchgesetzt hatte, nun… Es war so nicht geplant gewesen, und ich würde es den anderen sicherlich auch niemals erzählen. Das war das wichtigste: Daß niemand von den anderen jemals erfuhr, welche Fäden ich im Hintergrund gezogen habe.
      Am nächsten Tag hatte Eddy mit Tasha den Tag auf der Schlittschuhbahn und das Candellight-Dinner nachgeholt. Ich bin mir nicht sicher, wie er es geschafft hatte, aber es war ihm sogar gelungen, die Lasershow um einen Tag zu verschieben. Es erklärte mir im Nachhinein aber auch, warum Eddy sich bei der Jagd nach Gregory plötzlich kurzfristig in einem der Büroräume verschanzt hatte.
      Am Wochenende waren wir dann mit Jake als Gastgeber im Freizeitpark gewesen, und auch wenn Tasha an dem Tag keinen freien Eintritt mehr hatte, ließ er es sich nicht nehmen, für uns alle den Eintritt zu spendieren, und wir hatten eine Menge Spaß.
      Und Futura hatte Tasha und ihre Geburtstagsgesellschaft schließlich wenige Tage später auf die Sternenkreuzfahrt eingeladen, die sie schnell in der Zeit umgebucht haben mußte, als ich sie im Bürogebäude für einen Moment aus den Augen verloren hatte.
      So war doch noch jeder zum Zuge gekommen – oder besser gesagt, so war überhaupt erst jeder zum Zuge gekommen. Und jedes Event war für sich ein voller Erfolg gewesen.
      Das einzige, was Tasha zu ihrem Geburtstag verwehrt geblieben ist, war der nostalgische Abend mit Gesellschaftsspielen und Bananenquiche. Aber das haben wir dann zu einer anderen Gelegenheit noch mal nachgeholt.

      Der Gorilla legte die Feder beiseite, faltete die Hände und sah auf die langsam trocknende Tinte. Ein leises Schmunzeln huschte über seine Lippen.
      Er dachte an die Tage zurück, die auf Tashas Geburtstag gefolgt waren. Er wußte nicht, welches Glück ihm dabei hold gewesen war, doch anscheinend hatte tatsächlich niemand seiner Freunde irgendeinen Verdacht geschöpft. Zwar konnte er sich nicht vorstellen, daß die vier nicht gemerkt hatten, daß ihre jeweiligen Ideen an Tashas Geburtstag ohnehin allenfalls zu einem Viertel durchführbar gewesen wären, aber zumindest kam niemand auf die Idee, daß er von allem gewußt, und deswegen die Geisterjagd inszeniert hatte.
      Tracy schaute abschätzend auf die schwarzen Buchstaben, die sein kleines Geheimnis in diesem Buch zum ersten Mal preisgaben. Sicher würden Eddy und Jake es irgendwann einmal lesen. Aber, konnten sie ihm nach all der Zeit, und nachdem alle Ideen letztendlich - nicht zuletzt durch seine Initiative erst - doch funktioniert hatten, böse sein?
      Er pustete noch einmal sachte über das Papier, strich vorsichtig testend über die Seite und schloß das Buch dann, um es wieder sicher zu verwahren. Noch war es nicht an der Zeit, daß diese Geschichte gelesen wurde. Statt dessen zog er sich wieder in seinen Sessel am Feuer zurück, nahm seine Pfeife zur Hand, sah in das beschaulich vor sich hinprasselnde Feuer und hing seinen Gedanken nach.
Review schreiben